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Bibliotheksdienst

Editor-in-Chief: Michalke, Karin / Ihrig, Hartmuth

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ISSN
2194-9646
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Volume 48, Issue 3-4

Issues

Die Neuausrichtung überregionaler Verbundsysteme – die Zukunft der Bibliotheksinfrastruktur in der Cloud

Ein Beitrag von BSZ, GBV und hbz

The restructuring of the regional library networks – the future of library infrastructure in the cloud

A contribution from BSZ, GBV und hbz

Reiner Diedrichs
Volker Conradt
Silke Schomburg
Published Online: 2014-03-06 | DOI: https://doi.org/10.1515/bd-2014-0029

Zusammenfassung:

Im Rahmen der DFG-Ausschreibung zur Neuausrichtung überregionaler Verbundsysteme wurden im Themenfeld 1 „Bibliotheksdateninfrastruktur und Lokale Systeme“ der DFG zwei Anträge vorgestellt. Das Szenario CIB setzte auf den raschen Weg des Outsourcings zentraler technischer Bibliotheks-Infrastrukturen zu international operierenden Systemanbietern, das Szenario libOS auf die strukturelle Konsolidierung der deutschen Verbundlandschaft.

Nach der Entscheidung für das Szenario CIB fand am 11. Oktober 2013 in Bonn eine gemeinsame Sitzung der Arbeitsgruppe „Bibliothekarisches Verbundsystem“ der Kultusministerkonferenz (KMK) und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) zum aktuellen Stand und der weiteren Entwicklung statt. Hier wurde den Vertretern der jeweiligen Projektkonsortien Gelegenheit zur Darstellung ihrer Position hinsichtlich des CIB-Szenarios gegeben und Möglichkeiten der Kooperation erörtert. Dieser Beitrag erläutert die Position des libOS-Konsortiums von BSZ, GBV und hbz.

Abstract:

Within the framework of the project on the restructuring of national information services funded by the German Research Foundation (DFG) two proposals were submitted that regard the field of “Library data infrastructure and local library systems”. First, the CIB (Cloud-based Infrastructure for Library Data) proposal opts for a speedy solution, i.e. outsourcing all central and local library infrastructures to the platforms of internationally operating library system suppliers. Second, the scenario of the libOS consortium focuses on the structural consolidation of the German library network system.

After the decision for the scenario of the CIB consortium had been taken, a meeting of the “Library Network Group” of the KMK (Standing Conference of the Ministers of Education and Cultural Affairs of the Länder in the Federal Republic of Germany) and DFG was held in Bonn on 11th October 2013. Its aim was to discuss the actual state and further development. The representatives of the respective project consortia had the opportunity to present their positions as to the CIB scenario. Possibilities for cooperation were also discussed. This article explains the position adopted by the libOS, consortium consisting of BSZ, GBV and hbz.

Schlüsselwörter: : Neuausrichtung Verbundsysteme; Bibliotheksinfrastruktur; Cloud

Keywords: : restructuring of library networks; library infrastructure; cloud computing

1 Einleitung

Im Rahmen einer DFG-Ausschreibung zur Neuausrichtung überregionaler Verbundsysteme hatte die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) zum 15. Oktober 2012 Anträge erbeten. Zwei unterschiedliche technische Szenarien wurden in der Linie „Bibliotheksdateninfrastruktur und Lokale Systeme“ der DFG vorgestellt. Das Szenario „Cloudbasierte Infrastruktur für Bibliotheken (CIB)“ setzt auf den raschen, aber auch risikobehafteten Weg des Outsourcings zentraler technischer Bibliotheks-Infrastrukturen zu international operierenden Systemanbietern und deren in der Entwicklung begriffenen Produkte. Das Szenario „library Operating System (libOS)“ konzentrierte sich dagegen auf die strukturelle Konsolidierung der deutschen Verbundlandschaft, auf den Aufbau einheitlicher nationaler Plattformen (beispielsweise im Bereich der Katalogisierung) sowie auf die Einbindung innovativer Linked-Open-Data-Ansätze. Zugleich sollte durch eine offene Systemarchitektur mit entsprechenden Schnittstellen der künftige Einsatz kommerzieller Cloud-Systeme ermöglicht werden.

Die DFG hat sich im Rahmen der Begutachtung für das CIB-Szenario entschieden und den antragstellenden Einrichtungen Gelder zur Umsetzung bewilligt. Ohne eine vergleichbare finanzielle Unterstützung ist es den nicht geförderten Antragstellern nur bedingt möglich, sich in den nun anstehenden Gestaltungsprozess im nötigen Umfang einzubringen. Um diesem Problem zumindest ansatzweise zu begegnen, werden die nicht geförderten Verbünde ihre ohnehin bestehenden Kooperationen weiter ausbauen und die im Zusammenhang mit dem CIB-Projekt nötigen Abstimmungen und Koordinierungsarbeiten untereinander aufteilen. Zudem wird die Konzeptionierung einer weiteren DFG-Ausschreibungsrunde – aufsetzend auf den ersten Ergebnissen des CIB-Projekts – als wichtiges Desiderat gesehen.

Die Mehrheit der deutschen wissenschaftlichen Staats-, Landes- und Universitätsbibliotheken setzt – regional jedoch sehr unterschiedlich verteilt – Produkte der beiden dominierenden Anbieter OCLC und ExLibris ein. Vor diesem Hintergrund ist das Grundanliegen des CIB-Projekts, den anstehenden Technologiewandel im Produktangebot der beiden Firmen aktiv zu begleiten, unbedingt zu unterstützen. Es bleibt allerdings die Herausforderung, auch die anderen vorhandenen Systeme und Produkte in diesen Technologiewandel mit einzubeziehen. Realistisch betrachtet wird man in den kommenden Jahren mit einer Hybridsituation und mit der Betreuung paralleler Strukturen umgehen müssen.

2 Sitzung der Arbeitsgruppe „Bibliothekarisches Verbundsystem“

Am 11. Oktober 2013 fand in Bonn eine gemeinsame Sitzung der Arbeitsgruppe „Bibliothekarisches Verbundsystem“ der Kultusministerkonferenz (KMK) und der DFG zum aktuellen Stand und der weiteren Entwicklung im Kontext der DFG-Ausschreibung zur Neuausrichtung überregionaler Informationsservices statt. Nach der Entscheidung der DFG, den Projektantrag „Cloudbasierte Infrastruktur für Bibliotheken (CIB)“ des Konsortiums der Verbünde HeBIS, BVB und KOBV zu fördern, war es Ziel dieses Workshops, die offene Diskussion der zukünftigen Ausrichtung der Bibliotheksdatenhaltung und den Austausch zwischen den nicht am CIB-Projekt beteiligten Verbünden hbz, GBV und BSZ zu stärken. Die drei Verbünde hbz, GBV und BSZ erbringen zusammen das mit Abstand größte und umfangreichste Dienstleistungsangebot für wissenschaftliche Bibliotheken sowie für Spezialbibliotheken, Öffentliche Bibliotheken, Museen und Archive in Deutschland.

Nach der Vorstellung des CIB-Projektes erläuterte Reiner Diedrichs, Direktor der Verbundzentrale des GBV, anhand einer kurzen Präsentation die gemeinsame Stellungnahme von hbz, GBV und BSZ.

3 Schwerpunkte des CIB-Projektes

Im CIB-Projekt geht es um eine grundlegende technische und organisatorische Neupositionierung der Bibliotheken insbesondere im Bereich der Katalog- und Bibliothekssysteme. Die bereits begonnene und von allen beteiligten Einrichtungen in Deutschland gemeinschaftlich vertretene inhaltliche Neuorientierung und Internationalisierung der informationswissenschaftlichen Strukturen in Deutschland (bspw. durch Einführung angloamerikanischer Katalogisierungsregeln und Aufgabe deutscher Regelwerke) werden im CIB-Projekt auf technischer Ebene fortgeschrieben. So sollen die bisher national betriebenen Katalogisierungsplattformen in die Plattformen der beiden internationalen Anbieter OCLC (WorldCat) und ExLibris (Community/Network Zone) verlagert werden. Auch die Betriebsumgebungen der bisher in Deutschland betriebenen Bibliothekssysteme (Integrated Library Systems, ILS) sollen nach den Plänen des CIB-Projekts in die beiden internationalen Cloud-Plattformen (OCLC-WMS, ExLibris Alma) integriert werden. Angestrebt wird eine Verschmelzung der zentralen technischen Schichten. Die Verschmelzung der bisherigen beiden zentralen Systemschichten in integrierten kommerziellen Produkten wird in der Fachwelt äußerst kontrovers diskutiert.

4 Verbundzentralen

In der Diskussion um die Neuausrichtung der Informationsinfrastrukturen wird die Rolle der Verbundzentralen häufig auf den Betrieb der regionalen Katalogisierungsplattformen reduziert. Unberücksichtigt bleibt fast immer, dass diese daneben eine ganze Reihe weiterer Dienste und Anwendungen betreiben. Dazu gehören u.a. der Betrieb wichtiger nationaler Services (wie bspw. die Verzeichnisse der im deutschen Sprachraum erschienenen Drucke des 16., 17. und 18. Jahrhunderts oder die Deutsche Bibliotheksstatistik), die Betreuung zentraler Datenbanken (wie das gemeinsame Portal von Bibliotheken, Archiven und Museen oder das Portal zu Landkartendrucken vor 1850), das Hosting nationaler Plattformen (wie das zu den deutschen Nationallizenzen), die technische Betreuung vieler landes- oder regionenspezifischer Anwendungen (wie Bibliographien oder Digitalisierungsplattformen) sowie allgemein die Unterstützung von wissenschaftlichen und öffentlichen Bibliotheken, Archiven und Museen (wie bspw. in den Bereichen der konsortialen Erwerbung, des Hosting, der Langzeitarchivierung und der Entwicklung von Discovery-Technologien). Die Verbundzentralen sind damit Träger vielfältiger regionaler, überregionaler und nationaler Infrastrukturen, die von einem breiten Spektrum von Einrichtungen und Kunden genutzt werden. Diese Aufgabenstellungen sind zum größten Teil unabhängig von der Verlagerung der Verbundsysteme in internationale Cloud-Plattformen.

Grundsätzlich wird der Einschätzung, dass im klassischen Katalogisierungsbereich internationale Plattformen die regionale Primärkatalogisierung ergänzen oder ersetzen können, zugestimmt. Dies erfolgt bereits seit einigen Jahren durch „Copy Cataloguing“. Allerdings werden über einen längeren Zeitraum nicht alle Kunden die neuen Technologien einführen wollen bzw. in der Lage sein, sich an der OCLC- oder der ExLibris-Cloud zu beteiligen. Vor diesem Hintergrund stellt die Integration der kooperativ auf nationaler Ebene gepflegten Normdateien GND und ZDB in die Workflows einer Primärkatalogisierung in WorldCat eine besondere Herausforderung dar. Ebenso dürfte die Synchronisation zwischen den Cloud-Plattformen von OCLC und ExLibris sowie den für eine längere Übergangszeit parallel zu betreibenden regionalen und lokalen Plattformen mit nicht zu unterschätzendem Aufwand verbunden sein.

Die im Rahmen der DFG-Ausschreibung erhofften Einspar- bzw. Substitutionseffekte betreffen in der Hauptsache die klassischen Verbundaufgaben. Eine Quantifizierung der erwarteten Effekte wäre im Rahmen des CIB-Projekts noch zu leisten. Zu begrüßen wären die Rationalisierungseffekte allemal – unterstützen sie doch die Zentralen bei ihren Bemühungen, vorhandenes Personal für neue innovative Produktentwicklungen im Sinne unserer Unterhaltsträger, Partner und Kunden einzusetzen.

5 Lokale Bibliothekssysteme in der Cloud

Die Nutzung von Cloud-Technologien – „Infrastructure as a Service (IaaS)“ und „Software as a Service (SaaS)“ – durch Bibliotheken und Verbünde ist bereits heute selbstverständlich. Die Verbundzentrale des GBV (VZG) bietet bereits seit 15 Jahren die Nutzung eines lokalen Bibliothekssystems als Dienst (LBS-Service der VZG) an; BSZ, BVB und VZG betreiben seit einigen Jahren erfolgreich Hostingangebote für aDIS/BMS, Koha, Sunrise und Pica-LBS.

Neu im CIB-Ansatz ist die Konzentration auf ein bis zwei international agierende kommerzielle Anbieter. Dies führt zu einer Monopolstruktur auf Seiten der Anbieter, die hinsichtlich der vielfältigen Landschaft der betroffenen Einrichtungen als problematisch anzusehen ist. Hier wird Beteiligten aus unterschiedlichsten kulturellen, funktionalen und organisatorischen Kontexten die Nutzung einer einheitlichen Cloud-Plattform, welche sich an angloamerikanischen Bedarfen orientiert, als alternativlos nahegelegt. Die Ausgestaltung und Organisation dieser Plattformen liegt in der Hand der Anbieter. Beteiligungsmodelle werden zwar zugesagt, aber inwieweit diese den Vorstellungen der betroffenen Anwender im globalen Maßstab gerecht werden können, kann anhand der Erfahrungen in der Vergangenheit nur kritisch gesehen werden. Die bereits in der Vergangenheit immer wieder beklagte Abhängigkeit bei der Realisierung eigener Vorstellungen wird durch die Vereinigung von Software und deren Betriebsumgebung in der Hand nur zweier Anbieter massiv verstärkt. Belastbare Aussagen zu den insgesamt entstehenden Kosten (insbesondere zu den Kosten auf Kundenseite bzw. auf der Seite Dritter) eines national koordinierten Wechsels zu den genannten beiden Anbietern existieren nicht.

Die Verantwortung für Forschung, Lehre und Kultur liegt in Deutschland bei den Bundesländern. Für diese stellen Informationsinfrastrukturen wichtige Standortfaktoren dar, auch in wirtschaftlicher Hinsicht. In einer Struktur, in der nur zwei internationale Anbieter die Zugangsbedingungen für ihre Plattformdienste festlegen können, sind Gestaltungsspielräume und Innovationen durch Wettbewerb zumindest eingeschränkt.

6 Handlungsfelder

Neben der intensiven Beobachtung der CIB-Aktivitäten haben hbz, GBV und BSZ mit eigenen Prüfungen der „Next Generation Library Systems (NGS)“ begonnen. Im Fokus stehen dabei neben WMS (OCLC) und Alma (ExLibris) weitere alternative kommerzielle Systeme wie z.B. Intota, aber auch Open-Source-Systeme wie Koha oder Kuali OLE. Das letztgenannte Kuali wird bspw. mit erheblicher finanzieller Förderung durch die Mellon Foundation als nicht-kommerzielles System entwickelt. Es ist vollständig cloudbasiert, überlässt aber die Betriebsorganisation, die Wahl des Infrastrukturbetreibers und den Zuschnitt der einzelnen Cloud-Instanzen dem jeweiligen Anwender.

Die Weiterführung landesbezogener und nationaler Aktivitäten bleibt eine wichtige Aufgabe: Fernleihe, Discovery-Systeme, Catalogue Enrichment, Linked Open Data, Electronic Ressource Management (ERM), Fachinformationsdienste, Forschungsdaten, Langzeitarchivierung, Konsortialstrukturen etc. stellen Themen der kommenden Jahre dar. Angesichts der langfristig ausgelegten Perspektiven des CIB-Projektes dürfen diese Aktivitäten keinesfalls mit dem Hinweis, dass CIB ja möglicherweise (irgendwann) auch das Feld bespielen und Lösungen anbieten möchte, blockiert werden. Zumindest in mittelfristiger Perspektive sind die genannten Aktivitäten zur Sicherstellung der Informationsinfrastrukturen in Deutschland und ihrer Zukunftsfähigkeit unverzichtbar!

Allerdings werden Produkte und Dienstleistungen der Verbundzentralen in den kommenden Jahren verstärkt unter Struktur-, Kosten- und Effizienzgesichtspunkten geprüft werden müssen. Hierbei ist davon auszugehen, dass in allen Bereichen Arrondierungen stattfinden. Das Prinzip der Arbeitsteilung unter den Verbundzentralen muss mit dem Prinzip des Wettbewerbs um das beste und kostengünstigste Produkt in die Balance gebracht werden.

7 Fazit

Das CIB-Projekt stellt einen wichtigen Baustein bei der Neupositionierung der Bibliotheken als Partner in Wissenschaft und Forschung dar, deckt aber bei weitem nicht alle Aspekte nötiger Zukunftsentwicklungen ab. Daher planen BSZ, GBV und hbz, eigene Beiträge zum CIB-Projekt und darüber hinaus zu erbringen. Hierzu werden BSZ, GBV und hbz ihre bestehende Zusammenarbeit intensivieren und Kooperationsaufgaben mit dem CIB-Projekt gemeinsam wahrnehmen. Die Konzeptionierung einer neuerlichen DFG-Ausschreibung auf der Basis der Zwischenergebnisse des CIB-Projekts wird als Desiderat gesehen. Allerdings werden BSZ, GBV und hbz – unabhängig von einer möglichen weiteren Ausschreibung – ihre Verbund- und Produktstrukturen gemäß den Anforderungen ihrer Unterhaltsträger, Partner und Kunden konsequent und bedarfsorientiert weiterentwickeln – insbesondere im Bereich neuer innovativer Produkte.

Reiner Diedrichs:

Silke Schomburg:

Volker Conradt:

About the article

Reiner Diedrichs

Reiner Diedrichs

Volker Conradt

Volker Conradt

Silke Schomburg

Dr. Silke Schomburg


Published Online: 2014-03-06

Published in Print: 2014-03-31


Citation Information: Bibliotheksdienst, Volume 48, Issue 3-4, Pages 217–224, ISSN (Online) 2194-9646, ISSN (Print) 0006-1972, DOI: https://doi.org/10.1515/bd-2014-0029.

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