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Bibliotheksdienst

Editor-in-Chief: Michalke, Karin / Ihrig, Hartmuth

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2194-9646
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Volume 51, Issue 8

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Kommunale Bibliotheken zwischen Kultur und Bildung

Rudolf Fries
  • Corresponding author
  • Bildungs- und Medienzentrum, (Volkshochschule, Karl-Berg-Musikschule, Stadtbibliothek, Kommunales Bildungsmanagement), Domfreihof 1b, 54290 Trier, Deutschland
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Published Online: 2017-07-28 | DOI: https://doi.org/10.1515/bd-2017-0073

Zusammenfassung

Öffentliche Bibliotheken sind immer schon Orte des Lernens gewesen. Um jedoch noch stärker als moderner Lernort wahrgenommen zu werden, müssen sie eine Entwicklung in diese Richtung proaktiv aufnehmen. Dabei kann ihnen helfen, wenn sie den kommunalen Bildungsressorts zugeordnet sind und hier aktiv in die städtische Bildungsentwicklung einbezogen werden. In Trier ist dies gelungen.

Abstract

Public libraries have always been places of learning. In order to be perceived more strongly as modern learning facilities, however, they have to initiate actively a development in this direction. It can be helpful to associate them with municipal education departments where they are actively included into the municipal development of education. This has been done successfully in Trier.

Schlüsselwörter : Öffentliche Bibliothek; Lernort; Kommunale Bildungsentwicklung

Keywords : public library; learning facility; municipal development of education

1 Einleitung

Vor nunmehr zehn Jahren hat der Deutsche Städtetag mit der „Aachener Erklärung“ deutlich Position bezogen für mehr Initiative und mehr Verantwortung der Kommunen in der Bildungspolitik. Die deutschen Städte erhoben in der Erklärung den Anspruch, „in der Bildungspolitik eine stärkere Rolle spielen [zu] wollen.“1 Es folgte 2010 bis 2014 das großangelegte Programm „Lernen vor Ort“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) und aktuell beteiligen sich viele deutsche Städte und Landkreise am Bundesprogramm „Bildung integriert“. Immer ging und geht es darum, den kommunalen Einfluss auf das Bildungsgeschehen vor Ort zu erhöhen und wegzukommen von der Reduzierung auf Schulgebäude und Schulhausmeister. Ein logischer Schritt, wenn die Kommunen als eine Reaktion auf die Aachener Erklärung nach Möglichkeiten suchen, im Zuständigkeitsgewirr zwischen Bund und Ländern ihre Einflussmöglichkeiten auf das lokale Bildungsgeschehen zu verstärken und eigene kommunale Bildungslandschaften zu modellieren. Nicht nur aus diesem Grund, aber auch im Zuge dessen, rücken die kommunalen öffentlichen Bibliotheken immer mehr auch als Bildungseinrichtungen in den Focus. Ohnehin sind die öffentlichen Bibliotheken schon länger unterwegs, sich stärker als Bildungseinrichtungen zu positionieren. So ist der Deutsche Bibliotheksverband Partner in der vom BMBF im Jahr 2011 ins Leben gerufenen „Allianz für Bildung“, die den Aufbau lokaler Bildungsbündnisse unterstützen soll.

Wo verortet sich nun in dieser Gemengelage die öffentliche Bibliothek? Ist sie Kultur- oder Bildungseinrichtung? Kann man überhaupt zwischen Kultur und Bildung stehen? Sind beide Felder nicht so eng miteinander verbunden, dass eine Trennung allenfalls akademisch ist? Oder macht es umgekehrt sogar Sinn, darüber nachzudenken, wo man als öffentliche Bibliothek besser verortet wäre? Über diese Fragen wird der Autor dieses Artikels keinen wissenschaftlichen Artikel liefern, jedoch einen praktischen Erfahrungsbericht aus der Stadt Trier.

2 Kommunales Bildungsmanagement in der Stadt Trier

Mitte der 1960er Jahre vereinte die Stadt Trier ihre Volkshochschule (Gründungsjahr 1920, Wiedereröffnung 1947) und die öffentliche Stadtbibliothek (gegründet 1939) in einem Gebäude, dem Palais Walderdorff gegenüber dem Trierer Dom. Schon sehr früh war dies mehr als nur eine räumliche Zusammenlegung. Mitte der 1990er Jahre wurde die Idee dann erstmals auch in einem verschriftlichten Konzept skizziert. Dort wurden ein integrativer Ansatz und eine ganzheitliche Konzeption angestrebt statt der bloßen Addition heterogener Nutzer des Gebäudekomplexes. Inzwischen hat die Stadt die verschiedenen Bildungseinrichtungen unter dem Dach des Palais Walderdorff auch formal zusammengeführt. Volkshochschule, Musikschule, die öffentliche Bibliothek und das kommunale Bildungsmanagement bilden heute vier gleichrangige Abteilungen in einem Amt, dem Bildungs- und Medienzentrum (BMZ) der Stadt Trier (Amt 43). So sind die Bildungseinrichtungen, auf die die Stadt den vollen Zugriff hat, in einer Struktur zusammengeführt. Das Amt wiederum gehört organisatorisch dem Dezernat für Bildung, Soziales, Wohnen, Jugend und Arbeit an.

Diese Strukturierung ist kein Produkt eines Verteilungsproporzes, sondern folgt einem konkreten bildungspolitischen Plan, der auch für die Bibliothek von großer Bedeutung ist. Dieser Plan orientiert sich strukturell an einem Management-Modell aus der Wirtschaft, dem Modell des Integrierten Managements nach Knut Bleicher2 . Verkürzt gesprochen liegt diesem zugrunde, dass eine weitgefasste Zielformulierung (Vision) Strategien begründet, an denen sich die operativen Handlungen zur Umsetzung und zur Zielerreichung orientieren. Dabei wird zudem darauf geachtet, dass nicht nur die konkreten Maßnahmen, sondern auch die unterstützenden Strukturen und die Regeln, nach denen gehandelt wird, mit im Blick bleiben.

Die Übertragung dieses Modells aus der Wirtschaft auf die Bildung in Trier erfolgte in der 2014 gegründeten Abteilung „Kommunales Bildungsmanagement“ bzw. in deren Vorgängerprojekt „Lernen vor Ort“ (2010–2014).

Bildungsmodell auf Basis des Modells des Integrierten Managements nach Knut Bleicher.
Abb. 1:

Bildungsmodell auf Basis des Modells des Integrierten Managements nach Knut Bleicher.

Demnach stehen über den Bildungsaktivitäten des Dezernates bildungspolitische Leitlinien, vergleichbar einem Bildungsleitbild. Wesentliche Auswirkungen hatten das Modell und das Projekt „Lernen vor Ort“ erstmals 2010 bei der Neugliederung der Dezernate und der Zusammenführung bildungsrelevanter Ämter in einem Dezernat. So wurde auch die öffentliche Stadtbibliothek in dieses Amt überführt, während der Fachbereich Kultur einem anderen Dezernat zugeordnet blieb. Damit war klar, dass bei der Verfolgung der bildungspolitischen Ziele des Dezernates auch die Stadtbibliothek eine aktive Rolle spielen sollte.

Um die Einrichtungen des BMZ für die Aufgaben zur Erreichung der Leitziele zu ertüchtigen, stellte sich das gesamte Amt schon zuvor einem gemeinsamen Zertifizierungsprozess. Volkshochschule, Musikschule und Bibliothek führten ein Qualitätsmanagement nach LQW ein, also die „Lerner orientierte Qualitätstestierung in der Aus-, Fort- und Weiterbildung“. Damals begann in der Bibliothek erstmals eine intensive Auseinandersetzung mit der Frage, wie die eigenen Aktivitäten und Prozesse unter dem Aspekt des Lernens und der Bildung zu bewerten sind. Weiter noch: Die eigenen Prozesse wurden vor allem unter dem Aspekt des Lernens beschrieben und teilweise neu strukturiert. Dies war ein erster Schritt in eine proaktive Weiterentwicklung der Bibliothek hin zu einer Bildungseinrichtung, die über die klassische Vermittlung von Recherche-, Informations- und Medienkompetenz hinausgeht. Gleichzeitig konnten die Beziehungen zu den weiteren Ämtern des Dezernates sehr viel einfacher organisiert und ausgebaut werden: zum Jugendamt in seiner Verantwortung für den gesamten Bildungsbereich vor dem Schuleintritt und für die Familienbildung; zum Amt für Schulen und Sport für den Grundschulbereich, über die Gymnasien bis hin zu den Berufsbildenden Schulen. Wichtig ist auch die Kooperation mit dem Jobcenter und dem Amt für Soziales und Wohnen, wo es immer auch um Wiedereingliederung und Teilhabe oder um Grundbildung und Qualifizierung Erwachsener geht. Hier sitzt die Bibliothek seit vielen Jahren bei grundlegenden strategischen Entscheidungen mit am Tisch und ist Bestandteil neuer Konzeptionen und Interventionsformen.

Wie das Bildungsmodell auch inhaltlich weiter (auf die Bibliothek) wirken kann, lässt sich am Beispiel der Bildungsstrategie zur Reduzierung des funktionalen Analphabetismus gut erkennen: In Folge der alarmierenden Ergebnisse der „leo. Level-One Studie – Literalität von Erwachsenen auf den unteren Kompetenzniveaus“3 wurde in Trier 2011 auf Initiative des Bildungs- und Medienzentrums das „Trierer Bündnis für Alphabetisierung und Grundbildung“ ins Leben gerufen. Mit rund 80 Mitgliedern aus Zivilgesellschaft, Verwaltung und Politik war es seinerzeit das bundesweit größte Alpha-Bündnis mit der Intention, die Problematik von Menschen, die nicht ausreichend lesen und schreiben können, verstärkt in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung zu rücken. Es folgten konkrete Maßnahmen, wie Sensibilisierungsseminare in Behörden, die Einrichtung von Lerncafés in Brennpunkt-Stadtteilen, der Aufbau von Lernpatensystemen, vermehrte Grundbildungsangebote der Volkshochschule u. v. m. Die zentral gelegene Bibliothek als barrierefreier Ort im Stadtzentrum bekam aber auch eine besondere Aufgabe im Gesamtkatalog der Grundbildungsstrategie: die Einrichtung des Lerntreffs im Erdgeschoss der Bibliothek. Nach dem Modell eines offenen und frei zugänglichen Selbstlernzentrums in der Bibliothek wurde in kurzer Zeit eine zentrale Anlaufstelle für Grundbildung in Trier etabliert. Die Räume wurden ansprechender gestaltet, modern und funktional möbliert und technisch neu ausgestattet (freies W-LAN, Lerner-Notebooks). Ebenso wichtig war aber die Vorbereitung des Bibliothekspersonals und der Pädagoginnen des Alpha-Projektes auf die erweiterten Aufgaben durch gemeinsame Fortbildungen und die gemeinsame Ergänzung des Bestands der Bibliothek um neu angeschaffte Lehr- und Lernmaterialen in herkömmlichen und in digitalen Formaten. Aktuell hat sich der Lerntreff über die eigentliche Aufgabe hinaus auch zu einem Lernzentrum für Neuzugewanderte entwickelt. Jene, die aufgrund vorheriger Bildungserfahrungen in ihren Heimatländern mit Selbstlerntechniken und -materialien zurechtkommen, nutzen die Bibliothek heute täglich als frei zugänglichen Lernort, der ihnen übrigens auch aus ihrer Herkunftskultur vertraut ist.4

Diese stringente Entwicklung einer Bildungsstrategie mit der Bibliothek als Bestandteil war nur möglich, weil sie organisatorisch in das Bildungsdezernat eingebunden ist.

Die Stadtbibliothek als Lernort für Grundbildung in diesem Modell.
Abb. 2:

Die Stadtbibliothek als Lernort für Grundbildung in diesem Modell.

Es gibt aber auch weitere Beispiele gelungener Kooperationen innerhalb des Amtes, die den Bildungscharakter verdeutlichen. Wie viele andere Bibliotheken ist auch die öffentliche Stadtbibliothek Trier in einem ständigen Entwicklungsprozess. Ein aktuelles Projekt ist dabei die Neuausrichtung der Musikabteilung. Bestandspflege und -präsentation sind hier wichtige Einzelfragen wie auch die grundlegende Ausrichtung der Abteilung insgesamt. In den regelmäßigen Sitzungen der Abteilungsleitungen aus Volkshochschule, Musikschule, Stadtbibliothek und Kommunalem Bildungsmanagement ist dazu die Idee entstanden zu prüfen, wie die Musikabteilung der Bibliothek den Unterricht der Musikschule gezielt unterstützen und so für eine neue Benutzergruppe interessant werden kann. (Die Musikschule hat rund 1.000 Schüler/innen). Eine Projektgruppe aus dem Kollegium der Musikschule und der Bibliothek geht dieser Fragestellung nach. Bemerkenswert ist hier nicht nur die einfache Kooperation an sich, sondern auch die Idee, den Bildungsauftrag der Musikschule mit der Bibliothek aktiv zu unterstützen.

3 Fazit

Was lässt sich aus diesen Beispielen zur Fragestellung „Bibliothek zwischen Kultur und Bildung“ ableiten? Die Tatsache, dass Bibliotheken mit anderen Bildungseinrichtungen gut und fruchtbar kooperieren, ist nicht allein von einer Verortung in der Bildung abhängig; das belegen viele gute Kooperationen anderenorts ohne einen organisatorischen Zuschnitt wie in Trier. Dass sich Bibliotheken auf den Weg machen noch bessere Lernorte zu werden, ist sicher auch nicht zwingend von einer Zuordnung zum Bildungsbereich allein abhängig. Auch dies belegen viele Beispiele. Ebenso richtig ist aber, dass eine konsequente Fortentwicklung der öffentlichen Bibliotheken in Richtung moderner Bildungseinrichtungen nur gelingen kann, wenn sie die dafür erforderlichen Prozesse aktiv und zielgerichtet in die Hand nehmen. Bezogen auf das zuvor kurz skizzierte Managementmodell heißt das: Bibliotheken als bewusst wahrgenommener Bestandteil der kommunalen Bildung werden per se in die bildungspolitischen Strategien einbezogen, mehr noch, sie werden als notwendiger Akteur angesehen. Damit können sie ihren zuweilen schweren Stand in den meist finanzschwachen Kommunen sicher festigen.

Aber auch in der Innenwirkung und -wahrnehmung kann ein bestimmtes Zugehörigkeitsgefühl bedeutend sein. Im aktuell in Trier noch intern diskutierten Zukunftskonzept für die Bibliothek wird eine Ausrichtung als Bildungseinrichtung sehr deutlich, unter anderem auch in der Überlegung, das Bibliotheksteam gegebenenfalls interdisziplinär auszurichten und für einen veränderten Bildungsauftrag zu ertüchtigen.

All diese positiven Erfahrungen dürfen indes nicht über strukturelle Gegebenheiten hinwegtäuschen, die in der täglichen Kooperation trotz oder wegen der organisatorischen Zusammenführung eben auch existieren. Das Gehaltsgefüge spielt in Einrichtungen, die z. B. Volkshochschule und Bibliothek zusammenführen, eine nicht zu unterschätzende Rolle. Bibliothekare bleiben bei ihrer Einstufung im TVÖD weit hinter dem zurück, was Diplom-Pädagogen oder Sozialwissenschaftler als hauptamtliche pädagogische Mitarbeiter einer Volkshochschule verdienen. Das kann in gemischten Projektteams, die an ähnlichen Aufgaben arbeiten, durchaus zu berechtigten Fragen führen. Diese Bedingung erschwert die Umgestaltung von Bibliotheksteams in interdisziplinäre Teams für umfassendere Aufgabestellungen.

Auch wenn der Autor des Artikels davon überzeugt ist, dass es für die Entwicklung von Bibliotheken hin zu modernen Lernorten sehr unterstützend sein kann, wenn sie strukturell an die Bildung und nicht an den Kulturbereich angebunden sind, kann ein Beleg dafür, dass dies zwingend sei, nicht erbracht werden. Am Ende wird es vielmehr darauf ankommen, dass sich Bibliotheken aktiv in einen Prozess der Entwicklung als Bildungs- und Lernort begeben. Wenn es ihnen zudem gelingt, den tradierten Charakter als Bibliothek gut mit dieser neuen Ausrichtung zu verbinden, werden sie eine gute Stellung in der kommunalen Bildungslandschaft einnehmen und behalten.

Footnotes

  • 1

    http://www.staedtetag.de/fachinformationen/bildung/058050/index.html [Zugriff: 29.05.2017]. 

  • 2

    Bleicher, Knut: Das Konzept Integriertes Management. Visionen, Missionen, Programme. Frankfurt am Main 2004. 

  • 3

    http://www.alphabetisierung.de/fileadmin/files/Dateien/Downloads_Texte/leo-Presseheft-web.pdf [Zugriff: 29.05.2017]. 

  • 4

    Die operative Umsetzung des Lerntreffs ist umfassend beschrieben: http://grundbildung.trier.de/archiv/downloads/grundbildung-ein-neues-handlungsfeld-fuer-bibliotheken/ [Zugriff: 29.05.2017]. 

About the article

Rudolf Fries

Rudolf Fries

Bildungs- und Medienzentrum, (Volkshochschule, Karl-Berg-Musikschule, Stadtbibliothek, Kommunales Bildungsmanagement), Domfreihof 1b, 54290 Trier, Deutschland


Published Online: 2017-07-28

Published in Print: 2017-08-01


Citation Information: Bibliotheksdienst, Volume 51, Issue 8, Pages 675–682, ISSN (Online) 2194-9646, ISSN (Print) 0006-1972, DOI: https://doi.org/10.1515/bd-2017-0073.

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