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Editor-in-Chief: Michalke, Karin / Ihrig, Hartmuth

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2194-9646
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Volume 47, Issue 2

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Zum Verkauf der Stralsunder Gymnasialbibliothek

The sale of the historical grammar school library of Stralsund

Armin Schlechter
Published Online: 2013-02-14 | DOI: https://doi.org/10.1515/bd-2013-0012

Zusammenfassung:

Der von der Stadt Stralsund im Juni 2012 beschlossene Verkauf der bis dahin im Archiv aufbewahrten, historischen Gymnasialbibliothek an einen Antiquar hat zu großen Protesten geführt. Die Stadt hat nach der Einschaltung von Gutachtern den Verkauf rückabgewickelt, so dass der größte Teil der Sammlung, die aufgrund mangelnder moderner Erschließung nicht benutzt werden konnte, gerettet wurde. Im gleichen Zusammenhang wurde die Stadt auf den katastrophalen Erhaltungszustand der Bestände des Stadtarchivs aufmerksam.

Abstract:

In June 2012 the city of Stralsund decided to sell the historical grammar school library to an antiquarian. Until then the library had been kept in the town archive. The sale provoked many protests so the mayor decided to call in experts to evaluate the collection. Afterwards the sale was canceled and almost all of the books could be recovered. It has not been able to use the library as its content is insufficiently catalogued. As a further result of these events, the public attention has been drawn to the general poor state of preservation of all the holdings of the Stralsund town archive.

Schlüsselwörter:: Gymnasialbibliothek; Stralsund; Verkauf; Bestandserhaltung

Keywords:: Grammar school library; Stralsund; Sale; Preservation

Der inzwischen rückabgewickelte Verkauf der Stralsunder Gymnasialbibliothek hat in den letzten Monaten ganz erhebliches öffentliches Aufsehen erregt. Die Sammlung selbst geht im Kern auf das 1560 gegründete Stralsunder Gymnasium zurück. Eine eigentliche Bibliothek entstand 1627, deren Bestände bis 1802 auf 4 000 Bände angewachsen waren. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die zu dieser Zeit noch vorhandenen Bestände in einem Umfang von 2 630 Titeln in die Verwaltung der Stralsunder Archivbibliothek beim Stadtarchiv übergeben und im historischen Franziskanerkloster St. Johannis aufgestellt.

Die Stralsunder Gymnasialbibliothek ist keineswegs eine völlig unbekannte Sammlung gewesen, sondern wurde im Mecklenburg-Vorpommern behandelnden Band des ‚Handbuchs der Historischen Buchbestände in Deutschland‘ mit Stand Juli 1995 einer gut zweiseitigen Beschreibung für würdig erachtet.1 Die Gymnasialbibliothek bestand zu dieser Zeit aus Drucken des 15. bis 19. Jahrhunderts, von denen knapp 50 % im 18. Jahrhundert sowie etwa je 20 % im 17. und 19. Jahrhundert erschienen sind. Etwa die Hälfte der vorhandenen Titel war in lateinischer Sprache verfasst. Inhaltliche Schwerpunkte der Sammlung waren neben Nachschlagewerken, Abhandlungen zur Geschichte der Buchdruckerkunst, griechische und lateinische Klassiker und regional bedeutsame pädagogische Schriften. Typisch für Gymnasialbibliotheken dieser Zeit war der Fonds der Schulschriften des 18. und 19. Jahrhunderts. Hervorgehoben wurden die zahlreichen, meist in Stralsund und Greifswald erschienenen Pomeranica. Der historische Bestand der Gymnasialbibliothek ist in einem handschriftlichen Standortkatalog erfasst. Eine Gymnasialbibliothek wie die Stralsunder Einrichtung ist in erster Linie eine Quelle für die regionale Schulgeschichte. Darüber hinaus finden sich in den Beständen in der Regel Provenienzen verschiedenster Art, die auf die Lehrer und die Schüler der Einrichtung sowie ihre Wohltäter hinweisen und ebenfalls einen hohen Quellenwert haben.

Der Verkauf der Gymnasialbibliothek und seine Rückabwicklung ist von der Presse, im Internet und mit Stand vom 3. 12. 2012 auch von der Stadt Stralsund auf ihrer offiziellen Homepage2 dokumentiert worden. Danach beschloss der Hauptausschuss der Stralsunder Bürgerschaft auf der Grundlage einer Vorlage des Stadtarchivs am 5. 6. 2012 den Verkauf eines „Teilbestandes der Gymnasialbibliothek“ an einen Antiquar im Sinne einer Bestandsbereinigung. Für die Tätigkeit des Stadtarchivs relevante sowie bibliophile Titel seien zurückgehalten worden. Am 16. 7. 2012 teilte der Antiquar der Stadt mit, dass die von ihm erworbenen Bücher in einem schlechten Zustand und teils von Schimmel befallen seien. Am 9. 8. 2012 und am 27. 9. 2012 wurde daraufhin das Zentrum für Bucherhaltung (ZfB) in Leipzig mit der Erstellung von Gutachten zu den noch im Stadtarchiv vorhandenen Beständen gebeten, die den Schimmelbefall bestätigten, weshalb der Oberbürgermeister von Stralsund, Dr. Alexander Badrow, am 17. 10. 2012 die vorläufige Schließung des Stadtarchivs aufgrund der nicht auszuschließenden Gesundheitsgefährdung anordnete.

Das Verdienst, die Öffentlichkeit auf den Verkauf der Stralsunder Gymnasialbibliothek aufmerksam gemacht zu haben, gebührt dem in Aachen wirkenden Archivar und Bibliothekar Dr. Klaus Graf, der Kassandra des deutschen Bibliothekswesens. Er wies im Weblog ‚Archivalia‘ am 22. 10. 2012 auf diesen Vorgang hin. Es schlossen sich Proteste von Archivaren und Bibliothekaren gegen den Verkauf an. Unter anderem äußerte der Vorsitzende des VDB, Dr. Klaus-Rainer Brintzinger, am 12. 11. 2012 in einem offenen Brief an den Präsidenten der Bürgerschaft und den Oberbürgermeister der Hansestadt Stralsund seine große Besorgnis aufgrund dieses Vorgangs. Als besonders wirkmächtig erwies sich eine von Philipp Maass, Leiter der Bibliothek der Hochschule für Kunsttherapie in Nürtingen, initiierte Online-Petition.3 Maass wies zu Recht auf die Diskrepanz zwischen der im ‚Handbuch der Historischen Buchbestände‘ festgehaltenen Größe der Gymnasialbibliothek von 2 630 Titeln und der von der Presse berichteten Veräußerung von 6 000 Bänden hin, was auf eine Verwertung auch von Teilen anderer Bibliotheksbestände hindeute, und verwies darauf, dass der Verkauf gegen die Stralsunder Archivsatzung aus dem Jahr 2002 verstoßen habe.

Am 06. 11. 2012 teilte der Stralsunder Oberbürgermeister dem Hauptausschuss mit, dass er ein unabhängiges Gutachten zu dem Verkauf einholen werde, mit dem er die renommierten Mediaevisten Prof. Dr. Nigel Palmer (Oxford) und Prof. Dr. Jürgen Wolf (Marburg) beauftragte. Diese kamen in ihrem ‚Gutachten zum kulturhistorischen Wert der Stralsunder Gymnasialbibliothek‘, das am 19. 11. 2012 vorlag, zu dem Urteil, dass es sich bei der Sammlung um bedeutendes Bibliotheksgut handele, das für die Kulturgeschichte der Stadt Stralsund, der Region sowie auch für Forschung und Wissenschaft einen großen Wert habe. Dies führte zu einer umgehenden Suspendierung der Leiterin des Stadtarchivs. Gleichzeitig bestätigten das Landesamt für Kultur und Denkmalpflege sowie der Landesarchivar, dass der Verkauf gegen die Satzung des Stadtarchivs aus dem Jahr 2002 verstoßen habe. Noch zu klären sind Gerüchte, dass schon zuvor Dubletten aus der Archivbibliothek verkauft worden seien.

In einer Dringlichkeitssitzung des Hauptausschusses der Stralsunder Bürgerschaft vom 28. 11. 2012 wurde die Rückabwicklung des Verkaufs beschlossen. Da sich der Antiquar damit einverstanden erklärte, konnte die Stadt am 3. 12. 2012 zusammen 5 278 Bücher der Gymnasialbibliothek wieder übernehmen, was etwa 90 % des veräußerten Bestandes entspricht. Die restlichen 10 % sind teils vom Antiquar schon verkauft, teils aufgrund ihres schlechten Zustandes von ihm entsorgt worden.

Das ‚Handbuch der Historischen Buchbestände in Deutschland‘ liefert, und das macht seinen hohen Wert aus, eine Topographie der Buchkultur in Deutschland. Dem Verkauf der Stralsunder Gymnasialbibliothek kommt insofern eine neue Qualität dar, als mit ihm eine Sammlung vernichtet werden sollte, die hier ausführlich beschrieben wird. Die Vorgeschichte dieser Maßnahme geht aber weiter zurück. Auf der Ebene der Bestandserhaltung ist deutlich zu erkennen, dass die Bestände des Stralsunder Stadtarchivs, im konkreten Fall der Gymnasialbibliothek seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, in keiner Weise adäquat aufbewahrt worden sind. Entlarvend ist auch folgender in der Beschreibung der nun verkauften Sammlung im ‚Handbuch‘ verborgener Satz aus dem Jahr 1995: ‚Eine Aufnahme in den alphabetischen Katalog der Archivbibliothek steht noch aus‘. Offensichtlich gab es nach der Übernahme der Sammlung keinerlei Initiativen, diese auch zu erschließen. Aufgrund dieses Versäumnisses ist sie zu einer nicht benutzbaren und damit toten Bibliothek herabgesunken, ein weiterer Schritt hin zu ihrem Untergang. Anstatt diese Missstände zu beheben, was natürlich erhebliche Mittel gebunden hätte, wurde das Problem im wahrsten Sinne des Wortes zu entsorgen gesucht, ein in Zeiten moderner Kommunikation allerdings reichlich naives Unterfangen. Bei diesem Schritt spielte weiter das Unvermögen eine Rolle, in der Gymnasialbibliothek mehr zu sehen als ein Konglomerat von alten Büchern, nämlich ein gewachsenes Ensemble mit einem intrinsischen Wert, das in genau diesem Aggregatzustand eine unwiederbringliche Quelle für die Stralsunder Regionalgeschichte ist, wie dies ansatzweise schon 1995 im ‚Handbuch der Historischen Buchbestände in Deutschland‘ niedergelegt worden war.

Der Stadt Stralsund muss zugestanden werden, dass sie auf die eindeutigen Äußerungen der Fachwelt reagiert, unabhängige Gutachter eingeschaltet und den Verkauf rückabgewickelt hat, so dass ‚nur‘ eine Verlustquote von 10 % zu beklagen ist. Schlagartig bekannt wurden durch diese Angelegenheit die unhaltbaren Aufbewahrungsbedingungen im Stadtarchiv Stralsund und die bereits eingetretenen massiven Schäden an den Beständen, was zu ganz erheblichen Folgekosten führen wird. An der Stadt Stralsund bleibt allerdings der Vorwurf hängen, dass mit der Gymnasialbibliothek nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch durch die Entscheidung vom Juni 2012, die eine Kumulation auch älterer Versäumnisse darstellt, völlig unprofessionell umgegangen worden ist. Auch wurde nicht versucht, vor einem Verkauf Kontakt zu einschlägigen, mit Altbeständen befassten bibliothekarischen Gremien aufzunehmen. Aus bibliothekarischer Sicht muss immer wieder die Forderung nach der Erhaltung aller Buchensembles, die in dieser Form einen spezifischen Quellenwert haben, erhoben werden. Der physische Erhalt ist aber nur ein Teil. Dazu gehört insbesondere eine adäquate moderne Erschließung, ohne die es keine Nutzung geben kann, was der wichtigste Grund für die Abwärtsspirale gewesen ist, die zum Verkauf der Stralsunder Gymnasialbibliothek geführt hat.

Footnotes

  • Klostermann, Gisela: Stralsund, Archivbibliothek beim Stadtarchiv. In: Krause, Friedhilde (Hrsg.): Handbuch der Historischen Buchbestände in Deutschland, Bd. 16: Mecklenburg-Vorpommern u. Brandenburg, Hildesheim/Zürich/New York 1996, S. 256–259. 

  • Stadtarchiv der Hansestadt Stralsund: Chronologie der Ereignisse im Zusammenhang mit dem Schimmelbefall und dem Verkauf der Gymnasialbibliothek – Aktualisierung (Stand: 3. 12. 2012) http://www.stralsund.de/hst01/content1.nsf/docname/Webseite_B8D598E4238E4E09C1257ABF00448714?OpenDocument. [Zugriff: 14. 12. 2012]. 

  • Maass, Philipp: Rettet die Stralsunder Gymnasialbibliothek! https://www.openpetition.de/petition/online/rettet-die-stralsunder-archivbibliothek. [Zugriff: 14. 12. 2012]. 

About the article

Armin Schlechter

Dr. Armin Schlechter, Landesbibliothekszentrum Rheinland-Pfalz/

Pfälzische Landesbibliothek Speyer

Otto-Mayer-Strasse 9

67346 Speyer


Published Online: 2013-02-14

Published in Print: 2013-02-01


Citation Information: Bibliotheksdienst, Volume 47, Issue 2, Pages 97–101, ISSN (Online) 2194-9646, ISSN (Print) 0006-1972, DOI: https://doi.org/10.1515/bd-2013-0012.

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