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BY 4.0 license Open Access Published by De Gruyter December 2, 2021

Hanna Fischer. 2018. Präteritumschwund im Deutschen. Dokumentation und Erklärung eines Verdrängungsprozesses (studia linguistica germanica 132). Berlin, Boston: De Gruyter. 437 S.

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Rezensierte Publikation:

Hanna Fischer. 2018. Präteritumschwund im Deutschen. Dokumentation und Erklärung eines Verdrängungsprozesses (studia linguistica germanica 132). Berlin, Boston: De Gruyter. 437 S.


Das hochinformative und sehr dichte Werk von Hanna Fischer basiert in leicht überarbeiteter Form auf ihrer Dissertationsschrift von 2016 an der Universität Marburg (unter der Betreuung von Jürgen E. Schmidt und Damaris Nübling). Die Autorin verfolgt mit ihrer Arbeit zwei Forschungsziele, die in einem engen Verhältnis zueinander stehen: Zum einen geht es ihr um die Dokumentation der geografisch-arealen und historischen Entwicklung des sich von Süden ausbreitenden Phänomens des Präteritumschwundes, zum anderen um die Entwicklung eines multifaktoriellen Ansatzes zur Erklärung desselben. Dabei legt der Untertitel des Buches bereits nahe, dass die Autorin der derzeit prominenten Forschungslinie folgt, die den Präteritumschwund als ein Ergebnis der sog. Perfektexpansion sieht. Aus diesem Grund setzt sie sich nicht nur mit dem Präteritum auseinander, sondern macht die Analyse des Perfekts und seiner Ausbreitungsmöglichkeiten zu einem wesentlichen Bestandteil ihres Erklärungsansatzes.

Kurz zum Aufbau der Arbeit: Die beiden zentralen Kapitel 2 und 3 werden umrahmt von der Einleitung in Kapitel 1, in dem in konziser und prägnanter Form die Forschungskontexte und Ziele der Arbeit benannt werden, und dem abschließenden Kapitel 4, das eine übersichtliche Zusammenfassung der zentralen Ergebnisse sowohl der Dokumentation als auch des Erklärungsansatzes mit den daraus resultierenden noch offenen Forschungsfragen enthält. Dieses letzte Kapitel empfiehlt sich insbesondere, wenn man sich einen ersten Überblick verschaffen will. Die beiden zentralen Kapitel der Arbeit sind gleichfalls klar strukturiert aufgebaut. So geben die jeweiligen Zwischenüberschriften eine gute Orientierungshilfe und es findet sich jeweils zum Abschluss einer behandelten Teilthematik eine Zusammenfassung.

Die Dokumentation (Kapitel 2)

Der erste Teil dieses Kapitels dient der Neukartierung der Räume, die vom Präteritumschwund betroffen sind. Hanna Fischer argumentiert hier überzeugend dafür, dass die bisherigen Karten mit einer Zweiteilung des deutschsprachigen Raums in ein süd- bzw. oberdeutsches Gebiet ohne Präteritalformen und ein nieder- bzw. norddeutsches Gebiet mit nach wie vor vollausgebautem Präteritum-Paradigma zu grobkörnig sind. Mittels einer Gesamtauswertung der Karten des Wenker-Atlasses zum Vorkommen von kam, kamen, lag, wollen, wollte und sein kann sie die Tendenz zu einer Dreiteilung des betrachteten geografischen Raumes aufzeigen, in dem sich zwischen Süden und Norden ein relativ großes Übergangsgebiet eröffnet, das sich in seiner Ausdehnung von einer eher schmalen östlichen Übergangszone in Richtung Westen stark verbreitert. Um diese Tendenz auf eine solidere empirische Basis zu stellen, bezieht Hanna Fischer in einem zweiten Schritt Dialektgrammatiken in die Untersuchung ein. Sie greift dabei auf die Georeferenzierte Online-Bibliographie zur Areallinguistik (GOBA)[1] zurück und wertet insgesamt 244 Dialektgrammatiken aus, von denen 226 zudem kartierbar sind. Zur Auswertung dieser Grammatiken entwickelt sie ein Kategoriensystem auf der Grundlage der folgenden Fragen: a) Gibt es einen vollständigen Bestand an Präteritumformen?; b) Werden Aussagen zum unterschiedlichen Gebrauch von Perfekt- und Präteritumformen getroffen?; c) Wird der Präteritumschwund dokumentiert?; d) Werden einzelne Verben, die noch Präteritum bilden (z. B. sein, Modalverben) dokumentiert? Die Ergebnisse ihrer Auswertung erfasst Hanna Fischer kartografisch und verdeutlicht so den Übergangsbereich noch stärker.

Im zweiten Teil des Kapitels erfolgt eine Auseinandersetzung mit einzelnen Dialekträumen, untergliedert in südliche Dialekte, Dialekte des Übergangsgebietes und nördliche Dialekte. Um die enorme Fülle an Informationen greifbar zu machen, lässt Hanna Fischer in diesen Teilabschnitt viele Karten und Tabellen einfließen, jedoch ist insbesondere die große Anzahl an Zitaten aus den jeweiligen Dialektgrammatiken nicht unbedingt leserfreundlich. Das wird aber dadurch aufgewogen, dass die Ergebnisse jeweils für den Süden, den Übergang und den Norden übersichtlich zusammengefasst werden. Die Autorin kann zeigen, dass je nördlicher ein Dialekt liegt, desto mehr Verben Präteritumformen aufweisen und auch die Gebrauchsfrequenz dieser Formen steigt. Es lässt sich des Weiteren belegen, dass auch die Verbklassenzugehörigkeit eine Rolle spielt. So widersetzen sich sein, die Modal- und die Hilfsverben am erfolgreichsten dem Präteritumschwund, die schwachen Verben andererseits sind am stärksten davon betroffen. Auch die Verbsemantik und die Personalformen haben Einfluss auf die ‚Standhaftigkeit‘ der Präteritalformen.

Im abschließenden Teil des Kapitels setzt sich die Autorin zum einen mit dem Präteritum- und Perfektgebrauch in der Standardsprache auseinander und zum anderen mit der historischen Dokumentation des Präteritumschwundes. Das Hauptaugenmerk in der historischen Entwicklung liegt auf der Grammatikalisierung des Perfekts aus ursprünglich resultativen haben- und sein-Konstruktionen, in denen die Vollverb-Partizipien als Objekts- bzw. Subjektsprädikativa fungieren. Damit folgt die Entwicklung des Perfekts einem universellen Grammatikalisierungspfad, der sich auch für eine Reihe von anderen Sprachen, die vom Präteritumschwund betroffen sind, nachweisen lässt. Hanna Fischer gelingt hiermit eine überzeugende Einbettung ihrer Analyse in einen größeren typologischen Kontext.

Die Auswertung der umfangreichen Literatur zur Standardsprache ergibt folgende beeinflussende Faktoren für den Gebrauch des Präteritums: Mündlichkeit vs. Schriftlichkeit; Verbsemantik und Personalformen. Insbesondere die Unterscheidung von Nähe- und Distanzsprache spielt für die standardsprachliche Verwendung des Präteritums und Perfekts eine entscheidende Rolle. Das Präteritum hat seine Nische in konzeptionell schriftsprachlichen Texten gefunden und tritt im mündlichen Sprachgebrauch kaum noch auf. Aus der klaren Zusammenfassung am Ende des Kapitels 2 leitet Hanna Fischer die wesentlichen Forschungsfragen im Hinblick auf mögliche Erklärungen für den Schwundprozess ab, die als Überleitung zu Kapitel 3 dienen. Von zentraler Bedeutung ist dabei zum einen, ob es sich um einen Schwundprozess auf Seiten des Präteritums handelt, der eine Ausdehnung des Perfekts nach sich zieht, oder aber, ob die Expansion des Perfekts zu einer Verdrängung des Präteritums geführt hat. Zum anderen unterstreicht Hanna Fischer zu Recht, dass jedweder Erklärungsansatz bezüglich der umfangreich dokumentierten arealen Verteilungen plausibel sein muss.

Die Erklärung (Kapitel 3)

Das eher theoretisch ausgerichtete Kapitel 3 lässt sich in vier Teilbereiche untergliedern. Im ersten Teilbereich widmet sich die Autorin dem deutschen Tempus- und Aspektsystem, der zweite skizziert die historische Entwicklung dieses Systems, der dritte Teilbereich dient der Auseinandersetzung mit Theorien zur Entstehung und zur Expansion des Perfekts und zur Verdrängung des Präteritums. Der abschließende vierte Teilbereich setzt sich mit konkurrierenden Erklärungsansätzen auseinander. Ähnlich zum Vorgehen in Kapitel 2 wird auch in diesem Kapitel jeder Teilbereich mit einer kurzen und übersichtlichen Zusammenfassung der Teilergebnisse abgeschlossen.

Hanna Fischer stellt in diesem Kapitel ihre akribische Vorgehensweise in Bezug auf die Vielzahl berücksichtigter Forschungsarbeiten erneut unter Beweis, was insbesondere im Hinblick auf die Unmenge an Literatur im Tempus- und Aspektbereich beeindruckt. Im ersten Teilbereich setzt sie sich mit Temporalität, Aspekt und Aspektualität sowie Situationstyp einerseits und verschiedenen Diskursmodi und deren Einfluss auf die Entwicklungen im Tempus- und Aspektsystem andererseits auseinander. Sie verortet ihre eigenen Analysen zu Tempus und Aspekt zum einen im Rahmen funktional-typologischer Ansätze u. a. nach Comrie (1976, 1985) und Bybee & Dahl (1989) und zum anderen in kognitionslinguistischen Modellen, insbesondere Henriksson (2006). Gegen Tempustheorien im Reichenbach’schen und Neo-Reichenbach’schen Sinne und strukturalistische, kompositionale Tempustheorien sprechen ihrer Meinung nach folgende Gründe: „Ein Problem der stark formalisierten logischen Ansätze ist die hohe Komplexität und Abstraktheit ihrer Darstellungen. Auf variationslinguistische und sprachgeschichtliche Fragestellungen sind diese Ansätze jedoch kaum anwendbar und auch als Analysetool für Korpusanalysen eignen sich die abstrakten und komplexen Beschreibungen wenig“ (S. 173) und „Weder die strukturalistischen noch die ‚neo-Reichenbachschen‘ Ansätze liefern daher ein hilfreiches Beschreibungswerkzeug für die Analyse von Sprachwandelprozessen und synchroner Sprachvariation in einzelsprachlichen Tempus- und Aspekt-Systemen“ (S. 175). Diese Meinung muss man m. E. nicht teilen, da es durchaus mit Musan (2002) und auch Rothstein (2006) (die sie beide auch erwähnt) Arbeiten gibt, die sich mit der großen Variation der Perfektverwendungen (Musan) bzw. sprachvergleichend mit dem Perfekt (Rothstein) überzeugend auseinandersetzen.

Für die Analyse von Aspekt und Verbklassen baut die Autorin auf dem Zwei-Ebenen-Modell von Henriksson (2006) auf, das zwischen Situationstypen (Ebene 1) und Blickwinkeln (Ebene 2) unterscheidet und damit in der anglo-amerikanischen aspektuellen Forschungstradition steht. Die von Henriksson gewählte Unterteilung in states, activities, accomplishments, achievements und semelfactives (basierend auf Vendler 1957) nimmt [± Dynamizität], [± Grenzbezogenheit] und [± Durativität] als entscheidende Merkmale für die Beschreibung der verbinhärenten temporalen Struktur an. Auf der zweiten Ebene wird zwischen der Außen- und Innenperspektive auf eine Situation unterschieden, häufig auch als Perfektivität und Imperfektivität bezeichnet. Als weiterer Subtyp der Perfektivität wird der retrospektive Blickwinkel eingeführt, der insbesondere für die Analyse des Perfekts nutzbar gemacht wird. Entscheidend ist, dass es Affinitäten zwischen bestimmten Situationstypen und Blickwinkeln gibt, die auch in Sprachen, die keine grammatikalisierte Aspektkategorie haben (wie das Deutsche), nachweisbar sind. So drücken accomplishments (einen Apfel essen) und achievements (den Bahnhof erreichen) aufgrund ihrer Grenzbezogenheit eher einen perfektiven Blickwinkel aus, wohingegen states (liegen) und activities (rennen) den imperfektiven Blickwinkel favorisieren. Der retrospektive Blickwinkel hingegen nimmt eine Sonderstellung ein, da er sich sowohl auf eine abgeschlossene Verb­handlung als auch auf den daraus folgenden Zustand und seine Relevanz für die Gegenwart bezieht. Damit eignet sich die Retrospektivität sehr gut für die Erfassung der zahlreichen ‚Perfektlesarten‘ wie z. B. die Gegenwartsrelevanzlesart, die Resultatslesart und die Kontinuitätslesart. Zudem lässt sich eine Affinitätsskala für diesen Blickwinkel in Bezug auf die Situationstypen eröffnen, die zwischen hoher Affinität bei achievements und geringer Affinität bei states verläuft und damit ein entscheidender Einflussfaktor für die unterschiedlich schnelle Perfektgrammatikalisierung bei den verschiedenen Verbtypen ist.

Weiter betrachtet Hanna Fischer in diesem ersten Teilbereich den Einfluss der temporalen Struktur verschiedener Diskursmodi auf die Wahl von bestimmten Tempusformen und aspektuellen Markierungen. Dabei stellt sich die Unterscheidung zwischen narrativen und nicht-narrativen Diskursen als besonders aussagekräftig im Hinblick auf die gewählten Tempora dar. Aufgrund ihrer inhärenten Chronologie der Ereignisse weist die Narration die größte Nähe zum Präteritum auf, was sich auch historisch belegen lässt, wohingegen das Perfekt typischerweise (zunächst) in nicht-narrativen Diskursformen auftaucht. Abschließend führt die Autorin die verschiedenen betrachteten Ebenen zu einem Modell des neuhochdeutschen Tempus- und Aspektsystems zusammen, das zwischen Vergangenheit und Nicht-Vergangenheit unterscheidet und sowohl für die Vergangenheit als auch für die Gegenwart alle drei Blickwinkel (retrospektiv, imperfektiv und perfektiv) unterscheidet. Hier deutet sich auch schon die Entwicklung des Perfekts an und zwar als in der Zeitstufe der Gegenwart beginnender Grammatikalisierungsprozess, der sich expansiv in die Vergangenheitsstufe ausdehnt.

Der zweite Teilbereich beschäftigt sich mit der Entwicklung des deutschen Tempus- und Aspektsystems, beginnend beim Germanischen. Entscheidend ist, dass in den alten Sprachstufen neben einem sehr formarmen Tempussystem (Präsens-Präteritum) ein aspektuelles System koexistiert (perfektiv-imperfektiv). Im Althochdeutschen setzt die Grammatikalisierung der Perfektperiphrase ein, die eine Differenzierung bezüglich der Blickwinkel erlaubt – den Ausdruck retrospektiver Gegenwart. Am Ende des Althochdeutschen kann man von einer integrierten und weitestgehend grammatikalisierten Perfektform ausgehen. Im Mittelhochdeutschen lassen sich dann die beginnenden Prozesse der Perfektexpansion und der Zurückdrängung des Präteritums nachzeichnen. Die Darstellung dieses Verlaufs gelingt Hanna Fischer anhand der Auswertung zahlreicher Analysen und Beschreibungen mittelhochdeutscher Texte. Die dabei von der Autorin eingesetzten Tabellen sind für das Verständnis der komplexen Prozesse sehr hilfreich. Es zeigt sich, dass für das Mittelhochdeutsche der Unterschied zwischen narrativen und nicht-narrativen Diskursen zentral für die Verteilung von Präteritum und Perfekt ist und es eine klare Opposition bezüglich Semantik und Funktion zwischen diesen beiden Tempora gibt. Beim Übergang zum Frühneuhochdeutschen verschiebt sich dieses komplementäre Verhältnis aber, indem das Perfekt zunehmend auch Vergangenheitsbedeutung ausdrücken kann und damit in Kontexte vordringt, die bisher für das Präteritum reserviert waren. Aufgrund der Retrospektivität des Perfekts und der damit einhergehenden Affinität zur Grenzbezogenheit sind das zunächst Verwendungen, die dem Ausdruck der perfektiven Vergangenheit dienen.

Die genauen Entwicklungsschritte zeichnet Hanna Fischer im dritten Teil des Kapitels nach, in dem sie den Sprachwandelprozess als Grammatikalisierungspfad beschreibt. Zu Beginn erfolgt eine detaillierte Beschreibung der Grammatikalisierung der Resultativkonstruktionen hin zu periphrastischen Perfektformen, die durch semantische und syntaktische Reanalyse entstehen. Als erstes sind davon nur telische, transitive Verben (empfangen) betroffen. Als vollständig grammatikalisiert gilt das Perfekt nach einem 5-Phasen-Weg beim Erreichen der atelischen intransitiven Verben (schlafen). Grundlage für die Expansion des Perfekts ist eine Bedeutungserweiterung, die dazu führt, dass das Perfekt in mehr Kontexten verwendet werden kann, was eine Steigerung der Tokenanzahl mit sich bringt. Auslöser für die Bedeutungserweiterung sind die atelischen Perfektformen, da diese keinen inhärenten Grenzpunkt bezeichnen, so dass keine Resultativ-Interpretation möglich ist. Neben der dadurch erfolgenden Fokusverschiebung auf das Verbgeschehen spielen nach Ansicht Fischers folgende Faktoren eine zentrale Rolle für die Perfekt-Ausdehnung: das Verhältnis von Gegenwartsrelevanz und Vorzeitigkeit (Waugh 1997), die Unterscheidung zwischen definiter und indefiniter temporaler Verankerung (Elsness 1997) und das Verhältnis des Perfekts zum ‚Sprechzeitpunkt‘ und zum Haupttempus des jeweiligen Textes (Dentler 1997). Während das Perfekt ursprünglich auf den Sprechzeitpunkt bezogen war und das Verbereignis als vorzeitig eingeordnet wurde, verschiebt sich diese Ausrichtung durch die atelischen Perfektformen bei gleichzeitiger Zunahme von Kontexten mit indefiniter Vergangenheit, d. h. auch die Bindung des Perfekts an den Sprechzeitpunkt lockert sich auf. Das Perfekt steht dann sehr häufig in sog. Brückenkontexten, die einen präteritalen Vorkontext mit einem nachfolgenden Präsenskontext verbinden. Das Überwechseln in ursprüngliche präteritale Kontexte geschieht durch die vollständige Abkopplung vom Sprechzeitpunkt. Hanna Fischer zeigt auf, dass die Zunahme der präteritalen Verwendungen von Perfektformen einhergeht mit der Zunahme von atelischen Perfektbildungen, die die grundsätzliche Verschiebung erst ermöglicht haben. In der schematischen Darstellung der Perfektexpansion auf S. 289 werden die verschiedenen Einflüsse in einem multifaktoriellen Analysemodell sehr anschaulich zusammengeführt. Diesen Bereich schließen Betrachtungen zum Status der Perfektexpansion im Neuhochdeutschen ab. Der zwischengeschaltete Exkurs zum Doppelperfekt und Doppelplusquamperfekt ist aufgrund seines eher kursorischen Charakters nicht ganz gelungen, da erstens eine Reihe von entscheidenden Arbeiten (wie z. B. Litvinov & Radcenko 1997) gar nicht betrachtet werden und zweitens einer der wesentlichen Unterschiede zwischen dem Doppelperfekt als eher umgangssprachlich markierter Form und dem Doppelplusquamperfekt als eher literatursprachlicher Form nicht thematisiert wird.

Im abschließenden vierten Teilbereich diskutiert Hanna Fischer Theorien zum Präteritumschwund und kann überzeugend nachweisen, dass sowohl Ansätze zur e-Apokope, zur Synkope, zur morphologischen Komplexität als auch zur Informationsstrukturierung im Hinblick auf die Ausbildung der Verbklammer allein zu kurz greifen oder falsche Vorhersagen treffen, die sich empirisch nicht belegen lassen. Nichtsdestotrotz kann sie aufzeigen, dass einige dieser Faktoren den Präteritumschwund begünstigen, indem z. B. die Perfektform für die Verbklammer günstiger ist als die Präteritalform, oder aber dass durch Synkopierung bzw. Apokopierung im Präteritum unerwünschte Konsonantencluster entstehen. Als wesentlich für das Zurückgehen der Präteritalformen führt Hanna Fischer zudem die Frequenz ins Feld, wobei sich Typenfrequenz und Tokenfrequenz gegenläufig verhalten. Schwache Verben weisen eine sehr hohe Typenfrequenz auf (als einzige produktive Konjugationsform), aber eine eher geringe Tokenfrequenz. Starke und irreguläre Verben und auch suppletive Formen wie sein hingegen haben zwar eine geringe Typenfrequenz, dafür aber eine umso größere Tokenfrequenz. Während das erste Verhältnis das Zurückdrängen der Präteritalformen begünstigt, erlaubt das zweite Verhältnis diesen Verben am resistentesten gegenüber der Perfektexpansion zu sein. Diese Annahme lässt sich sowohl historisch als auch mittels arealer Verteilung aufzeigen. Durch die Zusammenführung aller Ergebnisse kann die Autorin abschließend nicht nur darstellen, wie sich der gestaffelte Abbau des Präteritums vollzieht, sondern auch erklären, warum sich das geografisch so niederschlägt wie dokumentiert.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Hanna Fischer eine sehr umfangreiche, detaillierte Studie zum Präteritumschwund und der Perfektexpansion vorgelegt hat. Der Umfang sowohl der dokumentierten Daten als auch der eingeflossenen Arbeiten und Ansätze ist gleichzeitig die große Stärke und Schwäche dieses Buches, weil die Fülle an bereitgestellter Information in Teilen eher hinderlich wirkt. Aber durch die klare Strukturierung, die vielen übersichtlichen Teil-Zusammenfassungen und ihre stilistische Sicherheit gelingt es Hanna Fischer, die zentralen Erkenntnisse zu verdeutlichen, was zudem durch die transparenten Schemata und Tabellen unterstützt wird. In Anbetracht der sehr geringen Anzahl an Fehlern möchte ich hier nur einen inhaltlichen Schnitzer erwähnen: Auf S. 184 wird zu Beginn des zweites Absatzes Folgendes gesagt: „Activities und Accomplishments teilen das Merkmal [+ durativ], das sie beide zu Prozessen (process) macht, und Activities von States abgegrenzt.“ Das stimmt so natürlich nicht, denn States sind auch durativ. Was hier wahrscheinlich gemeint ist, ist das Merkmal [+ dynamisch].

Hanna Fischers Buch leistet einen substantiellen Beitrag zur Aspekt- und Tempusforschung, und dies nicht zuletzt durch die gewinnbringende Verbindung von Areallinguistik, empirischer und theoretischer Linguistik.

Literatur

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Online erschienen: 2021-12-02
Erschienen im Druck: 2021-12-31

© 2021 Tatjana Zybatow, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

Downloaded on 5.3.2024 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/zrs-2020-2061/html
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