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Bibliothek Forschung und Praxis

Ed. by Bonte, Achim / Degkwitz, Andreas / Horstmann, Wolfram / Kaegbein, Paul / Keller, Alice / Kellersohn, Antje / Lux, Claudia / Marwinski, Konrad / Mittler, Elmar / Rachinger, Johanna / Seadle, Michael / Vodosek, Peter / Vogt, Hannelore / Vonhof, Cornelia

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ISSN
1865-7648
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Volume 38, Issue 3

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Warum sich die SULB Saarbrücken nicht als FID bewirbt

Prof. Dr. Bernd Hagenau
  • Corresponding author
  • Direktor Saarländische Universitäts- und Landesbibliothek Postfach 151141 D-66041 Saarbrücken
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Published Online: 2014-11-26 | DOI: https://doi.org/10.1515/bfp-2014-0048

Zusammenfassung

Die Bibliotheken des vormaligen Systems der Sondersammelgebiete (SSG) waren durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) aufgefordert, sich im Rahmen des Nachfolgeprogramms als „Fachinformationsdienste“ (FID) des jeweils früher von ihnen betreuten Fachgebietes zu bewerben. Die Saarländische Universitäts- und Landesbibliothek Saarbrücken (SULB) als Zentralbibliothek der Universität des Saarlandes, die seit 1966 als SSG-Bibliothek für die Psychologie fungierte, wird dieser Aufforderung jedoch nicht nachkommen und sich nicht als FID bewerben. Dies hat einerseits finanzielle Gründe, aber auch inhaltlich vermochten weder die SULB noch die Universität des Saarlandes sich mit dem neuen Förderprogramm zu identifizieren. Insbesondere wird bezweifelt, dass die wiederkehrenden projektbezogenen Begutachtungs- und Bewilligungsverfahren zum Aufbau einer tragfähigen Infrastruktur für die überregionale Informationsversorgung in allen Fachdisziplinen führen werden.

Abstract

The libraries taking part in the former special subject collections system („Sondersammelgebiete“, SSG) have been invited by the German Research Foundation („Deutsche Forschungsgemeinschaft“, DFG) to launch applications for their specific subject area within the framework of her new follow-up programme of Scientific Information Services („Fachinformationsdienste“, FID). However, Saarland University and Regional Library in Saarbrücken („Saarländische Universitäts- und Landesbibliothek“, SULB), operating as a special subject collection library for psychology since 1966 in addition to her function as being the central library of Saarland University, will not follow this invitation. This decision was taken not only by financial reasons, but also with regard to the content of the new programme which could convince neither the library nor Saarland University. It appears questionable whether a suite of proposal-based review processes will be appropriate to establish a solid nation-wide information infrastructure for all subject areas.

Schlüsselwörter: Überregionale Literaturversorgung; Sondersammelgebiete; Fachinformationsdienste; Deutsche Forschungsgemeinschaft

Keywords: Supra-regional supply of literature; Special Subject Collections System; Scientific Information Services; German Research Foundation

Seit 1966 hat die Universitätsbibliothek der Universität des Saarlandes, ab 1994 unter ihrem neuen Namen „Saarländische Universitäts- und Landesbibliothek“ (SULB), die Betreuung des Faches Psychologie im Rahmen des Sondersammelgebietsplans (SSG) der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) wahrgenommen. Diese Aufgabe endet mit dem 31. Dezember 2014, nachdem die DFG ihr SSG-Programm nicht fortführen wird. Damit verliert die SULB einen Profil bildenden Aufgabenbereich, der ihr in den vergangenen Jahrzehnten zu einer weithin sichtbaren Rolle im Kreise der deutschen Universitätsbibliotheken verholfen und den sie über die Jahrzehnte hinweg mit Engagement und Stolz betreut hat.

Die Wahrnehmung dieser Funktion als SSG-Bibliothek für die Psychologie hat ihr stets große Anstrengungen abverlangt, mit Wissen und Unterstützung ihrer Universität zwar, aber auch unter erheblichem Einsatz deren überaus begrenzter Haushaltsmittel. Denn nicht die DFG, sondern die SULB selbst hat dabei die Hauptlast getragen. Die Berechnungen und Schätzungen schwanken, aber allenfalls rund ein Viertel der mit der Wahrnehmung eines SSG verbunden realen Kosten hat die DFG übernommen. Neben erheblichen Eigenmitteln für den Dokumentzugang musste insbesondere die technische, die bauliche sowie vor allem die personelle Infrastruktur von der SULB bzw. der Universität des Saarlandes bereitgestellt werden. Erst in den allerletzten Jahren führte die „Programmpauschale“ zu einer gewissen Flexibilisierung; die Bibliothek konnte wenigstens über einige bescheidene Mittel frei verfügen, um auch über den unmittelbaren Dokumentzugang hinaus Investitionen für das SSG zu tätigen. Freilich flossen diese pauschalen Gelder zu einem nicht geringen Teil in den allgemeinen Universitätshaushalt, denn auch andere Verwaltungsbereiche der Universität waren indirekt von der SSG-Funktion „ihrer“ Bibliothek tangiert.

Die im Vergleich zu den allesamt unterfinanzierten übrigen Fächern exorbitanten Ausgaben für die Psychologie in Form des stetig anwachsenden Eigenanteils führte zu einer Verschiebung des Sammelspektrums der SULB, was der Bedeutung des Faches an der Universität nicht entsprach. Alle anderen Fächer hingegen mussten jahrzehntelang Erwerbungsengpässe zu Gunsten der Psychologie akzeptieren. Die Bibliothek hatte dies den Beteiligten (und Benachteiligten) immer wieder aufs Neue zu vermitteln, mit jedem Wechsel in der Universitätsleitung war eine erneute Akzeptanz für diese Schwerpunktsetzung zu schaffen, die der Universitätspolitik in keinster Weise entsprach. Auf der anderen Seite musste immer wieder auf Forderungen der DFG eingegangen, mussten deren umfängliche Berichtspflichten erfüllt, musste deren Kritik stand gehalten werden, wenn etwa die Fernleiherfüllungsquote einmal bei 79% statt den geforderten 80% gelegen hat, als sei dieses Kriterium nicht an sich schon absurd genug gewesen.

Die Bibliothek hat sich für das SSG eingesetzt in der Überzeugung, gemeinsam mit der DFG und den anderen an diesem Programm beteiligten Bibliotheken einen wichtigen, grundlegenden Beitrag für die Infrastruktur der deutschen Wissenschaft zu leisten. Schließlich war es das Ziel, jede relevante wissenschaftliche Publikation mindestens an einer Stelle in Deutschland verfügbar zu halten, um die fehlende – universal wie international sammelnde – Nationalbibliothek durch eine dezentrale Kooperationsstruktur zu kompensieren. Es ließ sich auch gegenüber der Universitätsöffentlichkeit vermitteln, dass der überproportionale Einsatz für die Psychologie die Gewissheit impliziert, auch in allen anderen Fächer zumindest über die Fernleihe alle notwendigen Publikationen erhalten zu können.

Bibliotheksintern konnten für die Wahrnehmung des SSG Synergieeffekte genutzt werden. Die Sammlung psychologischer Fachliteratur erforderte kaum andere Arbeitsabläufe als die Erwerbung, Erschließung und Bereitstellung jedweder anderer Literatur. Es konnte also, abgesehen von einer gewissen Spezialisierung in Teilbereichen, in qualitativer Sicht auf vorhandene Ressourcen und Knowhow zurück gegriffen werden, auch wenn in quantitativer Sicht ein nicht unbeträchtlicher zusätzlicher Arbeitsaufwand durch die Verarbeitung der Drittmittel entstand.

Als Ergebnis einer Evaluation des SSG-Systems im Jahre 2011 wird das Programm „Fachinformationsdienste für die Wissenschaft“ (FID) seitens der DFG als Nachfolger des SSG-Programmes propagiert, und somit hätte es nahegelegen, dass sich die SULB nunmehr im Rahmen des FID-Programmes ab 2015 für die Betreuung des Faches Psychologie beworben hätte. Die SULB wird dies jedoch nicht tun.

Als Grund für diese Entscheidung könnte leicht auf die Haushaltslage des Saarlandes und seiner einzigen Landesuniversität verwiesen werden. Beide befinden sich angesichts der „Schuldenbremse“ in einem Sparzwang, dessen wahres Ausmaß noch gar nicht absehbar, jedenfalls gigantisch und noch immer heftig umstritten ist. Die Vorgaben erscheinen so rigide, dass sie die Universität selbst bei Streichung aller bis 2020 frei werdenden Stellen nicht erfüllen könnte. Der Wissenschaftsrat hat zwischenzeitlich Empfehlungen abgegeben, wie durch einzelne Strukturmaßnahmen – bis hin zur Aufgabe großer Fächer oder deren Zusammenlegung mit der Hochschule für Technik und Wirtschaft – erhebliche und dennoch nicht ausreichende Einsparungen zu erzielen seien. Natürlich werden dabei auch die Zentralen Einrichtungen nicht unangetastet bleiben.

Doch so bequem und diskussionsfrei diese Begründung auch wäre: Sie allein träfe den Kern der Sache nicht, denn die SULB hat sich auch aus inhaltlichen Gründen – und im Einvernehmen mit „ihrer“ Universitätsleitung – gegen eine Antragstellung im Rahmen des FID-Programmes entschieden.

Dabei spielten auch die Ergebnisse der ersten Antragsrunde im Laufe des Jahres 2013 eine Rolle. Es ist nicht erkennbar, dass das FID-Programm einen ähnlichen infrastrukturellen Nutzen haben wird wie das bisherige SSG-Programm. Die Abdeckung sämtlicher Fachgebiete ist offenbar gar nicht intendiert, jedenfalls hat sich schon in dieser ersten Runde aufgrund der hohen Ablehnungsquote ein „Flickenteppich“ ergeben. Die projektorientierte Antragstellung, wenngleich DFG-typisch – deshalb aber noch lange nicht mit Erfolgsgarantie versehen, wenn man nur an „Vascoda“ und unzählige andere längst vergessene Projekte erinnert – wird auch nicht zur Schaffung stabiler Strukturen beitragen, weil die Förderung nach drei Jahren wieder versiegen oder auf einen anderen Adressaten übergehen kann. Es fehlt diesem Programm sowohl an Abdeckungsbreite als auch an Abdeckungskontinuität.

Bei einer Betrachtung der Anträge aus der ersten Runde – und insbesondere der vorgebrachten Ablehnungsgründe – ist keine klare Linie erkennbar, welche Aktivitäten eigentlich als förderungswürdig anzusehen sind und welche nicht. Auch nach mehrfacher Lektüre der Programmbeschreibung bleibt letztlich vage, was genau ein FID eigentlich leisten soll. Das mag auch daran liegen, dass die „Communities“ der einzelnen Fächer einfach zu unterschiedlich strukturiert sind.

Eine neue Informationsinfrastruktur soll jedenfalls nicht geschaffen werden. Diese müsste ja dem derzeit völlig aus der Mode gekommen Ansatz „just in case“ folgen: Sie würde ohne konkrete aktuelle Nachfrage geschaffen und stünde zur Verfügung, wenn sie gebraucht wird. Ganz überwiegend arbeiten Bibliotheken auch heute noch nach diesem Modell, wenngleich die von ihnen bereitgestellten Medien vielfältiger geworden sind. Wenn die Wissenschaft den konkreten Zugriff erwartet, muss das Buch bereits gekauft, müssen Lizenzfragen bereits geklärt, müssen Zugangswege bereits geschaffen sein. Vertrags- und Lizenzabschlüsse benötigen Vorläufe, Vertragslaufzeiten und Kündigungsfristen müssen eingehalten werden. Die Aufgabenbereiche von Bibliotheken sind breiter, vielfältiger und dauerhafter angelegt, als dass sie allein „just in time“ abgedeckt werden könnten.

Dies ist für die DFG möglicherweise kein wichtiger Aspekt, geht es ihr doch ausschließlich um die Wissenschaftler als Adressaten möglicher FID-Dienstleistungen. Doch kann sich unsere Bibliothek diese Sichtweise zu eigen machen? Dürfen wir uns nicht auch fragen, was die DFG für uns tun kann, wenn wir denn schon unser Augenmerk über unseren eigentlichen Aufgabenbereich hinaus auf die Bundesebene richten?

Glauben wir allen Ernstes ermessen zu können, was wir für die psychologische Forschung an anderen Universitäten leisten können, wenn wir schon die eigene Institution in ihrer Fächerbreite kaum adäquat bedienen können? Kann eine einzelne Bibliothek überhaupt den Informationsbedarf einer ganzen Fachdisziplin antizipieren, steuern und letzten Endes bedienen, sowohl in inhaltlicher als auch technischer Hinsicht? Wäre ein Bibliothekar dermaßen auf der Höhe der Forschung: Wäre diese Fachbegabung in einer Bibliothek nicht „verschenkt“? Und was kann diese Person drei Jahre später noch sinnvoll anstellen, wenn die Bibliothek ihre Funktion als FID womöglich verloren hat? Die Planstelle jedenfalls kann so schnell nicht anderweitig besetzt werden, und versuchte die Bibliotheksleitung ausschließlich mit Projektstellen zu arbeiten, drohte ihr eine permanente Personalfluktuation, die nicht von den Projektfristen der DFG, sondern vom Eintreffen neuer Stellenangebote für die Projektbearbeiter gesteuert wird. So können die geforderten intensiven Kontakte in eine bestimmte Fachcommunity kaum aufgebaut werden.

Andererseits: Was nützen diese Kontakte der Bibliothek noch, wenn sie kein FID mehr ist? Die einmal aufgebaute Infrastruktur aber bleibt an ihr hängen, wenn die Projektförderung der DFG längst weiter gezogen ist. Kaum sind bestimmte „innovative“ Services aufgebaut, erscheint ein anderer Dienstleister, ein anderer Service attraktiver, denn etwas Vorhandenes ist ja nicht mehr „innovativ“. Selbst wenn die Nachfrage nach der einmal aufgebauten Dienstleistung möglicherweise erhalten bleibt und damit von der Bibliothek auf eigene Kosten aufrecht erhalten werden muss. Skurril wird die Situation, wenn nach einigen Jahren und Jahrzehnten für ein Fach diverse „FID-Ruinen“ an ehemaligen FID-Bibliotheken bestehen werden. Das wird man dann beim besten Willen nicht mehr als „Informationsinfrastruktur“ bezeichnen dürfen.

Kann man dies alles „seiner“ Universität auf Dauer noch vermitteln? Zumal wenn dort ohnehin kein überbordendes Interesse an solchen spezialisierten, nur auf einen kleinen – noch dazu externen – Nutzerkreis ausgerichteten Dienstleistungen besteht, weil das Fach innerhalb der Universität nicht dieselbe herausgehobene Bedeutung besitzt wie für die Bibliothek?

Wartet die psychologische Fachcommunity ausgerechnet auf eine Bibliothek, um sich von ihr die geheimsten Informationswünsche von den Lippen ablesen zu lassen? Die federführende Institution für die psychologische Forschung in Deutschland ist die Deutsche Gesellschaft für Psychologie, neben der schon das Leibniz-Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation in Trier seine Stellung innerhalb der Fachcommunity zu behaupten hat. Gibt es diese Fachcommunity überhaupt? Die Psychologie ist ein weites Feld mit unzähligen individuellen Forschungsschwerpunkten und ebenso unzähligen individuellen Informationsbedürfnissen. Kann da nicht besser die jeweilige Universitätsbibliothek am Ort individuell auf den Informationsbedarf „ihrer“ lokalen Psychologen eingehen, ergänzt durch eine Bibliothek mit speziellem Sammelauftrag und „Back up“-Funktion?

Die Sozialwissenschaften jedenfalls sind in dieser ersten FID-Antragsrunde nicht sonderlich erfolgreich gewesen, möglicherweise ein Indiz dafür, dass das FID-Programm an deren speziellen Bedürfnissen vorbei geht oder aber in diesen Bereichen kein Bedarf an den propagierten „innovativen“ Services besteht. Dieser Eindruck verfestigte sich auch nach Gesprächen mit lokalen Fachvertretern der Psychologie. Das muss nicht gegen das Programm an sich sprechen. Mag vielleicht sein, dass eine möglichst umfängliche, vorausgreifende, deutschlandweit ausgerichtete Literaturbeschaffung nicht mehr den aktuellen Bedürfnissen der Forschung in allen Fächern entspricht, und es ist legitim, dass auch die DFG irgendwann einmal andere Schwerpunkte bei der Verwendung ihrer Mittel setzt. Mag sein, dass einzelne Fächer auch weiterhin eine eher konventionell geprägte Literaturversorgung „à la SSG“ benötigen und diese auch erhalten werden; andere hingegen benötigen Zugangsmechanismen zu speziellen elektronischen Diensten, die nicht allerorts vorgehalten werden können; und es mag auch sein, dass einzelne Fächer eine derartige Förderung weder in Form eines SSG noch in Form eines FID benötigen. Jedenfalls zur Zeit nicht, vielleicht wieder in zehn Jahren, aber dafür wäre das FID-Programm schließlich offen, wenn es dann noch existiert...

Auch die SULB kann es sich ja zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal anders überlegen und einen Antrag stellen, wenn sie eine zündende Idee für die Fachinformationsversorgung der Psychologie oder gar eines ganz anderen Faches hat. Im Augenblick jedenfalls vermag sie im Bereich der Psychologie keine entsprechende Nachfrage erkennen. Sie hat allerdings durchaus ein gewisses Wehklagen über den künftigen Wegfall des Sondersammelgebietes vernommen.

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Published Online: 2014-11-26

Published in Print: 2014-12-19


Citation Information: Bibliothek Forschung und Praxis, Volume 38, Issue 3, Pages 403–406, ISSN (Online) 1865-7648, ISSN (Print) 0341-4183, DOI: https://doi.org/10.1515/bfp-2014-0048.

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