BY 4.0 license Open Access Published online by De Gruyter October 12, 2021

Sarah D’Hertefelt. 2018. Insubordination in Germanic. A Typology of Complement and Conditional Constructions (Trends in Linguistics. Studies and Monographs 318). Berlin, Boston: De Gruyter Mouton. 235 S.

Alexander Bergs

Für weite Zweige der Linguistik waren bestimmte syntaktische Phänomene, vor allem der gesprochenen Sprache, lange Zeit kein Thema. Ein Beispiel hierfür sind sicherlich Fragmente bzw. unvollständige Sätze. Mit anderen Worten: Der Untersuchungsgegenstand der Syntax war (und ist noch heute häufig) der „vollständige Satz“ – auch wenn dieser in der sprechsprachlichen Realität vielleicht weniger verbreitet ist, als man vermuten möchte (vgl. Bergs 2017). Ein exzellentes und vor allem sehr frequentes Beispiel für scheinbar unvollständige Sätze ist die in der vorliegenden Arbeit diskutierte Insubordination, also der konventionalisierte Gebrauch von (formal gesehen) Nebensätzen als freie Hauptsätze, wie etwa in Beispiel (1).

(1) Dass Du mir ja nicht mit den Evangelischen sprichst...! (Heimatjahrbuch Kreis Ahrweiler 2018: 217; https://relaunch.kreis-ahrweiler.de/kvar/VT/hjb2018/hjb2018.60.pdf)

Beispiel (1) illustriert die Art von Insubordination, mit der sich diese Arbeit beschäftigt: konventionalisierte Konstruktionen, die formal als Nebensätze analysiert werden müssen. Diese sind deutlich zu erkennen, so etwa durch den Gebrauch von subordinierenden Konjunktionen oder eine typische Nebensatzwortstellung. Dennoch werden diese Nebensätze völlig unabhängig als Hauptsätze gebraucht.

Die vorliegende Arbeit von Sarah D’Hertefelt beschränkt sich in ihrer Beschreibung und Analyse auf zwei besondere Arten der Insubordination: Komplement- und Konditionalkonstruktionen. Das obige Beispiel (1) illustriert eine Komplementkonstruktion, Beispiel (2) zeigt eine Konditionalkonstruktion.

(2) Wenn ich deine Fresse schon sehe (F.A.Z.Net 3.10.2011; https://tinyurl.com/y2q4vnd5)

Diese beiden Konstruktionstypen werden für Niederländisch, Deutsch, Englisch, Schwedisch, Dänisch und Isländisch auf der Grundlage realsprachlicher Daten aus verschiedenen Korpora sowie Internetrecherchen und unter Hinzuziehung von Muttersprachler*innen (nur für Schwedisch, Dänisch und Isländisch) untersucht. Ziel ist dabei zum einen die umfassende Beschreibung der beiden Konstruktionstypen in den verschiedenen germanischen Sprachen. Obwohl es bereits einige Studien zu Insubordination in den Einzelsprachen gibt, fehlt bislang eine umfassende Gesamtdarstellung, vor allem unter Einschluss des Dänischen und Isländischen. Zum anderen möchte die vorliegende Studie darüber hinaus erstmalig eine syntaktisch und semantisch fundierte Klassifikation bzw. typologische Einordnung des Phänomens bieten. Als drittes Ziel dieser Arbeit ist die theoretische Abgrenzung der Insubordination gegenüber z. T. an der Oberfläche sehr ähnlichen Phänomenen zu nennen sowie die Beschreibung der beiden Konstruktionstypen im Rahmen eines konstruktionsgrammatischen Ansatzes bzw. einer konstruktionsgrammatischen Taxonomie.

Die Studie gliedert sich in sechs Kapitel: Nach einer kurzen Einführung sowie Erläuterungen zu Daten und Methodik in Kapitel 1 folgt in den Kapiteln 2 und 3 die umfassende empirische Beschreibung der Typologie der Insubordination von Komplement- bzw. Konditionalkonstruktionen in den genannten Sprachen. Die Kapitel 4 und 5 sind eher theoretischen Aspekten gewidmet. Kapitel 4 beschäftigt sich mit der genauen Definition von Insubordination und vor allem der Abgrenzung zu ähnlichen Konstruktionen wie der in (3).

(3) Daß Sie doch jetzt das Gefühl haben, sich ducken zu müssen (D’Hertefelt 2018: 155)

Auch wenn (3) oberflächlich aussieht wie die Insubordination einer Komplementkonstruktion, so ändert sich dieses Bild, wenn man den Kontext mitberücksichtigt (4).

(4) Klient: Ich glaub, also, ich geb erstmal klein bei, um (.) wenn ich jetzt nochmal was dagegen sage, kann ich mir einfach nicht erlauben, dann wird er wieder laut. Also muß ich schon mal klein beigeben.

Therapeut: Daß Sie doch jetzt das Gefühl haben, sich ducken zu müssen. (D’Hertefelt 2018: 155)

Die Komplementstruktur hat also hier eine elaborative Funktion, so D’Hertefelt, indem sie das vom ersten Sprecher Gesagte noch einmal zusammenfasst. D’Hertefelt argumentiert, dass elaborative Konstruktionen wie die in (4) eben nicht unabhängig sind, sondern vom vorangegangenen Diskurs abhängen. Alleine, ohne Kontext, verlieren sie ihre eigentliche Bedeutung. Zudem sind viele Elaborativkonstruktionen auch syntaktisch in gewisser Weise von Vorangegangenem abhängig, etwa wenn sie frühere subordinierende Konjunktionen ergänzen. D’Hertefelt geht in ihrer Studie daher in diesen Fällen nicht von Insubordination, sondern von „dependency shift“, einer Verschiebung der Dependenzrelation, aus.

Kapitel 5 beschäftigt sich schlussendlich mit der internen Organisation von Insubordination, d. h. mit der Frage, in welcher Weise die unterschiedlichen Typen von Insubordination, wie sie in den vorangegangenen Kapiteln beschrieben werden, zueinander in Beziehung(en) stehen. Dabei diskutiert die Autorin zum einen die semantische Organisation der unterschiedlichen Konstruktionen. Traditionell wird hier von drei modalen Funktionen gesprochen: modal, interaktional und diskursiv. D’Hertefelts Studie kann zeigen, dass dies für den vorliegenden Datensatz nur bedingt zutrifft. Es finden sich zwar modale (genauer: deontische und evaluative) und interaktionale Konstruktionen in den untersuchten Sprachen, aber keine diskursiven Bedeutungen. Zum anderen stellt die Autorin in Kapitel 5.2 auch eine konstruktionsgrammatische Analyse der Taxonomie von Insubordinationskonstruktionen in einem Goldberg’schen Rahmen (Goldberg 1995, 2006) vor. Die Kernfrage ist hierbei, ob die analysierten Konstruktionen hinreichend formale Eigenschaften haben, um als Typen einer oder zweier eher schematischen Insubordinationskonstruktion zu gelten (z. B. eine ‚insubordinate complement construction‘ und eine ‚insubordinate conditional construction‘), oder ob die einzelnen Konstruktionen als individuelle, unterschiedliche Konstruktionen verstanden werden sollten. Im letzteren Fall wären die Form-Bedeutungsrelationen nicht unbedingt funktional zu motivieren; im ersteren Fall, mit ein oder zwei schematischen ‚Super-Konstruktionen‘, müssen die unterschiedlichen Subtypen mit bestimmtem kombinatorischen Potential ausgestattet sein, das sich aus unterschiedlichen funktional motivierten Elementen herleitet. D’Hertefelt kommt zu dem Schluss, dass zwar ein gewisses Maß an Generalisierung möglich die Beschreibung von ein oder zwei Superkonstruktionen schlussendlich aber nicht zu erreichen sei. Hauptgründe sind zum einen die semantische Diversität der unterschiedlichen Konstruktionen (die einzige wirkliche Gemeinsamkeit scheint der Ausdruck interpersonaler Bedeutung zu sein, und diese ist wohl eher vage) und zum anderen die große formale Fragmentierung mit z. T. sehr unterschiedlichen strukturellen Merkmalen und kaum vorhersagbaren Beschränkungen. Darüber hinaus weist D’Hertefelt mit Blick auf Cristofaros (2012) Hypothese[1] am Rande darauf hin, dass die einzelnen Konstruktionen in den Einzelsprachen z. T. sehr unterschiedliche Grade an Konstruktionalisierung aufweisen, was möglicherweise auf individuelle Entwicklungsverläufe und somit auch auf unterschiedliche Typologien hindeutet. Das kurze Kapitel 6 fasst die Ergebnisse der Studie konzise zusammen und führt in weitere Fragen für zukünftige Analysen ein.

Dieses Buch besticht zum einen durch die enorme präsentierte Datenmenge. Auf gerade einmal 235 Seiten finden sich nicht weniger als 335 zum Teil sehr umfassende Beispiele. Somit ist alleine der deskriptive Wert dieser Studie immens. Die Studie löst damit vor allem auch ihr Versprechen ein, die anfangs beschriebenen Datenlücken zu schließen, und präsentiert (erstmalig) eine umfassende Beschreibung der beiden Konstruktionstypen für sechs germanische Sprachen unter Berücksichtigung des Dänischen und Isländischen. Dass man bei einzelnen Beispielen möglicherweise manchmal etwas stutzig wird, tut dem keinen Abbruch. Beispiel (80) etwa, hier wiedergegeben als (5), stammt aus einem Roman von Walter Kempowski (2006) und soll wohl die Sprache der 1930er Jahre nachahmen.

(5) Eigentlich unverantwortlich, diese Ausländer frei rumlaufen zu lassen... Daß das überhaupt angängig sei? (Kempowksi 2006: zitiert aus Cosmas II corpus in D’Hertefelt 2018: 54)

Die Wortwahl ‚angängig‘ ist im Gegenwartsdeutschen schon sehr auffällig und deutet auf einen älteren Sprachstand hin. Ob und inwieweit dies Einfluss auf die Insubordinationsstruktur hat, sei dahingestellt. Ebenso stammt Beispiel (173), hier (6), ganz klar von einer dialektalen Varietät des Deutschen (Schwäbisch?).

(6) Wenn des de Vadder wüßt! (Günthner 199: 29, in D’Hertefelt 2018: 110)

Dieser Umstand wird nicht im Text erwähnt, was schade ist. Ob und inwiefern hier Varietäten eine Rolle spielen, zählt, so D’Hertefelt, zu den Desideraten für zukünftige Analysen (2018: 219). Von diesen kleinen Ungenauigkeiten scheint aber wirklich nur eine Handvoll Beispiele betroffen zu sein, so dass die Analyse generell darunter in keinem Fall leidet. Falls man sich hier überhaupt noch etwas wünschen könnte, so wäre vielleicht eine Diskussion der deutschen Unterscheidung wenn versus falls interessant gewesen, aber auch dieser kleine blinde Fleck schadet dem Gesamtbild nicht.

Die Analysen dieser Arbeit bestechen durch Klarheit und Präzision; die entwickelten Kategorien sind nicht nur bitter nötig, wie Kapitel 1 aufzeigt, sie wissen auch zu überzeugen. Die tabellarischen Übersichten am Ende der Abschnitte und Kapitel sind m. E. vorbildlich, ebenso wie die sprachliche Gestaltung insgesamt, die durch hohe Lesbarkeit und ausgesprochen angenehme Leserführung gekennzeichnet ist.

Die größte Stärke der Arbeit ist dabei vielleicht auch ihre (kleine) Schwäche. Weniger als die Hälfte der Studie ist theoretischen Aspekten gewidmet (Kapitel 4 und 5). Einerseits zeugt dieses zwar von dem beachtlichen empirischen Aufwand, der hier betrieben wurde, andererseits hätte man sich gerade in den sehr anregenden Theoriekapiteln noch etwas mehr Ausführung und Diskussion gewünscht. So bleibt die Diskussion zur Konstruktionsgrammatik skizzenhaft. Warum die untersuchten Sprachen in ihren konstruktionellen Möglichkeiten so weit divergieren, bleibt ein Rätsel für zukünftige Forschung. Die im Buch vorgetragenen Argumente, warum (typologisch gesehen) die divergierenden Strukturen in den Einzelsprachen gegen schematische Grundkonstruktionen sprechen, sind zwar interessant, aber noch nicht bis ins Letzte ausgearbeitet, gerade auch im Hinblick auf die Diachronie.

Nichtsdestotrotz haben wir hier eine exzellente Arbeit vor uns, welche nicht nur durch die akribische, systematische und vergleichende Beschreibung dieser faszinierenden Strukturen in den sechs germanischen Sprachen einen erheblichen empirischen Gewinn darstellt, sondern die auch durch ihren konstruktionsgrammatischen Ansatz und die Fragen nach Synchronie und Diachronie dieser Strukturen genau die richtigen Weichen für zukünftige Projekte stellt. So bleibt nur noch die Feststellung: Wenn das mal Schule machte!

Literatur

Bergs, Alexander. 2017. The myth of the complete sentence – a response to Traugott. In: English Language and Linguistics 21.2, 311–316. Search in Google Scholar

Cristofaro, Sonia. 2012. Routes to insubordination: a typological perspective. Paper presented at the symposium Dynamics of Insubordination, October 25–28. Tokyo. Search in Google Scholar

F.A.Z.Net 3.10.2011; https://tinyurl.com/y2q4vnd5 Search in Google Scholar

Goldberg, Adele. 1995. Constructions. A construction grammar approach to argument structure. Chicago: University of Chicago Press. Search in Google Scholar

Goldberg, Adele. 2006. Constructions at Work. The nature of generalization in language. Oxford: Oxford University Press. Search in Google Scholar

Heimatjahrbuch Kreis Ahrweiler. 2018 https://relaunch.kreis-ahrweiler.de/kvar/VT/hjb2018/hjb2018.60.pdf Search in Google Scholar

Online erschienen: 2021-10-12

© 2021 Alexander Bergs, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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