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BY 4.0 license Open Access Published by De Gruyter December 2, 2021

Ekkehard Felder & Andreas Gardt (Hg.). 2018. Wirklichkeit oder Konstruktion? Sprachtheoretische und interdisziplinäre Aspekte einer brisanten Alternative. Berlin, Boston: De Gruyter. 402 S.

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Rezensierte Publikation:

Ekkehard Felder & Andreas Gardt (Hg.). 2018. Wirklichkeit oder Konstruktion? Sprachtheoretische und interdisziplinäre Aspekte einer brisanten Alternative. Berlin, Boston: De Gruyter. 402 S.


Irgendwie sind wir alle Konstruktivist:innen. Zumindest in den im weiten Sinne pragmatisch geprägten Teilen der Sprachwissenschaft gehören Annahmen über eine wirklichkeitskonstituierende Funktion von Sprache und Sprachgebrauch o. ä. geradezu zur Axiomatik des Fachs. Dass Sprache in irgendeiner Art Wirklichkeit zu schaffen im Stande ist, ist oftmals konzeptioneller Ausgangspunkt sprachwissenschaftlicher Forschung und Lehre, so wie umgekehrt der sogenannte naive Realismus, demzufolge Sprache eine objektive Realität abzubilden vermag, schon durch die Bezeichnung als ‚naiv‘ von vornherein als unzulänglich zurückgewiesen wird. Für die Sprachwissenschaft ist das schon deshalb plausibel, weil es ihr selbst wissenschaftliche und gesellschaftliche Relevanz sichert. Denn Sprache kommt somit eine wichtige epistemologische Funktion und der Sprachwissenschaft mithin eine grundlegende methodologische Kompetenz auch für umfassendere Fragen nach dem Status und der Konstitution von Wirklichkeit zu. Und über die akademische Wissenschaft hinaus haben sich derartige Überlegungen natürlich längst auch ihren Ort in öffentlichen, z. B. sprachkritischen Debatten gesichert.

In der Frage aber, wie diese wirklichkeitskonstruktive Kraft von Sprache genau zu konzeptionalisieren ist und, noch allgemeiner gesprochen, wie überhaupt das Verhältnis von Konstruktion und Wirklichkeit gedacht werden kann, gibt es kaum Konsens, außer eben jenen, dass sich die Frage (immer noch) lohnt. Hier setzt der vorliegende Sammelband an und stellt einmal mehr die Frage, ob „wir tatsächlich einen Zugang zur Wirklichkeit“ haben oder „nur von unseren eigenen Konstruktionen der Wirklichkeit umgeben“ (Klappentext) sind. Der interdisziplinäre Band nimmt eine Bestandsaufnahme der facettenreichen disziplinären Zuschnitte dieser Frage und der in den letzten Jahrzehnten gelieferten Antworten vor. Dies tut er ausdrücklich vor dem Hintergrund der Beobachtung, dass in jüngerer Zeit nach einer Art Blütephase des Konstruktivismus wieder verstärkt dezidiert realistische Positionen, etwa unter dem Label „Neuer Realismus“, vertreten werden.

Im Einzelnen versammelt der Band 17 Beiträge von insgesamt 20 Autoren (eine geschlechtergerechte Schreibung erübrigt sich hier, da tatsächlich nur männliche Autoren vertreten sind) aus Sprachwissenschaft, Philosophie, Medienwissenschaft, Soziologie, Rechtswissenschaft, Theologie, Neurobiologie, Psychiatrie und Wirtschaftswissenschaft. Mit sieben Beiträgen ist die Sprachwissenschaft nicht nur am stärksten vertreten, sondern ihr wird auch eine besondere Klammerfunktion zugewiesen. Diese wird dadurch veranschaulicht, dass die Beiträge des Bandes durch die beiden sprachwissenschaftlichen Beiträge der Herausgeber eingeklammert werden, die durchaus als Einleitung bzw. Fazit gelesen werden können. Der Vielfalt der dazwischen vertretenen Disziplinen und sprachwissenschaftlichen Teildisziplinen (etwa Religionslinguistik, Politolinguistik oder Kognitive Linguistik) entspricht auch eine Vielfalt der akademischen Textsorten. Systematisierende oder auch historisierende Forschungsüberblicke sind ebenso vertreten wie eher essayistisch anmutende Reflexionen (etwa von Heinz Bude) und sogar, wenn auch sich vom Rest deutlich abhebend, eine empirische Fallstudie zum politischen Framing der CDU im Bundestagswahlkampf 2013 von Joseph Klein. Allen Beiträgen aber, selbst dem letztgenannten, kommt ein auf charakteristische Weise zugeschnittener, sozusagen reflexiv gewendeter Theorieanspruch zu. Nicht nur wird die als solche stets auch philosophisch grundierte Frage nach Status und Konstitution von Wirklichkeit adressiert. Wenigstens mitthematisiert wird immer auch die eigene disziplinäre Zuständigkeit für diese Frage im Gesamtverbund der Wissenschaften wie auch in der modernen demokratischen Gesellschaft. Deutlich wird dies etwa bei Felder, der die Herausforderungen durch den politischen Populismus und die Rede von alternative facts als Rahmen einbringt, in dem die von ihm diskutierten Fragen nach den sprachlich-diskursiven Mechanismen der Erzeugung von Faktizität ihre Relevanz und auch Brisanz erhalten.

Der Titel des Bandes Wirklichkeit oder Konstruktion?, der offenkundig auch den Beiträgern als Leitfrage aufgegeben war (mit Ausnahme von Pörksen, dessen Beitrag wortgleich bereits 2014 an anderer Stelle erschienen ist), deutet eine dichotome Unterscheidung an, die in den einzelnen Beiträgen durchgängig als zu starr, nicht zielführend oder gar als „fataler Dualismus“ (Liebert, S. 189) zurückgewiesen wird. Wenig überraschend ist es die goldene Mitte, die den Autoren als die plausibelste und auch für gesellschaftliche Problemlagen anschlussfähigste Lösung erscheint. Weder kann der in den 1980er Jahren sehr populäre Radikale Konstruktivismus noch überzeugen, noch wird stattdessen ein einfacher (‚naiver‘) Realismus propagiert. In vielerlei Gestalt begegnet in den Beiträgen eine Figur, die der Philosoph und Psychiater Thomas Fuchs „lebensweltlichen Realismus“ (S. 238) nennt und die kurz gesprochen darauf abhebt, dass auch den rein individuell-subjektiven Perspektiven eine durch die vorgängige Sozialität des Menschen verbürgte Intersubjektivität vorgeschaltet ist. Dieser (in seiner philosophischen Fassung maßgeblich von Heidegger entwickelte) Gedanke ist auch sprachwissenschaftlich anschlussfähig, wie besonders eindrücklich Alexander Ziem und Björn Fritsch unter dem Label eines soziokognitiven Konstruktivismus vor Augen führen. Sprachliche Zeichen vereinen beides: Sie sind kognitive Größen, die aber zugleich „intrinsisch sozial motiviert“ (S. 247) sind. Ein sprachlicher Zugang zur Welt ist somit stets einer, der mit Projektionen und Konstruktionen operiert, die jedoch sozial-diskursiv verfestigt und in dieser Hinsicht wirklich sind. Damit sind sie aber auch keine unumstößlichen, gleichsam vorgefundenen Tatsachen, sondern in ihrer Sozialität immer auch metasprachlicher – in Ludwig Jägers Termini „transkriptiver“ (S. 314) – Reflexion und Kritik zugänglich. Mit Variationen in den mal eher anthropologischen, mal eher wissenschaftsgeschichtlichen Begründungen und auch mit verschiedenen empirischen Anbindungen ist es dieser Kerngedanke, der in den meisten Beiträgen eine solide konstruktivistische Grundhaltung mit realistischen Positionen aussöhnt.

Auf eine Zusammenfassung aller 17 Beiträge sei im Folgenden verzichtet zugunsten einer Auswahl der sprachwissenschaftlichen bzw. sprachwissenschaftlich besonders anschlussfähigen Beiträge. Andreas Gardt liefert in seinem Eröffnungsbeitrag „Wort und Welt. Konstruktivismus und Realismus in der Sprachtheorie“ eine vor allem wissenschaftshistorisch perspektivierte Rekonstruktion konstruktivistischer und realistischer Positionen und ihrer argumentativen Stärken in Theorie und Empirie der Sprachwissenschaft. Letztlich kommt er zu einem Vermittlungsvorschlag, der zwar der Sprache „für die Entstehung unserer Bilder von der Wirklichkeit“ (S. 30) große Bedeutung zuweist, aber eine Widerständigkeit der Wirklichkeit, welche den Konstruktionen Grenzen setzt, nicht in Abrede stellt. Denn selbst soziale Institutionen wie etwa eine Nation seien, einmal als solche in Geltung gesetzt, den individuellen Konstruktionsakten vorgängig.

Eine ebenfalls wissenschaftshistorische, aber im Vergleich eher mikroperspektivisch orientierte Rekonstruktion nimmt Bernhard Pörksen in seinem Beitrag „Der Blick des Kritikers“ vor, in dem er die Debatte um den (Radikalen) Konstruktivismus in der deutschsprachigen Kommunikationswissenschaft nachzeichnet. Dabei diskutiert er die häufig erhobenen Einwände, die nicht nur das Theoriegebäude als solches betreffen, sondern auch seine praktischen und ethischen Implikationen etwa für den Journalismus und sein Selbstverständnis. Dabei kann Pörksen zeigen, dass konstruktivistische Annahmen mitnichten in einen völlig realitätsindifferenten und publikationsethisch bedenklichen Relativismus führen müssen, sondern vielmehr die besondere Verantwortung für die gewählten Darstellungsmittel ins Bewusstsein rufen. So kommt er am Ende zu einem „diskursiven Konstruktivismus“, der sich vor allem „gegen dogmatisch gewordene Objektivitätsansprüche“ (S. 97) richtet, um diskursiv anschlussfähig zu bleiben. Ein anderes Bewährungsfeld für konstruktivistische Gedanken diskutiert hingegen der Rechtswissenschaftler Paul Kirchhof in seinem Beitrag „Rechtssprache zwischen Ideal und Wirklichkeit“, in dem er zeigt, dass sprachliches Begreifen der Rechtswirklichkeit zwar mit Abstraktionen und Typisierungen arbeitet und idealisierende Konstruktionen vornehmen muss, sich aber dennoch gegenüber der empirischen Lebenswirklichkeit der Menschen, denen das Recht dienen soll, offen zeigen muss.

Aus religionslinguistischer Perspektive diskutiert Wolf-Andreas Liebert in seinem Beitrag „Können wir mit Engeln sprechen?“ sozusagen einen Grenzfall der üblicherweise als gültig angesetzten Realitätskonstruktionen. Ausgehend von verschiedenen Konzeptualisierungen des religiösen Grundbegriffs der Transzendenz und ihren Konsequenzen für den Begriff der Kommunikation und der religiösen Verständigung gelangt er schließlich zu einem pluralistischen und „aspektuale[n] Realitätsbegriff, der Wirklichkeit nicht gegen Konstruktion ausspielt“ (S. 189), sondern verschiedene Sprachen der Weltbeschreibung akzeptiert.

In dem bereits erwähnten Beitrag „Von der Sprache zur (Konstruktion von) Wirklichkeit“ liefern Alexander Ziem und Björn Fritsche einen umfassenden Überblick über rezente kognitionslinguistische Theorieentwürfe und empirische Befunde. Diese laufen in ihrer Darstellung auf einen soziokognitiven Konstruktivismus hinaus, der ganz grundsätzlich von der unhintergehbaren sprachlichen Geprägtheit dessen ausgeht, was als Wirklichkeit wahrgenommen wird. Wie Welt kognitiv erfassbar wird, ist durch die zur Verfügung stehenden sprachlichen Strukturen kodeterminiert, die ohnehin nicht auf Gegenstände als solche, sondern nur auf mentale Modelle referieren können, welche stets perspektivisch gebunden sind. Sozusagen aufgefangen wird dieser Konstruktivismus aber, wie bereits geschildert, durch die soziale Prägung sprachlicher Zeichen sowie durch die in sensomotorischen Erfahrungen grundierten Schemata (Embodiment), wie insbesondere die Theorie der konzeptuellen Metaphern deutlich macht. Ein solches Verständnis von kognitiver Linguistik, so machen die Autoren abschließend deutlich, hat auch großes heuristisches Potenzial für diskurs- und politolinguistische Fragestellungen.

Noch stärker sprachtheoretisch interessiert zeigt sich Ludwig Jäger in seinem Beitrag „Outthereness“, in dem er ausgehend von dem Befund einer Wirklichkeitsvergessenheit (post-)strukturaler Zeichentheorien einen Ausweg in einer inferentiellen Semantik findet. Nicht der Bezug auf Welt allein sichert das Funktionieren der semiologischen Mittel zur Verständigung, sondern erst ihre autoreferentielle Bearbeitung. Dennoch ist ein Bezug auf die Welt ‚da draußen‘ möglich, und zwar durch Indexikalität, über die das Reale in die Semiose „einbricht“ (S. 320). In vergleichbarer Argumentation stellt Matthias Attig in seinem Beitrag über den „Begriffsrealismus als sprachwissenschaftliches Problem“ Überlegungen zur Terminologieforschung an und zeigt in Anknüpfung an Adorno, wie der Stil und die syntaktisch-textuelle Fügung des Gebrauchs von Termini ihren kommunikativen Sinn ebenso prägt wie ihre aus der sozial-alltagssprachlichen Praxis entnommenen und auf die alltäglichen Gebrauchszusammenhänge verweisenden Bedeutungen.

In seiner empirischen Studie über „‚Betrachten der Wirklichkeit‘ und politisches Framing“ zeigt Joseph Klein, dass für den Bereich der strategischen politischen Kommunikation die Vorstellung einer vorgegebenen Wirklichkeit, die dann erst durch gezieltes Framing perspektivisch vermittelt würde, zu kurz greift. Denn schon die Frage, was überhaupt als politische Wirklichkeit gelten könne, an der etwa Parteien ihre Kampagnenkommunikation ausrichten, sei durch grundlegende Frames konstituiert, die sich etwa als konzeptuelle Metaphern rekonstruieren lassen, wie Klein selbst in seiner detailreichen Analyse vorführt. Ähnlich wie Pörksen kommt auch Klein dabei zu einer für die demokratische Gesellschaft optimistischen Schlussfolgerung: In der Konstruiertheit der politischen Realität zeigt sich ihre Vorläufigkeit und Verhandelbarkeit.

Auch Ekkehard Felder kommt in seinem abschließenden Beitrag „Wahrheit und Wissen zwischen Wirklichkeit und Konstruktion“ zu ähnlichen Ergebnissen. In diskurslinguistischer Argumentation schlägt Felder eine Unterscheidung zwischen Daten als dem unstrittig Vorgegebenen und Fakten als den erst diskursiv herzustellenden Deutungen dieser Daten vor. Das entscheidende Medium bei der Wissenskonstitution, die Sprache, muss dabei unterbestimmt bleiben, was aber nicht zu einem defätistischen Relativismus führen müsse, sondern in einer „vernunftorientierten und auf Plausibilität setzenden Diskurskultur“ (S. 393) aufgefangen werde.

In der Gesamtschau vermitteln die Beiträge des lesenswerten Bandes einen breiten Überblick über klassische und neuere Argumente und Positionen in der Konstruktivismus-Realismus-Debatte. Dabei ist die interdisziplinäre Komposition des Bandes zugleich der entscheidende Mehrwert wie auch die besondere Herausforderung für die Lesenden. Mitunter fällt es schwer, den Überblick zu behalten, zumal mit Ausnahme des Beitrags von Felder, der immer wieder aus den anderen Beiträgen des Bandes zitiert, sich keine Querbezüge zwischen den einzelnen Beiträgen finden. Für die Leserführung wäre womöglich ein einleitendes Kapitel mit einer Synopse der Beiträge oder – wie in amerikanischen Sammelbänden nicht unüblich – eine editors’ note vor jedem Beitrag hilfreich gewesen. Das fehlende Begriffs- und Namensregister fällt dagegen weniger ins Gewicht, da die Open-Access-Publikation bei Bedarf auch elektronisch durchsucht werden kann.

Durchaus verwunderlich ist aber die bereits angesprochene rein männliche Zusammensetzung der Herausgeber- und Beiträgerschaft. Ohne jeden Zweifel sind die Beiträger, darunter berühmte Namen wie John Searle, Heinz Bude und Gerhard Roth, herausragende Vertreter ihrer Disziplinen. Aber wenn der Band ausdrücklich das Ziel verfolgt, „die Kontroverse in ihrem aktuellen Stand“ (Klappentext) zu spiegeln, so frage ich mich doch, ob wirklich nur männliche Autoren in repräsentabler Weise an dieser Kontroverse beteiligt sind. Auch wenn man die bibliographischen Referenzen einbezieht, erhält man ein ähnliches Bild: Nur rund 100 der insgesamt 922 referenzierten Publikationen sind von Autorinnen (mit-) verfasst worden, wovon knapp die Hälfte auf das Konto von nur zwei Beiträgen geht. Es drängt sich der Eindruck auf, dass im Band ein sehr männlich dominierter Diskurs abgebildet (oder, wenn auch eher nicht willentlich, konstruiert?) wird. Zum Glück kann man die Autoren hier beim Wort nehmen und auf die Vorläufigkeit des Wissens und damit auch der im Band entwickelten Positionen verweisen. Die Kontroverse ist noch nicht zu Ende.

Online erschienen: 2021-12-02
Erschienen im Druck: 2021-12-31

© 2021 Simon Meier-Vieracker, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

Downloaded on 5.3.2024 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/zrs-2021-2077/html
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