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Bibliothek Forschung und Praxis

Ed. by Bonte, Achim / Degkwitz, Andreas / Horstmann, Wolfram / Kaegbein, Paul / Keller, Alice / Kellersohn, Antje / Lux, Claudia / Mittler, Elmar / Rachinger, Johanna / Seadle, Michael / Umlauf, Konrad / Vodosek, Peter / Vogt, Hannelore / Vonhof, Cornelia

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1865-7648
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Volume 38, Issue 3

Issues

Das Ende der Sondersammelgebiete – Ende einer Infrastruktur

Ralf Depping
Published Online: 2014-11-26 | DOI: https://doi.org/10.1515/bfp-2014-0047

Zusammenfassung

Mit der Umwandlung der Sondersammelgebiete in Fachinformationsdienste ist ein Paradigmenwechsel von einer Infrastrukturförderung zur reinen Projektförderung verbunden. Damit verliert das System der überregionalen Literaturversorgung die Nachhaltigkeit und langfristige Verlässlichkeit. Im steigenden Umfang wird es auch fachliche Lücken bei der überregionalen Literaturversorgung geben, so dass die verteilte deutsche Nationalbibliothek fragmentarisch wird.

Abstract

The replacement of the special subject collection system by the scientific information services programme constitutes a paradigm shift from infrastructural funding to project-based funding. The system of the nationwide provision with literature will no longer be sustainable; the long-term reliability will be lost. To an increasing extent, gaps will appear in the supraregional infrastructure of literature holdings, causing a fragmentation of the distributed German national library.

Schlüsselwörter: Sondersammelgebiete; Fachinformationsdienste; Überregionale Literaturversorgung; DFG

Keywords: Special subject collection; scientific information services programme; nationwide provision with literature; German Research Foundation

Das DFG-geförderte System der Sondersammelgebiete existiert bereits seit mehr als 60 Jahren und genießt weit über Deutschland hinaus einen hervorragenden Ruf. Durch die hohen Eigenleistungen der SSG-Bibliotheken war es der DFG bislang möglich, mit vergleichsweise geringem finanziellen Aufwand eine Versorgungsdichte zu erreichen, die in anderen Ländern auch mit deutlich höheren Investitionen nicht möglich ist. Dennoch ist absolut unstrittig, dass das System in der vorliegenden Form einen deutlichen Reformbedarf hat. So war es uneingeschränkt zu begrüßen, dass sich die DFG entschlossen hatte, das System umfassend zu evaluieren. Als Ergebnis dieser Evaluierungen haben sich viele sinnvolle und zielführende Anregungen zur Reform des Systems ergeben. Doch weder die Prognos-Studie Evaluierung des DFG-geförderten Systems der Sondersammelgebiete1 noch die Empfehlungen der Expertenkommission SSG-Evaluation2 haben dabei in Frage gestellt, dass es sich um ein erhaltenswertes umfassendes System handelt, dass auf Kontinuität setzt.

So heißt es in der Prognos-Studie: „Das System der Sondersammelgebiete zielt dabei auf die Abdeckung des Spitzenbedarfs der wissenschaftlichen Informationsversorgung, der über die Versorgungsaufgaben der einzelnen Hochschulbibliotheken hinaus geht. Es übernimmt somit die Funktion einer verteilten wissenschaftlichen Forschungsbibliothek in Deutschland. Bei dem SSG-System handelt es sich dabei nach Einschätzung der befragten Experten um ein weltweit einzigartiges Modell, welches auch im Ausland hohe Anerkennung und Wertschätzung genießt. Die Grundidee des SSG-Systems der Vorhaltung der jeweils fachwissenschaftlich relevanten in und ausländischen Literatur bzw. Informationen des Spitzenbedarfs in konventioneller und digitaler Form wird von Akteuren wie auch Nutzern insgesamt als sinnvolle und für die Stellung des Wissenschaftsstandorts Deutschland bedeutsame Förderausrichtung bewertet. Die formulierten Anforderungen an das SSG-System – Vollständigkeit, Reservoir-Funktion, Ausfüllen der Teilfunktion, überregionale Verfügbarkeit, Nachhaltigkeit sowie Nachweis und Erschließung – werden als Grundprinzipien und Leitziele einer adäquaten Literatur- und Informationsversorgung der Wissenschaft überwiegend positiv eingeschätzt.“3

Betrachtet man jedoch die praktische Umsetzung der Umstellung auf das neue FID-System durch die DFG, so stellt sich inzwischen heraus, dass die Aspekte der umfassenden Abdeckung der Wissenschaftsdisziplinen und der längerfristigen Kontinuität, die im Rahmen der Evaluation niemals in Frage gestellt worden sind, aufgegeben wurden. Hier ist eindeutig ein Paradigmenwechsel weg von der Infrastrukturförderung hin zu einer reinen Projektförderung zu konstatieren: Nach derzeitiger Faktenlage ist nicht damit zu rechnen, dass ein FID, dem es regelmäßig alle drei Jahre gelingen würde, die Gutachter mit guten bedarfsgerechten Konzepten zu überzeugen, damit rechnen könnte, auch langfristig für diese Aufgabe gefördert zu werden. Eine langfristige Förderung ist nur dann noch zu erwarten, wenn 1. das FID-System nach einer neuerlichen Evaluierung, die nach 6 Jahren angedacht wird, als erhaltenswert bezeichnet wird und es 2. im Anschluss gelingt, die FIDs in eine „Hilfseinrichtung der Forschung“4 umzuwandeln, was wohl im Rahmen der DFG die einzige verbliebene Form der Dauerförderung wäre.

Es entsteht der Eindruck, dass diese allgemeinen Rahmenbedingungen der DFG und nicht die Ergebnisse der oben erwähnten Evaluierungen ausschlaggebend dafür sind, bewährte Strukturen aufzugeben.

Eine Ablehnungsquote von mehr als 60 Prozent bei der ersten FID-Antragsrunde spricht eine deutliche Sprache. Auch wenn alle erfolglosen Antragsteller immer die Möglichkeit haben, einen neuerlichen Anlauf zu starten, ist bereits mit den ausgesprochenen Ablehnungen die Kontinuität verloren. Auch die umfassende Fachabdeckung spielt offensichtlich keine Rolle mehr: Es ist sehr deutlich, dass die DFG sich selbst bei großen zentralen Fächern nicht aktiv dafür einsetzen wird, Versorgungslücken zu schließen, wenn die bestehenden SSG-Bibliotheken ein Fach freiwillig oder unfreiwillig nicht mehr weiter betreuen.

In letzter Konsequenz hat sich die DFG damit von dem Anspruch verabschiedet, mit den SSG-Bibliotheken das System einer verteilten deutschen Nationalbibliothek zu unterstützen. Wissenschaftler und andere Bibliotheken können sich nicht mehr uneingeschränkt darauf verlassen, dass SSG-Bibliotheken als Bibliotheken mit Funktionen der 4. Stufe eine umfassende, nachhaltige und dauerhafte Reservoirfunktion wahrnehmen.

Im DFG-Merkblatt zum FID-Förderprogramm findet sich die folgende Aussage: „Mit der Unterstützung des Systems durch das gleichnamige Förderprogramm verfolgt die DFG das übergeordnete Ziel, eine nachhaltige Informationsinfrastruktur aufzubauen, die den Interessen und Bedürfnissen der Fächer ausdrücklich Rechnung trägt und so eine wesentliche Voraussetzung für Spitzenleistungen im Bereich der Grundlagenforschung schafft.“5 Wenn sich das FID-Programm jedoch – wie es derzeit absehbar ist – in eine Richtung entwickelt, dass sowohl die DFG-Gremien und ‑Gutachter als auch die geförderten Institutionen nur noch unter den Rahmenbedingungen kurzfristiger Projektförderung denken und agieren, ist absehbar, dass dieses übergeordnete Ziel einer nachhaltigen Informationsinfrastruktur nicht erreicht werden kann.

Alle Bibliotheken stehen bei sinkenden oder stagnierenden Erwerbungsetats auf der einen Seite und deutlich steigenden Preise für die Publikationen sowie einem enormen Anstieg an wissenschaftlich relevanten Publikationen insgesamt auf der anderen Seite vor der Situation eines deutlich sinkenden Titelangebotes vor Ort. Ein umfassendes System der überregionalen Literaturversorgung hat somit auch in der heutigen Zeit nach wie vor eine Existenzberechtigung. Die Hochschulen sind weniger denn je in der Lage, die benötigten Literaturressourcen umfassend vor Ort vorzuhalten. Daneben haben viele Bibliotheken in der Vergangenheit Aussonderungsentscheidungen vor dem Hintergrund der verlässlichen Archivierung in den jeweiligen SSG-Bibliotheken getroffen. Auch in dieser Hinsicht wird die Aufgabe des verteilten Systems der SSGs empfindliche Lücken hinterlassen.

Der AWBI hat sich in der Sitzung vom 30. bis 31. Oktober 2013 mit dieser Frage auseinander gesetzt. In einem nicht publizierten Schreiben der DFG an die SSG-Bibliotheken wird aus dem Protokoll dieser Sitzung zitiert. Dort heißt es unter anderem „Insbesondere die Verlässlichkeit der Dienstleistungen seien in Gefahr [...]“ – dies diagnostiziert der AWBI jedoch erstaunlicher Weise nur aus der Perspektive der wissenschaftlichen Bibliotheken als Kunden der SSGs/FIDs, nicht jedoch aus Perspektive der Wissenschaftler als Endkunden der Dienste. Die Konsequenz, die aus dieser Erkenntnis gezogen wird, ist dennoch schockierend: „Die Diskussion über die übergeordnete Funktion, Aufgabe und Rolle der Fachinformationsdienste sei daher als Teil der Diskussion um eine zukunftsfähige Informationsversorgung der Wissenschaft aufzufassen, die jenseits der DFG im Bibliothekssystem selbst intensiver geführt werden müsse.“ In einer Überspitzung dieser Position läuft dies auf die Aussage hinaus: Uns ist sehr wohl bewusst, dass hier (bewährte) überregionale Strukturen aufgegeben werden, doch über die Folgen dieser Entscheidung können sich andere Gedanken machen.

Es stellt sich die Frage: War es wirklich vor der ersten Antragsrunde weder absehbar noch geplant, dass das FID-System verglichen mit dem bisherigen SSG-System gravierende Lücken aufweisen wird? Wäre es der DFG und ihren Gremien nicht möglich gewesen, dies auch schon im Vorfeld gegenüber den betroffenen bibliothekarischen Gremien zu thematisieren?

Wie bereits erwähnt, hatte das SSG-System im Rahmen der DFG-Förderung durch die extreme Langfristigkeit immer eine Sonderrolle. Doch diese Sonderrolle bezog sich auch auf einen anderen Aspekt: Im Unterschied zu normalen Projektförderungen sind innerhalb des SSG-Systems die tatsächlichen Eigenanteile der geförderten Bibliotheken ungleich höher. Auf der Basis einer Vollkostenrechnung und unter Berücksichtigung aller Arbeiten, die sich spezifisch aus der SSG-Aufgabe ergeben, hatte wohl kaum eine SSG-Bibliothek eine Förderquote, die über 20 Prozent lag – in vielen Fällen lag die Förderquote hingegen noch deutlich niedriger. Vor dem Hintergrund des enormen eigenen (finanziellen und personellen) Engagements der geförderten Bibliotheken ist auch die Frage zu stellen, ob eine FID-Förderung langfristig auch für die bisherigen SSG-Bibliotheken attraktiv sein wird.

Die von den Bibliotheken erbrachten Eigenleistungen sind nur im geringsten Umfang kurzfristige Investitionen. Vielmehr wurden an allen SSG-Bibliotheken, die ihren SSG-Auftrag ernst genommen haben, langfristige Infrastrukturen geschaffen. Insbesondere bei den großen SSGs und bei den SSGs, die mit exotischen Sprachen zu tun haben, hatten die SSGs keinesfalls nur Auswirkungen auf der Ebene des Fachreferates, sondern auf nahezu die gesamte Bibliothek. Exemplarisch seien an dieser Stelle nur einige Aspekte genannt:

  • Die personelle Ausstattung der Fachreferate, der Erwerbung und Katalogisierung und die spezifische Auswahl der Lieferanten nach den Belangen der SSGs (z. T. mit sehr spezifischen Sprachkenntnissen).

  • Der Aufbau von technischen Infrastrukturen für virtuelle Fachbibliotheken und ähnliche elektronische Dienstleistungen (inkl. der dafür notwendigen personellen Kompetenzen).

  • Ein besonderes Schwergewicht liegt auf der Dokumentlieferung. (So ist es kein Zufall, dass ein Großteil der deutschen SUBITO-Mitglieder aus dem Kreis der SSG-Bibliotheken und zentralen Fachbibliotheken kommen, hatte doch die DFG SSG-Bibliotheken, die dort nicht Mitglied waren, in der Vergangenheit massiv zur Mitgliedschaft in SUBITO gedrängt.)

  • Der langfristige Aufbau von SSG-spezifischen Kontakten in die bibliothekarische Fachcommunity und die Wissenschaftscommunity.

  • Die Aktivitäten im Bereich der retrospektiven Digitalisierung mit besonderem Schwerpunkt auf die SSG-Materialien.

  • Die Beteiligung der SSG-Bibliotheken an überregionalen Initiativen wie z. B. Lotse, Academic Linkshare usw.

Gerade die mit der Betreuung eines SSG verbundenen personellen Entscheidungen haben natürlich eine besonders langfristige Tragweite, die nicht mit Blick auf ein Projekt getroffen werden können, dass u.U. nur eine dreijährige Laufzeit hat.

Die mit der Umstellung auf die FIDs zukommenden Anforderungen an die Bibliotheken sind dabei eher noch gestiegen – auch im Hinblick auf die dafür notwendige Kontinuität. Ein besonders wichtiger Eckpunkt der zukünftigen FID-Förderung ist die anforderungsgerechte Gestaltung des FID-Angebotes und damit verbunden die Weiterentwicklung des Angebotes in enger Abstimmung mit der eigenen Fachcommunity. Gerade diese Anforderung setzt aber zwingend einen langen Atem und eine Kontinuität der Kontakte voraus.

Methoden zur Bedarfsermittlung basieren zumeist darauf, dass die entsprechenden Wissenschaftler nach ihren Wünschen und Vorstellungen gefragt werden. Die Erfahrungen vieler Fachinformationsdienste zeigen jedoch deutlich, dass die Motivation von Wissenschaftlern, sich mit Fragen der Informationsversorgung auseinanderzusetzen, keineswegs stark ausgeprägt ist. Insbesondere wenn es nicht um die Dienstleistungen an der eigenen Hochschule, sondern um ein relativ abstraktes und wenig bekanntes überregionales Angebot handelt, haben Wissenschaftler ein geringes Eigeninteresse daran, die Weiterentwicklung solcher Dienste aktiv mitzugestalten. Dies gilt leider auch für die organisierten Repräsentanten wie z. B. die Funktionsträger in wissenschaftlichen Fachgesellschaften. Gerade der Anspruch, diejenigen Wissenschaftler zu erreichen, die das bisherige Angebot der SSGs nicht (oder nicht bewusst) nutzen, ist dabei eine besondere Herausforderung.

Auch bei den Wissenschaftlern, die im Grundsatz die Bereitschaft und das Engagement mitbringen, ihren Bedarf zu formulieren und sich aktiv in die Gestaltung der FIDs einzubringen, lässt sich jedoch feststellen, dass die Vorstellungen über die Rahmenbedingungen der FIDs recht unklar sind. Wissenschaftler wissen ohne vorherigen Informations-Input in der Regel weder, welche Aufgabe FIDs überhaupt haben, noch können sie die Grenzen des Machbaren (insbesondere bedingt durch die zur Verfügung stehenden Ressourcen sowie die Schranken des Urheberrechts) realistisch einschätzen. Sehr oft werden FIDs darum mit nicht erreichbaren Wunschvorstellungen konfrontiert (alle Literatur soll kostenlos überall elektronisch sofort und bequem verfügbar sein).

Um also zum einen die Bereitschaft der Wissenschaftler zu wecken, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und zum anderen Rückmeldungen zu bekommen, die sich in den Grenzen des Machbaren bewegen, sind FIDs gefordert, langfristig den Boden zu bereiten. Das FID muss sich bekannt machen und langfristig Präsenz zeigen. Erst auf dieser Basis kann sich das FID wirklich sicher sein, dass die Zielrichtung der eigenen Aktivitäten mit dem Bedarf der Fachcommunity übereinstimmt.

Insgesamt stehen antragstellende FID-Bibliotheken vor der Situation, dass die Anforderungen, die mit der Führung eines FID seitens der DFG verbunden sind, guten Gewissens nur zu erfüllen sind, wenn vor Ort eine auf Langfristigkeit und Stabilität ausgerichtete Infrastruktur aufgebaut wird, dass jedoch die Bibliotheken seitens der DFG keinerlei Planungssicherheit und Aussicht auf Kontinuität zugesichert bekommen. Diese Ausgangslage wird langfristig Einfluss auf die Bereitschaft der Bibliotheken zur Antragstellung haben. Es ist zwar keineswegs damit zu rechnen, dass bereits jetzt SSG-Bibliotheken im größeren Umfang davon Abstand nehmen, einen Antrag zu stellen. Gerade die bereits existierenden langfristig aufgebauten Strukturen sind in der strategischen Beurteilung ein wichtiges Argument dafür, weiterhin entsprechende Anträge zu stellen, um diese Strukturen noch über ein paar Jahre zu retten. Doch ist damit zu rechnen, dass mittelfristig der Anteil der Bibliotheken, die freiwillig auf eine Antragstellung verzichten, ansteigen wird. Auch halte ich es für eher unwahrscheinlich, dass Bibliotheken unter den jetzigen Rahmenbedingungen motiviert wären, FIDs in Bereichen aufzubauen, in denen sie noch kein SSG betreut haben, da die dafür von der DFG gestellten Anforderungen gerade für Bibliotheken, die quasi „bei null anfangen“ müssten, das Vorhaben doch eher unattraktiv machen. Es ist also nicht damit zu rechnen, dass zukünftige fachliche Lücken leicht zu schließen sein werden.

Der Aspekt des hohen Eigenteils im Rahmen der SSG/FID-Förderung wird insbesondere bei den Hochschulbibliotheken, die SSGs/FIDs betreuen, hochschulintern durchaus kontrovers diskutiert. Die Wahrnehmung dieser überregionalen Aufgabe wird keinesfalls nur als willkommene Quelle von Drittmitteln wahrgenommen. Vielmehr wird sehr deutlich, dass die in die Betreuung der SSGs/FIDs gesteckten Ressourcen für die Wahrnehmung anderer Aufgaben nicht zur Verfügung stehen. Betrachtet man nur die Eigenanteile an den Erwerbungsmitteln, so werden die meisten Bibliotheken deutlich höhere eigene Erwerbungsmittel in die SSGs/FIDs stecken, als dies der Fall wäre, wenn der Etatanteil nach den sonst üblichen Etatverteilungsmodellen berechnet würde. Das hieße, die exzellente Versorgungssituation in den SSGs/FIDs geht vor Ort oft zu Lasten anderer Fächer.

Bisher war es möglich, dies mit der Existenz eines umfassenden überregionalen Systems auf Basis gegenseitiger Solidarität zu begründen: So konnte man z. B. einem Professor eines Nicht-SSG-Faches gegenüber argumentieren, dass es zwar in der Tat so ist, dass sein Fach vor Ort gegenüber den SSG-Fächern benachteiligt war, dass es aber auf der anderen Seite an anderer Stelle auch ein SSG für sein eigenes Fach gibt, so dass in der Gesamtsicht alle von der insgesamt besseren Versorgung profitieren. Auch das Argument einer langfristigen Bindung an überregionale Aufgaben hatte gegenüber der eigenen Hochschule natürlich Gewicht. Fallen diese Aspekte weg, so wird die Argumentation gegenüber der eigenen Hochschulöffentlichkeit, warum es Sinn macht, auch weiterhin im hohen Umfang eigene Ressourcen in die Wahrnehmung überregionaler Aufgaben zu stecken, ungleich schwieriger. Diejenigen FID-Bibliotheken, die auch weiterhin erfolgreiche Anträge realisieren können, werden somit trotzdem sehr genau überlegen müssen, den damit verbundenen eigenen Ressourcenaufwand zu beschränken, und insbesondere bei langfristigen Verpflichtungen zurückhaltend zu sein. Dies kann mittelfristig spürbar negative Auswirkungen auf die Dienstleistungsqualität haben.

Um es noch einmal zu betonen: In der inhaltlichen Ausgestaltung bieten die neuen Fachinformationsdienste gegenüber den bisherigen Sondersammelgebieten durchaus große Vorteile, so z. B. im Bereich der Versorgung mit elektronischen Ressourcen. So soll auch keinesfalls in Abrede gestellt werden, dass diejenigen Bibliotheken, denen es gelungen ist, erfolgreiche FID-Anträge zu stellen, dadurch in der Lage sein werden, gute und sinnvolle Dienstleistungen aufzubauen, von denen die Fachcommunity profitieren wird. Doch diese Vorteile wären auch realisierbar gewesen, ohne gleichzeitig die Kontinuität und breite Fachabdeckung des Systems in Frage zu stellen. Die nunmehr zu erwartende fehlende Kontinuität dieser Förderlinie sowie die schon jetzt absehbaren fachlichen Lücken im System wiegen diese Vorteile meines Erachtens nicht auf.

Footnotes

About the article

Published Online: 2014-11-26

Published in Print: 2014-12-19


Citation Information: Bibliothek Forschung und Praxis, Volume 38, Issue 3, Pages 398–402, ISSN (Online) 1865-7648, ISSN (Print) 0341-4183, DOI: https://doi.org/10.1515/bfp-2014-0047.

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