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Bibliotheksdienst

Editor-in-Chief: Michalke, Karin / Ihrig, Hartmuth

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ISSN
2194-9646
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Volume 47, Issue 11

Issues

Fünf Jahre LIS-Corner auf der Frankfurter Buchmesse

Ein Beispiel für freiwilliges Engagement unter Studierenden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft

Celebrating five years of LIS-Corner at the Frankfurt Book Fair

An example of voluntary engagement of students in Library and Information Science

Maximilian Lowisch / Sebastian Wilke
Published Online: 2013-11-08 | DOI: https://doi.org/10.1515/bd-2013-0097

Zusammenfassung:

Im Rahmen dieses Aufsatzes wird der seit 2008 auf der Frankfurter Buchmesse organisierte Gemeinschaftsstand LIS-Corner als Beispiel für ehrenamtliches Engagement von Studierenden aus der Bibliotheks- und Informationswissenschaft vorgestellt. Es werden im Folgenden die Entwicklung des Standes von 2006 bis 2013, Konzept und Ziele hinter LIS-Corner, Arbeitsweise, Akquise von Projektpartnern und abschließend Herausforderungen vorgestellt, welche sich der Initiative aktuell stellen.

Abstract:

This article gives an overview on LIS-Corner, the first cooperative booth of German speaking LIS students at the Frankfurt Book Fair from its origins in 2006 to its latest developments. It can be seen as a successful example of voluntary engagement of students in Library and Information Science. Starting with a general introduction into student voluntary work and the beginnings of LIS-Corner, the article will discuss different aspects of the student-driven project such as its main goals, organizational style, acquisition of project partners and current challenges.

Schlüsselwörter: : Ehrenamtliche Tätigkeit; Studierende; Bibliotheks- und Informationswissenschaft; Projektmanagement; Frankfurter Buchmesse

Keywords: : voluntary work; students; library and information science; project management; Frankfurt Book Fair

1 Einleitung

Die LIS-Corner1 (LIS für „Library and Information Science“) im Jahr 2013 könnte grob als Informationsstand zu den Studienmöglichkeiten im Bereich der Bibliotheks- und Informationswissenschaft im deutschsprachigen Raum auf der Frankfurter Buchmesse beschrieben werden. Dies täte ihr jedoch Unrecht, werden hiermit doch die Erfahrungen unberücksichtigt gelassen, die die beteiligten Studierenden vor, während und nach der Messe machen.

Abb. 1: Grün ist bei der LIS-Corner die dominierende Farbe.

Es ist noch nicht lange her, dass an gleicher Stelle über das „(fehlende) soziale Engagement“ der „Bücherwürmer“ geschrieben wurde,2 über den „[…] isolierten Bücherwurm[.], der sich von der Außenwelt in seiner Bibliothek abschottet […]“.3 Spiers Ausführungen betrafen vornehmlich die im Berufsleben stehenden KollegInnen und dies überwiegend unter politischen Gesichtspunkten. Die Verfasser könnten – subjektiv – Ähnliches über Studierende der Bibliotheks- und Informationswissenschaft berichten, wenngleich politisches Engagement hier nicht im Vordergrund stehen soll. Der Einsatz und das Interesse für das eigene Fach im Rahmen von Konferenzbesuchen, Mitwirkung in Vereinen und Verbänden werden als oftmals gering ausgeprägt erlebt. Mit der LIS-Corner soll nachfolgend ein positives Gegenbeispiel vorgestellt werden, welches von verschiedenen Institutionen möglich gemacht wird, jedoch in ausschließlicher Verantwortung der teilnehmenden Studierenden liegt.

2 Die Anfänge

Die Ursprünge der LIS-Corner gehen auf das Jahr 2006 zurück: Über eineinhalb Jahre bereiteten Studierende des Instituts für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin und des Fachbereichs Informationswissenschaften der Fachhochschule Potsdam zusammen mit Studierenden zweier kroatischer Universitäten das 16. internationale BOBCATSSS-Symposium vor, welches im Januar 2008 in Zadar, Kroatien, stattfand.4 Im Rahmen der Vorbereitungen konnte damals auch die Frankfurter Buchmesse als Sponsor gewonnen werden, welche es den Organisatoren ermöglichte, ihr Projekt auf der Buchmesse 2007 mit einem eigenen Stand zu bewerben.

So verbrachten vier Studierende aus Berlin und Potsdam die gesamte Woche an einem vier Quadratmeter großen Stand, präsentierten den Messebesuchern das BOBCATSSS-Symposium und stellten weitere Kontakte zu potentiellen Sponsoren her. Diese erste Messeerfahrung war vor allem überwältigend angesichts der Größe des Geländes, des Besucherandrangs in den Messehallen und der vielen Eindrücke vor Ort.

Abb. 2: Die Anfänge von LIS-Corner auf der Frankfurter Buchmesse 2007.

Der Kontakt zur damaligen Managerin der Messehalle war so gut, dass diese den Studierenden anbot, im darauffolgenden Jahr wiederzukommen. Hierbei spielte auch der Wunsch der Buchmesse eine große Rolle, den Bereich Bibliothek und Information zu stärken und mehr FachkollegInnen nach Frankfurt zu holen. Ein spezielles Interesse galt dem bibliothekarischen „Nachwuchs“ – stellte doch die Präsenz von LIS-Studierenden auch eine gute Ergänzung zum „Fa.M.I-Treff“ dar, einem Stand der Stauffenberg-Schule Frankfurt a. M., welcher die Ausbildung zur/zum Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste vorstellt und ebenfalls seit 2007 auf der Frankfurter Buchmesse vertreten ist.5

Es entwickelte sich schnell die Idee für einen Gemeinschaftsstand, an dem Studierende der Bibliotheks- und Informationswissenschaft aus dem deutschsprachigen Raum sich und ihre Studiengänge vorstellen sollten und der auf den Namen „LIS-Corner“ getauft wurde. Im Oktober 2008 ging die erste LIS-Corner mit Studierenden der beiden Initiatoren HU Berlin und FH Potsdam sowie der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Chur, der Hochschule Darmstadt und der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg an den Start.6

3 Die Jahre 2008–2012

Ein Grundanliegen von LIS-Corner war es von Anfang an zu zeigen, „wie abwechslungsreich Studium und Arbeit von BibliothekarInnen bzw. InformationsspezialistInnen heutzutage sind“, und dabei gleichzeitig „mit gängigen Klischees über den ‚verstaubten Bibliothekar‘ gründlich aufzuräumen“.7 Unter dem Motto „studiengänge | hochschulprojekte | berufsperspektiven“ zog sich dies denn auch wie ein roter Faden durch die Aktivitäten auf der Frankfurter Buchmesse 2008. In einem abwechslungsreichen Programm wurden von den 20 teilnehmenden Studierenden ausgewählte Projekte am Stand vorgestellt, darunter die erste Ausgabe der bibliothekarischen Unkonferenz BibCamp (FH Potsdam), die Kooperation der HU Berlin mit der Kinderabteilung der Lungenklinik Heckeshorn im Projekt „MukoWiki“ und das „Phantastische Vorlesen“ der HAW Hamburg, welches durch entsprechende Inszenierung für besonders großen Andrang am Stand sorgte.

Abb. 3: Phantastisches Vorlesen.

Am Stand konnten sich die Messebesucher über die vertretenen Studiengänge und Hochschulen informieren und sich im persönlichen Gespräch mit den Studierenden austauschen. Neben einem Gewinnspiel und einer Standparty wurden im Rahmen des Forums Wissenschaft unter dem Titel „Wir machen auch was mit Medien – und noch viel mehr!“ sowohl einige der Hochschulprojekte öffentlichkeitswirksam vorgestellt als auch drei Alumni der teilnehmenden Hochschulen zu einem Gespräch über ihren Werdegang und das Berufsfeld „Bibliothek und Information“ eingeladen.8

Nach einem rundum erfolgreichen Auftakt fanden sich im Folgejahr wieder Studierende der fünf Hochschulen aus Berlin, Chur, Darmstadt, Hamburg und Potsdam zusammen und kamen im Oktober 2009 für eine volle Messewoche nach Frankfurt. Viele der im ersten Jahr getroffenen Entscheidungen und durchgeführten Aktivitäten wie die grüne Standfarbe, das Standprogramm, das Gewinnspiel und die Standparty fanden auch 2009 Eingang in LIS-Corner. Außerdem wurde das Projektlogo in seiner jetzigen Form entworfen (siehe Abbildung 1). Passend zum Gastland China musste das Messepublikum beim Gewinnspiel aus einer Auswahl das chinesische Wort für LIS-Corner (圖情) ausfindig machen. Die Studierenden stellten u. a. ein Leseexperiment mit Print, PC und ebook-Readern (HU Berlin), eine Lesung aus Hamburger Lektüre mit anschließendem Quiz (HAW Hamburg), das Buchprojekt „Bibliotheken bauen und ausstatten“ (HU Berlin) sowie Usabilitytests am Beispiel des Bibliothekskataloges beluga (HAW Hamburg) vor.

Schon im ersten Jahr hatte es eine Kooperation der LIS-Corner mit der Deutschen Gesellschaft für Informationswissenschaft und Informationspraxis (DGI) gegeben, welche zum damaligen Zeitpunkt parallel zur Frankfurter Buchmesse ihre Jahrestagung veranstaltete. 2009 wurde diese Partnerschaft ausgebaut und führte für die an LIS-Corner teilnehmenden Studierenden nicht nur zu einem Freikartenkontingent für die DGI-Tagung, sondern ermöglichte es LIS-Corner auch, sich im Rahmen des „Young Information Professionals Day“ mit einem Poster zu präsentieren und darüber weitere Kontakte zur informationswissenschaftlichen Fachcommunity zu knüpfen.

Die Anzahl der teilnehmenden Hochschulen stieg 2010 auf sieben an und erreichte damit den bisherigen Höchststand in der Geschichte von LIS-Corner. Neben den üblichen fünf waren auch die Fachhochschule (FH) Köln und erstmals aus der Schweiz die Fachhochschule für Wirtschaft (FHW) Genf vertreten. Der im Jahr 2010 fehlende Raum für Vorträge am Stand wurde kompensiert durch die Wiederbelebung einer Aktivität aus dem ersten Jahr: Unter dem Titel „Was Sie schon immer über Information Professionals wissen wollten …“ stellte im Forum Innovation jede Hochschule ein besonders anschauliches Projekt vor, sodass die Messebesucher einen guten Eindruck vom Querschnitt der praktischen studentischen Arbeiten gewinnen konnten. Das Themenspektrum reichte dabei von der Planung einer Mediathek (Hochschule Darmstadt) über Kornelia, den Chatbot der Kornhausbibliotheken Bern (FHW Genf), und Schulbuchbestände in Wissenschaftlichen Bibliotheken (FH Köln) bis hin zu ökologischer Nachhaltigkeit in Bibliotheken (FH Potsdam).

Im Jahr 2011 startete die LIS-Corner mit einer leicht reduzierten Zahl an Teilnehmerhochschulen in die Organisation, da die HTW Chur und die FHW Genf ihre Teilnahme nicht fortführen konnten. Dafür nahmen erstmals Studierende der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTWK) Leipzig teil. Mit einem Seitenhieb auf gängige Vorurteile wurde der/die interessierte LeserIn des Blogs gefragt: „Muss man das studieren? LIS-Corner meint: nicht muss, aber kann!“ Wieder wurde den Studierenden ein Zeitfenster auf dem Hot Spot „Professional & Scientific Information“ in Halle 4.2 zur Verfügung gestellt, welcher ein breites Vortragsprogramm über aktuelle studentische Projekte an den Teilnehmerhochschulen bot. Von einem Studenten der Hochschule Darmstadt wurden die Ergebnisse einer Umfrage der Hochschule in Zusammenarbeit mit dem HEBIS-Verbund vorgestellt. Die Entwicklung eines Spiralcurriculums mit den Leipziger Städtischen Bibliotheken war Thema der Masterstudentin der HTWK Leipzig und von der FH Köln wurde direkt ein Strauß an Projekten vorgestellt. Aufgelockert wurde das Programm durch einen Film, den Studierende der HAW Hamburg gedreht hatten, um das Leben eines Studierenden in den neuen Räumlichkeiten der Hochschule originell darzustellen.

Abb. 4: Der Stand im Jahr 2011.

Neben den Studierenden aus Berlin, Darmstadt, Hamburg, Köln und Potsdam stieß im darauffolgenden Jahr die Hochschule der Medien (HdM) Stuttgart zum Teilnehmerkreis dazu. Das Jahr 2012 sollte für die LIS-Corner einen weiteren Sprung bei der Professionalisierung bedeuten. Erstmals wurde ein Konzept zur ausgewogenen und während der Messe durchgehenden Betreuung der digitalen Kommunikationskanäle entworfen und umgesetzt. Neben der Bestimmung von Social-Media-Verantwortlichen, welche einen von ihnen gewählten Kanal betreuen sollten, wurden Richtlinien für alle Teilnehmenden aufgestellt, um das eigene Blog, Twitter, Flickr und Facebook mit regelmäßigen Meldungen zu versorgen. Das Konzept sah vor, dass die freie Zeit auf der Messe zugleich genutzt werden sollte, um die ganz eigene Perspektive von Studierenden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft auf Fachinformationen, Verlagswesen und Literatur zu vermitteln, indem bei Besuchen von Lesungen und Vorträgen jeder Teilnehmende während der Buchmesse mindestens einen Bericht von der jeweiligen Veranstaltung verfassen und dem Blog der LIS-Corner zur Verfügung stellen sollte. Die 2012 eingeführte „Social-Media-Policy“ zeigte Erfolg: Der Zugriff auf das Blog konnte während der Messe im Vergleich zu den Vorjahren deutlich erhöht werden.

Abb. 5: Veranstaltung im Hot Spot „Professional & Scientific Information“ in 2012.

Der Hot Spot dieses Jahres gestaltete sich aufgrund seiner TeilnehmerInnen und des Umfangs anders als die der vergangen Jahre. Die vorgenommene Dreiteilung in Diskussion, Vorträge und Interview erwies sich als abwechslungsreich, für einen Teil der Gäste jedoch als zu umfangreich und fachspezifisch. Den Anfang machte eine Podiumsdiskussion zwischen Alumni und Studierenden. Im Mittelpunkt stand die Frage, ob das Studium ausreichend Kenntnisse vermittle, um für den anschließenden Berufsalltag gerüstet zu sein. An diese Diskussion schlossen sich eine Reihe von Vorträgen zu studentischen Projekten an, welchen ein Interview mit einer Dozentin der HAW Hamburg folgte. Im Mittelpunkt stand die Frage danach, ob und für wen sich konsekutive bibliotheks- und informationswissenschaftliche Masterstudiengänge eignen würden.9 Neben diesen Erfolgen konnte der Bereich Sponsoren 2012 erheblich ausgebaut werden.

4 Konzept und Ziele

Die Bibliotheks- und Informationswissenschaft ist eine Disziplin, bei der die diese Fächer Studierenden in der Regel Erklärungsbedarf bei ihren nicht-bibliothekarischen Mitmenschen feststellen. Massenfächer sind sie beide nicht und im Falle der Bibliothekswissenschaft ist das Klischee des an der Theke sitzenden und verbuchenden Bibliothekspersonals nicht weit. Nicht nur weil es sich um ein sogenanntes kleines Fach oder auch Orchideenfach handelt, sondern auch, weil in der Bevölkerung ein Großteil zu wissen glaubt, was ein Bibliothekar bzw. eine Bibliothekarin in einer Bibliothek verrichtet (schließlich erlebt man es bei jedem Bibliotheksbesuch), ist Aufklärung nötig. Der „[…] bunte Strauß an Benennungen der Studienfächer […]“10 macht eine Darstellung des Faches nicht einfacher. Dazu kommt das weit verbreitete, mit Vorurteilen behaftete Rollenbild des Bibliothekars. Wozu ein Studium dieses Faches nötig, sinnvoll und bei dem ein oder anderen sogar mit Freude verbunden ist, bedarf der Erklärung, womit die wichtigste Aufgabe der LIS-Corner genannt ist. Bei einem Besuch des Stands wird diese dem Interessierten deutlich: Der Aushang und die Auslage von Informationsmaterialien der Hochschulen der teilnehmenden Studierenden dominieren den Stand. Die Hochschulen erhalten alle jeweils gleich viel Fläche, um ihre bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Studiengänge zu präsentieren. Daneben gehört der LIS-Corner zur Eigenpräsentation ein gesonderter Platz. Auf potentielle BesucherInnen soll die LIS-Corner ausdrücklich nicht als Verkaufs- oder Werbe-, sondern als Informationsstand wirken. Dazu beitragen soll auch die 2012 eingeführte PowerPoint-Präsentation mit Steckbriefen der TeilnehmerInnen sowie mit einer Vorstellung der LIS-Corner.

Persönliche Beobachtungen lassen darauf schließen, dass die überwiegend jungen Teilnehmenden in Alltagskleidung besonders bei Jugendlichen auflockernd wirken. Insbesondere an Wochenenden fragen SchülerInnen nach Studienmöglichkeiten und können dabei einen entscheidenden Vorteil gegenüber den offiziellen Informationsmaterialien der Hochschulen nutzen: Das persönliche Gespräch mit Studierenden des Faches, welches wohl kein Modulbuch oder Hochglanzbroschüre ersetzen kann. Einige der Fragen an die Studierenden können nur subjektiv beantwortet werden, wenn es z. B. um die „Schwere“ eines Faches geht. Aufgrund der Doppelbesetzung, das heißt, dass mindestens zwei Studierende je Hochschule anwesend sind, können sich, wenn mehrere Meinungen aufeinander treffen, interessante Diskussionen ergeben. Welcher Studienberater könnte schon so viel Einblick in den Studienalltag geben? Von einem Dienst am Stand profitieren aber nicht nur die BesucherInnen, sondern auch die Studierenden selbst. Fünf Tage lang Fragen zum eigenen Studienfach beantworten zu müssen, führt dazu, dass zwangsläufig eine Auseinandersetzung mit dem gewählten Studiengang erfolgen muss.

Neben SchülerInnen werden BibliothekarInnen sowie KommilitonInnen aus anderen Fächern als Zielgruppe immer wichtiger, kommen aus diesen Bereichen doch die meisten Anfragen. Das Angebot an konsekutiven und nicht-konsekutiven Masterprogrammen im Bereich der Bibliotheks- und Informationswissenschaft wächst und es wird dementsprechend versucht, dies am Stand zu berücksichtigen. Neben den am Stand teilnehmenden Studierenden, welche in einen konsekutiven Masterstudiengang eingeschrieben sind (und hier sei der Segen eines „ausgiebigen“ Studiums und das damit verbundene langfristige Engagement erwähnt), erhält die LIS-Corner Unterstützung durch KommilitonInnen, welche den nicht-konsekutiven Master of Library and Information Science (MALIS) am Institut für Informationswissenschaft in Köln belegen. Dass die Studiengangsleiterin des Masterprogramms jährlich bei ihren Studierenden um eine Beteiligung bei der LIS-Corner wirbt und aufgrund dessen regelmäßig Studierende eines weiterbildenden Masterstudiengangs am Stand zur Beratung zur Verfügung stehen, ist eines von vielen positiven Beispielen für die Unterstützung durch Hochschulen bzw. deren Angehörige. Aufgrund der großzügigen Unterstützung durch die Frankfurter Buchmesse bei der Bereitstellung eines Hot Spots konnte das Informationsprogramm der LIS-Corner kontinuierlich ausgebaut werden. Seit 2012 werden nun jährlich Themen im Rahmen einer Podiumsdiskussion mit Studierenden, Absolventen und ExpertInnen aus dem Bildungsbereich diskutiert (siehe oben).

Schließlich sieht sich die LIS-Corner nicht nur als Informationspunkt für Fachfremde, sondern auch als Ort des Verweilens und Netzwerkens für bibliothekarische FachbesucherInnen. Damit kommt sie dem Bedürfnis von beinahe der Hälfte der 14–30-Jährigen entgegen, die sich engagieren, um berufliche Qualifikationen zu erwerben.11

5 Organisation

Um die Herausforderungen an die Organisation der LIS-Corner zu verstehen, sollte vergegenwärtigt werden, dass sechs Hochschulteams neben der Vorbereitung eines hochschulspezifischen Programms, der Beschaffung von Informationsmaterialien und der Beantragung von Budgets für An- und Abreise sowie Unterkunft und Verpflegung noch für die Gesamtorganisation der LIS-Corner arbeiten. Die räumliche Trennung aller Beteiligten, die, von Konferenzbesuchen einmal abgesehen, dazu führt, dass sich die Studierenden in der Realität lediglich während der Buchmessewoche sehen, erfordert ein Instrumentarium, das ein Arbeiten an verteilten Orten ermöglicht. Dazu wird die Online-Plattform von PBWorks genutzt, welche neben einem öffentlichen Wiki eine vergleichsweise einfach benutzbare interne Arbeitsoberfläche bietet.12 Um die Hemmschwelle zur Mitarbeit zu senken, werden zudem regelmäßig Rundmails mit den wichtigsten Neuigkeiten versandt.

6 Hochschulen

Wie oben schon angedeutet wurde, spielt das Gewinnen neuer Hochschulen für den Teilnehmerkreis von LIS-Corner seit Beginn der Initiative eine große Rolle. Frühe Versuche, Kontakte über die Konferenz der informations- und bibliothekswissenschaftlichen Ausbildungs- und Studiengänge (KIBA) und über Emailverteiler an die Fachschaften potentieller Hochschulen herzustellen, stellten sich als kompliziert und in der Regel wenig Erfolg versprechend heraus. Hingegen führten die regelmäßigen Pressemitteilungen, welche über das LIS-Corner-Blog und mehrere einschlägige Emaillisten verteilt wurden, zu Erfolgen – konnte so z. B. der Kontakt zur HTW Chur hergestellt werden. Bei Weitem am erfolgreichsten jedoch waren wie so häufig persönliche Kontakte, welche auf bibliothekarischen Konferenzen auf nationaler und europäischer Ebene hergestellt wurden. Neben regelmäßigen Inforunden, Werbemaßnahmen und der Teilnahme am BIB-Newcomertreff auf den Bibliothekartagen war LIS-Corner beispielsweise auch mit einem Poster beim 17. BOBCATSSS-Symposium 2009 in Porto, Portugal, vertreten.

Im Jahr 2013 ist die Zahl der teilnehmen Hochschulen mit sechs Hochschulen konstant geblieben. Konnte im Jahr 2012 die HdM Stuttgart als weitere Hochschule gewonnen werden, so verabschiedete sie sich für 2013 schon wieder. Als Ausgleich konnte dank zweier engagierter Studentinnen aus Leipzig die HTWK wieder mit aufgenommen werden, nachdem diese im Jahr 2012 aufgrund fehlender Studierender aussetzen musste.

Die fluktuierende Teilnahme einzelner Hochschulen macht deutlich, dass eine mit möglichst vielen Hochschulen breit aufgestellte LIS-Corner in hohem Maße vom freiwilligen Engagement der Studierenden, aber auch dem guten Willen der dahinter stehenden Hochschulen abhängig ist. Neben altruistischen Motiven gehört zu den wesentlichen Quellen der Freiwilligkeit der gesellschaftliche Statusgewinn, der Zugang zu sozialen Netzwerken und die Möglichkeit, Kompetenzen und Qualifikationen zu erwerben.13 Wenn interessierte Studierende eine solche Anerkennung nicht durch ihre Hochschule erfahren, indem finanzielle Unterstützung nicht oder nur sehr eingeschränkt gewährt wird, sinkt die Motivation zur Teilnahme und zum Einsatz für die „Alma Mater“. Diesbezüglich kann die LIS-Corner nur an das Bewusstsein der Lehrenden an den Instituten für die gesellschaftliche Bedeutung der Freiwilligkeit appellieren.

7 Herausforderungen

Fünf erfolgreiche Jahre haben bei den Studierenden, die die LIS-Corner von Anfang an bzw. über mehreren Jahre begleiten, ein Bewusstsein für Herausforderungen geschaffen, die kurz- und mittelfristig bewältigt werden müssen, um das Bestehen der LIS-Corner abzusichern. Neben dem unterschiedlich ausgeprägten Einsatz der TeilnehmerInnen und der Hochschulen sowie der damit verbundenen Fluktuation hat sich zudem gezeigt, dass die zu Beginn angestrebte Hierarchielosigkeit Grenzen besitzt, die sich im unterschiedlich stark ausgeprägten Engagement der TeilnehmerInnen sowie deren Zeit der Mitwirkung manifestieren. Es zeigten sich die üblichen gruppendynamischen und organisationssoziologischen Prozesse: Einige Hochschulen treten jährlich mit neuen Studierenden an, die von ihren jeweiligen Vorgängern eingearbeitet werden, bei anderen sind die TeilnehmerInnen bereits seit mehreren Jahren aktiv und als dritte Gruppe, die eine überwiegende Schnittmenge mit der zweiten bildet, hat sich die der TeilnehmerInnen etabliert, die die LIS-Corner unabhängig vom Status als Studierende oder Hochschule begleiten. Somit treffen Neulinge auf etablierte TeilnehmerInnen, wobei sich unausgesprochen Hierarchien bilden, indem den Alteingesessenen von vornherein Leitungsfunktionen zugeschrieben werden, die diese gar nicht besitzen, wenngleich immer wieder betont wurde, dass Gleichberechtigung herrsche. Dass dieses Prinzip der Hierarchielosigkeit nicht vollumfänglich durchzuhalten ist, zeigte sich auch daran, dass unter den etablierten TeilnehmerInnen ämterähnliche Zuständigkeitsbereiche entstanden, nachdem sich diese in den jeweiligen Bereichen durch besonderen Einsatz und mehrjährige Mitwirkung hervorgetan hatten. Mittlerweile ist innerhalb der LIS-Corner ein Konsens darüber entstanden, dass es ohne die Verteilung von Zuständigkeitsbereichen an langfristig engagierte Studierende nicht funktioniert: Diese schieben die Vorbereitung jedes Jahr aufs Neue an und motivieren so auch neue TeilnehmerInnen. Jeder Vorschlag wird öffentlich diskutiert, wobei jede/r TeilnehmerIn gleichberechtigt mitreden kann. Die etablierten TeilnehmerInnen können Hilfestellungen geben und ihren Erfahrungsschatz mit den Neuen teilen. Sie sind auch die Garanten dafür, dass die LIS-Corner definitiv und für ihre Sponsoren verlässlich stattfinden kann, unabhängig von neu dazu kommenden Studierenden.

Um auch rechtlich zur Festigung des einstmals als Projekt begonnenen Unternehmens beizutragen und die finanzielle Sicherheit und damit Verlässlichkeit zu garantieren, wird mittelfristig über eine Vereinsgründung14 nachgedacht. Mit der Überführung der LIS-Corner in einen Verein wäre sie für potentielle Sponsoren ein noch attraktiverer Partner. Insbesondere die Ausstellung von Teilnahmezertifikaten, die für die von ihren Hochschulen nur geringe Unterstützung erfahrenden Studierenden bei späteren Bewerbungen hilfreich sein könnten, wäre eine Möglichkeit, das Interesse an einer aktiven Mitwirkung zu erhöhen. Weiterhin könnte auf dieser Basis die zur Zeit nicht ausreichend genutzte Corporate Identity zur Identifikation der TeilnehmerInnen mit der LIS-Corner und zur weiteren Etablierung der Marke ausgebaut werden, indem LIS-Corner-eigene Giveaways produziert und bereits im Vorfeld einer Buchmesse an Teilnehmende, Sponsoren sowie andere Freunde und Förderer verteilt würden. Nach einem jahrelangen Abgesang auf Vereine nimmt der Grad des Engagements in diesen wieder zu, die Mitwirkung bei Projekten und Initiativen dagegen geht zurück.15 Hier kann die LIS-Corner ansetzen, stellt Zimmer doch fest, dass es sich bei vielen neuen Vereinen heute weniger um große Mitgliederorganisationen als vielmehr um kleine Einheiten mit einem hochspezifischen Aufgabengebiet handelt, in denen das Vereinsleben nur eine nachgeordnete Rolle spielt und die punktuelle Zielsetzung im Vordergrund steht.16 Daneben zeigen Gensicke und Geiss, dass die Mobilität unter 14–30-Jährigen ein wesentlicher Grund ist, sich ehrenamtlich weniger oder gar nicht zu engagieren.17 Die ortsunabhängige LIS-Corner bietet in diesem Punkt eine echte Alternative bzw. Ergänzung zur Freiwilligkeit vor Ort, bei der auch hochmobile Studierende langfristig und kontinuierlich mitwirken können.

8 Fazit

Fünf Jahre LIS-Corner und mit diesem Jahr das sechste haben gezeigt, dass trotz des oft zu hörenden Abgesangs auf das studentische Engagement aus Projekten Initiativen und aus diesen Organisationen bis hin zum Verein werden können. Wenn Studierende aus der Bibliotheks- und Informationswissenschaft sich zu Freiwilligkeit in einem solch umfassenden Rahmen bewegen lassen, ohne dass ihnen das von ihren Hochschulen finanziell oder in Form von Credit Points vergolten wird, so stimmt dies optimistisch, dass an den Bibliothekshochschulen das Potential an interessierten und wissbegierigen Studierenden noch nicht ausgeschöpft ist. Die LIS-Corner sieht sich für die nächsten Jahre einer Reihe von Herausforderungen gegenübergestellt, für die sie diese motivierten TeilnehmerInnen dringend benötigt. In diesem Sinne hoffen die Beteiligten auf neue Gesichter, auf Studierende, die ihr Fach mögen und die Zusammenarbeit mit KommilitonInnen aus ganz Deutschland sowie das spätere Miteinander auf der Buchmesse erleben möchten.

Footnotes

  • Vgl. www.liscorner.wordpress.com [Zugriff, auch bei allen folgenden Webadressen: 16. September 2013]. 

  • Vgl. Spier, Shaked: Zwischen Bibliothekaren und Bücherwürmern. Über das (fehlende) soziale Engagement der Information Community. In: Bibliotheksdienst 46 (2012), 3/4, S. 171–181. 

  • Ebd., S. 180. 

  • Vgl. LIBREAS Podcast #1: BOBCATSSS im Interview. http://www.ib.hu-berlin.de/~libreas/libreas_neu/podcasts/podcast_1/index.htm. 

  • Vgl. Holste-Flinspach, Karin: Fa.M.Is erobern die Frankfurter Buchmesse. In: BuB 60 (2008), 1, S. 20f. http://www.b-u-b.de/pdfarchiv/Heft-BuB_01_2008.pdf. 

  • Vielen Dank an Diana Marten, StB Bad Zwischenahn, für hilfreiche Ergänzungen und Beiträge zu diesem Abschnitt. 

  • Vgl. LIS-Corner: Startschuss für die jungen Wilden … unsere aktuelle Pressemitteilung. http://liscorner.wordpress.com/2008/10/11/startschuss-fur-die-jungen-wilden-unsere-aktuelle-pressemitteilung/. 

  • Vgl. zum Messeauftritt 2008 auch Euler, Jessica; Marten, Diana; Marti, Diana: Debüt auf der Frankfurter Buchmesse. LIS-Studierende stellen ihre Studiengänge vor. In: BuB 61 (2009), 1, S. 5. http://www.b-u-b.de/pdfarchiv/Heft-BuB_01_2009.pdf. 

  • Vgl. Lowisch, Maximilian; Bausznern, Charlotte von; Zwiener-Busch, Gisela: Bachelor – quo vadis? Die LIS-Corner auf der Frankfurter Buchmesse 2012 zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des bibliothekarischen und informationswissenschaftlichen Studiums. In: IWP 63 (2012), 6, S. 387–388. 

  • Vgl. Bibliothek und Informationsgesellschaft in Deutschland. Eine Einführung. 2. Aufl. Wiesbaden 2011, S. 308. 

  • Vgl. Gensicke, Thomas; Geiss, Sabine: Hauptbericht des Freiwilligensurveys 2009. Ergebnisse der repräsentativen Trenderhebung zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und Bürgerschaftlichem Engagement. München 2010, S. 118. 

  • Vgl. http://lis-corner-working.pbworks.com. 

  • Vgl. Hasse, Raimund: Freiwilligkeit in gesellschafts- und organisationswissenschaftlicher Perspektive. In: Freiwilligkeit. Ursprünge, Erscheinungsformen, Perspektiven. Herbert Ammann et al. (Hrsg.). Zürich 2008, S. 10. 

  • Eine ähnliche Initiative entstand in den 1990er Jahren mit dem „Verein zur Förderung des bibliothekarischen Berufsbildes“, der leider ohne viel Aufhebens wieder von der Bildfläche verschwand. 

  • Vgl. Zimmer, Annette: Zivilgesellschaft und Engagement vor Ort. In: Freiwilligkeit (wie Anm. 13), S. 90. 

  • Vgl. ebd., S. 108. 

  • Vgl. Gensicke; Geiss (wie Anm. 11), S. 140f. 

About the article

Maximilian Lowisch

Maximilian Lowisch

Fachhochschule Köln

Institut für Informationswissenschaft

Gustav-Heinemann-Ufer 54

50968 Köln

Sebastian Wilke

Sebastian Wilke, M.A.

Plantage 16

13597 Berlin


Published Online: 2013-11-08

Published in Print: 2013-11-27


Citation Information: Bibliotheksdienst, Volume 47, Issue 11, Pages 847–861, ISSN (Online) 2194-9646, ISSN (Print) 0006-1972, DOI: https://doi.org/10.1515/bd-2013-0097.

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