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BY 4.0 license Open Access Published by De Gruyter December 2, 2021

Nicole Eller-Wildfeuer, Paul Rössler & Alfred Wildfeuer (Hg.). 2018. Alpindeutsch. Einfluss und Verwendung des Deutschen im alpinen Raum. Regensburg: edition vulpes. 268 S.

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Rezensierte Publikation:

Nicole Eller-Wildfeuer, Paul Rössler & Alfred Wildfeuer (Hg.). 2018. Alpindeutsch. Einfluss und Verwendung des Deutschen im alpinen Raum. Regensburg: edition vulpes. 268 S.


Alpindeutsch: Zur Vertikalität in der Sprache

Der hier zu besprechende Band füllt eine wichtige Lücke aus, die mehrmals herausgestellt, aber selten ausführlich zum Diskussionsthema gemacht wurde. Thema des Bandes ist nämlich die Bedeutung und die Vielfältigkeit der Alpendimension für die deutsche Sprache und ihre Varietäten. Obwohl sich die Dialektologie intensiv mit der Beschreibung der süddeutschen Dialekte beschäftigt hat, ist die damit verbundene und objektspezifische Bergdimension nur marginal zum Untersuchungsobjekt gemacht worden. Dieser Band versucht diese Lücke auszufüllen, insofern als dafür das Schlagwort Alpindeutsch vorgeschlagen wird. Der Terminus sei dafür geeignet, die Spezifika der deutschen Sprache und Kultur in Bezug auf die Alpen sowie auf die alpine Dimension auszudrücken (zu den Alpen als Sprachbund vgl. neulich Gaeta & Seiler 2021).

Der Nutzen des Schlagwortes wird im einführenden Kapitel „Alpindeutsch – Zur Etablierung eines neuen Terminus“ von Nicole Eller-Wildfeuer, Paul Rössler & Alfred Wildfeuer ausführlich diskutiert. Dies lässt sich grundsätzlich nach drei Perspektiven zusammenfassen. Erstens wird die Dichotomie der bergbezogenen Vertikalität gegenüber der flachlandorientierten Horizontalität fokussiert. Darüber hinaus bietet die Alpenkultur eine traditionelle Forschungsperspektive an, der in dem Band vor allem mit Bezug auf die Namenforschung Rechnung getragen wird. Schließlich ist natürlich die Perspektive des Sprach- bzw. Kulturkontaktes von hoher Bedeutung. Diese Perspektive eignet sich auch für eine historische Rekonstruktion, die die Aufmerksamkeit der Forscher auf die andauernden Kontakte bzw. Austausche innerhalb der Südseite der Alpen lenken kann. In diesem Zusammenhang ist der Terminus Alpindeutsch mit Bezug auf die Konvergenzprozesse relevant, die seit dem Spätmittelalter in gewissen Hinsichten die Alpen eher zu einer Verbindungs- als zu einer Trennungslinie gemacht haben. Dies lässt sich am besten an den Sprachinseln beobachten, denen in dem Band ausführlich Raum geschenkt wird.

Gemäß diesen drei bzw. vier konzeptuellen Kernpunkten sollen die einzelnen Beiträge im Folgenden besprochen werden.

Starten wir mit der vertikalen Perspektive, die in dem Terminus Alpindeutsch implizit enthalten ist. So wichtig diese Perspektive auch erscheinen mag, wurde sie allerdings nur selten von der Forschung ernst genommen. In diesem Bereich bietet der Band unterschiedliche Forschungsperspektiven an, die auch zum Teil von neuen computergestützten Methoden Gebrauch machen. In „Sprache von oben – Zur Dimension der Höhe in der Varietätenlinguistik“ versucht Paul Rössler die Dimension der Vertikalität zum Untersuchungsobjekt zu machen, insofern als die sprachlichen – insbesondere textlinguistischen – Korrelate der typischen alpinen Textsorte des Gipfelbuchs näher erforscht werden. Als erstes, zaghaftes Ergebnis dieser Untersuchung wird eine vertikale mediale Diglossie identifiziert. Die Verwendung dialektaler Ausdrücke, die zur Hervorhebung einer expressiveren sprachlichen Selbstdarstellung beitragen, werde nämlich umso seltener, je höher und unzugänglicher der Gipfel ist. In Gipfelbüchern hochalpiner Gipfel überwiege also die pure, schnörkellose und das heißt standardsprachlich verschriftete Information. Dagegen – und deswegen spielt die effektive vertikale Profilierung dieser Textsorte eine wichtige Rolle – sei im Medium der gesprochenen Sprache die Verwendung von dialektgefärbten Ausdrücken wie z. B. beim Grußverhalten der Berggeher bei höherer Lage häufiger zu erwarten. Ein Hinweis auf eine gewisse Dominanz der informativen Textsorte taucht auch in dem Beitrag von Noah Bubenhofer & Klaus Rothenhäusler „‚Die Aussicht ist grandios!‘ – Korpuslinguistische Analyse narrativer Muster in Bergtourenberichten“ auf, in dem empirisch gezeigt wird, dass auch in narrativen Texten wie den Bergtourenberichten die Wegpunkte – also richtige Informationen und Hinweise – als Dreh- und Angelpunkte der Narration verwendet werden. Mit anderen Worten sei der Tourenbericht quasi eine Verbalisierung der kartographisch bedeutenden Wegpunkte, während freiere Erzählformen – auch in Abwesenheit expliziter redaktioneller Zwänge – weniger genutzt werden.

Ebenso verbunden mit der vertikalen Dimension ist der Beitrag „Zum österreichischen Bergnamengut – Oronyme und typische Appellativa (unter besonderer Berücksichtigung des Südens)“ von Heinz-Dieter Pohl, der sich in der Tradition der Namenforschung bewegt. In Anlehnung an Eberhard Kranzmayer werden Bergnamen nach dem onomasiologischen Bereich in Lage-, Kultur-, Besitz-, kultisch-mystische bzw. religiöse und schließlich künstliche bzw. gelehrte Namen klassifiziert. Außerdem wird eine Liste der Appellativa präsentiert, die häufig im österreichischen Bergnamengut vorkommen. An der Liste kann man die Vielfalt der Bezeichnungen bewundern, die aus verschiedenen Sprachen kommen, wobei es in einzelnen Fällen schwerfällt, die richtige Quelle zu identifizieren. Ein gutes Beispiel sind Bergnamen wie Golz, Gollspitz, Golemizil, wo sowohl der Bezug auf das lateinische Etymon collis ‚Hügel‘ als auch auf das slawische golb ‚kahl, unbewachsen‘ möglich sind.

Einen für das Alpindeutsche typischen Namenforschungsbereich untersucht auch der Beitrag von Michael Reichmayr über „Rinder ohne Grenzen. Ein kommentiertes Kuhnamenranking“, in dem die Datenbank der Zentralen Arbeitsgemeinschaft österreichischer Rinderzüchter unter die Lupe genommen wird. Der Topscorer der Liste ist der Kuhname Alma (in den verschiedenen Varianten: Alme, Almi usw.). Man kann in vielen Fällen mit unterschiedlichen Quellsprachen rechnen, die auf eine mehrdeutige Etymologie hinweisen. Das ist beispielsweise der Fall bei Bella, dem zweiten Kuhnamen in der Liste, der sich nicht nur auf das italienische bella ‚schöne (Kuh)‘ zurückführen lässt, sondern auch auf das slawische bela ‚weiße‘.

Der Beitrag von Sebastian Franz, „Identität und Mehrsprachigkeit bei deutschbasierten Minderheitensprachen am Beispiel einer alpindeutschen Sprachsiedlung in den Karnischen Alpen“, umreißt die Hauptlinien einer soziolinguistischen Untersuchung, die aus einem Forschungsprojekt der Universität Augsburg hervorgeht und Fragen der Identität der deutschbasierten Minderheiten in einem mehrsprachigen Kontext behandelt. Insbesondere für die alpindeutsche Siedlung Sappada/Pladen wird mithilfe von Interviews und Fragebogen die Rolle der Sprache als Identitätsanzeiger thematisiert und empirisch erforscht. Dies lässt sich nach einer Innen- und einer Außenperspektive genauer unterscheiden, die jeweils der Selbst- bzw. Fremdwahrnehmung entsprechen. Demgemäß wird im Rahmen eines Forschungsdesigns, das sprachliche Identität messen will, den Gewährspersonen die Verwendung einer Einteilung in Plodarisch und Welsch eher als in Plodarisch und Italienisch zur Selbsteinschätzung vorgeschlagen, weil somit von der Dimension der Nationalität bzw. Bürgerschaft völlig abgesehen wird. Auf diese Weise wird die eigene Perspektive der SprecherInnen explizit übernommen und dank dessen das Identitätskonzept direkt aus ihrer Selbstwahrnehmung sichtbar gemacht.

In der seit dem Spätmittelalter ununterbrochenen Tradition der Passionsspiele lässt sich eine besondere historische Quellengattung für die Erforschung des Alpindeutschen feststellen, wie Klaus Wolf in seinem Beitrag: „‚Was ist Wahrheit?‘ Alpenländische Passionsspiele als Quelle des Alpindeutschen?“ aufzeigt. Dank der durch den biblischen Kontext gesicherten Textstabilität können in der Tat die alpinen Passionsspiele als ideales Untersuchungskorpus für den diachronen Wandel des Alpindeutschen verwendet werden.

Darüber hinaus besteht ein wichtiges Gesamtergebnis dieses Bandes auch in dem genauen Überblick über die alpindeutschen Minderheiten in Italien, denen vier Kapitel gewidmet sind. In dem Beitrag von Christian Ferstl, „Die Anfänge des Alpindeutschen: Schmellers Forschungen zu den norditalienischen Sprachinseln“, wird das frühe Interesse für die zimbrische Sprache und Kultur von Johann Andreas Schmeller im Jahr 1811 aufgrund seiner Tagebücher und Briefe rekonstruiert, das nach zwei Jahrzehnten im Jahr 1833 zu seiner ersten Forschungsreise führte. Als Ergebnis dieser Reise konnte Schmeller in einem Vortrag in einer Sitzung der Bayerischen Akademie der Wissenschaften erste vorläufige Antworten auf seine Ausgangsfragen zum Ursprung der Zimbern geben. In den darauffolgenden Abhandlungen konnte er sogar eine „Grammatik“ zusammenstellen, die als erster Versuch in der Geschichte der Germanistik gilt, die Grammatik einer Sprachinsel auf der Basis der historisch-vergleichenden Methode darzustellen. Darüber hinaus unternahm Schmeller zehn Jahre später, im Jahr 1844, eine zweite – und letzte – Forschungsreise mit der besonderen Absicht, Materialien für das zimbrische Wörterbuch zu sammeln. Die Reise brachte ihm aber wachsende Schwierigkeiten, insofern als seine Kontakte zu früheren Informanten, auch bedingt durch berufliche Veränderung oder den Tod Älterer, allmählich spärlicher wurden. Dank seines ständigen Interesses und seines grundlegenden Werkes zu den zimbrischen Sprachinseln kann Schmeller sicherlich als Wegbereiter und Impulsgeber für die Erforschung des Alpindeutschen gelten.

Ebenfalls dem Zimbrischen gewidmet ist, allerdings vom heutigen Standpunkt aus, der Beitrag von Ermenegildo Bidese, Andrea Padovan & Claudia Turolla „Mehrsprachigkeit in den zimbrischen Sprachinseln anhand einiger syntaktischer Phänomene“. Die VerfasserInnen beschäftigen sich mit einer Reihe von Phänomenen aus der nominalen und verbalen Syntax, die ihre Wurzeln in der Mehrsprachigkeit dieser Gebiete haben und deswegen zeigen, wie der Sprachkontakt im Hinblick auf den Sprachwandel wirkt. Insbesondere werden wichtige Aspekte der Morphosyntax der Partikelverben untersucht, die die auch für das Deutsche typische syntaktische Trennung weitgehend zeigen: Di arbatar machan au di maur von gart ‚Die Arbeiter errichten (wörtl.: ‚machen auf‘) die Mauer vom Garten‘. Allerdings muss die Partikel unmittelbar hinter das Finitum gestellt werden (vgl. *Di arbatar machan di maur von gart au), es sei denn ein Pronomen bzw. ein Adverb bzw. eine Negationspartikel tritt auf: Di arbatar machan-se nèt / herta / sa au (di maur) ‚Die Arbeiter errichten sie nicht / immer / schon (die Mauer)‘. Man beachte, dass das Partikelverb aumachan dem im Norditalienischen verbreiteten „verbo sintagmatico“ („phrasal verb“) far su ‚errichten‘ wortwörtlich entspricht. Diese sogenannte ‚kurze Klammerbildung‘ ist auch in anderen germanischen Sprachen bekannt (vgl. Dehé 2015). Ebenfalls in anderen germanischen Varietäten wie etwa im Hessischen und Ostniederdeutschen verbreitet ist die besondere Stellung der Verbpartikeln in Nebensätzen, wo sie an das erste Glied des Verbalkomplexes angehängt werden können: I hettat geböllt azz-ar-en vort-hettat-gemucht-lazzan-gian ‚Ich hätte vorgezogen, dass er ihn hätte fortgehen lassen müssen (wörtl.: ‚fort-hätte-gemusst-lassen-gehen‘)‘. Allerdings kann – im Gegensatz zum Hessischen – die Partikel auch hinter den gesamten Komplex gestellt werden: I hettat geböllt azz-ar-en hettat gemucht lazzan gian vort. Außerdem betrachten die AutorInnen die Entlehnung der Konjunktion ke (vgl. ital. che), die gegenüber der nativen Konjunktion az eine besondere Verteilung aufweist, wo ke – gegenüber az – kein klitisches Subjekt beherbergen kann und die Wortstellung des Hauptsatzes aufweist: I boaz ke er geat nèt ka Roma ‚Ich weiß, ke er geht nicht nach Rom‘ vs. I bill azzar nèt gea ka Roma ‚Ich will, az-er nicht gehe nach Rom‘. Weil die Verwendung des Konjunktivs in den beiden Nebensätzen unterschiedliche Möglichkeiten anbietet, die nicht strikt auf die jeweiligen Konjunktionen bezogen sind, bleibt offen, inwiefern diese Verteilung Faktoren wie der Faktivität bzw. der Evidentialität gerecht wird, die sich mit einer unterschiedlichen illokutiven Kraft der Propositionen in Verbindung setzen lässt (vgl. Eisenberg 2013: 110, 112).

Der anderen bairischen Sprachinsel in Trentino ist der Beitrag von Anthony Rowley, „Fersentalerisch – der ‚verwitterte deutsche Stein‘“ gewidmet. Das besondere Merkmal dieser Varietät sei die extreme Konservativität, die heute allerdings ein wenig zurückgeht. Trotzdem können wir noch heute die Haupteigenschaften der dialektalen Varietät feststellen, die sich schon im 14. Jahrhundert etablierte, als das Fersental um 1320 durch aus Tirol stammende, deutschsprachige Personen besiedelt wurde. Dieser Konservatismus als typisches Merkmal des Alpindeutschen kann mithilfe von Eberhard Kranzmayers Prinzip zusammengefasst werden: Je höher eine Sprachinsel liegt, desto stärker werden die sprachlichen Eigenheiten konserviert. Allerdings lässt dieser Konservatismus den kontaktbedingten Spracheinfluss erkennen, wie am Beispiel der Kirchenwörter haile ‚heilig‘ und vlaisch ‚Fleisch‘ ersichtlich ist, die sicherlich eine gehobenere Sprachform darstellen (sie sollten lauthistorisch als °hoale und °vloasch erscheinen), die dank des durch die Kirche gesicherten Kontaktes mit dem gesamten deutschen Sprachraum noch nachweisbar ist. Mit anderen Worten: man kann im Fall dieser konservativen Sprachinsel eher von Sprachwechsel als von Sprachwandel sprechen, da echte Sprachwandelphänomene relativ selten zu finden sind. Hierzu zählt eine kurz nach der Besiedlung erfolgte fersentalerische Innovation, nämlich die morphophonologische Assimilation des Verbalpräfixes g- an die Artikulationsstelle des Anlauts vom Verbstamm: aus g-fòsst, g-schossn werden p-fòsst, t-schossn.

Der Beitrag von Ingeborg Geyer, „Sappada / Fladen, Sauris / Zahre, Timau / Tischelwang – drei bairische Sprachinseln in Oberitalien“, befasst sich mit dem dritten bairischen Sprachinselgebiet in Italien. Bei den drei genannten Inseln handelt es sich um sogenannte Bauernsprachinseln, die von Osttirol, Westtirol und Oberkärnten, also vom Herrschaftsgebiet der Grafen von Görz, ursprünglich saisonal als Weideland besiedelt wurden und erst gegen Ende des 13. bzw. zu Beginn des 14. Jahrhunderts zu Dauersiedlungen wurden. Es ist bemerkenswert, dass der schon im 19. Jahrhundert prognostizierte Sprachwechsel zugunsten einer romanischen Varietät (Italienisch oder Friaulisch) noch nicht eingetreten ist. Dieser Verzögerungsprozess hat nicht zuletzt auch damit zu tun, dass sich zumindest seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Dokumentation sowie die Analyse der lokalen Varietäten durch WissenschaftlerInnen und HeimatforscherInnen positiv auf das sprachliche Bewusstsein ausgewirkt hat. Sicherlich wurden nach der Einführung des Gesetzes 482/1999 zur Förderung der Sprachminderheiten in den letzten zwei Jahrzehnten in den drei Orten Publikationen und verschiedene weitere Initiativen in Gang gesetzt, die zur Sprachpflege der Ortsvarietäten – auch mit der Einführung von neuen Schreibungsnormen – wesentlich beigetragen haben.

Schließlich rekonstruiert der Beitrag von Rembert Eufe & Anna Mader, „Das Walserdeutsche im deutschen und italienischen Sprachgebiet“, das gesamte Bild der walserdeutschen Besiedlungen besonders in Italien und Österreich. Nach einer präzisen Charakterisierung der dialektalen Merkmale, die, wie schon oben angemerkt, auf einen gewissen Konservatismus hinweisen, wird auch der Versuch unternommen, die aktuellen Tendenzen kurz darzustellen. Besonders im österreichischen Vorarlberg gehen diese Tendenzen in Richtung einer Nivellierung mit den anderen Ortsvarietäten mit dem Verlust der auffälligsten Merkmale wie der Palatalisierung in Formen wie schi ‚sie‘, wobei in der Schweiz eine allgemeine Koineisierung bzw. Regionalisierung der alemannischen Dialekte feststellbar ist. In den Fällen, in denen die Walservarietäten im engen Kontakt mit romanischen Varietäten stehen, können außerdem verschiedene interessante Entwicklungen beobachtet werden, die aber parallel zu einem generellen Sprachverfall bzw. -wechsel zugunsten der lokalen romanischen Varietät laufen. Um nur ein Beispiel zu nennen, kann man auf die besondere Entwicklung des Verbsuffixes -urun in Issime hinweisen, das die Konvergenz von zwei unterschiedlichen historischen Quellen darstellt, insofern als durch das Suffix sowohl native als auch nicht-native Verben gebildet werden, jeweils offensurun ‚beleidigen‘ (vgl. frz. offenser), pünnurun (vgl. punir) und arbraiturun ‚erweitern‘, vgl. ‚verbreitern‘, chalburun ‘kalben’. Man beachte, dass in anderen benachbarten Varietäten wie etwa in dem Dialekt von Gressoney diese zwei Wortgruppen wie im Deutschen ganz getrennt bleiben, jeweils diktiere (vgl. frz. dicter), garniere (vgl. frz. garner) und verbreitrò, chalbrò (vgl. Gaeta & Angster 2020).

In dem Beitrag „Der Kaufmann geht nimmer Bayreuth. Präpositionslose Direktionale im Tirolerischen“ untersuchen Wilhelm Oppenrieder & Maria Thurmair die verbreitete Verwendung von präpositionslosen Direktionaladverbialen, wie sie in den Tiroler Varietäten auftreten. Es sei hervorgehoben, dass dieses Merkmal überall in Deutschland auftritt, nicht nur in der Jugendsprache, sondern auch in Varietäten mit fremdsprachigen Einflüssen wie etwa dem Kiezdeutschen (vgl. Wiese 2012). Die in dem Beitrag betrachteten Daten stammen aus Hörbelegen und einem Fragebogen mit Tiroler SprecherInnen, die nicht zur Jugend gerechnet werden können, und sind deswegen höchst interessant. Die AutorInnen erklären diese Verwendung mithilfe einer analogischen Generalisierung, die von Fällen ausgeht, in denen Direktionalität allein durch die inhärente Semantik des Verbs ausgedrückt wird, das von einem in dieser Hinsicht unterspezifizierten Adverb begleitet wird, wie etwa Sie begibt sich fort / weg. In dieser Hinsicht muss man auch auf die Rolle von heim hinweisen, das als reine ‚Ziel-NP‘ ohne Richtungspräposition und aber auch parallel zu den Präpositionsadverbialen verwendet wird: Er geht heim / nach Hause. Dies lässt sich nun zu solchen Fällen generalisieren, wo ein Substantiv auftritt, das nur einen ‚Ortstyp‘ erfasst und zusammen mit einem unspezifizierten Bewegungsverb eine allgemeine Art von Positionswechsel in eine solche verwandelt, die genauer durch einen ‚Zieltyp‘ bestimmt wird: heimgehen, Oper gehen, Schul gehen usw. In diesem Zusammenhang dienen also die Partikelverbkonstruktionen mit einem Bewegungsverb als strukturelles Vorbild, das dann im Bereich der Ortseigennamen generalisiert wird. Das ist allerdings auch eine Schwäche dieser Erklärung, denn sie muss dementsprechend annehmen, dass die Varianten mit Appellativa früher als diejenigen mit Ortseigennamen entstanden seien. Die AutorInnen geben aber diesbezüglich zu, über solche Evidenz nicht zu verfügen. Sicherlich bleibt das enge Verhältnis mit ähnlichen Konstruktionen bestehen, die sich auch im Kiezdeutschen beobachten lassen, wie etwa Ich fahre Friedrichstraße, Heute muss isch wiederum Solarium gehen usw. Insbesondere werden solche Konstruktionen im Falle von Haltestellenangaben nicht unbedingt nur von jugendsprachlichen SprecherInnen verwendet. Zudem ist zu bedenken, dass präpositionslose Direktionale auch in anderen Sprachen auftreten, wie etwa im Französischen: Je vais Gare de Lyon. Es liegt nahe, dass das Tirolerische diese auch anderswo belegte Option schon längst weiter ausgebaut hat, was aber auch gleichzeitig zeigt, wie breit gefächert und nuanciert das Untersuchungsobjekt Alpindeutsch für die gesamte Germanistik sein kann.

Literatur

Dehé, Nicole. 2015. Particle verbs in Germanic. In: Peter O. Müller, Ingeborg Ohnheiser, Susan Olsen & Franz Rainer (Hg.). Word-Formation. An International Handbook of the Languages of Europe. Berlin & Boston: Mouton de Gruyter, Bd. 1, 611–627.Search in Google Scholar

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Gaeta, Livio & Marco Angster. 2020. Loanword formation in minority languages: lexical strata in Titsch and Töitschu. In: Pius ten Hacken & Renáta Panocová (Hg.). The Interaction of Borrowing and Word Formation. Edinburgh: Edinburgh University Press, 215–236.Search in Google Scholar

Gaeta, Livio & Guido Seiler. 2021. The Alps as a Linguistic Area. Spezialband von STUF – Language Typology and Universals 74.1.10.1515/stuf-2021-1021Search in Google Scholar

Wiese, Heike. 2012. Kiezdeutsch: ein neuer Dialekt entsteht. München: Beck.10.17104/9783406630354Search in Google Scholar

Online erschienen: 2021-12-02
Erschienen im Druck: 2021-12-31

© 2021 Livio Gaeta, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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Downloaded on 5.3.2024 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/zrs-2021-2066/html
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