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Bibliotheksdienst

Editor-in-Chief: Michalke, Karin / Ihrig, Hartmuth

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ISSN
2194-9646
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Volume 51, Issue 2

Issues

Makerspace, Mundraub-Tour und Foodsharing

Die Projektreihe ‚Ernte deine Stadt‘ als Form sozial und ökologisch nachhaltiger Bibliotheksarbeit in der Stadtbibliothek Bad Oldesloe

Jens A. Geißler / Tim Schumann
Published Online: 2017-01-16 | DOI: https://doi.org/10.1515/bd-2017-0018

Zusammenfassung

Öffentliche Bibliotheken können gegenwärtige Trends wie Sharing oder Urban Gardening mit modernen Bibliothekskonzepten wie Makerspaces verknüpfen. Orientiert an den Ideen grüner Bibliotheken und neuen Formen der Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft startete die Stadtbibliothek Bad Oldesloe 2015 die Projektreihe ‚Ernte deine Stadt‘, mit der sie ihr Profil als moderner und innovativer Lernort und als Ideengeberin stärkte. Der Raum Bibliothek wurde als Ort der Begegnung und der Kreativität zum Thema Nachhaltigkeit angeboten und konnte neue Initiativen in der Stadt anstoßen.

Abstract

Public libraries are able to connect current trends like sharing or urban gardening with modern library concepts like Makerspaces. Orientated towards the ideas of green libraries and new ways of cooperation with the civil society, the city library Bad Oldesloe started in 2015 its project series “Harvest your City”, with which it strengthened its image as a modern and innovative place of learning and a source of ideas. The library space was offered as a place for meeting and creativity on the subject of sustainability and this was able to initiate new initiatives in the city.

Schlüsselwörter: Öffentliche Bibliotheken; Makerspace; Community Building; Grüne Bibliothek

Keywords: public libraries; Makerspace; community building; green library

1 Menschen und die Gemeinde im Fokus der öffentlichen Bibliothek

„Bibliotheken sollten heute nicht weiter so tun, als ginge es um die Ausleihe von Medien”1

Bibliotheken werden im Zeitalter einfach zugänglicher digitaler Informationen zunehmend in Frage gestellt und müssen sich als Orte der Aktivität und der Begegnung neu erfinden. Damit einher geht ein neues Verständnis und Verhältnis zwischen NutzerInnen und Bibliotheken. Der Wechsel von KonsumentInnen hin zu ‚prosumern‘2 kennzeichnet den Wandel von Orten der passiven Nutzung zur aktiven Partizipation. Dafür muss die Bibliothek einen werkstatt-artigen Charakter annehmen, der inspirierend wirkt und gemeinschaftlich zur Schöpfung neuer Ideen beiträgt. Gleichzeitig wird gefordert, dass Bibliotheken die Zusammenarbeit mit ihrer Gemeinde und der Zivilgesellschaft suchen.3 Durch Offenheit gegenüber neuen Ideen können sie eine starke Verknüpfung mit der Kommune und der Zivilgesellschaft erzeugen, somit die eigene Relevanz verdeutlichen und als offener Lern- und Begegnungsraum für Menschen im digitalen Zeitalter Bedeutung erlangen.4

Diesen Herausforderungen stellte sich die Stadtbibliothek Bad Oldesloe mit der Projektreihe ‚Ernte deine Stadt‘. Dort wurden aktuelle gesellschaftliche Trends des Urban Gardening und des Teilens bzw. ‚Sharings‘ aufgegriffen und mit modernen Methoden und Ideen öffentlicher Bibliotheken, wie z. B. Makerspaces und Community Building, verknüpft. Grundlage für die thematische Ausrichtung bildete die Idee der grünen Bibliothek und deren Weiterentwicklung zur nachhaltigen Bibliotheksarbeit. Ziel der Projektreihe ist es, die Stadtbibliothek als Ort der Begegnung, der Wissensweitergabe und der Inspiration anzubieten und Menschen in direkten Kontakt miteinander treten zu lassen. Aspekte der Umweltbildung und der Nachhaltigkeit sollen vermittelt und neue Initiativen in der Stadt angestoßen werden.

Der vorliegende Artikel wird durch Ausführungen zur Idee der grünen Bibliothek und deren Weiterentwicklung zur nachhaltigen Bibliotheksarbeit eingeleitet und gibt eine thematische Einbettung für die Projektreihe. Kurze Abschnitte zu den Konzepten von Makerspaces und Community Building stellen die Methoden dar, die in die Konzeption der Projektreihe einflossen. Anschließend folgt eine ausführliche Darstellungen der Projektreihe ‚Ernte deine Stadt‘, beginnend bei Konzeption, hin zu den Aktionstagen 2015 und 2016. Der Artikel schließt mit einem Fazit und einem Ausblick auf weitere Ideen 2017.

2 Von grünen Bibliotheken zu sozial und ökologisch nachhaltiger Bibliotheksarbeit

Die Idee der grünen Bibliothek ist in den USA entstanden und beschreibt ein ‚grünes‘, ökologisches arbeitendes Gebäude.5 Derzeit wird jedoch die Erweiterung des Verständnisses hin zu ‚sustainable libraries‘ debattiert,6 in Folge dessen Kritik an der oft synonymen Verwendung von ‚green‘ und ‚sunstainable‘ laut wurde.7 ‚Sustainability‘ kann aber auch als Erweiterung der Ursprungsidee der grünen Bibliothek verstanden werden, denn „any library that promotes sustainability through eduaction, operations and outreach“8 leistet grüne Bibliotheksarbeit.

In Deutschland war die Idee der grünen Bibliothek nie stark vertreten und technisch und architektonisch ausgerichtet.9 Petra Hauke kritisierte diese Ausrichtung, da grüne Bibliotheken auch soziale und gesellschaftliche Verantwortung übernehmen können und mit Hilfe ihrer „Multiplikatorenfunktion“ und „Vorbildfunktion“, ökologische Themen aktiv nach außen kommunizieren.10 Nils Beese dagegen kritisiert das bisherige ‚Greenwashing‘ von Bibliotheken, denn „so lange die Vermarktung eines nachhaltigen Engagements, […] das zentrale Argument für Bibliotheken ist, scheint gelebte Nachhaltigkeit keine Realität im Bibliotheksdiskurs zu sein.“11 Für ihn ist eine aktive Auseinandersetzung darüber nötig, was nachhaltige Bibliotheksarbeit leisten soll.12

Aus dieser Kritik und den Weiterentwicklungen der Idee grüner Bibliotheken kann ein neues Verständnis von ‚sustainable‘ bzw. nachhaltiger Bibliotheksarbeit in Deutschland abgeleitet werden, das sich an sozialen und ökologischen Debatten um Nachhaltigkeit orientiert und diese befördern soll.13 Die Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts und die Umwandlung des Raumes Bibliothek in einen aktiven Treffpunkt14 stellt ein zentrales Element nachhaltiger Bibliotheksarbeit dar.15 Darüber hinaus muss sich die Bibliothek an den Gegebenheiten der Gemeinde orientieren und kann nicht ohne konkreten Bezug arbeiten.16

3 Makerspaces und Community Building als Formen nachhaltiger Bibliotheksarbeit

3.1 Makerspaces als Formen nachhaltiger Bibliotheksarbeit

Makerspaces können nicht nur als Raum des technischen Experimentierens verstanden werden. Sie stellen Infrastrukturen und Ressourcen für die Vernetzung von Menschen bereit.17 Nach der Einrichtung eines Makerspaces sind der Aufbau und die Pflege der Community eine der Hauptaufgaben von Bibliotheken, denn erst die Menschen bringen ihre Projekte und Ideen in den Makerspace ein.18

Über Makerspaces können Bibliotheken aktiv in ihre Gemeinde hinein wirken und Menschen zusammenbringen. Dafür kann sich die Bibliothek an den vorhandenen lokalen zivilgesellschaftlichen Strukturen orientieren, neu entstehende Subkulturen unterstützen oder sogar neue Interessen hervorbringen. Zudem bindet sich die Bibliothek in ein Netzwerk ein, dass evtl. erst durch den Makerspace entsteht.19 Auch Meinhardt hebt hervor, dass Makerspaces eine Möglichkeit für Bibliotheken bieten „an gesellschaftliche Trends und Bildungsbedürfnisse an[zuknüpfen].“20

3.2 Community Building als Form nachhaltiger Bibliotheksarbeit

Ähnlich zur nachhaltigen Bibliotheksarbeit hat Community Building die Schaffung oder Vertiefung einer Gemeinschaft bzw. eines Gemeinschaftsgefühls zum Ziel. Die Integration von Menschen in die Gesellschaft und deren Identifikation mit einer Region/Stadt oder mit einem bestimmten gemeinsamen Interesse soll verstärkt werden. Aspekte wie soziale Gleichheit und Gerechtigkeit sowie die individuelle Lebensqualität sollen verbessert werden.

Auch wenn es sich nicht um ein neues Arbeitsfeld für Bibliotheken handelt, kritisiert Scott die bisherige Ausblendung der Bedürfnisse der Menschen oder der Gemeinde.21 Ideen und Aktionen sollten mit zivilgesellschaftlichen AkteurInnen gemeinsam entwickelt und umgesetzt werden, um Bibliotheken als „public neighborhood spaces“ anzubieten.22 Dem physischen Raum und dem Ort Bibliothek kommt dabei eine besondere Bedeutung zu, weil sich nur in ihm Menschen direkt treffen können um miteinander in Kontakt zu treten.23 Mit der Einbindung gesellschaftlicher AkteurInnen erfährt der physische Raum Bibliothek eine starke Aufwertung und wird zum Ort der Begegnung, der Kommunikation, des Wissenserwerbs und der aktiven Zusammenarbeit. Damit wächst die Verzahnung der Menschen untereinander, während die Bibliothek sich stärker mit der Stadtgesellschaft verknüpft. Gleichzeitig wird die Bedeutung der Bibliothek für die Gemeinde als Ganzes gestärkt.24

4 Die Projektreihe ‚Ernte deine Stadt‘ der Stadtbibliothek Bad Oldesloe

4.1 Idee und Konzeption

Die Stadtbibliothek Bad Oldesloe versorgt mit sieben Mitarbeitern, ca. 40.000 Medieneinheiten sowie einem Angebot an digitalen Medien und vielfältigen Dienstleistungen, die ca. 25.000 Einwohner der Kreisstadt Bad Oldesloe. Über Kooperationsverträge sind alle Schulformen der Stadt in die Dienstleistungen der Stadtbibliothek eingebunden. Zudem existieren starke lokale Akteure der Zivilgesellschaft, deren Erfolg sich auch darin ausdrückt, dass Bad Oldesloe im Jahr 2015 auf deren Initiative hin den Titel „Fair-Trade-Town“ verliehen bekam.

Unter der Fragestellung, wie die Stadtbibliothek Bad Oldesloe sich als innovativer und offener Ort in der Gemeinde weiter positionieren kann, wurde ein Konzept für ein Projekt25 erstellt, in dem die Einbindung der Zivilgesellschaft zentrale Bedeutung hatte. Über die Verknüpfung aktueller Themen wie Urban Gardening und dem Wandel Öffentlicher Bibliotheken, sollten Ideen der grünen bzw. nachhaltigen Bibliotheksarbeit und Formen innovativer Bibliotheksarbeit gemeinsam gedacht werden. Ziel war es, den Raum Bibliothek zu öffnen und als Treffpunkt, Begegnungsort, Ort der Vernetzung und des aktiven Gestaltens anzubieten. So sollten neben dem Community Building auch die Einrichtung eines temporären Makerspaces Menschen miteinander verknüpfen und Themen aktiv in die Gemeinde getragen werden.

Für die Umsetzung dieser Ziele bot sich der Trend Urban Gardening an, der seit mehreren Jahren von der Gesellschaft und der Politik aufgegriffen und mit neuen Bedeutungen versehen wird. Zahlreiche selbstorganisierte Initiativen sind entstanden, während aktuelle politische Strategiepapiere die stark gewachsene politische Bedeutung aufzeigen. Darin wird gemeinschaftliches Gärtnern als wichtiger ökologischer und sozialer Bestandteil der Stadtentwicklung wahrgenommen.26 Ebenso fallen die zahlreichen Überschneidungen zwischen den Ideen und Ziele von Gemeinschaftsgärten und Öffentlichen Bibliotheken auf,27 weshalb sich das Aufgreifen dieses Themas für neue Formen bibliothekarischer Arbeit anbot.

4.2 ‚Ernte deine Stadt 2015‘ – Urban Gardening, Makerspaces und Saatgutbomben

Für das Projekt im Jahr 2015 wurde ein umfangreiches Angebot entwickelt, das neben einer kleinen Bildausstellung auch aus einem niedrigschwelligen Bildvortrag, einem offenen Urban Gardening-Workshop mit einer Saatgutbörse sowie einem Makerspace zum Bau eines Insektenhotels durch eine Grundschulklasse bestand. Als klassischer bibliothekarischer Aspekt wurde eine breite Medienpräsentation zum Thema Urban Gardening zusammengestellt. Mit Hilfe des Konzeptes konnten bei unterschiedlichen regionalen und überregionalen Stiftungen Fördermittel eingeworben werden, die einen beträchtlichen Teil der Ausgaben abdecken konnten.

Die Hauptveranstaltung wurde im April 2015 mit einer Fotoausstellung zum Thema „Gärtnern in der Stadt“ und der Medienpräsentation gemeinsam eröffnet. Ein sehr gut besuchter, niedrigschwelliger wissenschaftlicher Bildvortrag von Dr. Elisabeth Meyer-Renschhausen führte in das Thema ein. Im Anschluss daran boten die Gemeinschaftgärtner vom Gartendeck in Hamburg und vom Offenen Garten in Bad Oldesloe praktische Informationen zum Thema sowie altes Saatgut an. Die Urban Gardening Vernetzungs-Plattform „Grünanteil“28 begleitete die Veranstaltung, so dass der Raum Bibliothek einen offenen workshop-artigen Charakter annahm. Für Kinder wurde der Wettbewerb „Die schnellste Bohne der Stadt“ angeboten. Klassisches bibliothekarisches Wissen war an diesem Tag kaum gefragt, so dass das Team der Stadtbibliothek völlig in den Hintergrund rückte und die Besucher sowie die zivilgesellschaftlichen Akteure die Stadtbibliothek vereinnahmten.

 Der Stand des Gartendecks mit Saatgut und vorgezogenen Pflanzen, Foto: Stadtbibliothek Bad Oldesloe.
Abb. 1:

Der Stand des Gartendecks mit Saatgut und vorgezogenen Pflanzen, Foto: Stadtbibliothek Bad Oldesloe.

Im Juni 2015 wurde der Makerspace zum Thema „Insektenhotel“ mit einer Grundschulklasse durchgeführt. Die Schulsozialarbeit sowie zwei Mitarbeiterinnen des NABU gestalteten den Makerspace inhaltlich. Die Bibliothek musste sich zudem mit einer etwas anderen Form des ‚Medienerwerbs‘ auseinandersetzen. Frische Baumscheiben (vom Bauhof), unterschiedliches Füllmaterial für ein großes und viele kleine Insektenhotels sowie zahlreiche große Bohrmaschinen und anderes Werkzeug mussten beschafft werden. So wurde der Veranstaltungsraum der Bibliothek vorübergehend zu einer Mischung aus Vortragsraum und Werkstatt, in dem die Kinder ein großes Insektenhotel für ihren Schulgarten bauten. Eine Vielzahl von kleinen Insektenhotels konnte auf Initiative der Lehrerin und nach Absprache mit dem Bürgermeister im Stadtgebiet aufgehängt werden.

 Margit Baumann vom NABU und ein Mädchen der Grundschulklasse beim Bau des Insektenhotels, Foto: Stadtbibliothek Bad Oldesloe.
Abb. 2:

Margit Baumann vom NABU und ein Mädchen der Grundschulklasse beim Bau des Insektenhotels, Foto: Stadtbibliothek Bad Oldesloe.

Von den Medien wurden die Veranstaltungen stark nachgefragt und sehr positiv aufgenommen. Selbst im NDR Hörfunk wurde kurz darüber berichtet. Zudem wurden nach den Aktionstagen Nachfragen an die Stadtbibliothek herangetragen. So wurde kurz nach der Hauptveranstaltung auf Nachfrage einer Lehrerin spontan ein Makerspace „Bohnenpflanzen“ für eine Grundschulklasse durchgeführt. Auf Anregung einer Bewohnerin des Seniorenheims Riedel vernetzte die Stadtbibliothek den Kindertreff Drachenturm und das Seniorenheim. Als Resultat daraus wurde im Seniorenheim ein Hochbeet beschafft, in dem Kinder und Senioren gemeinsam Gemüse anpflanzten. Selbst Formen des Guerilla Gardening, (wozu die Stadtbibliothek jedoch nicht aufgerufen hatte!) waren eine direkte Folge der Veranstaltung, da die auf der Pflanzenbörse angebotenen Samenbomben sich kurze Zeit später in städtischen Grünanlagen wieder fanden.

Nicht erfolgreich war der angebotene Wettbewerb für Kinder, der kaum auf Interesse stieß. Ein hoher organisatorischer Aufwand für die Verankerung der eingeworbenen Fördermittel im Etat band große Arbeitszeitressourcen. Dem steht jedoch die überraschend große Bereitschaft zur Zusammenarbeit von Seiten der zivilgesellschaftlichen Akteure sowie von Sponsoren mit der Stadtbibliothek gegenüber. Gleichzeitig erweiterten sich die Wahrnehmung und die Identifikation mit der Stadtbibliothek, so dass sie nun auch in anderen Zusammenhängen als potentielle Kooperationspartnerin anerkannt ist.

Abschließend wurde das Projekt bei der Planung des von der Kulturstiftung des Bundes initiierten TRAFO-Programms als Impuls berücksichtigt, während durch einen Vortrag auf dem Bibliothekskongress 2016 die Idee und das Konzept einer breiten bibliothekarischen Öffentlichkeit vorgestellt werden konnte.29 Dort griff die Stadtbibliothek auch die Aufforderung von Petra Hauke auf, die als Moderatorin den Vortrag begleitete, das Projekt für den Green Library Award 2016 der IFLA einzureichen, aus dem ein achtbarer achter Platz hervorging (unter 30 teilnehmenden Bibliotheken weltweit!).

4.3 ‚Ernte deine Stadt 2016‘ – Foodsharing, eine Kräuterwanderung und eine mundraub-Tour

Die Erfolge und die Auswirkungen des Vorjahres veranlassten die Stadtbibliothek dazu, auch im Jahr 2016 einen Aktionstag zu planen. Allerdings waren nur geringe Ressourcen vorhanden, so dass ein deutlich kleinerer Rahmen konzipiert wurde. Diesmal sollte an einem Aktionstag am 15. Oktober 2016 das Thema Stadtnatur und der Aspekt des Teilens im Vordergrund stehen. Erneut wurden Kooperationen mit den Menschen und der Gemeinde gesucht und aktuelle Trends wie mundraub30 oder Foodsharing31 aufgegriffen. Finanziell wurde die Stadtbibliothek wie auch im Vorjahr von der Ertomis-Stiftung32 unterstützt.

Ähnlich wie der Trend des Urban Gardening erfährt auch die Idee des mundraub eine steigende gesellschaftliche und politische Anerkennung, was sich u. a. durch eine gemeinsame mundraub-Fahrradtour mit der Bildungsministerin Johanna Wanka in Berlin im Jahr 2015 zeigte.33 In den letzten Jahren wuchs zudem die Wahrnehmung der Verschwendung von Lebensmitteln, was sich in der Gründung von Foodsharing-Gruppen zeigt, wie z. B. im Jahr 2016 in Bad Oldesloe.

Nach einem Makerspace im Vorjahr sollte nun die Idee erprobt werden, in Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft die Stadtbibliothek als Lern- und Erlebnisraum außerhalb der eigenen vier Wände zu präsentieren. Dafür wurde eine mundraub-Radtour, in Zusammenarbeit mit dem ADFC Bad Oldesloe sowie dem Umweltamt der Stadt Bad Oldesloe zu den Streuobstwiesen sowie eine Kräuterwanderung angeboten. So wollte die Stadtbibliothek allen Interessierten ein Angebot unterbreiten, ihr Wissen um die Stadtnatur zu erweitern, Orte des gemeinfreien Erntens und Kräutersammelns gemeinsam aufzusuchen und neben der Umweltbildung auch kulinarische Inhalte vermitteln. Durch die erneute Zusammenarbeit mit dem Offenen Garten Bad Oldesloe konnte z. B. das Brotbacken im Tandoori-Ofen mit einer anschließenden Verkostung eingebunden werden. Ein anschließendes get-together in der Stadtbibliothek nach den Touren sollte den Menschen wieder die Möglichkeit geben, in direkten Austausch miteinander zu kommen. Dort bot die Foodsharing-Gruppe Lebensmittel an, die frisch vom lokalen Markt vor der Mülltonne gerettet wurden. Die großen Mengen an Obst, Gemüse und Brot, die in den Räumen der Stadtbibliothek zur Mitnahme angeboten wurden, erweckten großen Eindruck und führten zu intensiven Diskussionen zwischen den Foodsharern und den Besuchern.

 Der Foodsharing-Stand in der Stadtbibliothek, Foto: Stadtbibliothek Bad Oldesloe.
Abb. 3:

Der Foodsharing-Stand in der Stadtbibliothek, Foto: Stadtbibliothek Bad Oldesloe.

Kinder und Jugendliche gehörten in diesem Jahr nicht zur Zielgruppe der Veranstaltung. Aufgrund des Charakters, die Stadtbibliothek für die Touren zu verlassen, hätte nicht ausreichend Personal zur Verfügung gestanden, eine angemessene Aufsicht zu gewährleisten. Zudem traten, wie im Vorjahr auch, die klassischen bibliothekarischen Tätigkeiten in den Hintergrund und wurden an diesem Tag nicht benötigt. Die Bibliothek wurde erneut zu einem Ort des regen Austauschs, der Wissensvermittlung und des Teilens unter allen Besuchern.

Insgesamt hatte die Veranstaltung 2016 weniger nachträgliche Auswirkungen. Die Berichterstattung in der Presse war etwas geringer, dennoch durchweg positiv. Die Veranstaltungen waren insgesamt gut besucht, lediglich die Teilnahme an der Radtour war aufgrund eines ‚typisch norddeutschen Herbstwetters‘ nur mäßig. Dafür steht eine der interessantesten Auswirkungen noch aus, da sich der Leiter des Umweltamtes der Stadt Bad Oldesloe nach der Radtour bereit erklärte, das Obstbaum-Kataster der Stadt mit der mundraub-Karte34 zu verknüpfen. Somit hätte die Stadtbibliothek einen aktiven Beitrag zur Verknüpfung einer öffentlichen Behörde mit zivilgesellschaftlichen Akteuren geleistet, von der die Bürger der Stadt direkt profitieren könnten.

 Beginn der mundraub-Tour, Foto: Stadtbibliothek Bad Oldesloe.
Abb. 4:

Beginn der mundraub-Tour, Foto: Stadtbibliothek Bad Oldesloe.

5 Fazit – Die Stadtbibliothek auf dem Weg zu einer sozialen und ökologischen Bibliotheksarbeit?

Die bisherige Umsetzung der einzelnen Projekte aus ‚Ernte deine Stadt‘ kann insgesamt als Erfolg gewertet werden. Unter bibliothekarischen Aspekten hat die Reihe einen praktischen Beitrag zur theoretischen Idee grüner bzw. nachhaltiger Bibliotheksarbeit geleistet und versucht, über konkrete Beispiele zur genaueren Begrifflichkeit beizutragen.

Durch den Charakter einer offenen Werkstatt für Ideen bot sich die Stadtbibliothek als niedrigschwelliger Begegnungs- und Lernort an. Über die Einbindung der BürgerInnen und der Stadt konnten neue Formen der Kooperationen erprobt werden. Mit einem Makerspace und praktischen Ideen des Community Building konnte die Stadtbibliothek erfolgreich für sie neue Formate bibliothekarischer Arbeit ausprobieren. Durch die Überlassung des Raumes an die zivilgesellschaftlichen AkteurInnen und die BesucherInnen war die Stadtbibliothek selbst ein Ort der Vernetzung und des zivilgesellschaftlichen Engagements und präsentierte Ideen und Konzepte zur sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit. Nicht zuletzt die positive mediale Berichterstattung stellte die Stadtbibliothek als Ort nachhaltiger Ideen in Bad Oldesloe dar, was durch die mögliche Zusammenarbeit zwischen der städtischen Umweltbehörde und mundraub noch einmal verdeutlicht werden würde. Ohne das Engagement der BürgerInnen wäre die Projektreihe allerdings kaum denkbar gewesen, weshalb die These von Karsten Schuldt unterstützt wird.35 In diesem Fall wäre ein mögliches Format, mit Hilfe der Stadtbibliothek zivilgesellschaftliche Initiativen ins Leben zu rufen.

Mit der bisherigen Projektreihe konnte allerdings nur ein begrenzter Kreis der Stadtgesellschaft erreicht werden. Für Kinder und Jugendliche hatte der offene Begegnungsraum keinen Reiz. Diese Zielgruppe kann durch Formate mit praktischem Werkstatt-Charakter wie dem Insektenhotel-Makerspace besser erreicht werden. So muss für den Bereich des Wandels der Öffentlichen Bibliotheken nach dem bisherigen Stand konstatiert werden, dass die Auseinandersetzung mit dem Thema Nachhaltigkeit nur ein Baustein sein kann, Öffentliche Bibliotheken weiter relevant für die Stadt zu halten und auf die Anforderungen der Informationsgesellschaft zu reagieren.

Für eine Fortsetzung im Jahr 2017 könnte überlegt werden, einzelne hervorgebrachte Aspekte zu institutionalisieren, wie z. B. die Einrichtung eines Foodsharing-Kühlschranks36 oder eines regelmäßigen Foodsharing-Tages in der Stadtbibliothek. Eine Saatgutbibliothek ist ebenso denkbar wie regelmäßige mundraub-Touren, z. B. in Zusammenarbeit mit Schulklassen. Die Einrichtung von Hochbeeten auf den Grünanlagen der Stadtbibliothek ist weiter unwahrscheinlich, da architektonische Belange berücksichtigt werden müssen. Für eine Wiederholung der bisherigen Aktionstage müsste kritisch überlegt werden, ob diese weiter auf Interesse bei den Menschen in Bad Oldesloe stoßen könnten.

Footnotes

  • 1

    Katrin Passig im Interview mit Dirk Wissen, Wissen, Dirk: Digital Space, Maker Space, Working Space, in: BuB 68 (2016), S. 388. 

  • 2

    Die Idee des ‚prosumers‘ wurde in den 1970er Jahren vom Zukunftsforscher Alvin W. Toffler entwickelt und beschreibt eine Mischung aus Konsum und Produktion. Aktuelle Trends wie das Do-It-Yourself bringen, in Kombination mit neuen Techniken wie dem 3-D-Drucker, neue Formen der gemeinschaftlichen und individuellen Produktion hervor, wobei die Rollenverteilung zwischen Produktion und Konsum verschwimmt. Blättel-Mink, Birgit: Prosumer – der arbeitende Kunde, in: Museum für Post und Telekommunikation [Hrsg.]: Do-it-Yourself, Mainz, 2011, S. 72–79. 

  • 3

    Müller, Christiane: Bücher leihen, Ideen teilen, Berlin, 2016, S. 63. Brujnzeels, Rob: Neue Prozesse gestalteten, die Bibliothek im Umbruch, in: Eigenbrodt, Stang [Hrsg.]: Formierungen von Wissensräumen, Berlin, 2014, S. 225. 

  • 4

    Feldman, 2016, S. 262. 

  • 5

    Aus Platzgründen wird auf eine ausführliche Darstellung über grüne Bibliotheken verzichtet. Weiterführende Informationen bei: Hauke, Petra [Hrsg.]: The green library, Berlin, 2013 oder bei Antonelli, Monika: Greening libraries, Los Angeles, 2012. 

  • 6

    Beispielhaft dafür die Resolution „on the importance of sustainable libraries“ der American Library Association (ALA), die Bibliotheken eine aktive Rolle im Wandel zu einer nachhaltigen Gesellschaft zuschreibt. Auch die Lyon Declaration der IFLA von 2014 hebt die Bedeutung von nachhaltigen Zielen bibliothekarischer Arbeit hervor. 

  • 7

    Barbakoff, Audrey: Building on green, in: Antonelli: Greening libraries, S. 225–226. 

  • 8

    Aulision, George J.: Green Libraries are more than just buildings, in: Electronic Green Journal 35 (2013), S. 1. Online unter: http://escholarship.org/uc/item/3x11862z#page-7 [Zugriff: 06.11.2016]. 

  • 9

    Werner, Klaus Ulrich: Nachhaltigkeit bei Bau, Ausstattung und Betrieb, eine Checkliste, in: Hauke: The green Library, Berlin, 2013, S. 102–104. 

  • 10

    Hauke, Petra; Ulrich, Klaus-Werner: Farbe bekennen – Grüne Bibliotheken auf die Tagesordnung!, in: o-bib, 1 (2014), 1, S. 101. Lediglich die Stadtteilbibliothek Berlin-Tiergarten ist auf diesem Feld aktiv. Neben urbanem Gärtnern, Do-it-Yourself-Aktionen, der Sprach- und Leseförderung und zahlreichen Workshops, z. B. zum Imkern bietet sie auch eine Saatgutbibliothek an, die von den NutzerInnen betreut wird. Kroll, Gabriele, Die Grüne Bibliothek der Nachbarschaft, in: Büchereiperspektiven (2015), H. 2, S. 20–21. 

  • 11

    Beese, Nils: Beyond “Greenwashing”, in: BuB 68 (2016), S. 488. 

  • 12

    Ebd. 

  • 13

    Ebd., S.: 489–490. Der Begriff der sozialen Nachhaltigkeit grenzt sich vom Begriff der wirtschaftlichen Nachhaltigkeit ab und hat die Verbesserung der Lebensqualität der Menschen zum Ziel. Soziale Gerechtigkeit und Teilhabe sollen gefördert werden, der soziale Zusammenhalt soll durch Vernetzung, Kommunikation und Toleranz gestärkt werden. Politische Partizipation und Teilhabe sollen durch offene und demokratische Strukturen gefördert werden. Suter, Christian: Die soziale Dimension der Nachhaltigkeit, vom vernachlässigten Thema zur wichtigen Herausforderung, in: Forum Raumentwicklung, 2015, H. 1, S. 6–7. 

  • 14

    Eigenbrodt, Olaf: Nachhaltige Missverständnisse, zum Stand der Nachhaltigkeitsdebatte im Bibliotheksbau, in: Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, 60 (2010), S. 126. 

  • 15

    Beese 2016, S. 490. 

  • 16

    Smith-Aldrich, Rebekkah: The Capacity To Endure – Sustainability, 2016 http://lj.libraryjournal.com/2016/05/opinion/sustainability/the-capacity-to-endure-sustainability/ [Zugriff: 10.11.2016]. 

  • 17

    Vogt, Hannelore: Bibliotheken sollten lebendige Erlebnisräume sein, Der Dritte Ort als »Makerspace«: Erfahrungen der Stadtbibliothek Köln, in: BuB 67 (2015), S. 444. 

  • 18

    Fachstelle für Öffentliche Bibliotheken NRW: Makerspaces – Wie geht es weiter? 2014, https://oebib.wordpress.com/2014/01/29/makerspaces-wie-geht-es-weiter/ [Zugriff: 10.11.2016]. 

  • 19

    Schuldt sieht auch ein bestimmtes gesellschaftliches Klima in einer Stadt oder Region als nötig an, aus dem sich Menschen für die Makerspace-Community zusammen finden können. Ohne Subkulturen, die an bestimmten Themen interessiert sind, werden sich nur schwer Menschen für die Teilhabe am Makerspace finden. Schuldt, Karsten: Makerspace oder nicht – eine Frage der Community, neue Aufgaben für Fördervereine, in: Hauke, Petra [Hrsg.]: Freundeskreise und Fördervereine, Berlin, 2015, S. 54–55. 

  • 20

    Meinhardt, Haike: Das Zeitalter des kreativen Endnutzers, in: BuB 66 (2014), S. 488 

  • 21

    Scott, Rachel: The Role of Public Libraries in Community Building, in: Public Library Quarterly, 30 (2011), S. 195. 

  • 22

    Ebd., S. 211. 

  • 23

    Ebd., S. 196. 

  • 24

    Müller, 2016, S. 61–65 

  • 25

    Die Idee und die Initiative zu ‚Ernte deine Stadt‘ steht im Zusammenhang mit einem Praxisprojekt des MALIS-Studienganges der TH Köln bei Prof. Dr. Haike Meinhardt. Ein ausführlicher Beitrag über das Projekt erschien in der Zeitschrift Informationspraxis: Schumann, Tim: Urban Gardening und Öffentliche Bibliotheken, in Informationspraxis, 1 (2016), online unter: http://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/ip/article/view/23822 [Zugriff: 06.11.2016]. 

  • 26

    Selbstorganisiert sind z. B. das Gartendeck in Hamburg oder der Allmende-Kontor in Berlin. Politische Strategiepapiere sind z. B. „Grün in der Stadt – für eine Lebenswerte Zukunft“ des BMUB, in dem die Rolle von Gemeinschaftsgärten für das soziale Klima hervorgehoben wird. Das Land Nordrhein-Westfalen veröffentlichte 2016 die Broschüre „Gemeinsam gärtnern in der Stadt.“ 

  • 27

    Als Parallelen können das Teilen von Ressourcen, der offene Lernort, der soziale Treffpunkt, die Emanzipation der Nutzer zu mehr Selbständigkeit, ein Raum möglichst frei von Diskriminierung, die barrierefreie Partizipation und die Chance zur Inklusion bzw. Integration angesehen werden. 

  • 28

    https://beta.gruenanteil.net/ [Zugriff: 06.11.2016]. 

  • 29

    Geißler, Jens. A, Schumann, Tim: Ernte deine Stadt: die Stadtbibliothek als Impulsgeber und aktiver Erfahrungs- und Lernort, 2016, online unter: https://opus4.kobv.de/opus4-bib-info/frontdoor/index/index/docId/2520 [Zugriff: 06.11.2016]. 

  • 30

    http://mundraub.org/ [Zugriff: 06.11.2016]. 

  • 31

    https://foodsharing.de/ [Zugriff: 06.11.2016]. 

  • 32

    http://anstiftung.de/ [Zugriff: 06.11.2016]. 

  • 33

    http://mundraub.org/blog/mundr%C3 %A4uberin-wanka-im-mirabellengl%C3 %BCck [Zugriff: 06.11.2016]. 

  • 34

    http://mundraub.org/map [Zugriff: 06.11.2016]. 

  • 35

    Siehe Fußnote 19. 

  • 36

    http://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/osnabrueck_emsland/Foodsaver-fuellen-Kuehlschrank-fuer-Jedermann,kuehlschrank136.html [Zugriff: 07.11.2016]. 

About the article

Jens A. Geißler

Jens A. Geißler

Stadtbibliothek Bad Oldesloe, Königsstraße 32, 23843 Bad Oldesloe

Tim Schumann

Tim Schumann

Kreisarchiv Stormarn, Mommsenstraße 14, 23843 Bad Oldesloe


Published Online: 2017-01-16

Published in Print: 2017-02-01


Citation Information: Bibliotheksdienst, Volume 51, Issue 2, Pages 181–196, ISSN (Online) 2194-9646, ISSN (Print) 0006-1972, DOI: https://doi.org/10.1515/bd-2017-0018.

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