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Arbeit

Zeitschrift für Arbeitsforschung, Arbeitsgestaltung und Arbeitspolitik

Ed. by Bosch, Gerhard / Bullinger-Hoffmann, Angelika C. / Evans, Michaela / Feuerstein, Patrick / Gärtner, Stefan / Hansen, Katrin / Heise, Arne / Hilf, Ellen / Jacobsen, Heike / Kädtler, Jürgen / Kämpf, Tobias / Kratzer, Nick / Minssen, Heiner / Rastetter, Daniela

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ISSN
0941-5025
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Volume 28, Issue 2

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Editorial

Published Online: 2019-06-08 | DOI: https://doi.org/10.1515/arbeit-2019-0007

Wie jede Forschung findet Arbeitsforschung disziplinär organisiert statt. Seit es die ARBEIT gibt, unternimmt sie den Versuch, die unterschiedlichen Disziplinen und Subdisziplinen, die sich mit Arbeit befassen, einerseits zu repräsentieren, andererseits aufeinander zu beziehen: die Arbeits- und Industriesoziologie, die Arbeitsmarktsoziologie, die Arbeits- und Organisationspsychologie, die Betriebs- und die Volkswirtschaftslehre und andere mehr. Schon im ersten Heft des ersten Jahrgangs 1992 hieß es: „Es haben sich getrennte Welten der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Arbeit entwickelt, die wieder zusammengeführt werden sollen.“ Das ist leichter gesagt als getan, einen Ansatzpunkt aber gibt es, nämlich den Bezug auf den gemeinsamen Gegenstand, das komplexe Phänomen der Arbeit. Die Beiträge dieses Hefts sind auch Beispiele dafür, wie dieser Gegenstandsbezug fruchtbar gemacht werden kann.

Martin Brussig befasst sich mit neuen Leitbildern der Arbeitsmarktpolitik unter der Titelfrage: Was kommt nach der Aktivierung? Das Leitbild der Aktivierung dominiert seit etwa 20 Jahren nicht nur die Arbeitsmarktpolitik, sondern hat auch die Arbeitsmarktforschung entscheidend geprägt. Als „gegenstandsbezogene Wissenschaft“ wird sie „durch gesellschaftliche Entwicklungen mindestens ebenso definiert wie durch den wissenschaftlichen Eigensinn“ (103). Hier spielen Leitbilder eine wichtige Rolle. Der Autor erörtert den Begriff des Leitbilds, die Erfolge und Defizite der aktivierenden Arbeitsmarktpolitik und nicht zuletzt ihre produktiven wie begrenzenden Einflüsse auf die Arbeitsmarktforschung. Er diskutiert drei Kandidaten für ein alternatives Leitbild der Zukunft: die Konzepte der vorbeugenden Sozialpolitik (social investment), der individuellen Autonomie und der sozialen Teilhabe. Und er prüft, welche Impulse (und „blinden Flecke“) diese Leitbilder nicht nur für die Arbeitsmarktpolitik, sondern auch für die Arbeitsmarktforschung bieten.

David Becks Beitrag Psychische Belastung als Gegenstand des Arbeitsschutzes basiert auf einer empirischen Untersuchung der Organisation und Umsetzung von Gefährdungsbeurteilungen psychischer Belastung. Psychosoziale Risiken der Arbeit gelten nicht als „zahme“, sondern als verzwickte, ja bösartige Probleme („wicked problems“), denn sie lassen sich nicht auf eine eindeutige Problemdefinition und Lösungsstrategie festlegen. Der betriebliche Arbeitsschutz ist hier mit „komplexen Beurteilungs- und Gestaltungsproblemen“ (127) und vielfältigen, teils konfligierenden Problemsichten und Handlungszielen konfrontiert. Anhand von Interviews mit Akteuren aus 32 Betrieben, die psychische Gefährdungsbeurteilungen organisierten und durchführten, ermittelt der Autor typische Herausforderungen solcher Maßnahmen. Sie betreffen die Entwicklung einer angemessenen Verfahrensweise, den Umgang mit konfligierenden Problemsichten und Interessen, die Einbindung von Führungskräften und die Berücksichtigung anderweitiger Aktivitäten zur Reduktion psychischer Risiken (etwa Supervision). Ein wesentliches Ergebnis ist, dass Problemdefinitionen und Lösungsstrategien aus innerbetrieblich ausgehandelten Kompromissen resultieren. ArbeitsschutzexpertInnen sind in diesen Prozessen zunehmend als „InteressenvertreterInnen des Gesundheitsschutzes“ (144) gefragt.

Melanie Reber und Anne Jansen untersuchen in ihrem Beitrag Arbeitsfähig bis ins Rentenalter, wie produzierende Unternehmen dazu beitragen können, die Gesundheit und Leistungsfähigkeit älterer Beschäftigter in Einfacharbeit zu erhalten. Einfacharbeitende waren bislang nur selten der Bezugspunkt solcher Studien, gewöhnlich richten sie sich eher auf Fach- und Führungskräfte. In einem zweistufigen Verfahren (Experteninterviews und Gruppendiskussionen) identifizieren die Autorinnen mögliche Maßnahmen und deren Bewertung durch die Beschäftigten selbst. Dabei beziehen sie sich auf den Ansatz des „Hauses der Arbeitsfähigkeit“ und insbesondere auf die „Stockwerke“ Arbeit/Arbeitsumgebung/Führung, Gesundheit/Leistungsfähigkeit und Kompetenz. Ein Ergebnis ist, dass die Zielgruppe der älteren Einfacharbeitenden mit besonderen Problemen zu kämpfen hat: beschwerliche Arbeitsbedingungen, Mangel an finanziellen Spielräumen (sodass Reduktionen der Arbeitszeit kaum realistisch sind), geringe Beteiligung an Weiterbildungsmaßnahmen, oft auch sprachliche Barrieren. Maßnahmen zur Erhaltung von Gesundheit und Arbeitsfähigkeit sollten sich an diesen Besonderheiten orientieren, um Akzeptanz zu finden.

Thorsten Jochims entwirft anhand einer empirischen Untersuchung ein Modell von Arbeitszufriedenheit als soziales Problemlösen. Arbeitszufriedenheit ist eines der meistuntersuchten und meistdiskutierten Themen der Arbeitsforschung, jedoch ohne dass Klarheit bestünde, wie dieses Konstrukt sinnvoll zu verstehen ist und welche Faktoren auf es einwirken. Auf der Basis einer umfassenden Literaturübersicht und leitfadengestützter qualitativer Interviews mit insgesamt 76 Beschäftigten aus 38 Unternehmen und Organisationen entwickelt der Autor ein Modell, das die Aspekte der Stabilität sozialer Beziehungen und des Erlebens von Kompetenz in den Mittelpunkt stellt. Es zeigt sich dem Autor zufolge, dass es nicht ausreicht, „wichtige Prädiktoren der Zufriedenheit quantitativ ohne Betrachtung des Kontexts zu erfassen“ (200); erst im „Kontext des sozialen Miteinanders“ lässt sich ihre Bedeutung fundiert bestimmen.

Die Hefte 3 und 4 dieses Jahrgangs werden jeweils einem Schwerpunkt gewidmet sein: Heft 3 steht unter dem Motto „Neue Räume der Arbeit“, Heft 4 befasst sich mit „Perspektiven auf Digitalisierung von Arbeit“.

About the article

Published Online: 2019-06-08

Published in Print: 2019-06-26


Citation Information: Arbeit, Volume 28, Issue 2, Pages 99–100, ISSN (Online) 2365-984X, ISSN (Print) 0941-5025, DOI: https://doi.org/10.1515/arbeit-2019-0007.

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