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Bibliotheksdienst

Editor-in-Chief: Michalke, Karin / Ihrig, Hartmuth

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ISSN
2194-9646
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Volume 47, Issue 10

Issues

Lese- und Literaturpädagogik in der Bibliothek

Reading and Literature Pedagogy for Libraries

Barbara Knieling
Published Online: 2013-10-05 | DOI: https://doi.org/10.1515/bd-2013-0086

Zusammenfassung:

Eine sich wandelnde Gesellschaft postuliert an bestehende Berufsbilder neue Aufgaben. Bibliotheken stehen vor der Frage, worin ihr künftiges Kerngeschäft liegen wird. Der traditionelle Aufgabenbereich Leseförderung gewinnt an Bedeutung und bedarf spezieller Kompetenzen seitens der Mitarbeiter. Diese vermittelt die interdisziplinäre Weiterbildung „Lese- und Literaturpädagogik“, welche vom Bundesverband Leseförderung konzipiert wurde. Die Basis bildet der gleichnamige Kompetenzrahmen „Lese- und Literaturpädagogik“, der neben Fach- und Methodenkompetenz bewusst auch Personal- und Sozialkompetenzen integriert und die Grundlage des Curriculums darstellt.

Abstract:

A changing society requires existing career profiles to assume new tasks. Libraries face the question what their future core business will be. The traditional task of reading promotion gains in importance and requires employees with specific skills. These skills are provided by the interdisciplinary training programme “Reading and Literature Pedagogy” which has been devised by the Bundesverband Leseförderung (Federal Association for Reading Promotion). It is based on the reading and literature pedagogy framework of competence which deliberately integrates personal and social competences, as well as subject-related and methodical competences and represents the foundation of the curriculum.

Schlüsselwörter: : Leseförderung; Lese- und Literaturpädagogik; interdisziplinär

Keywords: : Reading promotion; reading and literature pedagogy; interdisciplinary

Lese- und Literaturpädagogik in der Bibliothek

Eine sich wandelnde Gesellschaft postuliert an bestehende Berufsbilder neue Aufgaben. Bibliotheken stehen vor der Frage, worin ihr künftiges Kerngeschäft liegen wird. Bei der Bereitstellung und Ausleihe von Medien sowie der damit verbundenen Beratung? Oder werden E-Books und Onleihe-Bibliotheken nicht nur Raumgewinn bescheren, sondern Arbeitsplätze kosten? Welche Aufgabenbereiche erhalten dann die Akzeptanz von Bibliotheken in der öffentlichen Wahrnehmung? Welche Schwerpunkte werden gesetzt? Unter diesen Aspekten gewinnt der traditionelle Aufgabenbereich Leseförderung an Bedeutung – und steht gleichsam vor neuen Herausforderungen. Die Kompetenz zu deren Bewältigung vermittelt die interdisziplinäre Weiterbildung „Lese- und Literaturpädagogik“, welche vom Bundesverband Leseförderung in Kooperation mit der Akademie Remscheid und jugendstil, dem Kinder- und Jugendliteraturzentrum NRW, konzipiert wurde.

Die Bibliothek der Zukunft

Laut Monika Ziller, Direktorin der Stadtbibliothek Heilbronn und bis 2013 Mitglied im Vorstand des DBV, wünschen sich Bürger „eine lebendige Bibliothek, die Internet-Arbeitsplätze bietet, Lese-Ecken, Veranstaltungen und Räume, in denen sich Gruppen zum Arbeiten treffen können.“1 Außerdem schätzen Besucher die Freiheit, nichts konsumieren zu müssen, das intergenerative und interkulturelle Medienangebot sowie die angenehme, störungsfreie Arbeitsatmosphäre bei gleichzeitiger sozialer Teilhabe – Aspekte, die für die Lese- und Literaturpädagogik von Bedeutung sind. Ausgehend von einem Bibliotheksprofil, welches sich auf die drei Säulen

  • Medienberatung und -angebot,

  • Ansprechpartner für Institutionen, Privatpersonen, Familien und Ehrenamtliche

  • sowie Veranstaltungsangebot

gründet, wird lese- und literaturpädagogisches Knowhow insbesondere in den Bereichen „Ansprechpartner“ sowie „Veranstaltungsangebot“ relevant.

Ansprechpartner in Sachen Medien

Ob Literaturrecherche für Referate, zur Vorbereitung auf Prüfungen oder Lektüretipps – Privatpersonen nutzen Bibliotheken und deren Angebote. Lesen gilt als Zeichen von Bildung (74,6 %) und sichere einen Bildungsvorsprung (75,2 %), wie eine im März 2013 durchgeführte Online-Marktforschungsumfrage ergab. Im Auftrag des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels e. V. wurden von Research Now, einem auf Online-Umfragen spezialisierten Marktforschungsinstitut, 5.000 Bundesbürger ab 14 Jahren über ihre „Einstellungen und Verhaltensweisen zum Lesen von Büchern“ – worunter auch E-Books verstanden wurden – befragt.2 90,7 % der Befragten waren der Meinung, „Kinder sollten lesen und mit Büchern aufwachsen“, eine Einschätzung, die immerhin 88,4 % der männlichen und 85,3 % der 14–19-jährigen Umfrageteilnehmer teilten.3 Dennoch nutzen nur 29 % der 14–75-Jährigen Bibliotheken.4

Insofern ist es nahe liegend, Bibliotheken als Ansprechpartner für Familien in den Fokus zu stellen, um Grundlagen für eine lebenslange Bibliotheksnutzung zu legen. Eine Vielzahl von Aktionen und Angeboten belegt diese Bemühungen anschaulich, wie zwei Beispiele verdeutlichen sollen. „Gedichte für Wichte“ ist ein Angebot für Familien mit Kindern bis zum Alter von drei Jahren, das von Hamburg aus die Republik erobert hat und neben ersten literarischen Erfahrungen eine frühe Bindung an Bibliotheken erreichen soll.5 Erfahrungen solcher Art helfen, Bibliotheken nicht nur als Lernort zu verinnerlichen, sondern als Ort des Genießens. Dies ist ein zentraler Aspekt der Leseförderung und „Dreh- und Angelpunkt der Lesemotivation“6 . Eine Fortführung solch genussreicher Leseerfahrungen stellen auch Leseclubs, beispielsweise die von der Stiftung Lesen initiierten,7 dar. In Leseclubs lernen sich Kinder und Jugendliche als lesendes Individuum kennen, erfahren, dass Gespräche über Literatur den Horizont erweitern können und Leser per se als bessere Gesprächspartner eingeschätzt werden, wie immerhin 57,8 % der befragten 14–19-jährigen Jugendlichen in der bereits zitierten Online-Umfrage des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels zur Relevanz des Lesens angaben.8 Kinder und Jugendliche, die solche Erfahrungen gemacht haben, engagieren sich auch bei „Literanauten überall“, einem vom Arbeitskreis für Jugendliteratur initiierten Leseförderungsprojekt von Jugendlichen für Jugendliche. „Lesebegeisterte Jugendliche [sollen] in allen Teilen der Bundesrepublik mit Gleichaltrigen in Dialog treten und so als ‚Lesebotschafter’ aktiv werden.“9

Kooperationspartner Bibliothek

Um Projekte dieser Art für die Teilnehmer gewinnbringend durchführen zu können, benötigen die verantwortlichen Mitarbeiter neben Fachwissen auch ein Repertoire an Methoden, welche je nach Zielgruppe eingesetzt und nicht selbstverständlich – durch Studium oder Berufsausbildung – vorausgesetzt werden können. Ebenso verhält es sich mit der Begleitung ehrenamtlicher Kräfte wie beispielsweise Vorlesepaten oder den vielfältigen Kooperationen mit Institutionen, von denen Schulen oder Kindertagesstätten stellvertretend genannt seien. Bibliotheken als außerschulische Lernorte im Sinne von „Library- and Literacy-Learning“10 fördern „Lese-Kultur“ im doppelten Wortsinn: Lesekompetenz und literarisches Lernen, insbesondere auch die Vermittlung „literarisch-kulturellen (Kontext-)Wissens“, welches bislang kein „Gegenstand der Leseförderung“11 ist.

Um diesen Anforderungen gerecht werden zu können und für die einzelnen Zielgruppen, die wiederum häufig selbst als Multiplikatoren tätig sind, Fortbildungsangebote generieren zu können oder, z. B. im Bereich des Ehrenamts, Entwicklungschancen einzuräumen, bedarf es eines ausgewogenen Veranstaltungsangebots. Dazu gehören Fortbildungen für Ehrenamtliche, die einerseits deren Bedürfnissen entsprechen und ihnen andererseits ermöglichen, ihr für das Ehrenamt erforderliches Wissen zu vertiefen, und/oder ihnen Kenntnisse über die Wirkungsweise von literarischen Veranstaltungen für verschiedene Zielgruppen vermitteln.

Weiterbildung „Lese- und Literaturpädagogik“

Erkennen Bibliotheken die beiden Säulen „Ansprechpartner“ und „Veranstaltungsangebot“ als verpflichtende Aufgaben für die Zukunft an, stellt sich die Frage, welche Kompetenzen seitens der Mitarbeiter erforderlich sind, um diese erfüllen zu können. Welche Qualifikationen sind notwendig? Wo und wie können diese erworben werden? Die Weiterbildung „Lese- und Literaturpädagogik“, deren Besonderheit die Verbindung von Theorie/Wissenschaftlichkeit und Praxis darstellt, vermittelt solche Qualifikationen und ist durch den Kompetenzrahmen „Lese- und Literaturpädagogik“ überprüfbar.

Entwickelt wurde die Weiterbildung vom Bundesverband Leseförderung. Seit seiner Gründung im Jahr 2009 setzt sich der Verband für die Qualität und Nachhaltigkeit lesefördernder Maßnahmen ein. Aus diesem Grund hat der Verband in Kooperation mit der Akademie Remscheid und jugendstil, dem Kinder- und Jugendliteraturzentrum NRW, das Curriculum „Lese- und Literaturpädagogik“ entwickelt. Dessen Basis bildet der gleichnamige Kompetenzrahmen „Lese- und Literaturpädagogik“, der neben Fach- und Methodenkompetenz bewusst auch Personale Kompetenzen und Sozialkompetenzen integriert. Die Weiterbildung entspricht der zweiten Studienstufe des Europäischen Qualitätsrahmens (EQR) und schließt auf Stufe 7 desselben ab. Darüber hinaus entsprechen die Rahmenvorgaben der Weiterbildung den Anforderungen des Berufsbildungsgesetzes (BBiG), Kapitel 2 und 3, Berufliche Fortbildung bzw. Berufliche Umschulung, wodurch die Grundlagen für möglichen Bildungsurlaub, Freistellung durch den Arbeitgeber sowie Kostenabrechnung geschaffen wurden.

Inhalt und Umfang der Weiterbildung

Das Curriculum „Lese- und Literaturpädagogik“12 umfasst mindestens 356 Unterrichtseinheiten – inklusive Selbststudienzeiten 600 Unterrichtseinheiten – plus 400 Praxiseinheiten der fünf Fachbereiche Pädagogik und Entwicklungspsychologie; Kinder- und Jugendliteratur; Planung, Organisation, Public Relations und Management; Erzählen, Vorlesen und Schreiben sowie Literacy und Lesedidaktik. Da es sich bei der Weiterbildung um ein interdisziplinäres Angebot handelt, können 56 Unterrichtseinheiten je nach beruflicher Vorbildung individuell variiert werden. Die nachweisbaren Vorkenntnisse innerhalb eines Fachthemas können auf Anfrage berücksichtigt werden, ohne dass sich die Gesamtzahl der Unterrichtseinheiten reduziert. Um die Mindestanzahl der Präsenzzeiten nicht zu unterschreiten, müssen die nicht absolvierten Unterrichtseinheiten in anderen Fachbereichen im Sinne einer Spezialisierung zusätzlich belegt werden. Die Weiterbildung schließt mit der Facharbeit über ein Praxisprojekt der Teilnehmer ab, welche die Grundlage des Abschlusskolloquiums darstellt.

Abb. 1: Das Curriculum „Lese- und Literaturpädagogik“ vom Februar 2012.

Noch kein flächendeckendes Angebot

Bei der Umsetzung der Inhalte arbeitet der Bundesverband Leseförderung mit verschiedenen Bildungseinrichtungen zusammen und sorgt im Sinne der Qualitätssicherung für eine Durchsetzung der zu vermittelnden Inhalte. Seit 2013 kann die Weiterbildung außer bei jugendstil in Dortmund und der Akademie Remscheid auch in anderen Bundesländern begonnen werden. Diese sind: Baden-Württemberg (Akademie für Innovative Bildung und Management, Heilbronn, Volkshochschule, Baden-Baden), Hamburg (Kinderbuchhaus), Hessen (Phantastische Bibliothek, Wetzlar), Rheinland-Pfalz (Leserattenservice, Dieblich), Schleswig-Holstein (Bücherpiraten, Lübeck). Der Verband würde es begrüßen, wenn im Laufe der Zeit die Weiterbildung Lese- und Literaturpädagogik in allen Bundesländern angeboten werden könnte und auf diese Weise das Angebot qualitätsvoller Leseförderung zunähme.

Experten für das Lesen

In Kooperation mit Frau Professorin Gudrun Marci-Boehncke, TU Dortmund, erkennt der Bundesverband Leseförderung den speziell für Mitarbeiter in Bibliotheken entwickelten Zertifikatskurs „Experten für das Lesen“ als Theorieteil der Weiterbildung an. Bibliothekare oder Mitarbeiter in Bibliotheken, welche diesen Kurs besuchen, müssen keine separate Facharbeit schreiben, jedoch zur Führung des beruflichen Zusatztitels „Lese- und Literaturpädagoge/-pädagogin“ die erforderlichen Praxisseminare absolvieren und Praxiszeiten nachweisen.

Ein weiteres Beispiel einer gelingenden Kooperation ist das Angebot der Leserattenservice GmbH in Dieblich, die in Kooperation mit dem Landesbibliothekszentrum Rheinland-Pfalz die Weiterbildung anbietet. Da laut Eva Pfitzner, Geschäftsführerin des Leserattenservice, rund ein Viertel der Teilnehmer aus dem Umfeld von Bibliotheken stammt, lag es nahe, mit dem vertrauten Partner in Sachen Fort- und Weiterbildung zusammenzuarbeiten, zumal sowieso einige der seitens des Landesbibliothekszentrums angebotenen Seminare den Vorgaben des Curriculums entsprechen. Eine Kooperation, die sich der Bundesverband Leseförderung auch in anderen Bundesländern wünschen würde.

Bibliotheken, die in die Zukunft ihrer Mitarbeiter investieren, investieren gleichsam in die Zukunft ihrer Bibliothek. Wer den beruflichen Zusatztitel anstrebt, erwirbt umfassende Fach- und Methodenkompetenz, kombiniert mit einem hohen Maß an sozialen und personalen Kompetenzen, wie sie für eine zukunftsweisende Bibliotheksarbeit notwendig sind. (Künftige) Lese- und Literaturpädagogen ermöglichen die Erfüllung hoher Erwartungen, welche veränderte gesellschaftliche Bedingungen an Bibliotheken herantragen und denen es sich zu stellen gilt.

Footnotes

  • http://bildungsklick.de/a/86333/brauchen-wir-noch-bibliotheken/ [Zugriff: 20. Dezember 2012]. 

  • http://www.boersenverein.de/sixcms/media.php/976/Buch_Lese_Relevanz_2013_Daten_ausfuehrlich.pdf [Zugriff: 23. Juli 2013]. 

  • Ebd. 

  • http://www.stiftunglesen.de/index.php [Zugriff: 23. Juli 2013]. 

  • http://www.buchstart-hamburg.de/v-gedichte-fuer-wichte.php [Zugriff: 23. Juli 2013]. 

  • Becker, Susanne Helene: Lesesozialisation – ein Spiel mit Grenzen. In: kjl&m 08.extra, Kinder- und Jugendliteratur für Risikoschülerinnen und Risikoschüler? Aspekte der Leseförderung, München 2008, S. 46–57. 

  • http://www.stiftunglesen.de/leseclubs [Zugriff: 23. Juli 2013]. 

  • http://www.boersenverein.de/sixcms/media.php/976/Buch_Lese_Relevanz_2013_Daten_ausfuehrlich.pdf [Zugriff: 23. Juli 2013]. 

  • Neu, Bettina: Literanauten überall. In: JuLit 2/13, Lesen auf Knopfdruck?, München 2013, S. 64–66. 

  • Bieber, Ada: Library- and Literacy-Learning. Überlegungen zur Initiierung und Vermittlung einer Lesekultur in Schule und Bücherei. In: kjl&m 13.2, Erstaunliches. Philosophie (nicht nur) für Kinder und Jugendliche, München 2013, S. 62–66. 

  • Ebd. 

  • Curriculum Lese- und Literaturpädagogik vom 13. Februar 2012. 

About the article

Barbara Knieling

Barbara Knieling

1. Vorsitzende Bundesverband Leseförderung

Schwarzwaldstraße 121a

70569 Stuttgart


Published Online: 2013-10-05

Published in Print: 2013-10-25


Citation Information: Bibliotheksdienst, Volume 47, Issue 10, Pages 734–741, ISSN (Online) 2194-9646, ISSN (Print) 0006-1972, DOI: https://doi.org/10.1515/bd-2013-0086.

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