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Bibliotheksdienst

Editor-in-Chief: Michalke, Karin / Ihrig, Hartmuth

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2194-9646
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Volume 47, Issue 11

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Nutzer erforschen Nutzer

„Service Learning“ als Instrument der Lernort-Entwicklung

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“Service Learning” as a tool for improving a learning center

Renke Siems
Published Online: 2013-11-08 | DOI: https://doi.org/10.1515/bd-2013-0095

Zusammenfassung:

Die Entwicklung zum Lernort verlief an der Universitätsbibliothek Tübingen sehr dynamisch, aber in der Vergangenheit nicht von einer konzisen Strategie geleitet. Um die künftige Gestaltung auf Basis eines reflektierten Konzepts vorantreiben zu können, entschloss sich die Universitätsbibliothek, das Instrument des Service Learnings auszuprobieren und als Form eines Participatory Designs zu verwenden. In einem zweisemestrigen Projekt entwickelten Studierende Aspekte eines künftigen Benutzungskonzepts, das in künftige Maßnahmen Eingang finden wird.

Abstract:

The development of Tuebingen University Library as a place of learning has been very dynamic, while lacking a concise strategy in the past. In order to develop future structures based on a well reflected concept, the University Library decided to try service learning as an instrument and participatory design as its form. In a two-semester project, students developed aspects of a future usage concept, which will be incorporated into future measures.

Schlüsselwörter: : Lernort Bibliothek; Service Learning; Participatory Design

Keywords: : Learning center; service learning; participatory design

1 Ausgangslage

Die UB Tübingen lag in der Entwicklung zu einem attraktiven Lernort schon rein quantitativ lange Zeit weit zurück. Die Deutsche Bibliotheksstatistik weist noch für 2006 ganze 684 Arbeitsplätze für die Universitätsbibliothek mit allen Zweigstellen aus – und das bei über 24.000 Studierenden. Dies hat sich binnen weniger Jahre stark verändert, denn die DBS für 2012 nennt 1.549 Arbeitsplätze, davon allein 1.200 in der Zentralbibliothek. Damit ist man immer noch entfernt von der 15 %-Empfehlung des DIN-Fachberichts 131 (selbst wenn man die in den Instituts- und Fakultätsbibliotheken angebotenen Plätze hinzuzählt), aber die Entwicklung zeigt eine solche Dynamik, dass man von einer Aufholjagd zu sprechen geneigt ist.

Die Mittel zur Gewinnung von Arbeitsplatzflächen waren dabei sicher die gleichen wie überall: wo vorher gedruckte Bibliographien einen ganzen Saal füllten, wurde ein Lernzentrum eingerichtet, Zettelkataloge wichen Gruppenarbeitsflächen und wo immer sich in zugänglichen Bereichen Bestände verdichten oder abbauen ließen, konnte entsprechend nachmöbliert werden. Parallel zum quantitativen Zuwachs wurde das Augenmerk auch auf die qualitative Entwicklung des Lernorts Bibliothek gelegt: durch Umbauten im Rahmen einer Sanierung konnte u. a. eine Cafeteria eingerichtet2 und um einen Lounge-Bereich ergänzt werden, die Einführung der RFID-Verbuchung ermöglichte, seine Sachen mit an den Platz nehmen zu können. Eine zunehmende Zonierung in Ruhebereiche, Plätze mittlerer Lautstärke und marktplatzartige Gefilde entwickelte sich. Die bauliche Ausgangssituation in Tübingen, wo die Zentralbibliothek aus vier ganz unterschiedlichen Gebäuden aneinandergefügt ist, ließ eine Vielzahl an „Biotopen“ entstehen, die unterschiedlichen Kommunikations-, Lern- und Arbeitsstilen entgegenkommen.

Damit allein wäre man sicher immer noch weitgehend in der Holzklasse geblieben, denn die Qualität eines Lernorts zeigt sich in seiner flexiblen Nutzbarkeit und seinem Mehrwert für viele Bedürfnisse, was in der Konsequenz bedeutet, dass viele Angebote und Services an jedem der nicht immer eindeutig definierten Plätze verfügbar sein müssen. Neben einer deutlichen Erweiterung der Öffnungszeiten hieß dies zunächst einmal technisch nachzurüsten: die WLAN-Ausleuchtung wurde auf alle Gebäude flächendeckend ausgedehnt, auch zusätzliche Steckdosen wurden verbaut. Erste Versuche mit Smartboards wurden gestartet, während im Blended-Library-Projekt seit einiger Zeit mit neuen Formen der Wissensarbeit an Multi-Touch-Geräten experimentiert wird.3

Entscheidend war aber die zunehmende Kooperation und Vernetzung der Bibliothek insgesamt und als Lernort in und mit der Universität. War die Universitätsbibliothek in der Vergangenheit allein schon durch die Vielzahl der Sondersammelgebiete stark überregional und an vielfach sehr spezialisierten Bedürfnissen orientiert, so konnten nun auch für die Lernortentwicklung wichtige Verbindungen geknüpft werden: das Zentrum für Datenverarbeitung richtete im Lernzentrum einen Helpdesk für IT-Fragen ein, das Schreibzentrum eine offene Sprechstunde. Gerade mit dem Schreibzentrum und dadurch mit dem Dezernat Studium und Lehre der Universität ergab sich eine Reihe an fruchtbaren Kooperationen wie z. B. die Ausrichtung der „Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten“ mit Hunderten von Teilnehmer/innen und die auf einem Peer-Learning-Modell basierenden Schreibwochen.4

Unterstützt wurde dies in der Bibliothek insbesondere durch den Bereich Information, der sich von einer eher klassisch orientierten Auskunft zu einem Anbieter von Schulung, Training und Beratung wandelte mit einem breiten Programm im Bereich Informationskompetenz.5 Zuletzt wurde dabei gemeinsam mit dem Schreibzentrum das am Bielefelder Konzept der Mitlern-Zentrale 6 orientierte lern+ Zentrum entwickelt, das als Plattform für viele Ansätze des peer-learning und peer-tutoring dienen kann.7

2 Zwischenschnitt: wie weiter?

Entsprechend dem mehr als spürbaren Bedarf verlief die Diskussion über den Lernort Bibliothek in den vergangenen Jahren sehr lebhaft und intensiv, exemplarisch an den Aktivitäten der DINI-AG Lernräume zu sehen.8 Zusätzlich angeregt wurde die Debatte zum einen durch die Renaissance des Bibliotheksbaus, erkennbar an einer Reihe spektakulärer Neubauten, aber auch einer Vielzahl nicht minder interessanter Umbauten und Sanierungen,9 zum anderen aber auch durch die Frage, wie sich der physisch manchmal fast schon erdrückende Zuspruch mit den virtuellen Angeboten in ein stimmiges Konzept bringen lässt. Evident zeigte sich, dass digitale Netzwerke bislang reale Orte des Diskurses nicht überflüssig machen oder kannibalisieren, sondern dass sich diese Bereiche ergänzen. Eine Blended Library muss sich daher darauf konzentrieren, dieses blending so niederschwellig, harmonisch, elegant und nützlich wie irgend möglich zu gestalten. Die Bibliothek wird sich folglich auch als Lernort damit befassen müssen, was wechselnd pervasive computing, ubiquitous computing, ambient intelligence und „Internet der Dinge“ genannt wird, verschiedene Modelle hierfür liegen seit einiger Zeit vor.10 Gerade aufgrund ihrer Dynamik gestaltete sich die Lernortentwicklung in Tübingen gewissermaßen naiv, es wurde im Wesentlichen nur reagiert: mehr Tische, mehr WLAN, mehr Internetplätze, mehr Netzdrucker, mehr E-Learning, mehr Beratung, Information und Schulung. Dieses Angebot unter einem Dach, in günstiger Lage, mit langen Öffnungszeiten und guten Versorgungsmöglichkeiten findet einerseits einen enormen Zuspruch, andererseits bleiben Fragen. Zum einen natürlich mit Blick auf die veränderten Informationskulturen und Formen der Wissensarbeit heute, an denen wir als Bibliothekarinnen und Bibliothekare mit unseren alltäglichen Routinen nicht unbedingt partizipieren mit der Folge, dass Dienstleister und Nutzer letztlich auch in ihren Verständigungsmöglichkeiten auseinanderdriften. Das muss den Wert der Dienstleistung nicht steigern. Zum anderen gab es immer wieder auffällige Beobachtungen. So waren von der erwähnten Sanierung gerade verschiedene Benutzungsbereiche und das Lernzentrum betroffen. Gruppenarbeit oder konzentriertes Lernen waren nicht möglich, wenn wenige Schritte daneben eine Kernbohrung vorgenommen wurde, die Bereiche leerten sich entsprechend. Auffällig war aber, dass die Nutzer nicht in andere Bereiche der Bibliothek auswichen, die von der Sanierung nicht betroffen waren, sondern gleich ganz wegblieben. Die Nutzer des Lernzentrums hingen also nicht organisch an der Bibliothek, sondern suchten nach einer Dienstleistung, die im Wesentlichen auch woanders erbracht werden könnte, und wenn das Angebot nicht den Vorstellungen entsprach, blieben sie eben fern.

Wir stellten also fest, dass man aus zwei Gründen am Markt Erfolg haben kann: entweder das Produkt ist gut oder es gibt keine wirkliche Alternative. Die naive Lernortentwicklung profitierte eben auch davon, dass die Universität an räumlichen Zwängen leidet und die in den Instituten und Fakultäten vorhandenen Flächen auszureizen bemüht ist. Sind die Institute aber nur noch Büro und Unterrichtsmaschine, fließt immer mehr akademisches und vor allem studentisches Leben ab, weil die nötigen Freiräume dafür fehlen. Die Bibliothek bietet sich als Anlaufstelle dann an, es könnte aber auch etwas anderes sein wie an den Hochschulen, wo Lernzentren in eigenen Gebäuden etabliert wurden. Da wir überzeugt davon sind, dass die Bibliothek als Diskursort die besten Voraussetzungen für wissenschaftliches Arbeiten bietet, muss das Produkt also verbessert werden in dem Sinne, dass Nutzer des Lernorts Bibliothek einen zwangsläufigen Benefit erfahren, einen Mehrwert, den sie an einem anderen Ort nicht oder nicht in der Weise bekommen können.

Als wesentlicher Punkt in der Reflexion erschien es, die funktionale Differenzierung in den Bedürfnislagen zu beachten und die Angebotsstruktur darauf auszurichten. Nicht umsonst untergliedert sich das international immer wieder als best-practice-Beispiel zitierte Angebot der University of Warwick in die Trias des learning grid, des teaching grid und des research grid.11 Jedes dieser fokussierten Angebote versteht sich in seinem Bereich als One-Stop-Shop, setzt neben einem überschaubaren Referenzbestand an klassischen Medien massiv Technik ein, ist räumlich flexibel nutzbar und überträgt Verantwortung an die Nutzergruppen, so ist das learning grid in student ownership organisiert. Durch diese vernetzte Struktur werden für unterschiedliche Ausgangslagen Möglichkeiten einer vertieften Nutzung und damit auch eines entsprechend größeren Nutzens geschaffen. In Tübingen waren die Umrisse eines teaching grids am deutlichsten zu erkennen: seit Langem erfolgreich als E-Learning-Anbieter, wurden diese Dienste in ein universitäres Portal integriert, wobei es neben der bloßen Bereitstellung der Plattformen eben auch technischen und didaktischen Support gibt und Unterrichtsräume für ein blended teaching.12 Auch das Blended Library-Projekt ergänzt dieses Angebot durch den experimentellen Einsatz neuer Lehrformen. Ein research grid wird gegenwärtig in aufeinander folgenden Schritten installiert. Dabei werden technisch unterstützte Arbeitsplätze mit Konzepten eines coworking space verknüpft werden, um insbesondere Forschungsarbeitsgruppen, Graduierten und Doktoranden einen Raum zu schaffen, den sie woanders nicht finden.13 Alle Konzeptionen bedürfen dabei neben Zeit, Aufwand und Ressourcen vor allem der pointierten Einbindung der Zielgruppen. Für die Profilierung eines learning grids stießen wir dabei auf die Möglichkeit des Service Learnings und fanden mit dem örtlichen Career Service einen neuen Kooperationspartner.

3 Service Learning als Participatory Design

Service Learning ist eine an Schulen wie Hochschulen immer weiter verbreitete Methode, die fachliches Lernen mit gesellschaftlichem Engagement verknüpft: in einem gemeinnützigen Projekt können bereits vorhandene Kompetenzen erprobt und durch die begleitende Lehre vertieft und reflektiert werden.14 Dies ermöglicht den Studierenden den Transfer und die Anwendung ihres im Fachstudium erworbenen Wissens, die Aneignung und Erweiterung von Schlüsselqualifikationen und die für das weitere Studium motivierende Erfahrung eines Projekts, das durch seinen gesellschaftlichen Mehrwert eben auch mehr wert ist als Credit Points allein.

In Tübingen ist Service Learning ein Schwerpunkt im vom Career Service gestalteten Programm zum Erwerb von Schlüsselqualifikationen. Dieser Schwerpunkt wird angetrieben durch die Fördermaßnahme „Effizient Studieren in Tübingen (ESIT)“, die insbesondere den Ansatz des forschenden Lernens in der Hochschullehre voranbringen will: „Bildung wird in einem Projekt Forschenden Lernens, das einem Dritten gegenüber verantwortet wird, als Angebot an die Studierenden verstanden, Wissenschaft als innere Haltung auszubilden und kritisch Antworten auf die gesellschaftliche Relevanz von akademischem Wissenserwerb geben zu können.“15

Die Möglichkeit, diesen Ansatz auch universitär zu nutzen, hatte in Tübingen zuerst das Museum der Universität erkannt: im Projektseminar „Mind|Things – Kopf|Sache“ haben Studierende die wissenschaftliche Gerätesammlung des Psychologischen Instituts gesichert, erschlossen und eine sehenswerte Ausstellung kuratiert.16 Das Projekt fand einen Nachhall für die Rettung weiterer Sammlungen, aber z. B. auch für die Entwicklung einer App für den Botanischen Garten der Universität.17 Daher entstanden dann Überlegungen, ob man dieses Instrument auch für die Benutzerforschung einsetzen könnte.

Service Learning wäre in dem Zusammenhang eine Form des Participatory Designs: die möglichen Kunden einer Dienstleistung oder eines Produkts entwickeln mit, können ihre Bedürfnisse in das Konzept einbringen und dann entsprechend einen höheren Nutzen im Gebrauch daraus ziehen, während der Anbieter profitiert durch Kundenbindung, bessere Kundenkenntnis und höhere Produktakzeptanz. Participatory Design ist daher vielfach verbreitet in Produktentwicklung und Softwaredesign, aber auch in Architektur und Stadtentwicklung. Das Konzept hat natürlich auch klare Grenzen: von Henry Ford bis Steve Jobs gibt es genügend schlagende Zitate, dass Produkte, die einen deutlichen Paradigmenwechsel bedeuten oder Bedürfnisse aktiv wecken sollen, nicht darauf warten können, bis sie von den Kunden selbst formuliert werden können – dann wäre man im Zyklus der Produktentwicklung immer zu spät auf dem Markt. Für Bibliotheken hat dies jüngst Hubertus Neuhausen problematisiert am Beispiel von Benutzerumfragen: was kann man z. B. aus solchen Momentaufnahmen von Benutzerbedürfnissen bezogen auf elektronische Arbeitsplätze schließen für die Einrichtung einer in einigen Jahren zu eröffnenden Bibliothek, wenn sich gleichzeitig die ganze Struktur an elektronischen Geräten umwälzt?18

Dennoch gilt natürlich der Grundsatz aller Empirie, dass alles besser ist als gar nichts zu wissen, und gerade bei wissenschaftlichen Bibliotheken ist zu fragen, wie gut sie ihre Nutzer gegenwärtig eigentlich kennen, schließlich bringen allein schon Bologna, Doppeljahrgang und Internationalisierung eine starke Dynamik. Participatory Design hat daher seine Berechtigung und wird gegenwärtig paradigmatisch vom Urban Mediaspace, dem Neubau der Stadtbibliothek in Århus, vorgelebt: „We will only be able to generate a lively city space and Mediaspace by consulting the people who are going to use it. Consequently, we involve both citizens of Aarhus and future Mediaspace employees in the entire building process. Aarhus has a particular Aarhus model for citizen involvement, which we take as our starting point for making Mediaspace an excellent and unique place for cooperation. […] In all project phases we have focused on involving citizens and conveying information in a clear manner.“19

Neben dem Ethos dieses Ansatzes war in Tübingen auch die aus den Bedingungen des Alltags geborene Frage relevant: Sollen wir viele Ressourcen in die Erhebung von Nutzerbedürfnissen stecken, wenn die Zielgruppe selbst doch ihre Bedürfnisse umso besser erheben und darlegen kann? Wir fanden es einen Versuch wert und starteten das Projekt Lernarchitekturen.

4 Lernarchitekturen – das Projektseminar

Lernarchitekturen stellte die Frage nach dem „dritten Pädagogen“: dem konkreten Raum, in dem sich Lern- und Wissensprozesse abspielen. Lange nachdem bei Montessori und der Reggio-Pädagogik der Terminus geprägt wurde, scheint er nach Jahrzehnten der Tristesse nun den Schulbau zu beleben.20 Parallel dazu kommt auch Bewegung in den Bau von Gebäuden für wissenschaftliche Nutzung – das Rolex Learning Center stellt an sich auch programmatisch den Anspruch, die Kommunikation für den gesamten Campus zu verbessern und anzutreiben,21 und ähnlich den spektakulären Bibliotheksneubauten gibt es mittlerweile eine Reihe von Gebäuden, die die Frage nach den Bedingungen von Wissenschaft im digitalen Zeitalter architektonisch zu bearbeiten versuchen.22 Die Leitfrage, die Lernarchitekturen an die Studierenden stellte, konkretisiert dies: „Sie erforschen Lernen und Informationsverhalten – wie lernen wir, wann, wo und in welcher Intensität? Wie nehmen wir Informationen auf, wann müssen sie zur Verfügung stehen und in welcher Form? Welche Umgebung aus Informationsangebot, Medientechnik, sozialem Umfeld und nicht zuletzt dem konkreten Raum, worin sich alles abspielt, bringt Studierende richtig voran im Studium?“23

Damit war ein großer Spannungsbogen umrissen und evident, dass eine intensive begleitende Lehre nötig war, die die bibliotheksseitigen Kompetenzen deutlich überstieg. Lernarchitekturen konnten dabei von Kontakten und Strukturen profitieren, die sich seit Mind|Things gebildet hatten. Auch dort hatte das Museum der Universität einen Teil des Inputs, etwa zur Sicherung, Erschließung und Präsentation von Sammlungen geliefert, andere Teile wie etwa Projektmanagement und Sponsoring aber eingeworben. Genauso wurden die Studierenden der Lernarchitekturen von einer Reihe von Expert/innen aus den Bereichen Empirische Bildungsforschung, Soziologie, Bibliothekswesen, Betriebswirtschaft, Bau und Architektur und wissenschaftliches Schreiben in eine Vielzahl von Themen eingeführt. Aus diesem Grund wurde aus den verschiedenen Formen des Service Learnings das zweisemestrige Projektseminar ausgewählt, das dann im Sommersemester 2012 und Wintersemester 2012/13 stattfand.

5 Ablauf der Veranstaltung

Von der Struktur her war das erste Semester dem Input gewidmet, der Auswahl an Themenschwerpunkten und der Konstitution der einzelnen Projektteams. Das zweite Semester diente überwiegend der eigentlichen Erhebungs- und Experimentalphase, ergänzendem Input und der abschließenden Postersession. Die gesammelten Ergebnisse werden dann noch in absehbarer Zeit als Netzpublikation online zu finden sein. Verbunden wurden die Projektteile sowie Teilnehmer/innen durch eine E-Learning-Plattform auf Basis des LMS ILIAS, in der alle Projektschritte dokumentiert und durch ein Wiki ergänzt wurden.

Was passierte im Sommersemester? Als erster Schritt wurde ein Brainstorming zum Thema „Mein Arbeitsplatz“ abgehalten, um vor allen dann kommenden Inhalten und Instruktionen die Ideen und Vorstellungen der Studierenden einmal festzuhalten, damit man im Projektverlauf immer noch einmal darauf rekurrieren kann. Sodann wurde in einer Folge von Workshop-Tagen teils interner, teils externer Input verarbeitet:

  • Bibliotheksseitig wurden das Projekt umrissen, die Fachdiskussion vorgestellt und die Themen gruppiert. Ergänzend wurden durch die ekz Bibliotheksservice GmbH die zurückliegenden Ideenwettbewerbe zur Bibliothekseinrichtung vorgestellt sowie insgesamt in die Thematik der Bibliotheksausstattung eingeführt.

  • Seitens der Empirischen Bildungsforschung wurden Grundlagen der Lernpsychologie vorgestellt und gängige Erhebungsformen in der Bildungsforschung wie z. B. die Dokumentation über Beobachtungsbögen.

  • Vertreter der Soziologie sensibilisierten für die Besonderheiten sozialwissenschaftlicher Forschungsdesigns.

  • Der Landesbetrieb Vermögen und Bau Baden-Württemberg führte in die Problematik von Bau, Umbau und Nutzung universitärer Gebäude ein.

  • Aus der Betriebswirtschaft wurde erklärt, was gegeben sein muss, damit Projektmanagement auch funktioniert.

Projekte haben aber auch immer ein schwer kalkulierbares Eigenleben und so ergab es sich, dass die Vertreter der Bildungsforschung in diesem Semester die Grundvorlesung zu den Forschungsmethoden hielten und dafür noch ein Übungsobjekt suchten. Das ließ sich schnell finden und so schwärmten im Semester 200 Studierende in der Bibliothek aus, um über Beobachtungsbögen und strukturierte Kurzinterviews Verhalten und Vorlieben ihrer Kommilitonen zu dokumentieren. Die zusammengefassten Ergebnisse lagen dann im Wintersemester für die Experimentalphase der Lernarchitekturen als aktuelles Hintergrundmaterial vor.

Was passierte im Wintersemester? Zunächst geschah noch vorher etwas: Die Projektteams fokussierten sich auf drei Themen, nämlich Form und Varianten von Arbeitsplätzen, Gruppenarbeitsräume und ihre Technik sowie Leitsystem und Usability. Die Semesterferien wurden für erste Absprachen und zum Materialsammeln genutzt. Sodann begann die eigentliche Experimentalphase mit temporären Umbauten von Bibliotheksbereichen. Diese Eingriffe wurden beobachtet und mit Feedbackbögen bewertet. Die Ergebnisse wurden aufbereitet, was durch einen Workshop mit dem Schreibzentrum zu Projektberichten und Postergestaltung unterstützt wurde. Die Ergebnispräsentation erfolgte dann am Vorabend der „Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten“ am 7. März 2013.

Die Experimentalphase umfasste eine Reihe von Eingriffen in die gewohnten Bibliotheksbereiche. Die Arbeitsgruppe, die sich mit Einzelarbeitsplätzen und alternativen Formen von Leseplätzen befasste, gestaltete Lesesaalbereiche um, indem sie die strengen Tischreihen aufbrach zugunsten von gruppierten Landschaften. Mithilfe von Leihgaben seitens der ekz Bibliotheksservice GmbH konnten darüber hinaus temporär alternative Lesebereiche gestaltet werden. Die den Gruppenarbeitsräumen gewidmete Arbeitsgruppe stattete einen bis dahin gänzlich „nackten“ Raum mit einem Smartboard aus und experimentierte mit Reservierungsmöglichkeiten. Die Arbeitsgruppe Leitsystem und Usability befragte ihre Kommilitonen online über ihre Informationswege bezüglich der UB und traf damit offenbar einen Nerv: binnen kürzester Zeit beantworteten über 2.000 Studierende den Fragebogen.

6 Ergebnisse

Die Ergebnisse zerfallen in zwei Gruppen: ähnlich wie bei einer Online-Umfrage, die schöne Diagramme erbringt, aber das Wesentliche im Gewühl der Freitext-Antworten versteckt, ergeben sich zum Teil erwartbare Trends, aber auch eine Vielzahl von wertvollen Nebeneinsichten. Die erste Gruppe musste feststellen, dass eine aufgelockerte Möblierung in einem Lesesaal-Ambiente nicht akzeptiert wird: der stille Zweikampf zwischen Leser/in und dem, was auf dem Tisch liegt, erfordert eine aufgeräumte Arena – sie soll die Präsenz der Anderen als Motivation und Arbeitsantrieb spürbar machen, aber so wenig Ablenkungsmöglichkeiten bieten wie möglich. Der bibliotheksseitig bei der Einrichtung anderer Bereiche schon gewonnene Verdacht, dass das „Hühnerleiterprinzip“ hier bei der Möblierung das richtige ist, weil es die gegenseitige soziale Kontrolle am besten unterstützt, wurde somit bestätigt. Gewünscht wurden aber Unterteilungen wie Trennwände, auch um Schallübertragungen zu begrenzen. Außerhalb eines als solchen wahrnehmbaren Lesesaals wurde dagegen eine Auflockerung, vor allem mit bunten (Polster-)Kleinmöbeln, sehr begrüßt zum bequemen Arbeiten, aktiven Sitzen – oder auch dem Gegenteil davon. Viele Feedback-Wortmeldungen erläuterten den Wunsch, jenseits eines normalen Stuhls beim Arbeiten die Sitzposition wechseln zu können, um nicht zu verspannen oder sich nicht zuerst körperlich, dann auch geistig festgefroren vorzukommen – Beweglichkeit also in allen Registern. Gleichzeitig wurde deutlich, dass Arbeitsphasen unterschiedlich strukturiert sind: vor und zwischen intensiven Lern- und Schreibphasen liegen auch Zeiten von teilweise nur kursorischer und mäandernder Rezeption, die auch andere Körperhaltungen und Aufenthaltsformen nahelegen. Und angesichts eines hochverdichteten Studienalltags mag sich manch einer auch einmal in den Kokon eines Sitzsacks zurückziehen …24

Die den Gruppenarbeitsräumen und deren Technik gewidmete Arbeitsgruppe erntete begeisterten Zuspruch, denn sie traf auf eine Mangelsituation an der Universität, wo die Studienstruktur zwar vielfach mittlerweile auf Gruppenarbeit ausgerichtet ist, es aber wenig Gelegenheit und Infrastruktur zum kollaborativen Arbeiten mit technischer Unterstützung gibt. Der Tenor der Rückmeldungen war daher schlicht „Mehr davon!“ und auch eine Reservierbarkeit solcher Räume wurde sehr gewünscht, um die Gruppenarbeit sicher strukturieren zu können. In der Praxis machte sich aber gleich auch der Zwiespalt bemerkbar, dass nämlich eine Konkurrenz innerhalb verschiedener Mangelsituationen Findigkeit fördert: der Smartboard-Raum wurde nämlich teilweise auch ohne die Absicht, das Board zu nutzen, gebucht – um sich in der Platznot nämlich überhaupt einen Raum zu sichern.

Die Arbeitsgruppe zu Leitsystem und Usability illustrierte dann sehr schlagend, wie wenig transparent die Bibliothek ihren Nutzern sein kann: der räumlichen Unübersichtlichkeit der aneinander geschachtelten Gebäude entspricht teilweise immer noch auch die überbordende Struktur ihrer Angebote, die häufig viel zu wenig bekannt sind. Als Konsequenz müssen sowohl die physischen wie die virtuellen Orientierungssysteme überarbeitet werden, explizit wurden die Möglichkeiten aktueller Digital-Signage-Systeme thematisiert.

7 Lessons learned

Das Projekt erwies sich durch die Zusammenarbeit mit den universitären und externen Expert/innen als sehr fruchtbar. Noch vor den eigentlichen Projektergebnissen ergab sich der positive Nebeneffekt, so etwas überhaupt in Angriff zu nehmen, dadurch weitere Fäden in die Universität zu spinnen und die Bibliothek als aktive Einrichtung in der universitären Öffentlichkeit zu präsentieren. Die Projektergebnisse selbst erbrachten viele gute Beiträge, teils als neue Erkenntnisse, teils als ermutigende Bestätigung. Allerdings gibt es auch einige Erfahrungen, die für nachfolgende Projekte zu beachten sein werden:

  • Zwei Semester sind anscheinend zu lang als Format, einige Teilnehmer/innen blieben im zweiten Semester aus Termingründen weg.

  • Die Motivation derer, die sich zur Teilnahme entschließen, ist sehr hoch. Viele erwarten aber die klare Struktur einer konventionellen Lehre, das kollidiert mit dem Prinzip des forschenden Lernens.

  • Man lernt selbst sehr viel, sollte aber auch bereit sein, selbst viel zu investieren. Die Hoffnung auf ein gewisses „Outsourcing“ war rückblickend zu optimistisch.

Was bleibt, ist jetzt die Umsetzung der Ergebnisse und deren Verknüpfung mit weiteren Überlegungen und Projekten. Und auch eine Fortsetzung mit verändertem Fokus ist denkbar, denn die intensive Auseinandersetzung und Zusammenarbeit mit den Studierenden erwies sich als überaus positive Erfahrung, die man im beruflichen Alltag sonst in der Weise kaum erleben kann.

Footnotes

  • „Auf der Grundlage dieser Entwicklung [zum Lernort] sollte für mindestens 15 % aller Studierenden ein Arbeitsplatz in der Bibliothek zur Verfügung stehen.“ Deutsches Institut für Normung: Bau- und Nutzungsplanung von Bibliotheken und Archiven. Berlin 2009, S. 44. 

  • Vgl. Dörr, Marianne: Nicht nur Face-Lifting: die jüngste Modernisierung der Tübinger Universitätsbibliothek. In: ABI Technik 32 (2012), S. 68–78. 

  • Vgl. die Projektbeschreibung unter http://www.ub.uni-tuebingen.de/ueber-uns/aktuelle-projekte/e-science-projekte/blended-library-projekt.html sowie den Vortrag „Technology Enhanced Learning im Konzept einer Blended Library“ von Alexandru Bogorin und Renke Siems auf dem Bibliothekskongress Leipzig 2013: http://www.opus-bayern.de/bib-info/volltexte//2013/1480/[Zugriff, auch bei allen folgenden Webadressen: 9. September 2013]. 

  • Vgl. http://www.uni-tuebingen.de/einrichtungen/verwaltung-dezernate/ii-studium-und-lehre/schreibzentrum/events.html. 

  • Vgl. http://www.ub.uni-tuebingen.de/lernen-lehren-forschen/information-einfuehrung-schulung.html. 

  • Vgl. http://www.uni-bielefeld.de/Universitaet/Studium/SL_K5/MLZ/. 

  • Vgl. http://www.ub.uni-tuebingen.de/lernen-lehren-forschen/arbeitsmoeglichkeiten/lern-zentrum.html. 

  • Vgl. http://www.dini.de/ag/lernraeume/. 

  • Vgl. Hauke, Petra; Werner, Klaus Ulrich (Hrsg.): „Secondhand“ – aber exzellent! Bibliotheken bauen im Bestand. Bad Honnef 2011. 

  • Vgl. z. B. Lucke, Ulrike: Netzbasierte Systeme in Lehre und Forschung: Innovative IT-Infrastrukturen für die Hochschule der Zukunft. Berlin 2011. 

  • Vgl. in der Literatur z. B. Hohmann, Tina: Learning und andere Grids an der Universität von Warwick. In: Bibliothek Forschung und Praxis Jg. 34 (2010), S. 163–170. 

  • Vgl. http://www.elp.uni-tuebingen.de. 

  • Vgl. dazu Knorr, Randi; Siems, Renke: Mehr als ein Lernort. Die Umgestaltung von Lesesaal und Freihandbereichen an der UB Tübingen. In: Bibliothek Forschung und Praxis Jg. 36 (2012), S. 353–358. 

  • Vgl. in der Literatur z. B. Hatcher, Julie A. (Hrsg.): Understanding service-learning and community engagement: crossing boundaries through research. Charlotte, NC 2012, und Reinhardt, Tanja: Erfahrungslernen in der Hochschullehre. Konzeption und Evaluation erfahrungsorientierter Seminare zur Entwicklung des Selbstkonzepts der Studierenden am Beispiel „Service Learning“ und „Erlebnispädagogik“. Hamburg 2013. 

  • http://www.uni-tuebingen.de/studium/studienangebot/studium-professionale/service-learning-und-gesellschaftliches-engagement.html. 

  • Vgl. http://www.mindthings.de/. 

  • Vgl. http://www.greenguide-tuebingen.de/. 

  • Vgl. Neuhausen, Hubertus: Benutzerumfragen – welche Schlussfolgerungen kann man tatsächlich daraus ziehen? Vortrag auf dem Bibliothekskongress Leipzig 2013. Folien unter: http://www.opus-bayern.de/bib-info/volltexte//2013/1409/. 

  • http://www.urbanmediaspace.dk/en/involvement. 

  • Vgl. in der Literatur z. B. Rittelmeyer, Christian: Einführung in die Gestaltung von Schulbauten. Resultate der internationalen Schulbauforschung. Neue Entwicklungen im Schulbau. Verständigungsprobleme zwischen Planern und Nutzern. Ein Lehr- und Schulungsbuch. Frammersbach 2013, und Schönig, Wolfgang (Hrsg.): Gestalten des Schulraum. Neue Kulturen des Lernens und Lebens. Bern 2013. 

  • Vgl. Della Casa, Francesco; Eugène: Rolex Learning Center. Lausanne 2010. 

  • Vgl. z. B. Braun, Hardo; Grömling, Dieter: Entwurfsatlas Forschungs- und Technologiebau. Basel 2005, und Linz, Barbara: Science spaces. architecture & design. Köln 2007. 

  • http://www.ub.uni-tuebingen.de/lernen-lehren-forschen/lernarchitekturen.html. 

  • Vgl. http://ubtuebingen.blogspot.de/2013/06/nestbaubetrieb-auf-der-empore.html. 

About the article

Renke Siems

Dr. Renke Siems

Universitätsbibliothek Tübingen

Wilhelmstraße 32

72074 Tübingen


Published Online: 2013-11-08

Published in Print: 2013-11-27


Citation Information: Bibliotheksdienst, Volume 47, Issue 11, Pages 820–832, ISSN (Online) 2194-9646, ISSN (Print) 0006-1972, DOI: https://doi.org/10.1515/bd-2013-0095.

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