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Allgemeines Künstlerlexikon - Internationale Künstlerdatenbank - Online

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Vita

Millet, Jean-François, frz. Maler, Zeichner, Grafiker, *4.10.1814 Gréville, †20.1.1875 Barbizon.

Biogramm

Ältester Sohn von neun Kindern des Landwirts Jean-Louis-Nicolas M. und seiner Frau Aimée-Henriette-Adélaïde Henry. M.s erste Ehefrau Pauline-Virginie Ono starb jung an Schwindsucht. Mit Catherine Lemaire, seiner Lebensgefährtin und späteren zweiten Ehefrau hatte er neun Kinder. Sohn François M. (*17.1.1849 Paris, †4.1917 Barbizon) wurde ebenfalls Maler. Auf der Halbinsel Cotentin wuchs M. in einem ländlich-dörflichen, katholischen Milieu auf. Seine Fam. förderte jedoch sein lit. Interesse wie auch seine ersten zeichnerischen Versuche. Knapp 20-jährig nahm er bei dem Jacques-Louis-David-Schüler Bon Dumoucel in Cherbourg Unterricht. 1836 wechselte er zu Langlois de Chèvreville, auf dessen Empfehlung er ein Stip. des Stadtrats von Cherbourg erhielt, um seine Ausb. in Paris fortzusetzen. M. trat im März 1837 in das Atelier des Historienmalers Paul Delaroche ein. Im Louvre knüpfte er zudem an sein Stud. Alter Meister (u.a. der ital. Früh-Renaiss. und des span. 17. Jh., Michelangelo, Nicolas Poussin, Eustache Le Sueur) an, das er bereits intensiv im Mus. Thomas-Henry in Cherbourg betrieben hatte. Im März 1839 bewarb er sich erstmalig um die Teiln. am Salon, wurde aber abgewiesen. Als er kurz darauf auch im Wettb. um den begehrten Prix de Rome scheiterte, verließ er Delaroches Ateliers und verlor sein Stipendium. Zugleich ließ M. die relig. und mythologischen Sujets seiner Lehrjahre hinter sich und schuf stattdessen Selbstbildnisse und Porträts von Personen aus seinem fam. Umfeld sowie ranghöherer Auftraggeber aus Cherbourg und Le Havre, darunter das Portrait de M. LF (Lefranc), mit dem er 1840 im Salon debütierte. Zu seinen tonigen Porträts, die an die holl. Bildniskunst des 17. Jh. angelehnt waren, traten Aktfiguren, Historien und Genreszenen im Stil des frz. Rokoko, deren Verbleib vielfach unbek. ist. In der 2.H. der 1840er Jahre begann M. Bäuerinnen und Bauern realistisch darzustellen. Im juryfreien Salon von 1848 präsentierte er das unter zeitgen. Kritikern umstrittene Gem. Vanneur (1847-48; London, NG), das einen nah an die untere Bildkante gerückten Mann in weitem Hemd, ausgebeulten Hosen und klobigen Holzschuhen zeigt. In gebeugter Haltung stemmt er eine schwere Worfel, mit der er das vor dunklem Hintergrund wie Gold schimmernde Getreide in die Höhe wirft. In Sujet, Form und Stil ist der Kornschwinger char. für die geradezu ethnografische Erkundung der bäuerlichen Lebens- und Arbeitswelt, die M.s Œuvre künftig ausmachen sollte. An den Salonauftritt mit Vanneur, den der republikanische Innenminister Alexandre Ledru-Rollin erwarb, schlossen sich erste staatliche Aufträge an. Unterstützung fand M. außerdem bei seinen Künstlerkollegen Charles Jacque, Théodore Rousseau und Constant Troyon sowie bei Alfred Sensier, einem Sammler in Staatsdiensten, der zu seinem engen Freund, Berater und Vermittler auf dem Kunstmarkt wurde und der die M.-Rezeption durch seine 1881 veröffentlichte Biogr. La Vie et l'œuvre de J.-F. Millet (nach Sensiers Tod von Paul Mantz voll.) maßgeblich prägte. Im Juni 1849 siedelte M. mit Jacque nach Barbizon über, wo Rousseau sich bereits niedergelassen hatte. Ausschlaggebend für den Umzug dürfte v.a. M.s Sorge um die Gesundheit seiner Fam. gewesen sein, da Paris von einer Choleraepidemie erfasst worden war. Mit der Anbindung durch eine Eisenbahnlinie an die Seinemetropole im selben Jahr entwickelte sich die Künstlerkolonie im Wald von Fontainebleau, die bis dahin vornehmlich Maler, Fotografen, Intellektuelle und Sammler angezogen hatte, zu einem Magneten für Touristen. M. verbrachte den Rest seines Lebens in Barbizon, mit Ausnahme von Aufenthalten in seiner Heimat, etwa während des frz.-preußischen Kriegs von 1870-71, sowie Reisen in die Auvergne, die Franche-Comté, Elsaß-Lothringen und die Schweiz. Zurückgezogen vom Kunstbetrieb lebte er ohnehin nicht: Regelmäßig besuchte er die Pariser Mus., Kunsthandlungen und Salons, die zentraler Ausst.-Ort für seine Werke blieben, obgleich die Jury sie noch oft refüsierte. Daneben wurden seine Arbeiten von Louis Martinet und Paul Durand-Ruel gezeigt, im Cercle de l'Union artistique - das im Auftrag des amer. Sammlers Thomas G. Appleton entstandene Angélus (1857-59; Paris, Orsay) war hier 1865 erstmals zu sehen -, in Bordeaux, Lyon und Marseille. Internat. stellte er durch die Vermittlung von Sensier und Durand-Ruel in Brüssel, Boston und London aus. Verträge schloss M. mit weiteren Händlern wie Ennemond Blanc und Arthur Stevens, Aufträge erhielt er von priv. Sammlern wie Alfred Feydeau, Emile Gavet oder Frédéric Hartmann. Ebenso wenig wie M. sich vom Markt distanzierte, wandte er sich vollends von akad. Richtlinien der Malerei ab. Während die Vertreter der sog. Schule von Barbizon im Freien direkt vor dem Motiv malten, vollendete er seine Gem. stets im Atelier. Neben der Natur, den Arbeitsabläufen und Gebräuchen auf dem Land vermittelten lit. (auch bibl.) Quellen, ma. Bauernkalender, Werke Alter Meister und zeitgen. Künstler - selbst sammelte er u.a. Grafiken von Albrecht Dürer, Rembrandt, Hans Holbein d.Ä., Pieter Brueghel d.Ä., Eugène Delacroix, jap. Drucke und antike Münzen - sowie Fotogr. und Reprod. wichtige Anregungen für seine Bildfindungen. Von Sensier ermutigt, erlernte M. während der 1850er und 60er Jahre die Verfahren der Rad., des Hschn. sowie der Lith., verwendete Pastellkreiden und lieferte Zchngn als Vorlagen für Druckplatten, die seine Brüder Pierre und Jean-Baptiste oder Auguste Dêlatre herstellten. Er brachte so Variationen von Motiven in Umlauf, die er auch im Medium der Malerei behandelte, wie den Semeur (1850; Boston, MFA), der, in Untersicht kraftvoll ausschreitend, die Kritiker anlässlich seiner Ausst. im Salon von 1850-51 ähnlich polarisiert hatte wie der Kornschwinger zuvor, die Glaneuses (1857; Paris, Orsay), die sowohl als bibl. inspiriertes Sinnbild von Mildtätigkeit als auch als Kommentar zur soz. Ungleichheit und der die ländliche Region erfassenden Industrialisierung gelesen wurden, das Skandalbild Homme à la houe (1860-62; Los Angeles, J. Paul Getty Mus.), das Paul de Saint-Victoire als "Ungeheuer ohne Schädel" verunglimpfte, die Bergère avec son tropeau (ca. 1863; Paris, Orsay), für die M. im Salon 1864 mit seiner zweiten Med. ausgezeichnet wurde u.a.m. M. erweiterte jedoch nicht allein seine technischen Fertigkeiten, sondern auch seinen Themenkreis, als er sich der Gattung der Lsch. in den späten 1860er Jahren annahm. Bereits mit der Akzeptanz des sich auf eine Sentenz aus Vergils Georgica beziehenden Paysan greffant un arbre (1855; München, NP) für die erste Pariser WA zeichnete sich die Anerkennung M.s im öff. Kunstbetrieb ab, die sich noch deutlicher in der Retr. mit neun Gem. auf der WA des Jahres 1867, seiner Ernennung zum Ritter der Ehrenlegion 1868 sowie der Erwerbung von Femme faisant manger son enfant, La Bouillie gen. (1861; Marseille, MBA) für das Mus. in Marseille im Jahr darauf manifestierte. Bis weit in die 1860er Jahre hinein litt er gleichwohl unter finanziellen Sorgen. Ein Höhepunkt seiner postumen Karriere war die Versteigerung des Angélus, das 1889 im Wettstreit frz. und US-amer. Bieter die damalige Rekordsumme von 553000 Francs erzielte, M. zu Lebzeiten aber gerade einmal 1000 Francs eingebracht hatte. Das während der Kartoffelernte zum Gebet innehaltende Bauernpaar, das dunkel über die Horizontlinie hinaus in den rötlichen Abendhimmel ragt, trug, wie die farbigen Massendrucke, denen dieses und andere Gem. M.s als Vorlage dienten, erheblich zu seinem Ruf als sentimentaler Volkskünstler bei. M. hatte sich zwar zu Lebzeiten vom Realismus Gustave Courbets abgegrenzt und die sozialkritische Interpretation seiner Werke verneint. Im Umfeld der bäuerlichen Beteiligung an der 1848er-Revolution und des Widerstands der Landbevölkerung gegen den Staatsstreich Louis Napoleons 1852 entfalteten seine teils grobschlächtigen, teils mon. Bauernfiguren jedoch politische Sprengkraft und wirkten auf das bürgerliche Publikum des Zweiten Kaiserreichs verstörend, zumal seine Handhabung der Farbe als Mat. gegen akad. Konventionen verstieß. Erst in zeitlicher Distanz nahm die romantisierte Sicht auf sein Œuvre als Spiegel eines scheinbar von der Modernisierung unberührten, in Einklang mit der Natur und den Jahreszeiten lebenden Bauernstands Überhand.

Werke

Baltimore/Md., Walters AM: Berger au crépuscule; La Récolte des pommes de terre. Boston/Mass., MFA: Le Repas des moissonneurs; La Bergère assise; Les Planteurs des pommes de terre. Bourge-en-Bresse, Mus. de l'Ain: Femme faisant paître sa vache. Cherbourg, Mus. Thomas Henry: Autoportrait; Armand Ono, dit L'Homme à la Pipe. Chicago, Art Inst.: Paysans ramenant à l'étable un veau né dans les champs; Les Tondeurs de moutons. Cincinnati/Ohio, AM: Le Départ pour le travail. Den Haag, Mesdag Coll.: Vigneron au repos, Pastell. Kofu, Yamanashi Prefectural Mus. of Art: Le Semeur. Kopenhagen, Neue Carlsberg Glyptothek: La Mort et le Bûcheron. New York, Metrop. Mus.: L'automne: les meules; Bergère assise sur un rocher. - Brooklyn Mus.: Berger ramenant son troupeau, le soir. Ottawa, NG of Canada: Les Tueurs de cochon. Paris, Orsay: L'Église de Gréville, Le Printemps. Princeton/N.J., Univ. AM: La Naissance du veau. Stockholm, NM.

Selbstzeugnisse

Ecrits choisis, Caen 1990 (mit Einl. von T.Silvestre); V.de Chillaz, Inv. général des autographes du mus. du Louvre, dép. des Arts graph., P. 1997; L. Lepoittevin (Ed.), Une chron. de l'amitié, correspondance intégrale du peintre J.-F.M., Le Vast 2005.

Ausstellungen

E: Paris: 1960 Louvre; 1998, 2006 (K) Orsay / 1964, '75 (Wander-Ausst.), 2010 (M. à l'aube de l'impressionnisme; K) Cherbourg, Mus. Thomas-Henry / 1976 London, Hayward Gall. / 1978 Minneapolis (Minn.), Inst. of Arts / 1984 Boston (Mass.), MFA / 1999 Williamstown (Mass.), Sterling and Francine Clark Art Inst. (Wander-Ausst.; K) / 2002 Clermont-Ferrand, Mus. d'Art Roger Quilliot / 2003 Tokio-Shibuya, Bunkamura Mus. of Art / 2014 Sendai, Miyagi Mus. of Art. - G: 2003 London, NG: A private passion (Wander-Ausst.; K).

Bibliographie

ThB24, 1930. Pavière, Flower III.1, 1964; Samuels, 1976; Bauer, GEM VI, 1978; DA XXI, 1996; A.Roussard, Dict. des peintres à Montmartre, P. 1999; Bénézit IX, 1999; T.Bautz (Ed.), Biogr.-Bibliographisches Kirchen-Lex. XXV, Nordhausen 2005; Dumas II, 2007; Sanchez, Weill/Devambez, 2009. R.L. Herbert, J.-F.M., P. 1975; G.Pollock, M., Lo. 1977; C.Parsons/N.McWilliam, Oxford Art J. 6:1983(2)38-58; A.Murphy, J.-F.M., Boston 1984; A.Fermigier, J.-F.M., Genf 1985; S.Guegan, M., peintre paysan, P. 1988; N.McWilliam, Le paysan au Salon, in: J.-P. Bouillon (Ed.), La critique d'art en France 1850-1900, Saint-Etienne 1989, 81-94; L.Lepoittevin, J. -F.M. Images et symbols, Cherbourg 1990; H.Bernard, Ethnologie franç. 24:1994(2)243-253; S.Luce, L'éloge de J.-F.M., P. 1994; K.Herding, Nieder-dt. Beitr. zur Kunstgesch. 34:1995, 153-181; L.L. Meixner, French realist paint. and the critique of Amer. soc., 1865-1900, C. 1995; C.Heilmann (Ed.), Corot, Courbet und die Maler von Barbizon, M. 1996; A.Burmester u.a. (Ed.), Barbizon. Malerei der Natur - Natur der Malerei, M. 1999; A.R. Murphy, J.-F.M. Drawn into the light, Williamstown 1999; N.Roux/F.Gibert, J.-F.M. Voyages en Auvergne et Bourbonnais, 1866-68, Mi. 2002; G.Lacambre (Ed.), J.-F.M. Au delà de l'Angélus, P. 2002; V.Pomarede/G.de Wallens (Ed.), L'école de Barbizon, P. 2002; B.Fratello, Art Bull. 85:2003, 685-701; id., Footsteps in Normandy, in: F.Fowle/R.Thomson (Ed.), Soil and stone, Aldershot u.a. 2003, 49-64; K.Herding, Zs. für Ästhetik und allg. Kunstwiss. 48:2003, 111-128; S.Kelly, Strategies of repetition. M. / Corot, in: E.Kahng (Ed.), The repeating image, New Haven 2007, 52-81; S.Le Men, Pour l'estampe, pour la reproduction, dans le marché ..., in: P.Kaenel/R.Reichardt (Ed.), Interkulturelle Kommunikation in der europ. Druckgraphik im 18. u. 19.Jh., Hildesheim 2007, 717-740; A.Meyer, Deutschland u. M., B. 2009; C.Georgel, M., P. 2014.

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