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Bibliotheksdienst

Editor-in-Chief: Gerlach, Annette / Koelges, Barbara

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2194-9646
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Volume 47, Issue 8-9 (Sep 2013)

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Thüringen

Thomas Mutschler
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Published Online: 2013-09-06 | DOI: https://doi.org/10.1515/bd-2013-0078

Auch wenn sich das Aufgabenspektrum einer innovativen Landesbibliothek längst nicht mehr im Empfang so genannter Pflichtexemplare erschöpft, gehört deren Sammlung nach wie vor zu ihren zentralen Aufgaben – gerade auch im digitalen Zeitalter. Die zuständigen Landesbibliotheken sammeln die Publikationen eines Bundeslandes oder einer Region, erschließen sie, machen sie zugänglich und bewahren sie als Teil der kulturellen Überlieferung. Bezogen auf Netzpublikationen ist ein solcher Auftrag im Kontext des digitalen Bestandsaufbaus zu sehen und stellt allein schon deswegen eine besondere Herausforderung dar. Bedenkt man, welche Kosten schon für die fachgerechte Aufbewahrung konventionellen Bibliotheksguts (Druckschriften, Mikrofilme, Filme etc.) entstehen, lässt sich leicht ermessen, wie gewaltig dies für digitale Formate ist.

1 ThULB Jena – die zentrale Pflichtexemplarbibliothek für Thüringen

Hervorgegangen aus der Bibliothek des sächsischen Kurfürsten Friedrichs des Weisen (1463–1525) und seiner Nachfolger blickt die Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena (ThULB) auf eine jahrhundertelange Tradition zurück – seit dem ausgehenden 16. Jahrhundert auch als Pflichtexemplarbibliothek für den gesamten Thüringer Raum. Heute ist die ThULB neben ihrer Funktion als Hochschulbibliothek die zentrale Landesbibliothek für den Freistaat Thüringen, wissenschaftliches Bestandszentrum und verantwortlich für die Landesbibliographie. Im gesetzlichen Auftrag sammelt sie alle Veröffentlichungen aus Thüringen, erschließt diese und macht sie öffentlich zugänglich. Im Rahmen der Digitalisierung arbeitet sie mit einer Vielzahl von Bibliotheken, Archiven und Museen zusammen.

Gesetzliche Grundlage für den heutigen Sammelauftrag ist das Thüringer Pressegesetz von 1991 (i. d. F. vom 16. Juli 2008). Es verpflichtet Verleger in Thüringen zur unentgeltlichen Abgabe ihrer Druckwerke an die ThULB. 2008 wurde das Gesetz um die Abgabepflicht für digitale Publikationen erweitert; per Rechtsverordnung ist die Ablieferungspflicht geregelt, deren Umfang sowie mögliche Einschränkungen später konkretisiert worden sind (Verordnung über die Ablieferung digitaler Publikationen an die Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek vom 8. Februar 2011). Einen Anspruch auf Aufnahme digitaler Publikationen in den Bestand der ThULB sehen die gesetzlichen Regelungen nicht vor.

2 Netzpublikationen: Herausforderung und Chance

Weshalb ist der Aufbau digitaler Bestände zugleich als Herausforderung und Chance zu begreifen? In unkörperlicher Form publizierte Materialien verhalten sich grundlegend anders als traditionelles Bibliotheksgut: Inhalte (auch Speicherorte) können sich ändern oder gänzlich verschwinden. Sie können publiziert werden, ohne einen editorischen Prozess im traditionellen Sinne zu durchlaufen. Hinzu kommt die schiere Menge an Veröffentlichungen im Verhältnis zu den technischen und personellen Ressourcen in den Bibliotheken sowie die Klärung der Frage, was denn eine digitale Publikation im World Wide Web eigentlich ist. Ganz zu schweigen von den komplexen urheberrechtlichen Implikationen, die sich durch die Volatilität digitaler Publikationen ergeben. Zudem darf als offene Frage gelten, wie sich das historisch gewachsene Zusammenspiel zwischen dem regionalen und dem nationalen Pflichtexemplar im digitalen Zeitalter konkret gestalten wird. Die technischen und ökonomischen Herausforderungen kann man allenfalls erahnen.

3 Bestandsaufbau

Der Bestandsaufbau bedurfte zunächst eines Sammelprofils, welches auf der Webseite der ThULB1 einsehbar ist und entsprechend dem Medienwandel stetig weiterentwickelt wird. In Thüringen zwang die Masse an verfügbaren digitalen Materialien von Beginn an zu einem pragmatischen Vorgehen und zur Selektion. Elektronische Pflichtexemplare lassen sich in Thüringen in zwei Gruppen aufteilen: nichtamtliche Publikationen sowie Amtsschrifttum (des Landes, der Landkreise, der Gemeinden oder Verbände). Gesammelt werden digitale Medien sowohl in körperlicher (CD-ROMs, DVDs etc.) als auch in unkörperlicher Form (Netzpublikationen). Von der Sammlung ausgeschlossen sind Beiträge, welche ausschließlich der Kommunikation, Diskussion, rein privaten Zwecken und kommerzieller Werbung dienen oder Informationen ohne inhaltliche Nachhaltigkeit enthalten. Die konkrete Auswahl erfolgt durch die ThULB.

Seit der Gesetzesnovellierung verzeichnet der Bestandaufbau an elektronischen Pflichtexemplaren einen signifikanten Anstieg (Zuwachs 2011: rd. 2.800 Druckschriften und rd. 1.000 elektronische Publikationen). Dabei bot die zentrale Webseite des Freistaates2 Orientierung. Von dort verlinkte Webseiten zu Behörden, wissenschaftlichen Einrichtungen, Vereinen, Religionsgemeinschaften, Stiftungen, Unternehmen etc. sind per se als relevant anzusehen. Berücksichtigt sind sowohl in selbstständiger Form vorliegende Publikationen (E-Books, E-Prints, audiovisuelle Medien, multimediale Inhalte) als auch periodisch erscheinende Veröffentlichungen (E-Zeitschriften, Amtsblätter, perspektivisch auch Webseiten), jeweils mit einem großen Anteil an Grauer Literatur. Kommerzielle Online-Publikationen (Verlagsexemplare) stehen aufgrund der eher überschaubaren Verlagslandschaft in Thüringen bislang nicht im Fokus. Zu klären sind hier zum einen die technischen Aspekte des Rechtemanagements bezüglich der Präsentation subskriptionspflichtiger Inhalte vor Ort, zum anderen das Verfahren der Ablieferung, hier vor allem mit Blick auf die doppelte Gesetzgebung auf Bundes- und Landesebene (welche Bibliothek ist empfangsberechtigt?). Weiterhin ist der lizenzrechtliche bzw. urheberrechtliche Rahmen im Blick zu behalten und in den Geschäftsgängen zu berücksichtigen, da sich die Ablieferung als solche durch Vervielfältigung vollzieht und einer vertraglichen Grundlage bedarf. Bezüglich der E-Paper-Ausgaben Thüringer Zeitungen besteht die Hoffnung auf eine Nutzung in Kooperation mit der Deutschen Nationalbibliothek (regionales Fenster?).

4 Geschäftsgang

Der Geschäftsgang für den Bestandsaufbau besteht aus dem Sichten und Einsammeln der Objekte, der Qualitätsprüfung, dem Erschließen, der Zugänglichmachung sowie der Langzeitarchivierung.

Abb. 1: Geschäftsgang für elektronische Pflichtexemplare.

5 Bereitstellung und Präsentation

Die Präsentation der elektronischen Pflichtexemplare erfolgt im Kontext von UrMEL (Universal Multimedia Electronic Library) mit MyCoRe als technischer Basis. Titelinformationen zu sämtlichen Materialien sind sowohl über den OPAC der ThULB als auch im Rahmen der entsprechenden UrMEL-Module verfügbar und jeweils miteinander vernetzt. Die digitalen Materialien sind damit direkt in den Repositorien recherchierbar, wo sie auch im Volltext indexierbar sind, und darüber hinaus in die übergreifenden Recherche- und Informationssysteme integriert (GVK, ZDB, EZB etc.). Selbstständig erscheinende Materialien sind über die Digitale Bibliothek Thüringen3 zugänglich, welche über eine DINI-Zertifizierung und eine OAI- Schnittstelle verfügt, periodisch erscheinende Materialien über das Zeitschriftenportal der ThULB4 (Journals@UrMEL). Letzteres ermöglicht eine Erschließung bis auf Artikelebene; für Amtsblätter steht ein separater Einstieg zur Verfügung. Die Möglichkeiten einer weitergehenden Einbindung der Materialien in Discovery Tools (z. B. digitales thüringen5 ) sind zu diskutieren.

6 Ausblick

Wichtigstes Ziel im Bereich des Bestandsaufbaus ist es derzeit, digitale Exemplare Thüringer Verlage zu integrieren. Inwieweit dieses Ziel erreichbar sein wird, hängt entscheidend davon ab, inwiefern ein Rechtemanagement für den Zugriff auf die digitalen Exemplare implementiert werden kann bzw. ob die entsprechenden technischen Formate (ePUB, mobi) unterstützt werden. Die Bewältigung weiterer anstehender Aufgaben kann in Anbetracht der technischen und betriebsökonomischen Aspekte vornehmlich im Rahmen von Kooperationen erreicht werden. Die ThULB hat dazu folgende Aktivitäten initiiert:

  • die Erprobung von Harvesting-Techniken für die Sammlung landesspezifischer Webseiten, gemeinsam mit dem Thüringischen Hauptstaatsarchiv Weimar,

  • die Weiterentwicklung des Produkts „Elektronischer Lesesaal“ für die urheberrechtskonforme Präsentation digitaler Verlagsexemplare mit entsprechendem Rechtemanagement, gemeinsam mit der Firma Image Ware,

  • die Nutzung von E-Paper-Ausgaben der DNB als regionale Fensterlösung, im Rahmen der UAG Pflichtexemplar.

In diesem Rahmen wird die ThULB die ihr zugewiesenen Aufgaben verantwortungsbewusst bewältigen.

About the article

Thomas Mutschler

Dr. Thomas Mutschler

Leiter der Abteilung Medienerwerbung und -erschließung

und Fachreferent an der

Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena (ThULB)

Bibliotheksplatz 2

07743 Jena


Published Online: 2013-09-06

Published in Print: 2013-09-03



Citation Information: Bibliotheksdienst, ISSN (Online) 2194-9646, ISSN (Print) 0006-1972, DOI: https://doi.org/10.1515/bd-2013-0078. Export Citation

© 2013 by Walter de Gruyter Berlin Boston. This work is licensed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivatives 3.0 License. (CC BY-NC-ND 3.0)

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