Accessible Unlicensed Requires Authentication Published by De Gruyter Oldenbourg September 11, 2012

Mittelalter in der größeren Welt. Eine europäische Kultur in globaler Perspektive

Michael Borgolte
From the journal

Zusammenfassung

Eine Weltgeschichte, die alles Gewesene umfasst, neben dem Dominanten auch dem je Marginalen gleiches Recht widerfahren lässt und das Ganze in eine universale Deutung von Epochen bringt, ist unmöglich. Wo heute Weltgeschichte betrieben und gelesen wird, erwartet man von ihr aber auch keine Sinnstiftung mehr; vielmehr wird die Vergangenheit auf die nüchterne Erkenntnis bezogen, dass sich in der Gegenwart die Kommunikation universell verdichtet und beschleunigt und Grenzen für die Mobilität von Menschen, Gütern und Ideen weitgehend gefallen sind. Die neue Globalgeschichte will nicht mehr Zivilisationen vergleichen, sondern ihre Interaktionen erfassen; sie ist methodisch weniger anspruchsvoll als die herkömmliche Universalgeschichte, dafür aber auch im Unterschied zu dieser wirklich erforschbar. Das gilt auch für das Mittelalter, das zwar eine kleinere Ökumene umgreift als die heutige Welt, aber in seinem europäisch-nordafrikanisch-asiatischen Raum zahllose Schauplätze transkultureller Verflechtungen bietet.

Wie der Mittelalterband der WBG-Weltgeschichte belegt, rücken Europa und das Mittelmeer in globalhistorischer Perspektive an den Rand ihrer Ökumene. In einer Zeit vorwiegend ostwestlich gerichteter Austauschbeziehungen lag das Scharnier der Welt, wo die drei Kontinente aufeinanderstießen, am Schwarzen Meer und in der Levante. Mit ihrer Herrschaft über die Wasserwege zwischen Mittelmeer und Indischem Ozean kam in der längsten Zeit des „Mittelalters“ muslimischen Herren die Schlüsselrolle zu. Eine weitere Konsequenz des neuen Ansatzes lag darin, dass die Nomaden in gleichen Rang zu den sogenannten Hochkulturen aufrückten und unter dem Aspekt der Vielfalt der Vorsprung des plurireligiösen Asiens gegenüber Europa evident wurde.

Für eine transkulturelle Erforschung des mittelalterlichen Jahrtausends eignet sich neben den großen Reichsbildungen und dem Fernhandel besonders das unerschöpfliche Feld der Migrationen. Dabei muss die Verlockung von Identitätsbehauptungen gemieden werden, die bis in die Gegenwart etwa die traditionelle Völkerwanderungsforschung in die Irre führt; statt Kulturen zu essentialisieren, kommt es darauf an, den Austausch menschlicher Lebenspraktiken und -deutungen als unaufhörlichen kulturellen Prozess zu verstehen. Auch die Reiseforschung hat sich zu lange der Wahrnehmung und Evokation des Fremden als Faszinosum hingegeben und muss die Dimension der „cross-cultural interaction“ eigentlich noch entdecken. Zu den vielen neuen Aufgaben für kreative Köpfe gehört eine Geschichte der Diplomatie in kulturwissenschaftlicher Absicht.

Abstract

It is impossible to write a world history that includes all aspects of the past and integrates them into a universal interpretation. Wherever world history is written and read today, it is no longer expected to construct meaning in history. Instead, history is seen in the light of the observation that universal communication intensifies and accelerates today and that borders for the movement of people, goods and ideas are disappearing. Global history no longer wants to compare civilisations, but to examine their interactions instead. Methodically, it is less demanding than conventional universal history but also more promising. This also holds true for the Middle Ages, which may encompass a smaller ecumene than does today’s world, but which offers in its European-North African-Asian context countless instances of intercultural entanglements.

Recently the „Wissenschaftliche Buchgesellschaft“ (Darmstadt) published a new „World History“.  The volume covering the Middle Ages clearly shows that, from a global perspective, Europe and the Mediterranean are rather marginal regions of the medieval ecumene. In those days, when cultural exchange took place primarily between East and West, the axis of the world lay at the Black Sea and the Levant. Because of their dominance over the waterways between the Mediterranean and the Indian Ocean, Muslim rulers held a key position for the largest span of time in the so-called Middle Ages. Another consequence of this new approach is that nomadic people and civilizations receive equal credit and attention and that Asia’s religious pluralism – as compared to Europe – becomes evident.

In addition to the formation of empires and long-distance trade, the inexhaustible field of migration is well-suited for cross-cultural investigation of the medieval millennium. In fact, even research in the field of travelling in the Middle Ages has not yet fully discovered the dimension of „cross-cultural interaction“. Also, a history of diplomacy from the perspective of cultural studies is among the many new tasks for creative minds.

Published Online: 2012-09-11
Published in Print: 2012-09

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