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Bibliotheksdienst

Editor-in-Chief: Gerlach, Annette / Koelges, Barbara

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2194-9646
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Volume 48, Issue 5 (Apr 2014)

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Innovation nicht nur in großen Bibliotheken

Published Online: 2014-04-08 | DOI: https://doi.org/10.1515/bd-2014-0045

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Das Thema Innovation und Innovationsmanagement ist mittlerweile in den größeren Bibliotheken angekommen. Die Notwendigkeit, sich als Bibliothek weiterzuentwickeln und neue Dienstleistungen einzuführen, um in der sich immer schneller verändernden Umwelt weiter zu bestehen, wird heute kaum mehr in Frage gestellt.

Verschiedene Bibliotheken – in erster Linie größere Universitätsbibliotheken – haben das Thema Innovation in ihrer Strategie verankert und angefangen, Innovationen systematischer anzugehen. Unter dem Stichwort Innovationsmanagement wurden nach dem Vorbild von Profit-Organisationen Verfahren und Methoden für den Bibliotheksbereich adaptiert. Dabei ist zu beachten, dass es bei Innovation um mehr geht als neue Ideen. Entscheidend sind die Umsetzung von neuen Ideen zu Produkten und Dienstleistungen und ihre erfolgreiche Vermarktung.1

Als Einstieg möchte ich auf die Besonderheiten von Innovation und Innovationsmanagement im Umfeld von Bibliotheken eingehen. Verschiedene Untersuchungen haben gezeigt, dass sich Bibliotheken tendenziell als überdurchschnittlich innovativ bezeichnen.2 Außerhalb der Szene sieht man dies etwas skeptischer. So zweifelt Lukas Schmid, der Leiter des Innovationszentrums St. Gallen, an der grundsätzlichen Innovationsfähigkeit und -willigkeit der Bibliotheken: „Ich bin gar nicht sicher, inwiefern eine Bibliothek überhaupt bestrebt ist, im Sinne einer Geschäftsmodell-, einer Produkt- oder einer Dienstleistungsinnovation ihre Erscheinungsform zu ändern.“3 Offenbar sprechen der Betriebswirtschaftler und die befragten Bibliotheksverantwortlichen nicht vom Gleichen. Die Aussage der Bibliotheken zeugt davon, dass man die Bedeutung der Thematik erkannt hat und dass man gewillt ist, neue Wege zu beschreiten. Der Betriebswirtschaftler versteht aber unter Innovation (wirklich) neue Produkte und Dienstleistungen. In der Theorie bezeichnet man diese Form als radikale Innovation. Wenn man Bibliotheken fragt, welches konkret die Innovationen der letzten Jahre waren, werden aber keine radikalen Neuerungen erwähnt. Es handelt sich meist um die Verbesserung von Dienstleistungen, die Anwendung neuerer Technologien oder Angebote, die zwar für die jeweilige Bibliothek neu sind, jedoch nicht weltweit erst- und einmalig. Ja, in der Regel sind diese „Innovationen“ nicht einmal für die Bibliotheksbranche neu.

Diese Feststellung klingt zunächst vermutlich etwas entmutigend. Aber aus meiner Sicht ist das wirklich kein Problem. Warum? Bibliotheken operieren nicht – wie die meisten Profit-Unternehmen – auf einem weltweiten Markt. Ihre Kunden und Zielgruppen sind häufig auf eine Institution und ihr Umfeld (z. B. eine Hochschule) oder auf eine Region (Land, Stadt, Gemeinde usw.) beschränkt. Die Bibliothekskunden einer Stadtbibliothek interessiert es kaum, ob die neue Dienstleistung in einer anderen Stadt ebenfalls angeboten wird und dort abgeschaut wurde. Oder die Nutzerin einer Universitätsbibliothek kümmert es wenig, ob ein neuer Service an einer anderen Universität entwickelt wurde und dort schon früher zur Verfügung stand. Es gibt zwar schon einen gewissen Druck, gegenüber anderen Bibliotheken nachzuziehen, weil auch die Nutzerinnen und Nutzer Vergleiche anstellen können. Aber es besteht kaum die Erwartung, dass Bibliotheken neue Technologien erfinden oder als weltweit erste Institution einsetzen. Deshalb können sich Bibliotheken kaum als Pioniere oder sogenannte First Mover definieren, sondern allenfalls als frühe Anwender einer neuen Technologie, also sogenannte Early Adopters.

Das heißt nun für kleinere Bibliotheken, dass es auch für sie durchaus möglich ist, Innovationen zu realisieren. Man darf also bei den großen oder bei anderen Bibliotheken abschauen und gute Ideen übernehmen. Damit ist die Hürde für Innovationen auch in kleineren Bibliotheken nicht mehr ganz so hoch.

Inwiefern macht ein Innovationsmanagement Sinn? Ich habe schon mehrfach in Diskussionen das Argument gehört, man könne Innovation ja nicht organisieren.

Abb. 1:

Screenshot einer Twittermeldung der SuUB Bremen vom 7. September 2012.

Für den kreativen Vorgang des Ideenfindens mag dies gelten. Hier geht es vor allem darum, dass man Zeit hat und den Raum, um weg vom hektischen Alltag neue Impulse zu erhalten. Aber wie ich eingangs erwähnt habe, ist Innovation mehr als nur das Finden neuer Ideen. Es geht darum, dass aus diesen Ideen erfolgreiche neue Dienstleistungen und Produkte entwickelt werden. Und hier bietet das Innovationsmanagement den geeigneten Rahmen. Wobei – und hier finde ich die kritische Sicht wiederum wichtig – darauf geachtet werden muss, dass das Innovationsmanagement nicht zu einer bürokratischen Übung verkommt, die eher gute Ideen abwürgt als sie bei der Umsetzung unterstützt. Auf die Methoden des Innovationsmanagements möchte ich hier nicht ausführlicher eingehen, das wurde an anderer Stelle bereits getan.4 Was kann man aber von diesen an den großen Bibliotheken entwickelten Methoden und Konzepten für kleinere Bibliotheken ableiten? Ich denke, es gibt hier doch einige Grundsätze, die für (fast) alle Bibliothekstypen adaptierbar sind.

Ein wichtiges Element des Innovationsmanagements stellt der Innovationsprozess dar. Entscheidend ist dabei, dass zunächst möglichst viele Ideen gesammelt werden, die guten und Erfolg versprechenden ausgewählt und dann zu neuen Produkten und Dienstleistungen umgesetzt werden. Bei der Ideensuche dienen sowohl Vorschläge von Mitarbeitenden als auch von Kundinnen und Kunden als Basis. Ob man die Ideen der Mitarbeitenden nun in einem kleinen Team regelmäßig bespricht oder ob man dafür in einer größeren Bibliothek bestimmte Kommunikationskanäle definiert, spielt keine entscheidende Rolle. Man muss nur dafür sorgen, dass die Ideen tatsächlich besprochen werden und dass entschieden wird, wer für die Umsetzung verantwortlich ist.

Kundinnen und Kunden kann man auf unterschiedlichste Arten einbeziehen. Was bei den großen Bibliotheken heute unter dem Namen Open Innovation teilweise schon gemacht wird,5 können auf informellere Weise auch kleinere Institutionen tun. Man kann Kunden zu Workshops einladen und mit ihnen über mögliche neue Dienstleistungen diskutieren, man kann ihre Meinung über Umfragen einholen, die Beschwerden auswerten oder Wettbewerbe veranstalten. Kleinere Bibliotheken haben hier den Vorteil, dass sie meist sehr nah an den Kunden sind und dass informelle Kanäle genutzt werden können.

Wie man das Innovationsmanagement organisatorisch umsetzt, ist bei kleineren Bibliotheken eher eine theoretische Frage. Selbst bei den großen Institutionen wird diese Aufgabe gerne mit weiteren Funktionen verbunden. Geeignet scheinen mir hier vor allem Produktmanagement, Projektmanagement oder Kommunikation. In kleineren Bibliotheken dürfte eine Person mit einem gewissen Arbeitspensum mit der Verantwortung für Innovation bzw. für den Innovationsprozess betraut werden. Ideen einbringen sollen aber weiterhin alle Mitarbeitenden.

Wenn man Bibliotheken befragt, welches denn die entscheidenden Erfolgsfaktoren für Innovation sind, wird meistens eine offene Kultur genannt.6 Dabei spielen natürlich die Vorgesetzten und Bibliotheksleitungen die entscheidende Rolle. Wichtig ist zudem die Eigenmotivation der Mitarbeitenden. Nicht-materielle Anreize stehen für diese im Vordergrund, also eher Lob und Anerkennung als finanzielle Belohnung. Vielversprechend scheinen mir auch unkompliziert vergebene Fördermittel, wie der Wettbewerb „Leuchtturmprojekte an Medizinbibliotheken“7 oder der Kantonale Bibliothekspreis der Aargauischen Gebäudeversicherung im Kanton Aargau/Schweiz, um nur zwei Beispiele zu nennen. Solche lokalen Initiativen können wichtige Impulse verleihen und sind zur Nachahmung empfohlen.

Wie man eher zögerliche Mitarbeitende für Veränderungen und Innovation gewinnen kann, wäre eher Stoff für ein eigenes Buch als für diese Kolumne. Womit wir zum Abschluss bei den innovationshemmenden Faktoren wären. Hier werden in erster Linie die fehlenden Ressourcen genannt. Wobei man unterscheiden muss zwischen fehlenden Finanzmitteln und knappen Personalressourcen. Letzteres ist tatsächlich eine Knacknuss: die neuen Dienstleistungen müssen meist mit dem bestehenden Personal entwickelt und dann auch betrieben werden. Es liegt somit auf der Hand, dass man im Gegenzug auf bisherige Dienstleistungen verzichten muss – und diese Entscheidung fällt nicht leicht. Im Gegensatz dazu sind reduzierte Finanzmittel nicht unbedingt innovationshemmend8 – aber das sollten wir wohl besser für uns behalten … Aber der Effekt einer Budgetkürzung kann eben auch darin bestehen, dass die Bereitschaft wächst, alte Zöpfe abzuschneiden und mit mehr Kreativität Neues zu schaffen.

Innovation auch für kleinere Bibliotheken? Ich kann die Frage bejahen – entscheidend scheint mir die Bereitschaft, alte Wege zu verlassen, offen zu sein für Neues und sowohl Mitarbeitende wie auch Kunden in die Entwicklung mit einzubeziehen.

Footnotes

  • Georgy, Ursula; Mumenthaler, Rudolf: Praxis Innovationsmanagement. In: Georgy, Ursula; Schade, Frauke (Hrsg.): Praxishandbuch Bibliotheks- und Informationsmarketing. München 2012, S. 319–340. 

  • Georgy, Ursula: Erfolg durch Innovation: Strategisches Innovationsmanagement in Bibliotheken und öffentlichen Informationseinrichtungen. Wiesbaden 2010. Für die Schweiz wurde das Thema im Rahmen einer Master-Arbeit untersucht: Habermacher, Barbara: Innovationsmanagement an Schweizer Hochschulbibliotheken. Unveröffentlichte Master-Arbeit (MAS), HTW Chur 2013. 

  • Dudli, Matthias: Open Innovation in Bibliotheken. Eine Konzeptstudie zuhanden der ETH-Bibliothek Zürich (Churer Schriften zur Informationswissenschaft 65). Chur 2014, S. 64. 

  • Vgl. dazu die bereits zitierten Publikationen von Georgy (Anm. 2) und Georgy/Mumenthaler (Anm. 1). 

  • Fingerle, Birgit: Innovation zum Mitmachen: Die Open-Innovation-Kampagnen der ZBW. In: Bibliothek Forschung und Praxis, 36 (2012) 3, S. 346–352. 

  • Vgl. dazu eine Arbeit im Rahmen des Masterstudiums an der HTW Chur von Hüppi, Roland; Mattes, Caroline: Innovation in Öffentlichen Bibliotheken der Deutschschweiz. Unveröffentlichtes Praxisprojekt im Master, HTW Chur 2013. 

  • Hentschel, Eike: Wettbewerb „Leuchtturmprojekte an Medizinbibliotheken“ 2013: Würdigung der Preisträger. In: GMS Med Bib Inf 2013;13(3):Doc20; doi: 10.3205/mbi000284. 

  • Das zeigt zum Beispiel Jantz am Beispiel US-amerikanischer Bibliotheken: Jantz, Ronald C.: Innovation in academic libraries: An analysis of university librarians’ perspectives. In: Library & Information Science Research, Band 34, Ausgabe 1, Januar 2012, S. 3–12. 

About the article

Rudolf Mumenthaler,

(Foto: HTW Chur)


Published Online: 2014-04-08

Published in Print: 2014-04-30


Citation Information: Bibliotheksdienst, ISSN (Online) 2194-9646, ISSN (Print) 0006-1972, DOI: https://doi.org/10.1515/bd-2014-0045.

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