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Germanische Altertumskunde Online

Kulturgeschichte bis ins Frühmittelalter - Archäologie, Geschichte, Philologie

[Old Germanic History Online: European Cultural History until the High Middle Ages]

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Reallexikon der Germanischen Altertumskunde

Volume 10
Editor(s): Heinrich Beck, Dieter Geuenich, Heiko Steuer
De Gruyter (Berlin, New York) 1998

m., ist in der awn. Überlieferung die Bezeichnung für einen engen Vertrauten oder Freund. Das Wort wird sowohl auf Personen (Hl., Lehns- oder Gefolgsleute, persönliche Vertraute usw.) und heidn. Gottheiten angewandt als auch auf Tiere oder Gegenstände.

Die Belege mit relig. Konnotation entfallen einerseits auf die hagiographische Lit., Page: 244 andererseits auf Isländersagas und Königssagas. In der hagiographischen Lit. bezeichnet fulltrúi meist einen Hl. in seiner Funktion als Schutzpatron (Þorláks s. helga, Maríu s.). Vereinzelt findet sich in diesem Kontext die Übertragung des Wortes auf den heidn. Glauben (Klements s.). Die Darst. henotheistischer fulltrúi-Verhältnisse zw. einem Menschen und einer bestimmten heidn. Gottheit in den Königssagas und Isländersagas ist christl. beeinflußt und zeigt, wie die der relig. Vorstellungswelt des Hoch-MAs verhafteten Autoren der Texte heidn. Frömmigkeit nach dem Vorbild des eigenen Glaubens imaginieren (Christentum der Bekehrungszeit § 14). Auch an Einwirkungen der ma. Hl.-Verehrung auf die Genese des fulltrúi-Motivs ist zu denken. Überdies haben alle fulltrúi-Episoden liter. Charakter und sind funktional in die Handlungsstruktur der sie bewahrenden Texte integriert, z. B. die Schilderung des heidn. Jarls Hákon, welcher der Göttin Þorgerðr hǫlgabrúðr vertraut und sie zum Eingreifen in die Schlacht von Hjǫrungavágr veranlaßt (Fltb. [Þorleifs þáttr jarlaskálds, Jómsvíkinga saga]), die Anrufung des Gottes Þórr (Donar-Þorr) durch Þorhallr in der Eiríks saga rauða c. 8 und das in der Víga-Glúms s. c. 9 beschriebene Vertrauensverhältnis Þorkels zu Freyr. Direkte Belege für die Existenz eines fulltrúi-Glaubens in der heidn. Zeit sind nicht überliefert (Fromm und Frömmigkeit § 4). Ob sich das Verhältnis des Skalden Egill Skallagrímsson (um 900-983) zu Óðinn (Wotan-Odin), wie es sich vor allem in seinem Gedicht Sonatorrek spiegelt (Egils saga Skalla-Grímssonar), in dieser Richtung deuten läßt (9), ist zweifelhaft (10).

In der dt. Forsch. der zwanziger und dreißiger J.e wurde der fulltrúi-Glaube gern als Beleg für den monotheistischen Charakter des germ. Heidentums angeführt, das auf dieser Grundlage vor allem von Neckel (8) und Kummer (6) als Gegenent wurf zu Christentum und Judentum konzipiert wurde. Neckel und Kummer erblickten in dem ,Freundgottglauben`, wie sie ihn aus den fulltrúi-Stellen der anord.Lit. herauslasen, Wesen und Höhepunkt der germ. Religiosität. Den heidn.fulltrúi hielten sie dem alttestamentarischen Bild des strafenden Gottes entgegen; aus diesem Vergleich schlossen sie auf die Überlegenheit der heidn. über die christl. und die jüdische Relig. Denn nicht Gottesfurcht, sondern ein gleichberechtigtes, auf Gegenseitigkeit beruhendes Verhältnis von Mensch und Gott sei das distinktive Merkmal germ.-heidn. Religiosität gewesen. Nur diese ,aufrechte` Form der Frömmigkeit aber entspreche der freiheitsliebenden ,Art` des Germanen, die von Neckel und Kummer in zeittypischer Weise antithetisch zu dem als unterwürfig diffamierten ,orientalischen` Wesen des Christentums gedacht wurde. Ihre Ansicht, daß den Germ. das Gefühl der Abhängigkeit von einer Gottheit fremd gewesen sei, konnte wegen der Affinität zu den germanomanen Strömungen der Epoche mit ihrer ausgeprägt antichristl. Tendenz über die engeren Grenzen des Faches hinaus einen gewissen Einfluß gewinnen (5, 251 f.). Aber auch nach 1945 wurden analoge Anschauungen gelegentlich vertreten (11, 198 ff.), obwohl die Auffassung Neckels und Kummers schon bald von Baetke als „ein ungeschichtliches Vorurteil“ zurückgewiesen worden war (2). Baetke hatte den fulltrúi-Glauben aus dem hist. Kontext heraus als eine „spezifische Erscheinung des nordischen Heidentums der Spätzeit“ interpretiert, die „in die germanische Zeit […] nicht zurückverlegt werden“ könne, sondern vermutlich sogar christl. Spuren trage. Dem germ. Glauben selbst sei - wie jeder Relig. - ehrfürchtige Scheu vor der Gottheit („tremendum“) ebenso eigen gewesen wie das Vertrauen auf ihre Güte und Freundschaft („fascinosum“; vgl. 1). Seine Deutung spitzte Baetke später noch zu, als er die christl. Provenienz des liter.fulltrúi- Page: 245 Motivs erkannte und dieses als Projektion christl. Frömmigkeitsvorstellungen in die heidn. Zeit erklärte (3).

Im übrigen erscheint das Wort in der Mehrzahl der Fälle ohne relig. Beiklang. Dies gilt für alle Belege außerhalb der Prosa ebenso wie z. B. für die das Thema ironisierend aufgreifende Episode um die Tötung des Hlǫðu-Kálfr in der Víga-Glúms s. c. 14.

Vgl. auch Germanische Religionsgeschichte

Literatur

  • 1

    W. Baetke, Art und Glaube der Germ., 1934.

  • 2

    Ders., Das Abhängigkeitsgefühl in der germ. Relig. (1936), in: Ders., Vom Geist und Erbe Thules, 1944, S. 39–47

  • 3

    Ders., Christl. Lehngut in der Saga-Relig., Ber. über die Verhandl. der sächs. Akad. der Wiss. zu Leipzig, Philol.-hist. Kl. 98, H, 6, 1951, S. 7–55

  • 4

    E. F. Halvorsen, F., in: Kult. hist. Leks. V, Sp. 24.

  • 5

    E. Hieronimus, Von der Germ.-Forschung zum Germ.-Glauben. Zur Religions-Gesch. des Präfaschismus, in: R. Faber, R. Schlesier (Hrsg.), Die Restauration der Götter, 1986, S. 241–257

  • 6

    B. Kummer, Midgards Untergang. Germ. Kult und Glaube in den letzten heidn. Jhh., 1927.

  • 7

    H. Ljungberg, Trúa, Arkiv f. Nord. Filol, 62, 1947, S. 151–171

  • 8

    G. Neckel, Die Überlieferungen vom Gotte Balder, 1920, 134 f.

  • 9

    Sigurður Nordal, Átrúnaður Egils Skallagrímssonar, Skírnir, 98, 1924, S. 145–165 (Dt. Zusammenfassung: Egils relig. Stellung, Mitt. der Islandfreunde 12, 1925, 34-39)

  • 10

    K. von See, Sonatorrek und Hávamál, Zeitschr. f. dt. Altert, 99, 1970, S. 26–33

  • 11

    Å. V. Ström, H. Biezais, Germ. und Balt. Relig., 1975.

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