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Bibliothek Forschung und Praxis

Ed. by Bonte, Achim / Degkwitz, Andreas / Horstmann, Wolfram / Kaegbein, Paul / Keller, Alice / Kellersohn, Antje / Lux, Claudia / Marwinski, Konrad / Mittler, Elmar / Rachinger, Johanna / Seadle, Michael / Vodosek, Peter / Vogt, Hannelore / Vonhof, Cornelia

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1865-7648
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Volume 38, Issue 3 (Dec 2014)

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Die Bibliothek als Werkstatt der Wissenschaft

Rede zur Amtseinführung des neuen Direktors der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek am 24. Juli 20141

Dr. Wolfram Horstmann
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  • Leitender Bibliotheksdirektor der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek D-37070 Göttingen
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Published Online: 2014-11-26 | DOI: https://doi.org/10.1515/bfp-2014-0056

Es freut mich sehr, heute das Amt des Direktors der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen entgegennehmen zu dürfen. Es ist mir ein großes Vergnügen, wieder hier zu sein und eine große Ehre, die SUB Göttingen weiter in das 21. Jahrhundert zu führen – gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen der SUB, den Forschenden, Lehrenden und Studierenden (in) der Universität, dem Präsidium, den außeruniversitären Einrichtungen, den nationalen Partnern und der internationalen Gemeinschaft.

Ich möchte an dieser Stelle ganz ausdrücklich meine Hochachtung für Professor Lossau, Professor Mittler und die weiteren 15 Vorgänger ausdrücken, die die SUB in den 280 Jahren ihres Bestehens in die überaus bedeutende Position gebracht haben, in der sie heute ist. Und bitte lassen Sie mich auch ganz herzlich den Kollegen Dr. Müller-Dreier und Dr. Schaab und dem starken Team der Abteilungsleitungen danken, die die SUB hervorragend durch die letzten Monate ohne nominelle Leitung navigiert haben.

Für mich ist die SUB Göttingen die wichtigste Universitätsbibliothek Deutschlands. Ich sage dies als meine persönliche Meinung und im vollen Bewusstsein der Möglichkeit, dass nicht alle Direktoren anderer Bibliotheken meine Ansicht teilen. Ich habe dies bereits in der Begrüßung an meinem ersten Tag gesagt. Nach nun zwei Monaten intensiven Anschauens und Zuhörens kann ich diese Einschätzung voll bestätigen. Und ich bin mit dieser Einschätzung nicht allein. Wenn ich in Oxford gesagt habe, wo ich hingehe, hörte ich immer wieder: „Ah, Gottingen. That makes sense!“ In der Bibliothekswelt ist die SUB eine Marke, wie dies in der Wissenschaftswelt die Universität Göttingen ist.

Viele sagen, das 21. Jahrhundert sei eine besonders aufregende Zeit für Bibliotheken: die Internet-Revolution, der Medienwandel, die digitale Transformation von Wissenschaft und Gesellschaft. Ist diese Zeit wirklich so aufregend für Bibliotheken? Bibliotheken haben sich ständig wandeln müssen. Tontafeln der Sumerer, Papyrusrollen der Ägypter, Handschriften der Mönche, sogar Karten und Gemälde wurden und werden in Bibliotheken gesammelt. Im Verlauf ihrer Geschichte bildeten wissenschaftliche Bibliotheken den zentralen Ort der akademischen Aktivitäten und häufig, wie auch hier in Göttingen sogar einen Gründungskern von Universitäten. Heute bestimmen Bücher sowie Zeitschriften das Bild – und zunehmend digitale Information. Bibliotheken haben diesen Wandel immer gemeistert.

Nur auf die Form des Wissens zu schauen, ist irreführend. Ich habe Bibliotheken immer als eine Organisation verstanden, die Menschen beim Umgang mit Informationen hilft – als Hüter von Wissensbeständen jeglicher Natur, ob Handschrift, Karte, Buch, Datenbank oder Webseite. Natürlich spielt das Buch eine gewichtige Rolle und dies wird auch so bleiben – immerhin hat es 500 Jahre unserer Wissenschaft dominiert. Aber das Buch war und ist eben nicht die einzige Möglichkeit, Wissen von Sender zu Empfänger zu übertragen.

Der Wunsch nach Wissen ist ein menschliches Grundbedürfnis – Neugier! Konzentrieren wir uns auf die Bedürfnisse der Menschen im Umgang mit Wissen – anstatt auf die Formate von Wissensbeständen –, so bedeutet dies für wissenschaftliche Bibliotheken einfach: Welche Informationen benötigen Studierende, Lehrende und Forschende sowie die interessierte Öffentlichkeit und wie können wir Ihnen helfen, mit dieser Information umzugehen?

In diesem Sinne ist unsere heutige Zeit vielleicht wirklich nicht so besonders aufregend für Bibliotheken, sondern bringt lediglich eine ganz konkrete Aufgabe mit sich, die Bibliotheken in den Jahrhunderten ihres Bestehens schon oft gemeistert haben.

Aber natürlich ist es doch eine besondere Zeit! Denn der Wandel vollzieht sich unglaublich schnell. Was ich immer wieder empfehle, um sich die Dynamik dieses Wandels zu vergegenwärtigen, ist auf dieses kleine Gerät zu schauen, das die meisten von uns in der Tasche haben. Wissen Sie, wann Smartphones auf den Massenmarkt kamen? Der Durchbruch erfolgte mit einem besonderen, Ihnen bekannten, Smartphone im Juni 2007. Es ist also gerade einmal sieben Jahre her, dass wir begannen, die Welt der Kommunikation und des Wissens immer in unserer Tasche zu haben und das digitale Objekt direkt mit unserem Finger anfassen zu können. Zu dieser Zeit gab es auf dem Massenmarkt noch keine Tablets und keine E-Book-Reader, und die Smartphones waren auch nicht besonders ausgereift.

Heute kann ich ein dreijähriges Mädchen im Zug beobachten, wie es versucht ein Bild auf den dicken Pappseiten seines Bilderbuchs zu vergrößern, indem es zweimal mit seinem Finger darauf tippt. Und ich wäre nicht einmal überrascht, wenn es versuchen würde, die Pappseiten umzublättern, indem es seinen Finger darauf legt und von rechts nach links zieht.

In 14 Jahren – das ist zweimal die Zeitspanne, die wir das Smartphone als alltägliches Gebrauchsgut kennen – könnte dieses Mädchen eine Studentin der Universität Göttingen werden. Und die Bibliothek wird sie mit der Information versorgen, die sie zu einem gebührenden Abschluss an der Universität Göttingen führt.

Sich diese unglaubliche Geschwindigkeit des digitalen Wandels immer wieder vor Augen zu führen ist wichtig, um ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie schnell wir Anpassungsprozesse in Bibliotheken gestalten und antizipieren müssen. Aber ich bleibe dabei, dass die grundsätzliche Frage eigentlich ganz einfach ist: „Was wollen unsere Nutzer?“ Die Bedürfnisse unserer Nutzer zu verstehen, ist die Schlüsselaufgabe, deren Meisterung es uns erlaubt, wissenschaftliche Bibliotheken im 21. Jahrhundert – und in späteren Jahrhunderten – weiterzuentwickeln. Wenn wir die Bedürfnisse unserer Nutzer verstehen und selbst anpassungsfähig bleiben, vollziehen wir den Wandel automatisch, Schritt für Schritt. Dies ist, was uns die Geschichte der Bibliotheken lehrt: Kontinuität entsteht durch Wandlungsfähigkeit.

Ein solch schrittweiser Anpassungsprozess kann recht unauffällig aussehen:

  • die jährliche Umschichtung des Erwerbungsetats in der Medizin zwischen Büchern, Zeitschriften, digitalen und analogen Medien,

  • die Einführung einer Webseite, die für mobile Endgeräte optimiert ist,

  • die Umgestaltung einer Ausleihtheke zu einer Ruhezone für Studierende,

  • eine Informationsveranstaltung zu Open Access für Promovierende,

  • eine Ausstellung zur Visualisierung von Forschungsdaten in der Paulinerkirche ..., um nur einige wenige Beispiele zu nennen.

Reicht ein solch unauffälliger, schrittweiser, an Nutzerbedürfnissen orientierter Prozess aus, um dem unglaublich schnellen Wandel in der Informationswelt zu begegnen? Wenn die Veränderungen gezielt, schnell, präzise, qualitätsvoll, wirtschaftlich, selbstbewusst und clever durchgeführt werden, sollte das ausreichen. Bereits heute können wir deutliche Trends erkennen, wie sich Bibliotheken den auch schwierigen Fragen gezielt annehmen:

  • Studierende kommen als ,digital natives‘ an die Universität und wissen häufig mehr als Bibliothekare. Bibliotheken integrieren die Studierenden aktiv in den Prozess der Informationsvermittlung, um jährlich neue Trends und Fertigkeiten zu verstehen: In der University of California habe ich im Februar dieses Jahres gesehen, dass Studierenden Arbeitsplätze in den internen Büros der Bibliothek zur Verfügung gestellt werden, um das Personal mit ihnen in Kontakt zu bringen.

  • Zum Lernen und Erforschen eines Sachverhalts nutzen Forschende und Studierende Wissenskomplexe, die aus Büchern, Artikeln, Datenbanken, Sammlungen und Software zur Analyse, Wissensorganisation und Kommunikation bestehen. Und ein Ende der Diversifizierung von Wissensbeständen ist nicht abzusehen – Bibliotheken bieten Werkzeuge dafür an, komplexe Zusammenhänge zwischen Wissensbeständen herzustellen und zu organisieren. Selbst traditionelle Kataloge und Suchsysteme der Bibliotheken werden in Ihrer Mächtigkeit häufig unterschätzt. Es sind hochkomplexe Logistik- und Filtersysteme, die Millionen von Wissensobjekten mit zehntausenden von individuell registrierten Nutzern in Verbindung bringen. Auf dieser Erfahrung aufbauend, entwickeln Bibliotheken heute hochspezialisierte virtuelle Forschungs- und Lernumgebungen.

  • Die traditionellen Grenzen wissenschaftlicher Fachgebiete lösen sich in ständig wechselnden, multidisziplinären Forschungsverbünden auf. Wissenschaftliche Bibliotheken schmiegen sich durch direkte Projektbeteiligung an den Forschungsprozess an, um sehr praxisnah und agil zu reagieren, wenn sie Dienstleistung in einem gegebenen Spezialfall erbringen. Forschende der Universität Göttingen haben sogar den Bibliotheksmitarbeiter, der das Datenmanagement betreut, mit in den Regenwald genommen, um die Gegebenheiten der Forschung zu erklären.

Anhand dieser wenigen Beispiele wird nicht nur deutlich, wie sich Bibliotheken konsequent auf Nutzerbedürfnisse ausrichten und sich daran schrittweise anpassen, es wird auch deutlich, dass tatsächlich ein Paradigmenwechsel stattfindet. Denken Sie zurück an das frühere Image der Bibliothek als anonyme Bereitstellungsmaschine für gebundenes Papier in der industrialisierten Printwelt der 80er- und 90er-Jahre des 20. Jahrhunderts. Und vergleichen Sie dies mit den bereits heute existierenden vielfältigen Formen des Informationsmanagements in Bibliotheken und den zuvor angesprochenen Trends.

Worin besteht dieser Paradigmenwechsel? Die Bibliothek ist keine Einbahnstraße mehr, auf der Bücher von den Verlagen in die Bibliotheken gefahren werden. Die Bibliothek bewirtschaftet bereits heute ein umfassendes Straßennetz und stellt an der Universität produzierte Wissensbestände der Öffentlichkeit zur Verfügung: Lehrmaterialien, Vorlesungsaufzeichnungen, Dissertationen, Open-Access-Artikel und Publikationen auf institutionellen Dokumentenservern, Universitätsverlage, Zeitschriftenplattformen, Forschungsdaten sind nur einige Beispiele, die an dieser Stelle genannt werden können.

In einem Satz: Die Bibliothek entwickelt sich von einem Lager des Wissens zu einer Werkstatt des Wissens! Interessanterweise erinnert dies an frühere Zeiten, in denen die Gelehrten selbst Teil der Bibliothek waren und sie als ihre Werkstatt verstanden – denken Sie nur an die Gebrüder Grimm! Die Wissenschaften haben den Begriff ,Labor‘ für diesen Zweck geprägt. Und die neuen digitalen Methoden machen es notwendig, die Labore stärker an die Bibliothek anzubinden. Die jetzt neu gegründete eResearch Alliance in Göttingen, deren Kern die SUB und die GWDG bilden, stellt einen Meilenstein auf diesem Weg dar.

Besteht ein Risiko darin, sich ,radikal‘ an den Nutzerbedürfnissen zu orientieren? Wird der Blumenstrauß der angebotenen Dienstleistungen zu bunt? Verzettelt sich die Bibliothek in den häufig divergierenden Interessen von Geistes- und Naturwissenschaften, von Studierenden und Forschenden, von Universitätsleitung und Wissenschaftspolitik? Gibt es einen Auftrag der wissenschaftlichen Bibliotheken, der sich nicht direkt aus den aktuellen Nutzerbedürfnissen ableiten lässt? Was ist aus der guten alten Zeit geworden, in denen Bibliotheken wussten, was für ihre Nutzer gut ist und ihre eigenen Maßstäbe setzten?

Tatsächlich habe ich etwas ausgelassen: und zwar die Tatsache, dass das Vergessen ein fest verankertes Prinzip in Universitäten ist. Forschende und Studierende kommen und gehen. Und mit Ihnen verschwindet Wissen aus der Universität: ein institutionelles Vergessen. Aber die Bibliothek bleibt. Sie ist in der Lage dazu und hat meines Erachtens sogar die Pflicht, die wichtigen Spuren der Anwesenheit von Forschenden und auch Studierenden zu bewahren und der Nachwelt zur Verfügung zu stellen. Dieser Auftrag als Hüter des Wissens lässt sich tatsächlich nicht aus den Nutzerbedürfnissen ableiten. Denn im Augenblick ihrer Anwesenheit an der Universität ist es nicht das Hauptinteresse von Studierenden oder Forschenden, welche Spuren sie in der Universität hinterlassen. Die Bibliothek muss diese Rolle für sie wahrnehmen – und das umfasst Schriften ebenso wie digitale Forschungsdaten. Dieser Auftrag zeigt nur einmal mehr, dass es darum geht, den individuellen Menschen konsequent im Auge zu behalten, vor oder hinter dem Bildschirm, mit oder ohne Buch, Geistes- oder Naturwissenschaftler, Studierender oder Forschender, in der Bibliothek oder von zu Hause arbeitend.

Mein Ziel in diesem Amt ist es, die SUB weiter auf ihrem Weg zu einer Werkstatt des Wissens voranzubringen. Die Innovationen müssen konsequent an den Nutzerbedürfnissen ausgerichtet werden, ohne dabei die traditionellen Funktionen der Bibliothek zu vernachlässigen. Zu einer guten Werkstatt gehört auch ein gutes Lager! Dies wird besonders deutlich, wenn wir uns den Auftrag der SUB als Hüter von universitären Wissensbeständen vor Augen führen.

Ich freue mich darauf, diese Zukunft gemeinsam mit Ihnen zu gestalten.

About the article

Published Online: 2014-11-26

Published in Print: 2014-12-19


Citation Information: Bibliothek Forschung und Praxis, ISSN (Online) 1865-7648, ISSN (Print) 0341-4183, DOI: https://doi.org/10.1515/bfp-2014-0056.

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