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Bibliotheksdienst

Editor-in-Chief: Michalke, Karin / Ihrig, Hartmuth

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ISSN
2194-9646
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Volume 52, Issue 3-4

Issues

Kollaborationsplattform im FID Soziologie: Erhöhung der Erreichbarkeit, Sichtbarkeit und Nachhaltigkeit

Johann Schaible
  • Corresponding author
  • Team Leader Knowledge Discovery, GESIS – Leibniz Institute for the Social Sciences, Computational Social Science (CSS), Unter Sachsenhausen 6–8, 50667 Köln, Deutschland
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Published Online: 2018-03-10 | DOI: https://doi.org/10.1515/bd-2018-0030

Zusammenfassung

Webbasierte Informations- und Kommunikationssysteme erweitern einer wissenschaftlichen Community Zugriffsmöglichkeiten auf wissenschaftliche Informationen, z. B. Publikationen oder Forschungsdaten, sowie Austauschmöglichkeiten mit anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Der Fachinformationsdienst (FID) Soziologie hat sich zur Aufgabe gemacht, solch eine Informations- und Kommunikationsinfrastruktur innerhalb der Soziologie zu realisieren. Hierzu wird eine vereinfachte Herangehensweise konzipiert, um eigene Publikationen Open-Access verfügbar zu machen, eine integrierte Suche über mehrere Datenbestände realisiert sowie ein akademisches Netzwerk für eine erleichterte Interaktion zwischen Mitgliedern der Fachcommunity entwickelt.

Abstract

For a scientific community, web-based information and communication systems increase access opportunities to scientific information, e.g. publications or research data, as well as exchange opportunities with other scientists. The specialist information service sociology (Fachinformationsdienst (FID) Soziologie) has made it its task to realise such an information and communication infrastructure within sociology. This includes drawing up a simplified approach to make one’s own publications accessible with Open Access, realising an integrated search across several data bases, as well as developing an academic network providing an easier interaction between members of the specialist community.

Schlüsselwörter: Informations- und Kommunikationssysteme; Fachinformationsdienste; Akademische Netzwerke

Keywords: information and communication systems; specialist information services; academic networks

1 Der Fachinformationsdienst Soziologie

GESIS – das Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften – und die Universitäts- und Stadtbibliothek (USB) Köln entwickeln gemeinsam für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein Serviceangebot für die Soziologie: den Fachinformationsdienst (FID) Soziologie. Die Implementierung dieser Dienstleistung wird in enger Abstimmung mit der soziologischen Fachcommunity, insbesondere den Fachvertreterinnen und -vertretern der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) entsprechend den Interessen der soziologischen Forschungsgemeinschaft weiterentwickelt. Darüber hinaus werden in späteren Phasen die eingebundenen Serviceangebote und deren Nutzung durch Begleitforschungen immer wieder evaluiert.

Im Folgenden wird die Ausgangslage beschrieben sowie die Zielsetzung vom FID Soziologie dargestellt.

1.1 Ausgangslage

Die Suche nach wissenschaftlichen Informationen stellt auch in Zeiten von wissenschaftlichen Suchmaschinen und digitalen Bibliotheken eine bleibende Herausforderung für Forschende dar. So wurde der „Information Overload“ als eines der Hauptprobleme bei der Suche von wissenschaftlicher Literatur herausgearbeitet und auf zwei Bewältigungsstrategien der Informationssuchenden hingewiesen1. Zum einen wird auf persönliche Informationsnetzwerke, die die Forschenden über aktuelle und relevante Literatur informieren, gesetzt, zum anderen wird auf klassische Recherchewerkzeuge wie Bibliothekskataloge und Fachdatenbanken zurückgegriffen2, 3.

Mit dem Aufkommen des Internets, neuen technischen und webbasierten Kommunikationsmöglichkeiten sowie dem von der wissenschaftlichen Community eingeforderten unmittelbaren Zugriff auf wissenschaftliche Informationen haben sich die Anforderungen an die Forschungs- und Informationsinfrastruktur entscheidend gewandelt. Gefordert sind neben qualifizierten Informationsangeboten (wie Publikationen, Forschungsdaten etc.) vor allem innovative digitale Dienste, die die Weiterverarbeitung von und den Diskurs über Informationen entsprechend der fachlichen und individuellen Arbeitsumgebungen und -gepflogenheiten ermöglichen.4

Erlaubt allerdings die zunehmende Verfügbarkeit elektronischer Medien grundsätzlich den direkten Zugriff, behindern gleichzeitig verschiedene Faktoren den praktischen Zugriff: fehlende Lizenzen, Embargo-Fristen, eine komplizierte technische Infrastruktur, die den Fernzugriff beschränkt und Weiteres. Auf diese Einschränkungen reagieren Forschende mit unterschiedlichen Strategien. Wenn Literatur nicht zeitnah oder nicht komfortabel durch die Bibliothek bereitzustellen ist, greifen Forschende wiederum auf ihr eigenes fachliches Netzwerk oder auf andere Arten von „guerilla open access“ zurück5. Dies bringt zum einen urheberrechtliche Probleme mit sich und zum anderen laufen nicht direkt rezipierbare Informationen (möglicherweise zunehmend) Gefahr, nicht ausgewertet zu werden. Zudem stellt sich die Frage nach der Überprüfbarkeit von Forschungsergebnissen im Sinne einer „guten wissenschaftlichen Praxis“.6 Diese Selbstbeschränkung der Wissenschaft bedeutet ein fach- wie informationswissenschaftliches Problem, das einer Lösung bedarf.

1.2 Zielsetzung

Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Programm „Fachinformationsdienste für die Wissenschaft“ soll den Beitrag leisten, direkten Zugriff auf Spezialliteratur und forschungsrelevante Informationen zu ermöglichen. Dieses Programm löste 2013 die bis dato DFG-geförderten Sondersammelgebiete (SSGs) ab, besitzt aber im Vergleich dazu keine einheitlichen Vorgaben bezüglich der Konzeption und Implementierung des Dienstes. Grundsätzliches Förderziel der FIDs ist aber der Aufbau leistungsfähiger Informationssysteme für die Forschung der entsprechenden Fachcommunity und deren Ergänzung um weitere Mehrwertdienste, die sich eng an den fachspezifischen Interessen orientieren und sich verstärkt um die Integration digitaler Medien bemühen.7

Darüber hinaus gewinnen Forschende als Einzelpersonen aber auch als Teil der wissenschaftlichen Community zunehmend an Bedeutung. Um wissenschaftlich erfolgreich zu sein, bedarf es eines hohen Maßes an Vernetzung und Interaktion, um Kollaborationen zwischen Forschenden zu fördern und wissenschaftliche Diskurse anzuregen bzw. zu vertiefen.

Darauf basierend hat sich der Fachinformationsdienst Soziologie zum Ziel gesetzt, solch eine Informations- und Kommunikationsinfrastruktur innerhalb der Soziologie zu realisieren. Das Portal besteht aus den drei folgenden zusammenhängenden Komponenten: eine vereinfachte Form, eigene Publikationen Open-Access verfügbar zu machen, eine integrierte Suche über mehrere Datenbestände sowie ein akademisches Netzwerk für eine erleichterte Interaktion zwischen Mitgliedern der soziologischen Community. Abbildung 1 zeigt diese Komponenten und deren Zusammenspiel. Beispielsweise können Nachweise einer eigenen Publikation gefunden und zur eigenen Publikationsliste im akademischen Netzwerk hinzugefügt werden.

Die Komponenten des Fachinformationsdienstes Soziologie und deren Zusammenspiel.
Abb. 1:

Die Komponenten des Fachinformationsdienstes Soziologie und deren Zusammenspiel.

Darüber hinaus kann man diese Publikation auch Open Access zu Verfügung stellen (sofern die nötigen Rechte vorhanden sind), sodass bei darauffolgenden Suchen nicht nur der Nachweis sondern auch der Volltext der Publikation gefunden werden kann.

Die Verbreitung und Unterstützung des Open Access-Gedankens dient der umfangreichen und freien Versorgung mit wissenschaftlichen Volltexten für die Soziologie. Hierzu wird zunächst das von GESIS betriebene Social Science Open Access Repository (SSOAR) gestärkt und nachdrücklicher als bisher auf die Bedarfe der Fachcommunity ausgerichtet. Die enge Verknüpfung von SSOAR mit dem FID Soziologie zielt darauf ab, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei der Zweitveröffentlichung und Selbstarchivierung ihrer Publikationen bestmöglich zu unterstützen. Hierzu können z. B. etliche Informationen über die Autoren und die Publikation aus dem Netzwerk genutzt werden, damit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Daten nicht mehr selbst eingeben müssen. Dies erspart viel Zeit und minimiert Fehler bei der Eingabe von Informationen. Auch semi-automatische Mechanismen sollen dazu dienen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler anzuzeigen wann sie ihre Publikation im Open Access bereitstellen können.

Die integrierte Suche des FID Soziologie (siehe Abbildung 2) soll als zentraler Einstiegspunkt für die Informationsversorgung der soziologischen Forschung dienen. Sie steht allen fachlich Interessierten zur Verfügung, bietet aber zudem für registrierte Nutzerinnen und Nutzer zusätzliche Funktionen an, die über die reine Recherche hinausgehen, bspw. Merk- und Leselisten. Als Grundlage werden in der Soziologie etablierte Literaturrecherche-Module, wie ein EBSCO Fachausschnitt Soziologie und SSOAR, eingebunden und mit einem umfassenden Dokumentlieferservice angereichert.

Die integrierte Suche des FID Soziologie.
Abb. 2:

Die integrierte Suche des FID Soziologie.

2 Das Akademische Netzwerk des FID Soziologie

2.1 Warum ein Akademisches Netzwerk?

Akademische Netzwerke sind im Generellen auf die wissenschaftliche Community ausgerichtet und bieten einen speziellen Funktionsumfang, der vor allem Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zu Gute kommen soll. Der typische Umfang solcher Funktionen umfasst beispielsweise das Erstellen eines persönlichen Profils, die Verknüpfung mit anderen Nutzenden und literaturbezogene Funktionen wie die Anzeige einer Publikationsliste8. Existierende kommerzielle akademische Netzwerke, wie Mendeley9, ResearchGate10 oder Academia.edu11, setzen jedoch keinen disziplinären Fokus. Im Gegensatz dazu gilt es im FID Soziologie die grundlegenden Funktionen akademischer Netzwerke um weitere, auf die soziologische Community angepasste Funktionen zu erweitern. In Zusammenarbeit mit Soziologinnen und Soziologen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) wurde hierzu identifiziert, dass vor allem eine kollaborative Arbeitsumgebung und die Möglichkeit DGS-Sektionen zu repräsentieren den akuten Bedürfnissen der Community entsprechen.

Um die Bedarfe der Forschungscommunity der Soziologie zu erheben, wurden zum einen Fachgespräche mit Vertreterinnen und Vertretern der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) geführt, die verschiedene Teildisziplinen repräsentieren und unterschiedlichen Institutionen angehören, und zum anderen eine Bedarfserhebung unter den Mitgliedern der DGS durchgeführt.

Die Bedarfserhebung zum Information Behavior wurde als Online-Umfrage erstellt.12 Hierbei wurde der Link zusammen mit einem Anschreiben per E-Mail an die Sektionsleitungen der DGS verschickt, die die Mail an ihre Mitglieder weitergeleitet haben. Es haben ca. 300 Personen an der Befragung teilgenommen, und 87.7% der Teilnehmenden haben diese bis zur letzten Umfrageseite ausgefüllt. Neben der zentralen Anforderung, dass die integrierte Suche eine Art „Google Scholar für die Soziologie“ sein soll, war die Entwicklung einer Plattform erwünscht, auf der Recherche nach Konferenzen, Gutachtertätigkeiten, aktuellen Forschungsthemen sowie die fachliche Kommunikation innerhalt der soziologischen Community möglich ist.

Aus den Fachgesprächen ging ebenfalls hervor, dass die Vernetzung unter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in der Soziologie ausgebaut werden soll. Diese Fachgespräche wurden zwischen USB, GESIS und einer Arbeitsgruppe, bestehend aus dem damaligen Vorsitzenden der DGS, Herr Prof. Lessenich, und anderen DGS Sektionsleitern in zwei Roundtable-Gesprächen durchgeführt. Aus diesen Gesprächen ging hervor, dass der Wunsch nach einer verstärkten Vernetzung bestmöglich mithilfe eines Akademischen Netzwerks zu realisieren sei. Wie bereits erwähnt adressieren akademische Netzwerke im Vergleich zu sogenannten „general-purpose“-Netzwerken, wie Facebook13 oder LinkedIn14, in erster Linie die Bedürfnisse der wissenschaftlichen Community. Neben der Vernetzung mit anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern im Netzwerk, ist es möglich, eine eigene wissenschaftliche Profilseite zu erstellen oder auch eine persönliche Literaturliste zu pflegen. Somit bietet ein akademisches Netzwerk nicht nur die Möglichkeit sich besser zu vernetzen, sondern auch einen zentralen Einstiegspunkt für die integrierte Suche und die vereinfachte Bereitstellung von Open Access-Publikationen.

Zudem existieren verschiedene Frameworks, wie z. B. HumHub15 oder Elgg16, die es ermöglichen, für sich angepasste Social Networks mit „moderatem“ Aufwand zu entwickeln. Moderat bedeutet hier, dass nicht alle Komponenten eines sozialen Netzwerks nachimplementiert werden müssen. Für den FID Soziologie haben wir uns für HumHub entschieden, da die Codebasis sehr gut dokumentiert und die Entwicklercommunity sehr aktiv ist. Ein Großteil der gewünschten Funktionalitäten, wie die Erstellung eines Profils oder das Folgen anderer Mitglieder, wird von diesen Frameworks out-of-the-box zur Verfügung gestellt. Sie müssen jedoch um weitere Funktionen, die für den wissenschaftlichen Bereich relevant sind (z. B. eine Liste eigener Publikationen erstellen), erweitert werden. Weitere Bausteine sind auch die Einbindung von Interaktions- und Diskussionsmöglichkeiten oder auch die Erstellung interner Gruppen, z. B. DGS-Sektionen oder Themenschwerpunkte. Auch die Kopplung mit den Literaturinhalten, die z. B. einen Austausch über bereitgestellte Dokumente (z. B. in SSOAR) ermöglicht, muss nachträglich implementiert werden. Basierend auf der aktiven Entwicklercommunity bietet HumHub aber eine solide Basis, sodass man nicht von „scratch“ beginnen muss.

2.2 Positionierung zu Global Playern

Große Anbieter für akademische soziale Netzwerke sind bspw. Mendeley, ResearchGate oder Academia.edu. Sie zielen auf die weltweite wissenschaftliche Community, ohne dabei einen disziplinären Fokus zu setzen. Andere Angebote sind nur auf spezielle Fächer, Institutionen oder Gruppen ausgerichtet, so z. B. Edumeres17 für die internationale Bildungsmedienforschung. Das (ehemalige) Angebot AtmosPeer für die Community der Atmosphärenforschenden des kommerziellen Anbieters ProQuest zeigt aber auch schon ein grundlegendes Problem der zuvor genannten Plattformen: Bei mangelndem unternehmerischem Interesse oder Erfolg werden Angebote auch schnell wieder eingestellt. Dies trifft natürlich auch auf öffentlich finanzierte Systeme zu, aber bei kommerziellen Anbietern gehen die Daten, Kontakte und sonstige Artefakte, die auf den Plattformen entstanden sind, verloren, oder noch schlimmer: sie werden an Dritte verkauft.

Neben der Nachhaltigkeit von Angeboten wird die Freiheit des wissenschaftlichen Austauschs als weiterer Grundsatz identifiziert. Dies entspricht im umfassenden Sinne der Open Science-Bewegung, der folgend Informationen im Gegensatz zu kommerziellen Netzwerken frei zugänglich sind (und es auch dauerhaft bleiben). Kommerzielle Netzwerke werden auch als Closed Community bezeichnet, deren Mitgliedschaft und Zugang explizit an die Vorbedingung des Akzeptierens kommerzieller Nutzungsbedingungen gebunden ist. Offenheit und Nachhaltigkeit können kommerzielle Betreiber von sozialen Plattformen mit Ihren gewinnorientierten Interessen nicht zufriedenstellend bedienen.

Ein weiterer Nachteil kommerzieller Plattformen ist, dass diese meist ohne Beteiligung der eigentlichen Zielgruppe entwickelt werden, was dazu führt, dass die Angebote der Netzwerk-Plattformen an den tatsächlichen Bedürfnissen der Fachcommunities vorbeigehen (Vgl. hierzu Anm. 8). Der Erfolg kommerzieller Plattformen, sprich die große Nutzerzahl, ist meist dadurch zu begründen, dass sie lediglich die wenigen gemeinsamen Bedürfnisse der Fachcommunities, wie die Selbstdarstellung in der Wissenschaft oder eine allgemeine Jobbörse, adressieren. Weitere, fachspezifische Funktionalitäten, wie die Organisation spezieller Fachthemen, werden aber nicht berücksichtigt. Die Selbststeuerung durch die Wissenschaft ist allerdings eines der Hauptprinzipien für ein erfolgreiches wissenschaftliches Publikationssystem, wie dies in den Ergebnissen der Interdisziplinären Arbeitsgruppe (IAG) „Zukunft des wissenschaftlichen Kommunikationssystems“ der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften festgehalten wurde18. Aus diesem Grund geschieht die Entwicklung des FID Soziologie in enger Kooperation mit Soziologen aus der DGS. Aus der Arbeitsgruppe, die bei den Fachgesprächen partizipierte, wurde ein wissenschaftlicher Beirat entwickelt, dem wir in regelmäßigen Abständen den Fortschritt des Projekts vorstellen, um Feedback einzuholen. Zudem wurde ein direkter Kontakt zu drei DGS Sektionen aufgenommen. In dieser Kooperation werden die Kernfunktionen des akademischen Netzwerks konzipiert, entwickelt und in erster Instanz evaluiert. Diese Herangehensweise soll sicherstellen, dass der FID Soziologie für die Bedürfnisse der soziologischen Community maßgeschneidert ist.

3 Reflexion der Entwicklung

Auf einer Veranstaltung des Vereins Deutscher Bibliothekarinnen und Bibliothekare (VDB) im Rahmen des deutschen Bibliothekartags 2016 betitelte der damalige Leiter der FID Förderlinie Christoph Kümmel den Zwischenbilanzbericht19 der FIDs mit „Dieser Weg wird kein leichter sein“20. Durch das Weglassen von einheitlichen Vorgaben bezüglich der Konzeption und Implementierung der Fachinformationsdienste, war es auch für den FID Soziologie ein langer Weg bis die einzelnen Funktionsperspektiven mit der Fachcommunity abgestimmt werden konnten.

Der FID Soziologie und das darin entwickelte akademische Netzwerk wurde der gesamten Fachcommunity erstmals auf der Tagung der DGS 2016 vorgestellt. In persönlichen Interviews auf dieser Veranstaltung hat man den direkten Kontakt zu neun Sektionsleitern gesucht, um zu erfahren welche Kernkomponenten des Systems primär ausgebaut werden sollen. Leider bestand für das akademische Netzwerk kein einheitlicher Konsens seitens der Befragten darüber, welche Funktionen den größten Gewinn für die Fachcommunity mitbringen würden. Die zentrale Anforderung bestand nämlich darin, die (Forschungs-)Arbeit der Soziologinnen und Soziologen durch den FID im Sinne der Zeitersparnis möglichst effizient zu machen. Während dies für die integrierte Suche und die Bereitstellung von Open Access-Publikationen relativ gegeben war, so war man sich bezüglich des akademischen Netzwerks nicht schlüssig, wie man die zentrale Anforderung erfüllen kann. Beispielsweise bevorzugten manche ein nicht-kommerzielles Pendant zu ResearchGate, und manch andere eher ein ausgefeiltes Instrument um Literatur zu verwalten. Daraus entstand erstmal die Problematik einer weiteren Orientierung für das akademische Netzwerk.

Die Interviews wurden ausgewertet, und es resultierten fünf mögliche Nutzungsszenarien für das akademische Netzwerk. Diese fünf Nutzungsszenarien wurden detailliert aufbereitet und dem Beirat in einer konstituierenden Sitzung vorgestellt. Zwei Nutzungsszenarien können laut Beirat die zentrale Anforderung tatsächlich erfüllen, und so wurde beschlossen, das akademische Netzwerk als kollaborative Arbeitsumgebung sowie als Toolbox zur Organisation von DGS Sektionen und Forschungsfeldern aufzubauen. Die Szenarien, das Netzwerk als Bewertungsplattform für Publikationen, als Instrument zum Umgang mit Literatur, oder zur Sichtbarmachung von Reputation eines Wissenschaftlers zu nutzen, wurden hingegen verworfen, da es hierfür mit ResearchGate und Mendeley bereits weit verbreitete Angebote gab und man keine doppelten Strukturen haben wollte.

Als kollaborative Arbeitsumgebung verfolgt der FID Soziologie das Ziel Kollaborationen im gesamten Netzwerk, sprich sektions- bzw. forschungsfelderübergreifend, und in privaten Gruppen anzuregen. Dies beinhaltet beispielsweise offene Diskussionen zu Fachfragen, Kommentierungen von Publikationen im gesamten Netzwerk, das Erstellen gemeinsamer Manuskripte, Projekte, Forschungsskizzen, Forschungsanträge oder die Planung von Tagungen in geschlossenen oder offenen Gruppen. Die Risiken, eine solche Umgebung bereitzustellen, beinhalten natürlich die sogenannte „kritische Menge“ an aktiven Mitgliedern, die notwendig ist, Kollaborationen zu initiieren und aufrecht zu erhalten. Als Toolbox zur Organisation von DGS Sektionen und Forschungsfeldern ist das primäre Ziel, die Fachcommunity darin zu unterstützen, effizienterer ihre „Sektionsaufgaben“ zu bewältigen (z. B. Mitgliedschaftslisten, Wahlen, aktuelle Publikations- und Leselisten, Unterstützung der Informationsverbreitung, Hinweis auf Termine, etc.). Es wurde beschlossen sich zunächst auf dieses Nutzungsszenario, sprich auf die Toolbox zur Organisation einer Sektion, zu fokussieren. Zum einen ist der Organisations- und Implementierungsaufwand im Vergleich zur Entwicklung einer vollfunktionsfähigen kollaborativen Arbeitsumgebung geringer, und zum andern würde es wahrscheinlicher zu einer Aktivierung der DGS Sektionen und somit zum schnellen Aufbau eines Nutzerstammes führen, da viele Sektionen noch eigene, und teils veraltete, Web-Präsenzen haben und lediglich über E-Mail ihre „Sektionsaufgaben“ kommunizieren.

Um beide Nutzungsszenarien möglichst genau an die Bedürfnisse der Fachcommunity anzupassen, wird mit zwei DGS-Sektionen, die starkes Interesse an beiden Nutzungsszenarien bekundet haben, sehr eng kooperiert und den FID nach dem Modell der agilen Softwareentwicklung entwickelt. Als Resultat war die Vorstellung des Systems auf der Tagung aller DGS Sektionssprecherinnen und -sprecher im Oktober 2017 ein großer Erfolg. Viele Sektionssprecherinnen und Sektionssprecher bekundeten ihr Interesse, den FID Soziologie für die Organisation ihrer Sektion zu verwenden. Unter anderem die vereinfachte Funktionalität, interne Abstimmungen zu organisieren, wurde als großer Vorteil gegenüber anderen Systemen erwähnt.

Die Vermeidung seitens der DFG einheitliche Vorgaben bezüglich der Konzeption und Implementierung der FIDs zu machen, kann somit auch zu neuen Gelegenheiten führen ein Informations- und Kommunikationssystem zu entwickeln, das viel stärker an die Bedürfnisse einer spezifischen Fachcommunity angepasst ist. Demnach kann man auch verbessert den Anforderungen von Fachcommunities pro-aktiv entgegen kommen. Mit größerem Fokus auf das Nutzungsszenario „kollaborative Arbeits- bzw. Forschungsumgebung“ kann der FID z. B. weiter in Richtung einer virtuellen Forschungsumgebung ausgebaut werden.

4 Nutzungsevaluation

Die Evaluation der Nutzung des FID Soziologie ist natürlich ein zentraler Aspekt für die Messung, wie gut er bei der Fachcommunity ankommt. Hierbei ist aber darauf zu achten, dass man sowohl die quantitative als auch die qualitative Evaluation beachtet, da man z. B. anhand der reinen Nutzeranzahl nicht gegen Dienste ohne fachliche Fokussierung ankommt. Man muss darauf achten, verschiedene Kennzahlen, die verschiedenste Aktivitäten der Nutzer wiederspiegeln, zu erfassen. In Bezug zum akademischen Netzwerk ist es z. B. wichtig zu wissen, wie viele Nutzer sich aktiv in Diskussionen oder Abstimmungen einbringen.

Im Frühjahr 2018 ist der Online-Gang geplant. Durch den fachspezifischen Fokus auf die Soziologie, ist der Nutzerkreis selbstverständlich eingeschränkt, obwohl rechtlich und technisch eine Anmeldung für jedermann möglich ist. Umso wichtiger ist es darauf zu achten, welche Funktionen am aktivsten, oder auch am wenigsten, genutzt werden. Dies beinhaltet natürlich die integrierte Suche und die darauf basierenden Mehrwertdienste, z. B. persönliche Merklisten, und die vereinfachte Open Access-Ablieferung von Publikationen. Aber auch die Nutzung der etwaigen Funktionalitäten, z. B. Abstimmungsfunktionalität oder das Diskussionsforum für soziologische Fragestellungen, des akademischen Netzwerks, gilt es zu evaluieren. So kann man vor allem auch auf neue Bedürfnisse der Fachcommunity schnell, oder auch schon pro-aktiv, reagieren.

Die qualitative Evaluation betrifft vor allem die Meinungen der Fachcommunity, aber auch des Beirats, der die Fachcommunity vertritt. Es kann natürlich sein, dass eine „aktive Nutzung“ in verschiedenen Communities verschieden aufgefasst wird. Um also die Nutzung eines Informations- und Kommunikationssystems zu messen, muss man die gemessenen Werte in den Kontext der Fachcommunity bringen. Dies kann z. B. durch Umfragen oder auch durch konzipierte Nutzerstudien durchgeführt werden.

5 Fazit

Der Fachinformationsdienst (FID) Soziologie besteht aus drei grundlegenden Komponenten und verfolgt das primäre Ziel, die (Forschungs)Arbeiten der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem Bereich der Soziologie möglichst effizient zu gestalten. Die integrierte Suche beinhaltet alle für die Soziologie relevanten Publikationsnachweise und die Open Access-Unterstützung vereinfacht die Zweitveröffentlichung eigener Publikationen als Open Access. Als dritte Komponente verbindet das akademische Netzwerk die soziologische Fachcommunity und bietet ein Tool zur Organisation von Sektionen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) sowie eine kollaborative Arbeitsumgebung für soziologische Fragestellungen.

Der FID wird in sehr engem Kontakt zu der Fachcommunity konzipiert und nach dem Prinzip der agilen Softwareentwicklung implementiert. Zum einen unterstützt ein Beirat die Entwicklung durch tiefgehende Diskussionen und Empfehlungen wie man den Dienst an die Fachcommunity noch besser anpassen kann. Zum anderen wird vor allem das akademische Netzwerk zusammen mit zwei Sektionen der DGS entworfen und entwickelt, sodass eine möglichst passgenaue Lösung entstehen kann. Somit kann sich das Portal auch von anderen Global Playern, wie ResearchGate, abgrenzen, da diese neben einer kommerziellen Nutzung der Daten keinen fachlichen Fokus auf die Soziologie besitzen.

Evaluiert wird der FID Soziologie zum Teil basierend auf Nutzungszahlen (vor allem wie aktiv die Nutzer sind) und auf qualitativen Aussagen der Fachcommunity, um die Nutzungszahlen in Relation setzen zu können. Bei Erfolg kann der FID natürlich noch weiter ausgebaut werden. So kann das Angebot z. B. um eine Suche und Bereitstellung von Forschungsdaten erweitert werden. Vor allem ist es interessant, Mehrwertdienste auf Basis von semantischen Technologien zu konzipieren. Beispielsweise kann man Forschungsdaten und die darauf basierenden Publikationen miteinander verlinken und weiterführend Empfehlungen generieren.

Footnotes

About the article

Johann Schaible

Dr. Johann (Wanja) Schaible


Published Online: 2018-03-10

Published in Print: 2018-03-26


Citation Information: Bibliotheksdienst, Volume 52, Issue 3-4, Pages 235–247, ISSN (Online) 2194-9646, ISSN (Print) 0006-1972, DOI: https://doi.org/10.1515/bd-2018-0030.

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