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Bibliotheksdienst

Editor-in-Chief: Michalke, Karin / Ihrig, Hartmuth

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2194-9646
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Volume 47, Issue 6

Issues

NS-Raubgut-Recherche im Landesbibliothekszentrum Rheinland-Pfalz/Pfälzische Landesbibliothek Speyer

Ein Zwischenbericht

Provenance research for Nazi-confiscated books at the Landesbibliothekszentrum Rheinland-Pfalz/Pfälzische Landesbibliothek Speyer

Interim report

Nicole Bartels / Nicole Bartels
Published Online: 2013-06-14 | DOI: https://doi.org/10.1515/bd-2013-0041

Zusammenfassung:

Das Landesbibliothekszentrum Rheinland-Pfalz untersucht an seinem Standort Pfälzische Landesbibliothek (PLB) Speyer seit Oktober 2012 seine Bestände auf NS-Raubgut. Das zunächst auf ein Jahr angelegte Provenienzforschungsprojekt wird von der Arbeitsstelle für Provenienzforschung in Berlin gefördert. In den zurückliegenden sechs Monaten wurden rund 28 000 Kaufzugänge und 17 000 Geschenkzugänge geprüft. Dabei wurden u. a. ca. 50 Bücher mit Provenienzen der 1940 in das Internierungslager Gurs in Südfrankreich deportierten Speyerer Juden gefunden. Die Bücher wurden der PLB 1941 von der Stadt Speyer übergeben.

Abstract:

Since October 2012, the “Landesbibliothekszentrum Rheinland-Pfalz/Pfälzische Landesbibliothek Speyer” (PLB) has been investigating its inventory to identify books confiscated during the Nazi period. This provenance project – scheduled to last for one year – is supported by the Arbeitsstelle für Provenienzforschung (Post for Provenance Research) in Berlin. In the last six months, 28,000 acquisitions by purchase and 17,000 acquisitions by gift have been checked. As a result, ca. 50 books were found to have originally belonged to Jews from Speyer who were deported to the internment camp of Gurs in Southern France. The books were given to the PLB by the City of Speyer in 1941.

Schlüsselwörter:: Provenienzrecherche; NS-Raubgut; jüdischer Besitz

Keywords:: provenance research; Nazi-confiscated books; Jewish property

Die Pfälzische Landesbibliothek (PLB) in Speyer ist als Teil des Landesbibliothekszentrums Rheinland-Pfalz (LBZ) die erste wissenschaftliche Bibliothek in Rheinland-Pfalz, die ihre Bestände auf NS-Raubgut hin überprüft. Gefördert wird das bislang auf ein Jahr angelegte Projekt von der Arbeitsstelle für Provenienzforschung in Berlin. Seit Oktober 2012 prüfen zwei wissenschaftliche Mitarbeiterinnen mit je einer halben Stelle die Zugänge der Jahre 1933 bis 1950 auf raubgutverdächtige Bücher. Den Anlass für die Untersuchungen gab ein Zufallsfund im Erwerbungsjournal Geschenke für das Jahr 1942: Hier sind 34 Bücher unter der Bezugsquelle „Reichspropagandaamt Gauleitung Westmark (Neustadt)“ akzessioniert, die größtenteils verboten waren. Dies gab den Hinweis, dass sich in den Beständen der PLB möglicherweise NS-Raubgut befinden könnte. Mit der Washingtoner Erklärung (1998) und der Gemeinsamen Erklärung von Bund, Ländern und Kommunen (1999) haben sich die Bibliotheken freiwillig verpflichtet, NS-Raubgut in ihren Beständen zu identifizieren und die Funde öffentlich zu machen.

Grundlage für die Recherche sind die nach Kauf- und Geschenkakzession getrennt geführten und vollständig erhaltenen Zugangsjournale der Jahre 1933 bis 1950. Die Bücher wurden seit Gründung der Bibliothek nach Numerus currens aufgestellt, weshalb der gesamte in dem betreffenden Zeitraum eingearbeitete Bestand gesichtet werden kann. Zum jetzigen Zeitpunkt ist die Durchsicht der zu prüfenden Bestände fast abgeschlossen. Geprüft wurden bisher ca. 28 000 Kaufzugänge und ca. 17 000 Geschenk- bzw. Tauschzugänge. Es liegt eine interne Access-Arbeitsdatenbank vor, in der alle Bücher mit verdächtigen Provenienzen und Bezugsquellen verzeichnet wurden. Der nächste Schritt wird sein, die gefundenen Namen der Personen und Institutionen sowie die Hintergründe der Zugänge zu recherchieren.

Die PLB wurde im Jahr 1921 in Trägerschaft der seit 1816 in Speyer ansässigen Kreisregierung1 sowie des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus gegründet. Der Wunsch nach einer öffentlichen, wissenschaftlichen Bibliothek für die Pfalz bestand schon seit dem 19. Jahrhundert. Doch erst mit der Abtrennung einiger Teile der Westpfalz infolge des Versailler Vertrages und dem schwindenden Einfluss Bayerns und damit des Reiches auf die Pfalz wurde die Schaffung einer Kreis- bzw. Landesbibliothek aus „vaterländischer“ Sicht kulturpolitisch notwendig. Die Bayerische Staatsbibliothek (BSB) stellte mit Georg Reismüller (1921–1929) den ersten Direktor der Landesbibliothek, holte ihn aber 1929 als Generaldirektor zurück nach München. Seine Nachfolger Johann Adam Brein (1930–1937) und Heinz Zirnbauer (1938–1941) entstammten ebenfalls dem Personal der BSB. Mit regelmäßigen Geschenklieferungen trug die BSB in den Folgejahren zum Bestandsaufbau bei. Maßgeblichen Anteil daran hatten aber die Pfälzer und die der Pfalz verbundenen Schenker und Nachlasser. Auch wenn das Hauptaugenmerk der Anschaffungspolitik auf der Pfalzliteratur lag, so wollte und sollte die Bibliothek auch wissenschaftlichen Anforderungen entsprechen und Fachliteratur für verschiedene Berufsgruppen bereitstellen. Budgetbedingt konnte sie dieser Aufgabe nach eigener Einschätzung aber nur unzureichend gerecht werden.2 Auch personell und räumlich war die junge Bibliothek schlecht ausgestattet. Der sich schnell einstellende Platzmangel wurde 1935 mit dem Umzug in ein größeres Gebäude behoben, der Mitarbeitermangel blieb jedoch dauerhaft ein Thema in den Jahresberichten der Landesbibliothek. Beides führte dazu, dass viele Geschenkzugänge über Jahre in Kisten verblieben und nicht eingearbeitet und somit auch nicht nutzbar gemacht werden konnten. Im Jahresbericht 1933/34 heißt es dazu: „Durch die sich stetig steigernde Benützung der Bibliothek sind die vorhandenen Arbeitskräfte derart in Anspruch genommen, dass neben dem laufenden Dienst nur wenig Zeit zur Bewältigung der Rückstände früherer Jahre bleibt.“3 Hier handelte es sich wohl vor allem um große Nachlässe, die teilweise erst Jahre nach der Abgabe akzessioniert werden konnten. Nach jetzigem Kenntnisstand betraf dies aber nicht die laufenden Geschenk- und Kaufzugänge, die offenbar zeitnah eingearbeitet worden sind.

1 Verbotenes Schrifttum und Raubgut politischer Gegner

Als wissenschaftliche Bibliothek gehörte die PLB zu jenen Einrichtungen, die berechtigt waren, die von den Nazis verbotene und beschlagnahmte Literatur aufzubewahren, um sie gegen Nachweis politischer Zuverlässigkeit nur noch einem eingeschränkten Nutzerkreis zugänglich zu machen.4 Öffentliche, nichtwissenschaftliche Bibliotheken wie Leihbuchhandlungen, Volksbüchereien oder Schulbüchereien mussten hingegen ihre Bestände säubern und die Bücher wissenschaftlichen Bibliotheken übergeben.5 Davon hat die PLB in bescheidenem Umfang profitiert. So wurden ihr ausgesonderte Bücher u. a. von der Lehrerbildungsanstalt Speyer, der Realschule Pirmasens und der Volksschulbibliothek Speyer zugesandt. Unter den Abgaben der verschiedenen pädagogischen Einrichtungen befinden sich im Akzessionsjahr 1933 z. B. 21 Bücher von Friedrich Wilhelm Förster.6

Punktuell erhielt die PLB auch Bücher aus dem Besitz verbotener Organisationen und Vereinigungen, die z. B. über den Dublettentausch mit der Bayerischen Staatsbibliothek in den Bestand der PLB gelangten. Anfang September 1933 wurden etwa 22 Bücher eingearbeitet, die den Stempel „Bücherei des Gen. Sekr. der B. V. P.“ tragen und demnach ursprünglich der Bücherei des Generalsekretariats der Bayerischen Volkspartei gehörten. Die Partei hatte sich im Zuge der nationalsozialistischen „Gleichschaltung“ im Juli 1933 selbst aufgelöst.

Abb. 1: Stempel: Bücherei des Generalsekretariats der Bayerischen Volkspartei. Enthalten in: Bebel, August/Bernstein, Eduard (Hg.): Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883. 3 Bde. Stuttgart 1921. Signatur PLB: G 33.395.

„Geschenke“ erhielt die PLB aber auch direkt von politisch Verfolgten, wenn diese sich von belastendem Material zu befreien versuchten, um möglicherweise weiteren Repressalien zu entgehen. So war beispielsweise der Redakteur der „Pfälzer Zeitung“7 Rudolf Joeckle am 22. Juni 1933 in Schutzhaft genommen worden. Am 11. Januar 1934 wurden sieben Bücher aus seinem Besitz (oder aus dem der Zeitung) akzessioniert. Aufgrund der Verhaftung sowie der Titel ist nicht von einer freiwilligen Abgabe und deshalb von NS-Raubgut auszugehen.

Im selben Verlagshaus wie die „Pfälzer Zeitung“ erschien auch das „Rheinische Volksblatt“.8 Im Februar 1937 gingen der PLB elf Bücher der Zeitung, ebenfalls als „Geschenk“ deklariert, zu. Auch bei diesen Titeln handelte es sich um staatsfeindliches Schrifttum. Der Verlag wurde samt Druckerei noch im selben Jahr von der Gestapo geschlossen.9

Auch über den antiquarischen Weg erwarb die PLB vereinzelt Bücher von regimekritischen Vorbesitzern. Dazu zählen das Berliner Volksblatt „Vorwärts“10, die Redaktion der „Socialistischen Monatshefte“ in Berlin11 und die „Arbeitsstätte für sachliche Politik e. V.“.

Abb. 2: Der Anti-Nazi. Handbuch im Kampf gegen die NSDAP. Berlin 1932. Signatur PLB: G 33.1045. Dieses Buch wurde der PLB im Juni 1933 vom Redakteur der „Pfälzer Zeitung“, Dr. Rudolf Joeckle, zusammen mit sechs weiteren verbotenen Büchern übergeben.

Die drei Bücher, die die genannten Provenienzstempel aufweisen, wurden über die Buchhandlung Twietmeyer in Leipzig bezogen und 1944 in den Bestand der PLB aufgenommen. Der Verdacht liegt nahe, dass diese Bücher den genannten Vorbesitzern verfolgungsbedingt entzogen worden sind. Ebenfalls aus der Buchhandlung Twietmeyer, die auf ausländische Literatur spezialisiert war, stammt ein französisches Werk mit dem niederländischen Stempel „Centraal-Bureau voor Sociale Adviezen“, einer Rechtsberatungsstelle für Arbeitnehmerverbände in Amsterdam.12 Das Buch trägt zusätzlich einen Dublettenstempel: Es kann ein Dublettenstempel der genannten Einrichtung sein oder noch in eine andere Einrichtung gelangt sein, die ihrerseits das Buch als Dublette gekennzeichnet hat. Wie das Buch in den Antiquariatshandel gelangt ist, welche Zwischenstationen es genommen hat, ob es womöglich Teil eines von den deutschen Besatzern beschlagnahmten Bestandes war und somit Raub- bzw. Beutegut ist, muss vorerst ungeklärt bleiben.

Abb. 3: Stempel „Redaction der Socialistischen Monatshefte Berlin“. Enthalten in: Kulemann, Wilhelm: Der Gewerkschaftsgedanke in der Beamtenbewegung. Berlin 1919. Signatur PLB: G 44.812.

Auffällig ist, dass zwar verbotenes Schrifttum an die PLB abgegeben wurde, aber längst nicht in dem Umfang, wie es für eine wissenschaftliche Bibliothek zu erwarten gewesen wäre. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass die PLB nicht, wie diverse andere Landes- und Universitätsbibliotheken im Reich, zum Verteilerzirkel der Preußischen Staatsbibliothek zu Berlin gehörte, die in großem Umfang über das in der Provinz Preußen beschlagnahmte Schrifttum verfügen konnte.13 Zu den Bibliotheken, die sich aus den Beschlagnahmungslisten Bücher für ihre Bestände aussuchen durften, zählten u. a. die Badische Landesbibliothek Karlsruhe, die Universitätsbibliothek Heidelberg und die BSB.14 Da das in der bayerischen Provinz beschlagnahmte Schrifttum an die BSB abgegeben werden musste, hätte die PLB über den Dublettentausch oder, analog zur Preußischen Staatsbibliothek Berlin, über das Listenverfahren ebenfalls von der Einziehung volks- und staatsfeindlichen Vermögens profitieren können. Nach jetzigem Forschungsstand erhielt die PLB aber nur vereinzelt Raubgut auf dem Weg des Dublettentauschs mit der BSB und möglicherweise – hier stehen Untersuchungen noch aus – auch über die Reichstauschstelle.

Die bisher im Landesarchiv Speyer gesichteten Akten der Bezirks- und Landratsämter im Regierungsbezirk Pfalz lassen erkennen, dass einige der hiesigen Dienststellen anscheinend nicht ausreichend darüber informiert waren, dass das beschlagnahmte verbotene Schrifttum an die BSB in München abzugeben war. So richtete das Bezirksamt Kusel im Juli 1937 (!) eine Anfrage an die Volksbüchereiberatungsstelle in Kaiserslautern mit der Bitte um Mitteilung, welche der aufgelisteten Bücher, die „seinerzeit bei Auflösung marxistischer Vereine beschlagnahmt wurden […] unbedenklich sind und veräußert bezw. einer Bibliothek zur Verfügung gestellt werden können“.15 Die Volksbüchereiberatungsstelle markierte die verbotenen Bücher rot und verwies darauf, dass diese „nach einer Verfügung des Reichsinnenministeriums […] an die Bayrische Staatsbibliothek in München eingeschickt werden“ müssten.16 Weiter heißt es in dem Antwortschreiben: „Die mit einem Kreis versehenen Bücher sind unter Umständen für die Volksbücherei verwendbar, während der Rest für eine Volksbücherei kaum in Frage kommt. Diese Bücher wollen Sie nach Ihrem Ermessen verwenden.“17 Hatten solche Bücher keinen materiellen Wert mehr, um sie entsprechend zu „verwerten“, wurden sie nicht selten vernichtet.

2 Raubgut aus jüdischem Besitz

Am 22. Oktober 1940, vier Monate nach dem Waffenstillstand von Compiègne, wurden über 6 500 Juden aus Baden und der Saarpfalz nach Gurs in Südfrankreich deportiert. Die Aktion wurde von den Gauleitern Robert Wagner und Josef Bürckel durchgeführt und war mit dem Reichssicherheitshauptamt abgesprochen. Baden und die Saarpfalz sollten die ersten „judenfreien“ Reichsgaue werden.18

Von den im Oktober 1940 abgeschobenen pfälzischen Juden kamen 51 Personen aus Speyer. Wie auch in anderen Städten hatte sich die israelitische Kultusgemeinde Speyers durch Emigration und Abwanderung in größere Städte bereits vor 1933 stetig verkleinert. Zu Beginn der Nazi-Diktatur zählte die Gemeinde 269 Mitglieder, 1937 noch 150 und 1940 lediglich 69. Unter den Speyerer Juden gab es viele Geschäftsleute und Fabrikanten. Nach dem 10. November 1938 waren viele jüdische Männer in das Konzentrationslager Dachau verbracht worden, von wo aus sie zwar zurückkehrten, nur um dann kurze Zeit später zusammen mit ihren Frauen und Kindern nach Gurs deportiert zu werden.

Klara Seligmann, die zusammen mit ihrem Ehemann Sigmund Seligmann in der Marienstraße 14 in Speyer lebte, war eine der Deportierten.19 Zum Zeitpunkt der Abschiebeaktion befand sich Sigmund Seligmann im Krankenhaus in Mannheim, von wo aus er nach Gurs gebracht wurde. Dem Sohn Werner, der in Mannheim lebte, widerfuhr zusammen mit seiner Frau das gleiche Schicksal. Knapp zwei Monate nach der Ankunft starb Sigmund Seligmann in Gurs. Seine Frau, sein Sohn und die Schwiegertochter wurden im August 1942 über Drancy nach Auschwitz deportiert und überlebten nicht. Sigmund Seligmann hatte zusammen mit seinem älteren Bruder Julius eine von ihrem Vater Moses gegründete Großhandlung für Friseurbedarf in Speyer geführt.20 Julius konnte 1939 nach Buenos Aires auswandern, zwei weitere Geschwister nach Nordamerika. Im Bestand der PLB befinden sich fünf Bücher von Sigmund, ein Buch von Werner und ein Buch von Julius Seligmann. Zwei der Bücher von Sigmund Seligmann tragen den Vermerk, dass er sie mit dreizehn Jahren zur Bar-Mizwa-Feier, der Feier der religiösen Mündigkeit, erhalten hatte. Dabei handelt es sich um eine zweibändige Ausgabe von Lessings Werken sowie um ein Buch über das deutsche Heer. Ein Operettenheft trägt einen Stempel Sigmund Seligmanns.

Abb. 4: Widmung für Sigmund Seligmann anlässlich seiner Bar-Mizwa 1892. Enthalten in: Das Buch vom Deutschen Heere. Leipzig 1891. Signatur PLB: G 41.1173.

Unter den nach Gurs verschleppten Speyerer Juden befanden sich sieben Kinder, die alle mit Hilfe der OSE (Organisation de Secours aux Enfants), der Quäker oder des „U.S. Committee for Protection of European Children“ überlebten. Zu ihnen zählte auch Elisabeth Kling, die von der OSE in die Schweiz gerettet wurde, wo sie schon 1946 sechzehnjährig verstarb. Ihre Eltern Ruth und Ernst Kling kamen in Auschwitz ums Leben. Von ihrer Mutter Ruth, einer geborenen Goldschmidt aus Düren (Eifel), haben sich fünf Bücher im Bestand der PLB erhalten. Sie alle tragen den Mädchennamen der ehemaligen Besitzerin: Ruth Goldschmidt. Es handelt sich um zwei Bücher zur Kunstgeschichte, ein Physik-Lehrbuch, einen Gedichtband von Chamisso sowie um einen französischen Roman.

Abb. 5: Autogramm von Ruth Goldschmidt, verh. Kling, 1927. Enthalten in: Chérau, Gaston: Toi. Paris 1927. Signatur PLB: G 41.1739.

Während die elfjährige Elisabeth Kling zusammen mit dem gleichaltrigen Bernhard Katz und den ebenfalls elfjährigen Zwillingen Margit und Heini Grünberg zu den Jüngsten in der Gruppe der Speyerer Juden zählte, waren Sara Mayer (84 Jahre) und Lazarus Scharff (86 Jahre) die Ältesten. Ein Historienroman von Wolfgang Marken aus dem Jahr 1926 enthält den handschriftlich eingetragenen Namenszug Scharff. Möglicherweise gehörte das Buch Lazarus Scharff selbst oder seiner Frau Karolina, die 1938 gestorben war. Lazarus starb kurz nach seiner Ankunft in Südfrankreich. Das Ehepaar hatte zwei Töchter: Frieda und Emma. Frieda heiratete 1906 Isidor Beissinger. Zwei Bücher in der PLB führen den Schriftzug Frieda Beissingers. Frieda arbeitete im Kolonialwarengeschäft ihres Vaters in der Maximilianstraße (ehemals Hauptstraße) 68. Sie wurde im Sommer 1942 von Gurs nach Auschwitz deportiert und kehrte nicht zurück.21

Abb. 6: Autogramm von Frieda Beissinger, Tochter von Lazarus und Karolina Scharff. Enthalten in: Schleich, Carl Ludwig: Besonnte Vergangenheit. Lebenserinnerungen. Berlin 1925. Signatur PLB: G 41.999.

Insgesamt waren es sechzehn der nach Gurs deportierten Speyerer Juden, die den Holocaust überlebten und in der Mehrzahl in die USA auswanderten.

Das beim Abtransport nach Gurs zurückgelassene Vermögen der Juden wurde beschlagnahmt und dem für die Saarpfalz zuständigen Gauwirtschaftsberater Bösing als Treuhänder übergeben. Dieser überantwortete den Oberbürgermeistern der Stadtbezirke die Verwertung der zurückgelassenen Gegenstände, die ab November 1940 versteigert wurden. Die Bücher überließ die Stadt Speyer ganz offensichtlich der Pfälzischen Landesbibliothek, auch wenn zu dem Vorgang bisher kein Aktenstück gefunden werden konnte. Die Mitarbeiter der PLB akzessionierten den Zugang in zwei Durchgängen nach laufenden Nummern: Unter G 41.821 bis G 41.1818 sind die ersten tausend Titel vermerkt. Dann folgen 277 Nummern, für die die Kreisleitung [der NSDAP] Speyer als Bezugsquelle angegeben ist. Schließlich sind noch einmal 1 140 Einträge mit den Signaturen G 41.2096 bis G 41.3236 unter der Bezugsquelle Stadt Speyer vermerkt. Es muss noch geprüft werden, ob diese Zuordnung der Bücher zu den unterschiedlichen Bezugsquellen tatsächlich durchgängig richtig erfolgt ist. Fest steht, dass die auf Raubgut hindeutenden Provenienzen im ersten der Stadt Speyer zugeordneten Konvolut gefunden wurden, während im zweiten Konvolut der Stadt Speyer bisher keine verdächtigen Provenienzen festgestellt werden konnten. An dieser Stelle steht eine genauere Untersuchung noch aus. Ein Teil der Bücher kann nicht mehr geprüft werden, da sie aus dem Bestand ausgeschieden sind.

3 Beutegut aus dem Osten

Zwei Bücher, bei denen es sich wahrscheinlich um Beutegut handelt, konnten bislang ausfindig gemacht werden. Der erste Fall betrifft eine Koranausgabe aus dem Jahr 1884, erschienen in Kazan (Tatarstan). Das Buch selbst hätte für sich genommen keinen Verdacht auf NS-Raubgut aufkommen lassen. Es enthält keinen Stempel, kein Exlibris und keinerlei Vermerke, die auf einen Vorbesitzer verweisen. Dafür ist die Angabe in der Spalte Bezugsquelle im Geschenk-Akzessionsjournal von 1944 aussagekräftig: „Major Gerbel (aus der Krim gesandt)“.22 Es liegt nahe, bei diesem Buch NS-Beutegut zu vermuten. Erste Recherchen haben ergeben, dass es sich bei besagtem Major vermutlich um einen Gendarmerie-Major handelt, der im Frühjahr 1944 Kommandeur des Polizei-Freiwilligen-Kommandos „Schwarzes Meer“ Nr. 2 war.23

Beim zweiten Fall verhält es sich umgekehrt: Die Bezugsquelle für das Buch mit dem Titel „Heilige Reden“ von Anton Jeanjean, 1771 in Straßburg erschienen, weist zwar ebenfalls einen privaten Schenker aus, die Angabe „Joseph Freiermuth, Bellheim“ lässt jedoch keinen Raubgut-Verdacht aufkommen – ein Schenker aus der Region, ein religiöses Buch, wie es von zahlreichen Freunden der Bibliothek überlassen wurde. Aufschlussreich ist dann jedoch ein Brief, der in dem Buch einliegt. Es handelt sich um ein Schreiben des Schenkers an die Pfälzische Landesbibliothek, in dem er es „aus Liebe zu meiner pfälzischen Heimat“ der Bibliothek überlässt.24 Aufhorchen lässt folgender Satz: „Ich fand diese Sammlung im Feldzug gegen Rußland im Juni 1944 in den Trümmern des Pfarrhauses zu Bortniki in Galizien.“25 Wie und wann sich Joseph Freiermuth das Buch aneignete, bleibt offen. Der Definition nach handelt es sich aber um Beutegut, da die „Heiligen Reden“ kriegsbedingt verbrachtes Kulturgut sind.

4 Erstes Fazit und Ausblick

Die bisherige, fast abgeschlossene Sichtung des Bibliotheksbestandes aus den Zugangsjahren 1933 bis 1950 hat ergeben, dass auch die PLB NS-Raubgut erhalten hat. Die raubgutverdächtigen Bücher gingen ihr zum überwiegenden Teil aus regionalen Quellen zu und wurden zumeist als Geschenke akzessioniert. Es konnten bislang bei ersten Archivrecherchen im Bibliotheksarchiv der PLB sowie dem Landesarchiv Speyer noch keine Hinweise gefunden werden, dass sich die Mitarbeiter, vorrangig die Direktoren, gezielt um den Erwerb beschlagnahmter Bücher bemüht hätten. Eine abschließende Bewertung kann aber diesbezüglich noch nicht vorgenommen werden. Es stehen weitere Archivrecherchen und die eingehende Prüfung zahlreicher, zum Teil bisher unspezifisch erscheinender Provenienzen noch aus. So müssen etwa die über den Dublettentausch in die PLB gelangten Bücher aus der BSB und Zugänge von der Reichstauschstelle gründlich untersucht werden. Des Weiteren liegt der im Oktober 1942 akzessionierte und 34 Bände umfassende Bestand aus einer Lieferung vom „Reichspropagandaamt Gauleitung Westmark (Neustadt)“ vor, der sich größtenteils aus verbotener Literatur zusammensetzt. Provenienzmerkmale existieren in den Büchern nicht, jedoch lassen sich Spuren ehemals mit Bleistift eingetragener Preise und Nummern erkennen, die vermuten lassen, dass diese Bücher möglicherweise aus Antiquariaten oder Buchhandlungen stammen. Ein solcher Fall wäre jedoch eher in den Anfangsjahren der Naziherrschaft zu erwarten gewesen. Die Kreisleitung der NSDAP Speyer ist ebenfalls eine Bezugsquelle, über die noch zu wenig bekannt ist. Von ihr erhielt die PLB u. a. Bücher aus der sogenannten Alfred-Rosenberg-Spende. Diese Bücher wurden freiwillig als Spende für die Frontsoldaten abgegeben, weshalb es sich hierbei definitionsgemäß nicht um Raubgut handeln kann. Ein besonderes Augenmerk bei den bis September 2013 andauernden Untersuchungen wird auf dem Raubgut aus jüdischem Besitz liegen. Da über die nach Gurs deportierten pfälzischen und badischen Juden bereits Forschungsergebnisse existieren,26 ist eine gute Ausgangslage für die Suche nach den Erben der ehemaligen Eigentümer und damit für eine mögliche Restitution der Bücher gegeben.

Footnotes

  • Selbstverwaltungsorgan der seit 1816 zu Bayern gehörenden Pfalz. 

  • „Dieser Betrag [für Bücheraufkauf] genügte nicht zur Befriedigung der Ansprüche, die man an eine moderne Gebrauchsbibliothek zu stellen berechtigt ist. […] Sie [andere Behörden] wenden sich häufiger als bisher an uns und sind enttäuscht, wenn sie selbst bei der Landesbibliothek die ihnen fehlende Literatur nicht vorfinden. Noch viel schlimmer liegen die Dinge bei der für viele Zwecke wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Praxis unentbehrlichen Gebrauchsliteratur. Der Einzelne ist nicht mehr in der Lage, aus eigenen Mitteln die kostspielige Literatur zu beschaffen, die er zur Ausübung seines Berufes nicht entbehren kann. Dringender denn früher ist die Aufgabe der Bibliotheken, hier zu helfen.“ Bibliotheksarchiv PLB Speyer, Nr. 3.1765: Jahresbericht 1934/35. 

  • Bibliotheksarchiv PLB Speyer, Nr. 3.1765: Jahresbericht 1933/34. 

  • Die erste, unter nationalsozialistischer Herrschaft erstellte Verbotsliste war die „Schwarze Liste“ des Berliner Bibliothekars Dr. Wolfgang Herrmann, an der sich die deutsche Studentenschaft im Mai 1933 bei ihren Verbrennungsaktionen „Wider den undeutschen Geist“ orientierte. 1935 gab die Reichsschrifttumskammer dann die „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ heraus, die immer wieder um weitere Namen ergänzt wurde. Vgl. z. B. Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums. Stand vom 31. Dezember 1938 und Jahreslisten 1939–1941. Unveränderter Neudruck der Ausgaben Leipzig 1938–1941. Vaduz 1979. 

  • „In einer Volksbücherei ist in Zukunft für volksfremde, marxistische und religionsfeindliche Bücher kein Platz mehr. Insbesondere sind Werke jüdischer Autoren auszuscheiden. Ein Verzeichnis der aus den Volksbüchereien zu entfernenden Bücher wird beigelegt.“ Bibliotheksarchiv PLB Speyer, Altakten, Nr. 85: Rundschreiben der Volksbücherei-Beratungsstelle für die Vorderpfalz, Mai 1933. 

  • Friedrich Wilhelm Förster (1869–1966) verfasste philosophische, pazifistische und vor allem pädagogische Schriften. Nach der Veröffentlichung seines Buches „Mein Kampf gegen das militaristische und nationalistische Deutschland“ im Jahr 1920, das ihm Morddrohungen von Seiten der radikalen Rechten einbrachte, und der Ermordung Walther Rathenaus im Jahr 1922 flüchtete er in die Schweiz. Sämtliche Werke Försters waren seit 1933 verboten. 

  • Die „Pfälzer Zeitung“ war seit 1874 eines der offiziellen Presseorgane der Zentrumspartei. 

  • Beide Zeitungen erschienen im Verlagshaus von Eugen Jäger in Speyer und wurden 1934 zusammengelegt. 

  • Nachdem hier die Enzyklika „Mit brennender Sorge“ gedruckt worden war. Die Eigentümer wurden entschädigungslos enteignet. 

  • 1876 in Leipzig als Zentralorgan der SPD gegründet. Erschien von 1933 bis 1940 im Exil in Prag und Paris unter dem Namen „Neuer Vorwärts“. Neugründung 1948. 

  • Die „Sozialistischen Monatshefte – Internationale Revue des Sozialismus“ erschienen von 1897 bis 1933 im „Verlag der Sozialistischen Monatshefte“ in Berlin. 

  • Im Jahr 1899 von dem niederländischen Rechtswissenschaftler und Politiker Arnold Kerdijk (1846–1905) gegründet. 

  • Vgl. Erlass des Preußischen Finanzministeriums vom 27. März 1934. Alle in die Beschlagnahmungsaktionen involvierten Stellen wie Bürgermeister-, Landrats- oder Polizeiämter mussten Listen der beschlagnahmten Bücher anfertigen und diese an die Staatsbibliothek nach Berlin schicken. Nachdem diese die für sie relevanten Titel ausgewählt hatte, wurden die Listen an andere wissenschaftliche Bibliotheken – nicht nur in Preußen – weitergereicht. 

  • Eine Aufzählung der begünstigten Bibliotheken ist zu finden in: Briel, Cornelia: Die Preußische Staatsbibliothek und die Reichstauschstelle als Verteilerinstitutionen beschlagnahmter Literatur. Strukturen. Hypothesen. Beispiele. In: Dehnel, Regine (Hg.): NS-Raubgut in Bibliotheken. Drittes Hannoversches Symposium. Frankfurt a. M. 2008, S. 29–43, hier S. 35. 

  • Landesarchiv Speyer, H 38, Bezirksamt Kusel, Nr. 1413: Vermögen aufgelöster staatsfeindlicher Vereine, Schreiben vom 20. 7. 1937. 

  • Landesarchiv Speyer, H 38, Bezirksamt Kusel, Nr. 1413: Vermögen aufgelöster staatsfeindlicher Vereine, Schreiben vom 3. 8. 1937. 

  • Ebd. 

  • Mit Bussen wurden die Menschen aus der Pfalz, nachdem sie zwei Stunden zuvor über ihre Ausweisung mit unbekanntem Ziel informiert worden waren, zu Sammelstellen nach Ludwigshafen, Kaiserslautern und Landau gebracht, von wo aus sie in Zügen nach Oloron-Sainte-Marie und dann in Lastwagen in das Lager Gurs am Rande der Pyrenäen weiterfuhren. In dem 1939 für Flüchtlinge des Spanischen Bürgerkrieges errichteten Lager, das nach der Kriegserklärung Frankreichs schnell zum Internierungslager für die im Land lebenden deutschen Ausländer, nicht selten geflüchtete Juden, umfunktioniert worden war, erwartete die Ankömmlinge eine regelrechte Schlammhölle. Es hatte zuvor tagelang geregnet, die Lehmwege waren nicht befestigt. Kälte, Unterernährung, katastrophale hygienische Zustände und daraus resultierende Krankheiten führten dazu, dass viele von ihnen bald starben. Für die Überlebenden war Gurs nur eine Zwischenstation auf dem Weg in die Vernichtungslager. Im August 1942 wurden die in Gurs und anderen Lagern Südfrankreichs inhaftierten Juden, darunter mehr als 350 Pfälzer, über Drancy nach Auschwitz und Lublin-Majdanek deportiert. Vgl. z. B. Debus, Karl Heinz: Verfolgung und Auslöschung. Geschichte der Juden in Speyer von Hitlers Machtergreifung 1933 bis zur Deportation nach Gurs 1940 und bis zur „Endlösung 1942“. In: Historischer Verein der Pfalz, Bezirksgruppe Speyer (Hg.): Die Juden von Speyer. 3. Aufl. Speyer 2004, S. 235–280; Paul, Roland: Die nach Gurs deportierten pfälzischen Juden. Eine Dokumentation. Kaiserslautern 2011; Teschner, Gerhard J.: Die Deportation der badischen und saarpfälzischen Juden am 22. Oktober 1940. Frankfurt a. M. 2002. 

  • Nach Gurs wurden aus Speyer deportiert: die Familien Adler, Böttigheimer, Elkan, Grünberg, Haber, Herz, Katz, Kling, Mayer, Mühlhauser, Reichenberg und Schiff sowie Lina Altschüler, Frieda Beissinger, Helene Hildesheimer, Lina Metzger, Lina Rosenthal, Lazarus Scharff, Klara Seligmann, Sofie Siegel und Eduard Weil. 

  • Siehe hierzu das Kapitel zu Moses Seligmann in: Bruno, Johannes: Schicksale Speyerer Juden 1800 bis 1980. Speyer 2000, S. 183–188. 

  • Frieda Beissingers Tochter Else war zuvor nach Palästina emigriert und nahm sich 1954 bei einem Deutschlandbesuch das Leben. 

  • PLB Speyer, Akzessionsjournal Geschenke 1944–1949, Nr. 30, 5. Juni 1944. 

  • http://www.lexikon-der-wehrmacht.de/wbb2/thread.php?postid=164488. [Zugriff: 14. April 2013]. 

  • Briefeinlage in: Jeanjean, Anton: Heilige Reden. Straßburg 1771. Signatur PLB: G 44.622/1. 

  • Ebd. 

  • Hier soll v. a. auf die Dokumentation von Roland Paul verwiesen werden (vgl. Anm. 18). 

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Nicole Bartels

Nicole Bartels

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Tel.: 06232/9006-223

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Published Online: 2013-06-14

Published in Print: 2013-06-26


Citation Information: Bibliotheksdienst, Volume 47, Issue 6, Pages 426–439, ISSN (Online) 2194-9646, ISSN (Print) 0006-1972, DOI: https://doi.org/10.1515/bd-2013-0041.

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