Hans Ulrich Schmid

Michael Schulte. 2018. Urnordisch. Eine Einführung (Wiener Studien zur Skandinavistik 26). Wien: Praesens-Verlag. 154 S.

De Gruyter | Published online: November 27, 2020

Die solide Beschäftigung mit älteren oder gar ältesten Stadien germanischer Sprachen rückt im universitären Unterricht mehr und mehr an den Rand. Wo Altnordisches, Gotisches, Althochdeutsches (usw.) in linguistischen Kontexten thematisiert wird, begnügt man sich neuerdings gerne mit „Struktur-“ und anderen „Kompetenzen“, was jedoch den authentischen Umgang mit historischem Sprachmaterial niemals ersetzen wird. Deshalb ist ein Einführungsband wie der vorliegende hochwillkommen, zumal dann, wenn er auf Deutsch geschrieben ist und sich der Verfasser nicht dem weitverbreiteten Irrglauben hingibt, dass die Verwendung des Englischen Garant des wissenschaftlichen Ranges einer Arbeit sei. Mittlerweile mag es zudem auch gewagt sein, einem Autor dafür Lob zu zollen, dass er sich mit seiner Publikation „sowohl an Skandinavisten und Germanisten“ wendet und auch „Kollegen“ (S. 11) benachbarter Fächer mit im Auge hat, anstatt zu genderstereotypen Doppelformen, Unter- und Schrägstrichen oder Sternchen zu greifen. Die Lektüre sei trotz solcher „Verstöße“ gegen moderne Praxis auch interessierten Skandinavistinnen, Germanistinnen und interessierten Kolleginnen von Nachbarfächern empfohlen. So viel vorab.

Nun zum Inhaltlichen. Das Einleitungskapitel klärt wichtige terminologische Vorfragen, gibt einen Überblick über das erhaltene Korpus und verortet das Urnordische innerhalb der nord- und westgermanischen Sprachenfamilie. Kurze Seitenblicke (S. 21, 28) gelten auch dem Gotischen. Der Leser (und selbstverständlich auch die Leserin) erfährt Grundsätzliches und Forschungsgeschichtliches zur komparativen Methode. Trotz der Begrenztheit des Materials sind Varianten anzutreffen, die unterschiedliche Erklärungen verlangen (Abschnitte 1.5 und 1.6).

Kapitel 2 behandelt die „Phonologie des Urnordischen“. Forschungsmeinungen – auch konkurrierende – werden diskutiert. Zunächst werden Entwicklungen vom Urgermanischen zum Urnordischen im Bereich der Tonvokale (2.1), sodann der unbetonten Vokale (2.2) und schließlich im Konsonantismus (2.3) nachgezeichnet und anhand von Runenmaterial belegt. Die Abschnitte 2.5 („Umlaut, Brechung und Synkope“) nehmen (spät)urnordische Neuerungen in den Blick, die sich im Lauf des allmählichen Übergangs zum Altnordischen vollzogen haben und die für das Verständnis auch heutiger Verhältnisse in den nordischen Sprachen grundlegend sind. Die Umlaute, die in allen altwest- und altnordgermanischen Sprachen (nicht jedoch im Gotischen) zwar nicht identisch, aber doch auf vergleichbare Weise durchgeführt worden sind, werden in 2.6. näher behandelt. In 2.7 werden die unter dem Terminus „Brechung“ zusammengefassten Vokalveränderungen, die für das Nordgermanische charakteristisch sind, besprochen.

Gegenstand von Kapitel 3 ist die Morphologie, und zwar zunächst die Flexionsmorphologie (3.1 Nominalflexion, 3.2 Verbalflexion), sodann auch die Wortbildungsmorphologie (3.3). Dieser Abschnitt behandelt zunächst einige grundlegende Sachverhalte (Determinativkompositum, Possessivkompositum u. dgl.), wobei natürlich auch auf Beispiele der deutschen Gegenwartssprache Bezug genommen werden kann. Ob in diesem elementaren Zusammenhang auf Fanselow 1981 als geeignetes Referenzwerk verwiesen werden muss, soll hier nicht diskutiert werden. Ein Verweis auf das einschlägige Kapitel etwa der Duden-Grammatik hätte aber wohl genügt.

Zwar sind die urnordischen Runeninschriften – von wenigen Ausnahmen abgesehen – nicht sonderlich gesprächig, sondern in mancher Hinsicht kurz und formelhaft. Gleichwohl kommt dem Wenigen, was an syntaktischen Strukturen in Erscheinung tritt (dazu Kapitel 4), besonderer Wert zu. Eingegangen wird hier allerdings nur sehr knapp auf die Frage der Stellung des finiten Verbs: Die urnordischen Runeninschriften weisen die Zweitstellung als Regelfall auf.

Kapitel 5 thematisiert kurz Aspekte der Lexik und berührt insbesondere auch Fragen der Onomastik. Dem interessierten Leser wären wohl etwas detailliertere Auskünfte über Inventar und die strukturelle Beschaffenheit frühen Runenwortschatzes willkommen gewesen. Vergleicht man Umfang und Ausführlichkeit der vorangegangenen Kapitel, so zeigt sich, dass der Interessenschwerpunkt des Verfassers doch deutlich auf „linguistischeren“, also phonologischen und morphologischen Fragestellungen liegt.

Ein weiteres Kapitel (6) bietet eine „Auswahl älterer Runenschriften“. 15 Exemplare von sehr unterschiedlicher Länge werden zitiert und kommentiert. Zu einzelnen Inschriften finden sich bereits im Vorausgehenden Abbildungen. Auf diese hätte eigentlich verwiesen werden können. Die Auswahl leuchtet nicht in jedem Fall sofort ein, zumal vorab gesagt wird, dass besonders solche Objekte zitiert werden, die syntaktisch und lexikalisch-semantisch „gut deutbar sind“ (S. 91). Doch Nr. 3 (niþijo tawide), Nr. 4 (laguþewa), Nr. 6 (wagnijo) und manches andere können gerade nicht als „lexikalisch-semantisch gut deutbar“ gelten.

Das abschließende 7. Kapitel nennt (teilweise kurz kommentierend) weiterführende Literatur. Im Zusammenhang mit den etymologischen Wörterbüchern wäre auf jeden Fall auch noch auf das Etymologische Wörterbuch des Althochdeutschen hinzuweisen, von dem mittlerweile der 6. Band vorliegt. Nützlich sind die Hinweise auf runologische Datenbanken (S. 105f.), das Verzeichnis der in dem Bändchen zitierten Runeninschriften (wobei es nützlich gewesen wäre, die entsprechenden Seitenangaben zu nennen) und ein hilfreiches Sachglossar.

Michael Schulte hat ein sehr nützliches Büchlein vorgelegt, das dem Leser den Zugang zu einer frühen germanischen Überlieferungsschicht eröffnet. Die Runenmeister waren zum Teil Zeitgenossen des bekannten Gotenbischofs Wulfila, der im 4. Jahrhundert Teile der Bibel in seine germanische Sprache übersetzt hat. Ob M. Schultes Bändchen imstande sein wird, die Relevanz (oder überhaupt nur die Existenz!) dieser einzigartigen frühen Überlieferungen für die Germanistik und Skandinavistik in Erinnerung zu rufen, bleibt abzuwarten. Zu wünschen wäre es.

Online erschienen: 2020-11-27
Erschienen im Druck: 2020-12-01

© 2020 Hans Ulrich Schmid, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.