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Germanische Altertumskunde Online

Kulturgeschichte bis ins Frühmittelalter - Archäologie, Geschichte, Philologie

[Old Germanic History Online: European Cultural History until the High Middle Ages]

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Reallexikon der Germanischen Altertumskunde

Volume 31
Editor(s): Heinrich Beck, Dieter Geuenich, Heiko Steuer
De Gruyter (Berlin, New York) 2006

Allgemein. Im J. 1878 entdeckte der Kreisrichter und Limes-Beauftragte W. Conrady, Hinweisen eines Waldarbeiters nachgehend, den T. Es handelt sich um eine ca. 4,7 m hohe Felsnadel aus rötlichem Sandstein, die, unten fast viereckig, sich nach oben hin zunehmend rundet und in eine kegelige Spitze ausläuft, folglich an einen Menhir erinnert. Sie wurde auf dem Greinberg s. über Miltenberg, ca. 1,2 km vom Main und ca. 2,25 km vom Limes entfernt (20, 232), gleichzeitig in unmittelbarer Nähe zu einem kelt. Ringwall, liegend und in zwei Teile zerbrochen, aufgefunden. Ob der FO als Bearbeitungsort oder als (intendierter?) Aufstellungsort des Denkmals anzusehen ist, kann nicht entschieden werden (11, 46).

Die Inschrift. Der T. trägt eine sechszeilige, fragmentarisch gebliebene Inschr. in Capitalis Monumentalis, die nicht mit einem Meißel, sondern mit einem Spitzeisen eingeschlagen wurde und deren Buchstabenhöhe zw. 12 und 22 cm schwankt. Über die Gründe der Fragmentarizität der Inschr. kann nur spekuliert werden (4, 1). Die Ausformung der Buchstaben läßt eine gesicherte Datierung nicht zu; eine Datierung in die Zeit zw. der Vorverlegung des Odenwald- und Neckarlimes um 159 n.Chr. unter Antoninus Pius und den Alem.stürmen um 260 n.Chr. wird bevorzugt (16, 86), wenngleich auch eine frühere (12, 582) oder spätere (4, 9) Entstehung angenommen wurde.

Nicht nur im Vergleich mit anderen aus Miltenberg überlieferten lat. epigraphischen Zeugnissen macht die Inschr. des T.s einen wenig professionellen Eindruck (10, 33; 19, 36). Die Inschr. lautet:

INTER

TOVTONOS :

CAHI

Sicher zu lesen sind die ersten beiden Zl. sowie die darauffolgenden Zl. mit den Buchstaben C, A und H. Der hier in der Page: 109 Transkription wiedergegebene letzte Zl.-Anfang wurde auch als F (19, 42; 20, 250) oder N (11, 48) gelesen, die Autopsie bestätigt jedoch die Lesung I. Die Deutung des letzten Zeichens als Binderune (1, 84-86) dürfte nicht zuletzt angesichts des völligen Fehlens kontinentaler Runeninschriften auf Stein auszuschließen sein. Unklar ist, ob die Einzelbuchstaben geläufige oder ungeläufige epigraphische Abbreviaturen oder Zl.-Anfänge (18, 334) für Zl. mit mehreren Wörtern markieren, was allerdings aufgrund des beschränkten Raumes eher unwahrscheinlich erscheint.

Zur Deutung. Die ersten beiden Zl. lassen vom Wortlaut an einen röm. Grenzstein (Römische Grenzsteine) denken; der fragmentarische Charakter der folgenden vier Zl. hat Anlaß zu vielfältigen Spekulationen gegeben. Die Verbindung der Präposition inter mit dem offenkundigen VN Toutonos ( Teutonen ; Teutonoaroi) ließ zunächst an einen Grenzstein zw. dem Röm. Reich und der Germania libera denken (7, 71), später wurde geltend gemacht, der Grenzstein marke germ. Einzelstämme untereinander ab. Während die Ergänzung des C zu Cimbros wegen der hist. belegten Zusammengehörigkeit der Kimbern und Teutonen einerseits und wegen zweier in Miltenberg aufgefundenen, dem Mercurius Cimbrianus geweihten Altäre (CIL 6604, 6605) andererseits eine gewisse Wahrscheinlichkeit zu beanspruchen scheint, müssen die Ergänzungen der folgenden Buchstaben notwendig Spekulation bleiben, die „höchstens dem Scharfsinn ihres Autors Ehre“ (16, 85) machen. Mit Kimbern und Teutonen in irgendeinem Zusammenhang stehende Stämme wie die Ambronen (17, 202; 18, 334; 1, 78) und Haruden (17, 202; 18, 334) wurden hierbei bevorzugt. Ebenfalls wurde versucht, der Stammesverteilung im Rhein-Main-Gebiet z. Zt. des Falls des Limes Rechnung zu tragen: Alemannos ( Alemannen ) (20, 329), Hermun duros ( Ermunduri ; Thüringer ) (20, 329). Weitere Ergänzungen schlugen für A Arvernos (20, 249), für C Cattos ( Chatten ) (7, 70), für H Helvetios ( Helvetier ) (7, 70) und für F Fundusios (2, 84) vor. Eine Ergänzung mit germ. Stammesnamen ist jedoch auch schon früh bestritten worden. Der Stein - sofern er als Terminationsstein gedeutet wurde - könne ebenso das Gebiet der Toutonen von einem röm. Zivilverband abgegrenzt (Civitas/Colonia Aelia Hadriana Finivit [7, 71] bzw. Civitas Alisiniensis [13, 392], Auderienses [11, 49], Aurelianenses [11, 49]) oder eine interne Besitzdifferenz (Communis Ager Hic Finitur bzw. Confinia Arbiter Hic Finivit [7, 73]) geregelt haben. Ebenso wurde an eine Memorialinschr. gedacht (Cura Amicorum Hoc Fecit [7, 70]). Auch die Deutung des T.s als Wegmarkierung - teils ohne Angabe von Gründen (CIL 6610), teils mit Ergänzungen (Inter Toutonos Civitatemque Auderiensium Hoc Iter [9, 325]) - oder als „Richtungsweiser für Soldaten“ (10, 54) wurde verfochten.

Die Deutung der vier litterae singulares als zusammengehöriges gall./kelt. Wort CAHI(U) zu gall. cagio (überliefert als caio ,breialo sive bigardio`, vgl. 8, 82) ,umfriedeter Bezirk, Territorium` (12, 583) dürfte aus epigraphischen und sprachlichen Gründen abzulehnen sein.

Generell ist anzumerken, daß „eine schlüssige Ergänzung der unausgeführten Partien der Inschrift mangels aller erforderlicher Informationen einstweilen nicht möglich ist“ (16, 85).

Toutonos. Die ethnische Zugehörigkeit der Toutonos ist umstritten. Unklar ist, ob diese Volksgruppe innerhalb oder außerhalb des Limes anzusiedeln ist, weiterhin, ob ein germ. Stamm der Teutonen mit keltisierender Graphie (3, 493) oder wegen des Stammsilbenvokalismus ein kelt. Stamm (5, 771; 15, 5) anzusetzen ist. Die letztere Möglichkeit ist angesichts möglicher kelt. Überreste in den decumates agri und angesichts eines dem Mercurius Arvernorix geweihten Page: 110 Altares (CIL 6603), der ebenfalls auf dem Greinberg gefunden wurde, immerhin plausibel.

Zusammenfassendes. Die Inschr. des T.s ist mit guten Gründen als „Danaergeschenk an die ältere deutsche Stammesgeschichte“ (19, 7) bezeichnet worden. Die Form des Monuments und die Fragmentarizität der Inschr. erzwingen die Arbeit mit Prämissen (6, 142), die die Deutung der Inschr. notwendigerweise beeinflussen. So dürften die Worte Theodor Mommsens (14, 85) weiterhin Gültigkeit behalten: „Das Wissen hört, wenigstens für mich, hier auf und das Rathen fängt an für den, der daran Vergnügen findet“.

Literatur

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    Birkhan, H.: Germ. und Kelten bis zum Ausgang der Römerzeit, 1970

  • 4

    F. Bock von Wülfingen, Das Geheimnis des T.s im Hof der Burg Miltenberg, 1951

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    Bremer, O.: Ethnographie der germ. Stämme, in: H. Paul (Hrsg.), Grundriß der germ. Philol, 3, 1900, S. 735–950

  • 6

    Castritius, H.: Der T. von Miltenberg. Die Lösung eines Rätsels?, Der Odenwald, 33, 1986, S. 141–146

  • 7

    Conrady, W.: Der T. in Miltenberg, Correspondenz-Bl. des Gesamtver.s der dt. Geschichts- und Altertumsvereine, 26, 1878, S. 68–75

  • 8

    Delamare, X.: Dict. de la langue gauloise, 2001

  • 9

    W. Finsterwalder, Der T. bei Miltenberg und die Besiedlungsfrage des ö. Odenwaldgebietes, Forsch. und Fortschritte, 18, 1942, S. 324–325

  • 10

    Ders., : Inter Toutonos, Aschaffenburger Jb, 3, 1956, S. 25–62

  • 11

    Kahrstedt, U.: Der Toutonen-Stein von Miltenberg, Bonner Jb, 139, 1934, S. 46–49

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    Mazzarino, S.: L'inscrizione de l' T. e un' ,incompiuta`?, Quaderni Catanesi di Studie Classici e Medievali, 1, 1979, S. 567–602

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  • 14

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  • 15

    Much, R.: Die Südmark der Germ., PBB, 17, 1893, S. 1–136

  • 16

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  • 17

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    Röder, J.: T. und Heunesäulen bei Miltenberg, 1960

  • 20

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