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Bibliotheksdienst

Editor-in-Chief: Michalke, Karin / Ihrig, Hartmuth

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ISSN
2194-9646
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Volume 49, Issue 3-4

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Bibliotheken in Berlin: unverzichtbare Orte einer interkulturellen Stadt

Kristy Schank / Jann Nestlinger
Published Online: 2015-03-18 | DOI: https://doi.org/10.1515/bd-2015-0038

Zusammenfassung:

In Berlin leben derzeit knapp 28 % Menschen mit Migrationshintergrund. Viele von ihnen nutzen die öffentlichen Bibliotheken in der Stadt. Die Ergebnisse des Nutzungsmonitorings in Bibliotheken (NuMoB) zeigen, wer die Nutzerinnen und Nutzer mit Migrationshintergrund sind, wo und wie sie die Berliner Bibliotheken nutzen. Überdurchschnittlich vertreten sind junge Frauen, die aufgrund von Schule und Studium die Bibliotheken besuchen. Die Bibliotheken spielen zudem eine wichtige Rolle als sozialer Treffpunkt. In der Weiterentwicklung der Bibliotheksangebote ist die interkulturelle Öffnung von großer Bedeutung.

Abstract:

In Berlin, about 28 % of the population are immigrants. Many of them use the city’s public libraries. The results of the use monitoring of libraries (NuMoB) show which individuals are using the Berlin libraries and where and how they do it. Young women are represented above average as they come to the libraries to prepare for their school and study courses. Libraries also play an important role as social meeting places. Achieving openness to different cultures is of high importance in the process of further developing the libraries’ offers.

Schlüsselwörter: : Bibliotheksnutzung; Menschen mit Migrationshintergrund; interkulturelle Öffnung; Berlin

Keywords: : library use; immigrants; openness to different cultures; Berlin

1 „Menschen mit Migrationshintergrund“ – keine homogene Gruppe

Berlins Bevölkerung wird zunehmend internationaler. Von den 3,35 Mio. Einwohnern sind aktuell 15,6 % Nicht-Deutsche. Spricht man von sogenannten Menschen mit Migrationshintergrund sind es 27,9 %.1 Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) definiert Menschen mit Migrationshintergrund als „nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderte, sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil“.2

Die Definition legt es bereits nahe: Es handelt sich bei den Menschen mit Migrationshintergrund nicht um eine homogene Gruppe. Die statistische Größe der Gruppe von Menschen mit Migrationshintergrund ist in sich höchst vielfältig zusammengesetzt. Dies wird besonders deutlich, wenn das Kriterium Migrationshintergrund mit anderen soziodemografischen Angaben wie Alter, Geschlecht, Bildungsstand, Herkunft, Migrationsmotiv u. v. m. kombiniert wird. Aus diesen Eckdaten resultieren sehr unterschiedliche und persönliche Migrationsbiografien, die langfristig einen hohen Einfluss auf das gesamte Leben im jeweiligen Zuwanderungsland haben.

Dies zeigt sich auch bei der Nutzung von Bibliotheken. Es gibt einerseits Menschen, die aufgrund aktueller Migrationsströme, durch Familienzusammenführung oder als Flüchtlinge in jüngster Zeit nach Berlin kommen und Bibliotheken bspw. aufgrund ihrer Materialien zum Erwerb von Sprachkompetenzen aufsuchen. Andererseits besuchen viele Menschen mit Migrationshintergrund die Bibliotheken, die in Deutschland geboren sind und/oder seit Langem hier leben. Sie suchen häufig Informationen in ihrer Muttersprache zu ihrer Herkunftsregion, die über das allgemeine Angebot in deutscher Sprache hinausgeht. Hier spielen fremdsprachige Tageszeitungen, Fachzeitschriften, aktuell besprochene Sachbücher, Filme und Belletristik aus den jeweiligen Herkunftsländern eine große Rolle.

Es handelt sich dabei um zwei völlig unterschiedliche Bedürfnisse von unterschiedlichen Nutzergruppen, die unter dem Begriff der Interkulturellen Bibliotheksarbeit subsumiert werden. Im Folgenden soll die Nutzerschaft mit Migrationshintergrund deshalb anhand zentraler soziodemographischer Merkmale näher betrachtet werden. Dies kann nur ein erster Schritt sein, um die Vielfalt der Bedürfnisse zu beleuchten. Grundsätzlich ist es wichtig zu hinterfragen, ob „Menschen mit Migrationshintergrund“ eine geeignete Zielgruppe für Bibliotheken sind oder ob es nicht besser wäre, detaillierter zu unterscheiden zwischen Menschen, die Deutsch lernen wollen, und Menschen, die bestimmte Informationen in bestimmten Sprachen erhalten wollen – völlig unabhängig von ihrer jeweiligen Migrationsgeschichte.

2 Die Bibliotheksnutzerinnen und -nutzer mit Migrationshintergrund in Berlin – Verteilung im Stadtgebiet

Bei der Umfrage zum Nutzungsmonitoring in den Berliner öffentlichen Bibliotheken (NuMoB) geben 22 % aller Befragten an, einen Migrationshintergrund zu haben.3 Damit erfasst NuMoB etwas weniger Personen mit Migrationshintergrund als durchschnittlich in Berlin leben. Die Menschen mit Migrationshintergrund sind bei der Nutzung von Bibliotheken demnach leicht unterrepräsentiert. Ausgehend von der Staatsangehörigkeit stammen die Berlinerinnen und Berliner mit Migrationshintergrund mehrheitlich aus folgenden Ländern: Türkei, Polen, Italien, Serbien, Russische Föderation, Bulgarien, Frankreich, USA, Vietnam, Großbritannien und Nordirland, Griechenland, Bosnien und Herzegowina, Kroatien, Spanien, Österreich, Ukraine, Rumänien, Libanon, China etc.4 Diese Vielfalt spiegelt sich auch in der Nutzerschaft der Bibliotheken wider: Die Verteilung der Muttersprache bzw. der in der Familie gesprochenen Sprachen ist wie folgt (Mehrfachnennungen möglich, Angaben in %): Deutsch (62), Arabisch (8), Türkisch (20), Polnisch (7), Russisch (9), Englisch (12), Französisch (7), Spanisch (5), Italienisch (4), Vietnamesisch (3) und Sonstige (23).

In Berlin ist die Verteilung der Menschen mit Migrationshintergrund, als Folge der Teilung der Stadt von 1948 bis 1990, innerhalb der Stadtbezirke sehr heterogen. Im ehemaligen Westteil hat fast jeder Fünfte nicht die deutsche Staatsangehörigkeit, die große Mehrheit von ihnen stammt aus der Türkei. Im Ostteil hingegen ist noch nicht einmal jeder Zehnte kein Deutscher.5 Wichtige Herkunftsländer sind hier Russland und Vietnam.6 Die unterschiedliche Verteilung auf die Stadtbezirke bildet sich auch in der Bibliotheksnutzung ab.

So besuchen die Nutzerinnen und Nutzer mit Migrationshintergrund vorrangig die Bibliotheken in den Bezirken, in denen auch am meisten Menschen mit Migrationshintergrund leben. Dies zeigt, dass die Bibliotheken vor allem wohnortnah genutzt werden. Der Anteil der Nutzerinnen und Nutzer mit Migrationshintergrund variiert dabei zwischen den Bezirken erheblich. Der größte Anteil ist mit 42 % in Neukölln zu finden. Am geringsten ist der Anteil in Treptow-Köpenick mit 4 %.

Bezirksübergreifend ist der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund in den Stadtteilen mit schwacher Sozialstruktur deutlich höher. Dies spiegelt sich auch in der Nutzerschaft der öffentlichen Bibliotheken wider. So liegt der Anteil von Nutzerinnen und Nutzern mit Migrationshintergrund in Sozialräumen mit sehr niedrigem Entwicklungsindex7 bei 42,3 %. In Sozialräumen mit hohem Entwicklungsindex liegt er hingegen nur bei 10,1 %. Die Bezirke bzw. die Bibliotheken innerhalb der Bezirke haben demnach eine sehr unterschiedlich zusammengesetzte Nutzerschaft. Für eine bedarfsgerechte Ausrichtung der Bibliotheksarbeit müssen die Bibliotheken passgenau und spezifisch auf die Bedürfnisse ihrer Nutzerschaft vor Ort eingehen.

 Anteil der Nutzerinnen und Nutzer öffentlicher Bibliotheken mit Migrationshintergrund nach Bezirk.8Quelle aller vier Abbildungen: Nutzungsmonitoring der Öffentlichen Bibliotheken Berlins und der Zentral- und Landesbibliothek Berlin 2014. N=14.195 (ohne Migrationshintergrund 11.061, mit Migrationshintergrund 3.134). Die Zentral- und Landesbibliothek Berlin umfasst die beiden Standorte Berliner Stadtbibliothek (Mitte) und Amerika-Gedenkbibliothek (Friedrichshain-Kreuzberg).
Abb. 1:

Anteil der Nutzerinnen und Nutzer öffentlicher Bibliotheken mit Migrationshintergrund nach Bezirk.8

3 Was charakterisiert die Bibliotheksnutzerinnen und Nutzer mit Migrationshintergrund?

Hinsichtlich ihres Geschlechts unterscheiden sich die Nutzerinnen und Nutzer mit Migrationshintergrund kaum von der Gesamtgruppe: 38 % von ihnen sind weiblich (Gesamtdurchschnitt 36 %).

Dafür sind sie im Gegensatz zum Durchschnitt aller Befragten wesentlich jünger. 55 % sind jünger als 30 Jahre. Im Gesamtdurchschnitt sind das lediglich 28 %. Ein Drittel aller Befragten sind 50 Jahre und älter, dies trifft bei Menschen mit Migrationshintergrund nur bei 11 % zu.

Das gleiche Bild zeigt sich auch bei der derzeitigen Tätigkeit und beim Bildungsabschluss: Die Nutzer und Nutzerinnen mit Migrationshintergrund befinden sich zu 53 % noch in der Ausbildung (Schule, Ausbildung und Studium). Im Gesamtdurchschnitt sind dies lediglich 25 %. Dafür dominieren hier mit 38 % die Berufstätigen, gefolgt von 15 % im Ruhestand (im Vergleich zu 24 % und 3 % bei den Nutzern und Nutzerinnen mit Migrationshintergrund).

Die Berliner Bibliotheken scheinen folglich insbesondere attraktiv für junge Frauen mit Migrationshintergrund in Schule, Studium und Ausbildung. Dies deckt sich zu großem Teil mit den Antworten zu den Tätigkeiten in und der Haltung zu Bibliotheken dieser Gruppe.

 Was charakterisiert die Nutzerinnen und Nutzer von öffentlichen Bibliotheken mit Migrationshintergrund?
Abb. 2:

Was charakterisiert die Nutzerinnen und Nutzer von öffentlichen Bibliotheken mit Migrationshintergrund?

4 Weiblich, jung, Schülerin sucht Platz zum Arbeiten: Das Nutzungsverhalten

Bibliotheken bieten eine Vielzahl von Dienstleistungen an und werden sehr unterschiedlich genutzt. Eine wichtige Funktion nehmen die öffentlichen Bibliotheken zum einen im Bereich der Freizeitgestaltung ein. Zum anderen erfolgt die Nutzung im Zusammenhang mit Schule, Beruf und Ausbildung. Jenseits dieses „Kerngeschäfts“ der öffentlichen Bibliotheken werden diese als Ort geschätzt, an denen konzentriert gelesen bzw. gearbeitet und gelernt werden kann. Auch für weitere Aktivitäten bzw. Serviceangebote wird die Bibliothek frequentiert. So werden die Bibliotheken aufgesucht, um das Internet zu nutzen oder um Freunde zu treffen.

Die Gewohnheiten und Motive der Nutzung sind dabei individuell sehr verschieden. Auf Basis der Nutzerbefragung sind jedoch auch gruppenspezifische Unterschiede zu erkennen. Auch wenn die Gruppe der Nutzerinnen und Nutzer mit Migrationshintergrund sehr heterogen zusammengesetzt ist, lassen sich einige grundlegende Besonderheiten im Nutzungsverhalten aufzeigen. Diese werden im Folgenden genauer herausgearbeitet.

Die Nutzerinnen und Nutzern mit Migrationshintergrund frequentieren die Bibliothek wesentlich stärker für Schule, Studium und Beruf als dies der Gesamtdurchschnitt tut. 44 % lernen und arbeiten konkret vor Ort. Unter den Nutzerinnen und Nutzern ohne Migrationshintergrund sind es nur 12 %. Zum Teil lassen sich diese Unterschiede durch das deutlich geringere Durchschnittsalter der Nutzerinnen und Nutzer mit Migrationshintergrund erklären. Aber auch jenseits des Alterseffektes ist die Bibliothek für Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund als Lern- und Arbeitsort von größerer Bedeutung als für Schülerinnen und Schüler ohne Migrationshintergrund. So geben in der Gruppe der unter 18-Jährigen 82 % an, die Bibliothek aus schulischen Gründen zu nutzen (gegenüber 65 % der unter 18-Jährigen ohne Migrationshintergrund). Hierbei spielt die Bibliothek vor allem als Ort zum konzentrierten Arbeiten und Lernen eine große Rolle. Jugendliche mit Migrationshintergrund unter 18 Jahren nennen dies mehr als doppelt so häufig als Nutzungsgrund wie Jugendliche ohne Migrationshintergrund (63 gegenüber 30 %). Die Motive hierfür wurden im Rahmen der Nutzerbefragung nicht näher untersucht. Schulleistungsstudien wie IGLU oder PISA geben jedoch Hinweise darauf, dass die häusliche Lernumgebung von Kindern mit Migrationshintergrund9 durchschnittlich schlechter ist (z. B. Vorhandensein eines eigenen Schreibtisches). Hier können die Bibliotheken als „öffentliche Arbeitszimmer“ im Sozialraum eine wichtige Rolle einnehmen.

 Aktivitäten in der Bibliothek vor Ort nach Migrationshintergrund und Alter (mehrere Antworten möglich).
Abb. 3:

Aktivitäten in der Bibliothek vor Ort nach Migrationshintergrund und Alter (mehrere Antworten möglich).

Eine deutlich wichtigere Rolle spielt für Nutzerinnen und Nutzer mit Migrationshintergrund die Nutzung der Infrastruktur vor Ort und die Bibliothek als sozialer Treffpunkt. So nennen 44 % der Nutzerinnen und Nutzer mit Migrationshintergrund, dass sie die Bibliothek besuchen, um vor Ort zu lesen oder zu arbeiten. Bei den Nutzerinnen und Nutzern ohne Migrationshintergrund sind dies lediglich 12 %.

Das Internet nutzen Nutzerinnen und Nutzer mit Migrationshintergrund mehr als doppelt so häufig (29 gegenüber 13 %). Mit 16 % wird der Aspekt „jemanden treffen“ dreimal so häufig genannt wie von Nutzern ohne Migrationshintergrund. Erklärbar sind diese Unterschiede zum Teil durch Alterseffekte aufgrund des deutlich niedrigeren Durchschnittsalters der Nutzerinnen und Nutzer mit Migrationshintergrund. Jedoch bestehen diese Unterschiede auch innerhalb der Altersgruppen. So spielen die Bibliotheken als sozialer Treffpunkt eine deutlich größere Rolle unter Jugendlichen mit Migrationshintergrund als bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund. In der Altersgruppe unter 18 Jahren wird die Aktivität „jemanden treffen“ mit 36 % knapp doppelt so häufig genannt wie von Jugendlichen ohne Migrationshintergrund. Auch die Aktivitäten „Freizeit gestalten“ (19 gegenüber 14 %) sowie „das Internet nutzen“ (36 gegenüber 21 %) sind für Jugendliche mit Migrationshintergrund deutlich wichtiger.

Dieses Nutzungsverhalten ist besonders stark ausgeprägt in Stadtteilen mit sehr niedrigem Entwicklungsindex. Hier hat die Bibliothek als sozialer Raum eine besonders große Bedeutung. „Jemanden zu treffen“ geben 27 % der Nutzerinnen und Nutzer mit Migrationshintergrund an (gegenüber 5 % der Nutzerinnen ohne Migrationshintergrund). Bei den unter 18-jährigen sind es 46 gegenüber 27 %. Auch die Nutzungsgründe „Freizeitgestaltung“ und „Nutzung des Internets“ fallen in diesen Stadtteilen stärker ins Gewicht.10 Diese Ergebnisse deuten an, dass vor allem in Sozialräumen mit schwacher Sozialstruktur die Bibliothek als Ort sozialer Begegnung und geschützter Rückzugsraum von großer Bedeutung ist. Die genauen Zusammenhänge und insbesondere die Motive der Nutzerinnen und Nutzer müssten in weiteren Studien konkreter beleuchtet werden. Festgehalten werden kann jedoch, dass die Bibliotheken in der lokalen Infrastruktur eine wichtige Rolle spielen.

Das Ausleihen von Medien als „Kernangebot“ der Bibliotheken ist die am häufigsten genannte Aktivität in Bibliotheken. Dies gilt für Nutzerinnen und Nutzer ohne und mit Migrationshintergrund gleichermaßen. Jedoch spielt die Medienausleihe relativ eine geringere Rolle. Während 92 % der Nutzerinnen und Nutzer ohne Migrationshintergrund die Medienausleihe in Anspruch nehmen, sind es bei den Nutzerinnen und Nutzern mit Migrationshintergrund nur 76 %. Korrespondierend mit der geringeren Nutzung der Medienausleihe werden auch die damit verbundenen Dienstleistungen weniger genutzt bzw. sind weniger bekannt. Dies trifft innerhalb der Nutzerschaft mit Migrationshintergrund vor allem auf Nutzerinnen und Nutzer unter 18 Jahren sowie über 65 Jahren zu. Einfluss auf die Nutzung bzw. Bekanntheit hat zudem das Bildungsniveau: Je höher der erreichte Bildungsabschluss, desto geringer ist der Anteil derer, die diese Dienstleistungen nicht nutzen oder kennen. Ob die geringere Nutzung auf Informationsdefizite oder persönliche Präferenzen zurückgeht, kann auf Basis der Daten der Nutzerbefragung nicht eindeutig geklärt werden. Festgehalten werden kann an dieser Stelle nur, dass diese Unterschiede sowohl die Online-Ausleihe über VÖBB24, die Möglichkeit einer Bestellung aus anderen (Berliner) Bibliotheken als auch die Nutzung des OPAC-Kataloges umfasst.

 Anteile der Nutzerinnen und Nutzer, die die genannten Services nicht nutzen bzw. nicht kennen, nach Migrationshintergrund.
Abb. 4:

Anteile der Nutzerinnen und Nutzer, die die genannten Services nicht nutzen bzw. nicht kennen, nach Migrationshintergrund.

5 Hausaufgaben der Bibliotheken

Die Berliner Bibliotheken sind nicht unattraktiv für Menschen mit Migrationshintergrund. Mit ihren Medienbeständen und als Ort des Lernens haben sie ihnen eine Menge zu bieten. Dennoch zeigt NuMoB, in welchen Bereichen die Bibliotheken nachbessern können.

Ein Bedarf ist möglicherweise die mehrsprachige Information insbesondere zu den elektronischen Angeboten, zur OPAC-Recherche und zu den weiteren Services (z. B. allgemeine Infobroschüren, Benutzungsordnung, Homepage, Veranstaltungsflyer u. v. m.) anzubieten. All diese Informationen sind für Nicht-Muttersprachlerinnen und Muttersprachler auch in Deutsch am besten zu verstehen, wenn sie in einer klaren und leicht verständlichen Sprache gehalten sind. Beim Leitsystem in den Bibliotheken empfiehlt es sich, gleich auf allgemein verständliche Icons umzustellen.

Daneben sollten sich die Bibliotheken überlegen, wie sie für ältere Menschen mit (und ohne) Migrationshintergrund interessanter werden können. Die Bereitstellung von Tablets mit internationaler Tagespresse in elektronischer Form wäre eine sinnvolle Ergänzung zum häufig nationalzentrierten Print-Angebot. Darüber hinaus braucht es Angebote, um diese elektronischen Ressourcen an wenig technikaffine Menschen zu vermitteln.

Mittel- bis langfristig sollte die interkulturelle Öffnung der Bibliotheken soweit voranschreiten, dass verstärkt Menschen mit Migrationshintergrund in den Berliner Bibliotheken arbeiten. Diese Personen können die oben genannten Informationsdefizite durch gezielte Beratungs- und Informationsangebote, durch eine passgenaue und häufig persönliche Ansprache sowie durch ihre sprach- und landeskundlichen Kompetenzen abbauen. Hierfür ist eine bewusste Personalentwicklung erforderlich, die bei der Berufsausbildung beginnt und sich kohärent durch die verschiedenen Laufbahnen im öffentlichen Dienst zieht.

Auch die Analyse von Nutzungsdaten muss weitergeführt werden. Aufbauend auf den NuMoB-Ergebnissen braucht es tiefergehende Analysen, wie sich die heterogene Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund hinsichtlich ihres Nutzerverhaltens, ihres Nutzungsortes und ihrer Informationsdefizite weiter aufgliedern und ansprechen lässt.

Mit diesen Daten können dann gemeinsam im Verbund der Öffentlichen Bibliotheken (VÖBB) zielgruppenorientierte Angebote in der gesamten Berliner Bibliothekslandschaft entwickelt werden. Die Kiezbibliotheken, die Bezirkszentralbibliotheken und die ZLB können sich hinsichtlich dieser Aufgaben gegenseitig sinnvoll entlasten und ergänzen. Im VÖBB gibt es seit mehreren Jahren den Facharbeitskreis Interkultur, der sich mit diesen Fragen beschäftigt.

6 Bibliotheken als Türöffner

Berlin wächst weiter. Hauptmotor dafür ist aktuell der Zuzug von EU-Bürgern.11 Dabei handelt es sich z. T. um gut ausgebildete, junge Fachkräfte aus den europäischen Krisenstaaten. Für sie stellen Bibliotheken eine wichtige Informationsinfrastruktur dar. Hier finden sie Unterstützung beim Spracherwerb, um dabei ihre Qualifikationen bestmöglich auf dem lokalen Arbeitsmarkt einzusetzen und sich gleichzeitig über die Geschehnisse in ihren Herkunftsländern zu informieren.

Hinzu kommt, dass Berlin und Deutschland endlich mehr Verantwortung in der Unterbringung von Flüchtlingen übernehmen. In Zukunft werden viele Berliner Bezirke Flüchtlinge aufnehmen, für die – aufgrund des generellen Arbeitsverbotes – Bibliotheken eine wichtige Anlaufstelle für Bildung, Information und Zerstreuung im Alltag sind. Sie bieten einen niedrigschwelligen Zugang zu unterschiedlichen Informationsquellen und ermöglichen als Treffpunkt in der Stadt den Aufbau von persönlichen sozialen Kontakten. Bibliotheken sind deshalb, sofern sie personell und finanziell gut ausgestattet sind, wichtige Pfeiler einer aktiven Willkommenskultur.

Kristy Schank:

Jann Nestlinger:

Footnotes

  • Fahrun, Joachim: Bald jeder dritte Berliner hat einen Migrationshintergrund. In: Berliner Morgenpost, 10.09.2014, http://www.morgenpost.de/berlin/article132070813/Bald-jeder-dritte-Berliner-hat-einen-Migrationshintergrund.html [Zugriff: 30.12.2014]. 

  • Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), http://www.bamf.de/DE/Service/Left/Glossary/_function/glossar.html?lv2=1364186&lv3=3198544 [Zugriff: 30.12.2014]. 

  • Die Frage, die darauf abzielte, spezifizierte im Fragebogen: „Migrationshintergrund heißt, dass Sie selbst bzw. mindestens ein Elternteil nach 1949 aus einem anderen Land nach Deutschland zugewandert sind, eine nichtdeutsche Nationalität haben, eingebürgert sind.“ 

  • Beauftragte des Senats von Berlin für Migration und Integration: Zuwanderer und Einwohner Berlins nach Staatsangehörigkeit (06/2012), http://www.berlin.de/lb/intmig/statistik/demografie/einwohner_staatsangehoerigkeit.html [Zugriff: 30.12.2014]. 

  • Fahrun, Joachim: Berlin wächst weiter und wird europäischer. In: Die Welt, 10.09.2014. 

  • Hür, Kemal; Rosbach, Jens: Einig Vaterland – auch für Arbeitsmigranten? In: Deutschlandradio Kultur, 13.10.2014, http://www.deutschlandradiokultur.de/migranten-und-der-mauerfall-einig-vaterland-auch-fuer.1001.de.html?dram:article_id=300157 [Zugriff: 30.12.2014]. 

  • Der Entwicklungsindex wurde im Rahmen des „Monitorings Soziale Stadtentwicklung“ erhoben. Er setzt sich zusammen aus mehreren Indikatoren zur sozialstrukturellen Lage, wie z. B. Arbeitslosenquote, Anteil Transferleistungsbezug sowie Anteil Menschen mit Migrationshintergrund. Der Entwicklungsindex wurde für den jeweiligen „Lebensweltlich orientierten Sozialraum“ (LOR) angegeben, in dem sich die Bibliothek befindet. Hierbei handelt es sich um eine kleinräumige geografische Einteilung des Stadtgebiets in Sozialräume. Es wurde auf die zuletzt öffentlich verfügbaren Daten von 2011 zurückgegriffen. Das „Monitoring Soziale Stadtentwicklung“ wird seit 1998 als kontinuierliches Stadtbeobachtungssystem der sozialräumlichen Entwicklung auf Gebietsebene im Auftrag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt erstellt. Weitere Informationen zur Definition der LORs sowie zur Definition des Entwicklungsindex finden sich auf der Webseite der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt: http://www.stadtentwicklung.berlin.de/planen/basisdaten_stadtentwicklung/monitoring/de/2011/index.shtml. 

  • Quelle aller vier Abbildungen: Nutzungsmonitoring der Öffentlichen Bibliotheken Berlins und der Zentral- und Landesbibliothek Berlin 2014. N=14.195 (ohne Migrationshintergrund 11.061, mit Migrationshintergrund 3.134). Die Zentral- und Landesbibliothek Berlin umfasst die beiden Standorte Berliner Stadtbibliothek (Mitte) und Amerika-Gedenkbibliothek (Friedrichshain-Kreuzberg). 

  • Dieser Zusammenhang erklärt sich nicht unmittelbar durch das Merkmal „Migrationshintergrund“, sondern basiert auf der ökonomische Situation und dem Bildungshintergrund der Familien. Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund sind überdurchschnittlich häufig von Armut betroffen. 

  • „Freizeit gestalten“ nennen 16 % der Nutzerinnen und Nutzer mit Migrationshintergrund (gegenüber 10 % der Nutzerinnen und Nutzer ohne Migrationshintergrund). Bei den unter 18-Jährigen sind dies 22 gegenüber 19 %. „Nutzung des Internets“ nennen 33 % der Nutzerinnen und Nutzer mit Migrationshintergrund (gegenüber 19 % der Nutzerinnen und Nutzer ohne Migrationshintergrund). Bei den unter 18-Jährigen sind dies 41 gegenüber 26 %. 

  • Die Zahl von Menschen mit europäischem Migrationshintergrund erhöhte sich im letzten Jahr um 30.000 auf 225.000 Personen (Fahrun, wie Anm. 5). 

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Kristy Schank

Kristy Schank

Jann Nestlinger

Jann Nestlinger


Published Online: 2015-03-18

Published in Print: 2015-03-31


Citation Information: Bibliotheksdienst, Volume 49, Issue 3-4, Pages 300–312, ISSN (Online) 2194-9646, ISSN (Print) 0006-1972, DOI: https://doi.org/10.1515/bd-2015-0038.

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