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  • Author: Daniel Fulda x
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Die Komödie um die Entstehung der Marktgesellschaft von Shakespeare bis Lessing
Die Entstehung der modernen deutschen Geschichtsschreibung 1760-1860

Während die Komödie in den sechziger und siebziger Jahren ein bevorzugter Gegenstand poetologischer und gattungshistorischer Forschungen war, hat sie seitdem relativ wenig literaturwissenschaftliche Aufmerksamkeit gefunden. Was sie einst interessant machte – ihre sozialhistorische Sättigung, allgemeiner: ihr ‚Sitz im Leben‘, das heißt ihre anthropologisch zu fassenden Wurzeln in Komik und Spiel –, das bremste ihre Erforschung unter gewandelten literaturtheoretischen Prämissen und Interessen. Werden Texte an sich und sämtlich als grenzverwischende Spiele begriffen, so verliert die Komödie ihren ‚Leichtigkeitsvorsprung‘ vor anderen Gattungen. Zudem läßt sich die komplexe lebensweltliche Verflechtung und Theatralität der Komödie kaum nur als Spiel von Signifikanten fassen.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts verliert die deutsche Komödie – genauer: die norddeutsche Literaturkomödie – weithin ihre Belachbarkeit. Helmut Arntzen verstand das Zurücktreten komischer Aktionen als „Folge einer als Ganzes ernsthaft, nämlich offenkundig problematisch werdenden Gesellschaft“. Als Kronzeuge diente ihm J. M. R. Lenz, der in seiner Selbstrezension des Neuen Menoza proklamierte: „Komödie ist Gemälde der menschlichen Gesellschaft, und wenn die ernsthaft wird, kann das Gemälde nicht lachend werden.“ Wie Christian Neuhuber an einer zentralen Stelle seines Buches herausstellt, ist dem Kontext der vielzitierten Stelle freilich zu entnehmen, daß Lenz keineswegs besonders problematische „gesellschaftliche Zustände“ im Blick hatte (S. 125). Ernster war, nach Lenz, vielmehr das Publikum geworden. Mit Ulrich Profitlich stellt Neuhuber daher fest, daß ‚ernsthaft‘ hier keine „‚Beschaffenheit des Objekts, sondern eine des rezipierenden Subjekts‘ bezeichnet“ (ebd.). Näher zu bestimmen sei – so Neuhubers eigene Deutung – dieser Ernst als „Ausdruck der intellektuellen Auseinandersetzung des Rezipienten mit der Bedeutung der dargestellten fiktionalen Wirklichkeitselemente für die eigene Wirklichkeit“: „In der Konfrontation mit dem Problemgehalt der Komödie kann und soll der Rezipient selbst entscheiden, was ihm ernst ist und was nicht, um auf diese Weise mehr über sich selbst zu erfahren“ (S. 127f.). Demgegenüber stelle die „Abnahme belachbarer Komik“ bloß eine Oberflächenwirkung dar (S. 15).

Wie verändert sich die Wahrnehmung und literarische Darstellung von Wirklichkeit, wenn sich die Einsicht durchsetzt, daß alles Sein geworden ist und sich in ständiger Veränderung befindet? Sie wird als Konstruktion begriffen und ausgewiesen, antwortet Dorothee Kimmichs Gießener Habilitationsschrift bereits im Titel. Zum ersten Mal geschehe dies mit dem ‚Ende der Kunstperiode‘, programmatisch bei den Jungdeutschen, literarisch beziehungsweise historiographisch-essayistisch dann bei Büchner und Heine. Studien zu weiteren deutschen wie französischen Autoren des 19. Jahrhunderts profilieren den teils erkenntnis-, teils darstellungstheoretischen Konstruktivismus, der sich aus der Einsicht in die Geschichtlichkeit und damit Inkonstanz alles ‚Wirklichen‘ ergeben habe, als Epochenkennzeichen. Umfassende narrative beziehungsweise rückhaltlose philosophische Reflexion auf jene Konstruktivität findet Kimmich schließlich einerseits in Flauberts Bouvard et Pécuchet, andererseits bei dem Genealogen Nietzsche.

Lessings singuläre Reputation in der Komödienforschung, sein Ruf, die deutsche Komödie erstmals auf europäisches Niveau gehoben und ihr wie kein anderer Autor des 18. Jahrhunderts Witz und Charaktertiefe, spielerische Turbulenz und zeitgeschichtlichen Gehalt verliehen zu haben, beruht im Grunde auf einem einzigen Stück, Minna von Barnhelm. Darüber hinaus haben neuerdings einige Jugendlustspiele stärkere Beachtung gefunden, denn sie ersetzen die gattungsnormative Lastersatire durch eine Vorurteilskritik, die sich als weltbildliche Modernisierung interpretieren läßt, weil sie von einer Moral in zu befolgenden Sätzen zu einer Moralität übergeht, die Normen zu problematisieren imstande ist. Vollständig sind Lessings gut ein Dutzend Komödien und Komödienbearbeitungen sowie seine über zwei Jahrzehnte verstreuten poetologischen Überlegungen aber noch nie behandelt worden.

Hegel gilt in den Geistes- und Kulturwissenschaften seit geraumer Zeit nicht mehr als reputierliche Referenz. Der Totalitätsanspruch seiner Philosophie ist normativ unvereinbar mit der Einsicht in die Unabschließbarkeit von Forschung ebenso wie mit der Ausdifferenzierung einzelner Disziplinen. In wissenschaftsgeschichtlichen Untersuchungen zum 19. Jahrhundert fungiert er zumeist als Protagonist einer holistischen und substantialistischen Weltsicht; zukunftsträchtige, in die konstruktivistische Moderne führende Entwicklungen mußten sich, wie es scheint, davon emanzipieren. Geht es um die Geschichte speziell der Germanistik, so gilt der Einfluß Hegels erstens als nachrangig im Vergleich mit dem der Klassischen Philologen und zweitens als hinderlich auf dem Weg zu einer modernen, empirischen Wissenschaft, weil die Beschäftigung mit literarischen Texten unter Hegelianischen Prämissen immer nur exemplifizieren könne, was philosophisch vorgedacht werde.