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BY 4.0 license Open Access Published by De Gruyter December 2, 2021

Damaris Nübling & Stefan Hirschauer (Hg). 2018. Namen und Geschlechter. Studien zum onymischen Un/doing Gender (Linguistik – Impulse und Tendenzen 76). Boston, Berlin: De Gruyter. 328 S.

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Rezensierte Publikation:

Damaris Nübling & Stefan Hirschauer (Hg). 2018. Namen und Geschlechter. Studien zum onymischen Un/doing Gender (Linguistik – Impulse und Tendenzen 76). Boston, Berlin: De Gruyter. 328 S.


Der vorliegende Band ist ein grundlegender Beitrag zu dem schon von Peter Ernst geforderten Forschungsgebiet der Sozioonomastik, in welchem ein besonderes Augenmerk auf die Verknüpfungen von Namen bzw. Namentypen mit sozialen Kategorien gelegt wird. Enthalten sind elf genderonomastische Beiträge, die zum Großteil Verschriftlichungen von Vorträgen sind, die auf die transdisziplinäre Tagung „Rufnamen als soziale Marker: Namenvergabe und Namenverwendung“ vom 14. und 15. September 2015 zurückgehen. Zusätzlich zu den Tagungsbeiträgen wurden noch einige eingeladene Beiträge von weiteren ausgewiesenen ExpertInnen zum Thema für den Band eingeworben.

Wie die Herausgeberin und der Herausgeber in der Einleitung „Sprachen sprechen, Namen nennen, Geschlecht praktizieren – oder auch nicht“ (S. 1–25) hervorheben, geht es um die zentrale Bedeutung von Personennamen insbesondere bei der Herstellung und Sedimentierung von Geschlechterreferenz. Personennamen stellen somit ein äußerst wichtiges Puzzleteil im Geflecht der sprachlichen Äußerungen dar, die zur Indizierung von Geschlecht im Deutschen herangezogen werden können. Personennamen als „Sozionyme“ besitzen die Fähigkeit, zusätzlich zur Referenz auf eine bestimmte Person „viele soziale Differenzen und Zugehörigkeiten“ (S. 5) preiszugeben. Am eindrücklichsten zeigt sich diese Fähigkeit bei der „Masterkategorie“ (Vorwort) Geschlecht, eine Kategorie, die im menschlichen Alltag so wichtig erscheint, dass beispielsweise die Übereinstimmung von Vorname und Geschlecht juristisch vorgeschrieben ist (zumindest in Deutschland und Österreich). Bis vor Kurzem wurden Personennamen jedoch in der linguistischen (Gender-)Forschung vernachlässigt und das, obwohl das Thema ein sehr breites Spektrum an Forschungsfragen zulässt. Mit diesem wichtigen Band, der sich der Fragestellung aus linguistischer, soziologischer sowie historischer Sicht nähert, wird hier ein Forschungsbeitrag geliefert, mit dem der Weg zur Etablierung des Forschungsprogramms der Sozioonomastik geebnet wird. Die eingehende Beschäftigung mit der Kategorie Geschlecht bei Anthroponymen in der Linguistik war längst überfällig und wurde mit diesem aufschlussreichen Band endlich angestoßen. Eine unlängst erschienene, umfangreiche Studie einer Beiträgerin des vorliegenden Bandes (Schmidt-Jüngst 2020) führt diese Entwicklung des Forschungsfeldes fort.

Erst- und Umbenennung

Der Band ist in drei thematische Gruppen aufgeteilt. Die erste Gruppe, „Erst- und Umbenennung“, enthält zu Beginn eine pragmalinguistische Untersuchung von Inga Siegfried zu „Wissensansprüchen“ von Personennamen. Siegfried geht in diesem Zusammenhang der Frage nach, wie Personennamen „im Kontext unserer jeweiligen Kulturen zu einem gewissen Grad lesbar“ (S. 32) werden. Sie verweist darauf, dass Namen „primär im Kontext ihrer Vergabe lesbar [sind]“ (S. 35), und plädiert dafür, die kontextuelle Vergabe insbesondere auch in ihrer historischen Erforschung zu beachten. Diese Vorgangsweise wird im Folgenden anhand zweier historischer Beispiele anschaulich dargestellt, einer Namensänderung von 1615 und einer Namensverschleierung in Form der äußerst dramatischen Geschichte eines Waisenkindes im 18. Jahrhundert. Der nächste Aufsatz von Miriam Schmidt-Jüngst beschäftigt sich mit dem Rufnamenwechsel als performativem „Akt der Transgression“, wie es im Titel heißt. Im Beitrag wird auf drei Arten des Namenwechsels eingegangen, nämlich religiöse, migrantische und geschlechtstransitorische Namenwechsel. Der Wechsel des Rufnamens stellt dabei immer eine Art Grenzüberschreitung dar, welche mehr oder weniger radikal sein kann. Namenwechsel von KonvertitInnen, die beispielsweise vom Christentum zum Islam übergetreten sind, betreffen die Grenzen des Selbst und die Handlung des Wechsels ist wichtiger als der gewählte Name selbst. Andererseits gibt es hier auch eine juristische Grenze: Religiös motivierte Namenwechsel sind nicht verpflichtend und die Entscheidung darüber obliegt letztlich dem Gericht (S. 55). Namenänderungen im Zuge von Migration berühren die weiteren sozialen Zugehörigkeiten und Beziehungen der Personen. Es geht dabei sehr oft darum, das von der migrantisierten Person selbst wahrgenommene Anderssein zu reduzieren (S. 58), um einem weiteren Othering zu entgehen: Es gibt hier also eine extrinsische Motivation für den Wechsel. Bei der Transition der Geschlechtskategorie steht eine extrinsische Motivation nicht nur im Hintergrund, sondern ein Rufnamenwechsel ist erzwungen, da gegengeschlechtliche Namen rechtlich (zumindest in Deutschland und in Österreich) nicht erlaubt sind. So wird der Namenwechsel von transgeschlechtlichen Personen als „zentraler Marker geschlechtlicher Transgression“ (S. 65) gewertet.

Der folgende Beitrag von Anika Hoffmann setzt sich mit der Phase auseinander, in der werdende Eltern auf der Suche nach einem Vornamen für das Ungeborene sind. Analysiert werden im Rahmen eines DFG-Projekts mittels Interviews erhobene sogenannte „Protonamen“, das sind nicht Personennamen im eigentlichen Sinn, sondern vielmehr vorübergehende Benennungsformen, die für das Ungeborene verwendet werden. Überwiegend werden hierfür kosenamenartige Bezeichnungen verwendet, die als „praktische Vorläufer personeller Benennungen“ (S. 17; S. 79) (z. B. Maus, Würmchen, ...) gelten können. Diese vorübergehenden Bezeichnungen erlauben es, ungezwungen das Ungeborene zu personalisieren, während der spätere, offizielle Rufname seine performative Kraft erst mit der Geburt des Kindes entfaltet (S. 98). Der letzte Beitrag der ersten Sektion von Anne Zastrow, ebenfalls zu Proto- oder Pränatalnamen, geht insbesondere auf die „(Ir-)Relevanz von Geschlecht bei Proto- oder Pränatalnamen“ (S. 119) ein. Zastrow hat die im Rahmen einer Onlinebefragung ermittelten Protonamen einer semantischen und phonetisch-phonologischen Analyse unterzogen und konnte dabei keine „Tendenz zur Kennzeichnung von Geschlecht“ in den Pränatalnamen ermitteln. Im Gegenteil: Der soziale Zwang zur Geschlechterdifferenzierung wird durch die eher geschlechtsindifferenten Pränatalnamen eher auf einen späteren Zeitpunkt verschoben.

Benennungen in Beziehungen

In den Beiträgen der Sektion „Benennungen in Beziehungen“ geht es vor allem um informelle Namentypen, wie beispielsweise Kosenamen. Petra Ewald und Laura Möws legen hierzu den Fokus auf Gratulations- und Glückwunschanzeigen in Zeitungen und untersuchen, welche inoffiziellen Personennamen (IPN) darin verwendet werden. Anhand eines Text- und Belegkorpus von 755 Anzeigen aus der Zeitungsgruppe „Neue Westfälische“ werden nach einer allgemeineren Einführung die Determinanten des IPN-Gebrauchs (S. 147) aufgezeigt. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass IPN vor allem für AdressatInnen von Glückwünschen verwendet werden, für Männer häufiger als für Frauen und für Jüngere häufiger als für Ältere.

Der zweite Beitrag von Antje Dammel, Yvonne Niekrenz, Andrea Rapp und Eva L. Wyss beschäftigt sich mit Kosenamen in heterosexuellen Beziehungen, und zwar insbesondere mit der Frage, wie mit den Namen Gender konstruiert wird. Dies wurden zum einen mittels einer explorativen, kleineren Fragebogenuntersuchung unter Germanistik-Studierenden erfragt. Eine Einschränkung besteht hier, wie von den Autorinnen angegeben, darin, dass eine deutliche Asymmetrie in Bezug auf Geschlecht bestand (127 w, 27 m). Zum anderen wurde hauptsächlich mit dem Koblenzer Liebesbriefarchiv gearbeitet. Beide Untersuchungen, die der Brief- und die der Befragungsdaten, geben Einblick in das onomastische Doing Couple (S. 186), das häufig das Doing Gender dominiert, denn „Paare können Gender in ihrer Kosenamenwahl und ihrem Kosenamengebrauch sowohl außer Kraft setzen als auch dramatisieren“ (S. 186). Simone Busley und Julia Fritzinger lenken im letzten Beitrag zu informellen Namentypen den Blick auf Personenreferenz. In einigen Dialekten kann auf weibliche Personen mit grammatischem Neutrum Bezug genommen werden, eine Eigenschaft, die jeweils den Rufnamen, das Pronomen oder beides betreffen kann. Auch für diese Studie wurde eine Befragung durchgeführt (S. 255), um die Rolle der Beziehung zwischen SprecherIn (S) und weiblichem Referenten (R) zu beleuchten. Das Neutrum wird hauptsächlich für „junge, vertraute, verwandte Frauen und Mädchen“ (S. 200) verwendet. Um der Funktion des Neutrums auf die Spur zu kommen, wurden zudem 200 Dialektgrammatiken sowie aktuelle Literatur durchforstet mit dem Ergebnis, dass sich das Genus in jüngerer Zeit von einer sozialen Platzanzeige zu einer Beziehungsanzeige gewandelt hat (S. 209).

Geschlechtertransgression und Geschlechterindifferenz

Im dritten thematischen Feld, „Geschlechtertransgression und Geschlechterindifferenz“, geht es darum, die Grenzen der Kategorie Geschlecht bzw. deren Sprengungen zu beleuchten. Christof Rolker erhellt in seinem Beitrag „Nachbenennungen über die Geschlechtergrenze. Rufnamen im Spätmittelalter diesseits und jenseits der Alpen“ über die Geschlechtergrenze gehende Nachbenennungen aus historischer Perspektive für Florenz (Catasto von 1427) und Konstanz (Steuerbuch von 1433). Untersucht wurden Namenpaare von weiblichen und männlichen Vornamen, wie Johann und Johanna. Dabei ergibt sich der interessante Kontrast, dass in Florenz für beide Geschlechter häufiger ähnliche Namen festzustellen sind als in Konstanz und dass häufiger vorkommende männliche Namen in movierter Form auch bei Frauen häufiger waren. Im deutschen Sprachraum wurden hingegen seltener Rufnamen durch Movierung gebildet und verwendet (S. 225). Einerseits wirken sich die unterschiedlichen Sprachsysteme auf die Namengrammatik aus (Derivation vs. Komposition). Andererseits resultiert dieser Unterschied auch aus den unterschiedlichen Motivationen für die Namengebung: die wichtige Schutzfunktion von Heiligen(namen) in Florenz versus die Nachbenennung nach „Elternfiguren“ (S. 232). In ihrem Beitrag zu Jungenvornamen beschäftigt sich Damaris Nübling damit, wie die häufig gewählten Jungennamen in Deutschland jüngst phonologisch den Mädchennamen ähnlicher werden. Es findet also ein sprachliches Degendering bei den Jungennamen statt. So haben beispielsweise Konsonantencluster stark abgenommen und es gibt einen Trend zu einfachen Strukturen, wie beispielsweise in Nico, Leon, Lukas, usw. Die von Nübling schon in früheren Beiträgen (Nübling 2009; 2014) festgestellte Nivellierung der Geschlechtergrenze bei Vornamen sieht sie auch in den 2000er Jahren noch einmal Fahrt aufnehmen. Nübling legt dar, wie seit der Jahrtausendwende eine Enthärtung weiblicher Marker an Jungennamen stattgefunden hat. Beispielsweise gibt es eine zunehmende Zahl von Jungennamen, die auf -a auslauten und heute nicht mehr als Mädchennamen interpretiert werden. Gleichzeitig wird das phonologische Degendering aber auf graphematischer Ebene unterlaufen, indem vor allem ausschließlich bei Jungen Schreibungen, die den Vokalauslaut versiegeln (wie Noah, Eliah, Jonah) zu finden sind. Dies zeigt, dass ein völliger Verlust der Möglichkeit zur Geschlechtsmarkierung wohl eher wenig Akzeptanz findet. Eine ähnliche Entwicklung beobachtet auch Miriam Schmuck, die sich kontrastiv mit dem Phänomen der (seltenen) Unisexnamen auseinandersetzt und solche Vornamen im Deutschen und Niederländischen genauer beleuchtet (jeweils Top 1000). Im Deutschen sind Unisexnamen wie Janne, Kim oder Nikola bis heute eine Randerscheinung und sehr niedrigfrequent. Im Niederländischen ist die Vergabefrequenz deutlich höher, jedoch zeigen auch diese Namen die Tendenz zur hauptsächlichen Festlegung auf ein Geschlecht. Niederländische Unisexnamen wie Rob(b)in, Noa, Sam, Bo oder Jip können als äußerst instabil gesehen werden. Es kann durchaus vorkommen, dass es einen längeren Zeitraum der beidgeschlechtlichen Vergabepraxis gibt. Dennoch erfolgt auch bei diesen Namen langfristig eine Festlegung. Last but not least blickt Katharina Leibring im einzigen englischsprachigen Beitrag ebenfalls über das Deutsche hinaus auf das Schwedische und untersucht in einer Fragebogenstudie die Einstellungen schwedischer TeenagerInnen zu Unisex- oder geschlechterüberschreitenden Namen. 316 SchülerInnen verschiedener Schulformen füllten den Fragebogen aus. Die gewonnenen Daten wurden außerdem verglichen mit jenen einer nationalen Studie von 2012. Besonders interessant ist, dass in dem Fragebogen auch Freitext-Antworten vorgesehen waren, welche ebenfalls in die Analyse einbezogen wurden. Die Autorin erkennt in den Antworten zu Unisexnamen beispielsweise den Wunsch der Jugendlichen nach einer egalitären Gesellschaft sowie die Sorge um Personen, deren Gender als „ambivalent“ (S. 312) gesehen wird. Auch die Einstellungen schwedischer Jugendlicher zu „gender crossing“-Vornamen sind deutlich positiver als die Einstellungen, die von Erwachsenen erhoben wurden. Sie zeigen allerdings auch Ängste, dass solche Namen zu Mobbing von Kindern führen könnten. Im Gegensatz zur zögerlichen Einstellung der Öffentlichkeit in Bezug auf die Verwendung von „gender crossing“-Vornamen hat sich die schwedische Gesetzgebung aber klar dafür ausgesprochen, dass diese möglich sind.

Insgesamt ist „Namen und Geschlechter. Studien zum onymischen Un/doing Gender“ ein äußerst empfehlenswerter Band zu einem hochinteressanten Thema. Spielten Personennamen in der linguistischen Forschung bisher eher eine Nebenrolle, werden sie mit diesem Band in einen soziolinguistischen Fokus gerückt. Auch in der Onomastik waren Anthroponyme bisher fast ausschließlich etymologisch betrachtet worden. Die innovativen Blickwinkel auf Personennamen in dem Band sowie die zahlreichen Befragungsstudien sind erhellend. Als kleiner Kritikpunkt oder Zukunftswunsch ließe sich vielleicht anmerken, dass korpuslinguistische Untersuchungen zu einigen der untersuchten Phänomene ein Desiderat sind. Beispielsweise wäre es eine Möglichkeit die zahlreichen Schwangerschafts- und Geburtsforen im Internet für eine solche Analyse heranzuziehen, um beispielsweise Protonamen zu untersuchen. Vielleicht eine Aufgabe für einen Fortsetzungsband?

Literatur

Nübling, Damaris. 2009. Von Monika zu Mia, von Norbert zu Noah: Zur Androgynisierung der Rufnamen seit 1945 auf prosodisch-phonologischer Ebene. In: Beiträge zur Namenforschung 44/1, 67–110.Search in Google Scholar

Nübling, Damaris. 2014. Von Elisabeth zu Lilly, von Klaus zu Nico: Zur Androgynisierung und Infantilisierung der Rufnamen von 1945 bis heute. In: Susanne Günthner, Dagmar Hüpper & Constanze Spieß (Hg.): Genderlinguistik. Sprachliche Konstruktionen von Geschlechtsidentität. Berlin, New York: De Gruyter, 319–357.Search in Google Scholar

Online erschienen: 2021-12-02
Erschienen im Druck: 2021-12-31

© 2021 Claudia Posch, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

Downloaded on 5.3.2024 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/zrs-2021-2078/html
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