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Bibliotheksdienst

Editor-in-Chief: Michalke, Karin / Ihrig, Hartmuth

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ISSN
2194-9646
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Volume 50, Issue 3-4

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500 Jahre Stadtbibliothek Ulm: wissenschaftliche Tradition und umfangreicher historischer Bestand als Aufgabe und Chance einer kommunalen Bibliothek

Alexander Rosenstock
Published Online: 2016-03-15 | DOI: https://doi.org/10.1515/bd-2016-0037

Zusammenfassung:

Die Geschichte der Stadtbibliothek Ulm bis zum Jahr 1968 ist, soweit die Quellen reichen, aufgearbeitet. Die zeitgeschichtliche Entwicklung seit 1968 und insbesondere die seit der organisatorischen Zusammenlegung von öffentlicher Abteilung (ehemals Volksbücherei, gegr. 1896) und wissenschaftlicher Abteilung (Stadtbibliothek, gegr. 1516) in den Jahren 1998/99 wird hier unter dem Gesichtspunkt betrachtet, welche Aufgaben seitdem aus dem historischen Büchererbe und der wissenschaftlichen Stadtbibliothekstradition geblieben sind, wie und in welchem Umfang sie zu bearbeiten noch möglich ist.

Abstract:

The history of the city library Ulm has been reviewed up to the year 1968 as far as the sources are available. This report focusses on the contemporary development since 1968 and especially on tasks resulting from the organisational merging of the public department (former Volksbücherei, est. 1896) and the scientific department (city library, est. 1516) in the years 1998/99. The development’s discussion is guided by the questions which tasks have remained coming from the historic collection of books and the scientific city library’s tradition, and how and to which extent they can be worked on at present.

Schlüsselwörter: : Stadtbibliothek; Öffentliche Bibliothek; Historisches Büchererbe

Keywords: : city library Ulm; historic collection; history

1 Geschichte der Stadtbibliothek Ulm

Die Kenntnis der Stadtbibliothek Ulm wird in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erstmals überregional verbreitet. Im Zeitalter der Aufklärung war das Reisen zwar nicht bequem aber immerhin möglich und wer etwas auf sich hielt, der unterzog sich dieser Strapaze im Interesse vermehrter Weltklugheit und schrieb darüber. In solchen Reisebeschreibungen stehen Bibliotheken durchaus im Interesse des Betrachters. Das galt auch für Besucher Ulms. Martin Gerbert berichtet 1767 über Ulm: „In der Stadt-Bücherkammer ist ein großer Vorrath von seltenen Auflagen aus dem XV. Jahrhundert, als die Buchdruckerkunst im Aufblühen war. … Die Ulmer rühmen sich, dass nicht lange nach erfundener Buchdruckerey auch in ihrer Stadt diese Kunst geblühet habe; und zwar mit Recht, …“1 . Philipp Wilhelm Gercken weiß 1783 über Ulm: „Die Stadtbibliothek ist in einem großen freiliegenden Gebäude im obersten Stock in einem großen Saal sehr ordentlich aufgestellet und hat in alten Büchern einen ansehenlichen Vorrath, aber neue Werke gehen überall ab, weil nichts mehr angekauft noch darauf verwandt wird.“2 Zwei Jahre zuvor hatte Friedrich Nicolai sich einige Tage in Ulm aufgehalten. Seine vergleichende Analyse Ulm betreffend erscheint im Jahr 1795 im Druck.3 Er vermisst eine Lesegesellschaft, wie es sie andernorts bereits gab – eine solche gründet sich in Ulm erst im Jahr 1789; und Nicolai weiß vom schweren Brand des Bibliotheksgebäudes im Jahr 1785 und von den damit verbundenen großen Verlusten.

Die erste Erwähnung der Stadtbibliothek Ulm in der bibliothekarischen Fachliteratur finden wir 1844 in der Zeitschrift Serapeum. Robert Neumann schreibt über die Neithartsche Bibliothek im Münster zu Ulm, als die bis „jetzt erweislich erste öffentliche Bibliothek Deutschlands.“4 Seine Information verdankt er Conrad Dieterich Hassler (1803–1873), dem Mann, der an der Initiative beteiligt war, in Ulm im Geiste romantischer Wiederentdeckung der Geschichte, vor allem der des Mittelalters, einen historischen Verein zu gründen. Dessen konkretes Ziel war es, den seit der Reformation unvollendet gebliebenen Münsterturm zu Ende zu bauen. Seit inzwischen 125 Jahren ist der Turm des Ulmer Münsters fertiggestellt, im selben Jahr übrigens wie der Kölner Dom, aber mit fünf Metern Höhe mehr. Den Ruf, Weltmeister unter den Kirchtürmen zu sein, wird das Ulmer Münster noch einige Jahre führen dürfen – bis dann zu gegebener Zeit, nach heutiger Planung im Jahr 2026, die Sagrada Familia in Barcelona ihm diesen Weltrekord streitig machen wird.

In diesem Münster hatte der Patrizier Heinrich Neithart, zum Seelenheil und zum unsterblichen Ruhm seiner Familie eine Kapelle gestiftet und in dieser Kapelle seine Bibliothek von 300 Handschriften, 180 davon auf Pergament, untergebracht.5 1439 war Heinrich Neithart gestorben und seine Erben veranlassten 1443, dass die Bibliothek im nördlichen Chorturm der Kapelle aufzubewahren sei. Eine Benutzungsordnung und ein Katalog stammen aus dem Jahr 1465. Allerdings blieben Zugang zur Bibliothek und deren Benutzung tatsächlich den Mitgliedern der Familie vorbehalten und der Bestand gelangte erst im Jahr 1658 in die Obhut der Stadt, als eine von der Stadt geförderte Bibliothek bereits 143 Jahre alt war. Die erste aus den Quellen erarbeitete Bibliotheksgeschichte der Ulmer Bibliothek stammt aus dem Jahr 1917 aus der Feder des damaligen Leiters Johannes Greiner. Dessen Darstellung legt den Schluss nahe, die Gründung der Ulmer Bibliothek gehe auf Heinrich Neithart zurück6 – womit sich, nebenbei bemerkt, auch die Suche nach Spuren eines Bibliotheksjubiläums im Jahr 1916 erübrigt, ganz abgesehen davon, dass Städte und Bürger im dritten Kriegsjahr andere Sorgen hatten. Die These von der Bibliotheksgründung in Ulm im Jahre 1439 ist also längst widerlegt.

Tatsächlich datiert die Gründung der Ulmer Bibliothek exakt auf den 1. April 1516, auf den Tag, an dem das Testament des Münsterpfarrers Ulrich Krafft in Geltung gesetzt wurde; wenige Tage später, am 11. April starb er. Sein Nachlass war der Beginn städtischer Aktivitäten für eine Bibliothek in räumlicher und organisatorischer Hinsicht und kann daher als Gründungsinitiative gelten. Eine Auszählung im ersten Bibliothekskatalog von 1549 ergibt 370 Titel, die dem Nachlass des Bibliotheksgründers zuzuordnen sind: 190 juristische, 140 theologische und 40 im weiteren Sinne humanistische Titel.7 Anhand von Einbandmerkmalen und handschriftlichen Eintragungen können wir 186 Bände im heutigen Bestand als solche der Provenienz Ulrich Kraffts identifizieren.

Das Intelligenzblatt zum Serapeum 1857 brachte ein von Wolfgang Neubronner redigiertes Verzeichnis der wichtigsten Werke der Stadtbibliothek Ulm.8 Dieses erstmals 1842 erschienene Verzeichnis veranlasste Jacques-Charles Brunet, zwei Exemplare einer offenbar sehr seltenen Inkunabel in unserem Hause zu vermuten,9 die wir tatsächlich als Unikat aufbewahren. Auf der Suche nach der ersten Auflage von Lorenzo Spiritos epochemachendem Losbuch,10 die er aus dem Jahr 1473 vermutete, hatte Johann Daniel Sotzmann im Serapeum 185011 veröffentlicht; tatsächlich wusste er nicht, dass die erste Auflage 1482, wie von Neubronner verzeichnet, in der Ulmer Bibliothek aufbewahrt wurde und wird. Um die Suche nach Spuren der Ulmer Bibliothek in den Anfängen der Fachliteratur abzuschließen: Im Serapeum 22.1861,16 ff. findet sich auf S. 125 ff. ein Catalogus Manuscriptorum Reipublicae Ulmensis12 aus dem Besitz von Renatus Karl von Senckenberg, der im Jahr 1800 gestorben ist.

Die bibliothekshistorische Forschung hat sich, wie die allgemeinhistorische, im Laufe des 19. Jahrhunderts in ihren Fragestellungen und Methoden etabliert und ihre Relevanz geltend gemacht. Dies kam auch der Geschichte der Stadtbibliothek Ulm zu Gute, die in mehreren Publikationen zumindest bis zum Jahr 1968, der Zusammenlegung beider Bibliotheken, aufgearbeitet und unter unterschiedlichsten bibliotheks- und buchgeschichtlichen Gesichtspunkten zur Geltung gebracht worden ist.13 Im Zeitraum von 1968 bis zur Gegenwart bildet die organisatorische Vereinigung beider Bibliotheken zur Zentralbibliothek in den Jahren 1998/99 die Zäsur. Bis 1968 waren (wissenschaftliche) Stadtbibliothek und Stadtarchiv eine Einheit, auch wenn es intern zwischen bibliothekarischen und archivarischen Kollegen eine eindeutige Aufgabentrennung gab. Diese Einheit wurde zu Gunsten der organisatorischen Gemeinsamkeiten von Volksbücherei und wissenschaftlicher Bibliothek aufgegeben. Allerdings war in der Folge zunächst nicht angestrebt worden, dass die beiden Abteilungen eine organisatorische Einheit werden; sie blieben weitgehend unabhängig voneinander mit unterschiedlichem Selbstverständnis und unterschiedlichen Zielgruppen. Obwohl in einem Hause untergebracht war die interne Organisation völlig getrennt in Bezug auf Erwerbung, Ausleihe, Erschließungsmethoden, Kataloge und hausinterne Aufstellungssystematiken im Freihandbereich bzw. im Lesesaal. Dies war die Situation, als Jürgen Lange 1993 die Nachfolge von Bibliotheksdirektor Dr. Hans Krauss antrat. Sein erster Bibliotheksentwicklungsplan, 1995 vorgelegt, sah die organisatorische Zusammenlegung von wissenschaftlicher und öffentlicher Abteilung zur Zentralbibliothek vor, für die politisch inzwischen ein Neubau in Aussicht gestellt war. Die organisatorischen Grundlagen, bisherige unterschiedliche bibliothekarische Praktiken zu einer Ablauforganisation zusammen zu fügen, bot ein in beiden Abteilungen erstmals eingeführtes, damals sehr modernes EDV-System. Dieses mit allen relevanten Modulen und in allen Teilbibliotheken einzuführen, was jeweils auch Umsystematisierung und Retrokatalogisierung bedeutete, dauerte bis zum Ende des Jahres 2001.

Im März 2001 lag das Ergebnis der Detailplanung für den Zentralbibliotheksbau vor und der Gemeinderat fasste den Baubeschluss – im November desselben Jahres wurde mit dem Bau begonnen, der im Februar 2004 bezogen wurde. Planung, Durchführung und die Anforderungen, unter den vergleichsweise recht großzügigen räumlichen Bedingungen die kommunale Literaturversorgung, die tatsächlich bis heute auch eine regionale Literaturversorgung ist, in den Routinebetrieb zu übernehmen, beschäftigte das gesamte Kollegium einige Jahre lang. Mehrere Runden der Haushaltskonsolidierung würzten dieses Geschäft und zeigten uns jeweils die Diskrepanz zwischen bibliothekarischen Zielsetzungen und deren Erreichbarkeit auf. So opferten wir Ende 2003 die nehmende Fernleihe auf dem Altar der Haushaltskonsolidierung – genau zehn Jahre später führten wir sie, als Online-Fernleihe die Personalressourcen deutlich schonend, in Kooperation mit dem BSZ wieder ein und binden seitdem eine der Zahl nach überschaubare, aber wichtige Zielgruppe wieder an unser Haus.

Von ehemals zehn Personalstellen im Stellenplan (1 hD, 5 gD, 4 mD) sind nicht einmal mehr zwei Vollzeitäquivalente den Aufgaben der ehemals wissenschaftlichen Abteilung gewidmet. Aus der Stelle des Leiters der wissenschaftlichen Abteilung wurde die der Leitung der Zentralbibliothek.

In einer kommunalen Bibliothek kann, zumal in Zeiten stets schmaler werdender Budgets und umfangreicher werdender Aufgaben, etwas nicht nur deshalb fortgeführt werden, weil es das vermeintlich immer schon gegeben hat. Das gilt für den Bestandsaufbau einer kommunalen öffentlichen Bibliothek, die teilweise eine wissenschaftliche, dem Anspruch nach „eine kleine Universalbibliothek“14 war, im Allgemeinen; im Besonderen gilt es, für die Anschaffung zahlreicher Fortsetzungen und Zeitschriften für ein akademisches Publikum, die enorme Summen Geldes banden und deren Nutzung, um es vorsichtig auszudrücken, außerordentlich überschaubar war – gewissermaßen durchaus ein Luxusproblem. Tatsächlich waren die finanzielle Ausstattung und räumlichen Möglichkeiten vor 1999 sehr zu Ungunsten der populären Literaturversorgung verteilt und standen in keinem Verhältnis zur Nutzungsintensität, zum feststellbaren Bedarf.

Es versteht sich von selbst, die vielen verschiedenen Segmente populärer Literaturversorgung nicht gegeneinander oder aber gegen einzelne, weniger breitenwirksame, zahlenmäßig geringer genutzte, jedoch wesentlich kostenintensivere Funktionen aufrechnen zu wollen. Alle haben ihre Berechtigung in einer kleinen Großstadt, die als Oberzentrum für die Region eine wichtige Rolle spielt, und hier gilt es, ohne Vorbehalte gegenüber wissenschaftlichen oder nichtwissenschaftlichen Aufgabenstellungen mit den finanziellen Möglichkeiten und dem gegebenen Bedarf Prioritäten zu setzen, einen vertretbaren Kompromiss zu finden und immer wieder neu auszuhandeln, der den Zielgruppen und dem Unterhaltsträger vermittelbar ist.

Der Bestandsaufbau der ehemals wissenschaftlichen Abteilung, die eine Magazinbibliothek war, konnte sich lange Zeit an der – vielleicht illusionären – Vorstellung orientieren, dass wissenschaftliche Literatur, in der richtigen Auswahl, relativ unabhängig von der konkret erwarteten Nutzung zu beschaffen und aufzubewahren sei. Ob dies an und für sich und unter der Voraussetzung unbeschränkt verfügbarer finanzieller Mittel und räumlicher Kapazitäten möglich ist, das sei dahingestellt. Jedoch geraten wir in einen Zielkonflikt spätestens dann, wenn chronisch unterversorgte Angebotssegmente, z. B. Kinderbücher, aus ein- und demselben Budget zu finanzieren, und ein gewachsenes Ungleichgewicht in der Relation von Mittelverwendung und messbarer Nutzung nicht zu vertreten ist. Auch ohne den Bestandsaufbau ausschließlich oder nur überwiegend am Ziel, Ausleihzahlen zu maximieren, ausrichten zu wollen – davon sind wir weit entfernt – kommen wir nicht umhin, ihn nach Maßgabe des konkret feststellbaren Bedarfs zu betreiben, ohne diesen Bedarf ideologisch wertend in einen mehr oder weniger gerechtfertigten Bedarf aufzuteilen. Das heißt, dass kostenintensive Nachschlagewerke, die in einer Stadt, wenn überhaupt, dann in der Bibliothek zur Verfügung stehen, nicht gegen Blockbuster-Literatur ausgespielt werden, deren Anschaffung sich berechenbar in Ausleihzahlen niederschlägt.

Die Zentralbibliothek (ab 1999) der Ulmer Stadtbibliothek ist eine Freihandbibliothek, deren Bestandsaufbau sich weitestgehend am Informationsdienst der Lektoratskooperation orientiert. Dieser bietet für die Erwerbung einer kleinen Großstadtbibliothek nebst Teilbibliotheken, von regionaler Literatur selbstverständlich abgesehen, quantitativ wie qualitativ eine hinreichende und verlässliche Grundlage. Monographische Erwerbungen jenseits des Titelspektrums des ID sind selbstverständlich möglich, aber stets Einzelfälle. Vom einst kühnen Ziel, den Bestandsaufbau der Sachliteratur in allen gut genutzten Fächern am Umfang BA des ID zu orientieren, entfernen wir uns leider von Jahr zu Jahr mehr.

Ulm ist ein Universitäts- und Hochschulstandort mit medizinischem und technisch-naturwissenschaftlichem Schwerpunkt. Für die Menschen der Region, die kultur- und geisteswissenschaftlich unterwegs sind, sind die nächstgelegenen Schwerpunktbibliotheken die UB Tübingen, die UB Augsburg und die WLB Stuttgart. Dazwischen erstreckt sich der Einzugsbereich des Oberzentrums Ulm, und in diesem Einzugsbereich erfüllt die Stadtbibliothek Ulm die Aufgabe der über die Grundversorgung hinausgehenden weitergehenden Literaturversorgung in dem Umfange, der durch den Bedarf einerseits und die finanziellen Möglichkeiten andererseits begrenzt wird.

Der im Jahr 1516 gegründeten wissenschaftlichen Stadtbibliothek verdanken wir:

  • Einen historischen Bestand von ca. 49.000 Titeln, die bis zum Jahr 1800 erschienen sind, darunter ca. 150 Handschriften, von denen ca. 60 mittelalterlichen Ursprungs sind; 620 Inkunabeln, darunter ein Unikat; für das 17. Jahrhundert einen Bestand von ca. 22.000 Druckschriften; außerdem 486 Einblattdrucke überwiegend aus dem 16. und dem 17. Jahrhundert,

  • Ein Magazin mit ca. 140.000 Einheiten ab 1800, zahlreichen laufenden und unterbrochenen Zeitschriften und Fortsetzungen und Monographien; letztere, insbesondere der Bestand mit dem Erscheinungsjahr 1980 ff. wird regelmäßig für die Ausleihe frequentiert,

  • Einen ausgebauten Bestand an Nachschlagewerken,

  • Einen Torso juristischer Literatur aus dem 16. bis 18. Jahrhundert, der der Bibliothek in der Nachkriegszeit zufiel und der von uns als Kreisgerichtshofbibliothek geführt wird.

1810 wurde die ehemalige freie Reichsstadt Ulm, seit 1802 bayerisch, dem Königreich Württemberg zugeschlagen, Ulm wurde Verwaltungssitz des Donaukreises und erhielt einen Kreisgerichtshof. Für diesen wurde eine Bibliothek aufgebaut, von der heute mit ca. 3200 Titeln nur ein vermutlich kleiner Teil erhalten geblieben ist. In diesem Bestand finden wir in sehr überschaubarer Zahl Säkularisationsgut aus den Bibliotheken des ehemaligen Klosters Wiblingen und des Augustiner-Chorherrenstifts St. Michael zu den Wengen wieder. Der größte, auch der Provenienz nach zusammen gehörende Teil des Bestandes stammt aus dem Eigentum eines Mannes, der aus Stade stammte und in Celle als Jurist aufgestiegen war: Ferdinand Adolph von Ende (1760–1816); der Juristerei kehrte er den Rücken um sich der Astronomie zu widmen; 1806 wurde er württembergischer Staats- und Justizminister. Wie seine Privatbibliothek nach Ulm gekommen ist, darüber wissen wir nichts, wie wir Vieles über die Herkunft dieses unvollständigen Bestandes insgesamt nicht wissen, mit dem wir uns erst vor ein paar Jahren beschäftigen konnten. Dem Nachlass Ferdinand Adolph von Endes verdanken wir eine umfangreiche Sammlung juristischer Dissertationen aus dem 17. und dem 18. Jahrhundert, in der Stichproben auch einige unikate Titel ausgemacht haben.15

2 Benutzung des Magazinbestandes

Das Magazin hat die Aufgabe, den Freihandbestand zu entlasten. Von der Möglichkeit, Magazinbestände mit einem Bestellformular online zu bestellen, wird Tag für Tag vielfach Gebrauch gemacht, die gewünschten Bände stehen i. d. R. am nächsten Morgen zur Ausleihe zur Verfügung. Bestände, die älter als hundert Jahre sind, können unter Aufsicht im Lesesaal des Stadtarchivs studiert werden. Das gilt auch für unsere Handschriften, Inkunabeln und frühe Drucke, zu denen uns regelmäßig wissenschaftliche Anfragen erreichen.

3 Retrokatalogisierung der alten Bestände

Die Bestände 1970 ff. waren bereits durch die Teilnahme an der Verbundkatalogisierung im Südwestdeutschen Bibliotheksverbund des BSZ elektronisch nachgewiesen und elektronisch in das neue lokale System übernommen worden. Nachdem 1999 erstmals ein EDV-System eingeführt war, stand nach der Katalogisierung der aktuellen Bestände die Retrokatalogisierung des Magazin- und des Altbestandes auf der Tagesordnung. Beide, Magazin- und historischer Bestand waren in Zettelkatalogen bereits nach Autopsie formal und auch sachlich erschlossen worden. Eine weitere Autopsie war daher nicht notwendig. Das BSZ stellte uns freundlicherweise im Jahr 2002 den gesamten Katalogdatenbestand zur Verfügung, damit wir ihn als Fremddatenpool mit einer Trefferquote von weit über 95 % nutzen konnten.

4 Überregionale Nachweise

Unser Bestand an Inkunabeln und Inkunabelfragmenten ist bereits an INKA, den Inkunabelkatalog der Universitätsbibliothek Tübingen gemeldet. Nach Abschluss der Retrokatalogisierung ist unser Vorhaben, unsere Bestandsdaten an das BSZ (überwiegend durch Ansigeln) zurück zu liefern, noch nicht erledigt. Es ist unser Ziel, alle unsere Bestände in absehbarer Zeit im Südwestverbund und damit im KVK nachgewiesen zu haben. Das gilt nicht weniger für die Datenpools von VD 16, VD 17 und VD 18. Handschriften und Handschriftenfragmente werden an die einschlägigen Datenbankprojekte manuscripta-mediaevalia.de und an das Marburger Repertorium (Handschriftencensus) gemeldet werden. Im Handbuch der historischen Buchbestände ist der historische Bestand der Bibliothek ausführlich beschrieben worden.16

5 Bestandserhaltung

Unsere Bestände haben tatsächlich schwierigere Zeiten überstanden als die unsrigen. Dass es sie noch gibt, verdanken wir der ehemaligen Kollegin Toni Haußer. 1877 geboren trat sie nach einem Studium der neueren Sprachen, der Kunstgeschichte und der Literaturwissenschaft und einem Volontariat von April bis Oktober 1913 an der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart im November desselben Jahres ihren Dienst in der Ulmer Bibliothek an. In der Zeit der Vakanz der Stelle des Leiters (März 1927 bis Februar 1928) war ihr die kommissarische Leitung der Bibliothek übertragen. Im November 1945 trat sie in den Ruhestand und Anfang Mai 1957 starb sie. Weil der seit 1939 amtierende Leiter Archivrat Dr. Max Huber vom Spätherbst 1939 bis zum Kriegsende eingezogen war, lastete auf ihr die Verantwortung, die Bestände von Stadtarchiv und Stadtbibliothek geordnet auszulagern – eine Leistung in den Kriegswirren, die nicht hoch genug gepriesen werden kann. Im Sommer 1942 hatte das Reichsluftfahrtministerium eine Empfehlung, Kulturgut in Sicherheit zu bringen, formuliert. Ab September waren die Bestände nach und nach ausgelagert worden, der größte Teil erst im November 1944. Der Krieg kehrte in die Garnisonsstadt Ulm zurück und am 17. Dezember 1944 wurde das Bibliotheks- und Archivgebäude zu drei Vierteln zerstört, der Bibliotheksbestand von vor 1860 erfuhr keine, der Archivbestand mengenmäßig überschaubare, wenn auch inhaltlich sehr schmerzliche Verluste.

Umso mehr stellt sich uns heute die wichtige und dringende Frage in Bezug auf die Erhaltung der historischen Bestände. Altes zu erhalten kostet Zeit, die Schadenfälle zu ermitteln und Geld, auch wenn nicht immer gleich umfängliche Restaurierungsarbeiten nötig sind. Ungebunden gebliebene Handschriften und Fragmente werden kostengünstig in maßgefertigten Konservierungskassetten aus säurefreiem Papier aufbewahrt. Solche anzufertigen gehört zum Leistungsspektrum unseres Buchbindermeisters. Für Bestandserhaltungsmaßnahmen in den Kultureinrichtungen der Stadt (Stadtarchiv, Ulmer Museum und Stadtbibliothek) hat der Gemeinderat im Jahr 2015 Mittel bewilligt, die die Stadtbibliothek in den nächsten Jahren jeweils in der Höhe von 9.000 € zusätzlich zum Budget unterstützen werden.

6 Restaurierungspatenschaften „Adopt a book“

Nicht immer ist es mit konservatorischen Maßnahmen getan. Für Restaurierungsarbeiten, für die auch ein sehr guter Buchbindermeister nicht ausgebildet ist, haben wir keinen Etat. Der Förderverein, die 1994 gegründete Bibliotheksgesellschaft Ulm e. V., übernahm es dankenswerterweise als eine ihrer ersten Aufgaben, für restaurierungsbedürftige Bände des historischen Bestandes Patenschaften zu vermitteln. Auf diese Weise sind (Stand: Ende 2015) bisher 93 Bände für insgesamt ca. 82.000 € restauriert worden. Für das Jahr 2016 sind für vier weitere Bände bereits weitere 7000 € zugesagt; Jahr für Jahr werden vier bis sechs Restaurierungsmaßnahmen ermöglicht, und in absehbarer Zeit könnten alle als restaurierungsbedürftig bekannten Bände für die nächsten 500 Jahre gesichert sein. Regelmäßige Führungen durch den Altbestand erinnern potentiell Interessierte ebenso an diese Möglichkeit des bürgerschaftlichen Engagements durch eine Buchpatenschaft wie Beiträge in der lokalen Presse. Ein Antrag an die Koordinierungsstelle zur Erhaltung des schriftlichen Kulturguts (KEK) auf einen Zuschuss im Rahmen des Programms „Vergessene Kostbarkeiten“ des Jahres 2015 blieb leider erfolglos.

7 Digitalisierung

Digitalisierungsmaßnahmen dienen sowohl der Verfügbarkeit der aufbewahrten Inhalte als auch der Schonung der Materialien. Mit Mitteln des Bundes haben wir im Jahr 2008 die datierten Handschriften vor 1500 unseres Bestandes sicherungsverfilmen lassen; vom Sicherungsfilm ließen sich ausgezeichnete digitale Kopien erzeugen, so dass wir das Autograph Felix Fabris (s. u.) auf DVD zur Verfügung stellen können. Wir digitalisieren bei Bedarf mit den beherrschbaren Bordmitteln ohne High-end-Ausstattung und ohne den Anspruch, einen High-end-Standard zu liefern; doch bisher sind alle Anfragen nach digitalen Aufnahmen für Publikationszwecke zur Zufriedenheit der Bedarfsträger erfüllt worden. Als Nebenprodukte werden Digitalisate vollständiger Werke für den open access-Zugriff zur Verfügung gestellt. 17

8 Dr.-Rosemarie-Wildermuth-Stiftung

Die 1995 verstorbene Dr. Rosemarie Wildermuth war eine begeisterte Bibliotheksnutzerin der ehemaligen wissenschaftlichen Abteilung der Ulmer Bibliothek und Gründungsmitglied der Bibliotheksgesellschaft e. V. Sie war so begeistert, so hat es ihr Mann, Ulrich Wildermuth, berichtet, nicht nach Stuttgart zu müssen, um wissenschaftliche Literatur und auch z. B. die Landtagsdrucksachen zu finden. Aus dieser Motivation heraus stiftete sie eine Summe Geldes in eine von der Ulmer Bürgerstiftung verwaltete Stiftung, deren Kapitalertrag angesammelt der Bibliothek bei Bedarf zur Verfügung steht. Ihr 2011 ebenfalls verstorbener Mann, ehemals Chefredakteur des hiesigen Pressehauses, stockte das Kapital dieser Stiftung auf 100.000 € auf.

9 Buch des Monats

Seit dem Beginn des Jahres 2006 legen wir monatlich jeweils ein Buch aus dem Altbestand in einer Vitrine aus. Unterstützt wird die Maßnahme durch ein – jeden Monat etwas anders ansprechend gestaltetes – Plakat und durch einen erläuternden Text im Umfang von einer Seite in DIN A4, der den Band historisch und literaturgeschichtlich einordnet; dieser Text steht auf der Homepage zur Verfügung und in der Summe eignen sich diese Texte auch als Rohmaterial für eine gelegentliche Publikation. Nicht zu unterschätzen ist, dass die kontinuierliche Arbeit am „Buch des Monats“ Anlass zur steten inhaltlichen Beschäftigung mit diesem Bestand gibt und der interessierten Öffentlichkeit regelmäßig eine Überraschung bietet.

10 Ausstellungen

Der Neubau der Zentralbibliothek ist für thematische Ausstellungen mit dem alten Bestand wenig geeignet, eine für die Ausstattung mit Vitrinen geeignete Fläche, wie wir sie am alten Standort noch hatten, war nicht Teil des ausgeschriebenen Raumprogramms. Die Möglichkeiten beschränken sich auf einige Tischvitrinen, in denen Hochkarätiges über einen begrenzten Zeitraum hin gezeigt werden kann. Für diesen Zweck beschaffen wir im Rahmen der Finanzierung unseres Jubiläumsprogramms neue Tischvitrinen, teilweise zum Austausch, teilweise zur Ergänzung der sechs alten, die wenigstens teilweise annähernd an die sechzig Jahre alt sein dürften und dementsprechend zahlreiche Gebrauchsspuren haben.

11 Schriftenreihe „Veröffentlichungen der Stadtbibliothek Ulm“

1981 erschien der erste Band der Schriftenreihe „Veröffentlichungen der Stadtbibliothek Ulm“, der Band 24 erschien im Jahr 2013. Die Bände vier und fünf erschienen im Jahr 1984 und sind, mit Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft erarbeitet und gedruckt, der Geschichte der Wagner’schen Druckerei in Ulm (1677–1804) gewidmet18 . Der ehemalige Kollege Elmar Schmitt, der die Bände erarbeitet hat, schwärmt noch heute von der wohlwollenden Unterstützung, die Paul Raabe ihm anlässlich einer Tagung in Wolfenbüttel in Bezug auf dieses Projekt in Aussicht gestellt und mit der er sich bei der DFG dafür verwandt hat. Die finanziellen Möglichkeiten, eine solche Schriftenreihe regelmäßig zu bedienen, sind inzwischen schmal geworden – unmöglich sind solche Projekte gleichwohl nicht. Die Bibliotheksgesellschaft e. V. sowie die Dr.-Rosemarie-Wildermuth-Stiftung e. V. mit ihren jährlichen Ausschüttungen von Zinserträgen, die zudem angesammelt werden können, geben uns bei Bedarf für eine gelegentliche Fortsetzung eine gewisse Planbarkeit.

12 Weitere Publikationen

Die Schriftenreihe der Stadtbibliothek hat es seit 1981 auf insgesamt 24 Bände gebracht, und wenige Publikationen sind auch außerhalb der Schriftenreihe erschienen. Die meisten dieser Publikationen beziehen sich selbstverständlich auf den Bestand unserer Bibliothek – wenn auch nicht alle. Die Publikationen sind stets vollständig seitens der Bibliothek finanziert. Ein Teil der Exemplare, die die Bibliothek von einer Auflage zur eigenen Verwendung erhält, wird im Schriftentausch verwendet, andere werden bei Gelegenheit Gästen aus dem In- und Ausland als Geschenk mitgegeben, gelegentlich wird eines verkauft. Die kostenintensive Produktion eines Buches ist nicht mehr, wie zu den besten Zeiten, in der üblichen, durchschnittlich jährlichen Frequenz möglich, sondern nur mehr mit Mitteln der Bibliotheksgesellschaft e. V. und der Dr.-Rosemarie-Wildermuth-Stiftung, die diesem Zweck jedoch nicht ausschließlich vorbehalten sind.

Gelegentliche Ergebnisse der eigenen Arbeit bzw. der Arbeit Anderer zu unserem Altbestand publizieren wir annähernd kostenfrei inzwischen digital und begnügen uns mit einer sehr überschaubaren Anzahl von zehn bis fünfzehn auf alterungsbeständigem Papier gedruckter Exemplare, die wir zudem bei Bedarf nachträglich produzieren können. Diese digitalen Publikationen, die von Fachpublikum abgesehen i. d. R. auch nur für ein lokales und regionales Publikum von Interesse sind, werden in einem städtischen Speicherbereich für den open access bereitgehalten und mit dem Katalogeintrag verlinkt. Hier handelt es sich beispielsweise um

  • den Ulm betreffenden Teil von Friedrich Nicolais 1795 erschienenen Bericht über seine Deutschlandreise,

  • die Analyse eines rechtshistorischen Handschriftenfragments durch einen hiesigen Rechtshistoriker,

  • die Übersetzung des ältesten Berichts (1552 in spanischer Sprache in Antwerpen erschienen) über das „Ulmer Fischerstechen“ von 1549, eine Art Ritterturnier, das bis heute auf der Donau ausgetragen wird,

  • die Übersetzung eines Berichts zur Einweihungsfeier der Ulmer Dreifaltigkeitskirche im Jahr 1621 aus dem Lateinischen,

  • die Publikation des Festvortrages zum Jubiläum 2016.

13 Bandkataloge

Historische Kataloge sind eine wichtige bibliotheks- und bestandsgeschichtliche Quelle. Unser historischer Bestand ist katalogisiert, die Katalogisate sind durch exemplarbezogene Angaben (Einbände, Provenienzen) angereichert. Die Recherchemöglichkeiten in unserem Internetkatalog sind beschränkt, er gestattet nicht den kursorischen Blick auf den Gesamtbestand. Aus diesem Grunde haben wir uns entschlossen, das Titelmaterial zu einzelnen abgeschlossenen Beständen aus der Katalogdatenbank in Bandkataloge zu überführen, die den Bestand nach dem numerus currens verzeichnen. Der Standortkatalog ist durch automatisch erzeugte Register erschlossen – zu Verfassern und sonstigen beteiligten Personen, zum Druckort in Verbindung mit dem Drucker, zum Erscheinungsjahr und zu den Provenienzen. Auch hier werden zehn bis zwölf Exemplare, selbstverständlich auf alterungsbeständiges Papier, gedruckt. Die Datei steht im Format PDF für den open access zur Verfügung.19

14 Digizeitschriften

In den 70er, 80er und 90er Jahren hat die wissenschaftliche Abteilung ihren Bestand an wissenschaftlichen Zeitschriften zu geistes- und kulturwissenschaftlichen Fächern ausgebaut. Der Bestandsaufbau im Bereich der Periodika war bei weitem nicht so kontinuierlich, wie es im Nachhinein gerne verklärt wird – er erfolgte nach Kassenlage und folgte deren Schwankungen, auch wenn sie bei weitem nicht so knapp war und sich nicht tendenziell so eindeutig abwärts bewegt hat wie in den vergangenen zwanzig Jahren. Zudem war dieser Bestandsaufbau an der Idee eines in sich auf Dauer und „für die Ewigkeit“ konsistenten Bestandes orientiert und nicht am durchaus auch aktuellen Bedarf einer Bevölkerung in der Stadt und in der Region, für die die Stadt als Oberzentrum fungiert. Sehr spezielle Fachzeitschriften wie die drei Reihen der Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte wurden und werden naturgemäß nur wenig genutzt. Die Preise der Abonnements steigen und die Nutzung rechtfertigt immer weniger, die finanziellen Mittel auf diese Weise zu binden. Dennoch ist uns wichtig, dieses Angebot nicht ersatzlos zu streichen.

Zur Jahreswende 2015/16 arbeiten wir noch daran, das Spektrum unserer digitalen Angebote, auf die auch remote zugegriffen werden kann, um www.digizeitschriften.de der SUB Göttingen zu erweitern. Die Authentifizierung für den Remotezugriff soll über die Schnittstelle erfolgen, welche auch die Authentifizierung für die Fernleihe realisiert. Eine kommunale Bibliothek ist nun einmal nicht in ein Campusnetzwerk integriert, das eine solche Authentifizierung bietet. Derzeit ist noch offen, wie eine technisch vertretbare, zuverlässige Lösung für den Remotezugriff realisierbar ist. Das Archiv von Digizeitschriften enthält viele Zeitschriftentitel, die wir aus Kostengründen längst abbestellt haben und auch solche, die wir nie hatten. In einer Zeit, in der es nicht gerechtfertigt ist, mittlere fünfstellige Summen für wenig genutzte Zeitschriften auszugeben, ist es ein Versuch, diese und vergleichbare Inhalte für die Benutzer, die sie benötigen, anzubieten und so durchaus auch die Tradition einer wissenschaftlichen Stadtbibliothek im vertretbaren Rahmen weiter zu führen. Mittelfristig bietet uns dieses Angebot die Möglichkeit, unser begrenztes Magazin von nicht genutzten Zeitschriftenbeständen zu entlasten. Die Erschließung des Archivs von Digizeitschriften erfolgt über die Rechercheoberfläche der Deutschen Digitalen Bibliothek, mit der unsere Benutzer bei Bedarf im Rahmen fortgeschrittener wissenschaftspropädeutischer Veranstaltungen vertraut gemacht werden.

15 Gelegentliche Nachlässe

Im Juni 2013 entschied eine Schweizerin, ein 1536 gedrucktes Buch, das sie von ihrem Onkel geerbt hatte, der Stadt zu schenken, in der es gedruckt worden war. Wir haben es gerne genommen, handelt es sich doch um die erste Druckvariante der Chronica des Sebastian Franck, die wir bisher in der dritten Druckvariante haben. Derzeit wird der Band restauriert. Besondere Nachlässe bereichern unseren ausgebauten Bestand literarischer Ausgaben oder wissenschaftlicher Literatur im Magazin, sofern für uns absehbar und langfristig, nutzungsrelevant, denn über Ulmensien hinaus haben wir keinen Sammelauftrag. Doch gelegentlich finden sich in solchen Nachlässen wirkliche Überraschungen: Innerhalb nur weniger Wochen des Jahres 2015 wurde unser historischer Bestand um drei frühneuzeitliche Anatomieatlanten bereichert, die mehrere Bürger der Stadt uns aus Privatbesitz überlassen haben. Dies sind ein Exemplar des ausgesprochen seltenen The anatomy of human bodies, Oxford, 1698 von William Cowper, das zweibändige Theatrum anatomicum von Jean-Jacques Manget, Genf 1716 sowie die Anatomia Deudsch von Andreas Vesalius, Nürnberg, 1551. Im Frühjahr 2016 erfolgte die Übergabe einiger sehr seltener Drucke, die aus dem Eigentum eines verstorbenen Bürgers der Stadt Ulm stammen, wiederum aus der Schweiz.

16 Jubiläumsprogramm

Im Jubiläumsjahr 2016 feiern wir 500 Jahre Stadtbibliothek im Zeitraum vom 1. April bis zum 24. Oktober. Die ganze Stadtbibliothek und nicht etwa ein längst verschwundener Teil begeht dieses Jubiläum; wir feiern es auch in den Teilbibliotheken der Stadtteile und auch im Bücherbus. Im Fokus steht die Geschichte der Bibliothek wie ihre Zukunft. An dieser Stelle beschränken wir uns gleichwohl darauf, die Veranstaltungen des Jubiläumsjahres, die sich auf die historischen Bestände beziehen, zu erwähnen. Das gesamte Programm wird von unserer Homepage herunterzuladen sein.

  • Für den Festakt am 1. April ist ein Vortrag des Erlanger Theologen und Kirchenhistorikers Prof. Dr. Berndt Hamm über den Geistlichen Ulrich Krafft (1460–1516) in Vorbereitung. In erweiterter Form werden wir den Vortragstext zeitnah publizieren.

  • Am 11. Mai werden fortgeschrittene Studierende im Fach „Historische Hilfswissenschaften“ an der Universität Mannheim ausgewählte Stücke aus unserem Bestand mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Handschriften vorstellen.

  • Am 24. Juli wird das Ulmer Scherer-Ensemble Musik aus dem Musikalienbestand der Bibliothek, vornehmlich aus dem Bestand des Patriziers Anton Schermar (1604–1681) und aus dem von uns aufbewahrten Nachlass des Komponisten Bernhard Rövenstrunk darbieten.

  • Am 9./10. September wird eine internationale Tagung dem Werk des Ulmer Dominikanermönchs Felix Fabri (geb. um 1440 in Zürich, gest. 1502 in Ulm) gewidmet sein. Sein dreibändiges Autograph enthält in zwei Bänden das Evagatorium in Terrae Sanctae, Arabiae et Egypti peregrinationem, eine Beschreibung zweier Pilgerreisen in das Heilige Land und auf den Sinai; der dritte Band enthält mit dem Tractatus de civitate Ulmensi nicht nur die älteste Chronik Ulms, sondern auch den ersten Versuch einer systematischen Stadtbeschreibung nördlich der Alpen. Es gehört zu den wertvollsten und international am meisten nachgefragten Stücken unseres Bestandes. Die Tagung richtet sich an Fachleute wie an das historisch interessierte städtische Publikum.

Der eingangs erwähnte im Jahr 1841 gegründete „Verein für Kunst und Altertum in Ulm und Oberschwaben“, der in unserem Jubiläumsjahr immerhin auf 175 Jahre seines Bestehens zurückblicken darf, hat sich sicherlich nicht nur um den Münsterturm, sondern auch um Geschichtsinteresse und Geschichtsbewusstsein in der Stadt verdient gemacht. In dieser Atmosphäre erfährt auch der historische Bestand der Bibliothek, wie die Bestände des Museums und des Stadtarchivs Teil des kulturellen Erbes der Stadt, immer wieder Aufmerksamkeit und, wenn die Zeiten besonders günstig sind, auch Unterstützung. Im Rahmen des Möglichen tun wir das unsere dazu, dass die Bestände in unserer Zeit nicht vergessen werden und dass sie nachfolgenden Generationen zur Verfügung stehen.

Footnotes

  • 1

    Gerbert, Martin: Reisen durch Alemannien, Welschland und Frankreich. Ulm, 1767, S. 179 f. 

  • 2

    Philipp Wilhelm Gercken: Reisen durch Schwaben, Baiern, angränzende Schweiz, Franken und die Rheinische Provinzen &c in den Jahren 1779 – 1782. Stendal, 1783, S. 96. 

  • 3

    Nicolai, Friedrich: Beschreibung einer Reise durch Deutschland und die Schweiz. Bd. 9, Berlin, 1795, S. 88 f. 

  • 4

    Serapeum 5.1844, S. 193–202. 

  • 5

    Katalog der Neithartschen Familienbibliothek, 1465, in: Mittelalterliche Bibliothekskataloge Deutschlands und der Schweiz. Bd. 1: Die Bistümer Konstanz und Chur, bearb. von Paul Lehmann. München, 1918. S. 305–382. 

  • 6

    Greiner, Johannes: Ulms Bibliothekswesen, in: Württembergische Vierteljahrshefte für Landesgeschichte N. F. 26.1917, S. 64–120, hier S. 67. 

  • 7

    Ich danke Herrn Dr. Bernd Breitenbruch, der den Katalog von 1549 editiert hat. 

  • 8

    Intelligenzblatt zum Serapeum 18.1857 Nr. 5, S. 33–37, 41–45, 49–53, 57–61,65–69. 

  • 9

    Brunet, Jacques-Charles: Manuel du libraire et de l’amateur de livres. Bd. 5. 5. Aufl. Berlin, 1967, Sp. 494. Johann Georg Graesse zitiert dies 1865 im Bd. 6 des Trèsor de livres rares et précieux. Dresden 1865, S. 470. 

  • 10

    Spirito, Lorenzo: Libro delle sorti. Perugia, 1482. GW M43158. 

  • 11

    Sotzmann, Johann Daniel F.: Die Loosbücher des Mittelalters, in: Serapeum 11.1850, S. 48–62. 

  • 12

    Intelligenzblatt zum Serapeum 22.1861, S. 125–127, 129–134, 136–143, 145–149, 153–155. 

  • 13

    Vgl. Breitenbruch, Bernd und Herbert Wiegandt: Städtische Bibliotheken in Ulm. Weißenhorn, 1996 sowie zahlreiche weitere Beiträge vor allem Bernd Breitenbruchs zu Detailfragen der Bestandsgeschichte. 

  • 14

    So im Geleitwort auf S. 7 zu: Städtische Bibliotheken in Ulm, 1996, vgl. Anm. 14. 

  • 15

    Die Bibliothek des Kreisgerichtshofes des Donaukreises, Standortkatalog. Ulm, Stadtbibliothek, 2014. 

  • 16

    Breitenbruch, Bernd: Ulm 1 – Stadtbibliothek, in: Handbuch der historischen Buchbestände in Deutschland. Bd. 9: Baden-Württemberg und Saarland, T-Z. Hildesheim u. a., 1994, S. 149–162. 

  • 17

    Auf unserer Homepage findet sich die unikate Inkunabel unter http://www.ulm.de/buecher/lb1482/[Zugriff: 18.1.2016] sowie ein koloriertes Exemplar des New Kräuterbuch, Basel 1543 unter http://www.ulm.de/buecher/lfnkb1543 [Zugriff: 18.1.2016]; es handelt sich hier um das persönliche Exemplar von Leonhard Fuchs und schließlich sei das im Text zu Anm. 9 erwähnte Verzeichnis der wichtigsten Werke der Stadtbibliothek Ulm aus dem Jahr 1842 unter http://www.ulm.de/buecher/nb1842/[Zugriff: 18.1.2016]. 

  • 18

    Schmitt, Elmar: Die Drucke der Wagnerschen Druckerei in Ulm 1677–1804. 2 Bde. Konstanz, 1984. 

  • 19

    Z. B. der Catalogus Schad, die Bibliothek des Erhard Schad (1604–1681). Ulm, Stadtbibliothek, 2013 und auch der Standortkatalog zur oben erwähnten Bibliothek des Kreisgerichtshofes des Donaukreises. 

About the article

Alexander Rosenstock

Alexander Rosenstock

Stellv. Bibliotheksleiter

Stadtbibliothek Ulm

Vestgasse 1

89073 Ulm


Published Online: 2016-03-15

Published in Print: 2016-03-01


Citation Information: Bibliotheksdienst, Volume 50, Issue 3-4, Pages 354–370, ISSN (Online) 2194-9646, ISSN (Print) 0006-1972, DOI: https://doi.org/10.1515/bd-2016-0037.

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