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BY 4.0 license Open Access Published by De Gruyter December 2, 2021

Klaas-Hinrich Ehlers. 2018. Geschichte der mecklenburgischen Regionalsprache seit dem Zweiten Weltkrieg. Varietätenkontakt zwischen Alteingesessenen und immigrierten Vertriebenen. Teil 1: Sprachsystemgeschichte. Berlin: Peter Lang. 491 S.

Gertrud Reershemius

Was geschieht, wenn Sprecher verschiedener regionaler Varietäten einer Sprache gezwungenermaßen und in großer Zahl für einen unabsehbaren Zeitraum miteinander auskommen und sprachlich interagieren müssen? Dieses Szenario war im deutschen Sprachgebiet unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg eine weit verbreitete Realität, nachdem ungefähr zwölf Millionen Menschen aus den früheren östlichen Provinzen des zerfallenen deutschen Reiches in den Westen geflohen waren und sich im Gebiet der späteren DDR und BRD niedergelassen hatten. Die Vertriebenen machten in weiten Teilen Mecklenburgs die Hälfte der Gesamtbevölkerung aus. Den aus dieser neuen Konstellation folgenden sprachlichen Wandel zu untersuchen, hat die zeitgenössische Germanistik zwar als Aufgabe erkannt, aber kaum in ihrer Forschungspraxis umgesetzt. In dieser erstaunlichen Forschungslücke verortet Klaas-Hinrich Ehlers seine umfassende Studie zur neueren Sprachgeschichte Mecklenburgs, die die mecklenburgische Regionalsprache und das Niederdeutsche als autochthonen Basisdialekt untersucht, aber dabei auch die Herkunftsvarietäten der nach Mecklenburg eingewanderten Vertriebenen im Blick behält. Ehlers’ Forschungsdesign baut in Anlehnung an Mattheier (1995) auf den vier Dimensionen Sprachsystemgeschichte, Sprachgebrauchsgeschichte, Sprachbewusstseinsgeschichte und Sprachkontaktgeschichte auf und legt den ersten Teil – Sprachsystemgeschichte – nun vor. Sprachsystemgeschichte wird dabei explizit nicht als Entwicklung der deutschen Standardsprache verstanden, sondern trägt einem möglichst umfassenden Varietätenspektrum Rechnung.

Das Untersuchungsgebiet – bewusst eingegrenzt, um areallinguistische Differenzen zu reduzieren – umfasst die Großstadt Rostock, die Kleinstadt Schwaan und die beiden Dörfer Satow und Jürgenshagen, um Entwicklungsprozesse in ländlichen und urbanen Räumen vergleichen zu können. Um den Einfluss des Tourismus auf die sprachliche Entwicklung untersuchen zu können, wurde das Ostseebad Nienhagen miteinbezogen. Insgesamt wurden 90 Gewährspersonen befragt: eine Gruppe von älteren Alteingesessenen und Vertriebenen, die vor dem zweiten Weltkrieg geboren wurden, und eine zweite Gruppe, die die Generation der Kinder von Alteingesessenen und Vertriebenen umfasst. Um Sprachkontaktprozesse nach 1945 möglichst klar konturieren zu können, wurden bei der Gruppe der Vertriebenen nur Sprecher aus mittel- und oberdeutschen Dialektgebieten berücksichtigt. Die Zusammensetzung der Gesamtstichprobe erhebt dabei keinen Anspruch darauf, der Bevölkerung der Region repräsentativ zu entsprechen. Die Datenerhebung folgt einer Kombination qualitativer und quantitativer Verfahren, wobei eine vollständige Erhebungssequenz aus sechs Schritten besteht: einem narrativen Interview zur Biographie, einem leitfadengestützten Interview zur Sprachbiographie, einer Übersetzungsaufgabe, einer freien Erzählung im Basisdialekt, einer standardisierten Befragung zu ausgewählten Lexemen der Herkunftsregiolekte der Vertriebenen und einer Erhebung soziodemographischer Metadaten. Auf dieser Basis wurden ein regiolektales und ein niederdeutsches Korpus erstellt.

Die vorliegende Studie sieht sich als Beitrag zur empirischen Regionalsprachenforschung und geht dabei folgenden diachronischen Fragen nach: Wie entwickelte sich der mecklenburgische Regiolekt in den Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg und welche Einflüsse gehen dabei auf das Niederdeutsche und die Herkunftsvarietäten der Vertriebenen als Kontaktvarietäten zurück? Welche Wandlungsprozesse zeigen sich für das mecklenburgische Niederdeutsch? In diesem Zusammenhang wird die Hypothese überprüft, dass es einen engen kausalen Zusammenhang zwischen der Zuwanderung der Vertriebenen und dem Abbau des Niederdeutschen bzw. der Nivellierung regionalsprachlicher Merkmale gibt.

Das zentrale Analyseverfahren ist die quantitative Variationsanalyse, die ausgewählte linguistische Variablen untersucht, denen im Niederdeutschen, im regiolektalen Sprachgebrauch der Alteingesessenen und Vertriebenen sowie im überregionalen Standarddeutsch je unterschiedliche sprachliche Varianten entsprechen.

Für die Untersuchung des mecklenburgischen Regiolekts wurden sechs Variablen aus den Bereichen Phonetik/Phonologie und vier aus der Morphosyntax ausgewählt:

  1. Distanzstellung der zusammengesetzten Pronominaladverbien (da halte ich nichts von) (Morphosyntax),

  2. Vergleichspartikel beim Komparativ (besser als oder besser wie?) (Morphosyntax),

  3. Temporaler Gebrauch von wenn (Morphosyntax),

  4. Präteritumschwund (Morphosyntax),

  5. „Ostsee-l“: Velarisierung von /l/ zu /ɫ/ (Phonetik/Phonologie),

  6. Erhalt von niederdeutschem t im Auslaut von das, dass und was (Phonetik/Phonologie),

  7. Diphthongierung der Langvokale e, o, ö (Beisen, Brout und schöin) (Phonetik/Phonologie),

  8. „Weiches t“: Lenisierung von intervokalischem t (Phonetik/Phonologie),

  9. Zungenspitzen-r versus Zäpfchen-r (Phonetik/Phonologie),

  10. Plosivischer Verschluss von [ŋ] im Wortauslaut (Phonetik/Phonologie).

Der Variablengebrauch zeigt sowohl im Vergleich mit älteren empirischen Studien als auch im Generationenvergleich, dass die Verwendung regiolektaler Merkmale gegenüber dem Standard insgesamt rückläufig ist. Man kann von einer fortschreitenden Entregionalisierung der gesprochenen Alltagssprache in Mecklenburg sprechen (Besch 2003: 24). Die Analyse der einzelnen Variablen ist dabei besonders aufschlussreich. Im Bereich der Phonetik und Phonologie etwa wird der plosivische Verschluss von [ŋ] im Wortauslaut zwar in 54 % aller belegten möglichen Fälle von den Befragten realisiert, es zeigt sich jedoch auch, dass dieses Merkmal kaum als Standardabweichung wahrgenommen wird. Der Abbau des Zungenspitzen-r dagegen wird als Regionalmarker erkannt und auch eingesetzt, wobei dieses Merkmal bei der älteren Generation noch weit verbreitet ist, von der jüngeren aber kaum noch verwendet wird. Hier kann man einen abrupten Wechsel des Sprechstandards beobachten, der nach Ehlers vermutlich auf den kodifizierenden Einfluss auditiver und audiovisueller Medien seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zurückzuführen ist. Ein weiteres, wenn auch nicht unerwartetes Ergebnis besteht darin, dass die Verwendung regiolektaler Merkmale bei Dorfbewohnern stärker ausgeprägt ist als bei Städtern. Zu den bemerkenswertesten Ergebnissen von Ehlers’ Studie gehört jedoch die hyperfrequente Verwendung von regiolektalen Merkmalen bei den Kindern der Vertriebenen, die sich bei allen lautlichen Variablen außer dem Zungenspitzen-r beobachten lässt. Ehlers spricht hier von Hyperadvergenz: „Der regiolektale Sprachgebrauch der Nachkriegsgeneration der Vertriebenenfamilien ist [...] nicht einfach generell standardferner als der ihrer Eltern, sondern tatsächlich durch spezifisch mecklenburgische Regiolektmerkmale markiert“ (218). Die jüngere Generation der Vertriebenenfamilien spricht nicht nur ‚mecklenburgischer‘ als ihre Eltern, sondern auch als ihre Altersgenossen aus alteingesessenen Familien.

Der zweite Teil der Studie untersucht die Herkunftsvarietäten der Vertriebenen auf der Basis der Interviewsprache von 19 Gewährspersonen der älteren und zehn der jüngeren Generation. Ehlers untersucht die Vertrautheit mit regionalem Wortschatz der Herkunftsvarietäten, die Verwendung der „süddeutschen“ Diminutivsuffixe -le, -el, -l sowie die Entrundung der Vordervokale. Er zeigt, dass bei den Kindern der Vertriebenen ein nahezu kompletter Dialektverlust stattgefunden hat.

Der dritte Schwerpunkt der Untersuchung ist der Strukturwandel des mecklenburgischen Niederdeutsch im Hinblick auf Lexik, Morphosyntax und Phonetik/Phonologie. Ehlers untersucht zwölf exklusiv niederdeutsche Lexeme, d. h. solche Wörter, die keine unmittelbare Entsprechung im Standarddeutschen haben: dot bläben ‚gestorben‘, lege ‚schlechte‘, Buddel ‚Flasche‘, wecker ‚wer‘, wecken ‚wem‘, al ‚schon‘, achter ‚hinter‘, töben ‚warten‘, schnacken ‚sprechen‘, man ‚nur‘, achtern ‚hinten‘, likers ‚trotzdem‘. Diese Variablenauswahl ermöglicht es, die Ergebnisse des zwischen 2010 und 2015 erhobenen Niederdeutschkorpus mit 25 Wenkerübersetzungen zu vergleichen, die im ausgehenden 19. Jahrhundert im Untersuchungsgebiet erhoben wurden. Bereits 1880 zeigte sich demzufolge eine relative Nähe zum Standarddeutschen für das mecklenburgische Niederdeutsch, denn nur 54,6 % der exklusiv niederdeutschen Lexik wurde von den Gewährspersonen als solche realisiert. Dieser Prozentsatz ist bei den 24 kompetentesten Alteingesessenen des Ehlers’schen Niederdeutschkorpus auf 32,2 % zurückgegangen, wobei die Variation zwischen einzelnen Gewährspersonen erheblich ist.

Bemerkenswert sind auch hier die Unterschiede bei der Realisierung einzelner Variablen: Von den 1880 noch dominierenden Varianten Buddel, al, töben und man ist lediglich töben übrig geblieben. Bei den alteingesessenen Sprechern sind auch die im 19. Jahrhundert schon feststellbaren Abbautendenzen bei lege, weckers und likers an ihr Ende gekommen: Diese Lexeme wurden durch standardnahe Entsprechungen ersetzt. Man kann aber auch eine partielle Rückkehr zu einigen exklusiv niederdeutschen Lexemen wie al, achter und schnacken beobachten, die bei den Kindern der Alteingesessenen häufiger realisiert werden als bei ihren Eltern. Dabei sollte beachtet werden, dass derartige Bemühungen um maximale Distanz vom Standard nur einige wenige Lexeme betrifft, die als „lexikalische Niederdeutschmarker“ eingesetzt werden (Hansen-Jaax 1995: 163). Diesem Erklärungsmuster entspricht auch das auf den ersten Blick erstaunliche Ergebnis, dass die zugewanderten Vertriebenen und ihre Kinder lege, wecken, achter, schnacken und achtern häufiger in der exklusiv niederdeutschen Form realisieren als ihre alteingesessenen Altersgenossen, also auch hier wieder ein Zeichen von Hyperadvergenz.

Im Bereich der Morphosyntax zeigt Ehlers, dass der ostniederdeutsche Einheitsplural der Verben (können ji/könnt ji) im mecklenburgischen Niederdeutsch praktisch verschwunden ist. Bei der Realisierung des Pronomens der 3. Person Singular Neutrum (et/dat) belegen die Wenkersätze des ausgehenden 19. Jahrhunderts, dass mecklenburgische Niederdeutschsprecher um 1880 ausschließlich dat verwendeten. Im Niederdeutschkorpus der vorliegenden Studie finden sich dagegen die Varianten dat, et (als angepasste Variante des standarddeutschen es), es und das, wobei dat sich in ländlichen Gebieten am besten zu halten scheint. Für die Phonologie/Phonetik untersucht Ehlers sechs Variablen: Vokalhebung vor r, Varianten der Hiattilgung, runde Vordervokale, das Zungenspitzen-r, alveolares s vor t und den Lautwandel von k zu ch in einzelnen Wörtern. Die Variablenverwendung zeigt tendenziell in allen Fällen, dass sich das mecklenburgische Niederdeutsch dem Standarddeutschen annähert. Wie schon bei der Untersuchung des Regiolektes findet sich bei drei Variablen eine Hyperadaptation bei den Kindern der Vertriebenen, die den runden Vordervokal, das Zungenspitzen-r und alveolares s vor t häufiger verwenden als ihre alteingesessenen Altersgenossen.

Ehlers zeigt in seiner sorgfältig recherchierten und präzise dargestellten Studie, dass sich sowohl der mecklenburgische Regiolekt als auch das mecklenburgische Niederdeutsch in einem Prozess struktureller Anpassung an die gesprochene Standardsprache befinden, der weiter fortgeschritten ist, als bisher vermutet wurde. Die systematische Einbeziehung der Vertriebenen und ihrer Kinder macht diese Untersuchung nicht nur einzigartig, sondern gibt Einblick in Prozesse von Spracherhalt und Sprachverlust jenseits von grobmaschigen sozialen Kategorisierungen. Die Kinder der Vertriebenen haben Sprache als ein Mittel eingesetzt, um Teil der mecklenburgischen Gesellschaft zu werden. Sie haben die Herkunftsvarietäten ihrer Eltern abgelegt, und einige von ihnen verwenden Merkmale des Regiolektes bzw. exklusiv niederdeutsche Strukturen im Niederdeutschen häufiger als ihre Altersgenossen aus alteingesessenen Familien. Dies unterstreicht, dass Sprache spezifisch eingesetzt wird, um soziale Bedeutung und soziale Realitäten zu schaffen. Es wäre lohnenswert, diesen Aspekt stärker in Diskussionen um Spracherhalt zu berücksichtigen.

Literatur

Besch, Werner. 2003. Die Regionen und die deutsche Schriftsprache. Konvergenzfördernde und konvergenzhindernde Faktoren. Versuch einer forschungsgeschichtlichen Zwischenbilanz. In: Raphael Berthele et al. (Hg.). Die deutsche Schriftsprache und die Regionen. Entstehungsgeschichtliche Fragen in neuer Sicht. Berlin, New York: De Gruyter, 5–27.Search in Google Scholar

Hansen-Jaax, Dörte. 1995. Transfer bei Diglossie. Synchrone Sprachkontaktphänomene im Niederdeutschen. Hamburg: Kovač.Search in Google Scholar

Mattheier, Klaus J. 1995. Sprachgeschichte des Deutschen: Desiderate und Perspektiven. In: Andreas Gardt, Klaus J. Mattheier & Oskar Reichmann (Hg.). Sprachgeschichte des Neuhochdeutschen. Gegenstände, Methoden, Theorien. Berlin, New York: De Gruyter, 1–18.10.1515/9783110918762Search in Google Scholar

Online erschienen: 2021-12-02
Erschienen im Druck: 2021-12-31

© 2021 Gertrud Reershemius, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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