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BY 4.0 license Open Access Published by De Gruyter December 2, 2021

Simon Pickl & Stephan Elspaß (Hg.). 2019. Historische Soziolinguistik der Stadtsprachen. Kontakt – Variation – Wandel (Germanistische Bibliothek 67). Heidelberg: Universitätsverlag Winter. 230 S.

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Rezensierte Publikation:

Simon Pickl & Stephan Elspaß (Hg.). 2019. Historische Soziolinguistik der Stadtsprachen. Kontakt – Variation – Wandel (Germanistische Bibliothek 67). Heidelberg: Universitätsverlag Winter. 230 S.


Als Utz Maas und Klaus J. Mattheier 1987 einige allgemeine Überlegungen zur Erforschung historischer Stadtsprachen veröffentlichten, verwiesen sie in den von ihnen skizzierten vier Problemfeldern der Stadtsprachenforschung bereits auf die Heterogenität der Sprachpraxis und auf die Notwendigkeit, den Ort der untersuchten Sprachpraxis sozialgeschichtlich genau zu fassen (vgl. Maas & Mattheier 1987: 228f.). Dieser Frage, wie Sprachen und Varietäten in komplexen Gesellschaften funktionieren, geht auch die sich ebenfalls seit den 1980ern herausbildende Disziplin der Historischen Soziolinguistik nach (vgl. Auer et al. 2015: 2 und 7). 2016 brachte die 34. Jahrestagung des Internationalen Arbeitskreises Historische Stadtsprachenforschung in Salzburg beide Disziplinen explizit zusammen. Seit 2019 liegt nun auch der Tagungsband im Universitätsverlag Winter vor.

Aufbau des Bandes

Der Band versammelt neben einem Vorwort und einer Einführung durch die Herausgeber neun Beiträge, die nach Epochen gegliedert angeordnet wurden. Das Mittelalter ist dabei mit drei, die Frühe Neuzeit mit zwei und die Neuzeit mit vier Studien vertreten. Der Band deckt dadurch einen Zeitraum vom 11. bis ins frühe 20. Jahrhundert ab. Mit Arend Mihm, Nikolaus Ruge, Anita Auer, Rudolf Steffens, Helmut Graser und B. Ann Tlutsy, Megumi Sato, Markus Schiegg, Jill Puttaert zusammen mit Iris Van de Voorde und Rik Vosters sowie Markus Denkler haben einige namhafte Forscherinnen und Forscher in diesem Bereich zu dem Band beigetragen. Geographisch liegt der Schwerpunkt deutlich auf dem deutschen Sprachraum (Nürnberg, zweimal Augsburg, Rheinfranken, Städte im ostoberdeutschen Sprachraum und in Westfalen). Ergänzt werden diese Orte durch Boulay/Bolchen im deutsch-französischen Grenzgebiet, das englische York und Flandern. Viele der Beiträge sind durch Grafiken, Tabellen, Karten, Faksimiles von Handschriften und Abdrucke weiterer sprachlicher Quellen bebildert.

Thematisch werden aktuelle und typische Themen sowohl der Historischen Soziolinguistik als auch der Historischen Stadtsprachenforschung behandelt. Vor allem Fragen der Mehrsprachigkeitsforschung wie kontaktinduzierter Sprachwandel, Sprachgrenzen, Varietätenschichtung und Sprachwahl stehen dabei im Vordergrund. Aber auch Fragen der Standardisierung und des Normbewusstseins, der Sprachgeschichte von unten und der Identifikationssprache wird nachgegangen, ebenso wie dem Varietätenreichtum in der Sprachgeschichte. Aufgrund des geographischen Schwerpunkts wird eine überwiegend germanistische Sichtweise präsentiert.

Inhalt

Der Abschnitt zum Mittelalter beginnt mit einem Beitrag von Arend Mihm zu Kulturtransfer und kontaktinduziertem Sprachwandel in Nürnberg. Dem Autor gelingt es, eine kurze, aber sehr gut aufbereitete Geschichte der Mehrsprachigkeit in Nürnberg zu schreiben, die er von der Stadtgründung bis in die Frühe Neuzeit nachzeichnet. Dazu verbindet er allgemeine Kenntnisse über Bevölkerungsgruppen in der Stadt mit sprachlichen Analysen ausgewählter Beispielquellen. Ein besonderes Augenmerk liegt bei Mihm auf dem Kulturtransfer durch die vielfältigen Beziehungen der Stadt zu anderen europäischen Sprachregionen und dem damit verbundenen Sprachwandel. Er zeigt so, welche entscheidende Rolle Mehrsprachigkeit in der Sprachentwicklung und -geschichte spielte.

Mit Nikolaus Ruge wird dann eine solche andere europäische Sprachregion betrachtet. In seinem Beitrag gibt der Autor Einblicke in die laufenden Arbeiten eines aus Historiker:innen und Sprachwissenschaftler:innen zusammengesetzten Teams, das sich der Erschließung und Auswertung von Materialien aus dem Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit aus Archivbeständen in der deutsch-französischen Grenzregion widmet. Anhand von Quellen aus dem Archiv der Herren von Boulay/Bolchen wird die Schreibsprache dieser Stadt mikrolinguistisch insbesondere im Hinblick auf romanische Einflüsse in deutschsprachigen Quellen und – wenn auch seltener – vice versa analysiert. Zumindest für diese Quellen lässt sich hier nachweisen, dass die zu Beginn der Untersuchung französischsprachige Enklavensituation der Stadt auch in den deutschsprachigen Quellen deutlich wird.

Anita Auer schließt den Mittelalterteil mit einem Beitrag, der wie schon der erste die These einer geradlinigen Sprachentwicklung hin zu unserem heutigen Standard kritisch hinterfragt. In „Die Stadtsprache Yorks. Ein Baustein zu einer alternativen Standardisierungsgeschichte des Englischen“ zeigt Auer, dass im Prozess der Standardisierung in England ein Dialektmerkmal des Südens, die Endung der 3. Ps. Sg. Präs. Ind. auf ‑th, zunehmend in nordenglischen Texten Einzug hält, obwohl sich am Ende das nördliche Pendant, die Endung auf -s, doch als Standard durchsetzen wird.

Die nächsten beiden Beiträge beziehen sich auf die Frühe Neuzeit. Dieser Abschnitt beginnt mit der Studie von Rudolf Steffens, der Femininmovierungen im Mittelalter und der Frühen Neuzeit vorstellt und ihren linguistischen Ursprüngen sehr detailliert nachgeht. Die Vielzahl an Möglichkeiten zur Femininmovierung mag überraschen; die Zuordnung von konkreter Form und historischem Suffix ist allerdings auch äußerst komplex, da die Formen durch Verschleifung und Wandel zusammenfallen können. Dieser Beitrag ist stärker regionalsprachlich orientiert. Die Aufnahme in diesen Band macht aber deutlich, dass Stadtsprachenforschung eben auch auf Erkenntnisse aus der Regionalsprachenforschung dringend angewiesen ist und die Grenzen nicht immer klar zu ziehen sind.

Helmut Graser und B. Ann Tlusty haben in ihrer Untersuchung ein Pasquill (eine Schmähschrift) eines Augsburger Webers aus dem späten 16. Jahrhundert und dessen Zitierung durch die städtische Justiz in den Mittelpunkt gestellt. Aus dem Vergleich können sie aufschlussreiche Unterschiede im Schreibverhalten Angehöriger unterschiedlicher Schichten vor allem im Hinblick auf Mundartformen aufzeigen. Als normative Kontrastfolie dient die Augsburger Druckersprache der damaligen Zeit. Der Beitrag ist reich an Beispielen aus zahlreichen Quellen, führt diese aber am Ende so gut und sinnvoll zusammen, dass die Schlusserkenntnis sehr gut deutlich wird. Auch die Ergebnisse dieses Beitrags widersprechen somit der Annahme, dass sich der Sprachgebrauch teleologisch entwickeln würde.

Die letzten vier Beiträge widmen sich der Neuzeit. Megumi Sato geht dem individuellen Sprachgebrauch bedeutender Persönlichkeiten des 18. und 19. Jahrhunderts nach und vergleicht diese mit Zeitungstexten aus den entsprechenden Regionen und Jahrzehnten. Geographisch betrachtet sie den oberdeutschen Sprachraum, hier vor allem Personen und Zeitungen aus Wien und München, und vergleicht die oberdeutschen Befunde mit solchen aus dem (ost-)mittel- und norddeutschen Sprachraum. Für diesen Beitrag stellt sie die Kasusrektion bei wegen in den Mittelpunkt. Auch wenn die Ergebnisse in Tabellen und Diagrammen präsentiert werden, überzeugt dieser Beitrag vor allem als qualitative Studie, da die Befunde unter Heranziehung des jeweiligen Bildungshintergrunds einleuchtend interpretiert werden.

Markus Schiegg untersucht in seinem Beitrag vor allem Briefe dreier Patienten der psychiatrischen Anstalt Irsee/Kaufbeuren, die aus Augsburg stammen und den „einfachen“ Schreibern zugeordnet werden, um der Schichtung und dem Wandel von Varietäten in der Augsburger Stadtsprache im 19. Jahrhundert näherzukommen. Dies liefert interessante und wichtige Ergebnisse in Hinblick auf die Variabilität sogenannter „einfacher“ Schreiber.

Daran schließt der Beitrag von Jill Puttaert, Iris Van de Voorde und Rik Vosters „Forgotten Voices from Below. Historical Sociolinguistic Research in Flanders“ indirekt an. Dieser stellt zunächst die lange Tradition der Erforschung von unterschichtigen Schreiber:innen in Flandern vor, in die sich ein aktuelles Projekt Puttaerts einreiht. Zugleich eröffnet er mit einer Diskussion um den Begriff der Armut und der Sozialen Klasse, die hier nach Weber eher als dynamisches Konstrukt gefasst werden, das aus einer ökonomischen Klassensituation resultiert, eine ganz andere Perspektive in diesem Band. Verbunden mit Ergebnissen einer Analyse zweier Korpora argumentieren die Autor:innen dafür, persönliche Variabilität der Schreiber:innen stärker in Betracht zu ziehen und Klassenbefunde nicht zu verallgemeinern.

Nach diesen eher mikrolinguistischen Studien schließt der Band mit einem makrolinguistischen Beitrag zu „Niederdeutsch als ‚Identifikationssprache‘. Das Beispiel westfälischer Notgeldscheine um 1920“ von Markus Denkler. Indem er die Ausgestaltung von Notgeldscheinen mit niederdeutschen Sprichwörtern und Zitaten mit der Heimatbewegung dieser Zeit in Verbindung bringt und den Inhalt der Zitate im Kontext ihrer grafischen Gestaltung und dem Ort der Ausgabe analysiert, kann Denkler zeigen, dass das Niederdeutsch auf den Geldscheinen keine kommunikativ-referentielle Funktion mehr erfüllt, sondern verstärkt der Identifikation dienen sollte. Allerdings gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Ort, an dem die niederdeutschen Notgeldscheine emittiert wurden, und dem Verbreitungsgebiet von gesprochenem Niederdeutsch zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Diesen Einzelbeiträgen vorangestellt ist eine Einführung der Herausgeber Simon Pickl und Stephan Elspaß mit dem Titel „Historische Soziolinguistik der Stadtsprachen“. Genauso grundlegend wie diese Überschrift ist auch die Ausrichtung dieses Textes. Nach einer Hinführung stellen die Autoren die Historische Soziolinguistik als linguistische Disziplin vor, beleuchten ihre Themen, Daten und Methoden, um sich dann der Stadt als Untersuchungsgegenstand innerhalb dieser Disziplin zuzuwenden. Damit erläutern sie nicht nur den soziolinguistischen Schwerpunkt dieses Bandes zur Historischen Stadtsprachenforschung, sondern schaffen auch einen mit Verweisen auf andere Autor:innen reich unterfütterten Grundlagentext, der beiden Disziplinen wichtige Impulse zu geben vermag. In ihrem abschließenden Ausblick wenden sie sich dann Fragestellungen der internationalen Historischen Soziolinguistik zu, die sie in der germanistischen Forschung nur zögerlich aufgegriffen sehen. Fünf dieser Ansätze listen sie auf und führen sie zugleich mit Beiträgen des vorliegenden Buches zusammen, womit sie den gesamten Sammelband zu einer Beispielsammlung der historisch-soziolinguistischen Stadtsprachenforschung machen.

Fazit

Der vorliegende Band führt nicht nur die sich schon lange nahestehenden Disziplinen der Historischen Soziolinguistik und der Historischen Stadtsprachenforschung theoretisch zusammen, sondern zeigt in seiner Vielfalt der Beiträge auch, wie viel Potential in diesem Bereich noch immer steckt. Die Einzelbeiträge liefern für ihre jeweilige Stadt und Region wichtige Erkenntnisse, doch auch Forschende mit anderen Städten als Untersuchungsgegenstand können von den hier präsentierten Methoden und Ansätzen etwas lernen. Immer wieder auftretende Themen, wie zum Beispiel die kritische Betrachtung einer teleologischen Sprachentwicklung und einer Determiniertheit der Schreiber:innen aufgrund ihrer sozialen Klasse, weisen zudem weit über den Bereich der Historischen Stadtsprachenforschung hinaus. Vor allem geben aber die beiden Herausgeber mit ihrer fundierten Einleitung allen Forschenden und Interessierten im Bereich der historisch-soziolinguistisch inspirierten Stadtsprachenforschung einen breiten Forschungs-, Methoden- und Themenüberblick an die Hand, der Anstöße für kommende Untersuchungen zu geben vermag.

Literatur

Auer, Anita, Catharina Peersman, Simon Pickl, Gijsbert Rutten & Rik Vosters. 2015. Historical sociolinguistics: the field and its future. In: Journal of Historical Sociolinguistics 1(1), 1–12.Search in Google Scholar

Maas, Utz & Klaus J. Mattheier. 1987. Die Erforschung historischer Stadtsprachen. Allgemeine Überlegungen und Beispiele. In: Zeitschrift für deutsche Philologie 106 – Sonderheft: Frühneuhochdeutsch, 227–245.Search in Google Scholar

Online erschienen: 2021-12-02
Erschienen im Druck: 2021-12-31

© 2021 Jan Niklas Heinrich, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

Downloaded on 5.3.2024 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/zrs-2021-2072/html
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