Accessible Unlicensed Requires Authentication Published by De Gruyter Oldenbourg December 31, 2019

Zur fehlenden Äquivalenz von Mindestsicherungsbezug und Armutsgefährdung

Warum manche Armutsgefährdete keine Mindestsicherung beziehen, während andere Mindestsicherung ohne Armutsgefährdung erhalten

Holger Cischinsky and Ines Weber

Abstract

Die Armutsgefährdungsquote unterscheidet sich in Deutschland von der Mindestsicherungsquote. In Übereinstimmung mit anderen Studien zeigt unsere Analyse mit Daten des Sozio-oekonomischen Panels, dass neben der Überschneidung beider Gruppen es auch Haushalte gibt, die trotz Mindestsicherungsbezugs nicht armutsgefährdet sind, während andere Haushalte zwar armutsgefährdet sind, jedoch keine Mindestsicherungsleistungen beziehen. Die empirischen Auswertungen weisen darauf hin, dass diese Unterschiede von der Art des Haushaltstyps und des Wohnorts abhängen. Da diese Ex-post-Analyse jedoch unvermeidlich unpräzise ist, greift dieser Artikel ferner auf ein Analysetool zurück, welches eine Ex-ante-Analyse des Mindestsicherungsanspruchs auf der Haushaltsebene ermöglicht. Die vorgenommene Analyse identifiziert die zugrundeliegenden Gründe für die beobachtete fehlende Übereinstimmung zwischen Armutsgefährdungs- und Mindestsicherungsquote.

Abstract

In Germany the poverty-risk rate differs from the rate of recipients of minimum social security benefits. Consistently with other studies, our analysis based on the German Socio-Economic Panel indicates that, in addition to an overlap of these two groups, some households receive social security benefits without being at risk of poverty, while other households do not receive social security benefits even though they are at risk of poverty. Empirical evidence suggests that these differences stem from the household type or place of residence. This ex-post-analysis however is inevitably inaccurate; hence this paper employs an analytical tool, which enables an ex-ante-analysis of eligibility for various kinds of minimum social security benefits on the household level. The performed analysis based on legal provisions identifies the underlying causes for the observed mismatch between the poverty rate and the rate of recipients of minimum social security benefits.

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Published Online: 2019-12-31
Published in Print: 2019-12-18

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