Jump to ContentJump to Main Navigation
Show Summary Details
More options …

ABI Technik

Zeitschrift für Automation, Bau und Technik im Archiv-, Bibliotheks- und Informationswesen

Editor-in-Chief: Söllner, Konstanze

Ed. by Brandtner, Andreas / Kriese, Sven / Schnelling, Heiner / Sommer, Dorothea / Haas, Edeltraud

4 Issues per year

Online
ISSN
2191-4664
See all formats and pricing
More options …
Volume 37, Issue 4

Issues

Datenarbeit und „Nationaler Kontaktpunkt Open Access“ – ein Interview mit Dr. Bernhard Mittermaier

Bernhard MittermaierORCID iD: http://orcid.org/0000-0002-3412-6168
Published Online: 2017-11-11 | DOI: https://doi.org/10.1515/abitech-2017-0062

Dr. Bernhard Mittermaier leitet die Zentralbibliothek des Forschungszentrums Jülich und ist Mitglied in den Projektgruppen von DEAL und von OA2020-DE sowie im Steuerungsgremium der Allianz-Initiative „Zukunft der Digitalen Informationsversorgung“. Die Arbeit eines unlängst eingerichteten „Nationalen Open-Access-Kontaktpunktes OA2020-DE“ soll der Vorbereitung der Transformation wissenschaftlicher Zeitschriften hin zu Open Access dienen und möglichst vielen Wissenschaftseinrichtungen in Deutschland die Beteiligung an der Transformationsinitiative ermöglichen. In Jülich entsteht im Rahmen des Nationalen Kontaktpunkts eine „Projektstelle für Datenarbeit“. Für ABI Technik hat Konstanze Söllner Bernhard Mittermaier gefragt, welche Aufgaben die Projektstelle übernehmen wird und welche Leistungen Bibliotheken künftig von ihr erwarten können.

ABI Technik: Lieber Herr Mittermaier, in Jülich wird es künftig eine Projektstelle für Datenarbeit im Rahmen des „Nationalen Kontaktpunkts Open Access“ geben. Wie kam es denn zur Entstehung des „Nationalen Kontaktpunkts“?

Bernhard Mittermaier: Für die 2015 gestartete internationale Initiative OA20201 wurde bei der Berlin12-Konferenz angeregt, auf nationaler Ebene Kontaktpunkte einzurichten, die in den einzelnen Ländern die Idee der Transformation des wissenschaftlichen Publikationswesens in den Open Access vorantreiben können. In Deutschland, wo die Wissenschaftsorganisationen sowohl zu den Erstunterzeichnern der „Berlin Declaration on Open Access to Knowledge in the Sciences and Humanities“2 (2003) als auch des „Expression of Interest in the Large-scale Implementation of Open Access to Scholarly Journals“3 (2016) der OA2020-Initiative gehören, hat die Allianz der Wissenschaftsorganisationen beschlossen, einen Nationalen Kontaktpunkt einzurichten und als Projekt zu finanzieren. Vorbilder waren der Kontaktpunkt zu SCOAP³-DH4 und vor allem das DEAL-Projekt.5 Der Nationale Open-Access-Kontaktpunkt OA2020-DE6 besteht zum einen aus einer Projektgruppe mit Vertreterinnen und Vertretern aus Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Wichtig ist dabei die inhaltliche und personelle Verzahnung mit DEAL und mit den Arbeitsgruppen „Open Access“ und „Nationale Lizenzierung“ der Allianz-Initiative. Zum anderen gibt es drei Projektmitarbeiterinnen und -mitarbeiter: An der UB Bielefeld sind die Aufgaben Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit (Alexandra Jobmann) sowie Konzeption (N.N.) angesiedelt und am Forschungszentrum Jülich die Datenarbeit (Philipp Pollack).

A. T.: Welche Aufgaben wird die Jülicher Projektstelle für Datenarbeit übernehmen?

B. M.: Als Basis für die Entwicklung und den Abschluss neuer Lizenzmodelle und zur Vorbereitung entsprechender Vertragsverhandlungen werden Wissenschaftseinrichtungen durch die Datenstelle dabei unterstützt, alle relevanten und verfügbaren quantitativen Informationen in geeigneter Weise aufzubereiten. Dies umfasst:

  • die Nutzung bibliometrischer Rohdaten (Web of Science, Scopus),

  • die Integration bzw. den Auf- und Ausbau von geeigneten Normdatenbanken,

  • die verteilte Erhebung zusätzlicher Informationen aus den beteiligten Einrichtungen,

  • die Zusammenführung und Aufbereitung aller Daten in SQL-Datenbanken sowie

  • die statistische Analyse, Reporting und Visualisierung.

A. T.: Erst kürzlich erschien eine Studie im Rahmen des Bielefelder INTACT-Projekts, die das Open-Access-Aufkommen von Ländern und Universitäten auswertet. Muss man sich die Arbeit der Jülicher Projektstelle für Datenarbeit so oder anders vorstellen?

B. M.: Derartiges wird in der Tat im Rahmen des Kontaktpunktes geleistet, aber nicht vorrangig durch die Datenstelle. Deren wichtigste Aufgabe ist es, die Datengrundlage für solche Studien ebenso wie für konkrete Vertragsverhandlungen zu erstellen und verfügbar zu machen.

A. T.: Auf welchen Vorarbeiten setzen Sie in Jülich auf, und was ist das Besondere, das die Projektstelle für Datenarbeit leistet?

B. M.: „Vorarbeiten“ ist ein eher schwacher Begriff; „auf den Schultern von Riesen stehen“ trifft die Lage vielleicht besser: Die Datenstelle wird nicht selbst Daten erheben, sondern vorhandene bzw. im Aufbau befindliche Datenquellen zusammenführen und an einer Stelle verfügbar machen. Dazu zählen die Bibliometrie-Datenbank des Kompetenzzentrums Bibliometrie sowie BASE für Publikationszahlen, OpenAPC für Publikationsausgaben, LAS:eR für Subskriptionszahlen und -ausgaben sowie der Statistikserver für Nutzungsstatistiken. Dies ist im Übrigen der gravierende Unterschied zum DEAL-Projekt, wo mangels vorhandener Datenquellen im Jahr 2015 und nun erneut im August 2017 jeweils Datenabfragen bei allen Einrichtungen durchgeführt wurden. Die Datenstelle programmiert die Schnittstellen zu den Quellsystemen, leistet Normierungsarbeiten (Mapping) und erstellt eine Nutzeroberfläche für den Zugriff.

A. T.: Wie muss man sich das Vorgehen dann vorstellen: Halten Sie kontinuierlich bestimmte Auswertungen vor, auch deutschlandweit, oder werden Sie nur aktiv, wenn eine Anfrage gestellt wird?

B. M.: In der Anfangsphase werden Anfragen ad hoc bearbeitet, weil derzeit ein Großteil der genannten Systeme noch keine ausreichende Nutzung durch die datenliefernden Bibliotheken hat (OpenAPC, Statistikserver) oder erst in Entwicklung ist (LAS:eR). Mittelfristig ist aber das Ziel, dass die Quellsysteme in Betrieb sind und von den Einrichtungen annähernd flächendeckend genutzt werden. Erst dann ist eine rationelle Arbeitsweise möglich. Voraussetzung hierfür ist im Übrigen aber auch, dass Vertraulichkeitsschranken fallen. So dürften die bei DEAL erhobenen Daten hier nicht weiterverwendet werden, weil sie nur für Zwecke von DEAL übermittelt wurden. Das kann aber auf Dauer nicht sinnvoll sein.

A. T.: Welche Auswertungen sind denkbar, die Einrichtungen bei Ihnen erhalten könnten, und wofür werden diese benötigt?

B. M.: Einzelne Einrichtungen haben über die Datenstelle (in der Regel erstmals) die oben genannten Kenngrößen für Lesen und Publizieren an einer Stelle und im Idealfall auf Knopfdruck verfügbar. Dafür müssen sie „nur“ dem Statistik-Server ihre COUNTER-Kennungen zur Verfügung stellen und sich an OpenAPC und LAS:eR beteiligen.7 Die Zusammenführung der Daten erfolgt dann frei Haus. Verhandlungsführer von Konsortialverträgen, insbesondere auch Transformationsverträgen,8 können sich optimal auf die Verhandlungen vorbereiten. Daneben werden sich sicherlich auch wissenschaftliche Fragestellungen ergeben, bei denen der Datenkorpus als Forschungsobjekt dient.

A. T.: Viele Einrichtungen werten schon jetzt regelmäßig das Aufkommen an Open-Access-Publikationen der eigenen Hochschule aus. Wo bringt sich die Kontaktstelle ein? Kann diese auch Zusatzauswertungen übernehmen oder will sie zunächst einmal diejenigen Einrichtungen unterstützen, die selbst noch nicht über das entsprechende Know-how verfügen?

B. M.: Grundsätzlich arbeitet die Kontaktstelle bedarfsorientiert und wird daher beide Anforderungen erfüllen. Im Zweifel liegt der Schwerpunkt aber auf der Unterstützung von Einrichtungen, die noch nicht über das notwendige Know-how verfügen.

A. T.: Die Ermittlung der Publikationen der eigenen Einrichtung, insbesondere derjenigen, für die die eigene Einrichtung bezahlt hat, ist ja nicht immer trivial. Welche Rolle spielen Identifier für derartige Auswertungen und wie nehmen Sie die Zuordnung der Affiliationen vor?

B. M.: Normierungen spielen allgemein eine wichtige Rolle im Projekt. Dies betrifft die Institutsbezeichnungen ebenso wie Zeitschriften- und Verlagsnamen. Für letztere unterstützen wir die Global Open Knowledgebase (GOKb), die in Kürze in die Verantwortung der Staatsbibliothek zu Berlin und der Verbundzentrale des GBV (VZG) übergeht. Diese soll den Normierungsmaster darstellen, den die anderen Datenquellen dann entweder selbst adaptieren oder worauf sie gemappt werden. Bei den Einrichtungen verwenden wir die Institutionencodierung, die die Universität Bielefeld im Rahmen des Kompetenzzentrums Bibliometrie vornimmt und weitere Listen, vor allem aus DEAL.

A. T.: Die Kostenzuordnung nach korrespondierenden Autorinnen und Autoren ist ja bislang der einzige Vorschlag, wie Subskriptionen über die Beteiligung der subskribierenden Einrichtungen auf Open Access umgestellt werden können. Dies führt zu einer Reihe von Effekten, die nicht erwünscht sind, z. B. zu einer Mehrbelastung der forschungsstarken Einrichtungen. Gäbe es aus Ihrer Sicht auch noch andere praktikable und nachhaltige Möglichkeiten der Kostenaufteilung?

B. M.: „Praktikabel und nachhaltig“ ist keine der Alternativen. Die Aufteilung der Kosten auf alle Autoren eines Aufsatzes ist alles andere als praktikabel und fällt daher als Alternative aus. Bei DEAL wird voraussichtlich als Übergang ein Mischmodell aus historischen Lizenzgebühren und Publikationsaufkommen verwendet werden. Dies ist aber keine Dauerlösung; am Ende der Vertragslaufzeit wird die Kostenzuordnung nach korrespondierenden Autorinnen und Autoren stehen. Auch ansonsten sehe ich, jedenfalls so lange es das bisherige Konzept „Zeitschrift“ gibt, keine Alternative dazu, dass die Einrichtung des korrespondierenden Autors bezahlt. Das wird in einigen Fällen dazu führen, dass Einrichtungen mehr bezahlen als sie bislang an Subskriptionsausgaben hatten. Der Grund hierfür kann sowohl darin liegen, dass sie besonders forschungsstark sind, als auch darin, dass sie bislang relativ wenig für Zeitschriften ausgegeben haben. Ob letzteres an der geschickten Verhandlungsführung oder an der Unterfinanzierung der Bibliothek liegt, mag dahingestellt bleiben. In jedem Fall sollten solche Einrichtungen bedenken, dass bislang unter Umständen jenseits des Bibliotheksetats weitere zum Teil beträchtliche Mittel an die Verlage geflossen sind (Zweischichtigkeit sowie klassische Publikationsgebühren). Dies muss in einer Gesamtrechnung berücksichtigt werden. Ich halte es mit DFG-Präsident Peter Strohschneider: „Die Umstellung von einem Leser-basierten zu einem Produzenten-basierten Publikationssystem ist ja der Kern der Diskussion um Open Access. Deshalb sollte eine Universität nicht allein Ressourcen für die Lizenzierung von Informationen einplanen, sondern auch Mittel für die Produktion und Verbreitung ihrer eigenen Forschungsergebnisse bereitstellen.“9

A. T.: Die im Open-APC-Projekt zur Verfügung gestellten Daten sind recht heterogen. Dazu trägt auch die Tatsache bei, dass dort die Preise nach allen Rabatten aufgeführt sind. Welche Rolle wird die Projektstelle für Datenarbeit bei der Sicherung der Datenqualität spielen?

B. M.: Wir werden uns in Sachen Datenqualität engagieren, insbesondere im Bereich der Global Open Knowledgebase. Auf jeden Fall werden wir Ergebnisse von Plausibilitätschecks an die Betreiber der Quellsysteme mitteilen. Dort muss ggf. die Bereinigung erfolgen, da wir die Quellsysteme dynamisch abgreifen wollen.

A. T.: Ein wichtiges Thema sind auch die Datenbanken, die zur Ermittlung der Publikationen genutzt werden. Nicht jede Hochschule verfügt über ein gut gepflegtes Forschungsinformationssystem, aus dem auch noch hervorgeht, welche Artikel im Open Access publiziert wurden. Welche Datenbanken nutzen Sie für die Auswertungen?

B. M.: Als solides Fundament verwenden wir die Bibliometrie-Datenbank des Kompetenzzentrums, gespeist aus Web of Science und Scopus. Hier sind die Zeitschriftentitel normiert, die Verlage können gemappt werden und die Einrichtungen sind nach der Institutionencodierung ebenfalls normiert. Bekanntlich enthalten diese Datenbanken aber nicht alle Zeitschriften. Keine diesbezügliche Beschränkung hat man bei BASE. Hier nehmen aber zum einen nicht alle Einrichtungen teil und zum anderen sind die Normierungen nur so gut wie in den ursprünglichen Repositorien. Das trägt also nicht. Der Ansatz, um beispielsweise die Zahl aller Publikationen bei einem Verlag zu ermitteln, wird daher sein, anhand einiger Einrichtungen, die in BASE vollständig und mit hoher Qualität abgebildet sind, das Verhältnis zwischen der Zahl aller Publikationen und der Zahl der in Web of Science/Scopus referenzierten Publikationen zu errechnen und anhand dieses Verhältnisses auch für die anderen Einrichtungen zu extrapolieren.

A. T.: Sie sprechen neben den bekannten kommerziellen Zitationsdatenbanken auch die Suchmaschine BASE an. BASE umfasst ja insbesondere Repositorien und Digitale Sammlungen mit Dokumenten, die auf dem Grünen Weg des Open Access publiziert wurden. Der Datenbestand unterscheidet sich also deutlich von Web of Science/Scopus. Wie wird das beim Extrapolieren der Publikationszahlen berücksichtigt?

B. M.: In BASE sind aus manchen Repositorien alle Publikationen verfügbar, aus manchen nur diejenigen mit Volltext. Unter den erstgenannten werden ein bis zwei Dutzend so ausgewählt, dass sie sich nach Typ, Größe und inhaltlicher Ausrichtung unterscheiden und insgesamt ein einigermaßen repräsentatives Abbild Deutschlands ergeben. Der angesprochene Unterschied zwischen BASE und Web of Science/Scopus wird dann dadurch quantifiziert, dass das Verhältnis zwischen den Publikationszahlen der jeweiligen Einrichtung in BASE und in Web of Science/Scopus auf Ebene einzelner Verlage berechnet wird. Wenn im Ergebnis bei einem Verlag das Verhältnis z. B. 1,2 beträgt, dann kann man die Gesamtzahl der Publikationen jeder Einrichtung bei diesem Verlag abschätzen, in dem man die Zahl der Publikationen in Web of Science/Scopus mit 1,2 multipliziert. Voraussetzung ist natürlich, dass die Repositorien die Publikationen der Einrichtung vollständig enthalten.

A. T.: Wie würden Sie in einem Satz die Rolle der Projektstelle mit Blick auf die Open-Access-Transformation beschreiben?

B. M.: Die Datenstelle ermöglicht den Übergang von der Spekulation zur faktenbasierten Handlung.

Footnotes

About the article

Bernhard Mittermaier

Bernhard Mittermaier


Published Online: 2017-11-11

Published in Print: 2017-11-27


Citation Information: ABI Technik, Volume 37, Issue 4, Pages 293–296, ISSN (Online) 2191-4664, ISSN (Print) 0720-6763, DOI: https://doi.org/10.1515/abitech-2017-0062.

Export Citation

© 2017 by De Gruyter.Get Permission

Citing Articles

Here you can find all Crossref-listed publications in which this article is cited. If you would like to receive automatic email messages as soon as this article is cited in other publications, simply activate the “Citation Alert” on the top of this page.

[1]
Irene Barbers, Nadja Kalinna, and Bernhard Mittermaier
Publications, 2018, Volume 6, Number 2, Page 19

Comments (0)

Please log in or register to comment.
Log in