Helmut Gruber

Sarah Brommer. 2018. Sprachliche Muster. Eine induktive korpuslinguistische Analyse wissenschaftlicher Texte (Empirische Linguistik/Empirical Linguistics Band 10). Berlin, Boston: de Gruyter. xvi, 423 S.

De Gruyter | Published online: October 29, 2020

In ihrer 2018 publizierten Dissertation untersucht Sarah Brommer für deutsche wissenschaftliche Texte charakteristische lexikalische Muster. Um möglichst unvoreingenommen an ihre Fragestellung heranzugehen, wendet sie dabei eine induktive Methodologie an. Muster werden als textsortenspezifische und stilistische sprachliche Mittel aufgefasst, die disziplinspezifisch wie auch -übergreifend (im Sinne von Ehlichs „allgemeiner Wissenschaftssprache“, Ehlich 1999) die deutsche Wissenschaftssprache charakterisieren. Theorie- und Methodenteil machen etwa die Hälfte des Umfangs der gesamten Arbeit aus, im empirischen Teil werden die Ergebnisse detailliert, aber trotzdem gut lesbar dargestellt. Die Arbeit endet mit einer theoretischen Einordnung der Resultate und einem Ausblick auf mögliche Anwendungsbereiche.

Im ersten Abschnitt des Theorieteils diskutiert die Autorin das Konzept der „Wissenschaftssprache“. Hauptsächlich die deutschsprachige Forschungsliteratur rezipierend, plädiert sie für eine pragmatisch motivierte Differenzierung von wissenschaftlicher Kommunikation entlang eines Experten-Laien-Kontinuums sowie nach dem Grad der Formalität der Interaktionssituation. Diese Differenzierung erlaubt es, unterschiedliche Textsorten des Handlungsfeldes „Wissenschaft“ funktional voneinander zu unterscheiden. Relativ kurz werden danach die beiden Aspekte der disziplin- und kulturspezifischen Varianz von Wissenschaftssprache behandelt. Während der letztere Bereich für die vorliegende Arbeit praktisch keine Relevanz hat (da es ja ausschließlich um deutschsprachige Texte geht), hätte die Frage der disziplinspezifischen Varianz von Wissenschaftssprache in einer Arbeit, in der Texte aus zwei sehr unterschiedlichen Disziplinen untersucht werden, eine ausführlichere Diskussion verdient. Meines Erachtens überbetont die Autorin die einheitliche Strukturierung des Kommunikationsverhaltens in der Wissenschaft zuungunsten der Berücksichtigung des engen Zusammenhangs zwischen rhetorischen Verfahren der Wissenschaftskommunikation und epistemologischen Grundlagen einzelner Disziplinen, wie sie etwa von VertreterInnen der „New Rhetoric“-Bewegung im nordamerikanischen Raum herausgearbeitet wurden (z. B. Berkenkotter & Huckin 1995).

Etwas erstaunt war ich, dass sich erst der zweite Abschnitt des Theorieteils der Thematik der Wissenschaft als sozialem System widmet. Nachvollziehbarer hätte ich es gefunden, mit diesen sehr allgemeinen Überlegungen zu beginnen und daraus dann die verschiedenen Aspekte der Wissenschaftssprache, die zu Beginn der Arbeit besprochen werden, abzuleiten. Einleitend diskutiert die Autorin, inwiefern dem System Wissenschaft ein spezifischer Diskurs zugeordnet werden könne. Warnke (2002) folgend versteht sie unter einem Diskurs alle Texte, die demselben Textmuster angehören. Die Frage, inwieweit Diskurse auch thematisch (und damit auch disziplinspezifisch) konzeptualisiert werden könn(t)en, lagert sie in eine Fußnote auf S. 29 (Fußnote 25) aus, womit der schon im vorhergehenden Abschnitt deutlich gewordene Fokus auf eine von disziplinspezifischen Charakteristika abstrahierende Betrachtung von Wissenschaftssprache weiter verstärkt wird. Wie die beiden letzten Unterkapitel des ersten Abschnitts sind auch die Erörterungen zum sozialen System der Wissenschaft und der (zentralen) Bedeutung des wissenschaftlichen Aufsatzes für den wissenschaftlichen Diskurs eher kursorisch und basieren primär auf (einigen) Arbeiten aus dem Bereich der germanistischen Linguistik. Hier hätte ein Blick über den Tellerrand der eigenen Disziplin (in Richtung Wissenschaftssoziologie) und der eigenen Sprache (in Richtung der englisch- wie auch der französischsprachigen Literatur) dieser im Gesamten sehr innovativen Arbeit einen fundierteren theoretischen Rahmen verleihen können. Der Abschnitt endet mit einem Überblick über bisherige Untersuchungen zur deutschen Wissenschaftssprache, die unter drei Aspekten (gesamthafte Beschreibung vs. eingegrenzte Fragestellungen; prozess- vs. produktbezogen; sprachvergleichend vs. einzelsprachlich orientiert) diskutiert werden.

Im dritten Abschnitt widmet sich die Autorin ausführlich den unterschiedlichen Aspekten, unter denen das Konzept des „Musters“ in die Theoriebildung der diskursorientierten Linguistik Eingang gefunden hat. Sie geht dabei auf die Handlungsmuster, die in der „Funktionalen Pragmatik“ Ehlich & Rehbein’scher Prägung (z. B. Ehlich & Rehbein 1979) im Mittelpunkt stehen, ebenso ein wie auf Feilkes Konzept der literalen Prozeduren und Textroutinen (Feilke 2012) und auf die verschiedenen Konzeptionen der Musterhaftigkeit von Textsorten, wie sie in der deutschsprachigen Textsortenlinguistik diskutiert wurden und werden. Für ihre eigene Arbeit verortet Brommer das Konzept des Musters als empirisch wahrnehmbare und ermittelbare Einheit auf der subtextuellen Ebene. Muster werden durch Rekurrenz, Signifikanz und Typizität (S. 51–56) charakterisiert. Der erste Aspekt stellt dabei auf den immer wiederkehrenden Gebrauch musterhafter Formulierungen ab, der zweite auf die statistische Signifikanz dieser Gebrauchshäufigkeit.[1] Der letzte der drei Aspekte (Typizität) zielt auf den Verwendungskontext von Mustern ab: Muster sind in Brommers Konzeption immer typisch für einen bestimmten Kontext und kontextualisieren diesen gleichzeitig. Der Aspekt der Signifikanz bedingt, dass jedes lexikalische Muster ein statistisch signifikantes Element (Wort oder Wortkombination) enthalten muss, das es von einem Vergleichskorpus unterscheidet. Das führt die Autorin dazu, auch einzelne für ein Textkorpus typische Schlüsselwörter als „Muster“ zu klassifizieren (vgl. S. 53). Dies ist für mich nicht nachvollziehbar, denn es werden keinerlei Argumente für dieses Vorgehen angeführt. In der empirischen Untersuchung ist dies von geringer Bedeutung, da nur wenige „Muster“ auftreten, die lediglich aus einem Schlüsselwort bestehen. Auf der konzeptuellen Ebene fehlt aus meiner Sicht aber eine Rechtfertigung für diese Annahme. Im folgenden Kapitel dieses Abschnitts setzt die Autorin ihre Musterkonzeption mit anderen ähnlichen Konzepten der (deutschsprachigen) Literatur in Relation. Gerade hier wäre aber auch eine Auseinandersetzung mit Bibers Konzeption des „lexical bundle“ (Biber 2004) wichtig gewesen. Biber schlägt (im Gegensatz zu Brommer) eine korpusgesteuerte, nichtkomparative Identifikation lexikalischer Bündel vor (40 Vorkommen per Million Wörter, eine, wie er selbst feststellt, arbiträre Grenze, die aus seiner jahrelangen Erfahrung des korpuslinguistischen Arbeitens abgeleitet ist), berücksichtigt aber nur Mehrwortmuster (n-Gramme). Eine Auseinandersetzung mit dieser alternativen (und in der englischsprachigen Korpuslinguistik weitgehend unumstrittenen) Konzeption hätte es der Autorin erlaubt, ihre eigene Definition theoretisch und methodisch überzeugender zu fundieren (oder auch zu modifizieren). Im übrigen (recht umfangreichen) Teil dieses Abschnitts diskutiert Brommer andere Konzeptionen von „Muster“ in der Pragmatik, Textlinguistik und Stilistik. Dabei arbeitet sie auch den sprachdidaktischen Nutzen einer empirischen Analyse musterhaften Sprachgebrauchs für die Textsortendidaktik heraus.

Im empirischen Teil der Arbeit nimmt die Darstellung des methodischen Vorgehens und der Korpuserstellung breiten Raum ein. Im vierten Abschnitt wird ein detaillierter Überblick über die unterschiedlichen Varianten korpuslinguistischer Untersuchungen („corpus-based“ vs. „corpus-driven“) gegeben, wobei die Autorin ihr eigenes Vorgehen im Bereich der korpusgesteuerten („corpus-driven“) Arbeiten verortet, in denen versucht wird, auf rein induktivem Wege musterhafte sprachliche Konfigurationen aus dem Korpus zu extrahieren. Wie die Autorin selbst darstellt, hat dieses Verfahren auch seine Beschränkungen, die hauptsächlich mit dem für die Untersuchung verfügbaren (oder untersuchbaren) Korpus zusammenhängen: Bei einem rein induktiven Vorgehen hängen die Ergebnisse primär davon ab, welches Korpus untersucht wird. Umgelegt auf die vorliegende Studie müsste zur Untersuchung lexikalischer Muster (deutschsprachiger) wissenschaftlicher Texte ein repräsentatives Korpus dieser Textsorte untersucht werden, was den Rahmen jeder Dissertation sprengen würde. Die Autorin wählt deshalb den Weg, Aufsätze zweier möglichst unterschiedlicher Disziplinen (Sprachwissenschaft, Humanmedizin) in ihr Korpus aufzunehmen, um eine möglichst große Spannweite an musterhaften Phänomenen abzudecken. Dabei ergibt sich das Problem, dass in der Humanmedizin (wie in praktisch allen naturwissenschaftlichen Fächern) Deutsch als Wissenschaftssprache kaum noch eine Rolle spielt. Inwiefern die untersuchten deutschsprachigen medizinischen Aufsätze damit in irgendeiner Form repräsentativ für die deutsche Wissenschaftssprache sind, bleibt offen. Eine weitere Einschränkung bei der Korpuserstellung stellen urheberrechtliche Probleme dar, die es selbst für wissenschaftliche Untersuchungen verunmöglichen, große Textmengen über den Zugang einer Universitätsbibliothek aus Online-Zeitschriftendatenbanken zu nutzen. Dies führt in der vorliegenden Untersuchung dazu, dass für die Korpuserstellung ausschließlich Zeitschriften des De Gruyter-Verlags verwendet wurden, der mit der Autorin kooperierte. Das Referenzkorpus für die Ermittlung der Schlüsselwörter besteht aus Zeitschriftentexten des Spiegel und der Zeit aus dem Deutschen Referenzkorpus des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim. Die Einschränkungen bei der Korpuserstellung schmälern die Leistung der Arbeit nicht, sie zeigen allerdings die Grenzen des induktiven, korpusgesteuerten Vorgehens ziemlich deutlich auf. Die breite Darstellung und Diskussion aller methodischen Aspekte machen die Arbeit darüber hinaus zu einer hervorragenden Quelle für andere AutorInnen, die eine korpuslinguistische Untersuchung planen und durchführen wollen. Den Abschluss von Kapitel 5 bildet eine überblicksmäßige Darstellung der gefundenen Muster. Hier wird dargelegt, wie die Muster schrittweise im Zusammenwirken statistischer und interpretativer Arbeitsschritte identifiziert und sowohl formal (in Nominal-, Verbal-, Adjektiv-, Partizip-, Adverb-, Konjunktional- und Präpositionalgruppe) als auch funktional (in die Grobgruppen „argumentieren“, „mit Sachverhalten umgehen“, „kontextualisieren“, „Objektivität und Nachvollziehbarkeit signalisieren“, „methodisch vorgehen“) klassifiziert wurden. Der größere Teil der gefundenen Muster kann als typisch für das Gesamtkorpus gelten. Diese Muster kombinieren sich dann (auf einem höheren Abstraktionsniveau) zu textsortenspezifischen Typikprofilen (also Mustern von Mustern). In der vorliegenden Arbeit beschränkt sich die Autorin auf die Darstellung der disziplinübergreifenden Muster, eine Arbeit zu disziplinspezifischen Mustern ist in Vorbereitung.

Im sechsten Kapitel werden die empirischen Resultate im Detail dargestellt, können jedoch hier aus Platzgründen nicht im Einzelnen besprochen werden. Eingangs wird kurz die Häufigkeitsverteilung der formalen Muster besprochen, die wenig überraschend zeigt, dass nominale Muster im Korpus vorherrschen. Präsentation und Diskussion der funktionalen Muster nehmen den breitesten Raum ein. Jede funktionale Grobgruppe gliedert sich in eine Reihe von untergeordneten funktionalen Gruppen, die jeweils einzelne Muster umfassen. Diese werden strukturell charakterisiert und anhand von Beispielen dargestellt und diskutiert. Dabei zeigt sich, dass einzelne Muster durchaus polyfunktional sein können und dass ihre Zuordnung zu einzelnen Mustergruppen zwar nicht beliebig ist, aber doch interpretativen Aufwand benötigt. Nach den inhaltlich definierten funktionalen Mustern stellt die Autorin abschließend auch Muster vor, die meta­textuell den Textaufbau thematisieren bzw. typische Formulierungen im Korpus repräsentieren (z. B. agensloses Formulieren oder Vorfeldbesetzung durch Konnektoren). Diese sind zwar bei weitem nicht so häufig wie die inhaltlichen Muster, aber – wie die Autorin anmerkt – für deutsche Wissenschaftstexte ebenfalls charakteristisch.

Im abschließenden siebten Kapitel diskutiert die Autorin die Relevanz der Ergebnisse aus der Sicht der Sprachnormenforschung und der Schreibdidaktik. Im Bereich der Sprachnormenforschung plädiert sie für ein gebrauchsorientiertes Normenkonzept, in dem Normerwartungen (und -verpflichtungen) aus rekurrentem Gebrauch abgeleitet werden. Für den Bereich der Schreibdidaktik merkt sie an, dass speziell in der deutschsprachigen wissenschaftlichen Schreibdidaktik die Vermittlung der „allgemeinen Wissenschaftssprache“ (und damit jener Phänomene, die in der vorliegenden Arbeit umfassend untersucht wurden) immer noch (20 Jahre, nachdem Ehlich den Begriff geprägt hat) ein Desiderat darstellt. Sie diskutiert daran anschließend auch, ob die Vermittlung der Kompetenz, „musterhafte“ Texte zu verfassen, tatsächlich ein Ziel der wissenschaftlichen Schreibdidaktik sein könne. Zutreffend merkt sie dazu an, dass der kreative Umgang mit und das Durchbrechen von (Textsorten-)Mustern (wofür gute wissenschaftlich Schreibende ja häufig gerühmt werden) eine Kenntnis gerade dieser Muster voraussetzen.

Insgesamt stellt dieses Buch einen äußerst relevanten Beitrag zu einer empirisch fundierten Wissenschaftslinguistik des Deutschen dar, in dem nicht nur richtungsweisende Ergebnisse zur Formulierungsebene der deutschen „allgemeinen Wissenschaftssprache“ und zur Textsortenlinguistik präsentiert, sondern auch wichtige methodische Prinzipien der Korpuslinguistik klar und nachvollziehbar dargestellt werden. Insofern ist die Arbeit auch für NachwuchswissenschaftlerInnen als methodologische Anleitung von großer Bedeutung. Die Bedeutung der Arbeit zeigt sich meines Erachtens auch darin, dass trotz der oben erwähnten Schwachpunkte die positiven Aspekte so weit überwiegen, dass man wirklich von einem Meilenstein der deutschen Wissenschaftslinguistik sprechen kann, der hoffentlich viele Nachfolgeuntersuchungen inspirieren wird. Dass das Buch darüber hinaus auch noch als „open access“-Publikation allgemein zur Verfügung steht, ist das Sahnehäubchen, das dieses Werk besonders schmackhaft macht.

Literatur

Berkenkotter, Carol & Thomas Huckin. 1995. Genre knowledge in disciplinary communication. Hilldale, NJ: Erlbaum. Search in Google Scholar

Biber, Douglas. 2004. „If You Look at ...”: Lexical Bundles in University Teaching and Textbooks. In: Applied Linguistics 25 (3), 371–405. Search in Google Scholar

Ehlich, Konrad. 1999. Alltägliche Wissenschaftssprache. In: InfoDaF 26: 3–24. Search in Google Scholar

Ehlich, Konrad & Jochen Rehbein. 1979. „Sprachliche Handlungsmuster“. In: Hans-Jürgen Soeffner (Hg.), Interpretative Verfahren in den Sozial- und Textwissenschaften. Stuttgart: Metzler, 243–274. Search in Google Scholar

Feilke, Helmut. 2012. Was sind Textroutinen? Zur Theorie und Methodik des Forschungsfeldes. In Helmut Feilke & Katrin Lehnen (Hg.), Schreib- und Textroutinen. Frankfurt a. M.: Lang, 1–33. Search in Google Scholar

Warnke, Ingo. 2002. Adieu Text – bienvenue Diskurs? Über Sinn und Zweck einer poststrukturalistischen Entgrenzung des Textbegriffs. In: Ulla Fix et al. (Hg.), Brauchen wir einen neuen Textbegriff? Antworten auf eine Preisfrage. Frankfurt a. M.: Lang, 125–141. Search in Google Scholar

Online erschienen: 2020-10-29
Erschienen im Druck: 2020-12-01

© 2020 Helmut Gruber, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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