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Editor-in-Chief: Gerlach, Annette / Koelges, Barbara

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2194-9646
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Volume 51, Issue 8

Issues

Bürgerengagement in Zeiten des demographischen Wandels: Die Rolle von Büchereien und anderen sozialen Infrastruktureinrichtungen im Dorf

Civil commitment in times of demographic change: the role of libraries and other social infrastructure institutions in the village

Nathalie Franzen
Published Online: 2017-07-28 | DOI: https://doi.org/10.1515/bd-2017-0074

Zusammenfassung

Durch den wirtschaftlichen und demographischen Strukturwandel in den Dörfern veränderte sich auch das Zusammenleben der ländlichen Gesellschaft: die Infrastruktureinrichtungen wie auch die Arbeitsplätze sind meist in den Ballungsräumen. Dies fordert aber auch das bürgerschaftliche Engagement, das mit neuen Wegen und Angeboten das soziale und kulturelle Leben im Dorf wieder bereichern kann. Gute Beispiele hauptsächlich aus Rheinland-Pfalz werden zeigen, dass so das Miteinander aller Generationen gefördert werden kann.

Abstract

Due to the economic and demographic structural changes in the villages, the community life of rural societies changed: infrastructure institutions as well as jobs are mostly found in conurbations. This is a challenge to civil commitment, however, which may enrich the social and cultural life in the village with new ways and offers. Good examples, mainly from Rhineland-Palatinate, will show that living together of all generations can thus be supported.

Schlüsselwörter : Ländliche Gesellschaft; Demographischer Wandel; Bürgerschaftliches Engagement

Keywords : rural society; demographic change; civil commitment

Dieser Text geht auf die Veränderungen des bürgerschaftlichen Engagements ein, die durch den demographischen Wandel, also den Rückgang der Bevölkerung in Verbindung mit einem steigenden Durchschnittsalter, einer höheren Lebenserwartung und weniger Kindern, begründet sind. Zur Einordnung der Veränderungen ist es erforderlich, zunächst kurz auf die Situation der Dörfer vor diesen demographischen Veränderungen einzugehen.

Nach dem 2. Weltkrieg waren in vielen Dörfern die Bevölkerungszahlen durch Vertriebene oder auch Stadtbewohner, die ihre Heimat aufgrund der Kriegszerstörungen verlassen mussten, vergleichsweise hoch. Infolge des „Wirtschaftswunders“ und der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung, aber auch durch die einsetzende Landflucht in die wieder attraktiver werdenden Städte kam es zu einem wirtschaftlichen Wandel und teilweise auch zu einer rückläufigen Bevölkerungsentwicklung. Vor allem die Landwirtschaft erlebte einen enormen Wandel, bei dem die Betriebe wuchsen, aber die Beschäftigtenzahlen sanken. Auch die nachgeordneten Handwerksbetriebe bekamen dies zu spüren. Neue Arbeitsplätze entstanden in den Städten und ihrem Umfeld, was wiederum zu Fortzügen führte. Durch die zunehmende Motorisierung entschieden sich aber auch viele Arbeitnehmer fürs Pendeln zum Arbeitsplatz und blieben in ihrem Heimatdorf wohnen. Diese Entwicklung beeinflusste das Leben im Dorf umfassend, da nun ein großer Teil der Bevölkerung tagsüber nicht mehr vor Ort war und somit die sozialen Kontakte weniger wurden. Verstärkt wurde diese Entwicklung durch verschiedene Zentralisierungen, z. B. von Kindergärten und Schulen in den größeren Orten, aber auch durch das Schließen von Lebensmittelgeschäften oder Gastwirtschaften in den Dörfern. Beide waren wichtige Punkte der dörflichen Kommunikation, die durch diese Entwicklung wegbrachen. Hinzu kam der Rückgang weiterer Infrastruktureinrichtungen wie Arztpraxen oder Gemeindeschwestern, der zu einer weiteren Abwärtsbewegung der dörflichen Lebensqualität führte.

Diese Entwicklungen stellten und stellen die Dorf- und Regionalentwicklung vor große Herausforderungen, so z. B. die Förderung und Sicherung des Vereinslebens, das wohl eines der wichtigsten Bindeglieder der Dorfbewohner darstellt, die Schaffung familien- und seniorengerechter Strukturen, die Schaffung und Sicherung von Versorgungsangeboten vor Ort. Dazu gehört nicht nur die Versorgung mit Lebensmitteln, sondern auch mit Dienstleistungen, zu denen auch das Büchereiwesen zählt.

Ein weiteres wichtiges Thema ist die Stärkung von Nachbarschaftshilfen, da die traditionell das soziale Zusammenleben im Ort bestimmende gegenseitige Unterstützung in einer stärker individualisierten Gesellschaft einem deutlichen Wandel unterworfen ist.

In Rheinland-Pfalz wird mit dem Dorferneuerungsprogramm schon seit den 1980er Jahren versucht, die Lebensqualität trotz der genannten Entwicklungen positiv zu gestalten. Themenfelder sind nicht nur Bauen, Gestaltung und Leerstandbewältigung oder Freiflächengestaltungen, sondern auch die soziale Daseinsvorsorge und die Dorfgemeinschaft, die Kultur und das Vereinsleben. Seit den 1990er Jahren wird bei der Dorferneuerung ein Schwerpunkt auf die enge Einbindung der Bevölkerung gelegt. Dazu wurde die sog. Dorfmoderation eingeführt, bei der durch einen (meist) externen Moderator unter Einsatz verschiedener Beteiligungsmethoden versucht wird, gemeinsam mit allen Bevölkerungsgruppen im Dorf die individuellen hilfreichen Projekte für den Ort zu entwickeln. Besonders werden hierbei auch die Kinder und Jugendlichen einbezogen.

Spürnasenaktion zur Kinderbeteiligung.
Abb. 1:

Spürnasenaktion zur Kinderbeteiligung.

Mit Kindern werden u. a. Streifzüge durchs Dorf durchgeführt, um die Stärken und Schwächen aus Kindersicht betrachten zu können. Workshops mit Jugendlichen bringen nicht nur deren Wünsche und Ideen zutage, sondern geben auch die Möglichkeit, gemeinsam Projekte zu entwickeln und umzusetzen. Zur Einbeziehung eher stiller Ortsbewohner eignen sich Küchentischgespräche, bei denen der Moderator auf Einladung Familien zuhause aufsucht, um deren Sicht und Ideen zu besprechen – nicht jeder traut sich, vor einer größeren Gruppe zu sprechen oder Kritik zu üben. Hinzu kommen Ortsbegehungen, die Arbeit mit thematischen Arbeitsgruppen und auch Besichtungsfahrten in andere Dörfer.

Zur Motivation der Bürgerinnen und Bürger von Anfang an hat sich als Auftaktveranstaltung die Durchführung einer Dorfkonferenz bewährt, die aus vier Blöcken besteht, die an einem Nachmittag durchgeführt werden. Nach einer kurzen Einführung sind die Teilnehmer aufgefordert, die aktuellen Stärken und Schwächen ihres Dorfes zu nennen; diese werden auf Kärtchen notiert und nach Oberthemen sortiert an Pinnwände geheftet (Metaplantechnik). Im Anschluss stellt der Moderator kurz Projekte aus Orten mit ähnlichen Problemen und Potentialen vor, um mit dem Blick über den Tellerrand die Kreativität im nächsten Teil der Veranstaltung zu fördern. Hier wird eine Zeitreise (z. B. ins Jahr 2030) mittels einer Geschichte durchgeführt, auf der sich die Anwesenden mit den einzelnen Themen der Zukunft ihres Ortes befassen. Im Anschluss daran bilden sich thematische Arbeitsgruppen (analog zu den Oberthemen der zuvor gesammelten Stärken und Schwächen) und halten ihre Visionen auf Postern fest. So kann in einer Veranstaltung sowohl der Status-quo des Ortes als auch die gewünschte Zukunft der Bewohner erörtert werden.

Aktive Bürger bei einer Dorfkonferenz.
Abb. 2:

Aktive Bürger bei einer Dorfkonferenz.

Seit etwa Mitte der 2000er Jahre treten hierbei die rein gestalterischen zugunsten der sozialen Themen zurück. Viele Dorfbewohner machen sich Gedanken über das zukünftige Zusammenleben der Generationen, neue Wohnformen, Mobilität und Versorgung, über das Vereinsleben und kulturelle Angebote. Es werden sodann Mitfahrbänke, Zeit-Tauschbörsen und Generationenfreizeitplätze ebenso diskutiert, geplant und umgesetzt wie bessere Breitbandversorgung, die Vernetzung von Vereinen und Nahwärmenetze. In fast jedem Dorf wird über Büchereiangebote oder zumindest Büchertauschregale diskutiert und es entstehen Projekte wie Vorlesetreffen oder „Lesen im Garten“, wie bei den Spiesheimer Lesegärten im Jahr 2016.1

Auch in Golzheim im Kreis Düren haben wir eine Dorfkonferenz durchgeführt als Workshop für die weiteren Aktivitäten im Rahmen des Wettbewerbs „Unser Dorf hat Zukunft“. Daraus entstanden ist die Interessengemeinschaft „Golzheim aktiv“, die sich das Ziel gesetzt hat, das Zusammenleben im Dorf für alle Altersgruppen noch attraktiver und schöner zu gestalten, damit jeder Dorfbewohner sagen kann: „Es macht Spaß, in Golzheim zu leben.“ Hier gibt es Angebote wie Frühstückstreff 60+, Adventsfenster, Kindersachenbörse, Krabbelgruppe, Line-Dance, Boule, Einkaufsfahrdienst und seit 2016 auch Vorlesepaten, die mit Hilfe der AOK ausgebildet wurden und einmal im Monat interessierten Kindern eine Geschichte vorlesen2 .

Im Rahmen der Dorfmoderation erfolgt meist auch eine Haushaltsbefragung, damit wirklich jeder Bürger die Gelegenheit hat, sich mit den diskutierten Projekten auseinanderzusetzen und etwas dazu beizutragen oder auch eigene Ideen zu äußern. Hier sind auch immer wieder Büchereien ein Wunsch – manchmal auch in Orten, in denen eine besteht, es dem Befragten aber anscheinend nicht bekannt war. Das ist bei vielen örtlichen Kultur- und Vereinsangeboten ein Problem, das in einigen Orten durch eigene Dorfzeitungen angegangen wird, da die Amtsblätter oder Wochenzeitungen vielfach nicht gelesen werden.

Ein Projekt mit Zukunft gerade für kleine Dörfer ist der Markttag mit Waren und Dienstleistungen, wie er im Rahmen eines Modellprojekts des Innenministeriums in Bärweiler (bei Bad Sobernheim) entwickelt wurde. Hintergrund war die Erkenntnis vor Ort, dass es aufgrund fehlender Treffpunkte, Ablenkungen durch Fernsehen und mangelnder Gründe, das Haus zu verlassen, zunehmend zu Isolation und Vereinsamung älterer, allein stehender Menschen kommt. Das Projekt umfasst die Ergänzung der Versorgung durch mobile Händler durch einen regelmäßigen Markttag, an dem sich mobile Händler und Dienstleister für drei Stunden im und am Bürgerhaus treffen. Ergänzt wird das Angebot durch Gemeinderat, Vereine und weitere Aktive im Bürgerhaus, so dass auch soziale Kontakte gefördert werden. Hier besteht ebenso niedrigschwellig wie bei einem Einkauf in einem Dorfladen die Möglichkeit, Kontakt zu anderen aufzunehmen oder auch nur etwas einzukaufen.

Markttag in Bärweiler.
Abb. 3:

Markttag in Bärweiler.

Ein anderes Beispiel ist die Gründung von Dienstleistungstauschbörsen, um über einen Zeittausch der traditionellen Nachbarschaftshilfe eine moderne Fassung zu verleihen, die das Fragen nach Hilfe vereinfacht: Statt nicht zu wissen, wie man (vielleicht auch öfter in Anspruch genommene Hilfe) „wieder gutmachen“ kann, wird jedem die geleistete Zeit gutgeschrieben. Sie kann bei einem anderen Mitglied des Tauschringes wieder gegen eine andere Hilfe eingelöst werden, z. B. Marmelade kochen gegen Schnee räumen oder Strümpfe stricken gegen Rasen mähen. Wichtig ist, dass alle Angebote gleichwertig sind und immer nur die tatsächlich in Anspruch genommene Zeit ausgeglichen wird. So lässt sich Nachbarschaftshilfe über den Verwandtschafts- und Bekanntenkreis hinaus organisieren, ohne dass jemand dem Helfenden „etwas schuldig bleibt“. Allerdings zeigt sich, dass meistens die Anbieter deutlich zahlreicher sind als die Nachfrager, weil diese u. U. nicht gut genug erreicht werden und möglicherweise derartigen Neuerungen skeptisch gegenüberstehen. So hört man öfter die Aussage „Was soll ich schon leisten können, was für andere nützlich ist“ – meist eine reine Fehleinschätzung der eigenen Fähigkeiten bzw. der Nachfrage hiernach. Denn im Prinzip kann mit einer Dienstleistungstauschbörse ein Großteil der erforderlichen Infrastrukturangebote realisiert werden, sei es durch ehrenamtliches Handeln oder durch Mobilitätshilfen (wie Mitfahrgelegenheiten).

Ein gutes Beispiel für die Schaffung eines neuen Kommunikationsortes im Dorf ist die Organisation von Dorfcafés – von Bürgern für Bürger, komplett auf Spendenbasis. Hier werden in einem öffentlichen Gebäude (z. B. Bürger- oder Gemeindehaus) in regelmäßigen Abständen Treffen bei Kaffee und (gespendetem) Kuchen von Freiwilligen organisiert und durchgeführt. Auf Wunsch kann der Gast etwas spenden, muss es aber nicht. So können auch Bezieher niedriger Einkünfte teilnehmen. Bisher zeigt die Erfahrung, dass so Überschüsse erwirtschaftet werden, die z. B. in eine Außenbestuhlung o. ä. investiert werden können. Hier kommen meist alle Generationen zusammen, und auch dies ist ein informelles, niedrigschwelliges Angebot für Jedermann.

Ehrenamtliches Dorfcafé.
Abb. 4:

Ehrenamtliches Dorfcafé.

Kombinierbar ist dieses Angebot auch mit einem Büchertauschregal; auch die gleichzeitige Durchführung zu den Öffnungszeiten einer Bücherei im gleichen Gebäude bringt Synergieeffekte. Insgesamt lassen sich verschiedene Angebote je nach Interesse von Bürgern und Organisatoren in den meist nur abends genutzten Bürgerhäusern bündeln, so dass auch deren Auslastung verbessert wird. Bei Befragungen wurden hierbei u. a. Filmnachmittage oder -abende, Vermittlung gegenseitiger Unterstützung, Spieletreffs, Vorlesetreffen und die Neueinrichtung von Büchereien vorgeschlagen.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Bürgerengagement viele Chancen bietet durch gemeinsame Projekte wie Generationentreffs, Büchereien oder Lesetreffs, Markttage, o. ä. und somit der zunehmenden Individualisierung entgegengewirkt werden kann. Bei einem Einstieg über eine Dorfmoderation oder Dorfkonferenz kann durch breite Beteiligung eine hohe Akzeptanz erzielt werden. Die Gründung von Dienstleistungstauschbörsen (Zeittausch) kann viele Probleme lösen, unbürokratisch und kostenlos (helfen, mitfahren, Kontakt), wodurch eine viel bessere soziale Infrastruktur verwirklicht werden kann als es eine Kommune aus ihren Mitteln leisten könnte.

Natürlich gibt es auch Grenzen fürs Bürgerengagement: So ist immer wieder die Hilfe der Kommunen notwendig, um die Initiativen von Bürgern zu unterstützen, angefangen vom Bereitstellen von Räumen für Treffen über die Klärung gesetzlicher Anforderungen bis hin zu erforderlichen Planungsleistungen oder Förderanträgen.

Footnotes

  • 1

    Ortsgemeinde Spiesheim: Willkommen bei den ersten Spiesheimer Lesegärten. http://www.spiesheim.de/gemeinde/aktuelles/606-willkommen-bei-den-ersten-spiesheimer-leseg%C3%A4rten.html [Zugriff: 15.05.2017]. 

  • 2

    Golzheim aktiv: http://golzheimaktiv.de/?tribe_events=ausbildung-der-vorlesepaten [Zugriff: 15.05.2017]. 

About the article

Nathalie Franzen

Nathalie Franzen

Mainzer Straße 64, 55239 Gau-Odernheim, Deutschland


Published Online: 2017-07-28


Citation Information: Bibliotheksdienst, Volume 51, Issue 8, Pages 683–690, ISSN (Online) 2194-9646, ISSN (Print) 0006-1972, DOI: https://doi.org/10.1515/bd-2017-0074.

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