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Bibliotheksdienst

Editor-in-Chief: Michalke, Karin / Ihrig, Hartmuth

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ISSN
0006-1972
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Volume 47, Issue 2

Issues

Zwischen Innovation, User Involvement und digitaler Ausrichtung

Die Hauptbibliothek von Aarhus auf dem Weg zum Urban Mediaspace

Manuel Seitenbecher
Published Online: 2013-02-14 | DOI: https://doi.org/10.1515/bd-2013-0011

Zusammenfassung:

Am Jahresende 2014 bezieht die Hauptbibliothek Aarhus ihr neues Domizil im Urban Mediaspace. Der Weg dorthin ist geprägt von innovativen Projekten und dem Ausbau der Öffentlichen Bibliothek zur interaktiven Erlebnisstätte, von User Involvement und der verstärkten Fokussierung auf digitale Angebote. Manuel Seitenbecher konnte diesen Prozess vier Wochen lang begleiten. Der Bericht gibt einen Überblick über die vorbildliche Arbeit des Teams der Hauptbibliothek Aarhus sowie über aktuelle Entwicklungen im dänischen Bibliothekswesen.

Abstract:

At the end of 2014, the main library of Aarhus moves into the new home in the Urban Mediaspace. The path to Urban Mediaspace is characterized by innovative projects and the expansion of the public library as a interactive event venue, by user involvement and the increasing focus on digital services. Manuel Seitenbecher was attending this process for four weeks. The report provides an overview of the exemplary work of the team in the main library of Aarhus and recent developments in the Danish library system.

Schlüsselwörter:: Urban Mediaspace Aarhus; Nutzereinbeziehung; digitale Angebote

Keywords:: Urban Mediaspace Aarhus; user involvement; digital offerings

1 Einleitung

Aarhus – die gut 300 000 Einwohner fassende Stadt wirbt gern selbst damit, die „kleinste Großstadt der Welt“ zu sein. Und tatsächlich kann Dänemarks zweitgrößte Stadt diesen Ruf sowohl kulturell wie bibliothekspolitisch problemlos gerecht werden. Gerade erst wurde Aarhus zu Europas Kulturhauptstadt 2017 ernannt – und noch zum Jahresende 2014 wird die Hauptbibliothek wie geplant ihr neues Domizil im Rahmen des Urban Mediaspace-Projekts beziehen.1 Die Öffentliche Bibliothek wird den Kern des 26 500 m² umfassenden ambitionierten Neubauprojekts ausmachen, flankiert von Flächen für Partnereinrichtungen, einer Neustrukturierung der Infrastruktur und des gesamten Hafengebiets als Erholungsgebiet sowie Europas größter automatischen Tiefgarage mit bis zu 1 000 Stellplätzen – um nur einiges zu nennen. So wird mit dem Neubau gleichzeitig ein ganzes Stadtviertel neu gestaltet und aufgewertet – der Hafen soll künftig zum Zentrum des öffentlichen Lebens aufsteigen, der Urban Mediaspace und damit die Hauptbibliothek nehmen dabei die Hauptrolle ein. Die Bedeutung, die dem Bibliothekswesen in Dänemark zugemessen wird, lässt sich bereits hier erkennen.

Abb. 1 und 2: Die Bibliothek in Aarhus heute und morgen (© urbanmediaspace.dk)

Im Rahmen meines Referendariats an der Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) und dank der Förderung von BI-International hatte ich vom 5.–30. November 2012 Gelegenheit, die Arbeit des Bibliotheksteams der Hauptbibliothek Aarhus kennenzulernen. Die Wahl fiel nicht nur auf Grund des vielgepriesenen dänischen Bibliothekswesens auf Aarhus, sondern auch vor dem Hintergrund der Parallelen zwischen Berlin und Aarhus: Wie Aarhus soll die ZLB einen Neubau erhalten, und wie in Aarhus wird dieser Neubau in Berlin mit dem ehemaligen Areal des Tempelhofer Flughafens ein ganzes Stadtteilgebiet wesentlich neu gestalten. Das Team der Hauptbibliothek Aarhus steht für Innovationen, und so hatte ich gleichzeitig die Gelegenheit, den Prozess der Entwicklung neuer Services für die Zeit nach dem Umzug kennenzulernen. Eine besondere Rolle spielten dabei die Nutzereinbindung und die Präsentation digitaler Medien im physischen Raum.

2 Arbeit im Zeichen von Innovation und neuem Haus

Die tägliche Arbeit der Bibliotheksmitarbeiter steht naturgemäß ganz im Zeichen des bevorstehenden Umzugs; augenscheinlich bereits in dem Fakt, dass die Aarhuser Bibliothek sowohl Ausrichter sowohl der mittlerweile etablierten Next Library Conference – für 2013 werden mehr als 400 Gäste von allen Kontinenten erwartet – als auch der ebenfalls internationalen Masterclass of Library Building ist.2 Kurz vor meiner Ankunft hatte eine Jury den Namen des neuen Gebäudes ausgewählt – Dokk1 (bzw. im Dänischen ausgesprochen als dokken → der Hafen), ein Name, der sowohl im Englischen wie im Dänischen den Bezug zum Ort des Gebäudes symbolisiert und bewusst in beiden Sprachen funktioniert. Der Auswahl vorangegangen war eine zweistufige Abstimmung aller Bürger von Aarhus über die aus ihren Reihen hervorgegangenen Namensvorschläge – von über 1 250 Vorschlägen waren so noch sieben übriggeblieben.

Sämtliche Mitarbeiter der Bibliothek sind nicht nur in die Entwicklung neuer Services eingebunden, sondern zu diesen gar verpflichtet – mindestens zehn Prozent ihrer Arbeitszeit dürfen und müssen sie Innovationen widmen. Die Umsetzung der Ideen erfolgt dabei im Team, in dem immer auch Mitarbeiter aus der Bibliotheksleitung mit eingebunden sind – die Projektleitung obliegt ihnen jedoch nicht zwingend. Im Ergebnis hat man ein enorm transparentes Arbeiten, das die Potentiale sämtlicher Mitarbeiter und deren Kreativität nutzt – zugleich eine gemeinsame Identifikation mit der Bibliothek und ein beeindruckend funktionierendes Teamverständnis. Eine besondere Rolle kommt dabei dem Team des „Biblioteksudvikling“ zu, dem ich zugeteilt war und das seine gesamte Arbeitszeit in Innovationen und Ideen steckt und für die übergreifende Koordination der Projekte und Workshops zuständig ist.

In der Praxis werden die Ideen zuerst bei einem gemeinsamen Workshop oder Brainstorming gesammelt, bevor diese auf einfachste Weise umgesetzt und noch im frühen Stadium mit den Bibliotheksbesuchern ausprobiert werden. Nach diesem Feedback werden in einem nächsten Workshop die Ergebnisse besprochen, ein fortgeschrittenes Modell umgesetzt und erneut auf Tauglichkeit an und mit den Nutzern ausprobiert – diese Schleife wiederholt sich, bis eine Entscheidung zur Produktion oder Einstellung des Projekts getroffen wird. Derart wurde beispielsweise ein elektronisches Leitsystem im frühen Stadium mit Dutzenden Papierausdrucken am und mit dem Nutzer getestet: Der Besucher erzählte, wohin er als nächstes möchte bzw. was er sucht, ein Bibliotheksmitarbeiter zog den entsprechenden Ausdruck hervor – so erfuhr man in einem frühzeitig, was unverständlich blieb und welche Dinge übersehen wurden, bevor es letztlich zur eigentlichen technischen Umsetzung kam. Die erwähnte Einstellung von Projekten trifft durchaus auf mehrere, insbesondere kleinere Projekte zu und ist auch beabsichtigt, kann man doch so gleichzeitig auch etwas über den Bedarf der Nutzer erfahren und die Bibliothek zur Erlebnisstätte mit wechselnden Attraktionen machen.

3 Die Bibliothek als Erlebnis- und Experimentierstätte

Diese Erlebnisstätte wird im Großen wie im Kleinen präsentiert: Im Eingangsbereich der „alten“ Bibliothek ist ein sogenanntes Transformation Lab eingerichtet, in dem mit Hilfe etlicher technischer Gadgets neue (und teils auch ältere) Services getestet und präsentiert werden. Während meiner Zeit waren beispielsweise Präsentationsflächen zu den Themen Kunst und Gaming eingerichtet. Diese Flächen sind meistens auch mit unkonventionellen Dingen versehen – derart kann der Bibliotheksbesuch auch zum Happening werden. Ein Beispiel von kurzweiligen und schnell umgesetzten Installationen ist die „Film-Lampe“: In einer Stehlampe eines großen schwedischen Möbelhauses wurde das Innenleben durch einen Projektor, einen kleinen PC und Lautsprechern ersetzt. Die Lampe strahlte fortan Filme des dänischen Online-Filmangebots „filmstriben.dk“ auf den Boden, welche man dank der transportablen Lampe an vielen Plätzen in der Bibliothek genießen konnte – beispielsweise gemütlich in der Lounge. Zweifellos nur ein schönes Gimmick zur Bewerbung des Online-Angebots – aber eins, was durchaus auch ergänzend bei Veranstaltungen und Lesungen eingesetzt werden könnte und versinnbildlicht, wie mit vorhandenen Mitteln Aufmerksamkeit und Faszination erzeugt werden kann. Die Möglichkeit, Musik und Videos aus dem Internet über die Lampe abzuspielen, sorgte für ein weiteres Erlebnis.

Die Öffentliche Bibliothek als Erlebnisort bedeutet auch, dass das Verständnis der Bibliothek als genereller Ruheort überholt ist. Natürlich gibt es auch in Aarhus Ruhe- und Studienzonen. Doch Musik wird in der Bibliothek ebenso zunehmend selbstverständlich wie Gaming und Videos. Gerade die immer besseren Möglichkeiten des richtungsbestimmten Sounds werden künftig neue Wege eröffnen – warum nicht bestimmte Bestände wie Interkulturelle Medien zwischen den Regalen mit entsprechender Musik oder Hinweisen untermalen? Die Zweigbibliothek Åby setzt bereits directional speakers in der Bibliothek zur Unterstützung von Ausstellungen und digitalen Angeboten ein – und verlockt so zusätzlich zum Ausprobieren der in dänischen Bibliotheken allgegenwärtigen Touchscreens und Konsolen. Ein Erlebnis kann auch eine der vielen Veranstaltungen sein, die während der Öffnungszeiten in der Bibliothek abgehalten werden und deren Zulauf durchaus dreistellige Zahlen annimmt. Wobei der Zulauf durch das Kommen und Gehen schwer zu messen ist, da der Reiz ja gerade darin liegt, dass auch Besucher an der Veranstaltung teilnehmen, die diese sonst nie wahrgenommen hätten. So könnte auch eine Veranstaltung vor der letzten Wahl in Aarhus eine schöne Anregung für deutsche Bibliotheken sein: Damals hatte man Politiker aller Parteien zum Speed-Dating in die Bibliothek eingeladen, bei dem die Bürger abwechselnd einige Minuten Zeit für ein persönliches Gespräch hatten, die Politiker zu allen möglichen Themen zu befragen.

4 User Involvement

Wie bereits erwähnt, ist die Nutzereinbindung in nahezu sämtliche Prozesse ein wesentliches Anliegen der Hauptbibliothek Aarhus – und ihre Umsetzungen und Arbeiten hierzu sind in Europa wohl ein einzigartiges Vorbild. Verschiedenste Modelle der Einbindung der Bevölkerung werden stetig getestet und umgesetzt – ob es nun Workshops im Sinne von World Cafés, Nutzerstudien des Modells Personas oder etliche weitere Anleitungen zum User Involvement sind.3 Stets steht der Bedarf des Nutzers im Mittelpunkt, seine Stimme ist ausschlaggebend, und seine frühestmögliche Einbindung in den Prozess der Bibliotheksgestaltung wie des Neubaus eine Selbstverständlichkeit. Zu meiner Zeit in Aarhus begannen gerade die ersten Planungen zur Einbeziehung der Hacker- bzw. Makerspace-Szene – jener auch in Deutschland weitverbreiteten Szene, die im technischen bis künstlerischen Bereich gemeinsam neuen Ideen nachjagt und diese für die Öffentlichkeit umsetzt. Die Hauptbibliothek Aarhus sucht die Kooperation und testet Möglichkeiten, der Makerspace-Szene Raum in der Bibliothek zu geben. Für die Bibliothek wäre dies ein enormer Gewinn: Die Verbindung mit der kreativen Szene, die Perfektion des Gedankens der User-Driven-Innovation – und dies auch noch äußerst kostengünstig. Der demokratische Gehalt der Bibliothek von und für die Bevölkerung wäre mit der Einbindung der Hacker- und Makerspace-Szene deutlich gesteigert, und in den USA ist dies in einigen Bibliotheken bereits üblich.4

Eine andere Form der Einbeziehung der Kreativität der Nutzer ist User Generated Content. Ein tolles Angebot stellt diesbezüglich die in Skandinavien verbreitete „Demotek“ dar. Die Bibliotheksbesucher haben die Möglichkeit, der Bibliothek selbsterstellte Medien für die Ausleihe an andere Nutzer zu übergeben, seien es nun Kunstwerke aller Art, CDs, Comics oder lyrische Texte – der Kreativität sind hier keine Grenze gesetzt. Aarhus hat die Demotek erst kürzlich mit einem Fokus auf Kunstwerke gestartet, die mit einem extra entworfenen Möbelstück zentral in der Bibliothek präsentiert werden; die Bibliothek hat gleichzeitig auch eine neue optische Attraktion gewonnen. Auch im Internet präsentiert man die Demotek mit einer eigenen Website und einer App: Bei letzterer wandert man durch eine virtuelle Galerie, in der man Informationen zu Werk und Autor erhalten kann.5

Abb. 3 und 4: Die Demotek in Aarhus: Die Kreativität der Bevölkerung nutzen

Für Bibliotheken bedeutet das Modell der Demotek in vielerlei Hinsicht einen enormen Gewinn: Man präsentiert sich up to date mit neuen künstlerischen Strömungen und dem Bedarf der Bevölkerung, verschafft sich so einen Kontakt zur subkulturellen Szene und jüngeren Nutzern, kann seinen Bestand mit einzigartigen Medien erweitern – und dies auch noch kostenlos. Eingebunden in die Demotek sind Workshops – beispielsweise zu Themen der Softwareprogrammierung oder des Comic-Zeichnens, durchgeführt von Experten aus der jeweiligen Szene – und Veranstaltungen: Sei es eine Art Vernissage zu den Kunstwerken oder ein Konzert mit den Künstlern, die ihre Musik-CDs in der Demotek anbieten. In Kopenhagen hatte ein solches Konzert einen Zulauf von mehr als 1 000 Besuchern. Für die Bibliotheken ist die Demotek mit wenig Risiko verbunden: Der Nutzer muss bei Abgabe eines Mediums eine Erklärung unterzeichnen, dass er sämtliche Rechte an den Inhalten des jeweiligen Werks besitzt und die alleinige Verantwortung bei Verstößen trägt. Außerdem hat die Bibliothek die Möglichkeit, einzelne Werke dem Nutzer nach einer gewissen Zeit wieder zurückzugeben, wenn sie nicht ausgeliehen werden oder der Platz dies notwendig macht. Angenommen wird so gut wie jedes Werk, Kunst liegt schließlich im Auge des Betrachters – lediglich der Rahmen der Strafgesetze muss natürlich eingehalten werden.

5 Digitale Angebote

Auch die digitale Ausrichtung der Bibliothek schien im bisher Geschilderten wiederholt durch. In der Bibliothek kann man die Angebote gar nicht übersehen. So gibt es beispielsweise einen Buchscanner: Hält man ein Buch vor diesen, wird über den RFID-Chip eine Verbindung zum Katalog hergestellt. Auf einem kleinen Bildschirm erscheinen Informationen zum Buch, zu weiteren Titeln des Autors und von anderen Nutzern entliehenen Büchern. Außerdem wird angezeigt, ob der Titel auch als E-Book oder in einem anderen Format verfügbar ist. Die Präsentation virtueller Bestände in der physischen Bibliothek findet in mehreren anderen Angeboten ihre Fortsetzung:

Abb. 5, 6 und 7: Arcade-Automat, virtuelles Bücherregal, Buchscanner: Präsentation digitaler Medien

So steht auf einem der Regale beispielsweise ein Touch-Screen, der Titel aus dem E-Book-Angebot eReolen darstellt – quasi ein virtueller Regalaufsatz, von dem man sich gleich auch eine Reservierung per E-Mail zuschicken lassen kann. Und die über die Seite „spilogmedier.dk“ als Download zur Ausleihe angeboten PC-Spiele werden mittels eines klassischen Arcade-Automaten beworben. Die digitalen Angebote der Bibliothek sind übrigens der Struktur des dänischen Bibliothekswesens zu verdanken und keineswegs eigene Angebote in Aarhus. Ob das Musikportal „bibzoom.dk“, die E-Book-Plattform „eReolen“, das Filmportal „filmstriben.dk“ oder das angesprochene Computerspieleangebot: Sämtlich sind es nationale Angebote, denen die einzelnen Bibliotheken beitreten können.

Geradezu paradiesisch erscheint auf den ersten Blick das E-Book-Angebot, jedenfalls aus Perspektive der deutschen Öffentlichen Bibliotheken. Im November 2011 ging „eReolen“ online, eine Plattform, bei der zunächst etwa 120 Verlage mit gut 4 000 aktuellen Titeln in dänischer Sprache teilnahmen: Nahezu sämtliche Titel aus dem Belletristik- und Unterhaltungsbereich wurden so abgedeckt und konnten von jedem Nutzer zu Hause heruntergeladen werden. Das Lizenzmodell von „eReolen“ sieht dabei einen unbegrenzten gleichzeitigen Zugriff auf die einzelnen Titel vor. Pro Download zahlt die Bibliothek des Nutzers ca. zwei Euro, die Ausleihmenge für jeden Nutzer ist auf einen Titel pro Monat beschränkt. Anfang November 2012 wurde der Vertrag über „eReolen“ nun verlängert – jedoch ohne die beiden größten dänischen Verlage „Gyldendal“ und „Lindhardt & Ringhof“. Hintergrund sind die gleichen Unstimmigkeiten zwischen Verlagen und Bibliotheken wie in Deutschland. Die Menge der Titel verringerte sich so auf nur noch etwa 1 600 Titel von etwas mehr als 100 Verlagen. Dennoch bleibt „eReolen“ im Vergleich zur deutschen Situation ein tolles Angebot, das gerade auch für kleinere Verlage durch die Titelvergütung sehr attraktiv ist – im Oktober 2012 lag die Downloadzahl bereits bei 87 000 Titeln. Und auch die beiden abtrünnigen Verlage könnten eventuell dieses Jahr zurückkehren, soll doch nun endlich eine zusätzliche Kaufoption neben dem Ausleihbutton integriert werden. Dieser Kaufbutton war bereits zu Beginn von eReolen vorgesehen, doch der notwendige Gesetzeserlass ließ bis in den Spätherbst 2012 auf sich warten.

Übrigens: Damit das Bibliothekspersonal für die neuen und künftigen Herausforderungen in der Medienwelt gewappnet ist, hat jeder Mitarbeiter während meines Aufenthaltes ein Tablet von der Leitung der Hauptbibliothek Aarhus gestellt bekommen ߪ

6 Dänische Wege im Bibliothekswesen

Die digitale Ausrichtung wie auch die Fokussierung auf Innovationsprozesse bewirkt eine Verschiebung in der alltäglichen Arbeit der Bibliothekare in Aarhus. So ist die Hauptbibliothek nur noch bei etwa zehn bis 15 Prozent der Medien in den Prozess der Auswahl, Erwerbung und Einarbeitung eingebunden – der Großteil dieser Arbeiten wurde an die Bibliothek Herning abgegeben, die diese als Dienstleister wahrnimmt. Mag dies für die Branch Libraries in Aarhus durchaus mit Standing-Order-Praktiken in Bezirks- oder Kommunalbibliotheken vergleichbar sein, so erstaunt die gleiche Vorgehensweise in der Hauptbibliothek zunächst. Einige der Bibliothekare in Aarhus sehen darin auch einen Verlust an Informationskompetenz dem Nutzer gegenüber, da sie nicht mehr den gleichen Überblick über die Literaturlandschaft wie zuvor besitzen würden. Doch letztlich war es eine notwendige Entscheidung zugunsten von Innovation und Modernisierung der Bibliothek. Denn auch die Hauptbibliothek ist von einem stetigen Stellenabbau betroffen, und auch finanziell ist die Bibliothek keineswegs besonders herausragend ausgestattet: Die letzte Erhöhung des Etats erfolgte Anfang der 1980er Jahre, seitdem stagniert der Etat bei gleichzeitig ansteigenden Kosten. Umso bemerkenswerter ist die Innovationsarbeit der Bibliothek – Geld ist hier eben nicht der alleinige Faktor.

Dieser tatsächliche Rückgang an Mitarbeitern und finanziellen Mitteln führte in Dänemark bereits vor einigen Jahren zur Einführung der Open Libraries: Bibliotheken sind auch außerhalb der mit Personal betreuten Öffnungszeiten nutzbar. Mittels seines Bibliotheksausweises und seiner Pin kann der Nutzer die Bibliothek quasi aufschließen und sämtliche „unbemannten“ Services in Anspruch nehmen. In Aarhus nehmen mittlerweile zwölf der 18 Branch Libraries daran teil und erweitern so ihre mit Personal betreuten Öffnungszeiten in unterschiedlichem Ausmaß in den Morgen- und Abendstunden sowie am Wochenende. Solange diese Praxis als zusätzlicher Service und nicht als Einstellung von Beratung durch Bibliothekspersonal geschieht, sollte man die Chancen in diesem Modell sehen: Es ist ein Beitrag zur Literaturversorgung und wird dem Bedarf des Nutzers gerecht, der gerade in kleineren Bibliotheken mit sonst nur geringen Öffnungszeiten die Bibliothek oftmals gar nicht nutzen könnte. Und auch der Bibliothek als Lernort wird so stärker Rechnung getragen, können sich doch sowohl Einzelpersonen als auch Gruppen zum Arbeiten in der Bibliothek einfinden oder auch nur schlicht das W-LAN-Netz der Bibliothek nutzen. Die Erfahrungen mit diesem Modell sind gut, auch Vandalismus blieb nahezu komplett aus: Lediglich eine der zwölf teilnehmenden Bibliotheken musste sich mit diesem Problem auseinandersetzen – hierzu trägt neben der Identifikation beim Eintritt in die Bibliothek zweifellos auch die Kameraüberwachung bei.

Um den sich verändernden Nutzungsverhalten und -bedarf Rechnung zu tragen, sollen in Aarhus künftig alle Branch Libraries zu Community Centern erweitert werden: Die Bibliothekare übernehmen typische Bürgerdienste wie die Ausstellung von Personalausweisen und Führerscheinen, in einigen Bibliotheken sind zudem Informations- und Serviceeinrichtungen des Gesundheitsamtes, der Jobvermittlung oder auch einer externen Rechtsberatung untergebracht. Ziel ist es unter anderem, dem insbesondere in Außenbezirken wohnenden Bürger lange Wege in die Stadt zu ersparen und ihm die Möglichkeit zu geben, Anträge und Beratung in seiner unmittelbaren Umgebung in Anspruch nehmen zu können. Hinzu kommt das von der Stadt Aarhus gesteckte Ziel, bis 2015 sämtliche Verwaltungsformalien mit dem Bürger einzig digital abzuleisten. Da man in Dänemark davon ausgeht, dass über 30 Prozent der Bevölkerung noch nicht ausreichend mit digitalen Diensten umgehen können, sollen hier die Bibliotheken ihrem Auftrag der Informationsvermittlung in einem neuen und besonderen Maß nachkommen. Für die Bibliotheken bedeutet dies die Chance, über die neuen Dienstleistungen auch neue Nutzer für die Bibliothek zu generieren und die Bibliothek noch stärker in der Gesellschaft zu verankern.6

In der Praxis ist die Chance jedoch noch nicht wirklich ergriffen, ja teils könnte diese Entwicklung auch eine Gefahr für die Bibliotheken darstellen. So kommen im Bezirk Åby zu Spitzenzeiten vor den Sommerferien allein mehr als 100 Besucher, um ihren Personalausweis zu verlängern. Die Besuchsstatistiken steigen dadurch immens – gleichzeitig gehen jedoch die Ausleihzahlen weiter zurück, und auch andere Bibliotheksangebote werden nicht stärker angenommen. Von einer verstärkten Nutzung der Bibliothek kann meiner Meinung nach daher nicht gesprochen werden, hier wird das Etikett Bibliothek auf ein anderes Produkt geklebt. Sinn ergibt die Verknüpfung von Bibliothek und Bürgerdiensten nur, wenn es gelingt, dadurch neue Nutzer für die Bibliotheksangebote zu gewinnen – und hier muss auch in Aarhus noch einiges an Arbeit investiert werden. Doch letztlich geht man in Dänemark von einem anderen Bibliotheksmodell aus, bei dem Medien – ob digital oder physisch – nicht mehr zwingend Teil einer Bibliothek sein müssen.

Bedenkliche Ausmaße hat dies meiner Meinung nach in Aarhus-Gellerup angenommen. In Deutschland wird die Branch Library gerne als Vorzeigemodell interkultureller Bibliotheksarbeit gepriesen – ob die Realität dies trägt, mag ich bezweifeln.7 Im Einzugsgebiet der Bibliothek bzw. des Community Centers haben zwischen 80 und 90 Prozent der Bevölkerung einen interkulturellen Hintergrund – und natürlich prägt dies die Arbeit der Bibliothek. Die Bibliothekarin Lone Hedelund leistet auch zweifellos eine hervorragende und beeindruckende Arbeit, die sich durch viel Herzblut auszeichnet. Doch letztlich besteht sie überwiegend aus den verschiedensten notwendigen Beratungs- und Hilfeleistungen für die Bewohner – Lone Hedelund und ihr Team sind eigentlich eher Sozialarbeiterinnen als Bibliothekarinnen. Die Medien in der Bibliothek sind nicht viel mehr als Dekoration, der Umschlag insbesondere des fremdsprachigen Bestands ist kaum messbar – in einer Woche wird meist nur eine einstellige Zahl an Büchern aus diesem Bestand entliehen. Letzteres liegt auch daran, dass dieser Bestand in der hintersten Ecke untergebracht ist – Medienvermittlung an eine Bibliotheksklientel, die mit Büchern und anderen Angeboten nicht vertraut ist, findet hier fast nicht statt. Die Bibliotheken müssen meiner Meinung nach aufpassen, dass sie sich derart nicht selbst überflüssig machen. Auch generell ist das Angebot fremdsprachiger Medien und deren Präsentation in Dänemark ausbaufähig.

Doch trotz dieser leichten Kritik an einigen Entwicklungen im dänischen System bleibt letztlich festzuhalten, dass das dänische Bibliothekssystem dem deutschen in vielerlei Hinsicht weit voraus ist – insbesondere was das Angebot und die Präsentation digitaler Medien, die Nutzereinbindung und die strategische Ausrichtung auf Innovationsprozesse betrifft. Die Hauptbibliothek Aarhus um ihren Direktor Knud Schulz und das Bibliotheksentwicklungsteam um Lotte Duwe Nielsen und Sidsel Bech-Petersen geht dabei voran – die deutschen Bibliotheken tun gut daran, diesen Weg aufzunehmen.

Footnotes

  • Siehe: http://www.aarhus2017.dk/english; http://www.urbanmediaspace.dk/en; Stand: 10. 12. 2012. Die Kosten des Projekts belaufen sich auf etwa 255 Mio. Euro, wovon allerdings fast 95 Mio. Euro für die Parkflächen und den Umbau der Hafenflächen reserviert sind. 

  • http://2011.nextlibrary.net/. Zur Masterclass: http://www.urbanmediaspace.dk/en/node/872; Stand: 10. 12. 2012. 

  • Etliche dieser Studien sind im Internet auf Englisch und Dänisch verfügbar. Beispielhaft sei hier auf „The Library's Voice“ verwiesen: http://www.aakb.dk/files/file_attachments/24._juni_2010_-_1004/the_librarys_voice_eng.pdf; auch auf YouTube finden sich Anleitungen, hier zu „Unleash the Users“: http://www.youtube.com/watch?v=9KsFrkxjtj8; Stand: 10. 12. 2012. 

  • Praxisbeispiele und Diskussionen können u. a. über die Webinar-Serie zum Thema Makerspace in Bibliotheken in den USA nachverfolgt werden: https://www.tsl.state.tx.us/ld/library developments/?p=12887; Stand: 10. 12. 2012. 

  • http://www.demotekaarhus.dk/; https://itunes.apple.com/de/app/demotekaarhus/id569158 211?mt=8&ign-mpt=uo%3D2; Stand: 10. 12. 2012. Die App ist Open Source und könnte von anderen Anwendern problemlos weiter verwendet werden. 

  • In Dänemark nutzen bereits jetzt etwa 40 Prozent der Bevölkerung aktiv die Öffentlichen Bibliothek – in Deutschland bewegt sich diese Zahl vielerorts bei etwa zehn Prozent. 

  • Siehe zu Gellerup u. a.: John Andersen/Martin Frandsen/Lone Hedelund, „ߪ mehr als ‚bloß Bücher‘ ߪ“ – die Bibliothek Gellerup. Vom ‚Buchcontainer‘ zum Community Centre: Ein Beispiel aus Dänemark, in: Rolf Busch/Petra Hauke (Hg.), Brücken für Babylon – Interkulturelle Bibliotheksarbeit, Berlin 2008, S. 149–162. 

About the article

Manuel Seitenbecher

Dr. Manuel Seitenbecher, Referendar

Zentral- und Landesbibliothek Berlin

Postfach 610179

10922 Berlin

Blog: www.manuel-seitenbecher.de

Manuel Seitenbecher, Dr. phil., geboren 1982, studierte Geschichte und Öffentliches Recht in Berlin und Bergen/Norwegen. Im September 2013 schließt er sein zweijähriges Referendariat an der ZLB ab.


Published Online: 2013-02-14

Published in Print: 2013-02-01


Citation Information: Bibliotheksdienst, Volume 47, Issue 2, Pages 85–96, ISSN (Online) 2194-9646, ISSN (Print) 0006-1972, DOI: https://doi.org/10.1515/bd-2013-0011.

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