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Bibliotheksdienst

Editor-in-Chief: Michalke, Karin / Ihrig, Hartmuth

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ISSN
2194-9646
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Volume 52, Issue 2

Issues

Die Suche nach NS-Raubgut in der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart – ein Zwischenbericht

Hans-Christian PustORCID iD: http://orcid.org/0000-0002-9994-9261 / Maria Nüchter
Published Online: 2018-01-04 | DOI: https://doi.org/10.1515/bd-2018-0016

Zusammenfassung

Der Beitrag bietet einen Einblick in das seit Juni 2016 laufende Projekt zur Suche nach NS-Raubgut in den Beständen der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart. Beschrieben werden die Auswahl der zu untersuchenden Bestände, die Verzeichnung und Präsentation der Funde sowie erste Ergebnisse, die in zwei Fällen auch schon zu ziemlich konkreten Möglichkeiten einer Restitution an Erben geführt haben.

Abstract

This report offers an insight into the project enabling the search for NS-Raubgut (Nazi loot) in the collections of the Württemberg State Library which started in June 2016. It describes the selection of the collections to be examined, the registration and presentation of the finds as well as first results which in two cases have already led to quite concrete possibilities of a restitution to heirs.

Schlüsselwörter: Württembergische Landesbibliothek Stuttgart; NS-Raubgut; Projekt

Keywords: Württemberg State Library; NS-Raubgut (Nazi loot); project

1 Einleitung

Die Württembergische Landesbibliothek Stuttgart ist mit ca. sechs Millionen Medien die größte wissenschaftliche Bibliothek Baden-Württembergs. Die 1765 gegründete Bibliothek ist heute eine wissenschaftliche Universalbibliothek mit geisteswissenschaftlichem Schwerpunkt. Sie sammelt darüber hinaus Pflichtexemplare aus Württemberg, beherbergt wertvolle Altbestände sowie mehrere Sondersammlungen und erschließt landeskundliche Literatur in der Landesbibliographie Baden-Württemberg.

Als erste Bibliothek in Baden-Württemberg sucht die Württembergische Landesbibliothek im Rahmen eines vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste und dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg geförderten Projekts seit Juni 2016 in ihren Beständen aktiv nach NS-Raubgut und folgt damit dem Beispiel zahlreicher weiterer Bibliotheken in Deutschland und Österreich.1 Das Projekt wurde für drei Jahre bewilligt.

Gemäß der Washingtoner Erklärung von 1998 und der nachfolgenden Erklärung der Bundesregierung von 1999 geht es auch im Projekt der Württembergischen Landesbibliothek darum, in der Zeit des Nationalsozialismus geraubte Bücher zu identifizieren, zu dokumentieren sowie Voreigentümer oder Erben ausfindig zu machen und gerechte und faire Lösungen in Entschädigungsfragen zu finden. Im Idealfall sollte die Restitution geraubter Bestände am Ende der Bemühungen stehen.2

2 Die Buchbestände der Württembergischen Landesbibliothek im Nationalsozialismus

1933 waren die Bestände der Landesbibliothek auf rund 800.000 Bände angewachsen.3 Ab dem 1. Januar 1930 war man dazu übergegangen, die Neuzugänge nach numerus currens aufzustellen, lediglich antiquarische Zugänge wurden noch in die zuvor gebräuchlichen Sachgruppen eingestellt.4 Schon von 1933 an wurden in der Bibliothek zahlreiche Maßnahmen ergriffen, um die Bestände vor Luftangriffen zu schützen. Ab September 1941 begann man auch mit der Auslagerung alter und wertvoller Bestände. In der Nacht vom 12. auf den 13. September 1944 wurde das Bibliotheksgebäude bei einem Bombenangriff fast vollständig zerstört.

Das im September 1944 zerstörte Gebäude der Württembergischen Landesbibliothek.
Abb. 1:

Das im September 1944 zerstörte Gebäude der Württembergischen Landesbibliothek.

Sämtliche noch im Haus verbliebenen Bestände – ca. 580.000 Bände, ungefähr die Hälfte des Gesamtbestands – gingen verloren. Neben den Beständen ganzer Fächer wurden auch sämtliche ab 1930 ins Haus gekommenen, nach numerus currens aufgestellten Bände vernichtet. NS-Raubgut, das sich eventuell in diesen Beständen befunden haben könnte, ist somit mit großer Wahrscheinlichkeit ebenfalls vernichtet worden.

3 Die antiquarisch wiederbeschafften Bestände der Landesbibliothek

Schon bald nach der Zerstörung der Bibliothek liefen verschiedenste Aktivitäten an, um die verloren gegangenen Bestände der Bibliothek wieder aufzubauen. Durch Geschenk, Tausch und Kauf wurden bis 1947 bereits 45.000 Bände wiederbeschafft.5 Genau diese wiederbeschafften Bände waren es, in denen in der Vorbereitung des Provenienzforschungsprojekts die Wahrscheinlichkeit recht hoch eingestuft wurde, Bestände aus NS-Raubgut zu finden. Die Untersuchung dieser Bestände am Regal schien auch sehr gut möglich, weil die entsprechenden Bestände im Magazin en bloc aufgestellt sind. Während man direkt nach dem Krieg ein neues Fächersystem schuf und sämtliche Zugänge (Neuzugänge und antiquarische Erwerbungen) zusammen aufstellte, wich man 1950 schon wieder von diesem System ab und ging zu einem neuen Numerus-currens-System für die Neuerwerbungen über. Hiervon trennte man ein zweites Numerus-currens-System ab, nach dem ausschließlich antiquarische Zugänge aufgestellt wurden. Der Verdacht, in diesen Beständen auf NS-Raubgut zu stoßen, bestätigte sich bei Stichproben recht schnell. Auf Basis dieser Stichproben konnte dann ein erster Antrag auf langfristige Förderung eines Projekts zur gezielten Suche nach NS-Raubgut durch die Deutsche Stiftung Kulturgutverluste gestellt werden, der im Dezember 2015 bewilligt wurde.

Erwerbungsunterlagen zu den betreffenden Beständen liegen zwar vor, sind aber wenig aussagekräftig, da es sich hier immer um Lieferungen von Tauschpartnern, Schenkern oder Antiquaren handelte und keine Bände direkt von NS-Institutionen oder sonstigen direkt verdächtigen Einlieferern kamen. Wie bei anderen Bibliotheken auch, handelt es sich bei dem, was im zu untersuchenden Bestand gefunden werden kann, also in erster Linie um Raubgut aus zweiter (oder dritter oder vierter usw.) Hand, das auf meist verschlungenen und nicht mehr rekonstruierbaren Pfaden den Weg in die Bibliothek gefunden hat.

4 NS-Raubgut suchen, dokumentieren und verzeichnen

Ziel des laufenden Projekts ist es, sämtliche antiquarischen Zugänge der Jahre 1950 bis 1970 systematisch Band für Band am Regal (autoptisch) auf Merkmale von Vorbesitzern, so genannte Provenienzmerkmale, hin durchzusehen. Insgesamt sind damit ca. 60.000 Bände innerhalb von drei Jahren zu untersuchen, von denen nach knapp anderthalb Jahren schon ca. 46.000 Bände bearbeitet worden sind, so dass in nächster Zeit wahrscheinlich noch weitere Bestände in die Untersuchung mit einbezogen werden können.

Sämtliche gefundenen Provenienzmerkmale werden gescannt und in einer einfachen internen Allegro-Datenbank verzeichnet. Diese Datenbank enthält aktuell ca. 5.300 Datensätze, somit wurden in ca. 11,5 % der durchgesehenen Bände Provenienzmerkmale gefunden.

Nach einer ersten oberflächlichen Recherche wird eine vorläufige Einschätzung vorgenommen, ob es sich aufgrund der gefundenen Merkmale um NS-Raubgut handeln könnte. Die Kategorisierung orientiert sich an der Farbskala des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste. Im Detail werden die Bände in sechs verschiedene Kategorien eingeteilt von „geklärt, kein Raubgut“ (Kategorie 1) über „wahrscheinlich kein Raubgut“ (Kategorie 2), „unspezifisch“ (Kategorie 3), „verdächtig“ (Kategorie 4), „NS-Raubgut“ (Kategorie 5) bis zu „entschädigt“ (Kategorie 6). Im Verlauf der weiteren Recherchen können sich diese Zuordnungen auch ändern.

Die weitaus meisten Fälle, mehr als 4.000, sind bisher als „unspezifisch“ einzuordnen: viele Provenienzmerkmale sind nicht oder nicht vollständig lesbar, oder Namen sind keiner konkreten Person zuzuordnen, da beispielsweise nur der Vorname genannt ist oder Vor- und Nachname zusammen so unspezifisch sind, dass ohne weitere Angaben keine Zuordnung möglich ist.

Die Provenienzen, bei denen sich der Verdacht auf NS-Raubgut erhärtet, werden im Folgenden weiter erforscht. Bisher sind dies ca. 680 Bände. Zunächst erfolgt die Verzeichnung der genannten Personen oder Institutionen sowie der Provenienzmerkmale im Provenienz-Wiki des Gemeinsamen Bibliotheksverbunds (GBV).

Eintrag der Württembergischen Landesbibliothek im Provenienz-Wiki des GBV zu Emil Postelberg.
Abb. 2:

Eintrag der Württembergischen Landesbibliothek im Provenienz-Wiki des GBV zu Emil Postelberg.

Diese frei im Netz zugängliche Plattform dient zum Informationsaustausch in der Provenienzforschung und wird von der Kommission Provenienzforschung und Provenienzerschließung des Deutschen Bibliotheksverbands verantwortet. Insbesondere bietet sie die Möglichkeit, zusammen mit den beschreibenden Daten auch Bilddateien der Provenienzmerkmale abzulegen.6 Im Laufe des Projekts wurden bis jetzt 64 Seiten für Personen oder Institutionen im Provenienz-Wiki neu angelegt, auf denen 85 Bilddateien publiziert wurden. Dieses dient zum einen dem Austausch zwischen Institutionen, die Provenienzforschung betreiben, zum anderen ist die Bereitstellung der Bilddateien im Netz mit einer URL eine Voraussetzung, damit in der Gemeinsamen Normdatei (GND) Normdatensätze für die Provenienzmerkmale angelegt werden können. Normdatensätze werden auch für die vorkommenden Personen oder Institutionen angelegt bzw. bestehende Sätze werden ergänzt. Bisher wurden innerhalb des Projekts 40 GND-Sätze zu Vorbesitzern neu angelegt, 56 Sätze wurden ergänzt, und rund 60 Sätze für Provenienzmerkmale sind neu entstanden.

Dies alles dient letztendlich der Verzeichnung der einzelnen Provenienzen im Bibliothekskatalog unter Verwendung von Normdaten. Der Südwestdeutsche Bibliotheksverbund (SWB), dem die Württembergische Landesbibliothek angehört, hat glücklicherweise schon vor Jahren die Voraussetzungen für die standardisierte Verzeichnung von Provenienzen geschaffen.7 Bei Verdachtsfällen aus dem laufenden Projekt werden die Provenienzen in den jeweiligen Lokalsätzen verzeichnet – unter den Vorgaben des SWB zur Provenienzerschließung und unter Verwendung der standardisierten Begriffe aus dem Thesaurus der Provenienzbegriffe (T-PRO). Fast 500 derartige Datensätze sind auf diese Weise bereits im SWB abrufbar.8 Vom SWB-Verbundkatalog fließen die Daten dann in den OPAC der WLB. Zusätzlich werden hier noch Ausleihbeschränkungen vermerkt: Die betreffenden Bände sind nur noch im Sonderlesesaal der Bibliothek benutzbar. Als weiteres überregionales Nachweisinstrument dient die so genannte Lostart-Datenbank des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste, in der Kulturgüter verzeichnet sind, „die infolge der nationalsozialistischen Herrschaft und den Ereignissen des Zweiten Weltkrieges verbracht, verlagert oder – insbesondere jüdischen Eigentümern – verfolgungsbedingt entzogen wurden.“9 In regelmäßigen Abständen werden Datensätze aus dem SWB-Verbundkatalog in diese Datenbank eingespielt und dort unter der Rubrik „Meldung/Fund“ veröffentlicht. In der Objektgruppe „Bibliotheksgut“ sind derzeit 479 Titel aus den Beständen der Württembergischen Landesbibliothek verzeichnet.

5 Den Verdachtsfällen nachgehen

Der größte Teil der Verdachtsfälle im bisher untersuchten Bestand stammt aus der Bücherei der Stuttgarter Außenstelle der so genannten „Hohen Schule“, einer vom NS-Ideologen Alfred Rosenberg geplanten Elite-Universität der NSDAP.10 Die Stuttgarter Außenstelle, das „Institut für Biologie und Rassenlehre“, wurde später nach Schelklingen in Württemberg verlagert. Sie unterstand Walter Groß (1904–1945), dem Leiter des „Rassenpolitischen Amts der NSDAP“; die eigentliche Leitung vor Ort übernahm sein Stellvertreter Werner Hüttig (1908–1972).

Stempel des „Instituts für Biologie und Rassenlehre“ der „Hohen Schule (im Aufbau)“ (WLB Stuttgart: A4/954).
Abb. 3:

Stempel des „Instituts für Biologie und Rassenlehre“ der „Hohen Schule (im Aufbau)“ (WLB Stuttgart: A4/954).

Das Institut sollte als Schnittstelle zwischen Politik und biologischer Wissenschaft fungieren, da die „Wissenschaft der Rassenkunde und der Vererbungslehre“ nach den Worten von Walter Groß „die Grundlage für die praktische Rassenpolitik des Nationalsozialismus“ darstellte und „diese und eine Anzahl anderer biologischer Grunderkenntnisse von fundamentaler Bedeutung für die Weltanschauung des Nationalsozialismus und seine Auseinandersetzung mit den geistigen Gegnern“ sei.11 Das Institut führte aber auch eigene „rassekundliche“ Untersuchungen durch. Insgesamt sollten die Arbeiten des Instituts Eingang in ein „Handbuch für Biologie und Rassenlehre“ finden, das im Auftrag von Alfred Rosenberg entstehen sollte.

Die geplante Hohe Schule und ihre Außenstellen bauten Bibliotheken nicht unbeträchtlicher Größe auf und bedienten sich dabei auch geraubter Bücher. So bestand die Zentralbibliothek der Hohen Schule, die in den letzten Kriegsjahren von Berlin nach Tanzenberg ausgelagert wurde, aus 500.000 Bänden, von denen die meisten „in den besetzten Gebieten aus privaten und öffentlichen Beständen geplündert worden“ waren.12 Hinweise auf die Bibliothek der Stuttgarter Institutsbibliothek finden sich in einem Sitzungsprotokoll der Stuttgarter Landesbibliothek vom 15. Mai 1946: „Nach Mitteilungen des Pfarrers von Schelklingen befinden sich dort Bücher der Hohen Schule der NSDAP, deren biologische Institutsbücherei dorthin verlagert war. Ein Teil dieser Bücher wurde zwar geplündert, doch befinden sich noch wertvolle Bestände dort, die wir einfach holen.“13 Später mussten die Bände an die UB Tübingen abgegeben werden, und es ist unklar, ob sie sämtlich wieder nach Stuttgart zurückgelangten oder ob ein Teil der Bände gar nicht erst dorthin gelangte, sondern in Stuttgart blieb. Sicher ist jedoch, dass sich noch heute zahlreiche Bände im Bestand der Landesbibliothek befinden und somit eine „hidden collection“ bilden, ähnlich wie Cornelia Briel dies für den Bestand „Luftkriegsakademie Berlin-Gatow“ in der Universitätsbibliothek der TU Berlin beschreibt.14 Diese Bände sind sämtlich mit einer einheitlichen Geschenknummer ausgestattet, im Geschenkbuch der Bibliothek findet sich jedoch unter dem 11. Juni 1946 nur der Eintrag: „Eine grosse Anzahl Bücher (Schelklingen)“, geschenkt von „ungenannt“. Die meisten der bisher entdeckten 350 Bände waren mit dem Bibliotheksstempel der Hohen Schule gekennzeichnet, der in vielen Fällen aber unkenntlich gemacht worden ist. Konkrete weiterführende Hinweise auf Raubgut ergeben sich jedoch nur in den Fällen, in denen noch Merkmale von weiteren Vorbesitzern gefunden werden können. Verschiedene Bände gehörten beispielsweise zuvor der „Parti Socialiste“ in Schiltigheim im Elsass, andere der „Volkshochschule Wien, Volksheim“, dem „Verein jüdischer Studenten in Straßburg“ oder der „Synagogengemeinde Hannover“. Aber die Stuttgarter Bibliothek der Hohen Schule vereinnahmte auch Bände aus Privatbibliotheken. So zum Beispiel aus dem Besitz des jüdischen Rechtsanwalts Emil Postelberg in Wien oder aus der Bibliothek des jüdischen Mediziners Siegfried Gatscher, ebenfalls aus Wien. Weitere Recherchen in diesem Bestand sowie die Suche nach Erben und Rechtsnachfolgern laufen derzeit, da auch in diesen Fällen natürlich die Restitution der Funde anzustreben ist.

Auch Provenienzmerkmale anderer nationalsozialistischer „Täterorganisationen“, die Bücher geraubt hatten, wurden in den bisher untersuchten Beständen entdeckt, wie zum Beispiel drei Bände aus dem „Institut für Staatsforschung“.15 Für einen Band aus dem Vorbesitz des „Sozialdemokratischen Vereins Ossweil“ konnte über das Geschenkbuch der Bibliothek ermittelt werden, dass es mit einer „großen Anzahl Bücher verschiedenen Inhalts (365 Bände)“ aus den ehemaligen Beständen der „Gestapo Schorndorf“ stammte und über die Militärregierung in die Landesbibliothek gekommen war. Aus der gleichen Quelle stammen auch mehrere Bände, die offensichtlich von der „Geheimen Staatspolizei Staatspolizeistelle Stuttgart“ konfisziert worden waren.

Eine große Fundgruppe bilden Bücher aus dem ehemaligen Besitz von Freimaurerlogen. Freimaurer wurden von den Nationalsozialisten als weltanschauliche Hauptgegner angesehen und waren nach 1933 erheblicher Verfolgung ausgesetzt. Viele Logen lösten sich schon bald nach dem Januar 1933 auf, ein generelles Verbot erfolgte 1935. In allen Logenbibliotheken zusammen befanden sich bis 1933 ca. 200.000 Bände.16 In Stuttgart fanden sich bis jetzt insgesamt 78 Bände aus der Bibliothek der „Loge Johannes zum wiedererbauten Tempel“ in Ludwigsburg, die mit einem Besitzstempel und bzw. oder einer entsprechenden Geschenknummer der Bibliothek gekennzeichnet sind.

Stempel der Loge „Johannes zum wiedererbauten Tempel“ in Ludwigsburg (WLB Stuttgart: A1/1912).
Abb. 4:

Stempel der Loge „Johannes zum wiedererbauten Tempel“ in Ludwigsburg (WLB Stuttgart: A1/1912).

Die 1855 gegründete Loge wurde 1933 durch das NS-Regime geschlossen.17 Im April 1934 gelangten „einige hundert Bände […] hauptsächlich freimaurerischen Inhalts“ als Geschenk in die Landesbibliothek, wie dem Geschenkbuch des Jahres 1934 zu entnehmen ist.18 Unklar bleibt dabei, warum die 1934 übergebenen Bücher zu einem großen Teil offensichtlich erst nach dem Krieg in den Bestand eingearbeitet wurden. Die Loge wurde nach 1945 wiedergegründet. Eine Kontaktaufnahme soll demnächst erfolgen, um zu eruieren, ob die Bestände an die heutige Loge restituiert werden können.

Auch Bände aus den Bibliotheken anderer Freimaurerlogen wurden in den bisher untersuchten Beständen entdeckt, so zum Beispiel aus der Bibliothek der Stuttgarter Loge „Zur Wahrheit und Treue“, der „Bücherei der Großen National Mutter-Loge Zu den drei Welt-Kugeln“ aus Berlin und der Ulmer Loge „Carl zu den 3 Ulmen“. Ein Band fand sich auch aus dem Vorbesitz des „Instituts zur Erforschung der Freimaurerei“, ebenfalls eine Untereinrichtung der „Hohen Schule“.19

Bücher aus dem Vorbesitz jüdischer Gemeinden oder Organisationen sind bisher nur vereinzelt in den untersuchten Beständen aufgetaucht. Neben dem „Württembergischen Arbeitsausschuss“ des „Centralvereins deutscher Staatsbürger Jüdischen Glaubens“ als Vorbesitzer gibt es zwei Bücher, die zuvor dem „Israelitischen Gemeinde-Vorsteheramt Stuttgart“ gehörten.

Im Kalten Krieg baute die Württembergische Landesbibliothek eine Marxismus-Sammlung auf, deren ca. 4.500 Bände ebenfalls innerhalb des Projekts durchgesehen wurden. Hier fanden sich nicht nur Bände aus dem Vorbesitz linker Organisationen wie der „Vereinigten Kommunistischen Partei Deutschlands. Ortsgruppe Riesa“ oder dem „Karl Marx Haus“ Trier, sondern vor allen Dingen Bücher aus dem Vorbesitz von Arbeiterfunktionären und Widerstandskämpfern: Ein Buch stammt von Willi Neurath (1911–1936) aus Köln, der 1935 wegen illegaler Parteiarbeit für die KPD verhaftet und zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde und ab 1943 mehrere Konzentrationslager überlebte.20 An anderer Stelle im Bestand fanden sich insgesamt acht Bücher aus dem Besitz von Arthur Mähr (1873–1966), SPD-Politiker und Journalist in Hof, der nach 1933 mehrmals verhaftet und bis in die Kriegsjahre hinein von der Gestapo bespitzelt wurde.21 Auch hier laufen die weiteren Recherchen, um mögliche Erben ausfindig zu machen.

Daneben fanden sich insbesondere Bücher aus den Privatbibliotheken verfolgter jüdischer Bürger, sowohl aus Stuttgart und Württemberg als auch aus dem gesamten Deutschen Reich sowie aus Österreich und der Schweiz. Im Folgenden soll auf ein paar Beispiele näher eingegangen werden.

Aus Stuttgart stammte die Jüdin Klara Brettheimer, geborene Lämle (1892–1944), deren Namenszug sich in zwei Bänden fand. Zusammen mit ihrer Tochter gehörte sie zu den jüdischen Bürgern Stuttgarts, die sich am 27. November 1941 auf dem Killesberg in Stuttgart einfinden mussten und die zusammen mit etwa 1.000 weiteren württembergischen Juden am 1. Dezember 1941 nach Riga deportiert wurden. Klara Brettheimer wurde am 20. Dezember 1944 im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig ermordet.22

Der studierte Jurist Felix Hecht (1847–1909) war Bankdirektor in Ludwigshafen. Die Hechts waren hoch angesehene Mannheimer Bürger, verkehrten beispielsweise mit Johannes Brahms und Franz von Lenbach. Felix Hecht starb 1909, seine Frau Helene wurde im Alter von 86 Jahren in der Nacht vom 21. auf den 22. Oktober 1940 aus ihrem Haus vertrieben und in das französische Internierungslager Gurs deportiert.23 Sie starb noch auf dem Transport und hat das Lager nie erreicht. Als wahrscheinliches Todesdatum gilt der 24. Oktober 1940. Ein Buch mit dem Stempel von Dr. Felix Hecht, Mannheim, befindet sich im untersuchten Bestand.

In Frankfurt am Main lebte das deutsch-jüdische Ehepaar Fritz und Dora Edinger, dessen Exlibris in einem Band gefunden wurde. Fritz Edinger war neben seiner Tätigkeit als Arzt Korrespondent der linksliberalen „Heilbronner Sonntagszeitung“ und aktives Mitglied der Frankfurter SPD. Seiner Frau Dora, einer promovierten Historikerin, gelang 1936 zusammen mit dem jüngsten Sohn die Flucht in die USA, der ältere Sohn erreichte Palästina. Am 5. Dezember 1941 wurde Fritz Edinger auf offener Straße verhaftet, nachdem er sich bei zwei „arischen Frauen“ nach dem Weg erkundigt hatte. Aus der Israelitischen Heil- und Pflegeanstalt für Nerven- und Gemütskranke in Bendorf-Sayn bei Koblenz wurde er am 15. Juni 1942 deportiert und am 19. Juni 1942 in Sobibor ermordet. Für ihn wurde in Frankfurt am Main ein Stolperstein verlegt.24

In diesen beispielhaft genannten und in mehreren weiteren Fällen dauert die Recherche nach möglichen Erben derzeit an.

6 Erben finden und Kontakt aufnehmen

In zwei Fällen ist es bereits gelungen, Erben ausfindig zu machen und Kontakt zu ihnen aufzunehmen. Besonders schön ist es, dass in beiden Fällen gleich mehrere Bände der jeweiligen Vorbesitzer gefunden wurden.

Das jüdische Ehepaar Georg und Irma Baruch muss eine recht typische bildungsbürgerliche Privatbibliothek besessen haben: Acht Bände „Gesammelte Werke“ von Detlev von Liliencron und drei Bände „Gesammelte Werke“ von Richard Dehmel sowie Johannes Schlafs Biographie von Maurice Maeterlinck konnten bisher entdeckt werden. In jedem Band klebt das Exlibris des Ehepaars mit den Namen der Eheleute und dem Motiv eines Knaben, der, zwei dicke Bücher unter dem Arm, auf den Felsen von Helgoland sitzt.

Exlibris von Georg und Irma Baruch (WLB Stuttgart: A6/316–7).
Abb. 5:

Exlibris von Georg und Irma Baruch (WLB Stuttgart: A6/316–7).

Georg Baruch (1881–1941), verheiratet mit Irma Baruch, geb. Lucas (1887–1936), war selbstständiger jüdischer Kaufmann in Hamburg. Zusammen mit seiner Tochter Marion wurde er im November 1941 nach Minsk deportiert. Der Sohn wurde in Auschwitz ermordet, lediglich die zweite Tochter konnte nach Israel emigrieren. Ihr Enkel, Lior Oren, lebt inzwischen in Hamburg und hat die Geschichte der Familie Baruch erforscht.25 Ende Mai 2017 kam Lior Oren nach Stuttgart und nahm die Bücher aus dem Besitz seiner Vorfahren in Augenschein. Es wurde mit ihm verabredet, dass die Bände am Ende der Projektlaufzeit an ihn restituiert werden.

Auch zu einem Erben des Frankfurter Mediziners Dr. Otto Rothschild (1872–1940) konnte schon Kontakt hergestellt werden. Dessen Exlibris, das eine große Tanne zeigt, fand sich bisher in zwei Bänden. Der Entwurf des Exlibris‘ stammte von dem italienischen Künstler Ettore Cosomati (1873–1960), mit dem die Familie Rothschild befreundet war.

Exlibris von Otto Rothschild (WLB Stuttgart: 66/81519–2).
Abb. 6:

Exlibris von Otto Rothschild (WLB Stuttgart: 66/81519–2).

So konnte die Identität von Otto Rothschild geklärt werden. Zusammen mit seiner Frau Johanna, geb. Lachmann, nahm sich Otto Rothschild vermutlich wegen der sich verschärfenden nationalsozialistischen Verfolgung am 9. Dezember 1940 das Leben. Am 23. Juni 2017 wurden in Frankfurt am Main Stolpersteine für Otto und Johanna Rothschild verlegt. Einen Tag später besuchte Udi Rothschild, ein Urenkel des Ehepaars Rothschild, die Württembergische Landesbibliothek, berichtete von seiner Familie und besichtigte die beiden Bücher mit dem Exlibris seiner Urgroßeltern. Auch in diesem Fall sollen die beiden Bände nach Abschluss der Recherchearbeiten an ihn restituiert werden.

7 Ausblick

In den verbleibenden 18 Monaten Projektzeit soll der Rest der 60.000 Bände bearbeitet werden. Der Schwerpunkt wird sich aber dahin verlagern, die bisher gefundenen Merkmale genauer zu untersuchen, weiter nach Erben zu forschen und Restitutionen vorzubereiten und durchzuführen. Die Entwicklung des Projekts und weitere Ergebnisse werden regelmäßig auf den entsprechenden Webseiten der Württembergischen Landesbibliothek publiziert.26 Angedacht ist auch, Ergebnisse aus dem Projekt in die Wikpedia einzubringen, um eine größere Öffentlichkeit zu erreichen. Am Ende des Projekts wird eine – wahrscheinlich virtuelle – Ausstellung stehen.

Footnotes

  • 1

    Bis zum Jahr 2016 haben 26 Bibliotheken in Deutschland aktiv Provenienzforschung betrieben, siehe: Hartmann, Uwe: Unrechtmäßige Entziehung von Kulturgut in Deutschland im 20. Jahrhundert. In: ZfBB 63 (2016), S. 187. 

  • 2

    Grundsätze der Washingtoner Konferenz in Bezug auf Kunstwerke, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt wurden (Washington Principles): https://www.kulturgutverluste.de/Webs/DE/Stiftung/Grundlagen/Washingtoner-Prinzipien/Index.html; [Zugriff: 17.11.2017]. Erklärung der Bundesregierung, der Länder und der kommunalen Spitzenverbände zur Auffindung und zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes insbesondere aus jüdischem Besitz: http://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/1999/1999_12_09-Auffindung-Rueckgabe-Kulturgutes.pdf [Zugriff: 17.11.2017]. 

  • 3

    Jahrbuch der Deutschen Bibliotheken 23/24 (1933), S. 140. 

  • 4

    Frey, Theophil: Stuttgart, Württ. LB. In: Zentralblatt für Bibliothekswesen 55 (1938), S. 343–349. 

  • 5

    Hoffmann, Wilhelm: Stuttgart LB. In: Zentralblatt für Bibliothekswesen 61 (1947), S. 171 f. 

  • 6

    http://provenienz.gbv.de/ProvenienzWiki:%C3%9Cber_ProvenienzWiki [Zugriff: 13.11.2017]. 

  • 7

    Siehe den entsprechenden Abschnitt „Erschließung von Provenienzen im SWB“ im Katalogisierungshandbuch des Bibliotheksservice-Zentrums Baden-Württemberg: verbund-swop.bsz-bw.de/volltexte/2011/312/pdf/kathb_provenienzen.pdf [Zugriff: 13.11.2017]. 

  • 8

    Es bleibt ein Restbestand, der nicht im Verbundkatalog verzeichnet werden kann, in erster Linie sind dies einzelne Bände von Zeitschriften-Jahrgängen, für die im Verbundkatalog keine Lokalsätze vorhanden sind. 

  • 9

    www.lostart.de [Zugriff: 13.11.2017]. Siehe dazu: Hartmann (wie Anm. 1), S. 189. 

  • 10

    siehe dazu: Poliakov, Léon; Wulf, Josef: Das Dritte Reich und seine Denker. Dokumente, Berlin [1959], S. 131 ff. 

  • 11

    Bundesarchiv Lichterfelde: NS1/794. 

  • 12

    Stieber, Gabriela: Die Bibliothek der ‚Hohen Schule des Nationalsozialismus‘ in Tanzenberg. In: Carinthia (185) 1995. S. 343–362, hier: S. 343. 

  • 13

    Protokollbuch der Württembergischen Landesbibliothek 1946–1952, S. 41, Hervorhebungen (Unterstreichungen) im Original. 

  • 14

    Briel, Cornelia: Die Forschungen zu NS-Raubgut an der Universitätsbibliothek der Technischen Universität Berlin 2012–2015. Der Bestand „Luftkriegsakademie Berlin-Gatow“. In: ZfBB 63 (2016), S. 193–202, hier: S. 193. 

  • 15

    siehe dazu: http://provenienz.gbv.de/Institut_f%C3%BCr_Staatsforschung [Zugriff: 15.11.2017]. 

  • 16

    Krapowicz, Andrzej: Die Freimaurer-Sammlung der Universitätsbibliothek Posen. In: Quatuor Coronati, Nr. 30 (1993), S. 111–115, hier: S. 111. 

  • 17

    Ernst, Albrecht; Grünert, Regina: Gelebte Utopie. Auf den Spuren der Freimaurer in Württemberg. Stuttgart 2017, S. 60. 

  • 18

    [Württembergische Landesbibliothek]: Geschenke. Einzelne. 1934, o.S., Nr. 190. 

  • 19

    siehe dazu: Poliakov; Wulf (wie Anm. 10), S. 134 f. 

  • 20

    http://media.offenes-archiv.de/ha2_1_3_bio_1600.pdf [Zugriff: 13.11.2017]. 

  • 21

    Macht, Rudolf: Geschichte der Hofer Arbeiterbewegung, Bd. 3,1: Spaltung, Hof 1996, S. 452–453. 

  • 22

    Angaben zu Klara Brettheimer finden sich auf der Seite der Stolperstein-Initiative Stuttgart unter: http://www.stolpersteine-stuttgart.de/index.php?docid=493 [Zugriff: 13.11.2017]. 

  • 23

    Becker, Barbara: In Mannheim habe ich an so viel Hübsche(s) und Schöne(s) zu denken… Helene Hecht – Ein Portrait mit Emotionen. In: Thomas, Ilse; Schraut, Sylvia (Hgg.): ZeitenWandel. Frauengenerationen in der Geschichte Mannheims. Mannheim 1995, S. 278–291. 

  • 24

    https://www.frankfurt.de/sixcms/detail.php?id=1907322&_ffmpar[_id_inhalt]=28931513 [Zugriff: 13.11.2017]. 

  • 25

    siehe dazu: Oren, Lior: „Ach schau an, und wer küsst mir?“ Der kurze Lebensweg der Marion Baruch. In: Galerie Morgenland/Geschichtswerkstatt Eimsbüttel (Hg.): Marions Buch. Hamburg 2017, S. 10–13. 

  • 26

    http://www.wlb-stuttgart.de/die-wlb/ns-raubgutforschung/ [Zugriff: 13.11.2017]. 

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Hans-Christian Pust

Dr. Hans-Christian Pust

Maria Nüchter

Maria Nüchter, M.A.


Published Online: 2018-01-04

Published in Print: 2018-12-27


Citation Information: Bibliotheksdienst, Volume 52, Issue 2, Pages 120–137, ISSN (Online) 2194-9646, ISSN (Print) 0006-1972, DOI: https://doi.org/10.1515/bd-2018-0016.

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