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BY 4.0 license Open Access Published by De Gruyter December 2, 2021

Wolfgang Steinig & Karl Heinz Ramers. 2020. Orthografie (LinguS – Linguistik und Schule 7). Tübingen: Narr Francke Attempto. 151 S.

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Rezensierte Publikation:

Wolfgang Steinig & Karl Heinz Ramers. 2020. Orthografie (LinguS – Linguistik und Schule 7). Tübingen: Narr Francke Attempto. 151 S.


Schreibenlernen (und wohlgemerkt auch Lesenlernen) ist eine der wichtigsten – wenn nicht die wichtigste – Aufgaben, der sich Schülerinnen und Schüler gleich zu Beginn ihrer Bildungslaufbahn annehmen müssen. Dass es hier nicht nur um basale Fähigkeiten des Lesens und Schreibens geht, sondern um Rechtschreiben, das heißt schriftliches Verhalten gemäß einer extern vorgegebenen Norm, stellt zusätzlich auch Lehrpersonen vor große Herausforderungen. Sie müssen Kindern Normen bzw. Regeln vermitteln, denen allzu oft ein idiosynkratischer Beigeschmack anhaftet. Dabei sind die meisten Regeln keineswegs unsystematisch – eine Tatsache, an die viele Werke zur deutschen Orthographie direkt anknüpfen, so auch das hier besprochene, das dafür eine didaktische Perspektive wählt.

Zur grundlegenden Systematik der deutschen Orthographie – sprich eigentlich der deutschen Graphematik (siehe unten für diese Unterscheidung) – gibt es bereits eine Fülle an Literatur, von einführenden Studienbüchern wie Fuhrhop (42015), Fuhrhop & Peters (2013) und Karg (2015) zu systematischen Betrachtungen der aktuellen amtlichen Regelungen wie Eisenberg (2017). In den letzten Jahren kamen darüber hinaus auch einführende Werke speziell zur Orthographiedidaktik auf den Markt, darunter beispielsweise Lindauer & Schmellentin (2008) oder das ebenfalls erst vor kurzem erschienene und dezidiert an Lehramtsstudierende gerichtete Werk von Betzel & Droll (2020). Zu diesen Publikationen stößt nun Orthografie von Wolfgang Steinig und Karl Heinz Ramers hinzu, die es sich zum Ziel macht, sich sowohl mit den systematischen Aspekten der deutschen Orthographie als auch mit der Orthographiedidaktik zu beschäftigen.

Orthografie ist der siebte Band der Reihe Linguistik und Schule – Von der Sprachtheorie zur Unterrichtspraxis (kurz LinguS), deren „innovativer Ansatz“ sich gerade „dadurch aus[zeichnet], dass jeder Band [...] von einem Tandem aus Sprachwissenschaft und Sprachdidaktik erarbeitet wird“.[1] Zielgruppen sind dementsprechend (Lehramts-)Studierende, Referendare und Beteiligte an Lehrerfortbildungen. Die angestrebte Kombination aus systematischer linguistischer Betrachtung und didaktischer Aufbereitung wollen die Verfasser „durch eine systematische Rekonstruktion der linguistischen Grundlagen der einzelnen orthografischen Regelungen, zum anderen durch eine Reflexion der didaktischen Möglichkeiten zur Erleichterung des Erwerbs und der Stabilisierung der Rechtschreibfertigkeiten“ erreichen (so die Rückseite des Buchs). Die Titel der sechs Kapitel deuten darauf hin, dass es die systematische linguistische Betrachtung ist, die als Ausgangspunkt dient:

  1. Grundlagen

  2. Didaktische Wortmodelle

  3. Das morphematische Prinzip

  4. Die Großschreibung

  5. Getrennt- und Zusammenschreibung

  6. Fremdwortschreibung

Interessant ist vor dem eigentlichen Inhalt des Buchs aber bereits das Vorwort, in dem die Autoren anmerken: „Zur Entwicklung einer erfolgversprechenden Rechtschreibdidaktik ist die Graphematik nützlicher als die Orthografie“ (S. 7). Die Graphematik wird demnach – aktuellem schrift­lin­gu­is­tischen Konsens folgend – als theoretische Rekonstruktion des Schriftsystems und seines Gebrauchs aufgefasst, während die Orthographie die externe Normierung und Kodifikation des Schriftsystems darstellt. Da die Autoren diese Ansicht zugrunde legen, verwundert es nicht, dass das Buch – wie bspw. auch schon Fuhrhop (42015) – eine überwiegend graphematische Perspektive einnimmt, wohl aber, dass es dennoch den Titel Orthografie trägt. Dies könnte die Tatsache widerspiegeln, dass die Graphematik als linguistischer Teilbereich – zumindest terminologisch – noch nicht in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern angekommen ist, ganz abgesehen vom Schulunterricht selbst (vgl. auch Dürscheid 2013). Die Graphematik also als Orthographie zu verkaufen (deren Grundlage sie eben größtenteils bildet), verspricht zumindest eine breitere Aufmerksamkeit für ein didaktisch ausgerichtetes Werk.

In Kapitel 1 (Grundlagen) gelingt den Autoren ein anschaulicher Einstieg in das Thema, der das Interesse für die folgenden Kapitel weckt. Besonders zu begrüßen ist die breite Kontextualisierung, da sie die Relevanz der Orthographie in unserer modernen literalen Gesellschaft aufzeigt. So werden hier die Rechtschreibreform und die teils heftigen Reaktionen darauf angesprochen, ebenso auch die soziale Verbindlichkeit von orthographischen Normen, die dazu führt, „dass man nur dann ein voll akzeptiertes Mitglied unserer Schreibkultur sein kann, wenn man korrekt schreibt“ (S. 9). Die graphematische Fundierung von Orthographie als kodifiziertem Regelwerk verdeutlichen die Autoren auf geschickte Weise, indem sie die Leserinnen und Leser anhand einiger Fragen, in denen aus einer Reihe von Gründen für eine korrekte Schreibweise der je richtige Grund zu wählen ist, darauf aufmerksam machen, dass selbst geübte Schreiberinnen und Schreiber Regeln eher intern gebildet haben und implizit befolgen als deren systematische Motivation (so eine vorliegt) zu kennen und explizit benennen zu können. Für die Didaktik ist Ersteres allerdings bereits das Ziel: So soll die Orthographie Schülerinnen und Schülern durch eine graphematische Betrachtungsweise nähergebracht werden, d. h. sie sollen Regeln selbst „entdecken“ und internalisieren können. Das ist zugleich die Kernaussage dieses Buchs: Orthographie soll nicht gelernt, sondern entdeckt werden – zumindest jene ihrer Teile, die einer Systematik folgen. Für dieses Unterfangen vermittelt das erste Kapitel die wichtigsten Grundlagen, u. a. zur Schreibung von Vokalen und Konsonanten sowie zur Silbenstruktur. Damit wird auch klar, dass die Beziehung zwischen Laut und Buchstabe (und nicht etwa gesprochenem Wort und geschriebenem Wort) im Vordergrund steht; hier wird eine zugrundeliegende Phonographie der deutschen Orthographie herausgearbeitet, die in den folgenden Kapiteln dann wieder durch andere – ‚zusätzliche‘ – Prinzipien überlagert werden muss – eine Herangehensweise, wie sie in der deutschen Orthographieforschung Tradition hat (zumindest bisher, s. Anzeichen eines Paradigmenwechsels in Schmidt 2018 und Berg 2019).

Bis auf einige Aussagen, die dem problematischen Konzept des (segmentalen) phonologischen Bewusstseins von Kindern zu viel Bedeutung beimessen – so bspw., dass noch nicht schriftkundige Kinder den Unterschied zwischen den Realisationen von /k/ in Kuh und Kinn noch hören können (S. 15) –, sowie einem reduktiv und simplifizierend negativen Bild von digitalem Schreiben (S. 13) gibt das erste Kapitel einen soliden Überblick, auf dem der Rest des Buchs aufbauen kann.

Kapitel 2 (Didaktische Wortmodelle) wechselt den Fokus zur Didaktik und drei spezifischen Modellen: dem ‚Garagenhaus‘ und dem ‚Sofahaus‘[2] (deren unterschiedlicher Umgang mit der Silbe und der Aussprache von Vokalen dezidiert verglichen wird) sowie dem ORI-Modell (orthographische Invarianten). Das letztere Modell, für das Sequenzen von Buchstaben zentral sind, die invariant in der Mitte von Wörtern vorkommen und immer gleich ‚ausgesprochen‘ werden (so bspw. <ind> in <finden>, <windig> und <kindisch>, S. 50), ist an das Sofahaus anschlussfähig, das sich seinerseits auf die Länge/Gespanntheit von Vokalen konzentriert. Die Nützlichkeit einer Kombination der beiden Modelle stellen die Autoren hier überzeugend dar; dies wird einen großen Mehrwert für Lehrerinnen und Lehrer bieten.

Im dritten Kapitel werden Phänomene behandelt, die in der Forschungsliteratur meistens unter dem Begriff des morphematischen (oder morphologischen) Prinzips zusammengefasst werden. Anhand von Unterkapiteln, die sich der Schreibung unterschiedlicher Arten von Morphemen widmen (lexikalische und grammatische sowie davon jeweils freie und gebundene), thematisieren die Autoren u. a. die Auslautverhärtung, die Dehnung sowie die Konsonantenverdopplung; aber auch die dass/das-Schreibung wird (unter ‚freie grammatische Morpheme‘) behandelt. Hier wird zum einen – wie bereits oben angedeutet – klar, dass sowohl die systematisch-linguistische als auch die didaktische Herangehensweise von Steinig und Ramers auf der Phonographie fußt. Die Morphographie wird – überspitzt ausgedrückt – als ‚Extra‘ vor allem für die Leserinnen und Leser verstanden, da sie das Lesen erleichtert. Es sei hier erneut darauf hingewiesen, dass diese Ansicht in neueren Arbeiten durchaus kritisch gesehen wird; in ihnen steht die Wortschreibung im Vordergrund. Phonem-Graphem-Korrespondenzen sind dort nicht primär, sondern haben einen abgeleiteten Status (so argumentiert Schmidt in seinem 2018 erschienenem Buch zur Morphographie, das die Autoren auch in den Literaturhinweisen zu diesem Kapitel anführen).

In Kapitel 4 (Die Großschreibung) wird der lexembasierte Ansatz, nach dem Substantive großgeschrieben werden, zwar angeführt, doch steht der neuere syntaktische Ansatz, der besagt, dass Kerne von Nominalgruppen großgeschrieben werden, zurecht im Vordergrund und wird verständlich erklärt. Dass die Autoren hier auf Basis einer kognitiven Metapher (einer Treppe), die Kindern beim Verstehen der Großschreibung behilflich sein soll, ein konkretes szenisches Spiel für den Unterricht beschreiben, ist interessant, doch bleibt die Beschreibung zu vage, um von Lehrerinnern und Lehrern leicht übernommen werden zu können.

Die letzten beiden Kapitel (zur Getrennt- und Zusammenschreibung und zur Fremdwortschreibung) sind die kürzesten. Bemerkenswert sind hier u. a. die knappen, aber spannenden historischen Hintergründe, die die systematische Betrachtung anreichern. Leider werden hier gleichzeitig aber (etwa aufgrund eines festgesetzten Gesamtumfangs?) die didaktischen Aspekte vernachlässigt, was einen gewissen Bruch mit den vorangehenden Kapiteln darstellt. In diesen beiden Kapiteln mangelt es also größtenteils an Hinweisen, wie diese Themen Schülerinnen und Schülern vermittelt werden könnten.

Einige kleinere Mängel gilt es noch zu nennen: So fehlt eine Behandlung der Interpunktion, die diesen Band vollständiger und noch nützlicher gemacht hätte. Die Autoren rechtfertigen dies bereits im Vorwort einerseits mit dem Umfang, andererseits auch damit, dass die Interpunktion „einen relativ eigenständigen Bereich der Rechtschreibung“ darstellt (S. 8); dennoch wird sie in ebenfalls konzis gehaltenen Werken wie Fuhrhop (42015) und Betzel & Droll (2020) thematisiert. Gerade zu diesem Thema wünschten sich Lehrpersonen vermutlich auch Anhaltspunkte, die durch die Systematik fundiert werden. Auch ein Fazit, das den roten Faden aller Kapitel noch einmal herausstreicht, wäre wünschenswert gewesen, damit das Buch nicht so abrupt endet. Zuletzt wäre an manchen Stellen im Buch trotz der pädagogisch ausgerichteten Zielgruppen eine stärkere Einbettung aktueller schriftlinguistischer, v. a. graphematischer Erkenntnisse möglich gewesen (so z. B. zur graphematischen Silbe, s. Fuhrhop & Buchmann 2009); außerdem hätten trotz der Fokussierung auf das Deutsche einige Pauschalisierungen vermieden werden können.[3]

Angesichts der Stärken dieses Buchs wiegen die genannten Abstriche jedoch nicht schwer. Was die behandelten Themengebiete betrifft, so überzeugt der Text vor allem bezüglich seiner guten Lesbarkeit, seiner klaren Strukturierung und der daraus resultierenden Verständlichkeit sowie – was ihn auf einer Meta-Ebene ebenfalls pädagogisch wertvoll macht – seiner didaktischen Extras. Zu diesen zählen neben knappen, aber wichtigen Literaturhinweisen auch Aufgaben (samt Lösungsvorschlägen) zu jedem Kapitel, die Lehrpersonen dabei unterstützen, die Systematik selbst zu festigen. Zusammen mit seinem überschaubaren Umfang und dem fairen Preis sind das überzeugende Argumente für dieses Buch.

Unter den bisher wenigen Werken, die zum Ziel haben, die systematisch-linguistische sowie die didaktische Perspektive zu vereinbaren, sticht Orthografie von Steinig & Ramers klar hervor. Es schließt vielleicht keine Lücke, bietet aber eine Behandlung mit dem Thema, die anderen Werken überlegen ist. Da Rechtschreiben in unserer Gesellschaft und vor allem unserer Schulbildung seinen hohen Stellenwert höchstwahrscheinlich behalten wird, ist zu erwarten, dass in Zukunft noch viele Werke erscheinen werden, die Systematik und Didaktik der Orthographie auf klare und anschauliche Weise zu verbinden versuchen. Sie werden sich an diesem Buch messen müssen.

Literatur

Berg, Kristian. 2019. Die Graphematik der Morpheme im Deutschen und Englischen. Berlin, Boston: De Gruyter.10.1515/9783110604856Search in Google Scholar

Betzel, Dirk & Hansjörg Droll. 2020. Orthographie: Schriftstruktur und Rechtschreibdidaktik (LiLA – Linguistik fürs Lehramt). Paderborn: Ferdinand Schöningh.10.36198/9783838553290Search in Google Scholar

Dürscheid, Christa. 2013. Schriftlinguistik im Sprachunterricht – Warum nicht? In: Klaus-Michael Köpcke & Arne Ziegler (Hg.). Schulgrammatik und Sprachunterricht im Wandel (Reihe Germanistische Linguistik 297). Berlin, Boston: De Gruyter, 205–224. Search in Google Scholar

Eisenberg, Peter. 2017. Deutsche Orthografie: Regelwerk und Kommentar. Berlin, Boston: De Gruyter.10.1515/9783110525229Search in Google Scholar

Fuhrhop, Nanna. 2015. Orthografie (Einführungen in die germanistische Linguistik 1). 4. Auflage. Heidelberg: Winter.Search in Google Scholar

Fuhrhop, Nanna & Franziska Buchmann. 2009. Zum Bau der graphematischen Silbe. In: Linguistische Berichte 218, 127–155. Search in Google Scholar

Fuhrhop, Nanna & Jörg Peters. 2013. Einführung in die Phonologie und Graphematik. Stuttgart: Metzler. 10.1007/978-3-476-00597-7Search in Google Scholar

Karg, Ina. 2015. Orthographie: Öffentlichkeit, Wissenschaft und Erwerb (Germanistische Arbeitshefte 46). Berlin, Boston: De Gruyter.10.1515/9783110366679Search in Google Scholar

Lindauer, Thomas & Claudia Schmellentin. 2008. Studienbuch Rechtschreibdidaktik: Die wichtigen Regeln im Unterricht. Zürich: orell füssli. Search in Google Scholar

Schmidt, Karsten. 2018. Phonographie und Morphographie im Deutschen. Grundzüge einer wortbasierten Graphematik. Tübingen: Stauffenburg.Search in Google Scholar

Online erschienen: 2021-12-02
Erschienen im Druck: 2021-12-31

© 2021 Dimitrios Meletis, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

Downloaded on 5.3.2024 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/zrs-2021-2067/html
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