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Bibliothek Forschung und Praxis

Ed. by Bonte, Achim / Degkwitz, Andreas / Horstmann, Wolfram / Kaegbein, Paul / Keller, Alice / Kellersohn, Antje / Lux, Claudia / Marwinski, Konrad / Mittler, Elmar / Rachinger, Johanna / Seadle, Michael / Vodosek, Peter / Vogt, Hannelore / Vonhof, Cornelia

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1865-7648
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Volume 38, Issue 1 (Apr 2014)

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Rezensionen

Published Online: 2014-03-21 | DOI: https://doi.org/10.1515/bfp-2014-0009

Paul Raabe: Tradition und Innovation. Studien und Anmerkungen zur Bibliotheksgeschichte. Mit einem Nachwort von Georg Ruppelt. Frankfurt a. M.: Klostermann, 2013. 306 S. (Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie; Sonderband 110). Fest geb. – ISSN 0514–6364, ISBN 978-3-465-4187-0. € 79,00

VodosekPeterProf. Dr. 11Seestraße 89, D-70174 Stuttgart

Am 5. Juli 2013 ist Paul Raabe, der „nach Lessing wohl bekannteste deutsche Bibliothekar“, wie ihn die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ einmal genannt hat, im 87. Lebensjahr verstorben. Knapp ein Vierteljahr später erschien dieser Sammelband, gewissermaßen als Opus posthumum. Seinen Berufsweg vom Bibliothekar des Deutschen Literaturarchivs in Marbach (1958–1968), als Direktor der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel (1968–1992) und als Initiator der Renaissance der Franckeschen Stiftungen in Halle (1992–2000) an dieser Stelle nachzuzeichnen, ist gewiss mehr als überflüssig.

„Tradition und Innovation“, der Titel, den er dieser Publikation gegeben und mit dem er auch den letzten Beitrag überschrieben hat, sind die Antriebskräfte seines Wirkens und auch das Motto seines Lebenswegs gewesen. Ohne ihn gleich als Polyhistor mit seinem großen Vorgänger Gottfried Wilhelm Leibniz vergleichen zu wollen, hat er doch auf vielen Gebieten Bedeutendes geleistet, als Wissenschaftsorganisator, als Kulturpolitiker, als Literaturwissenschaftler und als Bibliothekar. Nimmt man diese seine letzte Veröffentlichung als Vermächtnis, ist man freilich versucht zu behaupten, dass ihm die Bibliotheksgeschichte in allen ihren Facetten besonders am Herzen lag. Nicht zufällig also erfreute sich der 1979 von ihm initiierte „Arbeitskreis für Bibliotheksgeschichte“ seiner besonderen Aufmerksamkeit.

15 zwischen 1972 und 2004 verstreut erschienene Arbeiten zur Geschichte des Buchwesens, als deren Teil er die Bibliotheksgeschichte begriff, sind hier zusammengeführt, eingerahmt von einem Vorwort und dem bereits oben angesprochenen Originalbeitrag zur Entwicklung der Herzog August Bibliothek von 1960 bis 1992. Im Vorwort begründet Raabe die Auswahl seiner Texte und stellt den Zusammenhang mit den an der Herzog August Bibliothek etablierten Arbeitskreisen und ihren Tagungsthemen her. Raabe fasst seine „Studien und Anmerkungen“ in drei Blöcken zusammen. Im ersten beschäftigt er sich mit den Büchersammlungen der Gelehrten im 17. und 18. Jahrhundert allgemein und wendet sich dann mit zwei Fallstudien den Bibliotheken zweier Juristen, Gelderich Crumminga und Hermann Conring, zu. Der von der Forschung lange vernachlässigte Bibliothekstyp der Privatbibliothek im 17. und 18. Jahrhundert hat immer wieder sein Interesse hervorgerufen. Drei weitere Aufsätze sind bemerkenswert, weil Raabe sie zum Anlass nimmt, sich eingehend mit methodischen Problemen auseinanderzusetzen. Das ist zum einen die Frage „Was ist Geschichte des Buchwesens?“ Eine grundlegende Antwort hatte er bereits 1976 in der Jubiläumsschrift „Hundert Jahre Historische Kommission des Börsenvereins 1876–1976“ zu geben versucht.1

Zum anderen schenkt er besondere Aufmerksamkeit den Bibliothekskatalogen als buchgeschichtlichen Quellen und der historischen Leserforschung. Dass er als Wissenschaftler und Leiter einer Forschungsbibliothek mit dem Schwerpunkt „Altes Buch“ auch immer wieder auf die bibliotheksgeschichtliche Bedeutung der Volks- bzw. Öffentlichen Bibliotheken hinwies, war und ist keine Selbstverständlichkeit. Er war der Überzeugung, „dass gerade auch die Öffentlichen Bibliotheken in der heutigen Informationsgesellschaft eine ganz entscheidende Rolle spielen in der Vermittlung von Wissen und Kenntnissen und auch zur Unterhaltung. Das Lesen als eine lebenslange Aufgabe zu verstehen, Lesen zu fördern, das kann man am besten in einer Öffentlichen Bibliothek, von der Kinderbibliothek an, tun“ (S. 290–291). Was den Aspekt Innovation betrifft, so bewies Raabe einen geradezu prophetischen Blick. 1982 schrieb er, „Die Langwierigkeit der Forschungen [sc. zur historischen Leserforschung] liegt in der Fülle der zu bearbeitenden Daten, die eines Tages wohl nur über EDV gebändigt werden können“ (S. 138) – 1983 wurde die Katalogisierung der Herzog August Bibliothek auf EDV umgestellt. 1987 wies er darauf hin, dass ein vollständiger Katalog der Drucke des 17. Jahrhunderts eine immer wieder neu an die Wissenschaft zu richtende Forderung sein sollte – ab 1996 förderte die Deutsche Forschungsgemeinschaft das VD 17.

Der knapp gehaltene Teil 2 bringt zwei Texte eines weiteren Raabe’schen Interessengebiets, nämlich Aspekte der Weimarer Bibliotheksgeschichte. Goethes Maßnahmen als Bibliotheksreformer schreibt er eine Epoche machende Wirkung zu, die am Anfang des Erneuerungsprozesses der Bibliotheken im 19. Jahrhundert steht. Im folgenden Beitrag bringt er als Beispiel für Goethes bibliothekarische Weitsicht dessen Anordnung, einen Katalog sämtlicher Revolutionsschriften der herzoglichen Bibliothek anzufertigen.

Der dritte Teil ist zur Gänze „seiner“, Raabes Bibliothek, der HAB, gewidmet. Von den sieben hier abgedruckten Studien seien einige wenige erwähnt. Den Ruhm der Bibliothek als „Achtes Weltwunder“ künden Textzeugnisse aus drei Jahrhunderten, ebenso ausgedrückt in lateinischen Versen wie in Eintragungen in das Besucherbuch. „Der Bibliotheksdiener im 18. Jahrhundert“, eine seinerzeit durchaus populäre Figur, wird von Raabe liebevoll nachgezeichnet. Er meint, dass der vielzitierte Wahlspruch der Bibliothekare „Aliis in serviendo consumor“ eigentlich auch für ihn gelten müsse. Nicht allzu bekannt dürfte sein, dass man in Wolfenbüttel, genauer gesagt der Bibliothekar Karl Philipp Schönemann, den Traum hegte, die Bibliothek zu einer Nationalbibliothek auszubauen. Diese Idee ist in einem Briefwechsel mit dem Buchhändler Heinrich Wilhelm Hahn aus der Mitte der 1840er Jahre dokumentiert. Dieser war es dann bekanntlich auch, der 1848 der Nationalversammlung in Frankfurt am Main die von ihm verlegten Bücher als Grundlage für eine Reichsbibliothek stiftete. Raabe hat sich 1988 in der Festschrift für Günther Pflug eingehend damit befasst. Auch diese Studie ist hier noch einmal abgedruckt.

Das Nachwort Georg Ruppelts, des ehemaligen Stellvertreters Raabes als Direktor der HAB, zeichnet in knappen Zügen Biographie und beruflichen Werdegang nach. Es würdigt sein Wirken an den drei „Hauptschauplätzen“ in Marbach, Wolfenbüttel und Halle als zugleich bewahrend und revolutionär, eben gleichermaßen Tradition und Innovation verbindend. Reiner „Macher“ ist Raabe nie gewesen, die „Bibliothek an sich“ hat er immer als eine humane Anstalt betrachtet.2

Klaus Kempf und Sven Kuttner (Hrsg.): Das deutsche und italienische Bibliothekswesen im Nationalsozialismus und Faschismus. Versuch einer vergleichenden Bilanz. Wiesbaden: Harrassowitz, 2013. XI, 246 S. Brosch. Schwarz-Weiß-Abb. (Beiträge zum Buch- und Bibliothekswesen; 57).– ISBN 978-3-447-06991-5; ISSN 0408–8107. € 48,00

VodosekPeterProf. Dr. 22Seestraße 89, D-70174 Stuttgart

Es ist erfreulich, dass die bibliothekshistorische Forschung zum Thema Nationalsozialismus weitere Fortschritte verzeichnet, nicht zuletzt motiviert durch die Provenienzforschung. Exemplarisch für neuere Veröffentlichungen sei der Tagungsband Literatur „Wissenschaftliche Bibliotheken im Nationalsozialismus“ erwähnt.13 Auch was das Unwesen des Nationalsozialismus im Ausland betrifft, gibt es für die annektierten und besetzten Gebiete mehr Literatur, als man zunächst annehmen möchte.14 Mit dem Thema Kollaboration hat sich bisher Martine Poulain am Beispiel Frankreichs am intensivsten beschäftigt.15 Was aber vergleichende Studien zum Bibliothekswesen in diktatorisch beherrschten, im konkreten Fall auch noch verbündeter Staaten betrifft, betritt die hier vorzustellende Publikation Neuland. Es handelt sich um die Aufsatzfassungen von Vorträgen einer Konferenz, oder korrekter eines Expertengesprächs, von Historikern und Bibliothekaren über das deutsche und italienische Bibliothekswesen im Nationalsozialismus und Faschismus. Es fand vom 2. bis 5. September 2012 in der Villa Vigoni am Comer See statt. Planung und Organisation lagen in den Händen von Klaus Kempf (Bayerische Staatsbibliothek München) und Sven Kuttner (Bibliothek der Ludwig-Maximilian-Universität München), der Erstere mit langjähriger Italienerfahrung als Projektmanager für den Aufbau der Universitätsbibliothek der Freien Universität Bozen, der Letztere als Autor zahlreicher Publikationen zur deutschen Bibliotheksgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Über Besonderheiten und Eigenheiten der beiden autoritären Ideologien (um das nicht nur in diesem Fall unscharfe Epitheton „ornans“ faschistisch zu vermeiden) zu reflektieren, ist hier nicht der Ort, da es im Wesentlichen um die Taten, Nichttaten und Untaten der jeweiligen Herrschaftssysteme geht. Christoph Dipper, Professor em. für Neuere und Neueste Geschichte der Technischen Hochschule Darmstadt, vergleicht einleitend und einführend nationalsozialistische und faschistische Wissenschaftspolitik mit dem Akzent auf den 1920er und 1930er Jahren. Der Vergleich ist auch insofern interessant, „weil in Italien seit rund einhundertfünfzig Jahren die Debatte um die ‚deutsche Wissenschaft‘ zu den wichtigsten bildungspolitischen Gegenstandsbereichen zählt“ (S. 2). Der Autor fasst die Ergebnisse in neun sehr ausführlich begründeten Punkten zusammen.

Die folgenden Aufsätze gruppieren sich um zwei Themenblöcke. Im Ersten gilt es, die Handlungsspielräume auszuloten, die in beiden Diktaturen für den „Mikrokosmos Bibliothek“ eventuell vorhanden waren. Der Zweite ist Problemen wie dem Umgang mit den Folgen der Diktatur in der Nachkriegszeit, den „Exkulpationsstrategien von Bibliothekaren nach dem politischen Systemwechsel“ und den „Gemeinsamkeiten und Unterschieden der Vergangenheitsbewältigungsstrategien“ gewidmet. Fünf Beiträge haben Italien im Fokus (drei davon in italienischer Sprache mit deutschen Zusammenfassungen von Klaus Kempf), sechs das (Groß)Deutsche Reich.

Der italienische Bereich sei hier wie im Buch auch vorangestellt, vermittelt er doch Einblicke und Informationen, die in Deutschland nur Wenigen vertraut sein dürften. Es geht dabei um folgende Themen:

  • Andrea Hindrichs: Kulturpolitik im italienischen Faschismus

  • Angelo Turchini: Gli archivi e le biblioteche italiane nella politica interna del regime fascista (Archive und Bibliotheken in der Innenpolitik des faschistischen Italiens)

  • Alberto Petrucciani: Le biblioteche italiane durante il fascismo: strutture, rapporti, personaggi (Das italienische Bibliothekswesen während des Faschismus. Strukturen, Beziehungen, Persönlichkeiten)

  • Johannes Andresen: Bibliotheken in Südtirol in der Zeit des Faschismus

  • Mauro Guerrini: Il primo Congresso mondiale delle biblioteche e di bibliografia, Roma-Venezia, 15–30 giugno 1929 (Der erste Weltkongress für Bibliotheken und Bibliographie in Rom und Venedig vom 15. bis 30. Juni 1929).

Hervorgehoben sei der Aufsatz von Andresen, der der Frage nachgeht, „ob die faschistischen Machthaber in den Bibliotheken ein geeignetes Instrument zur ‚Italianisierung‘ der Region sahen“. Im Hinblick auf die erhoffte, wenn auch kaum eingetretene Breitenwirkung stehen dabei die allgemeinbildenden, also Dorf-, Schul- oder Pfarrbibliotheken im Mittelpunkt. Folgerichtig dabei wird die unheilvolle Rolle des Senators Ettore Tolomei, des „Totengräbers Südtirols“, betont. Ein ganz anderes Feld betritt Guerrini, der über den „Weltkongress“ berichtet. Hier ist weniger von Interesse, dass es sich um den ersten Kongress des 1927 in Edinburgh gegründeten bibliothekarischen Weltverbandes (ab 1929 IFLA) handelt, als um den gewaltigen Aufwand, welcher der Selbstdarstellung des faschistischen Regimes dienen sollte. Nicht nur dass der Duce den Kongress auf dem Kapitol in Rom persönlich eröffnete, auch Papst Pius XI., der erst im Februar 1929 die Lateranverträge unterzeichnet hatte, empfing die Teilnehmer, allerdings als „ehemaliger Kollege“, das heißt als früherer Präfekt der Biblioteca Ambrosiana in Mailand und später der Biblioteca Vaticana.

Auf Deutschland beziehen sich die folgenden Beiträge:

  • Klaus Kempf: NS-Raubgut in der Bayerischen Staatsbibliothek. Annäherung an ein sensibles Thema

  • Alfred Schmidt: Die Österreichische Nationalbibliothek im Nationalsozialismus und die Restitution von NS-Raubgut

  • Christina Köstner-Pemsel und Markus Stumpf: BibliothekarInnen der Universität Wien im Austrofaschismus und in der NS-Zeit. Modellfall oder Ausnahme? Eine Annäherung

  • Sven Kuttner: „Verwendung im Büchereidienst der Hauptstadt der Bewegung“. Alte Kämpfer in der Universitätsbibliothek München

  • Michael Knoche: „Es ist doch einfach grotesk, dass wir für die Katastrophe mitverantwortlich gemacht werden.“ Die Einstellung von deutschen wissenschaftlichen Bibliothekaren zu ihrer Vergangenheit im Nationalsozialismus

  • Jan-Pieter Barbian: „Faktoren der großen Durchdringungsarbeit des Volkes mit nationalsozialistischem Geist“. Das Öffentliche Büchereiwesen des NS-Staates zwischen Ideologie und Realität.

Für deutsche Leser bringen sie naturgemäß weniger neue Erkenntnisse. Nicht dass sich Dubletten darunter fänden, aber die wohlbekannten Autorinnen und Autoren sind als ausgewiesene Experten bereits mehrfach mit Publikationen hervorgetreten. Sie sind nicht nur in der Materie zu Hause, sondern gehören zu den Protagonisten der ersten Stunde.16

Im Untertitel des Tagungsbandes heißt es vorsichtig „Versuch“ einer vergleichenden Bilanz. Eine kritische Betrachtung muss beim Wort „vergleichend“ ansetzen. Die renommierte Zeitschrift der University of Texas at Austin/School of Information „Information and Culture“ führte von 1966 bis 1987 den Titel „The Journal of Library History, Philosophy and Comparative Librarianship“.17 Das 1970 erstmals erschienene „Handbook of comparative librarianship“ benutzte ebenfalls das als eine Art Modeerscheinung in vielen Disziplinen gebrauchte „comparative“ für eine vorgeblich neue Forschungsmethode.18 Zumindest was die Bibliotheksgeschichte angeht, ist dieser Anspruch nach Kenntnis des Rezensenten nie wirklich eingelöst worden. So letztlich auch hier. Der Vergleich besteht in der Aneinanderreihung von wichtigen Themen, aber keineswegs in Parallelführung. Daraus die Querverbindungen herzustellen und übergreifenden Schlüsse zu ziehen, bleibt dem Leser überlassen. Um nicht missverstanden zu werden: Der Qualität und wissenschaftlichen Dignität dieser Veröffentlichung tut dies keinen Abbruch. Vielmehr ist zu wünschen, dass dieser Weg Nachfolger findet, die ihn mit Blick auf andere Länder zu beschreiten „versuchen“.

Alice Keller: Universitätsbibliotheken in Großbritannien. Berlin: De Gruyter Saur, 2013. XI, 296 S., geb. (Bibliotheks- und Informationspraxis; 48) – ISBN 978-2-11-033608-5. € 59,95

UmlaufKonradProf. Dr. 33Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft, Unter den Linden 6, D-10099 Berlin

Monografien über die Bibliothekssysteme einzelner Länder, möglichst noch mit vergleichenden Blicken in andere Länder, gibt es nicht viele – weder aus bibliothekarischer19 oder nationaler Binnensicht noch aus der Außenperspektive20, sei es die lernbegierige Perspektive des Auslands21 oder der analytische Blickwinkel eines theoretischen Ansatzes, der die bibliothekarische Binnensicht überwindet22. Die von Hans-Christoph Hobohm und Rolf Busch 2005 begonnene Reihe Bibliotheken der Welt23 kam über 2 Hefte im Umfang von je unter 45 Seiten bis jetzt nicht hinaus. In der Reihe Elemente des Buch- und Bibliothekswesens (Wiesbaden: Reichert) erschienen 1980 bis 1992 fünf Ländermonografien, seit 1997 liegt die Reihe brach. Umso willkommener ist Kellers Monografie, wenn sie auch auf Universitätsbibliotheken beschränkt ist. Immerhin hätte man erwartet, dass die Universitätsbibliotheken in das britische Bibliothekssystem eingeordnet werden (Verbünde? Leihverkehr? Kooperativer Bestandsaufbau? Standards?) – leider sagt die Autorin dazu nichts im Zusammenhang, mit Ausnahme von drei Seiten über die British Library. Freilich wird in den einzelnen Kapiteln doch deutlich, dass es einige wenige Verbindungen zwischen den Universitätsbibliotheken und den anderen Bibliotheken gibt, etwa wenn es um die dominante Rolle der British Library beim Leihverkehr, eine gemeinsame technische Infrastruktur für die digitale Langzeitarchivierung der sechs britischen Pflichtexemplarbibliotheken unter Führung wiederum der British Library oder einer Katalogisierungsdatenbank geht, der auch die Öffentlichen Bibliotheken Katalogisate entnehmen können. Man hätte sich ein Kapitel gewünscht, in dem diese verstreuten Aspekte systemisch gewürdigt werden. Sein Fehlen deutet darauf hin, dass die Autorin aus einer Perspektive schreibt, die der britischen Binnensicht sehr nahe steht. Gleichwohl erklärt die Autorin für den deutschsprachigen Leser sehr klar britische Strukturen und Institutionen, beispielsweise die Verwendung des in Großbritannien üblichen Begriffs „hybride Bibliothek“. Dasselbe gilt auch dann, wenn es sich nicht um binnenbibliothekarische Sachverhalte handelt, z. B. das 1993 gegründete Joint Information Systems Committee (JISC), in dem die vier britischen Finanzierungsorgane für die Hochschulen zusammenarbeiten, um eine leistungsfähige IT-Infrastruktur an den Hochschulen aufzubauen, wovon auch die Universitätsbibliotheken profitieren. Es geht der Autorin deshalb nicht um eine vergleichende Darstellung mit Deutschland oder anderen Ländern, auch wenn, allerdings sehr vereinzelt, Vergleiche gezogen werden, etwa wenn die Autorin ausdrücklich bemerkt, dass in Großbritannien regionale Verbünde, ein übergreifender Nachweis elektronischer Zeitschriften wie in der EZB oder bibliotheksspezifische Beamtenlaufbahnen „fehlen“ (S. 130).

Im Sinn dieser Binnensicht wird das britische Hochschulwesen eingangs strukturell und historisch breit dargestellt, so dass der Kontext, in dem die Universitätsbibliotheken stehen, vorzüglich präsentiert wird. Die Autorin hat an der Bodleian Library Oxford gearbeitet, publiziert24 seit 2006 kontinuierlich über britische Bibliotheken und kann wohl als die beste deutschsprachige Kennerin der Bibliotheken des Inselreichs gelten; auf dem Hintergrund dieser Erfahrung beginnt das Buch mit einem Hinweis darauf, was genau eigentlich mit Großbritannien – dem United Kingdom of Great Britain and Northern Ireland – gemeint ist, weshalb also durchgängig von britisch statt englisch die Rede ist, während ältere Darstellungen der britischen Bibliotheken aus deutscher Sicht von englisch im uneigentlichen Sinn des Worts sprachen25.

Jenseits des genannten Defizits, das weniger in der Sache, mehr in der Stoffpräsentation besteht, handelt Kellers Monografie alle einschlägigen Aspekte ab: Bestandsaufbau und Bestandskoordination, Informationstechnologie, Formal- und Sacherschließung, Open Access und institutionelle Repositorien, Organisationsformen, bibliothekarische Ausbildung – in diesem Kapitel nimmt Keller die bibliotheksbezogenen Ausbildungs- und Studiengänge in ihrer gesamten Breite in den Blick, d. h. einschließlich ÖB-spezifischer Lehrgänge, schließlich britische Bibliotheksstatistik, die uneinheitlicher organisiert ist als in Deutschland. Den Verbänden ist zwar kein eigenes Kapitel gewidmet, aber immer wieder werden die beiden maßgeblichen Verbände CILIP (Chartered Institute of Library and Information Professionals) und SCONUL (Standing Conference of National und University Libraries) und ihre Bedeutung erwähnt, u. a. im Kapitel über Ausbildung und Studium, weil hier die Verbände eine herausragende Bedeutung haben: Ohne Akkreditierung eines Studiengangs durch den Berufsverband CILIP haben die Absolventen geringere Chancen, einen Job in einer Bibliothek zu bekommen.

Bemerkenswerterweise geht Keller auf einen Punkt ausführlich ein, der in anderen Darstellungen nationaler Bibliothekssysteme fehlt oder allenfalls gestreift wird: die Entlohnungsstruktur. Gerade darauf richten sich die Fragen vieler Interessenten, die einen Blick auf das Bibliothekssystem eines anderen Landes richten, durchaus mit der berechtigten Frage, ob es einen Sinn macht, auf den betreffenden Arbeitsmarkt zu treten. Diesem Kapitel kann man entnehmen, dass – wenig überraschend – der Abstand zwischen der untersten und der obersten Gehaltsebene in britischen Universitätsbibliotheken erheblich größer als in Deutschland ist (1:5,6 gegenüber 1:4); die Anstrengung eines Aufstiegs in der Hierarchie, in Großbritannien weniger an formale Qualifikationsnachweise als in Deutschland gebunden, wird finanziell ordentlich honoriert. Auch erfährt man, dass zwar das Punktesystem (Punkte für Verantwortung, Qualifikation, Schwierigkeit der Aufgaben u. a.m.) für die Bewertung der Arbeitsplätze national einheitlich ist, aber die Zuordnung von Geldbeträgen zu einem jeweiligen Punktelevel von der einzelnen Universität festgelegt wird – ohne dass in dem freiheitlich und individualistisch geprägten Land irgendjemand auf die Idee kommt, darin eine Ungerechtigkeit zu sehen. Zur hier vorgetragenen weit gehenden Binnensicht gehört auch, dass derartige Verortungen einzelner Sachverhalte in nationalen Traditionen, Mentalitäten, Strukturen und Optionen, wie der Rezensent sie hier für die Gehaltsstrukturen vornimmt, hin und wieder angedeutet, aber nicht wirklich durchgehalten werden. Im Zusammenhang mit den Gehältern weist die Autorin freilich darauf hin, dass bei vergleichbarem Qualifikationslevel die Positionen in Bibliotheken in Großbritannien deutlich schlechter bezahlt werden als an Schulen oder in der Sozialarbeit, ein Umstand, der der Nachwuchsrekrutierung im Wege steht, während doch in Deutschland – ein Vergleich, den die Autorin nicht explizit vornimmt, weil sie keinen Vergleich anstrebt – die Fachreferenten an deutschen Universitätsbibliotheken wie Studienräte und die Bachelor-Bibliothekare wie Bachelor-Sozialarbeiter bezahlt werden.

Was den Stoff angeht, sollen einige Aspekte hervorgehoben werden, die Kellers Ländermonografie vor anderen auszeichnet. Sehr präzise referiert die Autorin in mehreren Kapiteln eine Entwicklung, die immer wieder demselben Muster folgt: Die Regierung veranlasst einen Bericht durch eine Kommission, dieser Bericht verlangt eine Reihe von Maßnahmen und Entwicklungsschritten, und diese Maßnahmen werden dann finanziell mehr oder minder gut untersetzt und umgesetzt. So lassen sich vereinfacht die referierten Strukturen in den Kapiteln über nationale Bestandskoordination, über das Electronic Libraries Programme, über das JISC Information Environment oder über die Implementation von Open-Access-Strategien zusammenfassen. Man hätte sich gewünscht, dass Keller nicht nur in zahlreichen Details diesen Stoff beschreibt, sondern das Muster explizit benennt, das in der Wahrnehmung des Rezensenten in diesem Stoff aufscheint: Schaffung eines funktional differenzierten Bibliothekssystems durch staatliche Impulse, während das Bibliothekspersonal selbst mitunter ganz gerne im Zustand des stratifikatorisch differenzierten Bibliothekssystems mit der zugleich bewunderten und mit Eifersucht bedachten British Library an der Spitze verharren bliebe. So könnte man auch die bei Keller als Pragmatismus gewertete Uneinheitlichkeit der Standards bei Formal- und Sacherschließung interpretieren, die sich bis bald nach dem Jahr 2000 hinzogen.

Starke Impulse gibt das ziemlich ausführliche Kapitel über Organisationsformen von britischen Universitätsbibliotheken. Hier geht es zunächst um die in Großbritannien weiter als in Deutschland vorangeschrittene Konvergenz zwischen Bibliothek, Rechenzentrum und Medienzentrum, also die mehr oder minder enge organisatorische, z.T. auch bauliche Zusammenfassung der drei Einrichtungen. Dies geschah natürlich nicht ohne bibliothekarische Ängste vor einem Verlust der bibliothekarischen Identität. Da Bibliotheken als Service-Einrichtungen verstanden werden, ging man in Großbritannien einen Schritt weiter und fasste sie z.T. mit weiteren Service-Einrichtungen der Universität zusammen, z. B. der Studentenadministration oder Kursverwaltung. Die in Dienstleistungsunternehmen und so in manchen Verlagen etablierte Aufbauorganisation nach Kundengruppen (Studierende, Forscher) wurde an der UB Sussex eingeführt. Keller referiert aufgrund eigener Recherchen, Fachliteratur gibt es hierüber noch nicht. Das ist natürlich aufregend und stellt einen bahnbrechenden Beitrag zur Organisationsforschung hinsichtlich Bibliotheken dar.

Eine positive Erwähnung verdient das Register, das die Eintragungen sowohl unter den Abkürzungen wie unter den ausgeschriebenen Benennungen enthält.

Insgesamt ist Kellers Monografie umsichtig und differenziert, facettenreich und detailliert, beruht auf umfassender Auswertung der Literatur und bezieht persönliche, im „Ich“-Ton berichtete Erfahrungen mit ein, so beispielsweise bei der Bewertung der britischen Zeitschriftendatenbank SUNCAT (Serials Union Catalogue for the UK, deren übermäßig viele Doppeleintragungen sich verringert haben sollen, „obwohl mir weiterhin bei jeder Suche sofort mehrere Doppeleintragungen ins Auge springen“ (S. 135)) – eine gründliche Darstellung, die sich durchgängig leicht liest, die die beträchtliche Stofffülle mit klaren Orientierungen bändigt und mit wenigen, aber markanten Abbildungen, Schaubildern und Tabellen vorzüglich zugänglich macht.

Kristin Futterlieb, Ivo Vogel (Hrsg.): Neue Führungskräfte in Bibliotheken. Erfahrungsberichte aus der Praxis. Wiesbaden: Harrassowitz, 2013. 243 Seiten, 22 Abb., 2 Tabellen, 4 Diagramme, br. (Beiträge zum Buch- und Bibliothekswesen; 56) – ISBN 978-3-447-06876-5, € 49,00 (D)

DürenPetraProf. Dr. 44Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, Fakultät Design, Medien und Information, Department Information, Finkenau 35, D-22081 Hamburg

Personalführung ist gerade in Zeiten, in denen sich Führungskräfte in Bibliotheken vielen neuen Herausforderungen – wie z. B. den stagnierenden bzw. sich ständig reduzierenden Budgets, den neuen Wünschen und Bedürfnissen der Nutzerinnen und Nutzer sowie den technologischen Entwicklungen – gegenüber sehen, ein wichtiges Thema.

Neu auf eine leitende Position berufene Führungskräfte ebenso wie „alte Hasen“ müssen sich diesen Herausforderungen stellen und dabei die Motivation ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufrechterhalten. Dies ist unabhängig davon, ob es sich um die Leitung einer kleinen Stadtteilbibliothek, um die Mitglieder der Direktion einer großen Hochschulbibliothek oder um Teamleitungen handelt.

Obwohl für diesen Sammelband neue Führungskräfte, die seit mindestens einem und in den meisten Fällen nicht mehr als fünf Jahren diese Position inne haben, gebeten wurden, ihre persönlichen Erfahrungen und Erkenntnisse, die für andere neue Führungskräfte von Interesse sein könnten, aufzuschreiben, eignet sich diese Sammlung von Einzelbeiträgen auch für Führungskräfte, die bereits seit längerem eine Leitungsfunktion inne haben.

Neunzehn individuelle Berichte können, da es sich häufig um Führungserfahrung verbunden mit einer Veränderung in der jeweiligen Bibliothek handelt, im Sinne des Change Managements bei der Durchführung einer entsprechenden Veränderung in der eigenen Bibliothek helfen. Zu nennen sind hier z. B. die Umsetzung eines Personal- und Organisationsentwicklungskonzepts, die Implementierung eines Qualitätsmanagementsystems, die Zusammenlegung von zwei Abteilungen sowie die Einführung von MARC 21 als einheitliches Austauschformat für alle deutschsprachigen Bibliotheken.

Die Themenvielfalt sensibilisiert für viele der Aufgaben, die auf neue Führungskräfte zukommen können, auch wenn sich sicherlich nicht alle persönlichen Eindrücke auf andere Führungskräfte bzw. Situationen übertragen lassen. Leider sind einige Berichte sehr kurz ausgefallen und einige mit viel Theorie überfrachtet, die nicht immer in direktem Bezug zum Führungsalltag steht. Auch ist die Beschreibung der eigenen Einrichtung teilweise zu umfangreich im Verhältnis zum Erkenntnisgewinn bezogen auf Herausforderungen neuer Führungskräfte geraten.

Insgesamt hätte der Band optisch interessanter gestaltet werden können. Die Idee, jedem Kapitel/Erfahrungsbericht eine Art Tag Cloud voranzustellen, ist an sich gut, aber diese sind mit zu vielen Begriffen überladen, und auf Dauer ist diese Art der Einführung in ein Thema etwas eintönig. Auch hätten bei den Berichten Grafiken teilweise die Texte sinnvoll ergänzen und etwas auflockern können.

Auch wenn alle Beiträge in diesem Sammelband einem zweistufigen double-blind Gutachten-Verfahren unterzogen wurden, kann dem im Vorwort formulierten Anspruch, dass es sich bei diesem Sammelband um einen Ratgeber handelt, „(...) der durchaus den Anspruch eines Management-Lehrbuchs erfüllt“ nicht zugestimmt werden. Ja, es handelt sich um einen nützlichen „(...) Ratgeber von der Praxis für die Praxis (...)“, jedoch wird der Anspruch eines Management-Lehrbuchs nicht erfüllt, was aber auch nicht Aufgabe solch eines Sammelbandes sein muss bzw. sollte.

Die hohe Praxisrelevanz des Themas „Neue Führungskräfte in Bibliotheken“ ist unbestritten, und sicherlich helfen die Berichte von Führungskräften in diesem Sammelband neuen Führungskräften bei der Bewältigung ihrer Aufgaben.

Zum Abschluss ein schönes Zitat aus einem der Berichte, das neue Führungskräfte motivieren wird: „Diese Dynamik von Loslassen und Eigenständigkeit, von kollegialer Kooperation und Gestaltungsspielraum macht den Reiz von Führungsverantwortung aus.“

Katalog der Handschriften der Dombibliothek Bautzen. bearb. von Urike Spyra und Birgit Mitzscherlich, unter Mitarbeit von Christoph Mackert und Agnes Scholla. Mit einer Einführung von Enno Bünz. – Leipzig: Leipziger Universitätsverlag, 2012. 344 S.: Faks., Abb. (Quellen und Materialien zur sächsischen Geschichte und Volkskunde; 4) – ISBN 978-3-86583-634-2; € 62,00

MarwinskiKonradDr. 55Bibliotheksdirektor a. D., Engelbert-Schoner-Weg 12, D-99425 Weimar

Mit dem Ende 2012 erschienenen Katalog der Bautzener Handschriften wird erstmals eine Sammlung erschlossen, die in der Öffentlichkeit bisher kaum bekannt war. Nachdem der Leiter des Handschriftenzentrums an der Universitätsbibliothek Leipzig, Dr. Christoph Mackert, im Februar 2001 auf die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Handschriften der Dombibliothek aufmerksam geworden war, wurde nach Mitteln und Möglichkeiten gesucht, diese bis dahin wenig beachtete Sammlung zu erschließen und der Forschung zugänglich zu machen.

2002 konnte im Leipziger Handschriftenzentrum mit den Inventarisierungs- und Katalogisierungsarbeiten begonnen werden. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft bewilligte für zwei Jahre die Finanzmittel für eine Projektstelle, die später noch um sechs Monate verlängert werden konnte. Im Vorwort zum Katalogband werden die einzelnen Etappen – einschließlich der Lösung der Personalfrage – geschildert und Personen und Institutionen genannt, die das Projekt unterstützten, wie z. B. das Domkapitel St. Petri als Eigentümer des Bestandes, das u. a. einen erheblichen Zuschuss für die Druckkosten bereitstellte. Die Beschreibung der 182 neuzeitlichen Manuskripte (ab 1700) übernahm die Bautzener Domstiftsbibliothek als Eigenleistung.

Der Katalogband wird eingeleitet mit einer gründlich gearbeiteten Einführung über Das Domstift St. Petri zu Bautzen und seine Bücher von dem Leipziger Historiker Prof. Dr. Enno Bünz, der auf einzelne Handschriften des Bestandes im Zusammenhang mit dem historisch-geographischen Raum ihrer Entstehung Meißen – Oberlausitz – Bautzen und Böhmen eingeht. Es schließt sich das „Verzeichnis der bearbeiteten Handschriften“ an, das mit einer Übersicht der den einzelnen Zeitabschnitten zugeordneten Signaturen in nummerischer Folge mit stichwortartiger Benennung der Objekte beginnt: 34 Handschriften des 12. bis frühen 16. Jahrhunderts, 75 Handschriften des späten 16. bis 18. Jahrhunderts, 128 Neuzeitliche Handschriften und 29 Sorbische Handschriften, insgesamt liegen 266 Handschriftensignaturen vor, ohne dass die Sammelhandschriften besonders kenntlich gemacht worden sind. Es muss daher von einer höheren Gesamtzahl von Bestandseinheiten ausgegangen werden. Die Verbindung zwischen Signatur und Vorlage wird in der Übersicht „Signaturen und Seitenkonkordanz der bearbeiteten Handschriften“ (S. 43 f.) hergestellt.

Inhaltlich setzt sich die Handschriftensammlung aus liturgischen und theologischen Texten vorwiegend in lateinscher Sprache und Vorlesungsmitschriften, Predigtreihen und weiteren Texten in deutscher und sorbischer Sprache zusammen. Im Handbuch der historischen Buchbestände in Deutschland26 (1997) wurden für das 14. und 15. Jahrhundert 25 Meißner Missale, 37 römische Missale verschiedener Diözesen, 46 komplette Ausgaben von Brevieren, 25 Brevierteile, 8 Manuale und 18 Meißner Breviere, insgesamt also nur 150 Bestandseinheiten summarisch genannt. Das nun vorliegende Bestandsverzeichnis korrigiert das damalige Ergebnis in erfreulicher Weise. Sein Erscheinen gab übrigens den Anlass zu einer Ausstellung repräsentativer Stücke vom 14. November bis 20. Dezember 2012 in der Domstiftskammer, zum ersten Mal konnte die interessierte Öffentlichkeit eine Vorstellung von den Schätzen der Dombibliothek gewinnen.

Der erste Katalogteil „Mittelalterliche und frühneuzeitliche Handschriften (bis 1699)“ wurde von Ulrike Spyra unter Mitwirkung von Agnes Scholla und Christoph Mackert bearbeitet. In der Einleitung (U. Spyra) wird gleich zu Anfang festgestellt, dass die Erschließung der Handschriftenbestände der Bibliothek des Domstifts St. Petri schon lange ein Desiderat der Forschung gewesen sei, dem nun endlich mit dem jetzt vorliegenden Katalog abgeholfen werden könne, allerdings sei „eine vollständige Tiefenerschließung des inhaltlich heterogenen, theologisch geprägten und traditionsreichen Bestandes“ im Rahmen des Inventarisierungsprojektes nicht möglich gewesen. Doch gewinnt man den Eindruck, dass die Bearbeiter, soweit es ihnen unter diesem Vorbehalt möglich war, den aktuellen Anforderungen durchaus entsprochen haben.

Nur am Rande sei vermerkt, dass die Domstiftsbibliothek als Institution bisher in der Literatur zum Bautzener Bibliothekswesen kaum eine Rolle gespielt hat. Als ältestes Stück des Domschatzes wurde lediglich ein in Köln oder Limoges Anfang des 13. Jahrhunderts hergestellter Einbanddeckel eines kupfervergoldeten Evangelienbuches ohne Bezugnahme auf die Bibliothek erwähnt, der in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts durch den Bautzener Goldschmied Peter Vasold zu einem Tragaltar umgestaltet worden war.27 Ob dieser sich ursprünglich in der vor 1350 errichteten Bibliothek des Kollegiatstifts befand, sei dahin gestellt. Aus dem späten 11. und 12. Jahrhundert sind zwei Pergamentblätter als Buchbindermakulatur überliefert. Der älteste Codex ist ein Missale aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, aber, wie auch die meisten in der Dombibliothek überlieferten Handschriften aus dem 15. und 16. Jahrhundert, leider nur ein Fragment. Aus dieser frühen Zeit ist auch eine größere Zahl theologischer Sammelhandschriften überliefert.

Der zweite Katalogteil „Die neuzeitlichen und sorbischen Handschriften (18. bis 20. Jahrhundert)“ wurde von Birgit Mitzscherlich bearbeitet. Zunächst werden die „Datierten Handschriften“ verzeichnet (S. 219–262), denen sich die „Undatierten Handschriften“ anschließen (S. 263–285). Den Schwerpunkt der Handschriftensammlung bilden überraschenderweise die zahlreichen Kollegnachschriften aus dem späten 16., dem 17. und 18. Jahrhundert (S. 286–302), die häufig schon von den Schreibern selbst zu Sammelbänden zusammengefasst wurden (wie z. B. im Band M I 25; S. 88–90), der zehn Stücke aus den Jahren 1469 bis 1472 enthält. Unter diesen 22 Bänden befinden sich auch einige handschriftliche Originaltexte und Drucke der Vorlesungen. Die älteste Kollegnachschrift ist die zu einer Vorlesung über Aristoteles aus dem Jahre 1576, der auch noch 1705 in einer der letzten Mitschriften thematisiert wurde (vgl. S. 223 und 331). Die Manuskripte wurden u. a. in Olmütz (40), Prag (34) und Breslau (6) angefertigt. Viele von ihnen haben ihren Ursprung in der Priesterausbildung, die das Bautzener Domkapitel im Wendischen Seminar St. Petri auf der Kleinseite in Prag durchführte, das 1728 auf der Grundlage einer Stiftung eröffnet wurde und bis 1922 bestand. Dieser Hintergrund gilt auch für die Kollegnachschriften in sorbischer Sprache.

Die Katalogbearbeiterin war erfolgreich bemüht, die Schreiber zu ermitteln. Soweit das möglich war, wurden biographische Daten und die Tätigkeitsfelder der Personen beigefügt, ebenso ausführliche Literaturangaben zur Nachschrift selbst. Außerdem werden Informationen über die vortragenden Hochschullehrer sowie zur Provenienz des Einzelstücks oder des Sammelbandes gegeben. So ist zu erfahren, dass die Nachschrift der Vorlesungen über Aristoteles des (ab 1642) Prager Professors Matthäus Werner in den Jahren 1647 und 1648 von Georg Gregor Molitor (1627–1672 oder 1676) stammt, der an den Universitäten und Jesuitenkollegien in Wien, Prag, Tyrnau und Olmütz studiert hatte. Er war Pfarrer in Kreiwitz, vermutlich auch Domherr in Bautzen und soll seine Bibliothek dem Domstift vermacht haben. Von ihm stammen noch weitere sieben Nachschriften im vorliegenden Katalog (M I 88; S. 132).

In einer Domstiftsbibliothek erwartet ein Benutzer in der Hauptsache theologische Werke. In Bautzen dagegen erweiterte sich das Fächerspektrum, vorhanden sind z. B. juristische Sammelhandschriften (M I 75, 1. Hälfte 17. Jh., S. 126 f.; M II 53, 2. Hälfte 16. Jh., S. 182 f.) mit Fallsammlungen und Schöffensprüchen, die sich im Wesentlichen auf Sachsen und Schlesien beziehen. Erwähnenswert ist auch eine astronomisch-mathematische Sammelhandschrift (M I 130, vermutlich Olmütz 1667/68, S. 157).

Von den 36 in der Abteilung „Sorbische Handschriften (Wendische Ms.)“ aus dem 18. bis 20. Jahrhundert genannten Handschriften sind 13 in deutscher und sorbischer oder nur in deutscher Sprache. Die exakte Beschreibung der Handschriften mit Hinzufügung ausführlicher biographischer Angaben wurde mit Unterstützung des Sorbischen Instituts in Bautzen durchgeführt. Zur Charakterisierung dieses Bestandes wird eine Einschätzung des Domstiftsarchivars Otto Rudert (1889–1955) zitiert, die er dem von ihm erstellten Zettelkatalog im Oktober 1936 vorangesetzt hatte (S. 286) – obwohl die meisten Domherren und zahlreiche Dekane zwischen 1650 und 1925 Wenden gewesen wären, sei „die Zahl der wendischen Handschriften bescheiden“. Zur Erklärung dieses Sachverhalts führte er an, dass es Domherren wie Michael Buck (1804–1865) gegeben habe, die der Meinung waren, dass wissenschaftliche und schöngeistige Literatur nur weite Verbreitung fände, wenn sie in lateinischer oder deutscher Sprache abgefasst gewesen sei, und er fügte hinzu: „Leider fehlen aber auch Werke überzeugter Wenden ([Michael] Hornig! [1833–1894]), so dass man fast vermuten möchte, verständnislose Leute hätten hier manches Wertvolle beseitigt.“ Am Anfang des Verzeichnisses steht eine im Auftrag des Domstifts vorgenommene Übersetzung der gesamten Bibel ins Obersorbische von dem Pfarrer und Kanoniker Jurij Hawštyn Swĕtlik (1650–1729), die er in Ratibor und Bautzen in den Jahren 1688 bis 1711 angefertigt hat (WM 5a-e; S. 286–289). Fünf Bände Sorbischer Predigten entstanden im Zeitraum von 1725 bis 1728 (WM 8a.e; S. 289 f.). Den zehn umfangreichen Bänden sorbischer und deutscher Predigten von verschiedenen Autoren aus den Jahren 1721 bis 1825 (WM 53/-10; S. 297–301) folgt als letzter Katalogeintrag eine Sorbische Agenda (Lit I 13; S. 301), vermutlich eine Abschrift mit Notizen von unbekannter Schreiberhand, deren Druckausgabe (Leipzig 1658) beigegeben ist.

Den Handschriftenbeschreibungen schließt sich ein Literaturverzeichnis in alphabetischer Ordnung an (S. 303–319), das eine Fülle von Quellen und weiterführender Literatur enthält. Es folgen Register für die deutschsprachigen Initien (S. 321–323) und das der lateinischen (S. 324–330). Den Abschluss bilden ein Personenregister (S. 331–340) und ein Ortsregister (S. 341–344). Sachbezüge sind vom Benutzer selbst nur indirekt durch gedankliche Verknüpfungen herzustellen. – Der Publikation sind 21 informative farbige Abbildungen beigegeben, hervorzuheben sind das Kanonbild (M I 36, Abb. 16) und ein Blatt aus dem Graduale M I 18 (Abb. 17).

Im Rahmen der vorgegebenen Koordinaten erfüllt der Bautzener Handschriftenkatalog die in ein solches Inventar zu setzenden Erwartungen, wenn auch in der Einleitung die Bearbeiterinnen zurückhaltend von einer „gewissen Vorläufigkeit“ sprechen. Die Bautzener Handschriften wurden aber erstmalig in ihrer Geschlossenheit sachkundig erfasst, so dass mit dem vorliegenden Band endlich das so lange gewünschte Instrumentarium für künftige wissenschaftliche Forschungsarbeiten zur Verfügung steht.

Patrick Sahle: Digitale Editionsformen. Zum Umgang mit der Überlieferung unter den Bedingungen des Medienwandels. 3 Bände, Norderstedt: Books on Demand, 2013. (Schriften des Instituts für Dokumentologie und Editorik; 7–9)

DillenWout 66Universiteit Antwerpen, Centre for Manuscript Genetics, Stadscampus, S.D.228, Prinsstraat 13, 2000 Antwerpen, Belgium

Band 1: Das typografische Erbe. 356 Seiten, Hardcover. – ISBN 978-3-8482-6320-2. € 49,90

Band 2: Befunde, Theorie und Methodik. 292 Seiten, Hardcover. – ISBN 987-3-8482-5252-7. € 44,90

Band 3: Textbegriffe und Recodierung. 556 Seiten, Hardcover. – ISBN 978-3-8482-5357-9. € 49,90

At the outset of his new three-volume monograph on scholarly digital editing, Patrick Sahle starts off by declaring what Digitale Editionsformen is not. The work is not an in-depth analysis of scholarly editing: it is not exhaustive. It does not offer a clear-cut solution as to how sources should be processed and edited: it asks more questions than it can answer. The work is not perfectly balanced: by focussing mainly on the traditional subjects of scholarly editions, it largely ignores some of its more recent developments such as the edition of audio-materials, of musical scores, and of non-textual objects. The work is also burdened by its interdisciplinarity: although it deals with literary texts, it is strictly speaking not a philological work; and although it deals with the editing of historical documents, it does not really belong to the field of History either. Finally, the work is not intended to be read cover to cover: because it was conceived as a reference work, it contains a lot of redundancy. But if it is none of these things, then what exactly is Digitale Editionsformen? It is a broad historical overview of the development of editorial theory and practice in the print age, and of how these have evolved in the early days of the digital age. It is a close examination of the difference between printed and digital scholarly editions that tries to shed a new light on its recent change of medium. It is a theoretical framework that proposes a new, pluralistic model for the concept of ‘text’ that aims to include all the different aspects of scholarly editing, and of the decoding and recoding of these texts into Scholarly Editions. And it is a meticulously composed reference work that contains a 150-page bibliography to satisfy the reader’s every need for further reading on the subject of the editorial theory and practice of Textual Criticism, be it digital or in print.

Band 1: Das typografische Erbe

In the first volume, Patrick Sahle offers a nuanced overview of the history of Textual Criticism and its ‘typographical legacy’. Although certain philological interests and relevant textual critical phenomena already surfaced around the time of the library of Alexandria and have been gradually developing into a scientific methodology of scholarly editing ever since, the first true critical editions of historical works only emerged in the 19th century, in the form of the Lachmanian Historical-Critical Edition. To illustrate the importance of Lachmann’s philological methodology outside of Textual Criticism and into neighbouring disciplines of the Humanities, Sahle offers the development of editorial techniques in the field of History as a case study. Nevertheless, although the editorial theory of the 19th Century Historical-Critical Edition guaranteed its scientific quality by insisting on the use of an exhaustive apparatus and on an uncompromising transparency with regard to all of the editor’s interventions in the text, its editorial practice was still often a different story. Furthermore, the Lachmanian methodology has been criticised for almost as long as the Historical-Critical Edition exists: many scholarly editors have disagreed with its strong orientation towards its oversimplified concepts of the ‘author’ and his ‘work’, and with its teleological perspective on the writing process for example.

Especially in the second half of the 20th century, these criticisms of the Lachmanian methodology have propelled the development of Textual Criticism forward and given rise to different meta-theoretical perspectives on concepts such as ‘text’, ‘author’, and ‘work’ that resulted in a wide array of editorial theories – each with their own editorial practices. Due to these new perspectives, Textual Criticism no longer exclusively approached the literary work as an indisputable work of art, of which the linguistic code, style or content should under no circumstances be altered. As examples of these ‘alternatives’ for the Lachmanian methodology, Sahle discusses the editorial practices of Historical Linguistics, Copy-Text Theory, Genetic Criticism, and Documentary Editing. In this respect, Sahle’s approach to explain the difference between their various editorial practices is similar to that of Peter Shillingsburg’s ‘orientations to text’ in that it moves away from the traditional model of ‘schools’ of textual scholarship, and towards a model that focuses more on theoretical differences than on circumstantial factors such as language, culture, and heritage.3 Like Shillingsburg, Sahle will propose a new model for analysing different approaches to scholarly editing based on various interpretations of the concept of ‘text’ in the third volume of Digitale Editionsformen.

As these competing editorial theories specialized further, and their quest for objectivity4 and exhaustivity continued, scholarly editors were more and more frequently faced with the limitations of print, and gratefully turned to new digital media for the publication of their Scholarly Editions. In the final chapter of this first volume, Sahle therefore takes his historical approach to editorial theories one step further, by investigating to what degree our current theories of ‘text’ have been influenced by print culture, suggesting that an understanding of this process is necessary to formulate a new model for scholarly editing in the digital age.

Band 2: Befunde, Theorie und Methodik

If the first volume of Digitale Editionsformen was perhaps not very innovative in that it essentially offered a detailed historical overview of the state of the art on scholarly editing in the print age, the second volume takes its first steps towards the new theoretical framework it proposes in order to classify and evaluate more contemporary scholarly attempts to recode and preserve historical documents in the form of (often digital) Scholarly Editions. Sahle argues that because the digital medium has changed Textual Criticism in such an extensive and fundamental way, a new, all-encompassing theory of scholarly editing would need to take a step back from its established practices and methodologies, and to rethink the concept of Scholarly Edition from the ground up. Therefore, Sahle starts by defining the Scholarly Edition as a critical representation of historical documents.5 However, because the individual concepts in this definition have been the subject of significant meta-theoretical discussions in the field of Textual Criticism as well, Sahle proposes to explain them further:

  • Document: A narrow definition would suggest that a document is the carrier of written information; a broader definition would describe a document as a material-bound information unit that is not necessarily limited to linguistic information. A Scholarly Edition can represent all types of historical documents critically, from musical scores to film.

  • ‘Historical’ document: There is always some distance between the subject of study and the edition that studies it. This historical distance creates a tension between its pursuit to safeguard the document’s authenticity (representation), and the attempt to bridge the distance between document and edition (criticism).

  • Representation: A critical publication that does not represent the textual transmission in one way or another is not a Scholarly Edition. This representation cannot be reduced to a single, final, reconstructed text without reference to its tradition of textual transmission.

  • ‘Critical’ representation: This is the systematic, scientific description of the text’s tradition; it is the confrontation of textual transmission with the highest level of scientific development; it means adding editorial know-how to the way in which historical documents are presented. Textual Criticism is a subject-specific, broadly developed method of critical representation.

In print editions, this critical representation of historical documents is often realized by means of a combination of diacritical signs or footnotes that are connected to the edition’s critical apparatus. In digital editions, this concept has been further developed in the form of embedded markup that is directly coded into the text itself. The implication here is that today’s makup languages can be considered as the new critical apparatuses of the digital age.

Starting from this definition of the Scholarly Edition, Sahle then goes on to define the Scholarly Digital Edition (SDE) as an edition that complies with the general requirements of the Scholarly Edition, while taking into account its current technical possibilities and methodological implications, following a digital paradigm.6 In other words: an SDE should not only represent the fruits of Textual Criticism in a digital format, it should also be aware of the possibilities and limitations this change in medium brings along with it. As Sahle proposes, this means that an SDE cannot be transformed into a printed edition without substantial loss of information and functionality. In this sense, the SDE goes beyond the capacities of traditional printed Scholarly Editions.7 This implies that an SDE is a Scholarly Edition that offers the results of or functionalities for Textual Scholarship that would have been difficult or even impossible to achieve without the use of digital technologies. Therefore, Sahle’s definition excludes digitized versions of printed Scholarly Editions, or digital archives that offer nothing more than a series of facsimile images of manuscripts or other documents.

As such, the SDE is characterized by the fact that its basic data is made available in an electronic format, and that its informative potential exceeds that of a single book, and can only be exhausted by means of a digital medium. The SDE’s added value can be of a technical nature (e.g. by embedding audio-visual documents into the edition, or by supporting the dynamic generation of textual versions), of an economical nature (e.g. when the edition’s corpus is so large that a complete printed publication is no longer feasible), or of a functional nature (e.g. by adding functionalities to the edition that allow for a type of interaction with the materials that would not be possible in print). Furthermore, this definition of the SDE also has important implications for the concept of Hybrid Editions. Just like the Scholarly Digital Edition is not merely defined by the fact that the Scholarly Edition is published in a digital medium, so is the Hybrid Edition not merely defined by the fact that it is published in two (or more) different media. To qualify as a Hybrid Edition, the Scholarly Edition’s different components must complement one another, each being fully aware of the possibilities and limitations of their medium.8

According to Sahle, the core of the paradigm shift that the digital turn has introduced to the theory of Textual Criticism can be located in the fact that in contrast to the print medium, the digital medium allows for a clearer separation between ‘content’ and ‘appearance’.9 In this dichotomy, ‘content’ refers to the text’s ‘data’ – the transcription of the historical document’s text that may include structural or visual information alongside its linguistic code. ‘Appearance’, on the other hand, refers to the edition’s medium-dependent format, which includes its layout as well as textual and typographical structures – the way in which the text’s content is presented. In traditional forms of scholarly editing, appearance was content: the technology of the book dictated that once an edition was published, its appearance and content had become intimately intertwined. In digital editions appearance and content are distinct from one another: because the SDE is no longer limited to a single publication format, this has given the editor the possibility to present the data in complex, dynamic, interactive and variable formats across different media. This leads Sahle to conclude that the effect of the digital turn on Textual Criticism is not merely that Scholarly Editions have moved from one medium to another, but rather that they have become ‘transmedial’.10

As Sahle suggests, this separation of content and appearance has undoubtedly increased the editor’s workload, as well as the complexity of his or her tasks. On the other hand, the use of generic markup also allows the editor to encode structural, visual, and content-related interpretations in a much more accurate and powerful way than ever before. This means that while SDEs are more extensive and demanding than print editions, they are also potentially of a higher quality. However, as of yet there is still much uncertainty regarding the quality of SDEs because the old systems of evaluation no longer apply, while a new system has not yet been fully developed. Obviously, the Scholarly Digital Edition must hold up to the same standards as the printed Scholarly Edition: its methodology must be carefully considered and selected, consistently applied, and comprehensively documented. In addition, the editor is obliged to describe which historical documents were consulted for what reason, how they are presented and edited, and to give a detailed account and justification of all the instances where he or she has intervened in the original text. To assess these aspects of the SDE, a more traditional evaluation system that checks whether or not it upholds the ‘general standards’ of the Scholarly Edition could be applied. However, Sahle indicates that a new system must be developed that assesses whether or not the SDE meets the currently required ‘technical standards’ as well, such as certain standards for the format and quality of images, or for the vocabulary and data models used in the edited text’s encoding.

Band 3: Textbegriffe und Recodierung

In order to develop an advanced model for scholarly editing that takes advantage of the new, digital medium that it tries to embrace, Sahle uses the last volume of Digitale Editionsformen to take step back from the product of Textual Criticism, and focus on its subject instead. Text is what lies at the heart of scholarly editing: as scholarly editors, we want to critically present a tradition of textual transmission, to make texts available for future research, and to process and preserve the information they carry. The problem is, however, that scholarly editors tend to disagree on what this concept of ‘text’ exactly entails, and what kind information is relevant enough to preserve. Moreover, if scholarly editors want their editions to remain relevant over time, they will not only have to take into account a variety of possible contemporary uses of the edition, but to anticipate the future needs of Textual Criticism as well. Therefore, Sahle posits that it is necessary to start from a comprehensive interdisciplinary point of view, and to aim for a more pluralistic understanding of ‘text’.

To construct this new model, Sahle starts from the observation that even a pre-scientific concept of text already distinguishes three main constitutive aspects: thoughts are expressed through a medium. As such, this minimal description allows for three different perspectives on text: text as ‘content’, text as ‘expression’, and text as ‘document’. Moreover, by trying to connect these three aspects to one another, we can find three more intermediary positions: text as ‘work’ (combining content with expression), text as ‘version’ (combining document with expression), and text as ‘sign’ (combining document with content). This way, Sahle’s concept of ‘text’ is different from most definitions of text in that it makes no attempt to distinguish text from other core concepts of Textual Criticism, such as ‘work’, ‘version’, and ‘document’.11 Rather, these concepts become key aspects of Sahle’s six distinct understandings of ‘text’:

  • TextI – Text as ‘content’: TextI is a coded message that is subjected to complex methods of information coding and placement. When texts are purely perceived as the content, ideas, and intention they represent, we identify a text by recognizing its core ideas, content structures, key images, or key sentences – in some cases we can even refer to TextI by using phrases that were never used in the original. This means that TextI is independent of its material manifestation (TextD) or its linguistic formulation (TextS). For TextI, all appearances of a single work are equal.

  • TextW – Text as ‘work’: TextW is the imagined work that an author tries to express in a series of versions (TextF). Therefore, the TextW is not considered to be a stabilized speech, but rather a complex expression that has been realized dynamically over time. As such, TextW can be regarded as a creative process that can be found in the variance between its different versions. From an editorial perspective, this can result into two opposing strategies: (1) to select a single TextS and modify it to represent the author’s intentions, or (2) to publish all of TextW’s extant versions, accompanied with a synoptic overview of its variants.12 For TextW, all versions of the work are equal – even translated ones.

  • TextS – Text as ‘expression’: TextS is a linguistic code based on the principles of speech that is used to communicate TextI. This concept of ‘text’ regards all versions of a work equal that are identical on the word level – bibliographical codes or characters that are part of the conventions of written language are accidental and may be corrected silently.

  • TextF – Text as ‘version’: When an editor is convinced that a work’s ‘best version’ will provide the ‘best text’ for the edition, this implies that every version of that work contains a different TextF. Only exact copies share the same TextF: interpunction, paragraph structure, typographical errors etc. are part of TextF’s written language and should therefore be respected.

  • TextD – Text as ‘document’: A message is always inherently linked to its medium. The reader does not only construct meaning on the basis of linguistic codes, but uses bibliographical codes as well. A complete recoding of TextD into abstract symbols can never be achieved. Therefore, for TextD, no two copies are the same – even when they are different copies of the same edition.

  • TextZ – Text as ‘sign’: TextZ is that which is readable. This does not only include linguistic code, but may include pictograms, diagrams, symbols etc. as well. As such, TextZ links TextD back to TextI, because it refers to the signs themselves, rather than to the documents that carry them, or the meaning the author instilled in them.

Sahle organizes his new model for Textual Criticism in the form of a so-called ‘text wheel’ that has three poles (idea – language – medium) and three intermediary positions. As Sahle argues, this model cannot only be used to explain the difference between various editorial theories (e.g. while Genetic Criticism will focus more on TextW, Copy-Text Theory will focus more on TextS) or editorial practices (e.g. while the Variorum Edition can best be used to present TextF, the Facsimile Edition works better to present TextD), but also to investigate the limitations and possibilities of the technologies that can be used to critically represent the historical documents that lie at the heart of Textual Criticism. In the last chapter of this final volume of Digitale Editionsformen, Sahle illustrates this point by investigating how the technology of markup languages (and more specifically that of its authoritative standard set by the Text Encoding Initiative) may influence which information can be recoded in the form of SDEs: while the TEI’s tagset easily lends itself to the recoding of TextW, TextS or TextF, it is less supportive of TextI and TextD, and offers no possibilities of encoding TextZ. As Sahle suggests, these limitations may well have an important influence on our current understanding of text, and on the Scholarly Editions we produce.

In conclusion, Digitale Editionsformen can be described as an extraordinary attempt to encompass the whole of scholarly digital editing. If it does not succeed in answering all the questions Textual Criticism currently faces, it nevertheless ventures to tackle the right problems. Taking the typographical legacy into account, Patrick Sahle sets out to construct a new model for scholarly editing that is divorced from the limitations of print, and ready for the possibilities of the digital medium. By offering a clear-cut definition of the Scholarly Digital Edition, and by designing a new, pluralistic model for his extended concept of ‘text’, Sahle succeeds in analysing a myriad of different approaches to text, and the various editorial practices and new technologies that come along with them.

Footnotes

  • 1

    Hundert Jahre Historische Kommission des Börsenvereins 1876–1976. Frankfurt a. M.: Börsenverein des Deutschen Buchhandels,1976, S. 9–45. Sonderdruck aus „Buchhandelsgeschichte“ Nr. 8 (Beilage zum Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Frankfurter Ausgabe, Nr. 38 vom 11. Mai 1976). 

  • 2

    So der Titel eines Buches aus dem Jahre 1986: Paul Raabe „Die Bibliothek als humane Anstalt betrachtet: Plädoyer für die Zukunft der Buchkultur“. Stuttgart: Metzler 1986. 

  • 13

    Michael Knoche u. Wolfgang Schmitz: Wissenschaftliche Bibliotheken im Nationalsozialismus. Handlungsspielräume, Kontinuitäten, Deutungsmuster. Wiesbaden: Harrassowitz 2011 (Wolfenbütteler Schriften zur Geschichte des Buchwesens; Bd. 46). Dazu die Rezension in: BIBLIOTHEK – Forschung und Praxis 36 (2012) 3, S. 415–417. Die gleichnamige Tagung des Wolfenbütteler Arbeitskreises für Bibliotheks-, Buch- und Mediengeschichte fand vom 7. bis 9. Dezember 2009 an der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar statt. Als Ergänzung ist für Herbst 2015 eine Tagung „Volksbibliothekare im Nationalsozialismus“ geplant. 

  • 14

    Als eine der ersten Arbeiten siehe Helena Gregor: Die nationalsozialistische Bibliothekspolitik in den annektierten und besetzten Gebieten 1938 bis 1945. Berlin: Deutsches Bibliotheksinstitut/Arbeitsstelle für das Bibliothekswesen 1978 (Schriftenreihe der Bibliothekar-Lehrinstitute; Reihe A; H. 35). 

  • 15

    Martine Poulain: Livres pillés, lectures surveillées. Les bibliothèques françaises sou l’Occupation. Paris: Édition Gallimard 2008 (Collections NRF Essais). Dazu die Rezension in: BIBLIOTHEK – Forschung und Praxis 33 (2009) 3, S. 405–407. 

  • 16

    Um nur zwei Beispiele herauszugreifen: Zu Michael Knoche vgl. Anmerkung 1; ferner Jan-Pieter Barbian: Das gescheiterte Experiment einer Mediendiktatur. Literaturpolitik und Lesen im Nationalsozialismus. Frankfurt a. M.: S. Fischer Taschenbuch Verl. 2010 (dazu die Rezension in: BUB. Forum Bibliothek und Information 63 (2011) 1, S. 67–69; Murray G. Hall u. Christina Köstner: „...allerlei für die Nationalbibliothek zu ergattern...“. Eine österreichische Institution in der NS-Zeit. Wien u. a.: Böhlau, 2006. Dazu die Rezension in: BIBLIOTHEK – Forschung und Praxis 31 (2007) 1, S. 95–97. 

  • 17

    1966–1987 The Journal of Library History, Philosophy and Comparative Librarianship, 1988–2006 Libraries and Culture, 2006–2011 Libraries and the Cultural Record, 2012 Information and Culture. A Journal of History. 

  • 18

    Sylva Simsova u. Monique Mackee: A handbook of comparative librarianship. London: Bingley 1970; 2nd ed. revised and enlarged 1975. 

  • 19

    Beispiele für Darstellungen in bibliothekarischer und nationaler Binnensicht; die Autoren sind meistens Praktiker in führender Position oder Dozenten in einschlägigen Studiengängen des betreffenden Landes: Seefeldt (2011), Jürgen; Syré, Ludger: Portale zu Vergangenheit und Zukunft. Bibliotheken in Deutschland. Im Auftrag der Bundesvereinigung Deutscher Bibliotheksverbände e.V. hrsg. 4. Aufl. Hildesheim u. a.: Olms. – Svane-Mikkelsen, Jørgen (1997): The library system in Denmark. Copenhagen: Royal School of Library and Information Science. – Evans, Gayle Edward; Carter, Thomas L. (2009): Introduction to library public services. Westport, Conn.: Libraries Unlimited. – Biskup, Peter; Goodman, Doreen M. (1982): Australian libraries. London: Bingley. – Matthews, Graham; Eden, Paul (1996): Disaster management in British libraries. London: British Libr. 

  • 20

    Beispiele: Wester, Ursula (2004): Das Bibliothekswesen der Türkei – mit besonderer Berücksichtigung der Öffentlichen Bibliotheken. Berlin: Institut für Bibliothekswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin (Berliner Handreichungen zur Bibliothekswissenschaft. 135) = www.ib.hu-berlin.de/~kumlau/handreichungen/h135. – Musser, Ricarda (2001): Das Bibliothekswesen in Portugal. Berlin: Logos Verlag (Berliner Arbeiten zur Bibiothekswissenschaft. 4). 

  • 21

    Beispiel: Rösch, Hermann (2008): Academic Libraries und Cyberinfrastructure in den USA. Wiesbaden: Dinges & Frick. – Doersing, Ruth (2001): Das schwedische Bibliothekswesen. Berlin: Inst. für Bibliothekswiss. (Berliner Handreichungen zur Bibliothekswissenschaft. 93) = www.ib.hu-berlin.de/~kumlau/handreichungen/h93. 

  • 22

    Beispiel: Bibliotheken und Informationsgesellschaft in Deutschland (2011). Plassmann, Engelbert; Rösch, Hermann; Seefeldt, Jürgen; Umlauf, Konrad. 2., aktualis. Aufl. Wiesbaden: Harrassowitz. 

  • 23

    Bibliotheken der Welt. Hrsg. von Hans-Christoph Hobohm und Rolf Busch. Bad Honnef: Bock und Herchen. Bd. 1 (2005) ff. 

  • 24

    Keller, Alice (2006): Neue Ansätze zum kooperativen Bestandsaufbau am Beispiel der Oxford University Library Services. In: «Geld ist rund und rollt weg, aber Bildung bleibt». 94. Deutscher Bibliothekartag in Düsseldorf 2005. Lülfing, D. (Hrsg.), Frankfurt a. M.: Klostermann, S. 115–128. 

  • 25

    So Niggemann, Elisabeth (1989): Englische Universitätsbibliotheken. In: BIBLIOTHEK – Forschung und Praxis. 13 (2), S. 127–150. 

  • 26

    Handbuch der historischen Buchbestände, Bd. 17, Sachsen A–K. Hrsg. von Friedhilde Krause, bearb. von Waltraud Guth und Dietmar Debes. Hildesheim u. a. 1997, S. 70 (Bautzen 2). 

  • 27

    Seifert, Siegfried: Der Dom zu Bautzen. 2., verb. Aufl. der Neubearb. Berlin 1987; (Das christliche Denkmal, 1), S. 29. 

  • 3

    Shillingsburg, Peter: Scholarly Editing in the Computer Age. 3. Aufl. Ann Arbor, 1996. More recently, Shillingsburg and Dirk Van Hulle have reworked Shilingsburg’s original orientations from the ground up to include a genetic orientation: Orientations to Tekst, Revisited. In: Studies in Bibliography (forthcoming). 

  • 4

    As part of an important dilemma for editorial theory, Sahle remarks that this quest for objectivity has resulted in an increasing awareness that complete objectivity can never be achieved in the field of Textual Criticism, because any form of editing always involves some degree of interpretation (Sahle, Patrick: Digitale Editionsformen, Bd. 7. Norderstedt (2013), S. 208). Consequently, Scholarly Editions have a rhetorical function: their editor needs to convince the reader of the quality and validity of the edition (S. 209). 

  • 5

    Sahle, Patrick: Digitale Editionsformen. Bd. 8. Norderstedt (2013), S. 138: „Edition ist die erschließende Wiedergabe historischer Dokumente“. 

  • 6

    Sahle (Anm. 3), S. 148: „Eine digitale Edition ist dadurch bestimmt, dass sie die allgemeinen Anforderungen an eine wissenschaftliche Edition durch die Berücksichtigung der gegenwärtigen technischen Möglichkeiten und ihrer methodischen Implikationen erfüllt. Sie folgen einem ‚digitalen Paradigma‘“. 

  • 7

    Sahle (Anm. 3), S. 149: „Eine digitale Edition ist dadurch bestimmt, dass sie nicht ohne wesentliche Informations- und Funktionsverluste in eine typografische Form gebracht werden kann – und in diesem Sinne über die druckbare Edition hinausgeht“. 

  • 8

    A good example of a Hybrid Edition that complies to Sahle’s definition is the Samuel Beckett Digital Manuscript Project that combines a digital archive of Samuel Beckett’s manuscripts (www.beckettarchive.org) with a series of accompanying print volumes that analyse their genesis (e.g. Dirk Van Hulle: The Making of Samuel Beckett’s Stirrings Still/Soubresauts and Comment Dire/what is the word. Brussels, 2011). 

  • 9

    Sahle (Anm. 3), S. 159–160: „Der Kern des Wandels liegt in einer Trennung von Inhalt und Form.“ A little further on, Sahle explains why in English he would prefer to use the term ‘appreance’ rather than form: „Schon die englische Terminologie ‘content – appearance’ ist etwas präziser: ‘Form’ meint die mediale Ausformung bzw. Erscheinung, in Bezug auf Texte also z. B. Formatierungseigenschaften, dann aber auch das Layout und Textstrukturen und typografische Hilfssysteme wie Seitenzählung, Zeilennummerierung oder die spezifische Ordnung und Formatierung von Apparaten.“ Sahle (Anm. 3), S. 162. 

  • 10

    Sahle (Anm. 3), S. 161: „Das Kennzeichen des gegenwärtigen Medienwandels ist nicht so sehr ein Wechsel der Medien, sondern vielmehr eine Transmedialisierung!” 

  • 11

    See for instance the glossary in the back of Peter Schillingsburg’s Scholarly Editing in the Computer Age (Anm. 1), S. 173–176. For a more recent example, see Elena Pierazzo’s preliminary model for ‘text’, ‘document’ and ‘work’, http://epierazzo.blogspot.be/2013/08/a-conceptual-model-of-text-documents.html. 

  • 12

    This is a good example to illustrate that Sahle’s ‘concepts of texts’ are quite different from Shillingsburg’s ‘orientations to text’. In their forthcoming article (Anm. 1), Shillingsburg and Van Hulle would classify this first approach under the ‘authorial orientation’, while the second approach would belong to the ‘genetic orientation’. 

About the article

Published Online: 2014-03-21

Published in Print: 2014-04-30


Citation Information: Bibliothek Forschung und Praxis, ISSN (Online) 1865-7648, ISSN (Print) 0341-4183, DOI: https://doi.org/10.1515/bfp-2014-0009.

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© 2014 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston. This work is licensed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivatives 3.0 License. BY-NC-ND 3.0

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