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Bibliotheksdienst

Editor-in-Chief: Michalke, Karin / Ihrig, Hartmuth

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ISSN
2194-9646
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Volume 48, Issue 11

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Bibliothekar werden – noch immer eine gute Wahl?

Benjamin Merkler
Published Online: 2014-10-08 | DOI: https://doi.org/10.1515/bd-2014-0110

Zusammenfassung:

Ausgehend von der Frage, ob der Beruf des Bibliothekars eine Zukunft hat, soll gezeigt werden, dass es in den kommenden Jahren eine Menge spannender und interessanter Herausforderungen im Bibliothekswesen gibt, die diesen Beruf durchaus attraktiv machen. Neben bibliotheksinternen Perspektiven werden auch informationsgesellschaftliche Entwicklungslinien skizziert, die darstellen, dass die Bibliothek als feste Institution auch zukünftig wichtige Aufgaben wahrnehmen kann, insbesondere in einer digitalen Welt.

Abstract:

Starting with the question whether the profession of the librarian has a future, it shall be shown that there are a lot of exciting and interesting challenges in librarianship within the coming years, making this profession quite attractive. In addition to library internal perspectives there is an outline of developments within the information society that show that the library can perform important tasks in the future as a fixed institution, particularly in a digital world.

Schlüsselwörter: : Bibliothek; Zukunftsperspektive; Berufswahl

Keywords: : library; future prospect; choice of occupation

Wenn man sich mitten im Referendariat befindet und auf seinem ersten Bibliothekartag gleich von einem Journalisten eines deutschen Privatsenders interviewt wird zu der Frage, ob man hier sei, um den eigenen Beruf abzuschaffen, dann kommt man angesichts des immer lauter werdenden Abgesangs auf die Bibliothek ins Grübeln, wie denn die Zukunft der Bibliotheken – und somit auch die eigene berufliche Perspektive – aussieht. Ist Bibliothekar noch ein Beruf, den man heute mitten in der digitalen Welt guten Gewissens aufnehmen kann oder hieße eine Entscheidung dafür, auf einem sterbenden Pferd das Reiten zu erlernen?

Schon in meinem Vorstellungsgespräch wurde ich mit der Frage konfrontiert: „Wird es das Buch in 25 oder 50 Jahren noch geben?“ Die damals gegebene Antwort kann gleichsam als Ausgangspunkt für die in diesem Beitrag dargelegten Überlegungen gelten. Wurde doch der damals intuitive Anfangsverdacht durch die reichhaltigen Einblicke in das Bibliothekssystem in Deutschland noch verstärkt und differenzierter ausgestaltet. Die Replik vor einem Jahr war in etwa: „Ob es noch das gedruckte Buch oder aber nur rein elektronische Formen geben wird, ist heute noch nicht abzusehen. Jedoch werden die Idee und das Konzept Buch als in gewisser Weise institutionalisiertes Wissen weiterhin bestehen bleiben – ganz gleich in welcher physischen Ausprägung. Der Prozess, dass Informationen von bekannten und anerkannten Stellen editiert und hinsichtlich der Qualität überprüft werden, wird ebenso wichtig bleiben, wie eine diese Informationen ordnende und sammelnde Instanz.“

Die Frage nach dem Sinn und Zweck sowie dem Wohl und Wehe der Bibliothek gleicht der Frage, die sich wohl jeder Geisteswissenschaftler, insbesondere jeder Philosophiestudent, im Laufe seines Studiums unzählige Male gestellt hat, insbesondere weil man immer wieder mit ihr konfrontiert wird: „Wozu braucht man das Alles eigentlich?“ Auch wenn es meist keine direkt greifbare Antwort auf diese Metasinnfrage gibt, so lernt man doch schnell, dass sich diese oft bei der nächsten Lebenskrise von selbst beantwortet. Denn spätestens dann, wenn man sich vor außergewöhnliche Herausforderungen gestellt sieht, ist man froh, gewisse Techniken und Denkmodelle zur Hand zu haben, die einem als Leitfaden helfen, wieder den Boden unter den Füßen zu gewinnen und Halt zu finden. Die Nichtexistenz eines Beweises des Nutzens ist also kein Beweis für die Nichtexistenz eines Nutzens.

Für manche scheint die digitale Revolution noch Neuland zu sein, jedoch ist es mittlerweile auch ein Gemeinplatz zu sagen, dass eine Informationsflut auf uns zukommt, die alles bisher Dagewesene bei Weitem übersteigt. Seit Kurzem werden jährlich mittlerweile mehr Informationen um den Globus geschickt, als die Informationen der gesamten Menschheit zuvor zusammengenommen. Das meiste davon ist, wenn überhaupt, nur von kurzer qualitativer Relevanz, jedoch die Quantität steigt stetig. Angesichts dieser immer größer und schneller werdenden Informationslawine wird der Bibliothekar zum Bernhardiner.

Natürlich gibt es derzeit eine Vielzahl sich etablierender Bestrebungen von verschiedensten Seiten, seien es Politik, Privatwirtschaft oder gesellschaftliche Projekte, diese Flut an Informationen in den Griff zu bekommen, jedoch ist es gerade das über Jahrhunderte entwickelte Bibliothekssystem, was sich wohl am besten dazu eignet, solche Aufgaben zu übernehmen. Denn lediglich die Bibliotheken haben eine tradierte, neutrale Unvoreingenommenheit im Sammeln, Bewahren und Überliefern von Informationen. Der ideale Bibliothekar kümmert sich nicht nur darum, dass die ihn umgebenden Anforderungen befriedigt werden, sondern hat auch die noch kommende Nachfrage im Blick. Das Bibliothekswesen ist ein ausdifferenziertes Gefüge, welches alle Bildungsebenen, alle Teilbereiche menschlichen Schaffens und alle Institutionen miteinander verbindet – und zwar sowohl synchron als auch diachron. In diesem vierdimensionalen System hat sich eine „bibliothekarische Vektorrechnung“ entwickelt, die eine Orientierung im Raum erst möglich macht und diesen adäquat zu beschreiben in der Lage ist.

Die Herausforderung der nächsten Jahre und Jahrzehnte wird es sein, dieses feingliedrige System weiter auszubauen, so dass es auch mit den oben erwähnten Massen fertig wird. Die Bibliothek ist also nicht so sehr das Gehirn – auch wenn sie teilweise „The Brain“ genannt wird –, sondern vielmehr ist das Bibliothekssystem der Blutkreislauf der Wissensgesellschaft. Nicht nur werden die für den Fortbestand des Ganzen essentiellen Nährstoffe durch ihn aufgenommen, sondern auch zu den richtigen Stellen transportiert. Auch beschränkt sich dies nicht nur auf die Versorgung mit Sauerstoff, sondern auf sämtliche Nährstoffe, deren der Körper bedarf. Im übertragenen Sinne bedeutet dies, dass es irrelevant ist, in welcher Form die zu verwaltenden Informationen daherkommen, das Bibliothekssystem muss in der Lage sein, jedwede Art von Daten zu verarbeiten: Open Access, Forschungsdatenmanagement und das Vermitteln von Informationskompetenz sind hierbei nur der Anfang – das Spektrum der erwarteten und gebotenen Dienstleistungen wird sich in den nächsten Jahren noch um einiges erweitern.

Deshalb ist nun jegliche „Der-Letzte-macht-das-Licht-aus“-Mentalität fehl am Platze. Vielmehr bedarf es sowohl der Beständigkeit und Tradition der Bibliotheken als auch einer gehörigen Portion an Kreativität, um die bevorstehenden Aufgaben zu bewältigen. Gegebenenfalls müssen ganz neue Wege beschritten und es sollten auch experimentelle Ansätze verfolgt werden. Hierbei darf keine falsche Scheu aufkommen, denn die Bibliotheken gehören immerhin zum größten Teil zum öffentlichen Sektor. Dieser kann sich als Einziger Fehlinvestitionen leisten und Projekte in Angriff nehmen, deren Rentabilität in Frage steht und die deswegen von der immer auf den direkten Profit schielenden Privatwirtschaft nicht aufgegriffen werden. In der Menschheitsgeschichte finden sich unzählige Beispiele dafür, dass große Ideen verloren gegangen wären, da man ihre Überlieferungen nicht für sinnvoll erachtete, wenn es nicht die Bibliotheken gegeben hätte, die diese bewahrt und somit gerettet haben.

Doch gerade hinsichtlich dieses Grundgedankens der diachronen Weitergabe von Wissen, kommt man an eine weitere Hürde, die es in den nächsten Jahren zu nehmen gilt. Denn neben den genuin in der digitalen Welt entstehenden Aufgaben wird schon die Sicherung des heutigen Kulturgutes zu einer Herkulesaufgabe. Alleine das jetzt noch zur Verfügung stehende Schrifttum für nachfolgende Generationen zu erhalten, wird aufgrund der Masse eine gewaltige Aufgabe darstellen. Zumal gerade hinsichtlich der Langzeitarchivierung die aktuell verfolgten Ansätze insofern fraglich sind, als dass niemand mit Sicherheit sagen kann, ob es tragfähige Lösungen sein werden.

Der Stein von Rosette oder erste Papyri werden noch ein paar Jahrhunderte mehr überleben, jedoch hinsichtlich der stetig kleiner werdenden Halbwertszeit von Informationsträgern sieht die Sache schon anders aus. Noch ist säurehaltiges Papier lesbar und noch lassen sich die ersten CDs und DVDs abspielen, allerdings nagt an diesen bereits der Zahn der Zeit und es zeichnet sich ab, dass nicht mehr allzu viel Zeit verbleiben wird – ganz zu schweigen von älteren Dateiformaten, die schon aufgrund der geplanten Obsoleszenz der kapitalistisch geprägten Technologieentwicklung gefährdet sind. Daher muss in den nächsten Jahren extrem geklotzt statt gekleckert werden, wenn wir, die wir heute leben, nicht die Letzten sein wollen, denen diese Quellen zur Verfügung stehen. Ob heutige Digitalisate via PDF-Format auch noch in 50 Jahren nutzbar sein werden, steht noch in den Sternen. Jedoch ist eins klar: Das exponentielle Wachstum der zu sichernden Informationen verbietet jedweden Lösungsansatz, der nur mittelfristig gedacht ist und eine Komplettsicherung der Kultur je Generation á la Sisyphos wird alleine qua Menge nicht zu meistern sein, denn der Stein wird im Gegensatz zum klassischen Vorbild immer größer werden. Diesbezüglich kann man nur hoffen, dass eine Bewältigung dieser Herausforderung gelingt, wenn es nicht dereinst heißen soll, dass die Menschheit zur Jahrtausendwende den Zenit des verfügbaren Wissens erreicht hatte, da man unfähig war, den Status quo zu halten und immer mehr Information verloren ging. Die Bibliothek ist eine Arche – was nicht an Bord ist, wird zwangsläufig weggeschwemmt werden.

Hinzu kommt, dass gerade auch innerhalb der Bibliothekswelt eine enorme Plattentektonik herrscht. Man hat das Gefühl, dass erdbebengleich an allen Ecken und Enden weitreichende Veränderungen vonstattengehen: Umstellung von RAK auf RDA, von SSG auf FID, von Verbünden auf die Cloud, von Print auf E-Book – es scheint keinen festen Punkt mehr im Gesamtgefüge zu geben, der sich nicht gerade im Umbruch befindet. Die bisher erwähnten Aufgaben inmitten eines so bewegten Umfeldes zu stemmen, wird eines Höchstmaßes an zusätzlichen Kräften bedürfen.

Das Alles mag jetzt so klingen, als sei es nicht dazu geeignet, eine Berufswahl zum Bibliothekar zu empfehlen, da es wirkt, als sei das Scheitern schon vorprogrammiert. Allerdings kann man dies auch als Herausforderung begreifen – als einmalige Chance, die wenige Generationen vor uns hatten. Gerade die jetzt in den Beruf Startenden, bringen eine Menge an Rüstzeug mit, das sie schon durch ihr bisheriges Leben getragen hat. Denn diejenigen, die noch am Anfang ihres professionellen Lebens stehen – sei es, dass sie sich vor einigen Jahren schon für den Beruf des Bibliothekars entschieden haben, sei es, dass diese Entscheidung noch bevorsteht – gehören zu einer Generation der Wandler zwischen den Welten. Geboren in Analogistan sind sie alle nach Digitalien immigriert, sprechen beide Landessprachen und sind somit die idealen Übersetzer zwischen diesen beiden Sphären.

Es ist die Generation, die ihren Eltern erklärt hat, wie man ein Smartphone bedient und die ihren Kindern erklären wird, was ein Zettelkatalog ist. Noch die Schellackplatte kennend und schon die Googlebrille erwartend ist diese Brückengeneration mit allen Medientypen vertraut und ist so routiniert mit der Umstellung auf neue Technologien, dass sie keine Angst vor Veränderungen haben muss, denn diese gehörten zum einen immer schon zu ihrem Leben und wurden zum anderen immer schneller. Die ihr nachfolgende Generation wird vieles nicht mehr kennen, weshalb es umso wichtiger ist, dass diese Generation die Aufgabe des Vermittlers übernimmt.

Viele noch ausstehende Entwicklungen werden gerade für eher Konservative aussehen, als handele es sich um ein Revoluzzertum der jungen Wilden. Jedoch sollte es nicht als solches missverstanden werden, denn es wird vielmehr das Rüstzeug für die Zukunft sein. Natürlich wird nicht jeder über den nötigen Mut sowie die nötige Motivation oder Einsicht verfügen und so wird es eine weitere Aufgabe sein, alle Beteiligten mitzunehmen und eng in die Veränderungsprozesse einzubinden. Es bedarf beider: der weisen Ratgeber, die die grundlegende Expertise des alten Paradigmas weitergeben, als auch derjenigen, die sich waghalsig den sich verändernden Umständen stellen und neue Ansätze verfolgen. Vor allem aber bedarf es des Austausches zwischen diesen beiden Gruppen. Verkürzt ließe sich dies auf die Formel bringen: Am guten Alten mit Treue halten, um das Neue zu gestalten.

Dies gilt nicht nur nach innen, sondern auch nach außen. Die Zeiten, in denen etwa bei der Planung einer Universität noch vor allem anderen klar war, dass diese eine Bibliothek benötige, sind leider vorbei. Viel zu oft hört man heutzutage Stimmen, die die Notwendigkeit der Bibliothek in Frage stellen – denn es ist doch sowieso alles virtuell und digital verfügbar. Dann doch lieber mehr Online-Arbeitsplätze schaffen. Deshalb wird es auf einen langen Atem ankommen, denn der Gesellschaft das „Warum“‘ der Bibliothek nachhaltig klar zu machen, wird dem Weberschen „starken langsamen Bohren von harten Bretten mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich“ ähneln.

Der Wert einer Bibliothek lässt sich nun einmal nicht nur anhand von Ausleih- und Besucherzahlen bemessen. Dabei sei keineswegs der viel diskutierte Funktionswandel der Bibliotheken zu modernen Lernorten in Frage gestellt und es ist wünschenswert, dass die Bibliothek zur „Neo-Agora“, zum „Marktplatz der Ideen“ wird, jedoch ist dies nur ein Aspekt unter vielen. Daher ist es wohl nicht vermessen mit einem abgeänderten Zitat Heinrich Heines zu behaupten: „Wer Bibliotheken abschafft, schafft auch am Ende den Menschen ab.“ Wer lediglich auf die blanken Zahlen schaut, verkennt den ideellen Wert: Bibliotheken sind „Kathedralen der Kultur“ und es käme auch niemand auf die Idee, den Kölner Dom einzureißen, nur weil die Zahl der Kirchenaustritte steigt und die Nachfrage nach Religion abnimmt. Die Bibliothek ist und bleibt ein besonderer Ort: Durch sie, mit ihr und in ihr reichen sich die großen Geister der Jahrhunderte die Hand – von Plato bis Picard, von der Keilschrift bis zur Matrix findet hier alles seine Signatur.

Um den Bogen zu schließen und zur Eingangsfrage zurückzukehren: Es dürfte wenige Orte geben, die angenehmer zum Arbeiten sind, und wenige Berufsfelder, in denen interessantere Herausforderungen vor uns liegen. Somit kann man durchaus resümieren, dass man guten Gewissens Bibliothekar werden kann. Unter dem Staub der Bände wartet eine Vielzahl spannender Baustellen, auf denen man sich austoben und entfalten kann. Wen die Bibliothek ruft, der sollte sich schleunigst zu ihr aufmachen, damit sie noch lange rufen kann.

Benjamin Merkler:

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Published Online: 2014-10-08

Published in Print: 2014-10-31


Citation Information: Bibliotheksdienst, Volume 48, Issue 11, Pages 895–900, ISSN (Online) 2194-9646, ISSN (Print) 0006-1972, DOI: https://doi.org/10.1515/bd-2014-0110.

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