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in Klio

Abstract

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In einem noch ungeschriebenen Catalogus librorum non servatorum der antiken christlichen Literatur wäre bis vor wenigen Jahren unter den Evangelia apocrypha das »Evangelium des Judas« aufzunehmen, das seit dem zweiten Jahrhundert in der häresiologischen Literatur bezeugt ist, von dem aber keine Textzeile – weder in direkter noch indirekter Überlieferung – erhalten war. So konnte es durchaus als Sensation angesehen werden, als Rodolphe Kasser (Yverdon) anlässlich des Achten Internationalen Kongresses für Koptische Studien vom 28. Juni bis 3. Juli 2004 in Paris der wissenschaftlichen Öffentlichkeit einen Papyruscodex aus dem 4. Jahrhundert vorstellte, der – nach damaligem Kenntnisstand – neben zwei Schriften, die bereits aus dem Nag Hammadi-Corpus bekannt waren (Cod. VIII, 2 »Der Brief des Petrus an Philippus«, und Cod. V,3 »Die [erste] Apokalypse des Jakobus«), an dritter Stelle (p. 33–58) einen Text mit der Titelnachschrift пєγαΓΓєλιοNϊογΔαс »Das Evangelium des Judas« enthielt. Auf Grund strikter Vorgaben der Eigentümerin des Codex und der schweizerischen Stiftung (beide damals ungenannt), die die Restaurierung des durch unsachgemäße Behandlung stark zerstörten Codex betreute, konnte Rodolphe Kasser, dem die Edition und Übersetzung anvertraut worden war, keine Mitteilung zum Inhalt jener Schrift machen. Die zunächst für das Jahr 2005 vorgesehene Veröffentlichung des Codex verzögerte sich – und wer im Nachhinein von den fast unüberwindlichen Schwierigkeiten papyrologischer Art Kenntnis erhält, wird für die Verzögerung der Textpublikation alles Verständnis aufbringen.

Abstract

Ein antiker Leser, der sich zum erstenmal mit der an dritter Stelle stehenden Schrift des heutigen Nag Hammadi Codex II (p. 51,29–86,18) vertraut gemacht hat, war vermutlich überrascht, dass er soeben ein nach Philippus benanntes »Evangelium« hinter sich gebracht hat, wie es die Titelnachschrift ΠεγΓΓελιΟΝ ΠΚΤ φιλιΠΠΟ »Das Evangelium nach Philippus« (p. 86,18–19) anzeigt. Denn nicht nur nach dem Maßstab der neutestamentlichen Evangelien, der für Leser, die der Gnosis nahestanden, nicht normativ war, sondern auch nach den Merkmalen gnostischer und anderer ›apokrypher‹ Evangelien ließ sich das in Codex II aufbewahrte »Evangelium nach Philippus« schwerlich jener Gattung zuordnen. Für die Schrift als ganze lässt sich keine Gattungsbezeichnung finden, der ihrem literarischen Charakter, ihrem Inhalt und ihrer Komposition gerecht würde, denn das EvPhil

»is not a gospel in the usual sense; rather, it is a collection of theological statements concerning sacraments and ethics. These statements are expressed in a variety of literary types: aphorism and analogy; parable, paraenesis, and polemic; narrative dialogues, dominical sayings, biblical exegesis, and dogmatic propositions«.

Gleichwohl hat die Schrift seit ihrer Wiederentdeckung unter dem Signum »Evangelium« ihren Lauf durch die wissenschaftliche Welt angetreten: »Das Evangelium nach Philippus. Ein Evangelium der Valentinianer aus dem Funde von Nag-Hamadi«. Mit dieser aus der Titelnachschrift übernommenen Gattungsbezeichnung geraten Übersetzer und Interpreten des EvPhil freilich immer wieder in Erklärungsnot.