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Bibliotheksdienst

Editor-in-Chief: Michalke, Karin / Ihrig, Hartmuth

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ISSN
2194-9646
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Volume 51, Issue 2

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Ist Bestandserhaltung ‚old fashioned‘? Auseinandersetzung mit einer im Raum stehenden Behauptung

Almuth Märker
  • Corresponding author
  • Universitätsbibliothek Leipzig, Sondersammlungen, Beethovenstr. 6, 04107 Leipzig, Deutschland
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Published Online: 2017-01-16 | DOI: https://doi.org/10.1515/bd-2017-0015

Zusammenfassung

Der grundlegende Wandel in der bibliothekarischen Arbeitswelt infolge der digitalen Veränderungen rückt das Aufgabengebiet der Bestandserhaltung scheinbar in das Licht, ewig gestrig dem Alten verhaftet zu sein. Der Beitrag zeigt, dass das Ziel der Bestandserhaltung notwendig der Originalerhalt ist und dass sie sich am Analogen orientieren muss. Daraus folgt die Brisanz der Tatsache, dass Bestandserhaltung verstärkt ins Bewusstsein der Politik und der Öffentlichkeit zu heben ist.

Abstract

The fundamental change in library work owing to the digital changes seems to show the area of preservation of collections as clinging firmly to the past. The report shows that the goal of preservation of collections necessarily is the preservation of originals and that it has to be orientated towards analogue subjects. From this follows the explosiveness of the fact that preservation of collections must increasingly be brought to the notice of politics and the public.

Schlüsselwörter: Bestandserhaltung; Originalerhalt; Kulturpolitik

Keywords: preservation of collections; preservation of originals; cultural policy

1 Einleitung

Niemand hat die Absicht, … – Niemand hat die Absicht, die Bestandserhaltung als ‚old fashioned‘ zu bezeichnen. Dieses weite und in Bibliotheken wie Archiven gleichermaßen verankerte und für diese Institutionen wichtige Arbeitsfeld ‚old fashioned‘ zu nennen – das würde ja bedeuten, die Bestandserhaltung für „unmodern, altmodisch, antiquiert, unzeitgemäß“, ja sogar für „verzopft“ zu halten. Niemand hat diese Absicht, und ich selbst habe auch noch nie jemanden mit diesen Formulierungen über die Bestandserhaltung reden hören.

Und doch … Und doch gibt es Zusammenhänge, in denen man diese Einstellung zur Bestandserhaltung meint erleben zu können. Auch wenn es niemand so ausspricht, es steht im Raum: Bestandserhaltung sei unmodern, sie verfolge Ziele von gestern, wende Methoden von vorgestern an. Wo etwas unausgesprochen im Raum steht, wirkt es sich als Hemmschuh aus. Es muss erst ans Licht gezerrt und beim Namen genannt werden, damit es seinen Bann verliert. Auch wenn diesen Satz niemals irgendjemand explizit gesagt hat, setzt sich der folgende Denkanstoß mit der Behauptung auseinander, Bestandserhaltung sei ‚old fashioned‘.2

2 Kernaufgabe Bestandserhaltung

Führt man Studentinnen und Studenten der Bibliotheks- und Informationswissenschaften in die Themen und Belange der Bestandserhaltung ein, kann ein Blick in einschlägige bibliothekarische Nachschlagewerke und Handlexika für die Problemlage sensibilisieren. Noch bis in die 1990er Jahre fehlte der Eintrag “Bestandserhaltung“ in den Nachschlagewerken ganz und gar. Heute dagegen hat sich die Einsicht in die Notwendigkeit, ja die Überzeugung, dass die Bestandserhaltung unverzichtbarer Bestandteil bibliothekarischer Aufgaben ist, gemeinhin durchgesetzt. Dies spiegelt sich auch in den Handbüchern zum Bibliothekswesen der heutigen Zeit wider. Im von Konrad Umlauf und Stefan Gradmann herausgegebenen „Handbuch Bibliothek“ (Stuttgart 2012) gibt es im Kapitel zu „Historischen Beständen und ihrer Erhaltung“ ein umfangreiches Unterkapitel zum „Bestandserhaltungsmanagement“ (Reinhard Feldmann; Bd. 2, S. 165–173). Und im Praxishandbuch Bibliotheksmanagement (hrsg. von Rolf Griebel, Hildegard Schäffler und Konstanze Söllner) enthält der Band 2 ein großes Kapitel „Restaurierung und Bestandserhaltung“ (S. 826–827), verfasst von Irmhild Schäfer und Michael Vogel.

Hier, in den Veröffentlichungen und im fachlichen Diskurs3 wird immer wieder eines deutlich: Bestandserhaltung bedeutet Originalerhalt. Und zwar in allererster Linie. Ganz klar ist für das überlieferte schriftliche Kulturgut der jüngeren Zeit, d. h. der letzten 150 Jahre, dass nicht jedes einzelne Stück im Original erhalten werden kann. Aber je weiter wir von Jahrhundert zu Jahrhundert zurückgehen, umso deutlicher ist: Es geht um die Erhaltung des Originals. Jeder und jede von Ihnen könnte hier auf der Stelle die einzigartigen, unikal überlieferten oder aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer Sammlung besonders herausragenden Stücke der jeweiligen Einrichtung benennen. Für die UB Leipzig wären das beispielsweise der Codex Sinaiticus, der Papyrus Ebers, der Machsor, das Heliandfragment – alles Stücke, die es mit Leichtigkeit in die Schlagzeilen der Presse schaffen würden, stieße ihnen etwas zu. Ganz klar: Diese müssen im Original erhalten werden, und ihre baulichen, Sicherheits- und Lagerbedingungen sind nicht anders als optimal zu gestalten. Doch neben diesen großen Namen gibt es zahlreiche weniger bekannte Beispiele (manchmal könnte man sogar sagen: namenlosere Beispiele), die das Herz unserer Sonder- und Spezialsammlungen und den Kern unserer Altbestandsbibliotheken ausmachen und für die gilt: Das Original wollen wir erhalten: die Drucke der frühen Neuzeit, die Gelehrtennachlässe des 19. Jahrhunderts, die Stammbücher als Beispiel für handschriftliche Überlieferung weit nach der Erfindung Gutenbergs, die Künstlerbücher des 20. Jahrhunderts.

Dass Bestandserhaltung neben den Sondermagazinen auch in gleicher Weise in den Normalmagazinen ein dringendes Erfordernis ist, brauche ich nicht zu betonen. Die Sorge der Bestandserhaltung muss den gedruckten Beständen nach 1850 gelten, die auf holzschliffhaltigem Papier gedruckt wurden und heute dem sauren Papierzerfall unterworfen sind. Moderne, mengenorientierte Verfahren und eine intelligente Auswahl zu entsäuernder Bestände sind nur einige Stichworte, die ich in Erinnerung rufen möchte. Doch ich verliere mich in Altbekanntem. Zurück zum Thema. Zurück zum Problem.

3 Wo liegt das Problem?

Bibliotheken sind zu Beginn des 21. Jahrhunderts einem Innovationsschub ausgesetzt, der in deren Geschichte seinesgleichen sucht. Dieser Schub, man möchte sagen: diese Revolution vollzieht sich in derselben Weise in allen möglichen Bereichen des öffentlichen Lebens. Verwaltungen und Ämter, Logistik und Verkehr, Kommerz und Finanzwesen, Medizin und Naturwissenschaften, ja sogar Kunst und Kultur, Presse und Medien ohnehin sind davon massiv betroffen, erfasst, verändert. Beim Namen genannt ist es die digitale Revolution. Oder anders: Der Mensch des 21. Jahrhunderts hat in vielen Bereichen die analoge Welt verlassen und ist eingetaucht in die virtuelle Welt.

Themen, die den bibliothekarischen Alltag heute bestimmen, wären noch vor einigen Jahren undenkbar gewesen:

  • Da verwalten hochspezialisierte Programme, Computersysteme und Datenbanken die Abläufe von Erwerbung und Erschließung; in der Universitätsbibliothek Leipzig, findet gerade die Umstellung auf LIBERO 6 statt, unter Einbindung aller bibliothekarischen Kräfte.

  • Da hat, angestoßen durch die UB Leipzig, ein „Open Source Discovery System“ für sächsische Hochschulbibliotheken in Gestalt von Finc den alten Opac abgelöst.4

  • Da ist notwendigerweise der Abschied vom gedruckten Buch als ausschließlichem Medium in Bibliotheken erfolgt. Und da heißt es gerade mit Blick auf Medizin und Naturwissenschaften im Entscheidungsfall zwischen Print- und eMedien immer: e-only.

  • Da wird es notwendig, angesichts des neuen eMedien-Anteils in Bibliotheken diese auch neuartig zu verwalten: In der UB Leipzig wurde das elektronische Managementsystem amsl entwickelt.5

  • Als Reaktion auf die Abschaffung der alten Sondersammelgebiete wurde in der UB Leipzig adlr entwickelt, ein Rechercheportal für die Kommunikations- und Medienwissenschaften.6

  • Veröffentlichungen verschwinden nicht mehr – wie oft geschehen – auf Jahre und Jahrzehnte in Schubladen; vielmehr wurde auf Initiative der UB Leipzig an der Universität Leipzig ein Open-access-Büro eingerichtet.7

  • Herrschte – ja, man muss wirklich so formulieren: es herrschte! – an Bibliotheken noch bis vor wenigen Jahren das Wissensmonopol von Fachreferentinnen und Fachreferenten und bestimmten sie mehr oder weniger allein das Profil der Erwerbungen, so ist auch hier glücklicherweise ein Umbruch passiert: Die patron driven acquisition und die „nutzergesteuerte Erwerbung“ sind positive Entwicklungen in unserer Bibliothekslandschaft. Man könnte fast sagen, dass sie zur Demokratisierung des Wissens beitragen.

  • Hinzu kommen blog und chat, unter jungen Menschen gern genutzte Kommunikationsformen, um mit ihrer Bibliothek – im Fall Leipzig der „Albertina“ – im Gespräch zu sein.

  • Und schließlich gibt es auch Projekte und Unternehmen, die im öffentlichen bzw. wissenschaftspolitischen Diskurs großes Aufsehen erregen. Dazu zählen die sogenannten „Digital Humanities“, der Versuch, mithilfe computergenerierter Datenmengen das Verständnis der Antike auf eine neue Stufe zu heben und überhaupt Antworten auf die anthropologische Frage unseres Herkommens zu finden.8

Ich beende hier die Liste meiner Beispiele. Ausgangspunkt war die Behauptung, die Bibliothek als Arbeitsort erlebe zurzeit eine Revolution, die Veränderungen ungeahnten Ausmaßes mit sich bringe. Die Digitalisierung und Virtualisierung auch der bibliothekarischen Arbeitswelt hat Folgen auf verschiedenen Gebieten: Sie bindet, ja fesselt Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an den Computer. (Und ich stelle das nüchtern fest. Es ist hier nicht der Ort, das zu beklagen. Die Ausschließlichkeit eines vollen Arbeitstags am Computer ist einfach eine Tatsache.) Und sie bindet und braucht finanzielle Ressourcen ungeahnten Ausmaßes. IT-Abteilungen und Universitätsrechenzentren müssen mit entsprechender Hardware und – ein Fass ohne Boden – mit entsprechenden Mengen an Speicherkapazität ausgestattet werden. Bezüglich des Personals sind zwar aufgrund der allgemeinen Haushaltslage kaum Mittel für zusätzliche feste Stellen verfügbar. Doch der Schlüssel zum Erfolg heißt hier „Projekt“: Projekte, Projekte, Projekte werden zeitlich befristet beantragt und bei entsprechender Antragsqualität bewilligt. All das ist gut, vieles davon ist eine positive Entwicklung.

Doch wo steht die Bestandserhaltung bei all dem?

4 Wo steht die Bestandserhaltung?

Die Bestandserhaltung ist analog. Sie ist nicht virtuell, sie ist nicht digital.

  • Die Bestandserhaltung kümmert sich um die baulichen Voraussetzungen, damit unsere Bestände – im Original – erhalten werden.

  • Sie behält das Klima im Blick, damit den Beständen – im Original – durch Schwankungen von Luftfeuchtigkeit und Temperatur kein Schaden entsteht.

  • Sie greift ein, wenn an den Beständen – im Original – trotz aller Vorsichtsmaßnahmen Schaden entstanden ist, so reinigt sie etwa kontaminierte Bücher.

  • Die Bestandserhaltung managt die Entsäuerung Hunderter und Tausender von Büchern – im Original.9

  • Sie umgibt die wertvollsten unserer Bestände mit einer angemessenen schützenden Hülle – auch das am Original.

  • Sie nimmt nach neuesten Erkenntnissen der konservatorischen Wissenschaft und Kunst Restaurierungen in Angriff mit dem Ziel, das Original durch minimalinvasives Vorgehen weitestgehend zu erhalten.

  • Für diesen Aufgabenbereich, die Restaurierung, tritt die Bestandserhaltung in Austausch und ins notwendige Gespräch mit Buchwissenschaftlerinnen und Kodikologen, mit Experten für Buchschmuck und Paläografinnen, mit denen, die die Pergamente konditionieren, und mit denen, die sie lesen können. Sie tut das – mit höchstem professionellem Anspruch – analog und im echten Gespräch.

  • Und schließlich: die Bestandserhaltung hat in den vergangenen Jahren dafür gesorgt, dass im Not- oder gar im Katastrophenfall die Bestände koordiniert und möglichst nach Plan gerettet werden können – im Original. Und dabei macht sie sich die Hände schmutzig, steht knietief im Schlamm und gibt Buch um Buch weiter an den neben ihr stehenden Helfer.

Für die gesamte Vielfalt an Tätigkeiten, die von der Landesstelle für Bestandserhaltung im Freistaat Sachsen koordiniert und gefördert werden, stehen im laufenden Jahr 2016 235.000 € aus Landesmitteln zur Verfügung.10

Hier ein Zitat aus Landesdigitalisierungsprogramm (LDP) Sachsen: Für die Digitalisierung von „Beständen aus wissenschaftlichen und öffentlichen Bibliotheken sowie von bedeutsamem Schriftgut aus weiteren Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen“11 stehen vom Jahr 2015 an jährlich 2,5 Mio € aus Landesmitteln zur Verfügung.12

Auf einer Bühne riefe diese Gegenüberstellung – 235.000 € : 2,5 Mio €/Verhältnis 1 : 10 – einen riesigen Aufschrei, ein irres Getümmel und wildes Haareraufen hervor.

Ganz nüchtern ist hier zu fragen: Wo bleibt der Aufschrei? – Der Aufschrei ist längst erfolgt oder anders:

5 Ist die Bestandserhaltung eine Frage für die Politik?

Die Bestandserhaltung ist eine Frage für die Politik. Keine Frage.

Folgende Zitate unterstreichen diese Aussage:

  • „Obwohl Bestandserhaltung in den vergangenen Jahren zu einem der wichtigsten Themen im Archiv- und Bibliothekswesen geworden ist, hat sie noch immer nicht die öffentliche Aufmerksamkeit gefunden, die ihrer Bedeutung entspricht“, heißt es im Bericht vom 10. Nationalen Aktionstag für Bestandserhaltung 2014 in Weimar.13

  • „Anliegen [der Allianz Schriftliches Kulturgut Erhalten] ist, das komplexe Thema der Bestandserhaltung in der Politik zu etablieren.“14

  • „Michael Knoche postulierte, dass die Bestandserhaltung auf die Agenda der Politik gehöre. Er sei davon überzeugt, dass Mengenrestaurierung organisierbar sei.“15

  • „Selbstverständlich ist die Bestandserhaltung eine politische Frage, denn nur die Politik kann die für den Kulturerhalt notwendigen Finanzen zur Verfügung stellen.“16

Die Kommission Bestandserhaltung im dbv ist als wichtiger Bestandteil der Bibliothekslandschaft unentbehrlich geworden. Sie setzt sich u. a. für die Entwicklung und Umsetzung von Strategien der Bestandserhaltung ein, fördert Fortbildung und den Austausch mit Experten und engagiert sich darüber hinaus in jüngerer Vergangenheit verstärkt in kulturpolitische Richtung.17 Der dbv unterstützt auch die Forderungen des sogenannten Weimarer Appells von 2014. Dort heißt es:18

  • 1.

    Die bewahrenden Kultureinrichtungen müssen mit den nötigen finanziellen Mitteln ausgestattet werden, um Bücher und Dokumente vor dem Papierzerfall zu retten und historische Bucheinbände in den Bibliotheken zu erhalten.

  • 2.

    Das Forschungsnetzwerk auf dem Gebiet der Restaurierung und des Kulturgüterschutzes muss ausgebaut werden.

  • 3.

    Bund und Länder müssen die zentrale Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts in Berlin dauerhaft absichern und mit den nötigen Finanzmitteln ausstatten, damit eine nationale Strategie umgesetzt werden kann.

  • 4.

    Auch wenn die Zuständigkeit für Kultur bei den Ländern liegt, muss die Initialzündung für die dringend benötigte Initiative von der Bundesebene ausgehen.

  • 5.

    Der Katastrophenschutz muss auf nationaler Ebene um den Schutz der Kulturgüter erweitert werden.

Die Reihe von Zitaten zur Frage des Verhältnisses von Bestandserhaltung und Politik ließe sich fortsetzen. Kehren wir jedoch zurück zu der Aussage: „Der Aufschrei ist längst erfolgt.“ Die Bestandserhaltung hat längst gut hörbar und vernehmlich auf sich aufmerksam gemacht. Und zwar an verschiedenen wichtigen Stellen und im Laufe des vergangenen Jahrzehnts mit zunehmender Wirkung:

  • Mit der Erfahrung und der Überzeugung, dass eine gute Sache eine starke Lobby braucht, fanden sich 2001 Direktorinnen und Direktoren von bedeutenden Archiven und Bibliotheken Deutschlands zur „Allianz Schriftliches Kulturgut Erhalten“ zusammen.

  • Im Jahr 2009 übergab diese Allianz eine Denkschrift in die Hände des Bundespräsidenten, also mitten hinein in das öffentliche Bewusstsein.

  • Dass dieses Wachrütteln der Politik direkte Wirkung zeigte, ist in der Gründung der Koordinierungsstelle zur Erhaltung des schriftlichen Kulturguts (KEK) 2011 zu erkennen. Wie erfolgreich die Arbeit, ja die bloße Existenz der KEK über die letzten fünf Jahre war, wissen viele Bibliotheken aus der Erfahrung eigener beantragter und bewilligter Projekte zu berichten. Der Betrag, der für die Arbeit der KEK in jedem dieser fünf Jahre aus Bundesmitteln zur Verfügung gestellt wurde, belief sich auf 500.000 €.19

Dass dieser Betrag jedoch perspektivisch betrachtet angesichts der Schadenslage in Archiven und Bibliotheken bei weitem nicht ausreicht, muss der Politik fortgesetzt ins Bewusstsein gerufen und erläutert werden. Daher ist die jüngste Form des „Aufschreis“ der Bestandserhaltung gegenüber der Fachöffentlichkeit und der Politik ein weiterer äußerst wichtiger Meilenstein: die bundesweiten Handlungsempfehlungen der KEK.20 Die Adresse dieser Empfehlungen ist die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie die Kultusministerkonferenz. Die bundesweiten Handlungsempfehlungen stellen, wie zu hoffen ist, Weichen und werden viel Gutes bewirken. Machen wir – Bestandserhalterinnen und Bestandserhalter aus Sachsen und darüber hinaus – davon reden! Machen wir von der Sache der Bestandserhaltung reden! Und: machen wir von diesen Aufgaben und von unserer Arbeit noch mehr reden als bisher.21

Deshalb:

6 Wo kann Bestandserhaltung von sich reden machen? Wo ist sie, die angeblich ‚old fashioned‘ sein soll, innovativ?

In den vergangenen ein bis zwei Jahrzehnten haben sich in verschiedenen Bereichen der Bestandserhaltung grundlegende Veränderungen und Erneuerungen vollzogen. Im Folgenden seien sie lediglich angerissen:

  • An erster Stelle steht die Restaurierung. Wie sich die Arbeit am Original in unseren Werkstätten gewandelt hat, ist kaum zu beschreiben. Die Vorstellung von restauratorischer Machbarkeit und maximal evidenter Wirkung von eingesetzten Technologien ist einer Restaurierungsethik gewichen, die sich am größtmöglichen Originalerhalt mit minimalen Eingriffen orientiert und dabei immer auch den intrinsischen Wert der Stücke im Blick behält. Mit riesigem Gewinn für die Sache!22

  • Die Verfahren der Massenentsäuerung sind von Jahrfünft zu Jahrfünft immer ausgefeilter und schonender für die Bücher geworden. Zu erkennen ist dieser Fortschritt ganz simpel an der Tatsache, dass kaum noch ein Buch von der Entsäuerung ausgeschlossen werden muss und Nebenwirkungen immer weniger geworden sind.23

  • Im Bereich der Verpackungen sind die säurefreien Materialien zur Selbstverständlichkeit geworden. Und die Vielfalt zur Verfügung stehender Verpackungsformen ist Beleg dafür, dass bei der Wahl der am besten geeigneten Verpackung heute die jeweils individuellen Besonderheiten eines Bandes berücksichtigt werden können.

  • Im Bereich der Dekontamination hat sich in den vergangenen Jahren die Überzeugung durchgesetzt, dass eine Bestrahlung von Bänden, die durch Schimmel kontaminiert sind, nicht notwendig, ja sogar falsch ist, da die Papierstruktur durch die Gammastrahlen geschädigt würde. Vielmehr ist die Trockenreinigung der Bestände an der Reinen Werkbank hier der Königsweg.24

  • Die Verfahren und das wissenschaftliche Know-how der Naturwissenschaften werden immer besser für die Bestandserhaltung nutzbar gemacht. Erinnert sei an chemische Analyseverfahren, um die Qualität von Materialien zu bestimmen. Erinnert sei auch an das durch die KEK im Jahr 2015 geförderte Projekt an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig (HTWK), das die schädigende Wirkung von Licht an Farben und Tinten untersucht hat.25

  • Innovativ, wenn auch in Zahlen nicht darstellbar, ist auch das Vorgehen bei der Gründung der zahlreichen Notfallverbünde in Deutschland gewesen. Der Grad an Vernetzung, der fortbildende Austausch mit spartenübergreifenden Kolleginnen und Kollegen und überhaupt: die durch die Notfallverbünde zum Einsturz gebrachte Barriere zwischen Archiv und Bibliothek wäre vor der Gründung der Verbünde in diesem Maße undenkbar gewesen.

  • Wünschenswert wäre – und hier sei ein Blick in die innovative Zukunft der Bestandserhaltung gewagt – wenn in Zukunft auch im Bereich der Reproduktionen ein Durchbruch möglich würde. Ganz unangefochten ist für die Langzeitsicherung der bis zu 500 Jahre haltbare Masterfilm der Königsweg. Für die Benutzung dieser Informationen soll künftig jedoch auf Mikrofilme verzichtet und stattdessen verstärkt die Redigitalisierung bevorzugt werden, sofern dies die urheberrechtlichen Zusammenhänge erlauben.

  • Und schließlich wurde die Arbeit der Koordinierungsstelle KEK in einer repräsentativ gestalteten Broschüre dokumentiert.26 Auch diese trägt dazu bei, von der Bestandserhaltung reden zu machen.

Zurück zur eingangs gestellten Frage: Ist die Bestandserhaltung ‚old fashioned‘? Die Antwort lautet: Nein! Sie geht vielmehr mit den Zeichen unserer Zeit. Sie tut es jedoch auf ihre Art und Weise. Ihr Fortschritt ist nicht ausgerichtet am Digitalen und am Virtuellen. Der Maßstab für ihren Fortschritt ist und bleibt das Original: die Erhaltung des Stücks im Original. Allen, die die Bestandserhaltung auch nur andeutungsweise in Frage stellen, muss klar sein: Ohne das Original kann auch seine digitale Wiedergabe nicht erfolgen.

Ich schließe mit einem besonderen Zitat. Es kommt mitten aus einem bibliothekarischen Alltagszusammenhang und stammt von einem Kollegen im Handschriftenzentrum Leipzig, der im Übrigen die Dresdener mittelalterlichen deutschen Handschriften erschließt und diese Handschriften ganz überwiegend als Digitalisate am Bildschirm nutzt, während er für entscheidende Spezialfragen die Handschrift selbst in Augenschein nimmt. Gefragt, was er denn zum Thema meines Referats auf dem Werkstatttag für Bestandserhaltung in Dresden denke, was er denn dazu meine: „Ist Bestandserhaltung ‚old fashioned‘“, antwortete er mit dem vollsten Brustton der Überzeugung. Er sagte es vollkommen aus dem off, ohne jedes Nachdenken und ohne vorgewarnt worden zu sein. Er antwortete mit dem Satz: „Bestandserhaltung ist alternativlos.“27

Bestandserhaltung hat keine Alternative.

Grundlage dieses Beitrags ist ein Referat der Verfasserin auf dem Werkstatttag für Bestandserhaltung an der SLUB Dresden am 21.9.2016. Illustrierende Beispiele stammen daher überwiegend aus dem Kontext sächsischer Bibliotheken. Der Wortlaut wurde nur leicht verändert, der mündliche Charakter beibehalten. Fußnoten wurden ergänzt, um zum Weiterlesen oder -klicken anzuregen.

Footnotes

  • 2

    Bedenklich stimmt allerdings der Titel des jüngst erschienenen Bands des Deutschen Kulturrats: Zimmermann, Olaf (Herausgeber); Schulz, Gabriele (Herausgeberin): Altes Zeug. Beiträge zur Diskussion zum nachhaltigen Kulturgutschutz, Berlin 2016. (Hervorhebung durch die Verf.) 

  • 3

    … eine Diskussion und ein fachlicher Austausch, wie sie mit dem Werkstatttag für Bestandserhaltung für den Freistaat Sachsen alljährlich in inhaltlich anregender Form und man möchte sagen: vorbildhaft von der Landesstelle für Bestandserhaltung organisiert wird – vielen herzlichen Dank! 

  • 4

    https://finc.info/de/ [Zugriff: 29.11.2016]. 

  • 5

    http://amsl.technology/about-amsl/ [Zugriff: 29.11.2016]. 

  • 6

    https://www.ub.uni-leipzig.de/forschungsbibliothek/projekte/projekte-chronologisch/fachinformationsdienst-fuer-medien-und-kommunikationswissenschaft/ [Zugriff: 29.11.2016]. 

  • 7

    https://www.ub.uni-leipzig.de/open-access/open-access-policy/ [Zugriff: 29.11.2016]. 

  • 8

    http://www.dh.uni-leipzig.de/wo/ [Zugriff: 29.11.2016]. 

  • 9

    Gespannt sein darf man auf die Ergebnisse der Tagung „How many copies should libraries preserve“, veranstaltet von der SUB Göttingen am 11./12.11.2016; https://www.sub.uni-goettingen.de/wir-ueber-uns/oeffentliche-veranstaltungen/bisherige-oeffentliche-veranstaltungen/konferenz-how-many-copies-should-libraries-preserve/ [Zugriff: 10.11.2016]. 

  • 10

    Freundliche Auskunft der Landesstelle für Bestandserhaltung Sachsen vom 16.9.2016. 

  • 11

    http://www.slub-dresden.de/sammlungen/landesdigitalisierungsprogramm/ [Zugriff: 29.11.2016]. 

  • 12

    https://www.medienservice.sachsen.de/medien/news/193757 [Zugriff: 29.11.2016]. 

  • 13

    Kleinbub, Claudia: Tagungsbericht: Der „10. Nationale Aktionstag für die Erhaltung schriftlichen Kulturguts“ am 30. August 2014 in Weimar. In: Bibliotheksdienst 48 (2014), S. 976–984, hier S. 967. – Claudia Kleinbub verstarb am 27.10.2016. „Es nimmt der Augenblick, was Jahre geben.“ 

  • 14

    Ebd. 

  • 15

    Ebd., S. 981. 

  • 16

    Aussage von Irmgard Siebert (ULB Düsseldorf) im Beitrag von Gerlach, Annette: Bestandserhaltung – ein politisches Thema? In: Bibliotheksdienst 50 (2016), S. 744–748, hier S. 744. 

  • 17

    http://www.bibliotheksverband.de/fachgruppen/kommissionen/bestandserhaltung.html [Zugriff: 29.11.2016]. 

  • 18

    http://www.klassik-stiftung.de/einrichtungen/herzogin-anna-amalia-bibliothek/weimarer-appell/ [Zugriff: 29.11.2016]. 

  • 19

    http://kek-spk.de/fileadmin/user_upload/pdf_Downloads/KEK_Bundesweite_Handlungsempfehlungen.pdf, S. 6 [Zugriff: 29.11.2016]. 

  • 20

    Ebd. Siehe auch die Kurzfassung http://kek-spk.de/fileadmin/user_upload/pdf_Downloads/Zusammenfassung_Bundesweite_Handlungsempfehlungen_zur_Erhaltung_des_schriftlichen_Kulturguts_2015.pdf [Zugriff: 29.11.2016]. 

  • 21

    In gelungener Weise geschah dies auf dem Nationalen Aktionstag für Bestandserhaltung am 12.11.2016 an der SUB Göttingen: Johannes Mangei und sein Team lockten mit den Themen der Bestandserhaltung ca. 350 Interessierte auf den Plan; https://www.sub.uni-goettingen.de/wir-ueber-uns/oeffentliche-veranstaltungen/bisherige-oeffentliche-veranstaltungen/nationaler-aktionstag-fuer-die-erhaltung-schriftlichen-kulturguts/ [Zugriff: 10.11.2016]. 

  • 22

    Stellvertretend für andere Veröffentlichung s. Janis, Katrin: Restaurierungsethik im Kontext von Wissenschaft und Praxis. Bamberg 2002, mit Rekurs auf Andrea Giovannini und seine Ausführungen zur Erhaltung von Büchern und Archivalien (ebd., S. 51–54). 

  • 23

    Vgl. die zentrale Fortbildungsveranstaltung des dbv am 8./9.11.2016 an der SLUB Dresden; http://www.bibliotheksverband.de/fileadmin/user_upload/Kommissionen/Kom_Bestandserhaltung/2016_Fortbildung_ME_Programm_Dresden_November_2016_final.pdf [Zugriff: 29.11.2016]. 

  • 24

    Moczarski, Jana; Tehsmer, Vivian; Anders, Manfred: Schimmel schädigt Kulturgut. Auf der Suche nach Alternativen zur Dekontamination von Archiv- und Bibliotheksgut. In: Restauro 120 (2014), S. 14–21. 

  • 25

    http://schriftgutschuetzen.kek-spk.de/projekte/systematische-untersuchung-der-lichtschaedigung-an-historischen-dokumenten-und-ableitung-von-schutzmassnahmen-systematische-untersuchung-der-lichtschaedigung-an-historischen-dokumenten-und-konzeption/ [Zugriff: 29.11.2016]. 

  • 26

    http://kek-spk.de/fileadmin/user_upload/pdf_Downloads/KEK_Broschuere_Schrift_Gut_Schuetzen.pdf [Zugriff: 29.11.2016]. 

  • 27

    Dr. Werner Hoffmann, 19.9.2016. 

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Almuth Märker

Dr. Almuth Märker

Universitätsbibliothek Leipzig, Sondersammlungen, Beethovenstr. 6, 04107 Leipzig


Published Online: 2017-01-16

Published in Print: 2017-02-01


Citation Information: Bibliotheksdienst, Volume 51, Issue 2, Pages 150–161, ISSN (Online) 2194-9646, ISSN (Print) 0006-1972, DOI: https://doi.org/10.1515/bd-2017-0015.

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