Birte Kellermeier-Rehbein

Rudolf de Cillia & Jutta Ransmayr. 2019. Österreichisches Deutsch macht Schule. Bildung und Deutschunterricht im Spannungsfeld von sprachlicher Variation und Norm. Wien, Köln, Weimar: Böhlau. 265 S.

De Gruyter | Published online: November 18, 2020

In der deutschen Sprache gibt es keine allgemeingültige Standardvarietät (kein einheitliches, korrektes Hochdeutsch). Stattdessen haben sich v. a. in den großen deutschsprachigen Staaten jeweils eigene Normen entwickelt, die sich in den drei Standardvarietäten (österreichisches, schweizerisches und deutsches Standarddeutsch) und in den dazugehörigen Varianten (Austriazismen, Helvetismen und Teutonismen/Deutschlandismen) manifestieren. Dies wird seit rund 30 Jahren dokumentiert, beschrieben und erforscht mit der Folge, dass in der Variationslinguistik weitgehend Einvernehmen bezüglich der Standardvariation herrscht. Doch wie die Erfahrung zeigt, ist es mitunter ein langwieriger Prozess, bis sich wissenschaftliche Erkenntnisse einen Weg in die universitäre Ausbildung von LehrerInnen, in den schulischen Unterricht und bis zu interessierten Bevölkerungsgruppen bahnen. An dieser Stelle setzten Rudolf de Cillia und Jutta Ransmayr an und untersuchten die Rolle des österreichischen Deutsch im muttersprachlichen Unterricht an österreichischen Schulen in einem groß angelegten FWF-Forschungsprojekt, dessen Ergebnisse sie im hier zu besprechenden Band präsentieren.

Im einleitenden Kapitel wird der Ausgangspunkt für die Untersuchung vorgestellt: In der Fachliteratur werde immer wieder die Hypothese formuliert, dass ÖsterreicherInnen eine geringe Sprachloyalität gegenüber der eigenen Varietät aufweisen und diese nicht als gleichwertig bzw. gleichermaßen korrekt wie das deutsche Standarddeutsch empfinden (im weiteren Verlauf des Bandes ist auch die Rede von „sprachlichem Minderwertigkeitskomplex“, z. B. S. 30). Zum Teil würden österreichische Lehrkräfte sogar exonorm-orientiert korrigieren, d. h. Schülertexte nach den Normen der Standardvarietät Deutschlands bewerten. Vor diesem Hintergrund wurde untersucht, welchen Stellenwert das österreichische Deutsch in österreichischen Schulen de facto hat, wobei ein besonderer Fokus auf die österreichische Standardvarietät in ihrer Funktion als Medium des Unterrichts und Gegenstand des muttersprachlichen Deutschunterrichts gelegt wurde. Der Blick auf den muttersprachlichen Unterricht ist hier besonders interessant, zumal die plurizentrische Prägung des Deutschen im DaF-Unterricht bereits weitgehend integriert ist.

In Kapitel 2 erfolgt die theoretische Einordnung des Forschungsgegenstandes, indem zunächst sprachliche Variation und innere Mehrsprachigkeit thematisiert sowie Status und Funktion der deutschen Sprache in Österreich dargestellt werden. Einen Schwerpunkt nimmt hier die Konzeptualisierung der Standardvariation ein. Es geht um die in der Fachwelt kontrovers diskutierte Frage, ob im Deutschen eine plurizentrische oder pluriareale Standardvariation vorliegt. Die Verfasserin und der Verfasser rollen diese Diskussion in einer sehr lesenswerten und erhellenden Art und Weise auf und unternehmen eine aufschlussreiche Diskursanalyse wissenschaftlicher Argumentationsstrategien, in deren Zusammenhang der m. E. treffende Ausdruck vom „terminologischen Kleinkrieg“ fällt (S. 32; nach Eichinger 2005: 2). Diesen versuchen sie beizulegen, indem sie sehr vernünftig und mit guten Gründen darlegen, dass sich die beiden Positionen nicht gegenseitig ausschließen, sondern ergänzen. De Cillia und Ransmayr selbst gehen vom plurizentrischen Konzept aus, demzufolge die unterschiedlichen nationalen Normen auf der staatlichen Eigenständigkeit beruhen und durch Staatsgrenzen gegliedert sind. Damit geht einher, dass die drei nationalen Standardvarietäten linguistisch gleichwertig sind, d. h. sie sind in Bezug auf Lexik und Grammatik gleichermaßen gut ausgebaut, verfügen über ebenso gute Möglichkeiten der stilistischen Variation und sind in derselben Weise sprachliche Norm in ihrem jeweiligen Geltungsgebiet. Ferner geht es in diesem umfangreichen Kapitel auch um Sprachunterricht und um Nonstandardvarietäten des österreichischen Deutsch. Auch die Forschungslage zum österreichischen Deutsch als Unterrichtssprache wird dargestellt.

Im dritten Kapitel werden die Forschungsfragen und das Untersuchungsdesign konkretisiert. Hier ist anzumerken, dass die große Fülle an Forschungsfragen einerseits eine umsichtige und ergiebige Untersuchung verspricht, andererseits für LeserInnen teilweise nicht ganz leicht zu überblicken ist. Hier seien nur einige exemplarisch genannt: „Ist der systematische Umgang mit sprachlicher Variation [...] in den österreichischen Lehrplänen verankert?“, „Ist der Umgang mit staats-/regionsspezifischen Normen ein Thema in den Lehramtscurricula der PHs und Universitäten?“, „Welche Einstellungen gegenüber dem österreichischen Deutsch finden sich bei österreichischen LehrerInnen [...] und SchülerInnen der gymnasialen Oberstufe?“ (S. 63).

Die Untersuchung basiert auf Daten- und Methodentriangulation. Zunächst erfolgte eine Analyse österreichischer unterrichtsrelevanter Dokumente aus den Jahren 2012 bis 2014. In Deutschlehrplänen, in Studienplänen für die LehrerInnenausbildung und in Deutschlehrwerken wurde geprüft, inwiefern die Variation des Deutschen, inklusive der Standardvariation, vorkommt bzw. als Gegenstand von Unterricht und Studium vorgesehen ist. Der zweite Schritt war eine empirische Erhebung, die aus einer Fragebogenerhebung unter 164 LehrerInnen und 1253 Oberstufen-SchülerInnen aus ganz Österreich, Interviews mit 21 LehrerInnen und je einer Gruppendiskussion mit Lehrenden und Lernenden bestand. Schließlich fanden teilnehmende Unterrichtsbeobachtungen statt. Die gewonnenen Daten wurden statistisch, inhaltlich und diskursanalytisch ausgewertet.

Im vierten Kapitel stellen de Cillia und Ransmayr die Ergebnisse der Dokumentenanalyse vor. Sprachliche Variation und Plurizentrik des Deutschen kommen in Lehrplänen für verschiedene Schulstufen und Studienplänen der LehrerInnenausbildung nicht oder nur am Rande vor. Obwohl das österreichische Standarddeutsch für die nationale Identitätskonstruktion wichtig ist, werden SchülerInnen nicht für die eigene Standardvarietät sensibilisiert, da in Lehrwerken ein monozentrisches Normkonzept des Deutschen dominiert. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse am Ende von Kapitel 4 ist für LeserInnen sehr hilfreich.

Kapitel 5 stellt die empirische Erhebung unter LehrerInnen und SchülerInnen präzise dar und Kapitel 6 präsentiert die Ergebnisse der Fragebogenerhebung und Gruppendiskussionen. In beiden Abschnitten geben übersichtlich gestaltete Diagramme wichtige Hilfestellungen für das Verständnis und einen guten Überblick über die zahlreichen Daten und Ergebnisse, von denen im Folgenden nur einige knapp skizziert werden können.

a) Bezüglich der Konzeptualisierung der Variation des Deutschen in Österreich zeigt sich, dass die Muttersprache in Österreich von den meisten ProbandInnen „Deutsch“ genannt wird, andere Benennungen wie „Österreichisch“, „Dialekt“ u. a. kommen aber auch vor. Das österreichische Deutsch wird v. a. mit der in Österreich im Alltag verwendeten Sprechweise assoziiert, in geringerem Maße auch mit den heimischen Dialekten oder der Sprechweise in Radio und TV. Praktisch alle ProbandInnen bestätigen sprachliche Unterschiede zwischen Österreich und Deutschland bzw. der Schweiz, auch auf der Standardebene. Sehr weit verbreitet ist auch die Überzeugung, dass das österreichische Deutsch über eine eigene Standardvarietät verfügt. Intuitiv fassen die meisten SchülerInnen und LehrerInnen die deutsche Sprache als plurizentrisch auf, obwohl nur einem geringen Anteil das Konzept der Plurizentrik explizit bekannt ist.

b) Hinsichtlich der Spracheinstellungen gegenüber den Varietäten stellen de Cillia und Ransmayr fest, dass die ProbandInnen das österreichische Standarddeutsch für ebenso korrekt halten wie den bundesdeutschen Standard und es insgesamt positiver bewerten (z. B. bzgl. Sympathie, Vertrautheit, Höflichkeit, Schönheit u. a.). In der Gruppendiskussion relativiert sich allerdings die geäußerte Überzeugung von der Korrektheit des österreichischen Standards durch das Einräumen eines sprachlichen Minderwertigkeitskomplexes. Das Gespräch verdeutlicht ferner, dass der sprachliche Standard häufig mit dem bundesdeutschen Standard gleichgesetzt wird. Es bestehen also ambivalente Einstellungen gegenüber der eigenen Varietät. Dennoch ist das österreichische Deutsch für viele ProbandInnen (knapp 80 %) ein wichtiger Bestandteil der eigenen Identität und ca. 75 % der LehrerInnen ärgern sich über Teutonismen in österreichischen Speisekarten. SchülerInnen äußern sich in diesem Zusammenhang toleranter.

c) Ein eigens konstruierter „Schüleraufsatz“, der sowohl Austriazismen als auch Deutschlandismen enthielt, diente der Ermittlung des Normverständnisses der österreichischen LehrerInnen und deren Korrekturverhalten. Dabei stellte sich heraus, dass es eine große Bandbreite an Bewertungen gibt: von einer rigorosen Bemängelung von bis zu 14 Normverletzungen bis zur völligen Akzeptanz aller Ausdrücke. Im Einzelnen werden durchschnittlich nur 5 % der Teutonismen als Fehler bewertet, aber erstaunlicherweise auch 8 % der Austriazismen, obwohl Letztere in Österreich ja uneingeschränkt standardsprachlich sind. Als stilistisch unangemessen gelten 17 % der Austriazismen und 33 % der Teutonismen. Die Kommentare der LehrerInnen zeigen, dass die Teutonismen als „zu deutsch“ und die Austriazismen als „nicht standardsprachlich genug“ empfunden werden. Das in der Literatur (Ammon 1995: 480, Muhr 1995: 96) genannte exonormative Korrekturverhalten österreichischer LehrerInnen wird also nur bedingt bestätigt. Die Interviews verdeutlichen, dass viele LehrerInnen unsicher sind, was als Fehler zu werten sei, weil sie aufgrund der (aus ihrer Sicht) unzureichenden Beschreibung des österreichischen Deutsch bei der Korrektur bis zu einem gewissen Grad auf sich selbst gestellt seien. Daher fällt die lehrerseitige Grenzziehung zwischen Standard und Nonstandard in Schüleraufsätzen häufig intuitiv aus.

d) Bzgl. der Präferenz von Austriazismen oder Teutonismen bei der Sprachverwendung zeigen de Cillia und Ransmayr, dass die jüngere Generation stärker zur Verwendung von Teutonismen neigt als die ältere und führen dies auf einen stärkeren Konsum von bundesdeutschen Medien durch die Jüngeren zurück. Diese Beobachtung wird als Indiz für Sprachwandel gedeutet.

e) Zum Varietätengebrauch innerhalb und außerhalb der Schule stellen die Autorin und der Autor fest, dass das gesamte Spektrum des Dialekt-Standard-Kontinuums von SchülerInnen und LehrerInnen genutzt wird. Dieser Befund wird durch die teilnehmende Beobachtung bestätigt, auch wenn die Selbsteinschätzung der LehrerInnen und der beobachtete Sprachgebrauch nicht immer übereinstimmten. Auch dieses Kapitel schließt mit einer Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse der empirischen Erhebungen an Schulen.

Im letzten Kapitel werden noch einmal alle Ergebnisse zusammengefasst, Schlussfolgerungen gezogen und Empfehlungen ausgesprochen. Ein Anhang, eine umfangreiche Bibliographie, ein Verzeichnis der Tabellen und Abbildungen sowie ein sehr hilfreiches Sachregister schließen den Band ab.

Insgesamt handelt es sich um ein lesenswertes Buch. Besonders hervorzuheben ist die Tatsache, dass sich die Autorin und der Autor einer lang beklagten Forschungslücke (zumindest in Bezug auf Österreich) angenommen haben, und zwar der Frage, wie LehrerInnen (Sprachnormautoritäten) mit der sprachlichen (Standard-)Variation im Unterricht und bei Korrekturen umgehen. Ferner ist es ein großes Verdienst, die Diskrepanz zwischen der intensiven Erforschung und wissenschaftlichen Diskussion der Standardvariation, insbesondere durch österreichische FachkollegInnen, einerseits und des Nicht-Vorhandenseins der Plurizentrik als Thema der LehrerInnenausbildung und des muttersprachlichen Unterrichts in Österreich andererseits aufgedeckt und empirisch untermauert zu haben. Und schließlich ist die mutige diskursanalytische Kritik von wissenschaftlichen Texten lobend zu erwähnen, obwohl dies sicherlich nicht zu den expliziten Zielen des Bandes gehört. Insgesamt muss man Rudolf de Cillia und Jutta Ransmayr Respekt für ihr aufschlussreiches Buch zollen, in dem sie die ambivalente Stellung des österreichischen Deutsch wissenschaftlich belastbar aufdecken.

Literatur

Ammon, Ulrich. 1995. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das Problem der nationalen Varietäten. Berlin, New York: de Gruyter. Search in Google Scholar

Eichinger, Ludwig. 2005. Deutsch in Österreich. In: German as a foreign language 1, 2–4. Search in Google Scholar

Muhr, Rudolf. 1995. Zur Sprachsituation in Österreich und zum Begriff „Standardsprache“. In: Rudolf Muhr, Richard Schrodt & Peter Wiesinger (Hg.). Österreichisches Deutsch. Linguistische, sozialpsychologische und sprachpolitische Aspekte einer nationalen Varietät. Wien: hpt, 75–110. Search in Google Scholar

Online erschienen: 2020-11-18
Erschienen im Druck: 2020-12-01

© 2020 Birte Kellermeier-Rehbein, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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