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Bibliotheksdienst

Editor-in-Chief: Gerlach, Annette / Koelges, Barbara

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2194-9646
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Volume 49, Issue 8

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Was nichts kostet, macht keine Arbeit?! Weiteres zur Farbenlehre Grün, Gold, Grau

Bericht zum neunten Konsortialtag des Friedrich-Althoff-Konsortiums e. V. am 16. April 2015 an der Universität Potsdam

Free of charge, free of trouble?! More on the theory of colour on green, gold, grey

Report on the 9th consortium day of the Friedrich-Althoff-Consortium e. V., held at the University of Potsdam on 16 April 2015

Susanne Maier
  • Corresponding author
  • Referentin für amtliche Publikationen, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Potsdamer Str. 33, 10785 Berlin
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Published Online: 2015-07-08 | DOI: https://doi.org/10.1515/bd-2015-0099

Zusammenfassung:

Der neunte Konsortialtag des Friedrich-Althoff-Konsortiums e. V. lockte über 140 Interessierte zum Thema „Was nichts kostet, macht keine Arbeit?! Weiteres zur Farbenlehre Grün, Gold, Grau“ nach Potsdam. Die Veranstaltung bot ein breites Forum für Praxisberichte aus Einrichtungen der Region zum Umgang mit kostenfrei zugänglichen elektronischen Materialien. Die Palette der Vorträge umfasste u. a. die Identifizierung von Open-Access-Rechten in Allianz- und Nationallizenzen, die Probleme und Erfolge beim Betreiben institutioneller Repositorien, die Aspekte der Rechteeinholung für die Speicherung von Internetquellen sowie die Möglichkeiten des systematischen und kooperativen Nachweises frei verfügbarer Volltexte.

Abstract:

The motto “Free of charge, free of trouble?! More on the theory of colour on green, gold, grey” of the ninth consortium day of the Friedrich-Althoff-Consortium e. V. tempted more than 140 interested persons to come to Potsdam. The event offered local institutions a platform for reports about practical experiences in dealing with electronic material accessible free of charge. The range of lectures covered subjects as e.g. the identification of open-access rights in alliance and national licences, the problems and achievements resulting from the running of institutional repositories, the aspects of obtaining rights for the storage of internet sources as well as the opportunities of a systematic and cooperative proof of freely accessible full-texts.

Schlüsselwörter: : Elektronische Publikation; Open Access; Bestandsaufbau; Ablauforganisation

Keywords: : electronic publications; open access; collection building; process organisation

1 Stellenwert der freien Netzpublikationen innerhalb des Angebots an elektronischen Ressourcen in Bibliotheken

Die Anmerkung „Freier Zugang an Internetarbeitsplätzen“ weist im Katalog der Staatsbibliothek zu Berlin auf kostenfreie Online-Ressourcen hin. Im bibliothekarischen Vokabular wird diese Materialart als Netzpublikation, als frei zugängliche elektronische Ressource im Fernzugriff, als Internetquelle oder als Open-Access-Veröffentlichung bezeichnet. In der Elektronischen Zeitschriftenbibliothek EZB und im Datenbank-Informationssystem DBIS sind diese Quellen mit dem grünen Ampelsymbol und in der Deutschen Nationalbibliothek mit dem Standort „Online (frei zugänglich)“ gekennzeichnet. Der Umgang mit diesen freien Online-Publikationen im Bibliotheksalltag war das Thema des neunten Konsortialtags des Friedrich-Althoff-Konsortiums e. V., zu dem Ursula Stanek und Mario Kowalak über 140 Interessierte am Campus Griebnitzsee der Universität Potsdam begrüßen konnten. Im Friedrich-Althoff-Konsortium e. V. haben sich wissenschaftliche Einrichtungen der Länder Berlin und Brandenburg zusammengeschlossen, um die Versorgung ihrer Nutzerinnen und Nutzer mit elektronischen Ressourcen zu verbessern. Die bisherigen Konsortialtage widmeten sich beispielsweise der Nutzung und Präsentation von E-Books, neuen Geschäftsmodellen wie Demand Driven Acquisition und Open Access oder dem täglichen Umgang mit elektronischen Medien. Die diesjährige Veranstaltung bot ein breites Forum für Praxisberichte aus Einrichtungen der Region zum Umgang mit kostenfrei zugänglichen elektronischen Materialien. Der Tag gab weiterhin Gelegenheit, an Thementischen über Kriterien, Geschäftsgänge oder Rechtefragen zu diskutieren und Lösungsansätze zu besprechen.

Der diesjährige Konsortialtag setzte die freien Netzpublikationen in den Fokus, auch wenn sich die Aktivitäten eines Bibliothekskonsortiums normalerweise auf die Lizenzierung von kostenpflichtigen Materialien ausrichten. Welche Trends sprachen für diese Wahl? Die Anzahl der frei verfügbaren E-Books und E-Journals steigt kontinuierlich an und stellt eine ernsthafte Konkurrenz zu den über Bibliothekskataloge zugänglichen Materialien dar. Außerdem verwandeln sich im Rahmen der Open-Access-Komponenten von Allianz- und Nationallizenzen zunächst konsortial verhandelte Produkte im Laufe der Zeit in frei verfügbare Inhalte. Zunehmend enthalten Verlagsangebote einen signifikanten Anteil an Open-Access-Titeln. Weiterhin drängt das gesamte Kaleidoskop an elektronischen Ressourcen weiter in den Mittelpunkt der bibliothekarischen Geschäftsgänge. Dies ist u. a. auf E-Only-Angebote im Pflichtexemplarbereich und durch die Bedingung von E-Preferred-Profilen für die Drittmittelförderung zurückzuführen. Die Verzeichnung von Internetquellen in die Subject-Guides der Virtuellen Fachbibliotheken auszulagern, trägt als Erfolgskonzept längst nicht mehr. Der Diskussionsbedarf um freie Netzressourcen ist aus vielerlei Hinsicht gegeben, fand bisher nur am Rande statt.Deshalb sei den Veranstalterinnen und Veranstaltern an dieser Stelle für die Akzentuierung des Themas gedankt.

Die Einladung zur Veranstaltung nannte ferner folgende Aspekte zum Geschäftsgang und zur Nachweissituation: Wie geht man mit einmalig gültigen Rubbel-Codes um, ist im Bibliothekssystem ein Link-Checker für die regelmäßige Prüfung der URLs implementiert? Welche Kriterien bezüglich Langzeitverfügbarkeit gibt es? Wo sind kostenfreie Ressourcen nachgewiesen, welche Rolle spielen sie bei Discovery-Services? – Diese teilweise konkreten Fragen blieben zwar im Verlauf des Tages teilweise offen, es konnte aber ein guter Grundstein für den kollegialen Austausch gelegt werden.

Die Praxisberichte der Kolleginnen aus acht Einrichtungen der Region lieferten ein vielfältiges Bild zur Integration von kostenfreien elektronischen Ressourcen in Bibliotheksabläufe. Im Folgenden werden die Praxisberichte auf Fragestellungen hin gebündelt, die sich sowohl in den Vorträgen als auch im anschließenden Meinungsaustausch als nennenswert erwiesen. Zum einen spielen (lizenz-)rechtliche Fragen eine Rolle und zum andern die grundsätzliche Frage nach der Ermittlung von geeigneten Quellen. Der dritte Abschnitt wird Erkenntnisse zu Geschäftsgängen und zur strategischen Arbeitsteilung zusammenfassen.

2 Aus der Praxis I: Überprüfung von Lizenzen und Einholung von Rechten

Zunächst zum thematischen Zusammenhang aus den Vorträgen und Diskussionen, der sich mit dem aktiven Akquirieren von Publikationen zur Speicherung auf dem eigenen Server beschäftigte. Passend dazu gab es am Nachmittag einen Thementisch mit dem Titel „Strukturelles: Open-Access-Artikel finden, nachweisen, verwalten“.

Der erste Praxisbericht von Linda Thomas und Heike Stadler von der Universitätsbibliothek Potsdam zur Identifizierung von Publikationen für die Zweitveröffentlichung eröffnete ohne Umschweife einen differenzierten Einblick in die Auseinandersetzung einer Hochschule mit den vorhandenen Lizenzrechten. Unter welchen Voraussetzungen darf eine Einrichtung sämtliche Publikationen eines bestimmten Verlags oder Artikel bestimmter Autorinnen oder Autoren nachweisen und kostenfrei zugänglich machen? Die Referentinnen stellten anhand von Beispielen die konkreten Methoden und Abläufe zur Identifizierung von Open-Access-Rechten in Allianz- und Nationallizenzen vor. Das Plenum erfuhr, wie die Kolleginnen die frei zugänglichen Texte, die sich in den Paketen verbergen, mittels aufwändiger Prüfmechanismen der Idee des freien Zugangs entsprechend nachweisen und verbreiten können. Eine hilfreiche Handreichung dazu befindet sich auf der Website der Allianzinitiative.

Die Perspektive der Betreiberin eines institutionellen Repositoriums mit dem Schwerpunkt auf Hochschulschriften und Dissertationen ergänzte Birgit Schlegel von der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin. Sie skizzierte die Bemühungen zur flächendeckenden Akquise aller Dokumente von FU-Angehörigen, um diese als Erst- oder Zweitkopie über den Dokumentenserver und den Bibliothekskatalog zur Verfügung zu stellen. Sie skizzierte sowohl die Workflow-Unterstützungen für die Eingabe der Daten durch die Autorinnen und Autoren als auch die Generierung von Publikationslisten aus Datenbanken zur Übernahme von Artikeln aus Open-Access-Zeitschriften oder aus Allianzlizenzen in den Dokumentenserver. Sie verwies auf die SHERPA/RoMEO-Liste als wichtiges Auskunftsinstrument für Veröffentlichungsrechte. Sie zeigte außerdem, wie sie an der Freien Universität Berlin in den Metadaten Nutzungsbedingungen hinterlegen oder auf das Copyright des Verlags verlinken, damit entsprechende Vermerke in den Beschreibungsfeldern die Herkunft der Artikel für die Nachnutzung dokumentieren. Hilfreiche Empfehlungen zum elektronischen Publizieren an Hochschulen finden sich bei der Deutschen Initiative für Netzwerkinformation DINI.

Ricarda Musser gab einen aktuellen und vertraulichen Einblick, welchen Herausforderungen sich eine überregional bedeutsame Spezialbibliothek wie die des Ibero-Amerikanischen Instituts beim Antrag für den Forschungsinformationsdienst für Lateinamerika, gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, im Hinblick auf freie Netzpublikationen zu stellen hat. Hier sind die Ansprüche der Community auf breiten und raschen Zugriff zu Online-Publikationen mit den Förderrichtlinien in Einklang zu bringen. Die Referentin beschrieb die Rechteeinholung zur Spiegelung und Speicherung der Dokumente und die Anfragen über Einzelverträge. Für die Ermittlung und Verzeichnung einzelner freier Netzressourcen aus Lateinamerika bestünden Verhandlungen mit einem externen Dienstleister. In Kürze wird sich der künftige Stellenwert der freien Netzpublikationen im System der Fachinformationsdienste herausstellen. Wird es künftig Fachportale geben, die neben der überregionalen Verfügbarmachung von lizenzierten Quellen auch freie Ressourcen bündeln und langfristig bereitstellen? Die bisherigen gemeinsamen Anstrengungen zur Katalogisierung von Internetquellen, die sich in den Virtuellen Fachbibliotheken der Sondersammelgebiete organisiert hatten, verzeichnen seit der Neuausschreibung zur Förderung der überregionalen Literaturversorgung kaum mehr Aktivität und fanden im Rahmen dieser Fortbildung wenig Erwähnung.

Auch beim Aufbau von Fachdatenbanken kommt man nicht daran vorbei, Open-Access-Publikationen in die Abläufe zu integrieren und das Urheberrecht und lizenzrechtliche Einschränkungen zu beachten. Ihre Erfahrungen hierzu stellte Susanne Plagemann vom Deutschen Institut für Urbanistik am Beispiel der bibliografischen Fachdatenbank ORLIS zur Stadt- und Raumplanung vor. In die Datenbank gehören auch frei zugängliche Online-Dokumente, die die Dokumentarinnen auf einem EDOC-Server speichern und mit Metadaten in ORLIS erschließen. Die Referentin beurteilte den Aufwand für die Ermittlung, Speicherung und Erschließung grauer Online-Ressourcen im Vergleich zu Print-Publikationen als erheblich höher. Sie führte dies vor allem auf die aufwändige Einholung und Dokumentation des Spiegelungsrechts zurück, da sich das Deutsche Institut für Urbanistik nicht auf ein Pflichtexemplarrecht zur Abgabe von elektronischen Publikationen berufen könne, sondern auf die freiwillige Abgabebereitschaft innerhalb einer Fachcommunity angewiesen sei. Das Konzept von Open Access sei außerhalb der Wissenschaft trotz Informationsfreiheitsgesetzen und Open-Data-Initiativen bisher wenig bekannt und verankert, deshalb trete sie persönlich mit den Herausgebern in Kontakt.

Schließlich präsentierte Petra Schramm aus der Zentral- und Landesbibliothek die Berlin-Studien und erweiterte somit die dargebotenen Perspektiven um die einer Landesbibliothek mit Pflichtexemplarrecht. Die Landesbibliotheken griffen bereits auf ausgearbeitete Workflows und Profile für Netzpublikationen zurück. Sie orientierten sich in ihren Sammlungsschwerpunkten inhaltlich an der „Synopse von Sammelrichtlinien für Netzpublikationen auf Landesebene“. Wieder stellte sich die Klärung der Rechte an den Punkten, wo das Pflichtexemplargesetz für die Speichererlaubnis nicht greife, als arbeitsintensiv und nicht immer erfolgreich heraus. Ein erweitertes Pflichtexemplargesetz könnte die praktische Arbeit vereinfachen.

Zusätzlich stellte Petra Schramm das Berlin-Portal vor, das der Berlin-interessierten Öffentlichkeit eine Auswahl kostenfrei nutzbarer Netzpublikationen über Berlin bietet. Sie betonte die Schwierigkeiten beim Setzen und Pflegen der Deep Links sowie beim Auffinden geeigneter Quellen innerhalb umfangreicher Sammlungen. Diese Themen führen uns zum zweiten Topic, zu den bibliothekarischen Problemen bei der Ermittlung vertrauenswürdiger und langfristig referenzierbarer Quellen, ohne diese auf dem eigenen Server zu speichern.

3 Aus der Praxis II: Ermittlung vertrauenswürdiger und langfristig nachweisbarer Links

Ein zweiter Aspekt, der die Veranstaltung wie ein roter Faden durchzog, war die Frage nach der Sammelwürdigkeit von Internetpublikationen. Dies konnte am Thementisch „Grundsätzliches: Um welche Publikationen geht es, welche Kriterien sollten ihren Nachweis begründen, wo findet man sie?“ in kleinerer Runde diskutiert werden.

Sonja Grund, Leiterin der Bibliothek des Wissenschaftskollegs Berlin, stellte aus der Nutzerperspektive zwei Anwendungsszenarien zu freien Online-Ressourcen vor: Erstens demonstrierte sie die gezielte Recherche nach Einzeldokumenten. Sie konfrontierte das Plenum mit außerordentlich erfolgreichen Google-Treffern für historische Volltexte. Dagegen ließen in den präsentierten Beispielen die Bibliothekskataloge in punkto Verfügbarkeit, Benutzerfreundlichkeit und Direktzugriff zu wünschen übrig. Zweitens fragte sie nach der optimalen Vermittlung von freien Ressourcen: Hier betonte sie den Vorteil von sachlich gebündelten Sammlungen, wie sie das Internet Archive präsentiere, wie sie aber auch einzelne Bibliotheken für ihre digitalisierten Sondersammlungen anbieten. Bibliothekskataloge könnten in ihren Bemühungen um den Nachweis von freien Materialien bei Known-Item Searches mit dem kommerziellen Suchmaschinenriesen nicht mithalten. Der Mehrwert und die Aufgabe der bibliothekarischen Angebote bestünden einerseits in der Vernetzung der Daten zu sachlichen und formalen Zusammenhängen durch Normdaten und andererseits in der Bereitstellung dieser angereicherten Metadaten für die Indexierung durch Suchmaschinen oder Discovery-Systeme.

Susanne Maier thematisierte aus Sicht der Staatsbibliothek zu Berlin das Spannungsfeld der flüchtigen freien Netzressourcen innerhalb einer auf langfristigen Nachweis ausgerichteten Archivbibliothek. Sie zeigte dies exemplarisch an der Überführung der Sammlung amtlicher Publikationen in ein E-Preferred-Profil. Ziel sei es, unter bestimmten Voraussetzungen den Nachweis der kostenfreien elektronischen Ausgabe gegenüber der Einarbeitung des Druckexemplars zu bevorzugen. Die Frage nach klaren und verlässlichen Kriterien für echte Langzeitverfügbarkeit der verfügbaren Links trieb viele Besucherinnen und Besucher des Konsortialtages um: DOI, URN, purl, handle? Welches System für Persistent Identifiers ist am besten? Wie sind Dokumentenserver für die Langzeitverfügbarkeit zertifiziert? Gibt es Dark-Archive-Lösungen für freie Ressourcen? Welche Datenbankinhalte ermöglichen verlässliche Verlinkungen? Für die Staatsbibliothek zu Berlin stellte die Referentin eine Checkliste vor, die inhaltliche, technische, lizenzrechtliche und formale Kriterien abfragt und somit ein enges Korsett für den Nachweis freier E-Books oder E-Journals schnürt. Weiterhin stellte sie die Bemühungen um die Einspielung von Metadaten aus frei zugänglichen Datenbanken in den Verbundkatalog des GBV oder in das Discovery-System stabikat+ vor. Anstatt die kostenpflichtige Datenbank World Bank E-Library zu kaufen, habe die Staatsbibliothek zu Berlin beispielsweise die frei zugängliche Datenbank World Bank Open Knowledge Repository auf Einzeltitelebene im Katalog nachgewiesen, musste nach der Einspielung über den Verbund einiges an Qualitätsverlust bei den Metadaten hinnehmen. Aus diesen Problemen erwachse in bibliothekarischen Nachweissystemen eine Schieflage und Nachweislücke: Bibliotheken weisen vor allem die Ressourcen nach, die zuvor gedruckt und später elektronisch erschienen; reine Online-Publikationen fielen durchs Raster oder fänden sich in separaten Nachweissystemen als Insellösungen.

Schließlich analysierte Karen Falke, Leiterin der Bibliothek der Fachhochschule Potsdam, wie Bibliotheken mit der klassischen grauen Literatur umgingen und wie diese Praxis auf elektronische graue Dokumente überführbar sei. Anhand des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes zeigte sie die Überforderungen der Bibliotheken beim Sammeln der grauen Veröffentlichungen in der Papierwelt, und diese Versorgungslage verschärfe sich noch in der digitalen Welt. Die Referentin stellte die Frage, wie es Bibliotheken schaffen könnten, diesen Schatz an Volltextveröffentlichungen zu heben und kooperativ zentral nachzuweisen. Auch in den Diskussionsrunden spielte das Bedürfnis um einen besser strukturierten Nachweis von freien Online-Publikationen eine große Rolle. Die Sichtung klassischer Erwerbungsunterlagen führe nicht mehr zur vollständigen Ermittlung des Publikationsmarktes, da diese auf den verteilten Homepages der Herausgeber liegen. In der Praxis greife man auf die Reihe B der Deutschen Nationalbibliografie zurück, da neben der grauen Literatur darin auch Links verzeichnet seien – allerdings nicht in der Vollständigkeit wie in anderen nationalbibliografischen Angeboten. Die Reihe O der Deutschen Nationalbibliografie mit ihrer Fokussierung auf lizenzpflichtige Online-Publikationen fand unter den Anwesenden wenig Zustimmung, ebenso die Verwendung von OAI-Service-Providern wie BASE oder OAIster. Einige Teilnehmerinnen beschrieben ihre Methoden zur Ermittlung von Neuerscheinungen, z. B. mit RSS-Feeds, Newslettern oder regelmäßigen Besuchen auf den relevanten Webseiten. Der beschriebene Umgang mit grauer Literatur und ihren Online-Nachfolgern gab ein alarmierendes Beispiel dafür ab, wie die Arbeitsebene in Ermangelung von IT-basierten Lösungswegen die bekannten bibliothekarischen Geschäftsgänge und Arbeitsaufteilungen fortführt, obwohl diese fast gar nicht mehr greifen.

4 Aus der Praxis III: Spezifische Geschäftsgänge und strategische Arbeitsteilung für kostenfreie E-Ressourcen

„Organisatorisches: Welche allgemeinen und besonderen Fragen stellen sich im Zusammenhang mit dem Geschäftsgang, wie erfolgt die Überwachung und Erschließung?“ – Dies war ein weiterer Schwerpunkt, den wechselnde Teilnehmerinnen und Teilnehmern bei der Veranstaltung diskutierten. Teilweise erfuhr die Runde Best-Practice-Beispiele, in der Gesamtschau ordnete sich das Finden und Verwalten der freien E-Ressourcen in den verschiedenen Einrichtungen jedoch in individuelle und fragmentarische Workflows ein.

Teilweise konnten die Anwesenden über konkrete Verankerungen von freien Online-Ressourcen in den Geschäftsprozessen berichten, beispielsweise bei der Vorakzession oder bei der Fernleihe. Ein echtes E-Preferred-Profil, also die konsequente Ermittlung und Bereitstellung einer freien Online-Ausgabe anstatt der Beschaffung einer Druckausgabe, sei in keiner der vertretenen Einrichtungen bereits Realität. In Einzelfällen werde auf Basis von freien Netzressourcen der Druckbestand ausgesondert. Am ehesten seien bei Zeitschriften und Serien Abos gekündigt und auf die kostenfreie Online-Ausgabe umgestellt worden. Insgesamt hatten viele der vorgestellten Lösungen punktuellen oder vorläufigen Charakter und schienen optimierungsbedürftig.

Auch die Verortung der Zuständigkeit fiel unterschiedlich aus. An manchen Einrichtungen kämen die Impulse eher aus der Benutzung oder aus der IT, in anderen Bibliotheken sei das Wissen eher bei den katalogisierenden Teams oder bei einer bestimmten Person verankert. Für die bibliothekarische Betreuung von Repositorien oder für das Metadatenmanagement seien zudem andere Qualifikationen und Kenntnisse erforderlich als für die traditionelle Katalogisierung, so dass diese Tätigkeiten teilweise der IT-Abteilung zuzuordnen seien und sich aus dem bibliothekarischen Einflussbereich entfernten.

Schließlich stand noch das Thema „Strategisches: Wie vermeiden wir Doppelarbeit, wer kümmert sich worum, wer archiviert was?“ auf dem Programm. Hier bot sich die Gelegenheit, den Informationsbedarf der Anwesenden in Bezug auf Neuentwicklungen zum Pflichtexemplarrecht, zu den Förderprogrammen der Deutschen Forschungsgemeinschaft und zur Open-Access-Programmatik zu resümieren und offene Fragen und Wünsche diesbezüglich festzuhalten. Sowohl die elektronische Pflichtabgabe als auch die DFG-Förderlinien hinterließen trotz der genannten Bemühungen um die Implementierung von Netzpublikationen derzeit große Nachweislücken. Die Bibliothekarinnen und Bibliothekare, die Links setzen oder Dokumente und Metadaten speichern möchten, empfanden besonders die Open-Access-Thematik als schwierig. Einerseits spiele sich der Diskurs unter Urheberrechtsexpertinnen und Repositorien-Betreibern ab und die Perspektive von anwendenden Bibliotheken finde zu wenig Berücksichtigung. Andererseits bemängelte die Runde, einen Großteil der Dokumente nicht oder nur aufwändig nachnutzen zu können, da die Nutzungsrechte nicht explizit und nach den verlässlichen Standards der Creative-Commons-Lizenzen ausgewiesen seien.

Zum Schluss kamen die Akzeptanz und die Stellung von freien Ressourcen in den Einrichtungen zur Sprache. In den meisten Bibliotheken fehle – außer in Bereichen wie Digitalisierung und Repository Management – eine professionelle Hinwendung zu dieser Problematik wegen ihrer Flüchtigkeit in mehrerlei Hinsicht. Man darf gespannt sein, wann die erste Bibliothek ein generelles E-Preferred-Profil veröffentlicht und welche Eckpunkte für den Bestandsaufbau von freien Online-Publikationen sie setzt.

5 Impulse für Vernetzung und Professionalisierung im Umgang mit freien Online-Ressourcen

Kostenfreie Online-Ressourcen sind längst Teil des bibliothekarischen Angebots. Die grünen Ampeln in der Elektronischen Zeitschriftenbibliothek EZB und im Datenbank-Informationssystem DBIS sind ein bekanntes und beliebtes Zeichen dafür. Die Beiträge des Konsortialtags verdeutlichten die unterschiedlichen Bearbeitungsweisen je nach Bibliothekstyp und die punktuell fruchtbaren Lösungen für freie Netzpublikationen. So gibt es beispielsweise maschinell unterstützte Workflows bei der Identifizierung von Open-Access-Rechten in Allianz- und Nationallizenzpaketen oder zur Kennzeichnung von Lizenzen in den Metadaten von Repositorieninhalten. Es gibt gute Ansätze für die elektronische Pflichtabgabe und somit zum Nachweis von grauer Literatur auf Länderebene in einzelnen Bundesländern. Außerdem haben manche Bibliotheken ausgefeilte Checklisten zur Sammelwürdigkeit von Netzpublikationen, zur langfristigen Zertifizierung bestimmter Server und zur Ermittlung vorhandener Quellen entwickelt. Die Produzentinnen von Fachbibliografien und die Betreiber von Virtuellen Fachbibliotheken sind spezialisiert im Einsammeln relevanter Publikationen und in der individuellen Rechteeinholung zur Speicherung der Ressourcen. Dennoch konstatierten die Referentinnen, freie Ressourcen im Bibliotheksalltag liefen entweder nebenbei mit oder erhielten als unbeliebte und minderwertige Quellenart eine eher nachlässige Behandlung. Ansonsten deuteten die Redebeiträge den inselhaften Projektcharakter der praktizierten Workflows in den Einrichtungen an; zur Überführung in den Regelbetrieb oder zur Implementierung in die zentralen Geschäftsgänge kam es bisher kaum. Die größten Unsicherheiten äußerten sich bei Nutzungsrechten und zur Langzeitverfügbarkeit.

In der Diskussion verdeutlichte sich, welche Neuentwicklungen bisher nicht ausreichend bis zu den Arbeitsebenen vordringen, die in der täglichen Praxis mit den Ressourcen umgehen. Ein regionales Treffen wie der Konsortialtag zu aktuellen Bibliotheksthemen und mit offenem Teilnehmerkreis eignet sich gut, um bibliothekarisches Personal auf breiter Basis in die fachliche Weiterbildung zu integrieren. Vergleichbare Veranstaltungsformate in Berlin und Brandenburg sind beispielsweise das KOBV-Forum im Zuse-Zentrum Berlin, der Tag der Bibliotheken in wechselnden Einrichtungen oder der E-Day an der Staatsbibliothek zu Berlin.

Auf der inhaltlichen Ebene bewertete die Runde die Vernetzung zu den Themen Repositorium, Open Access, Pflichtexemplar, Fachdatenbank und Digitalisierung als dringend nötig, um den Umgang mit Netzressourcen zu professionalisieren und somit signifikanten Quellen den Eingang in zentral gepflegte und von Google indizierte Nachweissysteme zu ermöglichen. Weiterhin lernte sich der überschaubare Kreis von Expertinnen und Experten, die sich aktiv mit diesem Gebiet beschäftigen, bei der Veranstaltung persönlich kennen und konnte die Voraussetzung für künftigen Austausch schaffen. Der diesjährige Konsortialtag sorgte für eine gesprächsoffene Atmosphäre, zu der auch der außerordentlich schöne Tagungsort am Campus Griebnitzsee der Universität Potsdam und die perfekte Organisation durch die Mitarbeiterinnen der Geschäftsstelle des Friedrich-Althoff-Konsortiums e. V. beitrugen.

Susanne Maier:

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Published Online: 2015-07-08

Published in Print: 2015-07-15


Citation Information: Bibliotheksdienst, Volume 49, Issue 8, Pages 837–846, ISSN (Online) 2194-9646, ISSN (Print) 0006-1972, DOI: https://doi.org/10.1515/bd-2015-0099.

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