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Editor-in-Chief: Michalke, Karin / Ihrig, Hartmuth

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2194-9646
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Volume 50, Issue 5

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Hitler, Mein Kampf als bibliothekarische Aufgabe – Ein Magdeburger Plädoyer

Hitler, Mein Kampf as the library’s responsibility

Ralf Regener
  • Corresponding author
  • Leiter der Abteilung Medienbearbeitung/Fachreferent für Geschichte, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Universitätsbibliothek, Universitätsplatz 2, 39106 Magdeburg, Deutschland
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Published Online: 2016-04-12 | DOI: https://doi.org/10.1515/bd-2016-0050

Zusammenfassung:

Mit dem Erscheinen der kritischen Edition von Hitlers Hetzschrift Mein Kampf Anfang 2016 müssen viele Bibliotheken entscheiden, wie sie damit umgehen wollen: Ignorieren oder Erwerben, Freihand- oder Magazinaufstellung? Der Beitrag diskutiert aus Sicht der Universitätsbibliothek mögliche Optionen, um trotz aller Gefahren ein Plädoyer für einen offenen und kritischen Umgang zu geben.

Abstract:

When in January 2016 the critical edition of Hitler’s inflammatory writing Mein Kampf is published, many libraries have to decide how to deal with it: ignoring or acquiring it, placing it in the open-access department or in the stacks? This article discusses possible options from the point of view of the Magdeburg university library in order to argue in favour of dealing openly and critically with the work, despite all dangers.

Schlüsselwörter: : Hitler Mein Kampf; Universitätsbibliothek; Bereitstellung

Keywords: : Hitler Mein Kampf; university library; provision

Anfang 2016 war es nun so weit: 70 Jahre nach dem Tod des Autors liefen die Rechte für eines der bekanntesten und schwierigsten deutschen Bücher des 20. Jahrhunderts, ja der deutschen Geschichte überhaupt, aus. Adolf Hitlers Hetzschrift Mein Kampf kann nun von jedem ohne Beschränkungen reproduziert werden. Bis 2015 lagen die Rechte beim Freistaat Bayern, der jegliche Vervielfältigung untersagt hatte.

Schon seit einigen Jahren gibt es unter Wissenschaftlern und Politikern eine Kontroverse darüber, wie nun mit diesem Buch nach Ablauf der Urheberrechte zu verfahren sei. Namhafte Historiker, wie der Hitler-Biograph Ian Kershaw1 oder Hans-Ulrich Wehler2 , Autor des Standardwerkes Deutsche Gesellschaftsgeschichte, plädierten frühzeitig dafür, eine von Fachleuten erarbeitete kritische Edition herauszugeben. Besonders schwer tat sich dagegen die bayerische Staatsregierung, die das Veröffentlichungsprojekt des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) erst unterstützte und dann die Förderung stoppte.3

An dieser Stelle soll es jedoch nicht in erster Linie um die sehr vielschichtige gesellschaftliche Debatte rund um die Edition von Mein Kampf gehen. Denn Fakt ist, eine kritische Ausgabe ist 2016 erschienen.4 Egal, wie man persönlich oder fachlich dazu steht, Bibliothekare müssen vor diesem Hintergrund nun Stellung beziehen. Denn mit Erscheinen der kritischen Edition hat fast jede größere Bibliothek auch gleichzeitig die Aufgabe, mindestens ein Exemplar anzuschaffen und bereitzustellen. Doch wie sollte man dieses schwierige Buch den Nutzern zugänglich machen? Im Folgenden soll diese Frage aus Sicht einer Universitätsbibliothek diskutiert und beispielhaft beantwortet werden.

Ein Blick in die jeweiligen „Giftschränke“ der Bibliotheken oder das Heranziehen von früheren Verfahrensweisen und Bespielen5 sind für diesen Fall nicht hilfreich. Die kritische Edition von Mein Kampf hat schlicht eine andere Dimension als die Originalausgaben vor 1945 oder andere Hetzschriften aus der Zeit des Nationalsozialismus, schon allein, weil letztere unkommentierte Quellen sind, die nicht selten verfassungswidrige Zeichen enthalten.

Weiterhin muss in diesem Zusammenhang klar sein, dass die kritische Edition von Mein Kampf ab diesem Jahr für jeden über den Buchhandel erhältlich ist. Auch wenn sich der Buchhandel schwertut, sie verständlicherweise nicht exponiert und stapelweise anbietet, so kann man es doch zumindest in vielen Filialen und online bestellen.6 Im Ausland konnte man Originalausgaben oder Nachdrucke ohnehin schon erwerben. In der Türkei entwickelte sich vor zehn Jahren ein Neudruck sogar zum Bestseller.7

Darüber hinaus kann man in Zeiten des Internets ohnehin nicht mehr gewährleisten, dass bestimmte Texte und Bücher nicht oder nur unter Aufsicht gelesen werden können. War das Vervielfältigungsverbot bis in die 1990er noch unter dem Aspekt des Unterverschlusshaltens sinnvoll, so ist das spätestens seit der Jahrtausendwende obsolet. Jeder, der über einen Internetzugang verfügt, kann sich den Text von Mein Kampf ansehen, herunterladen und ausdrucken.8 Genau dort liegt ein großes Problempotenzial. Erstens erfolgt die Nutzung ungefiltert und unkommentiert. Möglicherwiese kann dieses gefährliche Gedankengut die Wirkung erzielen, die einmal beabsichtigt war: Hetze, Angst und Hass gegenüber bestimmten gesellschaftlichen Gruppen zu schüren. Eine kommentierte Ausgabe kann mittels kritischen Anmerkungen dem entgegenwirken. Weiterhin besteht die Gefahr, dass man über die Suche nach Mein Kampf, aus welchen Gründen auch immer, auf rechtsradikale Internetseiten gelangt, die noch Sinn und Wahrheit in dieser Hetzschrift sehen wollen. Kurzum, jeder der will, kann Mein Kampf lesen, mit oder ohne Bibliothek.

Deshalb plädiere ich dafür, die kritische Ausgabe von Mein Kampf nicht anders als übrige wissenschaftlich relevante Bücher zu behandeln. Für die Magdeburger Universitätsbibliothek heißt das konkret, dass zunächst drei Exemplare angeschafft und, auch aufgrund einer Nachfrage eines wissenschaftlichen Mitarbeiters, unverzüglich eingearbeitet wurden. Seit Mitte Januar 2016 ist in der UB Magdeburg ein Exemplar für die Präsenz- bzw. Lesesaalnutzung verfügbar, zwei weitere Exemplare stehen im Freihandbereich und können zu den normalen Konditionen ausgeliehen werden. Es wurde bewusst die Entscheidung getroffen, das Werk nicht mit besonderen Ausleihbeschränkungen zu belegen, sondern, vor dem Hintergrund der Wichtigkeit für Forschung und Lehre, aber auch interessierter Öffentlichkeit, wie jedes andere wissenschaftliche Buch in der Bibliothek zu behandeln. Die UB Magdeburg war damit eine der ersten Bibliotheken, die ihren Lesern die kritische Edition von Mein Kampf zur Verfügung stellte. Dies sicherlich auch, weil die erste Auflage von 4.000 Exemplaren sofort vergriffen war9 und einige Bibliotheken nun auf die im Februar erscheinende zweite Auflage warten. In den jeweiligen Katalogen vergleichbarer Einrichtungen war das Exemplar zwar nachgewiesen, jedoch lediglich als bestellt bzw. in Bearbeitung gekennzeichnet (Stand 1.2.2016).

Neben der eingangs geäußerten Erkenntnis, dass ein Unterverschlusshalten faktisch wirkungslos ist, waren noch andere Beweggründe ausschlaggebend. Ob das Buch angeschafft wird oder nicht, stand nie zur Debatte. Als Universitätsbibliothek, die auch eine geisteswissenschaftliche Fakultät zu bedienen hat, war die Anschaffung notwendig, zumal wissenschaftliche Mitarbeiter den Anschaffungswunsch explizit geäußert hatten.

Interessant wird es nun bei der Frage, wie man ein solches Werk präsentieren bzw. verfügbar machen sollte? Da es sich um eine wissenschaftlich erarbeitete kritische Edition handelt, war es m. E. geboten, jegliche Zensur zu unterlassen. Als Zensur wird hier nicht nur das Sperren verstanden, sondern ein bewusstes Erschweren der Zugänglichkeit. So könnte man erwägen, alle Exemplare nur für die Präsenznutzung vorzuhalten, um sie nicht ausleihbar anzubieten. Eine andere Möglichkeit wäre das geschlossene Magazinieren, das die Chance bieten würde, jede Nutzung zu steuern und zu kontrollieren. Ein weiterer an sich praktikabler Weg wäre die Festsetzung der Verfügbarkeit ausschließlich für wissenschaftliches Personal und jene Studierende, die eine Leseerlaubnis eines Dozenten vorweisen könnten, die bescheinigt, dass dieses Werk für wissenschaftliche Zwecke genutzt werden soll. Da sich die UB Magdeburg aber auch für eine interessierte Öffentlichkeit in Stadt und Region verantwortlich fühlt, wäre jedoch genau diese Nutzergruppe ausgeschlossen. Fraglich ist auch, welchen konkreten Nutzen ebenjene Zensur haben sollte. Eher könnte man vermuten, dass man auch das Gegenteil all seiner Bemühungen erwirkt. Etwas, das verboten oder schwer zugänglich ist, hat auch immer einen gewissen Reiz, ist auf den ersten Blick allein durch das Verbot interessant. Um genau das zu verhindern, muss man offen und kritisch damit umgehen. Es gehört ebenso und wesentlich zum Bildungsauftrag einer wissenschaftlichen Bibliothek, auch schwierige Medien bereitzustellen und das ohne verdeckte Zensur.

Doch wie sehen die Konsequenzen aus? Leser, die sich mitunter dezent als Rechte zu erkennen geben und genau dieses Buch in der Bibliothek suchen? Das ist gut möglich, aber auch gleichzeitig etwas, das eine Bildungseinrichtung aushalten muss. Solange sich Nutzer im Rahmen der Ordnungen und Vorschriften in der Bibliothek bewegen, hat man kein Argument jemanden daran zu hindern, Mein Kampf dort zu lesen, oder in einem Buch über den Nationalsozialismus, den Holocaust oder einer Hitler-Biographie zu blättern. Weiterhin ist nicht jeder rechtsgerichtete Leser als solcher erkennbar. Woher will man beim ersten Besuch und der Nachfrage nach Mein Kampf wissen, ob es ein Geschichtsstudent des ersten Semesters ist oder doch ein Rechter, der nur nicht so aussieht, wie man es von Demonstrationen aus dem Nachrichten kennt.

Gehäufte ernsthafte Zwischenfälle in Zusammenhang mit der kritischen Edition von Mein Kampf, wie das Beschmieren mit rechten und verfassungsfeindlichen Symbolen, sollten sicherlich Anlass geben, die Sache noch einmal zu überdenken. Einstweilen ist der Standpunkt der UB Magdeburg aber, dieses Buch genauso zu behandeln, wie andere Medien, die für Forschung und Lehre wichtig sind. Aus heutiger Sicht wäre alles andere einerseits wirkungslos und andererseits eine der Sache nicht angemessene Zensur.

Footnotes

  • 1

    Vgl. Farin, Tim: Hitlers „Mein Kampf“. Zwischen Kritik und Propaganda. http://www.stern.de/politik/geschichte/hitlers--mein-kampf--zwischen-kritik-und-propaganda-3091944.html [Zugriff: 01.02.2016]. 

  • 2

    Vgl. Historiker Wehler für wissenschaftliche Edition von „Mein Kampf“. http://www.deutschlandfunk.de/historiker-wehler-fuer-wissenschaftliche-edition-von-mein.691.de.html?dram:article_id=51568 [Zugriff: 01.02.2016]. 

  • 3

    Vgl. „Mein Kampf“: Adolf Hitlers Pamphlet bleibt in Deutschland verboten. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/adolf-hitlers-mein-kampf-verbot-bleibt-nach-justizminister-treffen-a-977582.html [Zugriff: 01.02.2016]. 

  • 4

    Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition, hg. v. Christian Hartmann, Thomas Vordermayer, Othmar Plöckinger, Roman Töppel, München/Berlin 2016. 

  • 5

    Vgl. Kellner, Stephan; Ernst, Wolfgang (Hg.): Der «Giftschrank»: Erotik, Sexualwissenschaft, Politik und Literatur. „Remota“. Die weggesperrten Bücher der Bayerischen Staatsbibliothek. München 2002. 

  • 6

    Vgl. Riebsamen, Hans: „Mein Kampf“ Hitlers Hass-Schrift bleibt im Giftschrank. http://www.faz.net/aktuell/rhein-main/hitlers-schrift-mein-kampf-bleibt-im-giftschrank-13999333.html [Zugriff: 02.02.2016]. 

  • 7

    Vgl. Gärtner, Birgit: Hitler boomt nicht nur am Bosporus. http://www.heise.de/tp/artikel/19/19766/1.html [Zugriff: 04.02.2016]. 

  • 8

    Vgl. Paulmichel, Simone: Die kritische Edition von Hitlers »Mein Kampf« – Eine Analyse.http://b-u-b.de/die-kritische-edition-von-hitlers-mein-kampf-eine-analyse/ [Zugriff: 02.02.2016]. 

  • 9

    Die kritische Edition wurde nicht nur vom Institut für Zeitgeschichte erarbeitet, sondern auch im Eigenverlag herausgegeben. Um kostendeckend vorzugehen, wurden die Stückzahlen vorsichtig kalkuliert. Bei Bedarf wird jedoch unverzüglich nachgedruckt. Vgl. Gärtner, Birgit: Hitler boomt nicht nur am Bosporus. http://www.buchreport.de/nachrichten/handel/handel_nachricht/datum/2016/01/11/mit-erscheinen-vergriffen.htm [Zugriff 03.02.2016]. 

About the article

Ralf Regener

Ralf Regener M.A.

Leiter der Abteilung Medienbearbeitung/Fachreferent für Geschichte, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Universitätsbibliothek, Universitätsplatz 2, 39106 Magdeburg


Published Online: 2016-04-12

Published in Print: 2016-04-01


Citation Information: Bibliotheksdienst, Volume 50, Issue 5, Pages 497–501, ISSN (Online) 2194-9646, ISSN (Print) 0006-1972, DOI: https://doi.org/10.1515/bd-2016-0050.

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