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BY 4.0 license Open Access Published by De Gruyter December 2, 2021

Sabine De Knop & Manon Hermann (Hg.). 2020. Funktionsverbgefüge im Fokus. Theoretische, didaktische und kontrastive Perspektiven (Linguistik – Impulse & Tendenzen 89). Berlin, Boston: De Gruyter. 243 S.

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Rezensierte Publikation:

Sabine De Knop & Manon Hermann (Hg.). 2020. Funktionsverbgefüge im Fokus. Theoretische, didaktische und kontrastive Perspektiven (Linguistik – Impulse & Tendenzen 89). Berlin, Boston: De Gruyter. 243 S.


Der heterogene Bereich verbonominaler Konstruktionen des Typs zum Ausdruck kommen, in Bewegung setzen usw., die zumeist mit dem Terminus Funktionsverbgefüge (FVG) erfasst werden, hat seit den 1960er Jahren immer wieder die Aufmerksamkeit der Linguistik gefunden, und mittlerweile liegt eine ganze Reihe einschlägiger Publikationen vor. Dabei wechselten Fragestellungen, Konzepte sowie theoretische Paradigmen, und es wurden verschiedene methodische Zugriffsweisen erprobt. Von einem Konsens kann nach wie vor keine Rede sein, und es ist auch nicht klar, ob FVG in die Zuständigkeit der Grammatikographie fallen oder als lexikalische/phraseologische Einheiten behandelt werden sollten. Vor dem Hintergrund dieser disparaten Forschungssituation und der Tatsache, dass die Diskussion um FVG in den letzten Jahren etwas zum Erliegen gekommen ist, möchten die Herausgeberinnen des vorliegenden Sammelbandes die FVG „in ein neues Licht setzen“ (Einleitung), auf aktuelle Forschungsdesiderate hinweisen und somit die Beschreibung der FVG in „Erweiterung und Fortsetzung der germanistischen Tradition“ (S. 3) vorantreiben.

Die insgesamt sieben Einzelbeiträge sind jeweils einem von drei Themenbereichen zugeordnet, wobei ein gewisser Schwerpunkt im Bereich der Sprachdidaktik zu erkennen ist. Der erste Teil ist der „Abgrenzung des Untersuchungsgegenstandes“ gewidmet und soll neben einem „historische[n] Rückblick“ auch „neue Entwicklungen“ präsentieren. Die Beiträge im zweiten Teil erproben „Neue korpuslinguistische Werkzeuge für die Beschreibung der Funktionsverbgefüge“, und in Teil III werden „Neue Wege für die Lexikographie und die interlinguale Analyse“ eröffnet.

Antje Heine („Zwischen Grammatik und Lexikon. Ein forschungsgeschichtlicher Blick auf Funktionsverbgefüge“, S. 15–38) skizziert zunächst in Grundzügen die Entwicklung der germanistischen FVG-Forschung seit den 1960er Jahren. Leitender Gesichtspunkt ist für sie die Frage, ob FVG als lexikalische bzw. phraseologische Einheiten oder als grammatische Kategorie zu beschreiben seien. Für die Zeit seit den 1990er Jahren konstatiert sie eine Hinwendung zu „anwendungsbezogenen Betrachtungen“ (S. 21). Der Anwendungsbereich, der die Autorin am meisten interessiert, ist der Unterricht DaF/DaZ, weshalb die Darstellung der FVG in ausgewählten DaF/DaZ-Grammatiken und -Wörterbüchern (S. 24–30) vergleichsweise breiten Raum einnimmt. Heine erkennt in der sehr detaillierten Beschreibung insbesondere in den Grammatiken einen Beleg für die „enge Verwobenheit von Lexikon und Grammatik in Bezug auf die Funktionsverbgefüge“ (S. 27). Vor diesem Hintergrund plädiert sie dafür, für eine adäquate Beschreibung der FVG künftig konstruktionsgrammatische Ansätze heranzuziehen (S. 31–33). Hier könnte sich in der Tat eine vielversprechende Perspektive abzeichnen, wobei die Ausführungen etwas vage bleiben; angesichts der Zielsetzung des vorliegenden Bandes hätte es sich angeboten, exemplarisch zu demonstrieren, inwiefern konstruktionsgrammatische Analyseansätze leistungsfähiger sind als traditionelle Zugänge.

Manon Hermann („Über Funktionsverbgefüge und verbale Mehrwortverbindungen. Eine Analyse am Beispiel von stellen“, S. 39–72) untersucht Konstruktionen des Typs in Aussicht stellen. Angesichts der notorischen Abgrenzungsproblematik schlägt sie vor, auf die Bezeichnung FVG zu verzichten und stattdessen von „verbalen Mehrwortverbindungen“ zu sprechen; auf diese Weise ist es möglich, sowohl Verbindungen mit desemantisierten Verben (in Aussicht stellen, in Rechnung stellen) zu berücksichtigen als auch solche Gefüge, in denen stellen als semantisch spezifisches Lokalisierungsverb fungiert (zur Schau stellen). So können freie Wortverbindungen, Kollokationen und Idiome berücksichtigt werden (vgl. S. 51). Da die Kategoriengrenzen durch unscharfe Ränder gekennzeichnet sind, hält sie eine Beschreibung nach der Prototypentheorie für angemessener. Die Fügungen wie die beteiligten Elemente sind jeweils unter verschiedenen Kriterien auf einem Kontinuum zu verorten (vgl. S. 59–60). Bei der semantischen Analyse der Mehrwortverbindungen wird die jeweils unterschiedliche Konzeptualisierung der beteiligten Elemente zugrunde gelegt.

Der Beitrag von Alain Kamber („Von der Frequenz zur Affinität: Funktionsverbgefüge für fortgeschrittene Lernende“, S. 75–100) ist der Frage gewidmet, wie mittels moderner Korpusanalysetools die für den Fremdsprachenunterricht tatsächlich relevanten FVG zu ermitteln sind und wie derartige Untersuchungen im Rahmen eines data-driven learning (vgl. S. 76) in den Unterricht integriert werden können. Er geht von der Annahme aus, dass Kookkurrenzanalysen die Argumentstruktur prototypischer FVG sichtbar machen können, und führt das am Beispiel des Digitalen Wörterbuchs der deutschen Sprache (DWDS), des Deutschen Referenzkorpus (DeReKo) und des Projekts Wortschatz Leipzig vor. An einigen Beispielen aus der Unterrichtspraxis wird gezeigt, wie eigenständige Datenanalysen – ggf. auch in vereinfachter Form – sinnvoll für den Unterricht fruchtbar gemacht werden können; dabei spielt auch die kontrastive Perspektive im Sprachenpaar Deutsch-Französisch eine Rolle, indem nach den Äquivalenten französischer FVG im Deutschen gesucht werden soll.

Um die Nutzung digitaler Ressourcen für die Beschreibung der FVG geht es auch im Beitrag von Jörg Didakowski und Nadja Radtke. Sie untersuchen die „Verwendung der deutschen Stützverbgefüge mit Adjektiven und ihre Ermittlung mithilfe des DWDS-Wortprofils“. Unter die Bezeichnung Stützverbgefüge (SVG) werden verschiedene Typen subsumiert (S. 103). Ausgangspunkt ist die Überlegung, dass die nominalen Kerne von Konstruktionen wie Kritik üben oder in Verbindung bringen durch adjektivische Attribute spezifiziert werden können (in enge Verbindung bringen), aber auch eine Modifikation durch adverbial gebrauchte Adjektive möglich ist (scharf Kritik üben, S. 107). Da hier aber offenbar verschiedene Restriktionen bestehen, kann nicht vorhergesagt werden, welche Modifikation im Einzelfall akzeptabel ist und welche Paraphrase adäquat wäre. Didakowski und Radtke zeigen, wie die Extraktion grammatischer Kookkurrenzen im Wortauskunftssystem des DWDS eine Menge von typischen Verbindungen sichtbar machen kann, sodass sich Wortprofile für die an den SVG beteiligten Elemente ergeben. So lassen sich „kollokative Präferenzen für bestimmte Adjektivattribute“ (S. 127) erkennen. Dieses Instrument dürfte sich nicht nur für didaktische Zwecke gewinnbringend nutzen lassen; je nach Korpuszusammenstellung ist es auch möglich, solche Profile für verschiedene Zeitschnitte zu erstellen und somit sprachlichen Wandel sichtbar zu machen.

Die letzten drei Beiträge betrachten FVG aus kontrastiver Perspektive. Fabio Mollica untersucht „Funktionsverbgefüge in ein- und zweisprachigen Wörterbüchern (für das Sprachenpaar Deutsch-Italienisch) aus der Perspektive der DaF-Benutzer“ (S. 137–178). Ausgehend von allgemeinen Überlegungen zur angemessenen lexikographischen Erfassung von FVG in ein- und zweisprachigen Wörterbüchern stellt er die Ergebnisse zweier metalexikographischer Tests vor, in denen italienische DaF-Studierende die Aufgabe hatten, im Rahmen von Übersetzungsübungen deutsche bzw. italienische FVG in die jeweils andere Sprache zu übersetzen, was durch Fremdbeobachtung protokolliert wurde. Dabei wurden die „Konsultationshandlungen der Wörterbuchbenutzer, ihre Erfahrungen und Fähigkeiten im Umgang mit den Wörterbüchern sowie die Validität der lexikographischen Darstellung von FVG“ in den Blick genommen (S. 155). Daraus ergeben sich verschiedene Anregungen für eine konsistentere und nutzerfreundlichere Darstellung der FVG.

Elmar Schafroth stellt „Überlegungen zu Funktionsverbgefügen aus sprachvergleichender Sicht“ an (S. 179–210). Ausgehend von dem Befund, dass es im Bereich der FVG in formaler und semantischer Hinsicht auffällige Parallelen zwischen dem Deutschen, dem Englischen und den romanischen Sprachen gibt (in Betracht ziehen / to take into consideration / tomar en consideración / prendere in considerazione / prendre en considération), beleuchtet er den phraseologischen Status der fraglichen „interlingualen“ FVG (S. 179), wobei er von Prototypen ausgeht (S. 184). Grundlegend ist für ihn die Frage: „Sind FVG Kollokationen oder sollten wir sie eher als eine Art Phraseoschablone oder Modellbildung betrachten?“ (S. 186). Er erörtert die Frage, wie FVG konstruktionsgrammatisch modelliert werden könnten, wobei er in Anlehnung an Traugott (2008) ein Vererbungsmodell mit verschiedenen Abstraktionsebenen ansetzt. Dabei ergibt sich das Problem, dass es angesichts der formalen Vielfalt der FVG „schwierig erscheint, sie alle auf der abstraktesten Ebene, der Makrostruktur, zu vereinen“ (S. 192), also ein Form-Bedeutungs-Paar zu bestimmen, das durch Struktur und Funktion definiert ist (vgl. S. 191). Schafroth regt abschließend sprachvergleichende Korpusuntersuchungen an und skizziert zahlreiche Fragestellungen, die hier relevant wären und nicht zuletzt für die Fremdsprachendidaktik nutzbar gemacht werden könnten (S. 201–204).

Eine sprachvergleichende Perspektive nimmt auch der Beitrag von Janusz Taborek ein („Kookkurrenz und syntagmatische Muster der Funktionsverbgefüge aus kontrastiver deutsch-polnischer Sicht am Beispiel in Not geraten“, S. 211–234). Hier wird das auch in anderen Beiträgen vorgeschlagene Verfahren einer automatisierten Kookkurrenzanalyse an einem konkreten Fallbeispiel erprobt. Der Autor zeigt, wie der Gebrauch deutscher FVG und der polnischen Äquivalente „mithilfe von Kookkurrenzen, syntagmatischen Mustern und Strukturformen“ angemessen beschrieben werden kann“ (S. 230).

Insgesamt liegt ein recht anregender Band vor. Die Beiträge skizzieren auf unterschiedliche und z. T. sehr anschauliche Weise aktuelle Desiderate und zeigen, welche Erkenntnisse mittels moderner korpuslinguistischer Verfahren möglich und künftig zu erwarten sind. Es zeigt sich, dass FVG noch immer ein lohnender Untersuchungsgegenstand sind, auch und gerade im Sprachvergleich.

Literatur

Traugott, Elizabeth Closs. 2008. Grammaticalization, constructions and the incremental development of language: Suggestions from the development of Degree Modifiers in English. In: Regine Eckardt, Gerhard Jäger & Tonjes Veenstra (Hg.). Variation, selection, development. Probing the evolutionary model of language change. Berlin, New York: Mouton de Gruyter, 219–250.Search in Google Scholar

Online erschienen: 2021-12-02
Erschienen im Druck: 2021-12-31

© 2021 Jan Seifert, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

Downloaded on 5.3.2024 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/zrs-2021-2080/html
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