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Bibliotheksdienst

Editor-in-Chief: Michalke, Karin / Ihrig, Hartmuth

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ISSN
2194-9646
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Volume 50, Issue 6

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Rückblick: PROFILE HU – Projekt RFID zur Entwicklung innovativer Dienst- und Serviceleistungen der Bibliotheken der HU – was ist übrig geblieben

Anke Berghaus-Sprengel
  • Corresponding author
  • Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Direktorin, Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt, August-Bebel-Straße 13/50, 06108 Halle (Saale), Deutschland
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Published Online: 2016-05-10 | DOI: https://doi.org/10.1515/bd-2016-0065

Zusammenfassung:

Der Artikel bilanziert das von 2009–2013 an der Humboldt-Universität durchgeführte RFID-Projekt. Standardanwendungen für Bibliotheken sind im Regelbetrieb unverzichtbar geworden, Experimente und multifunktionale Geräte erfordern personelle Betreuung. Es besteht Professionalisierungsbedarf bei den Firmen.

Abstract:

This article sums up the RFID project implemented at Humboldt-Universität in the years 2009 to 2013. Standard applications for libraries have become indispensable for regular operations, staff is needed to supervise experiments and multi-functional machines. External companies need to become more professional.

Schlüsselwörter: RFID; Automatisierung; Selbstbedienung

Keywords: RFID; automation; self service

1 Das Projekt

In den Jahren 2009 bis 2013 durfte die Bibliothek der Humboldt Universität mit Unterstützung durch EFRE-Mittel alle Bibliotheksstandorte mit RFID ausstatten. Die EFRE-Mittel wurden mit Maßgabe bewilligt, dass die UB der HU mögliche Einsatzfelder auf ihre Tauglichkeit im Massenbetrieb bzw. im Alltag testen soll und bei Bedarf bereit ist, ihre Erkenntnisse an andere Kulturinstitutionen weiter zu geben.

Aufgrund dieser Förderausrichtung hat die UB mutig diverse Einsatzszenarien ausprobiert, von denen einige noch in Betrieb sind, einige noch während der Projektlaufzeit wieder abgeschaltet werden mussten und manche Dinge von vornherein nur als zeitlicher begrenzter Test funktionieren konnten.

Die Ausrichtung des Förderschwerpunktes auf experimentelle Einsatzgebiete von RFID und die Prüfung der Alltagstauglichkeit von innovativen Einsatzgebieten von RFID hat zum Einen die Probierfreudigkeit an der HU im Umgang mit dieser Technologie befördert, hat zum Anderen aber durchaus an mehreren Stellen zu der Erkenntnis geführt, dass Aufwand und Nutzen nicht immer in einem guten Verhältnis stehen.

Will man die Bilanz zusammen fassen: für einen Einsatz im Alltag einer so großen Bibliothek mit vielen Standorten sind letztlich nur die Standard-Einsatzfelder von RFID, nämlich Selbstverbuchung, Rückgabe, Transport, Sortierung und Mediensicherung wirklich problemlos zu betreiben und im Alltag unverzichtbar. Aber selbst bei diesen Einsatzfeldern haben wir Entscheidungen getroffen, die nach einigen Jahren Alltag sich als falsch, da zu fehlerträchtig herausstellen.

2 Einsatzfelder für RFID an der HU UB

Aber der Reihe nach, zu allererst möchte ich einfach alle Einsatzfelder aufzählen. Dann würde ich einige dieser Geräte und Funktionen kurz erläutern und erklären, welche Entscheidungen für den Einsatz getroffen worden sind und welche Tücken im Detail dann später aufgefallen sind oder von vornherein bewusst in Kauf genommen wurden.

Bis heute sind im Einsatz: Medienausleihe am Selbstverbucher, Medienrückgabe am Selbstverbucher, Sortierung und Transport, Bezahlfunktionen, Mediennummer einlesen an Arbeitsplätzen, d. h. Vollintegration, Diebstahlsicherung, Add On Besucherzählung, Medienbereitstellung am Dispenser, Lesesaalausleihe am Dispenser, RFID-Schlösser oder Funktionalitäten wie Wiederausleihe, doppelter AFI-Wert oder Medienaufbewahrung.

Zwar getestet, aber nicht mehr in Betrieb sind: Selbstverbuchung mit Smartphone, Inventurgeräte, Hybridverbuchungsgeräte, Hybridsicherungstore.

2.1 Medienausleihe und -rückgabe an Selbstverbuchungsgeräten

Dies sind Standardeinsatzgebiete für RFID-Lösungen. Es gibt diverse Anbieter am Markt, die Anbindung an das LMS funktioniert in der Regel problemlos per SIP2 Schnittstelle und der Nutzer kann Standardbarcode-Lesesausweise genauso einsetzen wie RFID-Lesekarten. Die UB der HU hat an den Geräten die Zusatzfunktion Gebührenzahlung mit Mensakarte eingerichtet, so dass ein Barcodeleser die Anmeldung per Barcode ermöglicht und ein RFID-Lesegerät die anonyme Bezahlung mit der Mensacard annimmt. Diese Geräte funktionieren klaglos. Die älteren Geräte von 2009 sind nicht so formschön wie diejenigen von 2013, aber sie arbeiten. An einigen Standorten mit geringen Ausleihzahlen wurde an den Selbstverbuchern die Rückgabefunktion eingeschaltet. Die Leser werden am Bildschirm aufgefordert, ihr zurückgegebenes Buch auf den bereit stehenden Wagen zu legen und vorgemerkte Bücher an die Benutzungstresen zu bringen. Auch das funktioniert, die Bedienung ist einfach, die Kontofunktionen binden etwas Zeit, so dass eine genügende Anzahl an Geräten an hoch frequentierten Standorten bereit stehen sollte.

2.2 Medienrückgabe, Sortierung und Transport

An den Bibliotheksstandorten sind drei Außenrückgaben mit Dreier-Sortierung, eine mit Zweier-Sortierung und eine mit 14er-Sortierung und Transport in die Stockwerke des Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrums in Betrieb. Auch diese Geräte funktionieren im Wesentlichen. Ein Wartungsvertrag ist jedoch sinnvoll. Problematisch sind manchmal Kleinigkeiten. So müssen z. B. Sensoren immer sauber sein und die Staubentwicklung im Inneren ist erheblich. Der normale Reinigungsdienst kann nicht von innen reinigen, die EDV hat die Zeit nicht, an allen Standorten monatlich zu reinigen und zu den Aufgaben der Bibliothekare vor Ort gehört es nur bedingt. Sie tun es, aber nicht gern und nicht immer regelmäßig. Zusätzlich zum Standard hat die UB die Entwicklung der Funktion Wiederausleihe im Jahre 2010 ausgedacht um die Selbstbedienungsquote zu erhöhen. Zu Beginn mussten die Nutzer nach dreimaliger Verlängerung ihrer Bücher diese in der Bibliothek vorlegen. Wollten sie weiter verlängern, konnten sie daher die Bücher nicht am Automaten abgeben, da dann ja eine neue Ausleihe nicht möglich war. Die Funktion Wiederausleihe jedoch sollte am Automaten zurückbuchen, dann im Bibliothekssystem eine neue Ausleihe vornehmen und damit verhindern, dass die Nutzer zur Neuausleihe an die Ausleihtheke wechseln. Die Maßnahme hatte Erfolg, bedeutete jedoch eine deutliche Steigerung der Komplexität der Arbeitsvorgänge am Automaten und erhöhte damit die Fehlerquote doch deutlich. Es gab immer wieder mal Firmen-Updates in deren Folge die Wiederausleihfunktion stillschweigend als normale Verlängerung eingestellt war und daher nicht nach dreimaliger Verlängerung benutzbar war. Es dauerte meist einige Tage, bis es bemerkt wurde und der Unterschied der Funktionalitäten ist für bibliotheksfremde Servicemitarbeiter schwer nachvollziehbar.

2.3 Bezahlfunktionen und Add Ons

Die Bezahlfunktionen sind ein kompliziertes Thema an der HU. Die UB war bestrebt, diese möglichst über die lange angekündigte HU-Card entwickeln zu lassen. Dies war während der Projektlaufzeit nicht realisierbar, weil das HU-Card Projekt erst am Anfang stand. Die UB konnte sich jedoch nicht vorstellen, für viel Geld Automatisierungslösungen in Betrieb zu nehmen, die keine Bezahlfunktionen enthalten.

Vor allem die dezentral aufgestellten Kopiergeräte mit Münzgeld waren nicht mehr tragbar, die Kassen an den vielen Bibliotheksstandorten waren ob ihres immensen Verwaltungsaufwandes unserer Verwaltungsleitung ein Dorn im Auge und die Problematik der Garderobenschränke und der an jedem Standort unterschiedlichen Schließsysteme war auch nicht befriedigend gelöst.

Um nicht dem HU-Card Projekt die Lösungen kaputt zu machen, hat sich die UB für eine pragmatische, anonyme Kartenlösung entschieden, die in das System der Mensakarte integriert werden sollte, da die Studierenden immer bereits über eine solche Karte verfügten und die Infrastruktur zur Aufladung der Karte mit Guthaben an vielen Standorten vorhanden war. So die Theorie. Das funktioniert auch gut, alle Kassen sind abgeschafft worden.

Man kann an der HU mit seiner Mensakarte alle Typen von Bibliotheksgebühren begleichen, man kann Kopierdienstleistungen bezahlen und man kann an Aufladegeräten Karten aufladen, Neukarten ausgeben lassen und nicht benötigte Karten zurückgeben zwecks Erstattung der bei Ziehung der Karte entrichteten Schutzgebühr.

Die Infrastruktur jedoch hat durchaus Folgekosten. Der Anspruch, auch Kleinststandorte mit einem Aufladegerät auszustatten, damit dort immer auch kopiert werden kann, erfordert den Abschluss von Aufstell- und Leerungsverträgen für diese Automaten. Der Anspruch, z. B. auch Karten für Gäste in Selbstbedienung ausgeben zu wollen, damit diese einen Garderobenschrank nutzen können und damit diese kopieren können erfordert die Aufstellung teurer Ausgabeautomaten, die nicht für jeden Bibliotheksstandort bezahlbar sind. Die Kartenausgabe über die Mensen als vorhandene Infrastruktur ohne Zusatzkosten für die Bibliothek funktioniert gut während der Öffnungszeiten der Mensen, aber selbst bei großen Mensen ist es so, dass die Bibliothek deutlich länger geöffnet hat. An den Wochenenden und in den späten Abendstunden, oder an manchen Feiertagen müssen die Leser also bereits aufgeladene Karten dabei haben. Oder die Bibliothek müsste sich entschließen, personengestützte Karten auszugeben. Im Zuge von Sparmaßnahmen steht jedoch immer mal wieder im Raum, ob die Aufladegeräte an kleinen Standorten wirtschaftlich genug sind. Hier wäre der nächste konsequente Schritt der Verzicht auf Lösungen mit Automaten hin zu einer konsequenten Verlagerung der Transaktion und der Transaktionskosten auf den Leser, z. B. über NFC-Zahlungsoptionen oder Dienstleistungsangebote wie PayPal oder Ähnliches.

2.4 Bibliothekssystem

Die HU hatte mit der Ausschreibung der RFID-Gesamtlösung auch eine Vollintegration in das Bibliotheksverwaltungssystem Aleph 500 gefordert. Vollintegration bedeutet für die Mitarbeiter, dass diese an keiner Stelle die Bedienoberfläche wechseln müssen und dass Mediennummern an jeder Stelle im Programm, an der vorher Barcodes gelesen werden konnten, auch mittels RFID-Reader eingelesen werden können. Daher wurden alle Mitarbeiterplätze mit RFID-Scannern ausgerüstet. Barcode-Scanner wurden also ersetzt durch RFID-Lesegeräte.

Folgerichtig wurde zu Beginn des Projektes beschlossen, auf das weitere Kleben von Barcodes zu verzichten, damit nicht alle Arbeitsplätze mit Barcodescannern und mit RFID-Lesegeräten ausgestattet werden mussten. Das bedeutete natürlich, dass jeder Mitarbeiter, der mit Aleph arbeitet, auch einen RFID-Reader erhalten musste. Im Unterschied zu Bibliotheken, in denen nur im Ausleihbereich mit RFID-Readern gearbeitet wird, ist bei dieser Lösung natürlich eine Les- und Beschreibbarkeit der Transponder essentiell.

2.5 Kritische Details

Von Beginn an im Hause kritisch diskutiert wurde die Beklebung von Medien mit Standorthinweisen. Bisher war den Büchern von außen her anzusehen, zu welchem Standort sie gehörten und sie konnten bei manueller Rückgabe an einem anderen Standort der korrekten Transportkiste zugeordnet werden. Dies funktionierte nicht mehr mit RFID, jetzt mussten die Bücher auf einen Reader gelegt werden, um den Standort festzustellen. Die bisherigen Barcodes waren mit Bibliotheksnamen und Sigelangabe gekennzeichnet. Gleichzeitig mit der RFID-Einführung fand an der HU ja aber auch die Standortzusammenlegung in Grimm-Zentrum und in Campus Nord statt. Im Zuge dieser Umzüge wurden nicht allein Bestände an den zwei neuen Standorten zusammengefasst, sondern es wechselten auch Bestände anderer Standorte untereinander, so dass auf die Standortangaben auf dem Barcode kein Verlass mehr war.

Die Einführung neuer Standortaufkleber wurde an einzelnen Stellen beschlossen, wurde aber nicht als glückliche Lösung eingeschätzt, weil jede Veränderung des Standortes wieder ein Um- oder Überkleben der Standortschilder erforderlich macht. Mit RFID sollte dies ja gerade abgeschafft werden, deshalb wurde letztlich auch auf das weitere Kleben von Barcodes verzichtet.

Dass die Diskussion um Standortaufkleber bis heute nicht gänzlich verstummt zeigt, dass die gefundene Lösung noch nicht optimal ist. Gerade im Zuge unserer aktuellen Magazinumlagerungen spielt die äußere Erkennbarkeit der Zugehörigkeit eines Mediums zu einem Standort eine große Rolle. Dem gegenüber steht der hohe Personalaufwand, den eine Beklebung aller Medien, die ins Magazin umgelagert werden, mit Standortetiketten erfordern würde.

Technisch wurde die Vollintegration gewährleistet durch einen sogenannten Aleph-Manager, der die Funktion hatte, mehrere ankommende Mediennummern (z. B. mehrteilige Medien) in einen Tastaturpuffer zu schreiben und verarbeiten zu können. Ebenso kann der Aleph-Manager den Status des AFI-Sicherungsbits anzeigen.

Es handelt sich dabei um eine proprietäre Lösung, die der Dienstleister Bibliotheca zur Verfügung gestellt hat und die z. B. beim Wechsel des Bibliotheksmanagement-Systems (z. B. bei uns 2016 zum browserbasierten Cloud-System Alma) zu Anpassungsanforderungen führt.

Einige Massenarbeitsvorgänge lassen sich zeitsparender durch kleine Softwaretools außerhalb des LMS bearbeiten, z. B. das Löschen von Tags bei Makulierung, das Umschreiben des AFI-Wertes nach Ausleihe auf Handapparate, die im Hause aufgestellt sind, das Ändern des AFI-Wertes bei Standortänderung.

Mit dieser Entscheidung verbunden ist die Ausstattung aller Bibliotheksarbeitsplätze mit RFID-Readern, welche in der Anschaffung doch teurer sind als Barcodereader und bei denen man sich eine Lösung überlegen muss, sobald keine Arbeitsplätze mit USB-Anschlüssen mehr an jedem Arbeitsplatz vorhanden sind.

2.6 Dispenser

Die Dispenser Jacob, Wilhelm und Cano sind eine originäre Lösung für Berlin, welche hochkomplex ist und leider aufgrund ihrer vielen Ausfälle nie die Akzeptanz unserer Mitarbeiter und Leser gefunden hat. Die Dispenser wurden entwickelt, um vorgemerkte Medien an Automaten in Selbstbedienung bereitstellen zu können, um bei Vor-Ort-Nutzungen die Möglichkeit zu geben, Bücher auch nach Bedienschluss der Auskunft zu nutzen und selbständig über Nacht zur Aufbewahrung einzulagern. Es handelte sich um eine Zweckentfremdung des ursprünglichen Einsatzgebietes von Dispensern als kleiner Bibliotheksersatz mit einem festen Buchbestand, aus dem jeder angemeldete Nutzer auswählen darf. Aktuell sind einige wenige Dispenser weltweit in Gebrauch.

Die Idee ist simpel, über SIP2 angebunden sollten im Dispenser vorgemerkte Medien eingelagert werden, die Bereitstellungsverbuchung sollte bei Einlagerung in das Gerät erfolgen, so dass mit Einlagerung des Mediums ein Bereitstellungsschreiben an den Leser generiert wird.

Etwas komplizierter wurde es, als klar war, dass die bisher am Tresen erfolgte automatische Bereitstellung nach Rückgabe nicht mehr nach Rückgabe ausgelöst werden durfte, sondern erst nach erfolgter Einlagerung, damit der Leser nicht zu früh zum Abholen kommt.

Noch etwas komplizierter wurde es, als deutlich wurde, dass ein Dispenser mit Lagerkapazität von über 1100 Medien nicht für die Bereitstellung der Vormerkungen im Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum ausreicht und ein zweiter Dispenser mit geplant werden musste.

Um einen Leser mit fünf Bereitstellungen nicht zwischen den Automaten pendeln zu lassen und dem Mitarbeiter, der die Bücher einlagert, zu sagen, in welchen Automaten er denn die neu ankommende Bereitstellung einlagern soll, musste der Automat dem Mitarbeiter sagen, „Halt, für diesen Nutzer musst Du nicht in mich, sondern in den 100 Meter entfernten Nachbarn einlagern“. Diese Information muss der Automat durch Abfrage an seine interne Lagerhaltung abfragen. Zusätzlich muss er im Bereitstellungsbrief dem Leser mitteilen, an welchen Automaten er sich zur Abholung wenden muss.

So weit so gut, alles gelöst, der Leser kann sich mit seinem Leseausweis anmelden, erhält am Display eine Liste der für ihn bereit gestellten Medien und wählt aus, welches Exemplar der Automat ausspucken soll.

Aber wir wollten es etwas komplexer. Der Leser sollte nämlich nicht nur Vormerkungen für Ausleihen außer Haus abholen können, er sollte auch Vor-Ort-Nutzungen erhalten, da abends nach 19 Uhr das Personal nicht mehr im Hause ist und die Nutzung von bereitgestellten Medien ja während unserer gesamten Öffnungszeit gewährleistet sein soll.

Aber er soll die Medien ja nicht nur nutzen, er soll auch dafür sorgen, dass mit Schließung der Bibliothek die Bücher wieder sicher in Bewachung gelagert werden und für die Nutzung an weiteren Tagen wieder bereit stehen. Dazu muss man die Bücher also wieder in den Automaten einlagern können. Die Medien bleiben auf den Nutzer verbucht, erhalten jedoch zusätzliche Status, nämlich den Status „verbucht im Automat“ und „verbucht nicht im Automat“. Diese Funktion wiederum kennt Aleph nicht. Wir benötigten eine SIP2 Erweiterung, die auf Dispenser-Seite wie auf Aleph-Seite programmiert werden musste.

Nachts sollten zudem Prüfungen laufen, ob alle Vor-Ort-Nutzungen über Nacht zurück in den Automaten gekommen sind, da es sich schließlich um schützenswerten Bestand handelt und man deshalb Verluste nicht erst dann bemerken möchte, wenn die vierwöchige Leihfrist abgelaufen ist. Daher werden nachts bereits Mahnschreiben für nicht eingelagerte Vor-Ort-Nutzungen generiert.

Die anderen Abräumlisten werden regulär nach Ablauf der fünftägigen Bereitstellungsfrist erzeugt, sofern das Medium bis dahin nicht entliehen worden ist.

Hinzu kommt, dass bei Verbuchungen zur Vor-Ort-Nutzung der AFI-Sicherungswert nicht auf „ausgeliehen“ umschalten darf, da das Medium das Haus ja nicht verlassen soll. Diese Funktion kennt Aleph, sie war dementsprechend auch am Automaten abbildbar.

Im Alltagsbetrieb sollte sich zeigen, dass ein Ausfall solch eines Bereitstellungsautomaten seitens der Nutzer auf wenig Akzeptanz stößt, da die Mitarbeiter nicht alternativ die Medien manuell ausgeben können. Wenn ein Nutzer ein Bereitstellungsschreiben erhält, dann erwartet er, das Medium zu erhalten. In Vor-Dispenser-Zeiten waren bis zu 20 % der in Regalen zur Abholung in Selbstbedienung bereitgestellten Medien verschwunden – verlegt – entwendet oder verstellt, aber da konnten Mitarbeiter bei der Suche helfen und Aktivität an den Tag legen. Das ging beim Dispenser nur bedingt, man kann eine Fehlermeldung an die EDV absetzen, aber es ist verboten hineinzukrabbeln und das Buch zu suchen, weil sonst die Datenbank nicht mehr integer wäre.

Die sehr hohe Anzahl von Transaktionen im Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum führt wiederum zu höherem Verschleiß, als bei Konstruktion angenommen. Dies führt zu erhöhten Ausfallzeiten, bevorzugt abends und am Wochenende. Hinzu kommt, dass die Einlagerung als Arbeit extrem unbeliebt ist, weil die Wartezeiten der Einlagerung, je Medium ca. 25–30 Sekunden, als anstrengend und langweilig empfunden werden.

Entgegen der ursprünglich zugesagten 99 % Verfügbarkeit kann die Firma uns im Dauerbetrieb nur 95 % Verfügbarkeit garantieren, was aktuell zu ernsthaften Überlegungen führt, ob die Anpassungsleistungen für den Umstieg auf Alma wirklich lohnenswert sind oder ob nicht doch eine Abschaltung für den Nutzer serviceorientierter wäre.

2.7 RFID-Schlösser

Serviceorientierter sind da die RFID-Schlösser von Garderobenschränken, welche mit der Mensakarte einfach zu bedienen sind. Einplanen muss man Zusatzkosten bei Wechsel der Karten, bei uns zum Beispiel als das Studentenwerk die Mensakarte von Classic auf Desfire umgestellt hat. Es ist dessen Karte und legitim, dort die Sicherheitsfunktionen zu erhöhen, aber die UB muss natürlich daran denken, rechtzeitig die Software an den Kartenlesern auf den neuen Stand zu bringen. Ebenso sind Kosten einzuplanen, wenn z. B. Aufladegeräte auf neue Euro-Scheine umgestellt werden müssen oder wenn die Bibliothek nicht aufpasst und das Blinken des Leer-Werdens der Schlossbatterien übersieht und deshalb irgendwann den Schrank aufbrechen darf. Die Akzeptanz der RFID-Schlösser durch die Nutzer ist sehr gut. Wir haben an den Standorten immer auch Möglichkeiten, andere Schränke mit einem anderen System, seien es Schlüssel oder mitgebrachte Vorhangschlösser, zu benutzen. Aber trotz der hohen Zahlen freier weiterer Schränke bilden sich immer Schlangen an den wenigen Kartenschränken. Problematisch ist der Einsatz von Metallschränken, weil RFID und Metall bekanntlich keine Freunde sind. Die Schlösser müssen manuell optimal eingestellt werden (jedes einzeln!) und die Sendeleistung der Karten sollte mindestens 71 Picofarad haben. Das ist natürlich ein Preisfaktor, den der Kartendienstleister berücksichtigen muss. Die Anforderung muss bei jeder Kartenausschreibung bedacht werden, ebenso die Garderobenschrankapplikation, die auf den Karten installiert sein muss, im Gegensatz zu den Classic-Varianten bei den die Applikation über Lesegeräte einmalig übertragen werden konnte. Alles machbar, man muss es nur eintakten, da immer mit mehreren beteiligten Dienstleistern zu verhandeln ist.

3 Fazit

An dieser Stelle würden jetzt Ausführungen zur Diebstahlsicherheit, zur Qualität der eingesetzten Transponder über die Jahre, zu fehlerträchtigen Konzepten wie der Verwendung verschiedener AFI-Werte kommen. Gefolgt von Erläuterungen, dass die Verbuchung mit Smartphones aufgrund der Sicherheitsproblematik nicht eingeführt worden ist und dass Hybridsicherungstore über eine Breite von fünf Metern nicht funktionieren.

Diese Ausführungen überspringe ich und komme zum Fazit. Die UB kann nur mit RFID die langen Öffnungszeiten auch ohne viel Personal mit dem Angebot der gängigen Bibliotheksdienstleistungen anbieten. Ein Zurück zu Barcode und elektromagnetischer Sicherung steht daher nicht zur Debatte. Allerdings sind die wünschenswerten Erneuerungszyklen mit unserem Investitions-Etat nicht finanzierbar, hier müssen wir in den nächsten Jahren überlegen, welchen Weg wir wählen. Die Beschränkung von RFID auf den Servicebereich wäre sicher möglich, allerdings ist die Einsparung gering, weil zuerst wieder alle Medien mit Barcodes ausgestattet werden müssten und die Arbeitsplätze dann alle wieder Barcodereader benötigen würden. Die Abschaffung von Rückgabeautomaten und Selbstverbuchungsautomaten wäre eine massive Serviceeinschränkung, die unseren Nutzern schwer zu vermitteln wäre.

Schwer wäre es, wenn sich heraus stellen würde, dass die sechs Millionen verklebten Transponder erneuert werden müssten, hier wäre mit Sicherheit nur eine sukzessive Erneuerung im Ausleihfall denkbar. Ob die Ausstattung aller Medien, auch der Magazinmedien mit Transpondern auf Dauer wirtschaftlich ist, wäre zu hinterfragen.

Kritisch sehe ich mittlerweile alle Bemühungen, möglichst viele Funktionen in einer Lösung zu verbinden. So kann z. B. die Nutzung der Mensacard oder in Zukunft der HU-Card zum Bezahlen von Gebühren, zur Zahlung von Kopier- und Scangebühren an einen Dritt-Dienstleister oder zum Schließen der Garderobenschränke in der Wartung komplex sein. Bei Störungen oder Weiterentwicklungen ist mit hohem Personaleinsatz und mit Folgekosten zu rechnen. Wenn hier die Bibliothek alternative Lösungen selber implementiert, werden diese Lösungen nur selten allgemein an der Universität weiter entwickelt, sondern bleiben für lange Zeit in Zuständigkeit der Bibliothek, die dafür aber kein Experte ist. Hier sollte ein strukturierter Übergang von Projekt zu Regelbetrieb inklusive Regelung aller zukünftig anfallenden Folgekosten Standardroutine sein.

Jede Änderung bei multifunktionalen Lösungen muss mit sehr vielen Beteiligten, Firmen, Beschäftigten und Partnern abgestimmt werden. Das macht solche Systeme träger, als sie sein müssten. Die Weiterentwicklung der Infrastruktur ist nicht immer in der Hand der Bibliothek und die Einführung von bargeldlosen Zahlungsmöglichkeiten außerhalb der EC-Zahlung ist mit vielen Interessengruppen abzustimmen.

Und nicht zuletzt, wenn etwas „integriert“ wird, dann ist es komfortabel. Das bedeutet aber immer, dass jede Veränderung einer der Komponenten auch mit einer Veränderung aller beteiligten Komponenten gedacht werden muss, und das macht eine Weiterentwicklung leider komplexer, als manchmal gewünscht. An der UB der HU steht wie erwähnt der Umstieg auf das cloudbasierte Bibliothekssystem Alma bevor, welches als Browserapplikation läuft und damit eine veränderte Kommunikation zur Peripherie erfordert.

Aber es wird kein Weg daran vorbei führen. Daher kann als Fazit hier nur stehen, dass möglichst jede Veränderung wirklich gründlich spezifiziert sein muss, die Folgekosten müssen ebenso klar sein wie die Aufgaben der verschiedenen beteiligten Partner. Die Bibliothek ist gut bedient, zwar Lösungen zu denken, aber dazu zu sorgen, dass die Umsetzung dort passiert, wo das Know How liegt, und nicht zuletzt sollte man versuchen, sich nur von einer externen Infrastruktur abhängig zu machen, wenn man sicher ist, dass der Wille und die Bereitschaft auch längerfristig besteht, die Belange der Bibliothek bei der Weiterentwicklung zu berücksichtigen.

Wenn im Herbst 2016 all unsere Drittsysteme hoffentlich genauso gut funktionieren wie vorher, dann haben wir einen großen Schritt getan, obwohl sichtbar für den Nutzer die Drittsysteme nichts anderes tun als vorher. Ach ja, und zum Fazit gehört, alle RFID-Geräte sollten mit Wartungsvertrag betrieben werden, der Verschleiß der Komponenten ist nicht zu leugnen.

Das Experimentieren hat sich an vielen Stellen gelohnt, wir wissen heute sehr viel mehr über Möglichkeiten und Grenzen des RFID-Einsatzes in Bibliotheken und betrachten interessiert den Internationalisierungstrend, der einher geht mit einer Marktkonzentration auf Anbieterseite. Das dänische Datenmodell wird in einigen Jahren Geschichte sein, aber die Übergabe von Routinetätigkeiten an den Nutzer wird mit Sicherheit ausgebaut.

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Anke Berghaus-Sprengel

Anke Berghaus-Sprengel

Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Direktorin, Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt, August-Bebel-Straße 13/50, 06108 Halle (Saale), Deutschland


Published Online: 2016-05-10

Published in Print: 2016-06-01


Citation Information: Bibliotheksdienst, Volume 50, Issue 6, Pages 567–577, ISSN (Online) 2194-9646, ISSN (Print) 0006-1972, DOI: https://doi.org/10.1515/bd-2016-0065.

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