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BY 4.0 license Open Access Published by De Gruyter December 2, 2021

Klaus Düwel, Robert Nedoma & Sigmund Oehrl. 2020. Die südgermanischen Runeninschriften (Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 119). Berlin, Boston: De Gruyter. 1102 S.

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Rezensierte Publikation:

Klaus Düwel, Robert Nedoma & Sigmund Oehrl. 2020. Die südgermanischen Runeninschriften (Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 119). Berlin, Boston: De Gruyter. 1102 S.


Die Neuedition der südgermanischen Runeninschriften war lange ein Desideratum der Runenkunde, da dieser Teil der runenepigraphischen Überlieferung bislang nicht systematisch erschlossen ist. Das zu besprechende Buch dokumentiert diese wichtigen Inschriftenzeugnisse und bestimmt ihre Rolle als vorliterarisches Quellenmaterial sowie ihre sprachliche Stellung innerhalb des Germanischen. Die Analyse berücksichtigt archäologische, epigraphische, linguistische und kulturhistorische Aspekte dieser großen Gruppe; auch eine Auswahl von Fälschungen und runenähnliche Inschriften werden einbezogen. So widmet Klaus Düwel den „fälschungsverdächtigen südgermanischen Runeninschriften“ ein eigenes reflektierendes Kapitel (S. CXLII–CXLVI). Positiv ist auch, dass die Einzelbeiträge zu den Runeninschriften systematisch aufgebaut sind und bei jeder Inschrift Grunddaten, Objekt und Runeninschrift mit Lesung, sprachlicher Deutung und Funktion vorgestellt werden (vgl. Kap. 2.3 zum „Aufbau der Artikel“). In den meisten Fällen stützt sich die Inschriftenlesung auf eine eigene Untersuchung des Objekts, ansonsten wird angemerkt, wessen Beobachtungen und Fotodokumentation in die Autopsie eingeflossen sind (siehe beispielsweise die Lesung von SG-100 Rostock, S. 539).

Der zweite Teilband enthält nicht nur eine Bibliographie (S. 773–855), sondern auch ein umfassendes Register zu den folgenden Themen: Appellativa und Namen, Sachen und Personen, Quellen, Objekte, Fundkategorien, Zeitstellung und Aufbewahrung (S. 856–886). Besonders nützlich sind die Hinweise zur „Zeitstellung“ (S. 882), die Anhaltspunkte zur relativen und absoluten Datierung der einzelnen Inschriften enthalten und auf den Hauptteil der Inschriftenedition Bezug nehmen (Diana Sauer: „Chronologie der Fundobjekte“, besonders S. LV–LVIII). Dieser Teilband zeichnet sich nicht zuletzt durch eine umfassende Bibliographie und die ausgezeichnete Qualität der Abbildungen aus, wobei Vorder- und Rückseiten der Inschriftenträger mit Detailfotos dokumentiert werden. Außerdem bietet der Anhang sechs geographische Karten, die die Position verschiedener südgermanischer Inschriften und Inschriftengruppen verorten (S. 1089–1094). Erwartungsgemäß haben die südgermanischen Runeninschriften auf Waffen und Waffenzubehör gegenüber den entsprechenden urnordischen Inschriften einen deutlich südlicheren Schwerpunkt (zu den urnordischen Inschriften auf Waffen vgl. Schulte 2020).

Methodenreflexion

Wie die Autoren in den Vorbemerkungen auf S. VII feststellen, baut die Editionsarbeit ihres Werkes auf der historisch-philologischen Methode auf. Dieser wichtige Aspekt hätte jedoch (noch) weiter ausgeführt werden können. Das wohl größte Problem der Runologie besteht im sogenannten ersten Gesetz der Runendynamik („The First Law of Runo-dynamics“), welches etwas überspitzt aussagt, dass es zu einer Runeninschrift ebenso viele Inschriftendeutungen wie Deuter gibt. Hieraus erklärt sich die präg­nante Beobachtung der Autoren auf S. VII, dass „[n]euere Standortbestim­mungen der Runologie [...] vor allem eine methodische Reflexion [fordern]“. Dieses Streben nach solider methodischer Vorgehensweise – und die Kritik an Deutungen mit mangelnder Methodenreflexion – wird durch zahlreiche Literaturangaben vertieft (S. VII, siehe besonders Barnes 2013). So beleuchtet, hat die Einleitung dieses Bandes einen be­sonderen Wert, da sie gewissermaßen eine Einführung in die Runologie aus der Perspektive der südgermanischen Inschriften bietet. Die Kapitel­überschriften dieses Vorspanns, der der eigentlichen Corpusedition vor­ausgeschickt wird, verdienen es, zitiert zu werden:

  1. Einrichtung der Edition (K. Düwel, R. Nedoma), S. XV–XXX

  2. Editionsgeschichte (K. Düwel), S. XXX–XLIV

  3. Entstehung, Verbreitung und Versiegen der südgermanischen Runeninschriften, S. XLV–LI

  4. Zur Chronologie der Fundobjekte mit südgermanischen Runeninschriften (Diana Sauer), S. LII–LVIII

  5. Schrift und Sprache der südgermanischen Runeninschriften (R. Nedoma), S. LIX–CXXVIII

  6. Zum Sitz im Leben: Runen und Magie (K. Düwel), S. CXXIX–CXLI

  7. Zu den fälschungsverdächtigen südgermanischen Runeninschriften (K. Düwel), S. CXLII–CXLVI

  8. Paraschriftliche Zeichen(komplexe) im Kontext südgermanischer Runenüberlieferung (S. Oehrl), S. CXLVII–CLXXVII

  9. Runeninschriften und deren mögliche Veränderung durch Freilegungstechniken und Materialüberzüge (K. Düwel, Moritz Paysan), S. CLXXVIII–CLXXXIV

  10. Zum aktuellen Stand technologischer Möglichkeiten bei der mikroskopischen Dokumentation von Runeninschriften am Beispiel der Bügelfibel von Beuchte, Landkreis Wolfenbüttel (Niedersachsen) (Peter Pieper), S. CLXXXV–CXCIII

Das Inhaltsverzeichnis liest sich wie eine Einführung in die südgermanische Runen-Epigraphik, die den neuesten Stand der Forschung vorstellt. Alle diese Unterkapitel sind sehr informativ, lesenswert und mit Hinweisen zur relevanten Sekundärliteratur ausgestattet. Aus der Sicht des Rezensenten verdienen besonders die Beiträge zu „Schrift und Sprache“ bzw. „Runen und Magie“ Beachtung, da sie den heutigen Stand der Forschung zu diesen zentralen Themenbereichen übersichtlich und konzis zusammenfassen.

Sprachliche und inhaltlich-funktionale Bestimmung der Inschriften

Nedomas Beitrag nimmt eine sprachliche Bestimmung des Terminus Südgermanisch für die Neuedition vor, während Düwel den Sitz dieser Inschriften im Leben thematisiert. Zeitlich erstreckt sich die Gruppe der südgermanischen Runeninschriften, die nach Auskunft von Nedoma (S. LXVIII) „fast ausnahmslos mit den regulären Zeichen des 24 Runen umfassenden älteren Futhark geschrieben“ sind, vom späten 3. Jh. (vgl. SG-36 Frien­stedt) bis in die erste Hälfte des 7. Jh. (vgl. SG-75 Mannheim-Secken­heim). Schriftgeschichtlich handelt es sich somit um einen südlichen Ableger der Runeninschriften im älteren Futhark. Südgermanisch wird hier als rein geographisch determinierter Terminus einer ‚Runenprovinz‘ verstanden, wobei die Inschriften sprachlich gesehen – je nachdem – als voralthochdeutsch, voraltsächsisch und frühlangobardisch bestimmt werden. Mit anderen Worten, die Fundregion Südgermanisch ist scharf zu trennen von der sprachlichen Zuordnung Westgermanisch, mit den genannten Sprachen Voralthochdeutsch, Voraltsächsisch usw. Nützlich ist auch die Typologie der Textsorten, die Nedoma präsentiert, in Sonderheit Gegenstandsinschriften, Schenkerinschriften, Herstellerinschriften, Runenritzer­inschriften, Wunschinschriften und Fuþark-Inschriften. Die beiden Verf. sind Kenner der Materie und können sich auf eigene langjährige For­schung stützen. Dies gilt auch für den dritten Autor, Sigmund Oehrl, der den Forschungsstand zu den paraschriftlichen Zeichen aus südgermani­scher runenepigraphischer Sicht adäquat zusammenfasst und die archäolo­gische Expertise für die Edition sichert.

Inschriften zwischen Urnordisch und Westgermanisch

In der vorliegenden Besprechung ist es kaum möglich, die Fülle des Materials zu sichten, die den Leserinnen und Lesern in dieser Gesamtedition präsentiert wird. Das umfassende Corpus der südgermanischen Runeninschriften wird hier erstmals in Gänze präsentiert, so wie es heute erschlossen ist. Es ist aber geboten zwei Inschriften anzusprechen, die gewissermaßen „urnordischverdächtig“ sind oder deren sprachliche und kulturhistorische Zuordnung unklar bleibt, mit anderen Worten: Borderliner. Ein solcher ist zum Beispiel der dithematische Name Laguþewa, der von den Autoren vorsichtig (das heißt mit einem Fragezeichen) als westgermanisch ausgewiesen wird, das heißt im Überlieferungskontext der kontinentalen Runeninschriften: südgermanisch (S. LXII, C und 210f.). Nedoma nennt verschiedene sprachliche und epigraphische Indikatoren, die eine Inschrift mehr oder weniger eindeutig als westgermanisch, nordgermanisch bzw. ostgermanisch ausweisen. Hierzu gehören auf westgermanischer Seite der asigmatische Ausgang im Nominativ Sg.: ka(m)ba ‚Kamm‘ auf SG-36 Frienstedt und vielleicht auch der Männername Laguþewa auf Illerup III. Zur sprachlichen Zuordnungsproblematik und dem fehlenden Hintergrundwissen des Fundobjekts bemerkt Nedoma (S. LXII) allerdings sehr bedacht:

„Undurchsichtig sind die Dinge hingegen im Fall der um oder kurz nach 200 zu datierenden Schildfessel von SG-36add.Illerup III (s. SG-36 Frienstedt, 4: Anhang); der darauf eingeritzte Männername laguþewa mit seinem -a im Nominativ Sg. (< urgerm. *-az) ist als westgermanisch zu bestimmen – wie dann jedoch das Stück als Kriegsbeuteopfer nach Jüt­land gelangt ist, lässt sich nicht klären.“

Ein ganz anderes Beispiel, das den Modus operandi dieser Edition illustrieren kann, ist das Formelwort alu, das in den südgermanischen In­schriften nur einmal auftritt, sonst aber besonders frequent in den urnor­dischen Inschriften ist. Die Autoren erwähnen auch einen neuen alu-Fund aus Dänemark, der die Zahl der alu-Inschriften immerhin auf 30 ansteigen lässt. Hierbei handelt sich um eine alu-Anbringung auf dem Boden eines Trinkgefässes, das in Uglvig bei Esbjerg (Sønderjylland) im Jahr 2019 gefunden wurde. Die Autoren widmen dem „Dreibuchstabenwort“, das auch in den südgermanischen Inschriften auf dem Kleinbrakteaten von SG-54 Hüfingen auftritt, immerhin stolze sechs Seiten (S. 291–296). Der philologisch-linguistische Kommentar fasst den Forschungsstand zu die­sem Formelwort, das gerade seiner Kürze wegen kaum sichere morpholo­gische Deutungsansätze bietet (oder wenn man so will, gerade dadurch eine Flut von Interpretationsmöglichkeiten eröffnet), konzis und sicher zusammen: Abschließend heißt es zur Transkription und Übersetzung kurz und prägnant: „(urn.) alu ‚Abwehr‘(?). Schutzinschrift“ (S. 296).

Könnte es ein geigneteres und günstigeres Wort als alu geben, um die Rezension abzuschließen? Die vorliegende Besprechung dürfte gezeigt haben, dass der Band Die südgermanischen Runeninschriften des Autoren­gespanns Düwel, Nedoma und Oehrl seine Aufgabe vorzüglich erfüllt. Die Hauptfunktion dieser Neuedition dürfte darin bestehen, die große und wichtige Gruppe der südgermanischen Runeninschriften im Gesamt­kontext der Runenüberlieferung des älteren Futharks zu dokumentieren und gleichzeitig ihre Bedeutung für die Sprach- und Kulturgeschichte des Germanischen zu erschließen. Dass dabei auch die urnordischen Inschrif­ten angesprochen werden, eröffnet gleichzeitig eine komparative Perspek­tive zwischen den verschiedenen Schriftsprachtraditionen.

Literatur

Barnes, Michael. 2013. What is Runology, and Where does it Stand Today. In: Futhark 4, 7–30. Search in Google Scholar

Schulte, Michael. 2020. Wain, wagon, and wayfarer. Names of speed, agility and alertness in the corpus of the older runic inscriptions. In: NOWELE 73.2, 276–298.Search in Google Scholar

Online erschienen: 2021-12-02
Erschienen im Druck: 2021-12-31

© 2021 Michael Schulte, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

Downloaded on 5.3.2024 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/zrs-2021-2068/html
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