Kristina Becker

Linda Giesel. 2019. NS-Vergleiche und NS-Metaphern. Korpuslinguistische Perspektiven auf konzeptuelle und funktionale Charakteristika. (Linguistik – Impulse & Tendenzen 84). Berlin, Boston: de Gruyter. 354 S.

De Gruyter | Published online: November 18, 2020

NS-Vergleiche und NS-Metaphern (NS-V/M) werden oft bemüht, um Aufmerksamkeit zu erregen, um zu provozieren oder zu beleidigen: So wird z. B. auf den Corona-Demos der Virologe Drosten mit dem KZ-Arzt Mengele in Verbindung gebracht oder es werden „Anti-Corona-Maßnahmen mit NS-Methoden verglichen, die angeblich im Holocaust enden sollen“ (Giesel in Lelle 2020). Viele Teilnehmer*innen tragen eine gelbe Armbinde, auf welcher der Davidstern mit der Aufschrift „ungeimpft“ – analog zum nationalsozialistischen Judenstern – zu sehen ist. Mit solchen parallelisierenden Statements wird die Shoah bagatellisiert und relativiert und „das Leid der millionenfach ermordeten Menschen verhöhnt“ (S. 300).

Im Kontext vermeintlicher Israel-Kritik wird über NS-V/M zudem eine moderne Manifestationsform des Verbal-Antisemitismus ausgedrückt, z. B. wenn der Gaza-Streifen als größtes KZ aller Zeiten beschrieben wird (S. 270). Diese Formvariante des Post-Holocaust-Antisemitismus, in der judenfeindliche Äußerungen auf den Staat Israel bezogen bzw. als vermeintlich sachliche Kritik an Israel verkauft werden, ist in aktuellen Diskursen die vorherrschende Ausdrucksform von Antisemitismus. Denn Verbal-Antisemitismus wandelt sich an der sprachlichen Oberfläche, tritt in neuen gesellschaftlich-politischen Umgebungen in neuem Gewand auf, das dahinterliegende mentale Konzept jedoch bleibt stets gleich. Studien wie von Schwarz-Friesel & Reinharz (2013), Salzborn (2010) oder Rensmann (2004) zeigen die Vielgesichtigkeit des Phänomens Antisemitismus, der sich versteckt und implizit oder direkt und explizit äußern kann – und eben auch über fahrlässig oder intentional in den Diskurs eingebrachte NS-Vergleiche oder NS-Metaphern. Giesels Studie zu (antisemitischen) NS-V/M leistet einen Beitrag zur Erforschung dieses komplexen Phänomens aus linguistischer und kognitionswissenschaftlicher Perspektive.

Giesels Arbeit ist im Umfeld der Studie von Schwarz-Friesel & Reinharz (2013) entstanden. Darin wird die „Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert“ einer umfassenden Analyse unterzogen, indem judenfeindliche Äußerungen in E-Mails, Briefen oder Faxen an den Zentralrat der Juden in Deutschland (ZdJ) und an die israelische Botschaft in Deutschland (IBD) mit linguistischen und kognitionswissenschaftlichen Methoden untersucht werden. Die dafür erhobenen Daten – ein Korpus von über 14.000 Zuschriften, die im Zeitraum von 2002 bis 2012 an die beiden Institutionen gesendet wurden, – bilden auch die Grundlage für Giesels empirische Analyse, die sich allerdings auf die E-Mail-Zusendungen beschränkt.

Giesel liefert die bislang ausstehende umfassende Untersuchung von NS-V/M, indem sie diese im öffentlichen und nicht-öffentlichen Kommunikationsraum beschreibt und analysiert. Dadurch, dass der deutliche Schwerpunkt der Untersuchung auf antisemitischen NS-V/M liegt, werden in der Arbeit die wissenschaftlichen Felder der Linguistik und der Antisemitismusforschung miteinander verknüpft.

Sie stellt in ihrer Arbeit sieben Fragen an den Untersuchungsgegenstand (vgl. S. 4–5), auf die sie in den einzelnen Kapiteln antwortet:

  1. 1.

    Welche strukturellen, konzeptuellen und funktionalen Charakteristika weisen NS-V/M im öffentlichen Kommunikationsraum auf?

  2. 2.

    Inwiefern unterscheiden sich NS-V/M, die auf jüdische und/oder israelische Entitäten referieren, von jenen, die andere Vergleichs- und Metaphernkonstituenten beinhalten, hinsichtlich konzeptueller Spezifika sowie ihrer kommunikativen Funktion und Wirkung?

  3. 3.

    Besteht ein Zusammenhang zwischen den Häufigkeitsverteilungen der E-Mails mit NS-V/M und der jeweils adressierten Institution?

  4. 4.

    Gibt es einen Zusammenhang zwischen militärischen Auseinandersetzungen im israelisch-palästinensischen Konflikt und den Häufigkeitsverteilungen der E-Mails mit NS-V/M?

  5. 5.

    Welche Vergleichs- und Metaphernstrukturen weisen die NS-V/M auf und welche lexikalischen Indikatoren zeigen die Analogiebildung an?

  6. 6.

    Welche konzeptuellen Spezifika in Form von Vergleichs- und Metaphernkonstituenten weisen antisemitische NS-V/M auf?

  7. 7.

    In Verbindung mit welchen antisemitischen Stereotypen werden NS-V/M in den E-Mails an die IBD und den ZdJ artikuliert?

Zur Beantwortung dieser Fragen wurde die Arbeit so konzipiert, dass sowohl qualitative als auch empirisch erhobene quantitative Aussagen über NS-V/M getroffen werden können. Hierfür teilt Giesel ihre Studie in zwei Hälften: Im ersten, theoretischen Teil werden „wesentliche kommunikative Funktionen und Realisierungsformen der NS-V/M“ (S. 4) generell behandelt, der zweite, empirische Teil fokussiert mittels einer Korpusanalyse dezidiert antisemitische NS-V/M, die „Stigmatisierungen und Diffamierungen jüdischer und/oder israelischer Personen, Institutionen oder des Staates Israel“ (S. 298) transportieren.

Der Studie stellt Giesel zunächst eine linguistische Besprechung der Analysekategorien Metapher und Vergleich voran (Kap. 2). Dabei werden strukturelle und lexikalische Eigenschaften der beiden Kategorien sowie die unterschiedlichen Arten von Vergleichen und Metaphern ausführlich beschrieben: Homogene und heterogene Vergleiche werden unterschieden, Modalitätsvergleiche, Komparativvergleiche und Superlativvergleiche besprochen. Giesel bezieht sich in ihrer Analyse auf die kognitiven Metapherntheorien, indem sie „Metaphern als Formen der sprachlichen Realisierung betrachtet, deren Bedeutung sich durch die Kombination von Konzepten konstituiert, indem Merkmale des einen Konzepts auf das andere übertragen werden“ (Fußnote 49 auf S. 38). Als häufigste Äußerungsform der Metapher werden substantivische Prädikativmetaphern der Form X ist ein Y ausgemacht, die an der sprachlichen Oberfläche unterschiedlich realisiert werden können, so etwa als Kompositum der Form XY (S. 44). Neben dem Junktor wie werden Vergleiche vor allem mit Hilfe von Negationen, Fokuspartikeln, Iterativa oder temporaldeiktischen Ausdrücken formuliert (Kap. 2 und Kap. 5.1).

Der Besprechung schließt sich die Frage nach der Abgrenzung der beiden Kategorien an (Kap. 2.5). Verschiedene Definitionsansätze werden erläutert und abgewogen mit dem Ergebnis, dass die Abgrenzung der Metapher von heterogenen Vergleichen, also von Vergleichen, „deren Komparandum nicht Teil der konzeptuellen Vergleichsmenge ist“ (S. 48), sich als schwierig erweist. An der sprachlichen Oberfläche lässt sich eine Unterscheidung vor allem am Vorhandensein bzw. Fehlen des „Junktors wie oder anderer lexikalischer Mittel“ (Fußnote 75 auf S. 47) festmachen. Auf der kognitiven Ebene unterscheiden sich die beiden Kategorien vor allem hinsichtlich des kognitiven Aufwandes, da es einer größeren Denkleistung bedarf, eine Metapher zu entschlüsseln als einen (heterogenen) Vergleich (vgl. S. 47 mit Verweis auf Eggs 2006). Funktional sind die beiden hingegen identisch. Als Schnittstelle zwischen den beiden Kategorien macht Giesel Superlativvergleiche aus, „die heterogene Vergleichsgrößen beinhalten“ (S. 48).

Der ausführlichen linguistischen Betrachtung der beiden Analysekategorien folgt eine eingehende Besprechung von NS-V/M im öffentlichen Kommunikationsraum anhand von einschlägigen Beispielen (Kap. 3). Hierfür bilden „exemplarische Belegsammlungen“, die „auf Texten des massenmedialen Kommunikationsraums sowie der Datenbank des Deutschen Referenz Korpus (Cosmas II) des Instituts für Deutsche Sprache“ (S. 6) beruhen, die Grundlage.

Als auffälligster Unterschied zwischen V/M und NS-V/M kann die Tatsache gelten, dass Produzent*innen von NS-Metaphern erwarten, dass die Metapher wörtlich genommen wird, während dies bei herkömmlichen Metaphern gerade nicht der Fall ist. Daneben werden in dem Kapitel vor allem die unterschiedlichen Funktionen und Wirkungen der NS-V/M im öffentlichen Kommunikationsraum sowie ihr emotives Potenzial in den Blick genommen: NS-V/M werden demzufolge nicht nur zur Diffamierung und zur Erregung von Aufmerksamkeit eingesetzt, sondern auch, um Geschichtsrevisionismus zu betreiben oder satirisch-polemisch unangenehme Tatsachen anzusprechen (vgl. Kap. 3.4.2.1–3.4.2.3). Giesel arbeitet zudem heraus, dass öffentlich geäußerte NS-V/M einem quasi-ritualisierten Ablauf von der Äußerung über die Empörung zur Entschuldigung folgen. NS-V/M sind ferner unbedingt von historisch-kritischen Vergleichen zu unterscheiden, deren Perlokution nicht die Diffamierung oder das Schüren von Emotionen ist, sondern die darauf abzielen, auf bedenkenswerte Parallelen – etwa zwischen den Parteiprogrammen der AfD und der NSDAP bzw. DNVP (S. 56 mit Verweis auf die Analyse von Kämper 2017) – aufmerksam zu machen.

An diese allgemeineren Betrachtungen schließt sich im zweiten Teil eine Korpusanalyse an, der eine detaillierte Beschreibung des Korpusdesigns und der korpuslinguistischen Vorgehensweise vorangestellt ist (Kap. 4). Dieser ausführlichen Darstellung der korpuslinguistischen Datenerhebung und -auswertung werden zur besseren Nachvollziehbarkeit Tabellen im Anhang zur Seite gestellt. In diesen Tabellen werden das Forschungsdesign in Form der in MAXQDA kodierten Einheiten und die statistischen Auswertungen übersichtlich dokumentiert.

Die empirische Analyse wird anhand des oben erwähnten E-Mail-Korpus aus der Studie von Schwarz-Friesel & Reinharz (2013) durchgeführt. Aus dem Gesamtkorpus, das noch zusätzlich mit E-Mails aus den Jahren 2012–2014 ergänzt wurde, erstellt Giesel ein Teilkorpus von 945 E-Mails, die insgesamt 1021 NS-V/M beinhalten. Die statistische Auswertung des E-Mail-Korpus zeigt vor allem, dass die Auftretenshäufigkeit von NS-V/M unabhängig ist von äußeren Einflussfaktoren wie militärischen Auseinandersetzungen im Israel-Palästina-Konflikt – eine Tatsache, die das antisemitische Weltbild als „stabiles Deutungskonstrukt“ ausweist (S. 188–189).

In Kap. 5 werden schließlich die NS-V/M des E-Mail-Korpus einer ausführlichen qualitativen Analyse unterzogen. Hierbei werden die auftretenden Konstituenten der antisemitischen NS-V/M eingehend besprochen: Vergleichsbasen sind demnach vor allem die Lexeme bzw. Entitäten NS-Deutschland, Nazis, Hitler und weitere NS-Funktionäre, Wehrmacht, SS, Konzentrationslager und Shoah. Die qualitative Analyse zeigt deutlich, dass NS-V/M eine Formvariante des Post-Holocaust-Antisemitismus darstellen, da mit den Vergleichen eine Täter*innen-Opfer-Umkehr und dadurch eine Schuldentlastung formuliert wird. Gleichzeitig treten NS-V/M überwiegend als Manifestationsform des israelbezogenen Antisemitismus auf. Die Analogierelationen werden zudem oftmals dazu verwendet, antisemitische Stereotype auszudrücken. Dabei sind sie einerseits Ausdruck von Stereotypen, die dem Post-Holocaust-Antisemitismus zuzurechnen sind, etwa des Stereotyps Juden*Jüdinnen/Israelis seien Holocaustausbeuter*innen. Daneben werden NS-V/M aber auch dafür eingesetzt, jahrhundertealte, tradierte Stereotype zu reformulieren, wie z. B. das Stereotyp von Juden*Jüdinnen als Kindermörder (Kap. 5.3).

NS-V/M werden im untersuchten Korpus häufig referenziell unterspezifiziert formuliert: In Andeutungen wie Ihr Vorgehen erinnert an die deutsche Vergangenheit (S. 300) wird das Referenzobjekt nicht explizit ausgedrückt, sodass die Rezipient*innen die Äußerung erst erschließen müssen. Obwohl der Bezug offensichtlich und eigentlich eindeutig ist, können Produzent*innen solcher impliziten Vergleiche nicht unmittelbar zur Verantwortung gezogen werden, da die wörtliche Bedeutung an der Sprachoberfläche unverfänglich ist.

11,5 % der E-Mails, in welchen „Kritik“ an Israel mit Hilfe von antisemitischen NS-V/M ausgedrückt werden, wurden an den ZdJ geschickt. Die Wahl des ZdJ als Adressaten ist für sich genommen bereits eine antisemitische Handlung, da dadurch die in Deutschland lebenden Jüdinnen*Juden als eine eigene, fremdartige Gruppe konzeptualisiert werden, die für Ereignisse in Israel zur Verantwortung gezogen werden.

Die qualitative Korpusanalyse zeigt, dass antisemitische NS-V/M vor allem eingesetzt werden, um zu stigmatisieren und zu diffamieren, etwa mit Vergleichen wie Netanjahu der Hitler des Judenlandes (S. 234). Zudem verdeutlichen sie die emotionale Involviertheit der Sprecher*innen und stellen einen Weg dar, die antisemitische Argumentation der Schuldentlastung und der Täter*innen-Opfer-Umkehr auszudrücken, etwa: Aus Opfern werden Täter, die mit ähnlichen Mitteln agieren, wie es diejenigigen [sic] getan haben, deren Opfer sie waren (S. 228). Die Analyse zeigt weiterhin, dass antisemitische NS-V/M oftmals mit weiteren antisemitischen Konzeptualisierungen wie z. B. Stereotypen auftreten, was noch einmal die Komplexität des Post-Holocaust-Antisemitismus unterstreicht, den Giesel als „mehrdimensionalen Komplex“ (S. 301) bezeichnet.

Giesels Studie ergänzt die Pionierarbeit von Schwarz-Friesel & Reinharz (2013), die das Zuschriften-Korpus generell auf die „Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert“ untersucht haben, um die Aufarbeitung der dort getätigten NS-V/M. Nach der Lektüre von Giesels Monographie verfügt man über ein umfassendes Wissen über NS-V/M; die zu Beginn aufgestellten Forschungsfragen werden klar und schlüssig beantwortet und Zusammenfassungen am Ende jedes Kapitels erleichtern das Verständnis zusätzlich.

Spannend wäre eine ausführlichere diachrone Betrachtung gewesen, d. h. ein Vergleich des analysierten E-Mail-Korpus mit Korpora, die NS-Vergleiche aus der Zeit zwischen 1945 und 2000 beinhalten. Giesel reißt solche NS-Vergleiche aus früheren Epochen in Kap. 3.5 „Historischer Überblick und Diskurs zu NS-Vergleichen und NS-Metaphern in Deutschland und international“ zwar kurz an, eine systematische diachrone Betrachtung stellt jedoch einen interessanten Anknüpfungspunkt für weitere Forschungen auf dem Gebiet der NS-Vergleiche dar.

Die Studie bespricht NS-V/M linguistisch sowohl auf lexikalischer-struktureller Ebene als auch auf pragmatisch-funktionaler Ebene, ordnet sie aber gleichzeitig auch in den politologischen und soziologischen Kontext ein, indem Wirkungsweisen und Konsequenzen der (antisemitischen) NS-V/M betont werden. Dementsprechend ist die Monographie für Studierende und Forschende nicht nur der (kognitiven) Linguistik, sondern auch der Antisemitismusforschung, der Soziologie oder der Geschichtswissenschaft von Interesse.

Literatur

Eggs, Frederike. 2006. Die Grammatik von als und wie. Tübingen: Narr. Search in Google Scholar

Kämper, Heidrun. 2017. Das Grundsatzprogramm der AfD und seine historischen Parallelen. Eine Perspektive der Politolinguistik. In: Sprachreport 33/2, 1–21. Search in Google Scholar

Lelle, Nikolas. 2020. Hygienedemos. Mit Antisemitismus und NS-Vergleichen gegen die neue Weltordnung. Interview mit Linda Giesel vom 02.06.2020. Abgerufen am 09.09.2020 unter https://www.belltower.news/hygienedemos-mit-antisemitismus-und-ns-vergleichen-gegen-die-neue-weltordnung-99891/. Search in Google Scholar

Rensmann, Lars. 2004. Demokratie und Judenbild: Antisemitismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften. Search in Google Scholar

Salzborn, Samuel. 2010. Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne. Sozialwissenschaftliche Theorien im Vergleich. Frankfurt a. M.: Campus. Search in Google Scholar

Schwarz-Friesel, Monika & Jehuda Reinharz. 2013. Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert. Berlin, Boston: De Gruyter. Search in Google Scholar

Online erschienen: 2020-11-18
Erschienen im Druck: 2020-12-01

© 2020 Kristina Becker, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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