Jump to ContentJump to Main Navigation
Show Summary Details
More options …

Bibliotheksdienst

Editor-in-Chief: Michalke, Karin / Ihrig, Hartmuth

12 Issues per year

Online
ISSN
2194-9646
See all formats and pricing
More options …
Volume 50, Issue 7

Issues

Forschungsdatenmanagement an der Universität Münster

Research data management at the University of Münster

Beate Tröger
  • Corresponding author
  • Direktorin, Universitäts- und Landesbibliothek Münster, Krummer Timpen 3, 48143 Münster, Deutschland
  • Email
  • Other articles by this author:
  • De Gruyter OnlineGoogle Scholar
Published Online: 2016-06-10 | DOI: https://doi.org/10.1515/bd-2016-0076

Zusammenfassung

Forschungsdatenmanagement ist eine der großen aktuellen Herausforderungen für Universitäten, liegen Kenntnisstand und aktuelles Handeln in vielen Fachkontexten doch noch entfernt von den Anforderungen etwa der Drittmittelgeber. Eine umfangreiche Befragung diente an der Universität Münster zur Herausarbeitung von entsprechenden Handlungsbedarfen im Umgang mit der sehr komplexen Materie.

Abstract

Research data management is one of today’s great challenges to universities as the state of knowledge and current action in many contexts do not quite reach up to the demands of e.g. Third-Party donors. At the University of Münster, an extensive survey helped to develop respective action requirements in dealing with that very complex subject.

Schlüsselwörter: Forschungsdatenmanagement; Befragung

Keywords: research data management; survey

1 Einleitung

Die Westfälische Wilhelms-Universität (WWU) Münster als eine der größten Universitäten in Deutschland hat sich seit einiger Zeit auf den Weg gemacht, Forschungsdaten adäquat zu managen. Dabei war sie nicht die erste Universität in Deutschland, war aber durchaus bei denjenigen verortet, die das Thema vergleichsweise früh in seiner Relevanz und in seiner gleichzeitigen Brisanz erkannt hatten. Dies gilt vor allem auch im Blick auf die anderen eher geisteswissenschaftlich ausgerichteten Universitäten.

Aktuell zeigt sich, dass dieser Weg wichtiger denn je ist, verbinden doch beispielsweise die großen Fördereinrichtungen wie die DFG oder die EU einen angemessenen Umgang mit den erzielten Forschungsdaten mittlerweile sehr grundsätzlich mit der Bewilligung von Drittmitteln. Diese aber sind angesichts stagnierender Grundhaushalte der universitären Bereiche zunehmend unentbehrlich.

2 Die Befragung der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

Ausgangspunkt in Münster wurde eine Erhebung, die im Sommer 2014 bei den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Universität stattfand. Beauftragt durch die Hochschulleitung, wurde in der an der WWU seit gut zwanzig Jahren positiv etablierten Kooperation zwischen Bibliothek, Rechenzentrum und Universitätsverwaltung im „IKM“ (Information-Kommunikation-Medien)-Verbund ein Fragebogen entwickelt, der alle Aspekte eines angemessenen Forschungsdatenmanagements (FDM) abdecken sollte. Grundlagen des so entstandenen Fragebogens waren dabei auch Erhebungen an der HU Berlin und innerhalb der Leibniz-Gemeinschaft, die entsprechend der Münsteraner Spezifika weiterentwickelt wurden.

In einem Befragungszeitraum von drei Wochen wurden via Mailing kurz vor Semesterende alle wissenschaftlich Beschäftigten der Universität, etwa 6.000 Personen, gebeten, ihre Kenntnisse, Erfahrungen und Bedarfe zum Thema FDM zu artikulieren.

Mit einem Rücklauf von 17 %, d. h. mit 1.042 Antwortenden war die Befragung in ihren Ergebnissen ausreichend auswertbar. Gleichzeitig zeigt diese eher niedrige Beteiligung jedoch auch, so ergaben Nachfragen, dass 2014 bei vielen (geisteswissenschaftlichen) Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern das Thema noch nicht als besonders relevant wahrgenommen wurde.

Abgefragt wurden neben den Grundsatzangaben zu Fachbereichs- rsp. Institutszugehörigkeit und eigener beruflicher Position die Arten der jeweils entstehenden Forschungsdaten, deren Zugänglichkeit, die Bedeutung von Vorgaben und Richtlinien durch Dritte, der je individuelle Wissensstand sowie der je individuelle Beratungsbedarf und schließlich die Bereitschaft und das Interesse, eine universitätseigene Forschungsdatenplattform zu nutzen, die abhängig von den erzielten Antworten ggf. entsprechend aufgebaut werden sollte.

Zieht man ein Fazit dessen, was die Befragung ergab, zeigte sich ein hohes Interesse der antwortenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am Thema FDM – die weniger interessierten Befragten hatten dieses geringere Interesse eher in ihrem Nicht-Beantworten des Fragebogens zum Ausdruck gebracht.

Gleichzeitig wurde sehr schnell deutlich, dass man es beim Thema mit recht disparaten Datenquellen und Formaten zu tun hat, die häufig lediglich lokal aufbewahrt wurden und für deren dergestalte Aufbewahrung nicht selten Hilfskräfte zuständig waren. Eher selten wurden die Daten anderen zur Sichtung oder Weiterverwendung zur Verfügung gestellt. Richtlinien und Vorgaben waren oft kaum bekannt oder nicht vorhanden, insgesamt war der Wissensstand zum Thema sehr unterschiedlich, vielfach aber eher gering. Etliche Befragte artikulierten entsprechend auch einen eher hohen Beratungsbedarf. Die letzte Frage nach dem Interesse und der Nutzungsbereitschaft eines universitätseigenen Datenarchivs schließlich zeigte eine deutliche potentielle Nachfrage bezogen auf ein solches Angebot.

3 Die Fragen im Einzelnen

3.1 Arten von Forschungsdaten

Die Befragung sollte zunächst als Grundlage des weiteren Handelns einen Überblick ermöglichen, welche Arten von Forschungsdaten im Rahmen der Forschungen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler überhaupt anfallen. Es zeigte sich hier sehr schnell, dass diese Daten höchst disparat sind. Quantitative Daten überwiegen, aber mit 40 % werden auch qualitative Daten aus Beobachtungen genannt ebenso wie qualitative Interviewdaten (28 %). Die größte Antwortmenge allerdings erzielten experimentelle Daten mit 60 % und quantitative Messdaten mit 55 % (Mehrfachnennungen waren, wie auch bei den folgenden Punkten, möglich).

Befragt nach den dabei vorliegenden Datenformaten, gaben fast 76 % der Forschenden Textformate an und 52 % nannten Bildformate, gefolgt von 43 % gerätespezifischen Formaten und 31 % Datenbankformaten. Audio und Film liegen mit jeweils knapp unter 20 % deutlich darunter.

Die jeweilige Bearbeitung dieser Daten obliegt zu gut 90 % wissenschaftlichen Mitarbeitern, annähernd gleichstark gefolgt von Hilfskräften mit 54 % und Professorinnen und Professoren mit 53 %.

3.2 Richtlinien und Vorgaben

Der Blick auf Richtlinien und Vorgaben durch Mittelgeber zeigte zum Erhebungszeitpunkt Mitte 2014 noch einen recht großen Teil der Forschenden in Unkenntnis möglicher Vorgaben zu beispielsweise Aufbewahrungsfristen oder Speicherplattformen: 40 % gaben an, entsprechende Vorgaben seien ihnen nicht bekannt. 20 % berichteten von vorhandenen Richtlinien, 40 % verneinten Vorgaben.

Spezifiziert man diese Antworten nach inhaltlichen Bereichen, so zeigt sich die systematische Erfassung über eine interne Nachweisdatenbank einerseits als am wenigsten vorgegeben: Nur 6 % berichten über eine entsprechende Richtlinie aus ihrem Fach. Andererseits ist aber auch die fehlende Kenntnis über solche möglichen Vorgaben am größten mit 57 % der Antworten. Beim Datenbackup bezogen auf eine vorgegebene Zeitdauer kennen 51 % die Richtlinien nicht, 20 % berichten von entsprechenden Vorgaben. Und bei der Frage nach einer öffentlichen Zugänglichmachung der Daten für Dritte geben 22 % das Vorhandensein solcher fachlichen Richtlinien an, auf ihre fehlende diesbezügliche Kenntnis verweisen 48 %.

3.3 Die Aufbewahrung von Forschungsdaten

Eine der Gretchenfragen im Kontext FDM ist die nach der Aufbewahrung der Daten. Befragt zur Dauer ihrer Speicherung erklärten immerhin 52 % der Antwortenden, ihre Daten bis zu zehn Jahren oder länger aufzubewahren. Allerdings gaben auch knapp ein Drittel, nämlich 30 % an, keine Kenntnis über solche Speicherzeiträume zu haben. 10 % halten die Daten bis zu fünf Jahren vor, 5 % bis zu drei Jahren.

Interessant ist hier der nähere Blick auf die jeweiligen Fachzugehörigkeiten der Befragten. Die Antwort „mir unbekannt“ wurde in den Lebenswissenschaften nur von 15 % der Antwortenden gegeben, in den Naturwissenschaften immerhin schon von gut 25 % und in den restlichen Fachbereichen annähernd gleichlautend von etwa 40 %. Umgekehrt äquivalent sind Aufbewahrungsfristen von bis zu zehn Jahren und länger mit deutlichem Abstand am verbreitetsten in den Lebenswissenschaften mit 75 %, in den anderen Fachkontexten liegt diese Quote bei 40 bis 45 %.

Auch das Thema Sicherungskopien und ihre Intervalle wurden abgefragt. Die überwiegende Mehrzahl der Antworten findet sich mit 37 % bei „unregelmäßig/ad hoc“. Doch auch tägliche Sicherung wurde von 19 % der Befragten angegeben, wöchentliche Sicherungen gaben 11 % an, monatliche 9 %.

Die Datengröße lag dabei für ein Viertel der Befragten bei 1–20 GB, 18 % nannten 21–100 GB. Unter einem GB lagen die Datenvolumina von 8 % der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, über einem TB bei 11 %.

Beim Aufbewahrungsort verwiesen 70 % auf ihren lokalen dienstlichen Rechner, 63 % (Mehrfachnennungen waren möglich) nannten externe Datenträger. Deutlich geringer wird der Institutsserver genutzt mit 48 %, 36 % verwenden den privaten lokalen Rechner etwa gleichauf mit dem Server des universitären Rechenzentrums mit 35 %. Und auch externe Cloud-Anbieter werden von einigen genutzt: Knapp 18 % nannten diese Speicheroption.

Die Anschlussfrage zu solchen Aufbewahrungsstrukturen war die nach dem Aufbewahrungszweck – auch hier mit zugelassenen Mehrfachnennungen. Die absolute Mehrheit, nämlich 85 %, gaben den Nachweis der Replizierbarkeit der Ergebnisse an sowie, mit gleicher Prozentzahl, die eigene Re-Analyse. Deutlich weniger, aber immer noch 42 %, nannten die Re-Analyse von anderen Forschern und, gleichauf, den Ausschluss rechtlicher Risiken als Grund. Ein gutes Viertel gab darüber hinaus die Übungszwecke in der Lehre an.

3.4 Zugänglichmachung der Daten

73 % der Befragten machten ihre Forschungsdaten zum Befragungszeitpunkt Mitte 2014 nicht öffentlich zugänglich, 17 % gaben die Veröffentlichung über eine Verlagsveröffentlichung an, nur 4 % nutzten ein Institutsrepository.

Diejenigen, die die Zugänglichkeit verneint hatten, wurden nach den Gründen dafür befragt, auch hier wieder mit möglichen Mehrfachnennungen. Rechtliche Gründe gaben die Hälfte von ihnen an, knapp weniger mit 48 % erklärten, die Daten eigneten sich nicht für eine Veröffentlichung. Immerhin ein Viertel der Befragten aber nannten auch das Fehlen geeigneter Plattformen, 17 % verwiesen auf den eigenen Zeitmangel. Einige wenige Forschende gaben im Freitextfeld außerdem die Sorge vor einem Ideendiebstahl an.

3.5 Wissensstand und Beratungsbedarf

In einem weiteren Themenblock wurde, fachlich spezifiziert, die Selbsteinschätzung zu den eigenen Kenntnissen der Befragten zum Thema Forschungsdaten erhoben. Als sehr gut und gut beschrieben diese Kenntnisse 14 % der Geistes- und Sozialwissenschaftler, 18 % der Forschenden im Bereich Wirtschaft und Recht und 21 % bzw. 30 % Antwortende aus den Natur- bzw. Lebenswissenschaften. Nur in der Mathematik ist diese Zahl deutlich höher mit 45 %. Auf der anderen Seite kennzeichnen recht gleichmäßig verteilt 42 % der Natur- sowie 47 % der Geisteswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler und 48 % aus den Kontexten Recht und Wirtschaft ihre vorhandenen Kenntnisse als gering oder sehr gering.

Schaut man davon ausgehend auf die Bedarfslagen hinsichtlich möglicher Beratungs- und Schulungsangebote, so liegen (bei zugelassenen Mehrfachantworten) mit 53 % der Nennungen die rechtlichen Aspekte vorn, dicht gefolgt von technischen Fragen mit 48 %. Doch auch die Kontexte von Publizieren und Zitieren (33 %) und Beantragungen von Drittmitteln (30 %) werden vielfach genannt. 28 % wünschen sich zudem Unterstützung bei der Erstellung von Datenmanagementplänen. Lediglich 16 % geben an, keine Beratungsleistungen zu benötigen.

3.6 Universitäres Datenarchiv

Abschließend wurde die Bereitschaft der Forschenden zur Nutzung eines universitätseigenen Datenarchivs abgefragt. Etwa die Hälfte der Befragten bekundete mit „eher ja“ (31 %) und „sehr wahrscheinlich“ (17 %) ihr Interesse, 30 % zeigten sich „noch unsicher“. Die Antwortenden in den Kategorien „eher nein“ (14 %) und „nicht wahrscheinlich/nein“ (9 %) wurden um eine Begründung gebeten. Mit 75 % gab hier die überwiegende Mehrheit an, die Daten sollten noch für eine weitere Publikation genutzt werden, 56 % hatten Datenschutzbedenken, 32 % nannten einen zu hohen Aufwand und 25 % verwiesen auf eine rechtliche Bindung, die eine solche Archivnutzung verbiete. 26 % erklärten, keinen Bedarf an einem universitären Archiv zu haben, 12 % nutzten bereits ein anderes Datenarchiv.

Die Nachfrage nach den diesbezüglichen Erfahrungen mit solchen anderen Datenarchiven ergab bei 12 % den Hinweis auf nationale und bei 18 % auf internationale fachspezifische Archive.

4 Die weiteren Schritte an der Universität Münster

Auf der Grundlage dieser Befragungsergebnisse zeichnete sich der weitere Weg der Ausgestaltung des Forschungsdatenmanagements an der Universität Münster ab:

Zunächst beschloss das Rektorat der Hochschule, eine Policy zum FDM zu verabschieden.

Gleichzeitig wurde ein sog. Servicepunkt Forschungsdaten eingerichtet parallel zu weiteren Servicepunkten der Universität, die im Kontext des IKM-Verbundes als gemeinsame Aufgabe der beteiligten Partner existieren. Geschäftsstellenfunktion hat hierbei die Universitäts- und Landesbibliothek inne.

Die nächsten Schritte waren und sind die Entwicklung entsprechender technischer Angebote über den gesamten Daten-Lebenszyklus hinweg ebenso wie der Aufbau von diesbezüglichen Beratungsangeboten, ebenfalls bezogen auf den gesamten Daten-Lebenszyklus.

Solche Beratung umfasst in der Praxis immer häufiger, und das spiegelt ja auch die Befragung, eine FDM-Beratung zu konkreten Drittmittelvorhaben. Darüber hinaus stehen rechtliche Rahmenbedingungen und Anforderungen im Focus sowie Aspekte des Datenschutzes.

Und schließlich wird FDM zunehmend in den Informationskompetenz-Konzepten für die universitäre Lehre verankert. Der Hintergrund dieses Schwerpunktes ist die erhoffte gezielte FDM-bezogene Vorbereitung der Studierenden auf ihre eigene künftige Forschung.

Bislang wird das Thema Forschungsdatenmanagement an der Universität Münster mit allen diesen genannten Aspekten aus der eigenen Kraft der beteiligten IKM-Partner bearbeitet. Finanziell, aber vor allem auch personell und nicht zuletzt räumlich stehen hier künftig weitere Herausforderungen an. Die recht genaue Kenntnis der Erwartungen und Bedarfslagen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität, erreicht durch die beschriebene differenzierte Befragung, ist hierfür eine entscheidende Voraussetzung.

About the article

Beate Tröger

Dr. Beate Tröger

Direktorin, Universitäts- und Landesbibliothek Münster, Krummer Timpen 3, 48143 Münster


Published Online: 2016-06-10


Citation Information: Bibliotheksdienst, Volume 50, Issue 7, Pages 616–622, ISSN (Online) 2194-9646, ISSN (Print) 0006-1972, DOI: https://doi.org/10.1515/bd-2016-0076.

Export Citation

© 2016 by De Gruyter. This work is licensed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivatives 4.0 License. BY-NC-ND 4.0

Comments (0)

Please log in or register to comment.
Log in