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Bibliothek Forschung und Praxis

Ed. by Bonte, Achim / Degkwitz, Andreas / Horstmann, Wolfram / Kaegbein, Paul / Keller, Alice / Kellersohn, Antje / Lux, Claudia / Marwinski, Konrad / Mittler, Elmar / Rachinger, Johanna / Seadle, Michael / Vodosek, Peter / Vogt, Hannelore / Vonhof, Cornelia

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1865-7648
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Volume 38, Issue 3

Issues

Bibliotheken ohne Bestand?

Bestandsaufbau unter digitalen Vorzeichen

Klaus Kempf
Published Online: 2014-11-26 | DOI: https://doi.org/10.1515/bfp-2014-0057

Zusammenfassung

Über Jahrhunderte war die Bibliothek in ihrem Dienstleistungsangebot primär auf die eigene Sammlung fixiert. Mit dem Aufkommen der digitalen Information, der Entwicklung des Internet und der Herausbildung der sog. Hybridbibliothek erfolgte ein Paradigmenwechsel: An die Stelle der traditionellen Bestands- und Medienorientierung trat das neue Paradigma einer primären Service- und Nutzerorientierung. Der Sammlungsbegriff erlebt eine Erweiterung in dem nun auch lizenzierte (digitale) Medien zum „Bestand“ einer Bibliothek gezählt werden. Das vermehrte Publizieren im Wege des Open Access stellt die grundlegende Funktion der Sammlung – und damit der Bibliothek –, nämlich dauerhaft Zugang zur Information zu schaffen, radikal in Frage. Vor diesem Hintergrund und der Tendenz, dass sich in der all-digital-world von morgen das Sammlungsobjekt radikal verändern wird – der Text und damit die klassische Publikation als dominierende Form der Informationsvermittlung im Wissenschaftsbetrieb dankt zu Gunsten einer neuen Hegemonie des Bildes und/oder multipler Darstellungs- bzw. Wissensvermittlungsformen ab – müssen auch der Sammlungsgedanke und die Art des Bestandsaufbaus neu gedacht werden. Das Schlagwort heißt hier künftig: radikale Arbeitsteilung. Nur noch wenige, bevorzugt große und besonders leistungsfähige Bibliotheken werden sich überhaupt der systematischen Sammlung von „Content“, welcher Art und in welcher Form auch immer, widmen. Diese Sammlungen werden jedoch global und spartenübergreifend, d. h. in Abstimmung nicht nur mit anderen Bibliotheken, sondern auch den anderen Gedächtniseinrichtungen, wie Archiven und Museen gepflegt werden. Die durchschnittliche wissenschaftliche Bibliothek, d. h. vor allem die Hochschulbibliotheken werden sich mit viel bescheideneren, eng am tatsächlichen Bedarf der jeweiligen Klientel orientierten (digitalen) Sammlungen bescheiden müssen. Eine Aufwertung erfahren die Sondersammlungen auch auf lokaler Ebene, sofern sie einzigartiges Sammelgut enthalten. Damit können auch kleinere Einrichtungen mittels ihrer Repositorien zu dem sich entwickelnden, weltweiten open access-dominierten „Sammlungsmosaik“ beitragen. Parallel dazu werden sich ausgewählte Bibliotheken in sog. virtuellen Forschungsumgebungen engagieren. Dies verlangt jedoch von ihnen, ein deutlich erweitertes und am konkreten Bedarf des jeweiligen Forschungsvorhabens orientiertes Dienstleistungsportefeuille aufzubauen, wobei die Sammlung und Vorhaltung von Information nur ein Teil der erwarteten Gesamtleistung sein wird. Fazit: Welches Schicksal die Bibliotheken als Institution auch nehmen werden, ihre Sammlungen und ihre Sammelaktivität werden auch in der Welt von morgen gefragt sein.

Abstract

For centuries the library was preliminary focused in its range of services on its own collection. With the rise of digital information, the development of the Internet and the development of the so called hybrid library a paradigm shift took place: The traditional orientation on collections and media was replaced by the new paradigm of service and user orientation. The concept of library collections is expanded by the addition of licensed (digital) media which are now included in the “holdings” of a library. More and more information resources are published according to ‘open access’ policies and radically call into question the basic idea of collections – and thus of libraries – which is providing permanent access to information. Against this background and the tendency, that the collection object in the all-digital-world of tomorrow will change dramatically – the text and the traditional publication as the dominant form of information exchange in academic life resigns in favour of a new hegemony of the image and/or multiple forms of representing information and disseminating knowledge – also the collection concept and the practice of collection development has to be rethought. In future the catchword is called: radical division of labour. Only a few, preferably large-scale and especially high-performance libraries, will deal with the systematic collection of “content” in any kind and form whatsoever. Those collections, however, will be maintained globally and across all divisions, this means in coordination not only with other libraries but also with other memory institutions, such as archives and museums. The average academic library, especially the university libraries, will remain with far more modest (digital) collections, oriented closely towards the actual needs of their respective users. Special collections also on local level will be revalued, provided that they contain unique collection items. Thereby also smaller institutions can contribute with their repositories to the developing, worldwide, open access dominated “collection mosaic”. In parallel, selected libraries will engage in so-called “virtual research environments” (VRE). This, however, requires them to build up a clearly extended service portfolio oriented towards the needs of the respective research project, whereby the collection and provision of information is only part of the expected overall performance. In conclusion: Whichever destiny libraries as institutions will take, their collections and their collection activities will be in demand also in tomorrow’s world.

Schlüsselwörter: Sammlung; Bestandsaufbau; Erwerbung; digitale Bibliothek; Hybridbibliothek

Keywords: Collection; collection building; acquisition; holding; digital library; hybrid library

1 Einleitung

Das Sammeln, d. h. der Auf- und Ausbau der eigenen Bestände, hat seit Bestehen der modernen Bibliotheken deren Denken und Handeln bestimmt. Die organisatorischen Strukturen und Abläufe der Bibliothek haben bis heute den Bestandsaufbau als Ausgangspunkt für alle weiteren Überlegungen und Maßnahmen.1 Die eigene Sammlung bzw. deren Ausbau und Pflege als wesentlicher Bezugspunkt gilt auch für das Verhältnis der Bibliothek zum Benutzer. Im Mittelpunkt der meisten bibliothekarischen Servicekonzepte steht bis heute die eigene Sammlung, deren Vermittlung und Bereitstellung in unterschiedlicher Form. Man kann es mit Francis Miksa auf die kurze und griffige Formel bringen: „Die Bibliothek, wenn sie etwas ist, dann ist sie eine Sammlung, wenn es keine Sammlung mehr gibt, gibt es auch keine Bibliothek mehr“.2

Im elektronischen Zeitalter, mit dem Aufkommen der digitalen Information und vor allem mit deren Verbreitungsmöglichkeiten über das Internet ist diese Gewissheit ins Wanken geraten. Sie ist mit Fragezeichen versehen worden, ja es kommt sogar zu einer radikalen Infragestellung des bisher existierenden, uns vertrauten, bestandszentrierten Bibliotheksparadigmas: „Die Zukunft der bibliothekarischen Sammlung wird sein, dass es keine Sammlung(en) mehr gibt“ oder „Die Bibliothek wird alles sein, aber keine Sammlung mehr“ hört man aus amerikanischen Bibliothekskreisen.3 Nicht nur die zentrale Bedeutung der Sammlung, ihrer Pflege und ihres weiteren Ausbaus, ihre Notwendigkeit an sich wird in Frage gestellt. Die wissenschaftliche Bibliothekswelt ist in einer wesentlichen Grundsatzfrage, ja in ihrem Selbstverständnis verunsichert. Alternative Konzepte werden diskutiert, eine grundlegende Neuausrichtung des bibliothekarischen Arbeitens und des Servicekonzepts wird verlangt.

Zur Neuorientierung gehört zum einen, sich die Grundlagen und historischen Wurzeln des tradierten, auf der eigenen Sammlung aufsetzenden Bibliothekskonzepts zu vergegenwärtigen und sich klar zu machen, wo wir derzeit stehen, also eine tiefgreifende, durchaus auch selbstkritische Ist-Analyse zu betreiben. Zum anderen ist es notwendig zu fragen, wie der Sammlungsgedanke und dessen Umsetzung, ein wie auch immer betriebener Bestandsaufbau unter radikal veränderten Rahmenbedingungen aussehen kann und im Gefolge die Frage zu stellen, wie die Bibliothek von morgen und ihre Funktion aussehen kann. Wenden wir uns zunächst dem Gestern und damit dem Ursprung der bibliothekarischen Sammlungsidee zu.

2 Der Bestandsaufbau in der „gedruckten Welt“ von gestern

Die moderne Bibliothek hat ihren Ursprung in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Damals als sich in Europa big bang-artig eine neue Idee des Sammelns von Kuriosità und natürlichen wundersamen Dingen zwischen Adeligen und aufkommendem Bürgertum ausbreitete, was in die Schaffung sog. Kunst-und Wunderkammern mündete, schlug auch die Geburtsstunde der bibliothekarischen Sammlungen. Den zeit- und kulturgeschichtlichen Hintergrund bildeten die Entdeckungen neuer Erdteile und (See-)Verkehrswege sowie bahnbrechende Erfindungen, wie z. B. des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Johann Gutenberg, die wiederum vielfältige Innovationsschübe in Wirtschaft und Gesellschaft weit über die nunmehr erheblich erleichterte und vor allem beschleunigte Medienproduktion hinaus zur Folge hatte. Im Gefolge der sich daraus ergebenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbrüche ergaben sich neue Wert- und Nützlichkeitsvorstellungen. Der rein materielle und/oder religiöse Wert von Dingen, wie er noch in den mittelalterlichen Schatzsammlungen zum Ausdruck kommt, tritt in den Hintergrund. Wichtiger sind nun den Sammlungsobjekten innewohnende Eigenschaften, die auf Information und Wissen abstellen bzw. befördern, dazu treten gegebenenfalls ästhetische Aspekte sowie der Erkenntnisgewinn, der sich aus der Sammlung unterschiedlicher Objekte ergibt.4

Beim Büchersammeln trat sehr bald das Interesse am Inhalt, also am Informationsgehalt gegenüber dem ästhetisch geleiteten Interesse an dem Gegenstand Buch in den Vordergrund. Alleine, viele Bücher anzuhäufen, macht jedoch noch keine Sammlung, keinen Bestand und vor allem keine Bibliothek aus.5 Der Erwerb von Büchern und das Herausbilden eines Bestandes sollte gewissen Anschaffungsgrundsätzen genügen. Die theoretische Forderung der Neuzeit war die Universalität. Formuliert wurde sie erstmals von Gabriel Naudé. In seinem 1627 und dann erneut 1644 erschienen Werk Advis pour dresser une bibliothèque formulierte er das Ziel, umfassend auch das „häretische“ und scheinbar wertlose zu sammeln, um auf dieser Grundlage zu einem unabhängigen Gesamturteil zu kommen.6 G.W. Leibniz ging noch einen Schritt weiter. Er setzte das Anlegen von Büchersammlungen in einen sozioökonomischen Kontext, ja er sah im Aufbau von Wissensspeichern und ‑Nachweissystemen als Teile einer fortschrittsfördernden wissenschaftlichen Infrastruktur eine zentrale Aufgabe des territorialen Wohlfahrtsstaates. Dabei war sein Ziel, den enzyklopädischen Bibliotheksbestand standortunabhängig und mehrdimensional zu indizieren. Wenn er sich in Hannover bzw. Wolfenbüttel auf die „Kern-Bücher“ zu den einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen beschränken wollte, so war dies primär wirtschaftlichen Überlegungen geschuldet, d. h. der Knappheit und vor allem der fehlende Stetigkeit der für die fortlaufende Anschaffung der Literatur benötigten finanziellen Mittel.7

An der Universität Göttingen wurde erst Anfang des 18. Jahrhunderts diesem Umstand abgeholfen und der für die moderne Bibliothek und deren Bestandsaufbau kennzeichnende Aspekt der Nachhaltigkeit nahm in Form einer fortlaufenden Erwerbung aufgrund eines steten, für die damaligen Verhältnisse üppigen (Gesamt-)Budgets Gestalt an.8 Göttingen blieb aber über sehr lange Zeit eine Ausnahme. Von einigen wenigen Fällen abgesehen dominierte daher bis weit in das 19. Jahrhundert hinein eine sprunghafte, d. h. anlass- und gelegenheitsbezogene, oftmals durch politische Ereignisse (Stichwort: Säkularisierung) begründete Bestandsmehrung.9 Die „goldene Zeit“ des Bestandsaufbaus hat ihren Beginn im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Wissenschaft und Forschung hatten jetzt einen ganz anderen Stellenwert. Der rasante technische Fortschritt und der damit verbundene enorme, die gesamte westliche Hemisphäre erfassende wirtschaftliche Aufschwung machten auch vor den Bibliotheken nicht halt. Die Staats-, Landes- und Nationalbibliotheken wurden von ihrer äußeren Anmutung her, aber auch unter dem Aspekt ihrer Bestandsgrößen zu nationalen Aushängeschildern. Die Universitätsbibliotheken vervielfachten ihre Bestände – dank entsprechender Budgets zum einen als Reaktion auf die beträchtlich gestiegene Nachfrage seitens der Forschenden bzw. Lehrenden und Studierenden nach wissenschaftlicher Literatur, zum anderen, aber das betraf im Prinzip alle Bibliotheken, das weit überproportional gewachsene Publikationsaufkommen und damit einhergehend das immer reicher werdende Literaturangebot. An der Spitze der neuen „Bestandsmillionäre“ rangierten die Bibliotheken der amerikanischen (privaten) Eliteuniversitäten, aber auch die deutschen Universitätsbibliotheken erlebten hier einen bis dahin, was Bestandsmehrung und -größe angeht, nicht gekannten Aufschwung.

Der Bestandsaufbau wurde jetzt zu einer Kernaufgabe der (wissenschaftlichen) Bibliothekare. Sie hatten sich als eigene Berufsgruppe etabliert bzw. sich mit einem zeitgemäßen Berufsbild versehen. In Deutschland gab es seit 1909 in der Theorie und dann ab den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts auch in der Praxis das Berufsbild des Fachreferenten.10 Zu dessen Hauptaufgaben zählte der Bestandsaufbau. Dabei unterscheidet man zwischen unterschiedlichen Konzepten, nämlich zwischen dem sog. frequenz- oder bedarfsorientierten und dem systematischen Bestandsaufbau. Das Ideal ist letzterer, d. h. der über die Befriedigung des bloßen Tagesbedarf der zu versorgenden Nutzergruppe hinausreichende, den künftigen Bedarf antizipierende sowie eine ausgeglichene, also möglichst alle Aspekte eines Wissenschaftsfaches einschließende Bestandsentwicklung gleichermaßen berücksichtigende Literaturerwerb. In der bibliothekarischen Praxis dominierten natürlich schon mit Blick auf die sehr unterschiedlichen Budgetverhältnisse Mischlösungen. Dabei herrschte eine rein lokale Sicht der Dinge vor. Im Unterschied zu anderen bibliothekarischen Themen, wie insbesondere im Bereich der Katalogisierung, wo es vergleichsweise früh zu nationalen und schließlich zu einem internationalen Meinungsaustausch und sogar zu verbindlichen Absprachen sowie Standardisierungsversuchen kam, wurden Bestandsaufbaufragen und Fragen der Bestandsentwicklung als rein institutionsbezogene, ja bibliotheksindividuelle Thematiken eingestuft und schon auf nationaler Ebene unter dem Aspekt möglicher Arbeitsteilung kaum erörtert.11 Überlegungen über einen etwaigen regional oder auch national abgestimmten Ausbau der Bestände im Sinne von kooperativen Erwerbungs- und Sammlungsabsprachen blieben in allen Ländern, einschließlich den USA mit einer einzigen Ausnahme entweder rein theoretischer Natur oder endeten als Stückwerk.12

Fast das gesamte 20. Jahrhundert war dank anhaltender wirtschaftlicher Prosperität, dies gilt grundsätzlich auch für die jeweiligen Nachkriegszeiten, die weitere Bestandsentwicklung im Sinne eines steten Wachstums und Ausbaus der (lokalen) Bestände eigentlich nie in Frage gestellt. Im Gegenteil. Die Vervollständigung der eigenen Sammlungen und die geradezu expansiv betriebene Bestandsmehrung waren zu einem Dogma eigener Art geronnen. Bestandsgröße wurde bis in die jüngste Vergangenheit hinein – eine Untersuchung weist dies nunmehr für die US-amerikanischen Universitätsbibliotheken explizit nach – mit Bestandsqualität, ja der Qualität einer Bibliothek schlechthin gleichgesetzt. Darüber hinaus war man – unter US-amerikanischen Bibliothekaren – der festen Überzeugung, dass mit den Sammlungen bleibende Werte von herausragender strategischer Bedeutung geschaffen und damit das Prestige der eigenen Hochschule nachhaltig befördert würden.13

3 Der Bestandsaufbau in der „Hybridbibliothek“14

3.1 Die „Kulturrevolution“ Internet

Die Digitalisierung von Information und vor allem das Aufkommen und scheinbar unbegrenzte Expandieren des Internets ist nicht nur ein informationstechnologischer Quantensprung, sondern diese Erfindung ist dabei, die gesamte Informations- und Kommunikationskultur und damit Wissenschaft und Forschung, ja die Gesellschaft ganz allgemein weltweit tiefgreifend zu verändern: „Wherever communication changes, foundations of society change.“15 Der Umbruch ist so gewaltig, dass es durchaus angebracht erscheint, von einer „(Informations-)Kulturrevolution“ zu sprechen. Wie so oft in der Menschheitsgeschichte haben Zeitgenossen epochaler Veränderungen Mühe, historische Ereignisse in ihrer ganzen Tragweite zu erkennen und einzuordnen. Das war zur Zeit Gutenbergs so und heute ist es nicht anders.

Die (gedruckten und digitalen) Veröffentlichungen zum Thema Internet und seinen vielfältigen Aus- bzw. Wechselwirkungen sind mittlerweile Legion.16 An dieser Stelle kann nicht näher darauf eingegangen werden. Das Phänomen Internet soll jedoch in seinen quantitativen und qualitativen Dimensionen zumindest ansatzweise umrissen werden. Mit Blick auf das hier zu behandelnde Thema soll insbesondere schlaglichtartig vor Augen geführt werden, welcher dramatische Wandel sich in jüngster Vergangenheit im sog. informationellen Umfeld der Bibliotheken vollzogen hat bzw. sich bis heute vollzieht und wie sehr damit die tradierten bibliothekarischen Service- und Leistungserstellungskonzepte in Frage gestellt werden.

Zunächst ein Wort zur produzierten Informationsmenge. Nicht umsonst spricht man heute von einer „Informationsflut“: Soviel Information, vor allem soviel an Informationszuwachs gab es noch nie in der Menschheitsgeschichte. Das weltweite (gedruckte) Literaturaufkommen wächst jährlich nach wie vor um ca. 2–3 %. Jedes Jahr erscheinen zur Frankfurter Buchmesse, der weltgrößten Veranstaltung dieser Art, ca. 100 000 Bücher neu. Aber das ist bezogen auf die Informationsgesamtproduktion weltweit nur noch eine Randgröße.17 Der eigentliche „information big bang“ spielt sich im digitalen Bereich ab. Die weltweit verfügbare Informationsmenge belief sich nach einer Untersuchung Ende 2011 auf 1,8 Zettabyte, also 1,8 Billionen Gigabytes.18 Sie verdoppelt sich in einem Rhythmus von etwa zwei Jahren, liegt also mittlerweile beim Doppelten der vorstehend genannten Werte.19 Die Produktion wissenschaftlicher Information bleibt von dieser rasanten Entwicklung natürlich nicht verschont. Sie ist nach den Forschungen von Derek de Solla Price in den zurückliegenden 300 Jahren exponentiell gewachsen.20 Über alle Wissenschaftsdisziplinen hinweg hat sich das Wissen seit der Mitte des 17. Jahrhunderts fast im Sinne eines Naturgesetzes etwa alle 10–20 Jahre verdoppelt. Im digitalen Zeitalter ist zumindest in ausgewählten Fächern eine weitere Beschleunigung festzustellen. Hier geht man heute teilweise von einem 5–12‑jährigen Zyklus aus.21

Zu dieser „Informationsflut“ gesellt sich eine neue Informationsqualität.22 Digitale Information ist prinzipiell nicht nur orts- und zeitungebunden, abruf- bzw. nutzbar, sie erlaubt auch eine bis dahin nicht gekannte Flexibilität in ihrer Übertragbarkeit und ihrer Weiterverarbeitung. Es werden darüber hinaus – Stichwort Multimedia – ganz neue Dimensionen in der Kombination unterschiedlicher Informations- und Dokumentationsformen, also von Text, Foto und Film sowie Grafik, Animation und Ton erreicht. Die jüngste Entwicklung ist die weltweit zu verzeichnende, explosionsartige Verbreitung und Nutzung von mobilen Datenendgeräten (iPad, Smartphone usw.) unterschiedlichster Art und der damit abrufbaren Informationsangebote. Der Nutzer kann jetzt wirklich 24 Stunden von überall in der Welt ganz nach persönlichem Geschmack auf Informationen jeglicher Form und Inhalt zurückgreifen, sie weiter verarbeiten und speichern.

Die neuen Informationsmöglichkeiten und -formen bleiben nicht ohne Folgen auf das Informations- bzw. Rezeptionsverhalten der Menschen. Letzteres ist insgesamt sehr viel punktueller und fraktaler geworden. Dieses Phänomen korrespondiert seinerseits wieder mit den immer kürzer werdenden „Informations- bzw. Wissenshalbwertzeiten“, was wiederum die Informations(verbreitungs)zyklen erhöht. Die Notwendigkeit, das Wissen stetig aktuell zu halten und damit sich stetig neu informieren zu müssen, mündet in das heute so oft postulierte „Lebenslange Lernen“, womit sich der Kreis von Informationsproduktion und Informationsrezeption wieder schließt.

Dem Internet wird auch eine „Demokratisierung“ von Information nachgesagt. Nach der oben zitierten Berkeley Studie, befindet sich die Mehrheit an Information heute in privaten Haushalten bzw. wird von Individuen erzeugt und vorgehalten.23 Der eigentliche epochale Fortschritt ist aber nicht so sehr die Möglichkeit des Einzelnen, Information jederzeit abrufen zu können, sondern er besteht vor allem in der grundsätzlichen Möglichkeit für jedermann, aktiv, zeit- und ortsunabhängig ins Informationsgeschehen einzugreifen, d. h., eigenständig Information zu erzeugen, also veröffentlichen und verbreiten zu können. Das gilt natürlich vor allem auch für die Produktion und Verbreitung wissenschaftlicher Information. Man kann sagen, der Wissenschaftler in seiner Funktion als Autor emanzipiert sich von der bisherigen, über Jahrhunderte festgefügten sog. Informations- bzw. Wertschöpfungskette: Autor – Verlag – Buchhandel – Bibliothek – Leser.24 Das sog. Self-Publishing ist ein anhaltender Hype.25

Das Internet eröffnet aber nicht nur dem einzelnen ungeahnte neue Perspektiven, sondern entfaltet auch eine gewaltige gesamtwirtschaftliche Sogwirkung. Laut dem amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Gary Hammel hat es nicht nur bezogen auf den Informationsmarkt sondern ganz allgemein bewirkt, dass

  • lokale Monopole an den Märkten aufgebrochen und

  • Markteintrittsbarrieren für „Newcomer“ erheblich abgesenkt wurden.26

Information ist in der heute oft und viel beschworenen „Wissensgesellschaft“ der wichtigste Rohstoff. Die Erzeugung bzw. der Umgang mit Information verspricht erhebliche Gewinnchancen und Renditen.27 Neue Marktteilnehmer drängen mit Nachdruck auf den global gewordenen Informations- und Medienmarkt und machen den alteingesessenen Akteuren in der Informationskette (Verlag, Buchhandel, Bibliothek) die oligopolisierten oder gar monopolisierten Aktionsfelder streitig. Es sind ganz neue Typen von Informationsanbietern, wie die Suchmaschinenentwickler bzw. -betreiber Google & Co. entstanden. Der Informationsmarkt wurde und wird dadurch in allen Bereichen gehörig durcheinander gewirbelt. In einem scharfen globalen Wettbewerb wird letztlich ausgemacht, wer die Gewinner und Verlierer dieses historischen Umbruchs sein werden.

Was heißt dies nun für die Bibliotheken? Ihre einstige dominierende Rolle in vielen Bereichen der (qualifizierten) Informationsversorgung haben sie bereits seit geraumer Zeit weitgehend eingebüßt. Jetzt wird es für sie auch in Bereichen, die sie nach wie vor als ihr „Kerngeschäft“ reklamieren, bald keine wettbewerbsfreien Nischen mehr geben.28 Sie werden sich dem Phänomen Wettbewerb in vollem Umfang stellen müssen. Dabei kommt es einerseits zu einem sich verschärfenden (Qualitäts-)Wettbewerb der Bibliotheken untereinander,29 andererseits, und das wiegt sehr viel schwerer, kommt es zum Konkurrenzkampf mit den neuen, sich auf dem Informationsmarkt etablierenden und immer ungestümer auch in das „core business“ der Bibliotheken eindringenden kommerziellen Dienstleistern.30 Der Wettbewerb als neues und belebendes Element am Informationsmarkt sowie den unmittelbar daran angrenzenden Märkten, z. B. dem für Aus- und Weiterbildung i. w. S., stand auch Pate bei der Geburt des Begriffs und des Konzepts der „Hybridbibliothek“.

3.2 Definition und Konzept der „Hybridbibliothek“

„Hybrid“ heißt nach dem Brockhaus „aus Verschiedenem zusammengesetzt; von zweierlei Herkunft; zwitterhaft“.31 Die Verbindung dieses Begriffs mit dem Terminus „Bibliothek“ stammt aus der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre und kommt von britischen Bibliothekaren.32 Der Begriff „hybrid library“ lässt mehrere Deutungsmuster zu. Sutton,33 der den Begriff zum ersten Mal gebrauchte, stellt einen evolutorischen Aspekt in den Vordergrund. Er sieht eine logische Entwicklung von der traditionellen Bibliothek, über die „automatisierte Bibliothek“, hier wird gedruckte Information automatisiert verwaltet bzw. angeboten hin zur „Hybridbibliothek“ und schließlich zur „digitalen Bibliothek“, welche nur noch digitale Information verwaltet und anbietet. Insofern ist die „Hybridbibliothek“ ein zwangsläufiger, aber in seiner Zeitdauer auch absehbarer „evolutionsbedingter Zwischenschritt“, eine vorübergehende Erscheinung. Sutton betont dann auch „the balance of print and digital information leans increasingly toward the digital“.34 Mehrheitlich herrscht in der Literatur die Auffassung, dass dieser transitorische Zustand noch geraume Zeit anhalten wird. Dabei wird je nach Bibliothekstyp bzw. dessen konkreter Aufgabenstellung der Anteil der digitalen Information, wie von Sutton vorhergesagt, im Zeitablauf ein mehr oder minder deutliches Übergewicht gegenüber der gedruckten gewinnen.

Was ist der Inhalt des Hybridbibliothekkonzepts? Stellvertretend für mehrere Autoren sei hier Murray zitiert:35 „[...] (a hybrid library is, Anm. des Verf.) a managed environment providing integrated and contextualised access to an extensible range of information services independent of location, format, media and curatorial domain within an business framework“. Wo und was ist das Neue bei diesem Konzept? Das Neben- und/oder Miteinander unterschiedlicher Medientypen in Bibliotheken ist nichts Neues, dieses wird von vielen Bibliotheken seit geraumer Zeit mehr oder minder erfolgreich praktiziert. Seit einiger Zeit bieten Bibliotheken ihren Nutzern auch bereits digitale Informationen in unterschiedlicher Form (on- und offline) an, ohne dass deswegen von einer konzeptionellen Neuausrichtung die Rede ist. Neu bei dem vorstehenden Konzept ist die Forderung nach einer eindeutigen, ja radikalen Nutzerakzentuierung des „hybriden“ Informationsangebots.36 Die Bibliothek soll nicht mehr vordergründig bestands- oder medienbezogen planen, organisieren bzw. agieren, sondern den Nutzer mit seinen sehr unterschiedlichen Informationsbedürfnissen zum obersten Ziel und zum alleinigen Maßstab ihres gesamten Planens und Handelns machen.37 Damit steht bei einer Dienstleistung nicht mehr das Potential des lokalen Bestandes, der eigenen Sammlung bzw. Sammlungen im Vordergrund, sondern im Zweifelsfall wird unter Beachtung der jeweiligen Rechtesituation primär auf Fremdressourcen zugegriffen und die Bibliothek tritt nur noch rein vermittelnd als Intermediär, nicht mehr aus eigenen Ressourcen schöpfend, in Erscheinung. Das kommt natürlich einem Paradigmenwechsel gleich.38 Die eigene (lokale) Bestandsbildung und Sammlungstätigkeit wird nicht mehr als prioritär bei der Konzeption des Dienstleistungskonzepts, sondern nur noch als eine (!) Möglichkeit unter mehreren gesehen, um die Informationsbedürfnisse des Benutzers möglichst rasch, effektiv und komfortabel befriedigen zu können.39

Diese konzeptionelle Neuorientierung ist gleichzeitig Ausgangspunkt und Eckpfeiler einer neu zu entwickelnden Kooperations- und Wettbewerbsstrategie der Bibliothek. Letztere verdient hier ausdrücklich Erwähnung, da sich das Verhältnis der Bibliothek zu anderen Einrichtungen in ihrem unmittelbaren und mittelbaren Umfeld vermehrt „hybrid“, d. h. ambivalent im Sinne eines neuen Rollenverständnisses und einer neuen Arbeitsteilung gestaltet. Davon betroffen sein kann das Verhältnis zu unmittelbar angrenzenden anderen Organisationseinheiten der gleichen Institution, wie z. B. im Falle einer Hochschulbibliothek das Verhältnis zum hochschuleigenen Rechenzentrum und/oder zu den Fakultäten, also zu den Wissenschaftlern. Betroffen sein können aber auch die Beziehungen zu anderen Informationseinrichtungen, wie Archiven und Museen oder auch zu kommerziellen Dienstleistungsunternehmen, also Buchhandlungen, Zeitschriftenagenturen oder auch den neuen Marktteilnehmern, wie den sog. E-Book-Aggregatoren und den (kommerziellen) Suchmaschinenbetreibern. Hier wird es vermehrt zu einem neuen Mit- und Gegeneinander kommen. Phasen der Kooperation werden mit Phasen des Wettbewerbs wechseln, aus Partnern werden eventuell Konkurrenten und umgekehrt.

3.3 Sammeln in der „Hybridbibliothek“

Die Umsetzung des Hybridbibliothekkonzepts beginnt zwangsläufig im Bereich Bestandsaufbau und Erwerbung. Der Sammlungsbegriff muss neu definiert werden, das Sammelverhalten muss sich ändern und die Sammlung muss sich neu formieren und vor allem präsentieren. Dies diktieren vor allem die Besonderheiten der digitalen Medien, aus denen sich veränderten Kooperationsmöglichkeiten (im Bibliotheksbereich) ergeben, die aber auch veränderte Konkurrenzverhältnisse am Informationsmarkt, wie oben erwähnt, zur Folge haben. Ausschlagend für eine neu auszurichtende Sammelpolitik ist eine weitere Variable im unmittelbaren Umfeld der Bibliotheken, nämlich das einschneidend veränderte und sich weiter verändernde Nutzerverhalten.40 Aber der Reihe nach.

Der ganz überwiegende Teil der Bibliotheken erwirbt nach wie vor – in Abhängigkeit von den jeweiligen finanziellen Möglichkeiten – in erheblichem Umfang analoge, d. h. gedruckte Materialien. Ein Gutteil oder gar schon das Gros des für den Medienerwerb zur Verfügung stehenden Budgets wird jedoch mittlerweile in zahlreichen wissenschaftlichen Bibliotheken, d. h. vor allem in den Universitätsbibliotheken, für den Erwerb von digitalen Informationsressourcen aufgewandt.41 Ihrem Sammeln, ihrem Erwerb ist daher besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Die Erwerbungsgrundsätze und Beschaffungswege der „alten“ gedruckten Welt haben in der „neuen“ digitalen Welt ihre Gültigkeit zumindest teilweise, wenn nicht ganz eingebüßt.42 Die spezifischen technisch-organisatorischen Eigenschaften der digitalen Information und die bei ihrem Bezug sowie bei ihrem Einsatz zu beachtenden rechtlichen Besonderheiten verlangen nach anderen Erwerbungsgrundsätzen und anderen Beschaffungsmethoden. Die Hybridbibliothek, die ja konventionellen und digital-multimedialen Medien gleichzeitig gerecht werden muss, verlangt vor diesem Hintergrund beim Bestandsaufbau einen „virtuosen Methodenmix“.43

Bei den gedruckten Materialien lässt sich das Erwerben in der Regel an folgenden Grundsätzen festmachen:

  • 1.

    Der Erwerb erfolgt vorrangig „just in case“, d. h. bei Erscheinen oder Vorliegen eines Werks mit Blick auf einen eventuellen künftigen Bedarf.

  • 2.

    Die Erwerbungsentscheidung richtet sich bei jedem einzelnen Buch- oder Zeitschriftentitel primär am lokalen Bestand und an den im Erwerbungsprofil formulierten Kriterien aus.

  • 3.

    Die Entscheidung trifft der (fachlich) zuständige Bibliothekar, i. d. R. der Fachreferent, der die Gesamtbestandsentwicklung in seinem Verantwortungsbereich im Blick hat.44

  • 4.

    Der Erwerb – bei Neuerscheinungen im Regelfall auf dem Kaufwege – hat zur Folge, dass die Bibliothek an dem Werk Eigentum erwirbt und das Werk auf Dauer Bestandteil des „Buchkapitals“ der Bibliothek wird. Aber nicht nur das: Sie verfügt wie bei anderen Wirtschaftsgütern über alle Eigentumsrechte, d. h., sie kann damit nach eigenem Gutdünken verfahren, u. a. es verleihen und zwar auch – im Rahmen der Fernleihe – an Benutzer anderer Bibliotheken.

  • 5.

    Mit dem konventionellen Medienerwerb, z. B. einem Buch, ergeben sich für die Bibliothek zunächst keine weiteren komplexen organisatorisch-technischen Frage- und Problemstellungen. Das erworbene Werk wird in den Bestand eingereiht, d. h. inventarisiert, erschlossen, ins Regal gestellt und bei Bedarf wird es entliehen. Das ist alles.

Beim Erwerb digitaler Medien gelten hingegen ganz andere Grundsätze und Regeln:

  • 1.

    Der Erwerb und die Beschaffung erfolgt hier primär nach sog. „just in time“-Überlegungen. Entscheidend ist nicht mehr die Frage der langfristigen, ausgeglichenen Bestandsentwicklung und ein vermutetes künftiges Nutzerinteresse, sondern der unmittelbare Nutzerwunsch, möglichst unterfüttert durch eine statistisch nachweis- bzw. überprüfbare tatsächliche Nutzung der einzelnen (Zeitschriften-/Datenbank-/E-Book-)Titel.45 Ein vorsorgeorientierter Bestandsaufbau findet so gut wie nicht mehr statt.46

  • 2.

    Die Titelauswahl und die Erwerbungsentscheidung werden zunehmend auf den Nutzer verlagert oder diesem sogar im technischen Sinne direkt im Rahmen eines sog. patron driven acquisition-Service (PDA) überlassen. Die vorsorglich in den lokalen OPAC seiner Heimatbibliothek eingestellten bibliographischen Daten erlauben es dem Nutzer im Rahmen seiner Literaturrecherche Bestellungen auch auf (gedruckte und elektronische) Monographien aufzugeben, die noch gar nicht zum Bestand der Bibliothek gehören. Der für die Erwerbung eigentlich zuständige Bibliothekar ist hier i. d. R. nur noch die sekundäre, verifizierende Instanz.47

  • 3.

    Bei den e-Medien dominiert der Sammelerwerb.48 Bei E-Books sind dies oft sog. Paketkäufe entweder direkt von den Verlagen oder über entsprechend kompetente Buchhändler oder auch über die neuen Akteure am Medienmarkt, in diesem Fall die sog. E-Book-Aggregatoren. Letztere sind Dienstleistungsunternehmen, die von Verlagen, die selbst keine Vertriebsorganisation aufbauen wollen oder können, den Vertrieb der E-Book-Produktion verlagsübergreifend übernehmen.49 Der Erwerb kann dabei auch über sog. konsortiale Einkaufsgemeinschaften von Bibliotheken erfolgen. In den letzten Jahren haben sich diese Zusammenschlüsse im Bibliothekswesen weltweit durchgesetzt.50 Es gibt Konsortien in unterschiedlichster Gliederung, regionale, nationale und internationale Zusammenschlüsse. Sie sollen die Marktmacht der nachfragenden Bibliotheken gerade gegenüber den großen Wissenschaftsverlagen stärken. Die Konsortien erwerben grundsätzlich für oder im Auftrag ihrer Mitglieder alle möglichen, kommerziell vertriebenen e-Ressourcen. Im Vordergrund stehen jedoch Zeitschriften, Datenbanken und E-Books. Es haben sich die unterschiedlichsten Erwerbungsmodelle herausgebildet. Der einst in seinen unterschiedlichen Varianten dominierende sog. big deal, d. h., die am Konsortium beteiligten Bibliotheken erwerben ganze oder Teile von Verlagsprogrammen, auch Ressourcen, die sie vielleicht kaum oder gar nicht benötigen. Dieses Mehr an eigentlich nicht benötigter Information bringt jedoch auf das einzelne, damit erworbene Werk und/oder die Nutzerzugriffe umgerechnet erhebliche Preisvorteile mit sich und wurde zuletzt mehr und mehr durch differenziertere, auf die tatsächliche Bedarfssituation zugeschnittene konsortiale Lizenzmodelle abgelöst.51 Mit dem konsortialen Erwerb wird natürlich eine Art von kooperativem Bestandsaufbau geleistet und zwar im Unterschied zur vormaligen Printwelt interessanterweise i. d. R. bei von allen häufig genutzten Beständen, die im „klassischen“ Bestandsaufbau lokal strikt getrennt von einander gehalten wurden.52 Je nach vertraglicher Vereinbarung haben die Konsortialteilnehmer z. B. über eine sog. „united title list“ einen gemeinschaftlichen (Zeitschriften-)Titelpool mit einheitlichen Zugriffsrechten für Nutzer unterschiedlicher Heimatbibliotheken.

  • 4.

    Die alles entscheidende Neuerung ist jedoch die Tatsache, dass die Bibliotheken aufgrund der spezifischen Urheberrechtssituation bei digitalen Medien beim Erwerb keine Käufe mehr tätigen, also kein Eigentum (mit allen oben erwähnten Konsequenzen, sprich: Vorteilen) mehr erwerben, sondern beim Erwerb von kommerziell vertriebenen, urheberrechtsgeschützten, also neu erschienen digitalen Werken nur noch (Einzel- oder Sammel-)Lizenzen erwerben. Hier gilt access versus ownership, d. h., die Bibliothek erwirbt kein Eigentum mehr, sondern sie erwirbt nur noch das Recht auf Zugang zu einer Informationsressource. Damit gehen die Bibliotheken – je nach konkreter Ausgestaltung der Lizenzabkommen – nicht nur „Beziehungen auf Zeit“ ein, d. h. nach Ablauf der vereinbarten Lizenzlaufzeit droht bei einer Nichtverlängerung der Lizenz u. U. der Verlust der Zugriffs- und Archivrechte auch für bereits „erworbene“ Informationsressourcen, sondern sie begeben sich vor allem der im Bibliothekswesen traditionellen Möglichkeiten des „resource sharing“, d. h. vor allem der Weitergabe der Medien in Form der Fernleihe an andere Bibliotheken. Hinzukommt die Verpflichtung zu einem weitreichenden Rechtemanagement (digital right management, DRM), da so gut wie jede Lizenzvereinbarung in diesem Bereich nur auf eine bestimmte, vorab genau zu definierte bzw. zu kontrollierende Nutzergruppe und/oder Nutzungsform/-häufigkeit abstellt.

  • 5.

    Gerade das Letztgenannte hat erhebliche organisatorisch-technische Fragestellungen zur Folge bzw. erfordert beträchtliche Investitionen in Hard- und Software, die für den Betrieb der e-Medien unerlässlich sind. E-Medien, ihre Verwaltung, ihre Integration in das Servicekonzept der Bibliothek (von der Freischaltung mit allen technischen und rechtlichen Aspekten bis hin zur eventuell notwendigen Nutzerschulung) und vor allem ihre Langzeitsicherung haben einen im Vergleich zu analogen Medien erheblich höheren Pflegeaufwand zur Folge. Dies ist großenteils bereits im Erwerbungszeitpunkt zu berücksichtigen bzw. abzuklären, da die Bibliothek sonst u. U. von einer Erwerbung Abstand nimmt.

Es wird deutlich, dass die „Hybridbibliothek“ einen deutlich erweiterten Sammlungs- und Bestandsaufbaubegriff mit sich bringt. Ihr Bestand ist unter mehreren Aspekten viel bunter und vielschichtiger geworden. Heute umfasst er neben käuflich erworbenen, gedruckten Monographien und (immer weniger werdenden) Zeitschriftentitel, die sich auf Dauer im Besitz und vor allem im Eigentum der Bibliothek sowie sich auch physisch in deren Händen bzw. Regalen befinden, digitale Medien, die ganz andere Merkmale aufweisen. Letztere werden meist kooperativ, d. h. zusammen mit anderen Bibliotheken konsortial und i. d. R. zeitlich befristeten auf Lizenzbasis erworben.53 Die Lizenz beinhaltet nur den Zugang zu E‑Books und e‑Zeitschriften sowie zu Datenbanken, wobei die physische Datenhaltung im Regelfall nicht mehr durch die Bibliothek, sondern durch die lizenzierenden Verlage selbst oder einschlägige Dienstleister erfolgt. Die kommerziell vertriebenen und erworbenen e‑Medien bilden jedoch nur einen, wenn auch (noch) den wesentlichen Anteil der e‑Medien an dem „hybriden Bestand“. Dazu kommen – im Sinne eines nochmals erweiterten Bestandsbegriffs – mehr und mehr digitale Veröffentlichungen oder präziser gesagt Materialien unterschiedlichen Typs und Herkommens, die im Sinne des sog. Open Access im Internet für jedermann frei zugänglich sind und gleichwohl unter bestimmten Voraussetzungen in den Bestand i. w. S. aufgenommen werden.54

3.4 Das Phänomen „Open Access“

Alle wissenschaftlichen Bibliotheken haben immer auch sog. graues Schrifttum gesammelt. Im bibliothekarischen Sprachgebrauch versteht man darunter Literatur, die außerhalb des Verlagsbuchhandels erscheint und i. d. R. nicht auf dem Kaufwege, sondern auf dem Tausch- oder auch auf dem Geschenkweg in die Bibliothek kommt. Neben Kleinschrifttum oftmals mit lokalem oder auch regionalem Bezug betraf dies früher vor allem sog. Preprints, Working- und Diskussionpaper, also Vorabveröffentlichungen wissenschaftlicher Beiträge aus der eigenen Hochschule oder auch von externen Forschungseinrichtungen. Früher war das systematische Sammeln dieses Materials insbesondere ein Thema für Spezialbibliotheken oder Bibliotheken mit speziellen Sammlungsschwerpunkten, für die durchschnittliche wissenschaftliche Bibliothek dagegen eher von peripherem Interesse. Auch in seinem Mengenaufkommen war es gegenüber dem (Verlags-)Schrifttum eher eine Randerscheinung.55

Mit dem Aufkommen des Internet und seinen extrem weitreichenden Möglichkeiten und Formen der Partizipation des Einzelnen am Informationsprozess hat sich dies radikal verändert. Sowohl nach Menge, Output, als auch nach inhaltlicher und formaler Vielfalt ist innerhalb kürzester Zeit die „graue“ Veröffentlichung oder besser gesagt, die außerhalb des „klassischen“ Verlagswesens erscheinende, im Wege des sog. Open Access zur Verfügung gestellte, „frei zugängliche“ Informationsressource, wie immer sie sich auch äußerlich und inhaltlich präsentieren mag, die zumindest quantitativ dominierende Erscheinung auf dem Informationsmarkt geworden. Dies gilt zunehmend auch für die wissenschaftlich relevante Information. Um die 20 % der im Moment formell publizierten wissenschaftlich relevanten Literatur erscheint als genuine Online-Veröffentlichung im Zuge des Open Access.56 Damit sind die Open-Access-Veröffentlichungen aber keine vernachlässigungsbare Größe mehr, sondern sie sind grundsätzlich zum Thema für den bibliothekarischen Bestandsaufbau geworden. Es stellt sich die Frage, was bietet sich in welcher Form als potentielles Sammlungsobjekt an?

Rufen wir uns aber zunächst nochmals in Erinnerung, was der Begriff „Open Access“ beinhaltet. Peter Suber definiert kurz und knapp: „Open access literature is digital, online, free of charge and free of most copy right and licencing restrictions.“57 Dies ist eine sehr weitreichende Definition, in der sich vieles verbergen kann. Die frei zugänglichen Netzressourcen entsprechen dann auch nur teilweise Literaturgattungen und Veröffentlichungstypen in der gedruckten Welt. Bleiben wir zunächst bei den printanalogen, uns vertrauten Gattungen, wie den Monographien: Hier wäre, wenn es um Neuerscheinungen geht, die Eins-zu-eins-Entsprechung im Moment die elektronische Dissertation oder, um ein Beispiel aus der vormals „grauen Literatur“ zu nehmen, auch die Online-Variante eines Preprint oder Workingpapers.58 Dazu treten im Sinne von frei verfügbaren „E-Books“ die mittlerweile massenweise im Netz zu findenden Retrodigitalisate (teilweise auch schon mit den dazu gehörigen Volltextversionen) von urheberrechtsfreien Monographien, die die Bibliotheken selbst oder zusammen mit Partnern weltweit aus eigenen bzw. fremden Beständen erzeugen und sie nun im Internet gemeinfrei anbieten.59 Langsam kommt auch das Angebot von „klassischen“ Monographien, die noch dem Urheberrecht unterliegen, in Schwung. Die Krux ist die Finanzierung. Hier wird neuerdings im Wege einer „Mindestsubskription“, die über das Internet vertrieben und sich primär an interessierte, d. h. zeichnungswillige Bibliotheken wendet, im Sinne eines erweiterten „author payed“ die Herausgabe von neuen Buchtiteln (durch kommerzielle Verlage) sichergestellt.60

Die andere printanaloge Gattung, die Zeitschrift, präsentiert sich zumindest im Moment unter Open-Access-Gesichtspunkten als besonders interessante Neuerung. Bei ihr bzw. den in ihr enthaltenen Beiträgen hat sich in Abhängigkeit vom Grad (und der Qualität) der freien Zugänglichkeit die Unterscheidung in eine Veröffentlichung des Typs

  • „goldener Weg“ oder

  • „grüner Weg“

am schnellsten und am umfassendsten durchgesetzt.61 Bei ersterem erfolgt die (Erst‑)Veröffentlichung eines Artikels in einer Open-Access-Zeitschrift, d. h., sie ist für jedermann ohne weitere Autorisierung und Authentifizierung, vor allem aber ohne lizenzrechtliche Barrieren, also kostenlos, zugänglich und nutzbar. Beim sog. grünen Weg erfolgt die primäre Veröffentlichung des Artikels in einem Periodikum mit einem traditionellen, d. h. i. d. R. auf Subskriptionen basierenden Geschäftsmodell eines kommerziellen Anbieters und ist folglich nur bedingt zugänglich, eben den Abonnenten bzw. im Falle der Bibliotheken, deren Benutzern, wenn die Bibliothek ein einschlägiges Abonnement unterhält. Gleichzeitig oder i. d. R. zeitlich versetzt wird der gleiche Artikel parallel dazu in einem institutionellen und/oder Fachrepositorium abgelegt und so über das Internet frei zugänglich angeboten.62 Hinzu kommt vermehrt die Variante des sog. Delayed Open Access, bei der ganze Jahrgänge ausgewählter Zeitschriftentitel nach Ablauf einer gewissen Embargofrist bzw. mit meinem sog. „moving wall“-Konzept im Sinne der O.A.-„green road“-Variante frei geschaltet werden.63

Die anfängliche Skepsis, ob sich das O.A.-Zeitschriftenpublikationsmodell, Typ Goldener Weg, am (Leser‑)Markt und vor allem aber in der Science Community, in der vor allem das Prestige, das Ranking des Zeitschriftentitels zählt, überhaupt durchsetzen würde, hat sich nicht bestätigt. Im Gegenteil: Waren es zu Beginn, d. h. 1993, noch ganze 20 Zeitschriftentitel weltweit, so waren es 2000 schon 741 Titel und 2009 bereits 4 767 Titel. Die darin veröffentlichten 191 851 Artikel entsprachen ca. 7,7 % aller damals veröffentlichten Artikel überhaupt. Das Wachstum setzt sich exponentiell fort: Ende 2012 waren geschätzt schon ca. 15,1 % der Artikel in O.A.-Titel veröffentlicht worden. Nach Hochrechnungen, die von einem weiterhin überproportionalen Wachstum der O.A.-Titel ausgehen, könnten rein rechnerisch in 10–12 Jahren, also im Jahr 2025 90 % aller Zeitschriftenartikel in O.A.-Periodika erscheinen.64 Das wäre eine wirkliche Revolution, würde doch damit ein Publikationssystem – der Autor wissenschaftlicher Information wendet sich an den Verleger, der die Zeitschrift produziert, der Zeitschriftagent verkauft sie und die Bibliotheken abonnieren sie für teures Geld und bieten sie den interessierten Nutzern an – das ca. 350 Jahre weitgehend unverändert geblieben ist, innerhalb von 30 Jahren zur Gänze umgebrochen oder besser gesagt, verschwunden sein. Es bleibt abzuwarten, ob sich dies wirklich bewahrheitet.65 Das Peer-Reviewing-Thema bei den O.A.‑Titeln ist im Prinzip gelöst66 und auch für ihre dauerhafte Finanzierung haben sich tragfähige Lösungen, die i. d. R. eine Bezahlung durch den/die Autoren selbst oder deren Heimatinstitutionen bzw. durch an Open Access interessierte Fördereinrichtungen vorsehen, entwickelt.67 Aber noch befinden sich die besonders prestigeträchtigen Zeitschriftentitel – von einigen wenigen, wenn auch beeindruckenden Beispielen einmal abgesehen – in Verlagshand. Letztere haben sich auch noch längst nicht in ihr Schicksal ergeben. Sie bieten zunehmend „hybride“ Veröffentlichungsmodelle an, d. h., gegen Entgelt wird die Veröffentlichung einzelner O.A.-Artikeln in einer „klassischen“ Bezahlzeitschrift angeboten. Ein Versuch der Branche beim Übergang vom traditionellen, subskriptionsbasierten Geschäftsmodell zum genuin goldenen Weg finanziell auf der richtigen Seite zu stehen und im Zweifelsfall auch doppelt zu verdienen.68

Auf andere Literaturgattungen oder Medientypen lässt sich der Erfolg der O.A.-Zeitschriften nicht ohne Weiteres übertragen. Bei den Monographien, die ihren Produzenten- und Leserkreis mittlerweile vornehmlich in den Geisteswissenschaften haben, vollzieht sich der Umstieg von der gedruckten, in einem Verlag erschienen Ausgabe auf die im Internet frei zugängliche elektronische Kopie sehr viel langsamer. Dafür gibt es verschiedene Gründe auf die hier nicht näher eingegangen werden kann. Letztlich wird die jeweilige Science Community darüber entscheiden, in welchem Umfang und wie rasch der O.A.-Ansatz auch dieses Segment des Medienmarktes erreichen und umbrechen wird.69

Wo bleiben bei dieser Entwicklung die Bibliotheken bzw. wie ist es um das Schicksal ihrer Sammlungen bestellt? Als Informationsanbieter im engeren Sinne haben sie in diesem Fall sicherlich ausgedient. Unter dem Erwerbungsaspekt, d. h. für die Öffnung des Zugangs zu diesen Informationsressourcen, werden sie nicht gebraucht. Ob der Ansatz der Konstruktion einer kaufähnlichen Verfahrensweise, quasi ein „book-on-demand-System“ zwischen (kommerziellen) Verlagen bzw. selbstverlegenden Autoren oder Forschungseinrichtungen und Bibliotheken, in dem letztere direkt (durch die gezielte Subskription von Einzeltiteln) und/oder indirekt durch die „Re-Kontextualisierung“ ihrer Erwerbungsetats, d. h. durch die Übernahme der Autorenselbstbeteiligung zu Gunsten von O.A.-veröffentlichungswilligen Wissenschaftler aus der eigenen Universität, die Finanzierung von O.A.-Publikationen besorgen, verfängt bzw. ob dies der Weisheit letzter Schluss ist, muss abgewartet werden.70 Sehr wohl können die Bibliotheken aber durch das Einbringen ihrer ganz speziellen Expertise, d. h. durch systematisches, u. U. kooperatives Sammeln, Katalogisieren und Archivieren der O.A.-Monographien, ja der frei zugänglichen Netzressourcen ganz allgemein, dafür sorgen, dass dieses ständig bedeutsamer werdende Informationsangebot von Dauer ist und hinsichtlich Sichtbarkeit und Zugänglichkeit eine Qualitätssteigerung erfährt, die dem Nutzer unmittelbar zu Gute kommt.71

Die Sinnhaftigkeit und praktische Relevanz des letztgenannten Ansatzes wird deutlich, wenn man einen Blick auf genuine, frei zugängliche Netzveröffentlichungen wirft, die so eigentlich keine Entsprechung in der analogen Welt finden, wie z. B. Themen- oder Institutionenwebsites mit teilweise hoch interessanten, wissenschafts- bzw. forschungsrelevanten Inhalten.72 Die thematischen Websites (nachfolgend TWS abgekürzt) zu definieren oder allgemein zu beschreiben, ist nicht einfach. Ein formaler Unterschied zu printanalogen digitalen Dokumenttypen ist, dass TWS i. d. R. nicht mehr in ein Printmedium zu überführen sind. Ein zweites Charakteristikum ist, dass TWS dazu beigetragen haben, den Begriff der „Publikation“ zu verändern. Es ist vielleicht besser hier von einer „Netzressource“ anstatt von einer Netzpublikation zu sprechen. Bei dem Gros der TWS geht es um mehr oder minder umfangreiche Materialsammlungen, um digitalisierte oder auch genuine Online-Texte, Bilder, Karten, etc. Zu den Quellenmaterialien können natürlich fachlich einschlägige Publikationen unterschiedlicher Art, von Tutorials bis digitale Fachlexika dazu kommen. Schließlich werden diese Netzressourcen zunehmend mit Informations- und Kommunikationsmodulen angereichert, wie Veranstaltungskalender und Blogs, die eine Dialog oder gar eine Interaktion mit den Nutzern/Lesern erlauben. Die TWS entwickeln sich zu komplexen digitalen Publikationsumgebungen. Sie werden zunehmend zu zentralen Modulen kooperativer Forschungsprojekte, die neben den Materialien auch die Ergebnisse, die Publikationen und sogar die Kommunikation zwischen beteiligten Wissenschaftlern umfassen.73

Das diese Form der Informationsproduktion oder besser gesagt Informationspräsentation und -vermittlung, eine große Relevanz für die jeweiligen Fachwissenschaften auch aus bibliotheksfachlicher Sicht zugebilligt wird, zeigt die Tatsache, dass sich die einschlägigen Internetadressen in den systematisch aufgebauten und gepflegten Linksammlungen nicht weniger fachlich interessierter deutscher Bibliotheken wiederfinden bzw. ihre Inhalte – wenn die Rechteinhaber zustimmen – auch auf Dauer auf deren lokalen Servern archiviert werden.74 Noch einen Schritt weiter ging die British Library. Sie hat noch im Vorgriff auf eine entsprechende Neuregelung der britischen Pflichtstückeregelung, die auch die Übermittlung von Webangeboten an die British Library zur Auflage machte, ab dem Jahr 2003 die systematische Sammlung, Erschließung und Archivierung von wichtigen Open-Access-Websites aus dem Vereinigten Königreich bzw. den dort befindlichen Inhalten zu einem neuen Schwerpunkt ihrer Bestandsaufbaupolitik gemacht. In ihrem mit Blick auf die neuen digitalen Herausforderungen grundlegend überholten bzw. erweiterten Erwerbungsprofil kommt dieser Medienform nun eine gewichtige Rolle zu.75

3.5 Von der kooperativen Erwerbung über die „Virtuelle Fachbibliothek (ViFa)“ zum „Fachinformationsdienst (FID)“

Der technische Umbruch erzwingt nicht nur eine Erweiterung des Bestandsbegriffs um neue Mediengattungen, sondern bringt Aspekte zum Tragen, die sehr lange Zeit im Zusammenhang mit dem Bestandsaufbau keine Rolle spielten bzw. vergessen worden waren. In der Frühzeit des modernen Bibliothekswesens beinhaltete das Sammeln ganz selbstverständlich auch die die Aspekte Ordnen und Sichtbarkeit der Sammlung. Erst damit wird für Außenstehende ein Bestand als solcher fassbar, zugänglich und benutzbar.76 Diese Erkenntnis gilt es, zeit- bzw. technikgerecht wieder zu beleben.77 Die technologischen Voraussetzungen dafür sind gegeben. Das WWW ist das ideale Trägermedium um (digitale) Informationsressourcen unterschiedlichster Art möglichst optimal zu visualisieren und zugänglich zu machen. Darauf aufsetzend scheinen sog. Portallösungen, wie sie heute x‑fach im Internet zu finden sind, zumindest im Moment das geeignete Mittel zum Zweck zu sein. Sie bilden ergänzend zu dem „klassischen“ bibliothekarischen Ordnungsinstrument, dem Katalog/OPAC, eine Art „Metasystem“ der Informationserschließung und eine internetadäquate Form der Bestandspräsentation.78 Mit dem Portal bekommt der Benutzer neben einem gezielten, i. d. R. fachlich-thematisch definierten Einstieg einerseits das (Informations-)Potential einer Sammlung unterschiedlichster Informationsressourcen vor Augen geführt, andererseits erhält er mit den dort vorhandenen, diversen Recherchemöglichkeiten einen „Schlüssel“ in die Hand, um sich sprichwörtlich selbst die Türen zu den für seine spezifische Fragestellung relevanten Informationsquellen zu öffnen und mit den geschaffenen Verlinkungen auch die Möglichkeit, die Tür (zu der vorhandenen bzw. gefundenen Informationsressource in Volltextversion) direkt aufzustoßen.79

In Deutschland spricht man in diesem Zusammenhang von „digitalen Fachportalen“80 oder auch „Virtuellen Fachbibliotheken“ (nachfolgend ViFa abgekürzt).81 Dieses Dienstleistungsangebot, das seine Anfänge schon Ende der 1990er-Jahre hatte und seit 2005 systematisch und flächendeckend, d. h. für alle Wissenschaftsgebiete auf- und ausgebaut wird, setzt inhaltlich-strukturell auf dem sog. Sondersammelgebietsplan der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) auf. Dies ist ein im Rahmen der staatlichen Wissenschaftsförderung mit Sondermitteln unterstütztes kooperatives Sammelprogramm, das kurz nach Kriegsende aus der Not geboren worden war und sich seither zum Rückgrat der überregionalen Literaturversorgung entwickelt hat. Es funktioniert nach dem Prinzip eines auf Universalität ausgelegten nationalen Sammelplans nur verteilt auf mehrere ausgewählte, besonders leistungsfähige Bibliotheken. Daher spricht man auch von einer „verteilten nationalen Forschungsbibliothek“, wobei die jeweils fachlich-territorial zuständige Bibliothek als „lender of last resort“ fungiert.82 Der Grundsatz lautet, dass in Deutschland von jeder weltweit erscheinenden, wissenschaftlich relevanten Publikation, gleichgültig aus welchem Fach bzw. zu welchem Thema und egal in welcher Sprache der Forschung zumindest ein Exemplar zur Verfügung steht. Hiermit soll sichergestellt werden, dass auch das thematisch-fachlich und/oder sprachlich ausgefallene Dokument, die selten oder fast nie nachgefragte, gleichwohl wissenschaftlich relevante Veröffentlichungen im Bedarfsfall im deutschen Bibliothekswesen unmittelbar greifbar ist und dem nachfragenden Forscher unabhängig von seinem Standort im Rahmen der bibliothekarischen Standarddienstleistungen in vertretbarer Zeit zur Verfügung gestellt wird. Das Sammelprogramm ist über die Jahrzehnte erheblich gewachsen. Heute sind daran 23 Bibliotheken mit 172 (Teil-)Sammlungen bzw. Sammelschwerpunkten beteiligt; dazu kommen die drei sog. zentralen Fachbibliotheken für Medizin, Technik und Wirtschaftswissenschaften mit ihren einschlägigen Beständen.83

Es handelt sich weltweit um ein in seiner Ausrichtung (es wird im Grundsatz die Vollständigkeit der komplementären Teilsammlungen angestrebt), dem erreichten Umfang, seiner arbeitsteiligen Struktur und insbesondere seiner langen Zeitdauer nach einmaliges kooperatives Sammlungsunterfangen.84 Bis in die jüngste Zeit hinein hat es auch in Ländern mit einem hochentwickelten Bibliothekswesen, wie im angelsächsischen Raum, in den Niederlanden und in Skandinavien nicht an Bewunderung und Stimmen gefehlt, die hier ein Modell für einen künftig länderübergreifend, wenn nicht weltweit angelegten, arbeitsteiligen Ansatz für das systematische Sammeln von Informationsressourcen unterschiedlichster Art sehen.85

Mit dem Aufkommen der digitalen Veröffentlichungen brauchte der Sammelplan eine Neuorientierung.86 Insbesondere war es notwendig, die Sichtbarkeit und die Zugänglichkeit der Bestände beträchtlich zu verbessern. Die DFG verabschiedete daher in den Jahren 1998 bzw. 2005 spezielle Förderprogramme, die für jedes Fach bzw. für sog. Fachcluster die Errichtung der oben schon erwähnten ViFa vorsahen. Letztere sollen das „Gesicht“ der (hybriden) Sondersammlungen im 21. Jahrhundert sein.87 Im Moment gibt es (noch) 47 unterschiedlich leistungsfähige ViFa. Sie wurden weitgehend nach einem einheitlichen Konzept aufgebaut. Ziel war es, das Angebot aller fachlich relevanten Informationsressourcen, ob gedruckt oder digital, z. B. bei letzteren auch fach- oder thematisch relevante Websites aus dem In- und Ausland, unter einer einheitlichen (Meta‑)Suchoberfläche zusammenzufassen. Der Nutzer soll dabei möglichst direkt zu der benötigten Informationsressource geführt werden. Der Benutzer ist damit im Prinzip deutlich besser als bei einer Google-Recherche gestellt. Nicht nur, dass er die Recherche in nach fachlichen Gesichtspunkten vorab ausgewählten, d. h. auf ihre fachliche Relevanz hin bewerteten, qualitativ hochwertigen Informationsquellen durchführt, sondern er erhält damit auch Zugang zu lizenzierten, also im Netz nicht frei verfügbaren Informationsinhalten. Entscheidend ist bei diesem Service, dass der Informationssuchende nicht mit einem Rechercheergebnis, also mit einer bloßen bibliographischen Information allein gelassen wird, sondern er ohne die Bibliothek wechseln, ja ohne die Portalumgebung verlassen zu müssen, gleichsam alles „aus einer Hand“ und ganz im Sinne des Serviceansatzes des „One-stop-shopping“, von der Literatursuche, über den Dokumentnachweis bis zur Dokumentbereitstellung bzw. -lieferung im Idealfall an den heimischen Schreibtisch erhält oder noch besser, dank einer entsprechenden Verlinkung bei digitalen Volltextangeboten gleich auf den Bildschirm bekommt.88 In gewisser Weise wurden hier die jetzt insbesondere in den Hochschulbibliotheken so eifrig propagierten (kommerziellen) Discovery-Dienste vorweggenommen.

Die ViFa haben zuletzt erhebliche Kritik auf sich gezogen. Nicht alle konnten mit einem vor allem die eigene Fachcommunity überzeugenden Informationsversorgungskonzept aufwarten.89 Die DFG sah sich vor diesem Hintergrund veranlasst, nicht nur die weitere Entwicklung der ViFa bzw. deren Förderung neu zu bewerten, sondern sie ging noch einen Schritt weiter und verordnete mit Blick auf die Tragweite der neuen Herausforderungen am Informationsmarkt dem über Jahrzehnte erprobten Sondersammelgebietsplan eine wahre Rosskur. Er soll gemessen an seiner Laufzeit in extrem kurzer Zeit zu einem sog. Fachinformationsdienst (FID) umgebaut werden.90 Dabei werden wesentliche Neujustierungen in der Förderpolitik vorgenommen. Die bisher tragende Idee, der Sammlungsgedanke wird de facto aufgegeben bzw. als nicht mehr förderwürdig erachtet. Dies gilt ausnahmslos für alle Wissenschaftsgebiete, also auch für die geistes- und kulturwissenschaftliche Fächer, die wie die Ausführungen oben unter dem Abschnitt Open Access gezeigt haben, beim Umstieg auf parallele oder reindigitale Veröffentlichungen dem STM-Bereich aus fachspezifischen Gründen (Stichwort: Long tail)91 deutlich hinterherhinken. Dabei wird vollkommen ausgeblendet, dass es viel länger als bisher angenommen eine parallele Publikations- und Informationskultur in diesen Fächern geben und damit eine entsprechend große Anzahl an sammlungsrelevanten gedruckten Veröffentlichungen anfallen wird.92 Auf einmal soll auch nicht mehr, wie im Falle der Musikwissenschaften, zählen, was die zuletzt in diesem Zusammenhang so oft beschworene Fachcommunity eigentlich wünscht. Ohne zwingenden Grund und entgegen allen bibliotheksfachlichen Erkenntnissen und Erfahrungen wird ab sofort mit der Vorgabe, „Schärfung des Erwerbungsprofils“, ganz offenkundig aus kurzfristigen förderungspolitisch-finanziellen Erwägungen die Vision der Vollständigkeit von verteilten, kooperativ betriebenen Sammlungen mit Blick auf peripheres, extrem selten anzutreffendes, langfristig gleichwohl wissenschaftlich hochrelevantes Material auf kaltem Wege „beerdigt“. Das in der digitalen Welt andere Vorstellungen von „Vollständigkeit“ einer Sammlung herrschen, ja herrschen müssen, wird an dieser Stelle nicht bestritten. Nur hier verfällt man in das andere Extrem. Sich bei der Erwerbung primär oder gar ausschließlich – denn mehr gibt die Förderung nicht her – an Einzelthemen zu orientieren, die in der betreffenden Fachcommunity im Moment gerade en vogue sind, also dem Mainstream nachzugeben oder zumindest dem, was sich besonders lautstark als solcher geriert, wie es nun gefordert wird, birgt das hohe und in der jüngeren Bibliotheksgeschichte immer wieder erlebte Risiko in sich, dass wichtige, ja u. U. sogar wichtigere Literatur zu Themen und Problemstellungen, die vielleicht erst morgen oder gar übermorgen die Aufmerksamkeit der Forschung und damit eine Nachfrage findet, heute nicht erworben und mit Blick auf den sehr spezifischen Charakter der Veröffentlichungen deswegen morgen u. U. weltweit an keiner Stelle weder gedruckt noch digital verfügbar sein werden.93 Der Hinweis der DFG-Verantwortlichen, man müsse hier gegebenenfalls vermehrt auf die umfassenden Sammelaktivitäten der jeweiligen Nationalbibliotheken und deren Fähigkeit zur Dokumentbereitstellung vertrauen bzw. zurückgreifen,94 kann bestenfalls als blauäugig bezeichnet werden, wenn man sich die bisherigen Erfahrungen von einschlägig engagierten Bibliotheken vor Augen führt.

Hier ist nicht der Ort und die Zeit für eine detaillierte Kritik an der neuen Förderausrichtung, doch soviel sei festgehalten: Man droht bei dem sicherlich notwendigen Bemühen, das bibliothekarische Informationsangebot noch näher an die spezifische Bedarfslage der einzelnen Wissenschaftsfächer, ja der einzelnen Wissenschaftler heranzuführen, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Es wird neben dem Aspekt, dass das Veröffentlichungsverhalten in zahlreichen vor allem geisteswissenschaftlichen Wissenschaftsgebieten aus welchen Gründen auch immer auch künftig (noch) auf die „klassische“ (parallele) gedruckte Veröffentlichung abstellen wird, also sehr wohl die bisherige SSG-Aufgabenstellung, eine möglichst lückenlosen Literaturnachweis für das betreffende Fach zu führen, erhalten bleibt, fast vollkommen ausgeblendet, dass die wenigsten der bisherigen Teilnehmer am SSG-Plan in der Lage sein werden, die mit dem FID verbundenen Anforderungen zu erfüllen. Die Idee der FID krankt nämlich schon jetzt an denselben Unzulänglichkeiten wie die ViFa: Auf keinen Fall wird mit der Neuausrichtung die heillose Fragmentierung der zuletzt im SSG-Plan geltenden Einteilung der Wissenschaftsfächer aufgehoben, im Gegenteil, es entstehen neue künstliche Fach- und Disziplingrenzen oder auch „Fachinseln“, die von den betreffenden Fachwissenschaftlern so nicht akzeptiert werden. Darüber hinaus vergisst man vollkommen, dass die ViFa in ihrer Entwicklungsperspektive und Leistungsfähigkeit vielfach auch daran krankten, dass die DFG als die maßgebliche Fördereinrichtung es in einem notwendigen zweiten, begleitenden Schritt zur Errichtung der ViFa verabsäumt hatte, ihre übrigen Förderlinien und ‑programme vor allem in den Geistes- und Sozialwissenschaften in ausreichendem Maße mit den Belangen der ViFa-Förderung zu verschränken. So wurden vielfach Mehrfachförderungen von verwandten oder fast identischen fachinformationellen Projekten vorgenommen, obwohl es bereits die integrierende Fachinformationsschiene einer ViFa gab bzw. eine solche im Aufbau war. Oder es wurde verabsäumt, vorliegende digitale Projektergebnisse, z. B. Editionen, mit der Auflage zu versehen, diese in die jeweilige fachlich relevante ViFa einzubinden. Ist hier durch die Ausrufung der FID eine Änderung in Sicht? Zweifel sind angebracht.

Schließlich, und das wiegt vielleicht am schwersten, stellt man eine jahrzehntelange Übung – den kooperativen Bestandsaufbau – die bei aller Kritikwürdigkeit beachtliche Ergebnisse gezeitigt hat, zur Gänze zur Disposition, während die unerlässlichen rechtlichen, (bibliotheks‑)politischen und/oder technologischen Rahmenbedingungen für das propagierte Neue unter mehreren Aspekten entweder noch nicht erfüllt sind oder auf absehbare Zeit problematisch bleiben werden. Es wird dabei vollkommen übersehen, dass das langjährige kooperative Sammelunternehmen bereits durch seine bloße Existenz und sein Agieren eine Art von intrinsischen Wert geschaffen hat, um den uns nicht nur benachbarte, hochentwickelte Bibliothekssysteme (Großbritannien, Niederlande) beneiden, sondern der durchaus ein zukunftsträchtiger Ansatz für den Aufbau und die Pflege digitaler Sammlungen sein könnte. In gar nicht so ferner Zukunft – vgl. weiter unten S. 384 ff. – wird das Einüben eines streng arbeitsteiligen, auf Vollständigkeit abzielenden Bestandsaufbaus dann bezogen auf digitale Informationsressourcen Kern einer neu, d. h. vor allem international und spartenübergreifend ausgerichteten Informationsinfrastrukturpolitik sein. Ein sanfter, ja gleitender Übergang insbesondere unter Fortführung der bisherigen eingeübten und erprobten kooperativen Verfahrensweisen im ausklingenden gedruckten einerseits und dynamisch wachsenden digitalen Bereich andererseits wäre auf lange Sicht sicherlich die erfolgreichere und vor allem sparsamere Lösung...

4 Bestandsaufbau in der „all-digital-world“ von morgen

Michael Gormann, der namhafte US-amerikanische Bibliothekar, der sich im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts mit mehreren grundlegenden Publikationen zur Zukunft der Bibliotheken zu Wort gemeldet hatte, geht grundsätzlich von einer evolutionären und nicht von einer revolutionären Entwicklung aus.95 Auch unter dieser Annahme gestaltet sich eine Prognose über die künftigen Sammlungsaktivitäten bzw. den Bestandsaufbau in wissenschaftlichen Bibliotheken gleichwohl extrem schwierig. Grund dafür ist vor allem die Tatsache, dass sich die Bibliotheken exogenen Entwicklungsfaktoren ausgesetzt sehen, denen sie sich kaum oder gar nicht entziehen können. Der Umbruch wird diktiert von einer weiter exponentiell fortschreitenden informations- und kommunikationstechnologischen Entwicklung und dem damit zusammenhängenden gleichzeitigen, ebenfalls primär technikgetriebenen Umbruch im Wissenschaftsbereich, bei dem sich die Arbeitsweisen dort und insbesondere der Umgang mit Information und damit auch das Verhältnis zur Bibliothek vollkommen neu gestalten, ja revolutionieren werden. Die Bibliotheken werden den Fortgang der Dinge noch nicht einmal graduell beeinflussen, geschweige denn mitbestimmen können. Sie sind, um es klar und deutlich zu formulieren, nicht Akteure, sondern Getriebene der Veränderung. Von ihnen wird eine extreme Anpassungsleistung i. S. einer radikalen Neuausrichtung ihres Geschäftsmodells verlangt werden, wenn sie nicht Gefahr laufen wollen, ganz an den Rand des Informationsgeschehens gedrängt zu werden oder gar zum Aussterben verurteilt zu sein.96 Doch hier steht nicht das Schicksal der Bibliothek an sich im Mittelpunkt der Erörterung, auch wenn sich das eine vom anderen nicht so ohne Weiteres trennen lässt, sondern welche möglichen Entwicklungslinien lassen sich schon heute für den bibliothekarischen Bestandsaufbau für morgen und übermorgen absehen?

4.1 Neudefinition von Sammlungsidee und -konzept

Die „klassische“ Sammlungsidee aus der analogen Welt, wo es um den wie auch immer gearteten, i. d. R. bedarfsantizipierenden Erwerb des Sammlungsobjekts – mit dem Ziel die lokale Sammlung weiter zu komplettieren – und dessen Einfügung in den Sammlungskontext, d. h. seine Erschließung und seine Präsentation geht, wird auf absehbare Zeit im Bereich der Geisteswissenschaften mit Bezug auf die monographische Literatur sicherlich weiter bestehen. Gleiches gilt im Zusammenhang mit der Pflege – und gegebenenfalls auch den weiteren Ausbau – von (gedruckten) Sondersammlungen.97 Nur dort spielt auch die Frage der Unikalität eines Sammlungsobjekts noch eine Rolle spielen. Ansonsten ist dieses für den Erwerb vormals wesentliche Kriterium ohne Belang, da die rein digitale Welt die Unterscheidung nach Original und Duplikat bzw. Kopie nicht mehr kennt.98

Die „Elektronifizierung“ unserer Sammlungen wird noch viel schneller fortschreiten, als bis heute angenommen haben. „E-only“ wird zum Regelfall werden. Einmal durch die anhaltende Anstrengungen so gut wie aller Bibliotheken, die vorhandenen analogen Sammlungen in Abhängigkeit von der Rechtesituation soweit als möglich zu digitalisieren. Mehr denn je wird gelten, nur was im Netz nachgewiesen und verfügbar ist, existiert. Die Bibliotheken sind gut beraten, vor allem ihre (unikalen) Sondersammlungen in eine maschinenlesbar Form zu überführen und sich so ein Alleinstellungsmerkmal zu sichern. Da die Digitalisierung erhebliche Kosten verursacht, ist die Versuchung groß, diese in Zusammenarbeit mit interessierten, kapitalstarken kommerziellen Dritten zu tun. Es bleibt abzuwarten, ob der derzeit größte Global Player auf diesem Feld, nämlich Google, sein Projekt „Google Book Search“ weiter fortführen oder sich etwas Neues einfallen lassen wird. Egal wie die Entscheidung ausfällt, es muss hier nochmals festgehalten werden, dass mit der Google-Initiative und den bisher dabei erzielten Ergebnissen mehrere Millionen Bücher und Zeitschriften sind in Rekordzeit digitalisiert und im Internet frei zugänglich eingestellt worden99 – schon jetzt eine einmalige Leistung vollbracht und das Diktum, dass der Aufbau großer Sammlungen seine Zeit braucht, endgültig widerlegt wurde.100

Zum anderen wird so gut wie alles, was künftig neu erscheint und wissenschaftlich relevant ist, auch (als sog. Parallelveröffentlichung) oder ausschließlich in digitaler Form vorliegen. Die aus der analogen Welt stammende, traditionelle Trennung nach Literaturgattungen, also z. B. in Monographien und Zeitschriften, wird nach und nach verschwinden oder die herkömmlichen Gattungsbegriffe werden sich teilweise mit neuen Inhalten füllen. Schon heute ist die Bezeichnung „E-Book“ äußerst missverständlich. Darunter können nicht nur klassische (digitale) Monographien fallen, sondern im Extremfall auch Datenbanken. Das Schicksal der Zeitschriften wird sich u. U. sehr rasch und radikal entscheiden, in dem ihr wesentlicher Inhalt, die Artikel, nicht mehr nach Heften und Jahrgängen zusammengefasst, was für die digitale Welt eigentlich wenig Sinn macht, sondern als eigenständige Veröffentlichungen online ins Netz gestellt werden.101 Man wird mehr und mehr nur noch von Netzpublikationen oder – da sich auch der Publikationsbegriff zunehmend einer verbindlichen Definition entzieht – noch allgemeiner von Netzressourcen sprechen. Unabhängig von der Bezeichnung gilt, dass das eigentliche Sammelobjekt künftig der pure Informationsinhalt, der Content, sein wird.102 Der Zugang zu ihm wird ganz überwiegend, wenn man den Siegeszug des Open Access, wie oben geschehen, in die Zukunft fortschreiben, für alle – über das Netz – offen stehen. Wenn etwas aber für jedermann frei zugänglich ist, braucht man dafür keine Mittler oder Intermediäre mehr, die sich der Zugangsproblematik annehmen, wie die Bibliotheken dies bisher tun. Für das Gros der künftigen, so verstandenen „Online-Veröffentlichungen“, also den open oder free content,103 muss folglich der Erwerbungsaspekt neu definiert, ja die Sammlungsidee an sich neu gedacht und neu konzipiert werden.

Auch unsere Vorstellung, unser Bild von Informationsinhalten wird sich beträchtlich ändern. Erheblich an Bedeutung gewinnen wird künftig der Aspekt der Multimedialität. Der schon heute bestehende Trend, Information vermehrt nicht mehr nur über Texte zu vermitteln, sondern diese mit Bildern, Filmen, Animationen und Audiodateien anzureichern, wird sich beträchtlich verstärken, ja für den rein digitalen Content selbstverständlich und je nach zugrunde liegender wissenschaftlicher Information bzw. je nach Wissenschaftsfach wird die audiovisuelle Darstellung gegenüber dem Text dominant werden.104 Hinzutreten wird u. U. auch eine Interaktionskomponente. Die neue, digitale Informationswelt basiert maßgeblich auf Partizipation und Interaktion. Unter diesem Aspekt muss man schon heute Computerspiele oder andere interaktiv angelegte Werke bei den Überlegungen zur (Neu‑)Konzeption digitaler Sammlungen als potentielle, fachlich u. U. unbedingt relevante Sammlungsobjekte ansehen.105 Dazu kommt, dass der Dialog zwischen Lesern und Autor bzw. Autoren weiter intensiviert werden wird bzw. die Grenzen zwischen beiden werden sich weiter verwischen. Hier werden m. E. „Hybridformen“ beim Schaffen und der Pflege von Netzressourcen Platz einnehmen. Die technischen Voraussetzungen dafür sind auf jeden Fall vorhanden. Was sich verändern bzw. anpassen muss, sind die bisher herrschenden Vorstellungen von Autorenschaft und u. a. die sich daraus ergebenden (urheber‑)rechtlichen Implikationen, was naturgemäß wieder Rückwirkungen auf Vorstellung von einer Sammlung bzw. die Umsetzung einer Sammlungsidee hat.106

Für die Frage einer neu zu fassenden Sammlungsidee und deren Umsetzung in einer (Wissenschafts‑)Welt mit weitestgehend digitalem Informationsanspruch und -versorgung sehe ich in den nächsten 10–15 Jahren drei wesentliche Entwicklungsstränge:

4.2 Globaler arbeitsteiliger Bestandsaufbau und ...

Die lokale, von der jeweiligen Bibliothek verantwortete Sammlung dominiert nach wie vor unsere Vorstellung von bibliothekarischem Bestandsaufbau. Daran ändern im Prinzip auch vermehrte kooperative Ansätze auf lokaler, regionaler, nationaler oder internationaler Ebene nichts. Selbst wenn es um die ergänzende Hinzunahme von digitaler Information, also Content geht, der auf Servern in anderen Ländern, ja Kontinenten aufliegt, so ist jede Bibliothek bisher eifersüchtig darum besorgt, ihre Erwerbungs- und Sammlungsautonomie weitgehend zu wahren. Es dominiert nach wie vor eine lokale Sicht der Dinge. Ausnahmen bestätigen auch hier nur die Regel. Dies wird sich m. E. künftig einschneidend ändern. Unter den noch strikter vernetzt-digitalen Bedingungen der Wissenschaftswelt von morgen ist dieser „klassische“ Bestandsaufbau auch in seiner hybriden Ausprägung so nicht mehr sinnvoll denkbar.107 Wir werden deswegen u. U. schon mittelfristig eine deutliche Differenzierung der Bibliotheken unter dem Sammlungsaspekt erleben. Es wird m. E. zu einer viel rigoroseren bzw. radikaleren Arbeitsteilung zwischen den Bibliotheken, als wir sie bisher kennen, kommen. Grob gesprochen wird es nur noch zwei Varianten von Sammlung und einen dementsprechenden Bestandsaufbau geben:108

Diegroße Sammlung“: Die eine Variante wird das Anlegen und die Pflege von großen, ja sehr großen, u. U. sogar globalen Sammlungen, eine Art von Gedächtnismonumenten unserer Zivilisation“, elektronischer Dokumente bzw. Materialien sein, die obwohl für jedermann im Sinne von „open content“ frei zugänglich sind, systematisch aus dem Netz „gefischt“ werden.109 Dan Hazen aus Harvard sieht die daran beteiligten, relativ wenigen Bibliotheken in einer doppelten Funktion, zum einen als „Lagerhäuser“ und zum anderen als „Werkzeugschuppen, d. h., neben einer dauerhaften Aufbewahrung müssen die Bibliotheken auch für eine geeignete Aufbereitung der Sammlungsobjekte sorgen bzw. die notwendigen „Werkzeuge“ zur Verfügung stellen, um eine möglichst effektive und komfortable Nutzung zu ermöglichen.110 Wie schon gesagt, das Thema wird nur eine Handvoll besonders großer und/oder leistungsfähige Bibliotheken betreffen. Eine weitreichende, in fernerer Zukunft sogar globale Arbeitsteilung versteht sich hier fast von selbst. Genauso selbstverständlich wird sein, dass die Datenbestände weltweit verteilt liegen werden. In der Pflicht stehen hier zunächst einmal die bekannten „big player“ der Bibliothekswelt, d. h. die National- und Staatsbibliotheken sowie auch die großen (und finanzstarken) Universitätsbibliotheken der westlichen Hemisphäre, die schon heute die großen (analogen) Sammlungen pflegen. Dazu treten bestehende kooperative Sammlungsunternehmen, wie z. B. der deutsche Sondersammelgebietsplan, sofern der Umbau zu einem System von FID nicht das Ende des bisher erfolgreichen arbeitsteiligen Bestandsaufbaus mit sich bringt oder auch sich unter diesem Aspekt neue Erwerbungs- und Sammlungskooperationen, wie z. B. die im Aufbau befindliche internationale (O.A.-)Initiative zum Aufbau disziplinspezifischer digitaler Sammlungen in Medizin und Biologie bilden.111 Wir erleben hier in gewisser Weise eine Wiederbelebung der Sammlungsführung nach Bibliothekstypen und damit den Abschied von dem Bibliothekskonzept des Typs „Bibliothek für alle und für alles“. In der Arbeitsteilung (schon auf nationaler Ebene) kommt ein starker institutioneller Aspekt ins Spiel. Während die namhaften wissenschaftlichen Bibliotheken, die heute schon über konventionelle Sammlungen von Weltrang verfügen, wie die der US-amerikanischen Eliteuniversitäten sich eher disziplin- und/oder materialspezifischen digitalen Sammlungen widmen dürften, werden die Nationalbibliotheken bei ihren Sammlungskriterien mehr denn je auf formale Aspekte abheben (Beispiel: Das Webharvesting orientiert sich primär an der jeweiligen nationalen Domain).112 Selbst Häuser, wie die Library of Congress (LoC), die auch im digitalen Zeitalter weiterhin grundsätzlich einen universalen Sammlungsanspruch pflegt, sind sich bewusst, dass auch für sie mit Blick auf die Spezifika des digitalen Sammlungsobjekts und angesichts der Dimension der Aufgabenstellung (weltweit umfassend immer mehr Publikationen i. w. S. zu sammeln) an einer weitgehenden Arbeitsteilung kein Weg vorbei führt.113 Die LoC wird ihren weltweit ausgerichteten Bestandsaufbau nun nicht mehr auf dem Tauschwege mit anderen Bibliotheken oder über Lieferungen kommerzieller Dienstleister, sondern elektronisch im Wege eines möglichst flächendeckenden Netzes von Partnereinrichtungen, darunter natürlich auch Bibliotheken, arbeitsteilig das sie interessierende (digitale) Material sammeln.114 Ein Anfang wurde im Bereich der Amtlichen Druckschriften in der Zusammenarbeit mit der Bayerischen Staatsbibliothek gemacht. Die LoC bezieht seit zwei Jahren die elektronischen Versionen der bayerischen Ministerialblätter über einen Server der Bayerischen Staatsbibliothek.115 Wer auch immer an dieser neuen, global ausgerichteten, strikt arbeitsteilig agierenden „Allianz bestandsführender Bibliotheken“ teilnehmen wird, klar ist, dass das einigende Band und die entscheidende Voraussetzung für das Gelingen der Operation das unbedingte Sichverlassenkönnen auf die Vertrauenswürdigkeit und die Leistungsfähigkeit der Partnereinrichtungen, seinen jeweiligen Part bestmöglich zu erfüllen, ist.116

Doch auch kleinere Bibliotheken mit vergleichsweise bescheidenen Ressourcen und überschaubaren Sammlungen sind nicht a priori oder zur Gänze von der/den entstehenden „Weltbibliothekssammlung(en)“ ausgeschlossen. Die spezifischen Eigenschaften des digitalen Sammlungsobjekts, d. h. seine jederzeitige, ortsunabhängige Verfügbarkeit machen es möglich. Diese Häuser können sich auf freiwilliger Basis über den Betrieb (vernetzter) Dokumentenserver, also institutioneller oder fachspezifischer Repositorien bzw. die dort gesammelten, erschlossenen und gespeicherten Materialien, die i. d. R. lokal entstanden und vor allem auch lokal von Belang sind, in das große Gemeinschaftsunternehmen einbringen.117 Den neuen (digitalen) Sondersammlungen sind hier keine inhaltlich-objektspezifischen Grenzen gesetzt:118 Es können Sammlungen sein, die im analogen Bereich durchaus ihre Entsprechung finden, wie z. B. die Sammlung der E-Mail-Korrespondenz eines (lokal) namhaften Schriftstellers oder eines Forschers, die durchaus der Aufbewahrung eines Briefwechsels in früheren Zeiten vergleichbar ist. Es kann sich aber auch um Materialien handeln, die in der analogen Welt gar nicht existierten, wie die Mitteilungen eines Blogs oder von Informationen aus den sog. „social media“, wie von Facebook, Twitter oder dem sozialen Wissenschaftsnetzwerk ResearchGate.119 Entscheidend ist, dass die lokale bibliothekseigene Sammlung, obwohl nach Thema und Interesse u. U. extrem begrenzt, gleichwohl aufgrund ihres unikalen Charakters einem kleinen, aber unerlässlichen Mosaikstein entspricht, der das globale und universale Sammelvorhaben komplettiert und bereichert.120 Diese Überlegung führt nach Auffassung namhafter US-amerikanischer Bibliothekare auch in den Bibliotheken selbst zu einer Neugewichtung der Sammlungspolitik bzw. der für den Bestandsaufbau geleisteten Aufwendungen. Bisher wurde hauptsächlich in die vor Ort unmittelbar nachgefragte, von den Verlagen teuer verkaufte Literatur investiert. Die sog. graue Literatur lief eher am Rande in Form einer Sondersammlung mit. Nun kehrt sich dies – unter der Annahme einer weitgehend dem Open-Access-Prinzip verpflichteten Wissenschaftswelt – um: Die höchste Bedeutung (und damit der größte Teil der Aufwendungen) kommt nun der Pflege der auf dem eigenen Dokumentenserver, aus der lokalen Produktion stammenden digitalen Informationsressourcen zu.121

Diekleine Sammlung“: Dies ist ein Thema für jede durchschnittliche wissenschaftliche Bibliothek, vor allem kleinere und mittlere Universitätsbibliotheken und damit die überwiegende Mehrheit der Bibliotheken. Ihre Sammlungsaktivität wird tendenziell mehr oder minder deutlich abnehmen. Gleichzeitig wird es zu einer ausgeprägten Spezialisierung bei den Sammelinhalten kommen. Waren die Sammlungen bisher recht uniform, so werden sie nunmehr enger am tatsächlichen lokalen Bedarf und Gebrauch ausgerichtet sein und damit, was den Umfang, d. h. die Zahl der Sammlungsobjekte, der Dokumente angeht, im Zweifelsfall „schlanker“ ausfallen.122 Wir werden folglich eine primär durch den aktuellen lokalen Bedarf bestimmte (digitale) Sammlung haben, die nach Umfang und Inhalt stark variieren kann. Gehen wir weiterhin von einer Universitätsbibliothek aus, so werden wir zwei Phänomene unterscheiden müssen: Wenn die Sammlung vor allem für Lehrzwecke vorgehalten wird, entspricht sie mehr oder minder der alten bekannten Lehrbuchsammlung,123 wenn sie einem (zeitlich befristeten) speziellen Forschungsinteresse, einem Projekt dient, dann ist sie unter Sammlungsgesichtspunkten im weitesten Sinne den früheren Handapparaten an den Lehrstühlen oder in den Instituten vergleichbar. Da endet aber auch schon die weitgezogene Parallele zur „alten Welt“. Auch diese „kleine Sammlung“, das gilt natürlich insbesondere für die aus aktuellem Forschungsinteresse angelegte, wird im Zweifelsfall weltweit vernetzt, d. h. arbeitsteilig angelegt und (gegebenenfalls auch mit verteilter Datenhaltung) gepflegt werden.124 Sie entspricht damit dem Denken und Agieren einer Science Community, die heute keine lokale, regionale oder nationale, sondern selbst in den Geisteswissenschaften eine internationale und globale Gemeinschaft bildet. Oder wie Bernd Dugall feststellt: „Informationsinfrastrukturen unterliegen einem epochalen Wandel. Der Umstand, dass in der digitalen Welt physische Orte und physische Objekte fast bedeutungslos werden (zumindest als ,Träger‘ und ‚Lagerstätten‘ für Information) erfordert nicht nur neue Organisationsstrukturen (auf nationaler Ebene), sondern ein grundsätzliches Denken weg von nationalen hin zu internationalen Kooperationsformen.“125 Eine deutlich kleinere Sammlung heißt nicht gleichzeitig geringes Leistungsvermögen. Die aus analogen Zeiten stammende Formel „große Sammlung, großes Leistungspotential“ gilt für die fortgeschrittene digitale Bibliothek nicht mehr. Hier zählt primär, wie schnell und gut die Bibliothek Zugang zur aktuell benötigten Information schaffen und vor allem welche begleitenden Dienste sie dazu u. U. noch anbieten kann.126 Oder wie Rick Anderson es formuliert: „[...] the very idea of ,collection‘ will be overhauled if not obviated over the next ten years in favor of more dynamic access to a virtually unlimited flow of information products.“127

Anderson sieht einen „dritten Weg“ als realistisch an. Er geht auf absehbare Zeit von einem dritten Sammlungstyp aus, der sog. „confluid collection“ aus.128 Einer weitgehend aus Open-Access-Materialien (!) bestehenden „core collection“,129 die auf Dauer oder zumindest auf längere Zeit vorgehalten wird, werden je nach Bedarf, zeitlich befristet von kommerziellen Anbietern lizenzierte, ergänzende Sammlungen von E-Books und/oder (Zeitschriften-)Artikel-Datenbanken, falls benötigt oder gewünscht sogar mit einer Print-on-demand-Komponente hinzugefügt.

4.3 ... spartenübergreifendes Sammeln als Regelfall in der online-Welt?130

Bisher lebten Archive, Bibliotheken und Museen, die heute gemeinhin mit dem Begriff „Gedächtnisinstitutionen“ überschrieben werden, eher mit dem Rücken zueinander. Das galt auch für den Bestandsaufbau. Es galten (und gelten) scheinbar gänzlich unterschiedliche Traditionen und daraus entwickelte Sammlungsgrundsätze. Das Internet und der damit verbundene rasante Aufstieg einer „virtuellen Realität“ haben auch hier eine Wende gebracht. Auf einmal entdeckt man Gemeinsamkeiten, man schaut gerade beim Sammeln über den Tellerrand der eigenen Sparte hinaus und man beginnt, über Zusammenarbeit zu reden, manchmal sogar schon, sie zu praktizieren. Bei näherer Betrachtung zeigt sich rasch, dass jede der drei Sparten nicht nur unterschiedliche Sammeltraditionen hat, sondern auch in der neuen, digitalen Sammelwelt, im Umgang mit digitalen Sammelobjekten ihre Besonderheiten entwickelt und ausgebildet hat. Die Welt der Bibliotheken – extrem durch das unmittelbare informationstechnologische Umfeld und dessen Umbrüche ge- und bedrängt sowie geprägt, mit zunehmend genuin digitalem Sammelgut, das in nicht so ferner Zeit mehrheitlich den Grundsätzen des Open-Access-Prinzips unterliegt dürfte – haben wir bereits im Detail betrachtet.

Die neue Welt der Archive wird im Moment – wie bei den Bibliotheken – bestimmt durch eine allerdings hier erst jetzt im großen Stil beginnende Retrodigitalisierung der historischen Bestände.131 Hinsichtlich der Zeitgrenzen müssen Archive dabei weniger auf etwaige Urheberrechte als vielmehr auf Persönlichkeitsrechte achten. Ansonsten ändert sich an den Grundprinzipien ihres Sammelauftrags auch im digitalen Zeitalter wenig. Der Umbruch am Medienmarkt berührt diesen kaum oder gar nicht. Zumindest die staatlichen unter ihnen unterliegen einem vom Gesetzgeber via Archivgesetz eindeutig definierten Sammelauftrag. Bei der Sammlung genuin digitaler Dokumente sind sie weitgehend fremd bestimmt, d. h., sie übernehmen den Großteil ihres Sammelgutes so, wie es ihnen von der jeweiligen „Mutterinstitution“, i. d. R. einer Verwaltungsbehörde, überlassen wird. Das Unikatthema stellt sich für sie auch nicht; auch die digitale Akte bzw. deren Content ist auf jeden Fall unikal. Etwas anderes gilt für ihr zweites Standbein, die oben bereits angesprochenen historischen (Sonder-)Sammlungen und die dort laufenden Retrodigitalisierungsprojekte. Hier sind sicherlich Kooperationen mit den anderen Gedächtniseinrichtungen denk- und machbar bzw. dies wird teilweise schon praktiziert.

Ganz anders stellt sich die Situation bei den Museen dar. Sie haben die neuen Möglichkeiten der digitalen Welt aktiv und relativ früh aufgegriffen.132 Bei ihnen dominiert eindeutig die Philosophie, von den vorhandenen realen Sammlung ein digitale Kopie zu schaffen, ein digitales Äquivalent, um dieses als eine weitere Möglichkeit der Präsentation des Museums und seiner Bestände einzusetzen. Das Sammeln genuin digitaler Objekte bleibt dagegen extrem selten und ist zumindest im Moment noch allenfalls ein Randthema.

Konkrete Kooperationsmöglichkeiten zwischen den drei Sektoren und der Aufbau gemeinsamer (digitaler) Sammlungen sind vor allem bei dem weiten Feld der Retrodigitalisierung gegeben. Dort existieren, man könnte sagen, „inhaltliche Schnittstellen“, d. h., in allen drei Sparten gibt es regelmäßig Sammelgut, das grundsätzlich auch von den beiden anderen Sparten als solches reklamiert und ohne Probleme in die jeweiligen Bestände eingefügt werden könnte. Mittelalterliche Handschriften von höchster Qualität gibt es in Bayern sowohl in der BSB als auch im Bayerischen Nationalmuseum oder in der Residenz (z. B. Gebetbuch Karl des Kahlen) und im Bayerischen Hauptstaatsarchiv (z. B. Freisinger Chronik). Damit können im Laufe der Geschichte weit verstreute Bestände u. U. wieder – virtuell – zueinanderfinden.133 Bei der Digitalisierung der Objekte i. e. S., also beim Scannen und/oder digitalen Fotografieren, gelten für alle Sparten die gleichen Grundsätze und kommen dieselben technisch-administrativen Metadaten zur Anwendung. Traditionelle Unterschiede bei der Erstellung von Metadaten gibt es jedoch bei den inhaltlich-beschreibenden. Letztere entspringen primär materialbedingten Differenzierungen.134 Die Definition gemeinsamer, intersektoraler Standards hat schon vor längerer Zeit begonnen. So steht mit Dublin Core ein Metadatenset zur Verfügung, das für alle Objektarten verwendet werden kann. Dies alleine reicht noch nicht, wie der Aufbau der Europeana135 auf internationaler Ebene oder auch der Deutschen Digitalen Bibliothek136 (DDB) in Deutschland sowie seit April letzten Jahres, bavarikon, das neue Kulturportal Bayern, zeigen. Um die Interoperabilität der jeweils erzeugten Metadaten zu gewährleisten und damit die Vorteile maschineller Vernetzung im Sinne einer cross-sektorialen Vernetzung von Nachweisen in unterschiedlichen (Verbund-)Katalogen/Nachweisverzeichnissen voll ausnutzen zu können, ist es unerlässlich, dass zumindest die im jeweiligen Sektor gebräuchliche Normierung auch zur Anwendung kommt. Das bedeutet die Zusammenführung unterschiedlicher Metadaten (LIDO, EAD, MARC) in einem gemeinsamen cross-sektorialen Datenmodell, wie es z. B. das Europeana Data Model (EDM) darstellt. Dieses Datenmodell bedient u. a. die Facetten „Wer“ (Verfasser, Schöpfer, Mitwirkender), „Wann“ (Erscheinungs-/Entstehungs-, Auffindungsjahr), „Wo“ (Verlagsort, Entstehungsort, Fundort) und „Was“ (Schlagwort, Beschreibung), die es ermöglichen, in einer Trefferliste die Facetten Person, Jahr, Ort und Stichwort bzw. Schlagwort anzuzeigen. Außerdem trägt EDM dazu bei, die Daten so zu modellieren, dass sie als Linked Open Data veröffentlicht werden können und damit im Web besser sichtbar sind.

Trotz aller, partiell auch berechtigten Kritik, die derzeit noch an den oben genannten Projekten geübt wurde und wird, kann man doch jetzt schon sagen, dass mit ihnen die cross- oder intersektorale Zusammenarbeit ungeheuer beschleunigt und – auch dank der dafür verfügbaren Finanzmittel – auf eine ganz neue Basis gestellt und auf eine ganz andere Größenordnung hin ausgerichtet wurde. Mit den dort nachgewiesenen Objekten, genauer deren digitalen Kopien, den dazu angebotenen (zusätzlichen) Informationen und der Präsentation unterschiedlicher Sammlungsobjekte aus unterschiedlicher Provenienz in einem neuen Kontext wird ein Mehrwert an sich geschaffen bzw. es wird in gewisser Weise eine neue Sammlungsqualität erreicht.137 Die Frage der Nachhaltigkeit und Dauerhaftigkeit von Sammlungen hat gerade in der digitalen Welt eine besondere Bedeutung, weswegen bei intersektoralen Sammlungsansätzen der Frage der Archivierung des (digitalen) Sammelgutes eine besonders große Bedeutung zukommt. Hier ist die Zusammenarbeit – vielleicht nicht unbedingt sofort auf europäischer, aber auf jeden Fall auf regionaler und nationaler Ebene – dringend geboten und aus rein technischer Sicht auch nicht unmöglich. Bites und Bytes und etwas anderes verbirgt sich informationstechnisch hinter den jeweiligen digitalen Objekten nicht bzw. die sie verarbeitende Soft- und Hardware kennt keinen Unterschied zwischen bibliothekarischen, archivalischen oder musealen Materialien.

4.4 Erweiterter Sammlungs(objekt)begriff oder die Bibliothek als Teil „Virtueller Forschungsumgebungen“

Die rasante Entwicklung im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie macht auch vor der Forschung nicht halt. Auch die Wissenschaftler nutzen die weitreichenden Partizipations- und Interaktionsmöglichkeiten des immer leistungsfähiger werdenden Internets. Dies ist aber auch Ausdruck der „stillen Revolution“, die sich in zahlreichen Wissenschaftsdisziplinen seit Jahren vollzieht. Forschung ist mehr denn je Teamarbeit. „Einzelkämpfer“ sind zur großen Ausnahme geworden. Heute beschäftigen sich rund um den Globus verteilt einzelne Wissenschaftler oder ganze Forschergruppen, oftmals interdisziplinär mit demselben Thema und greifen dabei häufig auf dieselben Daten zu. Dabei handelt es sich oft um ungeheure Datenmengen. Dies ist ein anderes Phänomen unserer Tage, „big data“ oder datenintensive Forschung.138 Sie ist ein Kind des digitalen Zeitalters. Die gewaltigen Datenmengen, die hier die Forschung ausmachen, d. h. einerseits im Rahmen von Forschungsarbeiten entstehen und andererseits die Basis für Forschungsvorhaben sind, waren bis vor kurzem noch kaum vorstellbar, noch weniger, wie sie als Infrastruktur überhaupt zu organisieren sind. Dieses Phänomen betrifft heute nicht mehr nur die Naturwissenschaften. Ein Beispiel aus der Physik: Der Large Hadron Collider (Teilchenbeschleuniger)/CERN in Genf erzeugt im Jahr unglaubliche 15 Petabytes, eine Datenmenge die 1 000 Mal größer als die Menge der derzeit von der LoC besessenen (gedruckten) Buch- und Zeitschriftenbände139; oder ein Beispiel aus den Life Sciences: DNA-Sequenzierautomaten analysieren in der Minute Datenmengen im Umfang von einem Terabyte/Minute. Die mittels Satelliten und Riesenteleskopen betriebene Wetter-, Klima- und Weltraumforschung arbeitet wie die Sozial- und Geisteswissenschaften (Stichwort: e-Humanties bzw. Digital Humanities) ebenfalls mit großen (statistischen bzw. textuellen) Datenmengen.140 In der Linguistik entstehen Forschungsergebnisse, die auf der Untersuchung von mehr als tausend Jahren Sprachdaten beruhen.141 In der Archäologie, deren Arbeitsalltag sich bis gestern nicht wesentlich von dem vor 100 Jahren unterschieden hat, können heute mit 3D-Scannern Grabungsgelände in Rekordzeit digital erfasst und die Daten für die weitere Forschung weltweit zur Verfügung gestellt werden.142 Manche sprechen schon vom vierten Paradigma der datenintensiven Forschung, dem die Zukunft gehöre.143 Andere vom Petabyte-Zeitalter, das Daten an Stelle von Theorien setzt.144

Wie auch immer, der Umgang mit diesen Forschungsprimärdaten, die in neuer Quantität und Qualität anfallen, verlangt nach neu gestalteten Arbeitsplätzen und ‑methoden. Letztere sind – wie die Daten selbst – natürlich virtuell. Wir erleben im Moment eine Virtualisierung von wissenschaftlichen Arbeitsprozessen und ihre Unterstützung durch IT-Technologien sowie die Verlagerung von Arbeitstechniken und Fachinformationswelten in das Internet und als Folge davon die zunehmende Vernetzung verschiedener Angebote und Dienste in ungeahntem Ausmaß. Ein Forscher, der selbst wiederum Teil eines oder gar mehrerer Forschungsteams ist – so die Vision – soll sich weltweit überall und zu jeder beliebigen Tag- und Nachtzeit an „seinem“ voll funktionsfähigen Arbeitsplatz befinden können. Den Wissenschaftlern soll eine Infrastruktur zur Verfügung gestellt werden, die ihnen eine zeit- und ortsunabhängige Zusammenarbeit auf EDV-gestützten, internetbasierten Plattformen rund um den Globus ermöglichen und vor allem einen jederzeitigen sowie umfassenden Zugriff auf die gerade benötigten Forschungsdaten erlauben. Man spricht hier von sog. „virtuellen Forschungsumgebungen“ (nachfolgend VRE abgekürzt). VRE ist das neue Zauberwort in der Science Community. VRE, deren Aufbau und Implementierung wird die nächsten 5 bis 10 Jahre ganz wesentlich – disziplinübergreifend – das wissenschaftliche Arbeiten, das wie bereits mehrfach festgestellt, immer mehr ein kooperatives Arbeiten ist, prägen.145 Der Begriff VRE beschreibt ganz allgemein eine kontextspezifische Umgebung, die es Wissenschaftlern – durch konsequente Nutzung elektronischer Medien146 – ermöglicht, über organisatorische und geografische Grenzen hinweg, kollaborativ zunehmend komplexere Forschungsfragen zu bearbeiten.147

Strukturell betrachtet bestehen VRE aus drei Grundbausteinen:

  • Informationsobjekte (generell alle Formen von digitaler Information, von Forschungsdaten bis (Fach-)Literatur, einschl. nichttextueller Materialien)

  • Werkzeuge (Anwendungs-Software zur Analyse, Sequenzierung, Visualisierung, zum Data Mining, Hyperlinking etc.)

  • Systeme (Hardware/Speicher/Netze etc.)

Die VRE bilden die Infrastruktur in der alle für die Forschung relevanten Arbeitsprozesse stattfinden, als von der Informationsrecherche über den themenspezifischen Meinungsaustausch bis zur Veröffentlichung und Archivierung der Forschungsergebnisse.148

Das Aufkommen der VRE bildet für die Bibliotheken eine große Herausforderung, aber auch eine große Chance.149 Ihr bisheriger Aufgabenschwerpunkt liegt auf der „Bereitstellung“ von Informationen, d. h. ihrer konventionellen und digitalen Sammlungen, bevorzugt durch Rechercheinstrumente und Zugriffspfade, d. h. über Kataloge und (Fach-)Portale. Mit der Etablierung der VRE muss sich dies radikal ändern. Hier rückt die Unterstützung (der Forscher) bei der Auswertung und Bearbeitung von Informationsressourcen mit Software-Applikationen außerhalb der eigentlichen Bibliothekssystemumgebung in den Fokus. Bibliothekare werden zu Akteuren im eigentlichen Forschungsprozess.150 Damit setzt sich ein Trend der Annäherung von Bibliotheken an die Forschung fort, der bereits mit der Diskussion um Open Access und dem Aufkommen des elektronischen Publizierens eingesetzt hatte und sich über die Jahre weiter intensivierte bzw. in gemeinsame Projekte, z. B. im Bereich des elektronischen Publizierens, mündete.151 Jetzt wird das Verhältnis jedoch sehr viel spezifischer, ja sehr viel intimer werden müssen. Nun heißt es ein professionelles Informationsmanagement für Forschungsdaten bzw. Forschungsprimärdaten (mit)aufzubauen und damit Verantwortung über die vertrauten Bibliotheksdaten hinaus zu übernehmen. Der Content, um die Informationsinhalte, um die es hier geht, wird sehr fach-, ja projektspezifisch und u. U. darüber hinaus auf den einzelnen Nutzer, sprich: Forscher bzw. die beteiligte(n) Forschergruppe(n) zugeschnitten sein. Die Tragweite für das klassische bibliothekarische Sammlungs- bzw. Bestandsaufbaukonzept ist enorm. Nicht nur, dass die fraglichen Daten weltweit verstreut liegen, also sich gar nicht in den Händen der Bibliothek befinden, es findet vor allem eine radikale Erweiterung der bisherigen Vorstellung dessen, was als Sammelobjekt für Bibliotheken in Frage kommt, statt. Es geht nicht mehr um das Sammeln von Veröffentlichungen in welcher Form und in welchem Stadium auch immer, noch nicht einmal um (Text-)Information i. e. S., sondern um die Verwaltung, Aufbereitung bzw. Erschließung und Archivierung teilweise gigantischer primär numerischer Datenmengen, also um Rohdaten und folglich um einen Content, der zuvor noch nicht einmal ein Thema für Spezialbibliotheken war. Der Gedanke des systematischen Sammelns, des collection building, wird damit jedoch nicht obsolet. Der Terminus „Sammlung“ oder „Sammeln“ verändert sich, denn auch der Begriff, was Forschung ist, verändert sich fortlaufend.152 Der Sammlungsbegriff erfährt eine neue Interpretation, er erweitert sich hinsichtlich des Sammlungsobjekts.

Durch die Aufnahme der Forschungsprimärdaten in das Sammlungsspektrum der Bibliothek ergeben sich spezifische Forderungen sowohl an die mit der „Erwerbung“ verbundenen Arbeitsschritte als auch an die auf sie dann folgenden.153 Hat sich die Bibliothek zur Beteiligung an einer VRE entschlossen, wird es nicht beim datenspezifischen Erfassen, Aggregieren, Selektionieren und auch Kontextualisieren bleiben. Um einen reibungslosen Datenaustausch in der betreffenden VRE einerseits und mit anderen, fachlich benachbarten VRE andererseits, zu gewährleisten, ist die Entwicklung bzw. Erarbeitung und Standardisierung forschungsdatenspezifischer Metadatenschemata unerlässlich. Diese Metadatenschemata, die signifikant von den etablierten Regelwerken der Bibliotheken abweichen, wären ein weiterer möglicher Arbeitsschwerpunkt für Bibliotheken ähnlich wie die Definition, Entwicklung und Betreuung von Schnittstellen für die Datenübertragung.154 Es wird sich auch jemand um die für den Forschungsprozess unerlässliche Kommunikation bzw. deren reibungsloses Funktionieren und gegebenenfalls deren Dokumentation kümmern müssen.155 Warum nicht die Bibliothek, kann man fragen? Last but not least, könnte sich die Bibliothek im Rahmen ihrer neuen Serviceleistung mit teilweise schon bekannten und praxiserprobten Komponenten, wie dem elektronischen Publizieren vor allem aber auf dem äußerst komplexen und sehr anspruchsvollen Feld der digitalen Langzeitarchivierung und zwar sowohl der Forschungsprimärdaten als auch der Forschungsdokumentation und natürlich der Forschungsergebnisse in die neue Kooperation einbringen.156 Bibliotheken werden damit zumindest partiell zu „informationswissenschaftlichen Forschungsabteilung“, die datenintensive Forschungsinfrastrukturen entwickeln und pflegen.157 Oder wie in der erwähnten JISC-Studie formuliert wurde, „digital libraries become more like VRE“.158

Ob sich die Bibliotheken hier erfolgreich ein neues Aufgabenfeld sichern können, wird ganz wesentlich davon abhängen, dass sie anders als im Falle der Fachportale, der Virtuellen Fachbibliotheken, nicht einen Service für die Wissenschaft entwickeln, sondern von Anfang an mit den Forschern gemeinsam in einem Team und maßgeblich gesteuert durch die konkreten Bedürfnisse der Wissenschaftler sowie gegebenenfalls mit Unterstützung von speziell für diese Fragestellungen ausgewiesenen IT-Experten die benötigte VRE aufbauen und betreiben.159 Wesentlich ist weiterhin, dass sich die Bibliotheken nicht nur sehr flexibel verhalten, was die jeweilige konkrete Aufgabenstellung, die sie übernehmen wollen oder können, angeht, sondern vor allem darauf achten, nicht nur als reine Intermediäre zu agieren. Intermediationsleistungen werden künftig angesichts der immer stärker auf dem Selbsterklärungsansatz beruhenden neuen Informationstechnologien am ehesten entbehrlich sein. Sie müssen sich im wohl verstandenen Eigeninteresse schon ein Stück des „Forschungskuchens“ sichern, das ihren ganz originären Beitrag beinhaltet und dies – genauso wichtig – auch gegenüber Dritten deutlich macht.160

Nicht jede Bibliothek wird dazu in der Lage sein und nicht in jedem Wissenschaftsfach wird der Beitrag der Bibliothek gleich aussehen. Das Ganze ist sicherlich sehr fachspezifisch zu sehen. Für die Geisteswissenschaftler und auch für Teile der Sozialwissenschaftler waren immer die Bibliotheken die „Labore“, d. h., hier ist man eine enge Zusammenarbeit – auch im digitalen Zeitalter – gewohnt. Die Bibliotheken oder besser gesagt, ihre Sammlungen und sonstigen Serviceleistungen waren selbstverständlicher Bestandteil des wissenschaftlichen Arbeitens und die Bibliothek selbst wurde als integraler Teil der für die Forschung relevanten Infrastruktur angesehen. Darauf lässt sich auch bei der Entwicklung von VRE aufbauen.161 Anders sieht die Sache bei den Naturwissenschaften aus. Hier sind die Bibliothekare bislang so gut wie nie aktiv in den Forschungsprozess einbezogen. Die Bibliotheken liefern regelmäßig die benötigte Fachliteratur bzw. in neuerer Zeit über den Lizenzerwerb den Online-Zugang zu ihr. Außerdem sind sie der Abnehmer für die (publizierten) Forschungsergebnisse. Für die Bibliotheken wäre die Beteiligung an VRE eine große Chance, sich bei diesen bisher so bibliotheksfernen Wissenschaftsfächern und zwar im unmittelbar forschungsrelevanten Primärdatenbereich wieder ins Spiel zu bringen, unter Umständen sogar sich dort unentbehrlich zu machen.162 Würde dies gelingen, käme das fast einem happy end gleich.163

5 Fazit

Am Beginn des modernen Bibliothekswesens, in der frühen Neuzeit, wurde die Bibliothek noch mit dem Begriff „Sammlung“ gleichgesetzt. Im Laufe der Zeit änderte sich zwar der Blick auf das, was eine Bibliothek über den eigenen Bestand hinaus noch ist oder noch sein kann, gleichwohl dominierte bis in die jüngste Vergangenheit ein primär am lokalen, also am eigenen Bestand ausgerichtetes Geschäftsmodell das Denken und Handeln der Bibliotheken. Stärken und Schwächen des vorherrschenden Sammlungsobjekts, des gedruckten Buchs, diktierten ganz wesentlich diese Denk- und Handlungsweise. Das Wachstumsdiktat des Buchmarktes mit seinen steten (Neu-)Veröffentlichungsrekorden übertrug sich auf den Bestandsaufbau der Bibliotheken und hatte scheinbar bis ins Unendliche wachsende Buchbestände zur Folge, ohne das Sinn und Zweck ernsthaft hinterfragt wurden. Selbst Untersuchungen aus den eigenen Reihen, die eindrücklich nachwiesen, dass nur ein Bruchteil der Bestände tatsächlich eine Nutzung erfuhr und die ungebremste, allein auf lokale Betrachtungsweise fokussierte Bestandsvermehrung einer anhaltenden Ressourcenverschwendung gleich kam, konnten die Bibliothekare nicht grundsätzlich zu einer anderen Sichtweise bekehren. Arbeitsteilige, kooperative Bestandsaufbauansätze bzw. ‑konzepte und damit zusammenhängend eine veränderte Ressourcenallokation blieben die absolute Ausnahme. Es ist wichtig, sich diesen Grundaspekt des bibliothekarischen Bestandsaufbaus nochmals vor Augen zu führen, wenn man verstehen will, was vor allem in den letzten beiden Jahrzehnten mit dem Aufkommen und dem Siegeszug der digitalen Information sowie insbesondere mit der epochalen Erfindung des Internets in und mit den Bibliotheken passiert ist.

Heute im Zeitalter der sog. Hybridbibliothek, die in ihrer Sammlung sowohl Gedrucktes als auch Digitales unter einem (realen und virtuellen) Dach beherbergt, müssen die Bibliotheken vor allem zu einem schlüssigen, den Medienbruch berücksichtigenden Servicekonzept finden. Sie sind von der Nachfrage- und der Angebotsseite her gleichzeitig gewaltig unter Druck geraten. Zum einen hat sich der Nutzer mit seinem Informationsverhalten weitgehend von der Bibliothek und ihrer Rolle als Informationsintermediär emanzipiert. Zum anderen herrscht am Informations- und Medienmarkt dank dem Internet ein sehr scharfer Wettbewerb. Die Newcomer am Markt, die kommerziellen Informationsanbieter, wie die Suchmaschinenbetreiber, also Google & Co, aber auch eine weltweit agierende Internetbuchhandlung wie Amazon, formulieren für den Benutzer stetig neue attraktive Angebote. Um auch nur einigermaßen mithalten zu können, müssen die Bibliotheken zunächst einen radikalen Kurswechsel, ja einen Paradigmenwechsel in ihrem traditionellen Servicekonzept vornehmen: Sie agieren nicht mehr vorrangig sammlungs- oder medienorientiert, sondern vom konkreten Nutzerbedarf ausgehend, versuchen sie diesem bestmöglich gerecht zu werden. Die Vermittlung des eigenen Bestandes ist dabei nicht mehr die prioritäre, sondern nur noch eine mögliche Servicevariante.

Die eigene Sammlung und der lokale Bestandsaufbau sind damit nicht obsolet geworden. Aber sowohl der Bestandsbegriff als auch Bestandsinhalt bzw. ‑umfang müssen fortlaufend neu definiert werden. Der Bestand wird durch die Hereinnahme der digitalen Medien unter mehreren Aspekten sehr viel facettenreicher: Mit zur Sammlung gehören ab sofort einerseits auch lizenzierte, d. h. unter Umständen nur zeitlich befristete und/oder nutzungsbeschränkte Medien, andererseits – aus welchen Gründen auch immer – frei zugängliche Netzressourcen (Stichwort: Institutionelles Repositorium). Der Kooperation kommt jetzt sowohl bei der Erwerbung (Stichwort: Konsortien) als auch beim Bestandsaufbau eine erheblich größere Bedeutung als früher zu. Arbeitsteilung unter Kosten- und Servicegesichtspunkten lautet generell und in viel höherem Maße als je zuvor das Gebot der Stunde. Daneben gewinnen Gesichtspunkte wie Visualisierung des Medienangebots und Optimierung der Zugänglichkeit zu immer heterogeneren Beständen – dem Beispiel von Google & Co. folgend werden suchmaschinenbasierte, fachspezifische Portale (ViFa und künftig FID) eingerichtet – eine Bedeutung, die im Rahmen des Bestandsaufbaus in der gedruckten Welt von gestern nicht denkbar gewesen wären.

Wie ist es nun um die Bibliotheken und ihre Sammlungen von morgen bestellt? Angesichts der weiterhin rasant fortschreitenden Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologie und einer eben erst im großen Stil anlaufenden Virtualisierung der Forschungsinfrastruktur, die wiederum das Informations- und Kommunikationsverhalten der einzelnen Wissenschaftler nachdrücklich prägen wird, ist ein Blick selbst in die nahe Zukunft gerade für eine so spezifische Frage mit erheblichen Unsicherheitsfaktoren belastet. Eine vorsichtige Prognose sei gleichwohl gewagt: Die zukünftige Bibliothekswelt wird vor allem aus Unterschieden einerseits und einer radikalen Arbeitsteilung andererseits bestehen. Wir werden gerade unter dem Sammlungsgesichtspunkt Zeugen einer fast gnadenlos anmutenden Differenzierung, ja Auslese der Bibliotheken unter institutionell-fachlichen Gesichtspunkten werden. In der all-digital-world von morgen spielt das Thema Bestandsaufbau im „klassischen“ Sinne, d. h. dem Auf- und Ausbau sowie der Pflege von möglichst umfassenden Sammlungen von dann vorwiegend genuinen Online-Informationsressourcen, die über das Internet womöglich überwiegend im Wege des Open Access frei zugänglich sind, nur noch für relativ wenige, ausgewählte, große und sehr leistungsfähige Bibliotheken eine herausragende Rolle. Diese werden allerdings weltweit kooperativ und vor allem spartenübergreifend, also gemeinsam mit (ebenfalls ausgewählten) Archiven und/oder Museen, also den anderen Gedächtniseinrichtungen an dem Aufbau und der Pflege von z. B. fachspezifischen Sammlungen einschlägiger digitaler Objekte arbeiten. Die ganz überwiegende Zahl der wissenschaftlichen Bibliotheken dagegen wird sich mit sehr viel bescheideneren Beständen als heute begnügen und diese lokale „online core collection“ strikt am aktuellen (Grund-)Bedarf ihrer Klientel ausrichten. Bei ausgefalleneren Informationswünschen werden die zuvor erwähnten „Großsammlungen“ im Sinne eines lender of last resort – u. U. gegen Entgelt – ins Spiel kommen. Aber auch kleinere Bibliotheken können in einer rundum vernetzt arbeitenden Welt mit lokal produzierten (digitalen) Dokument- und Objektsammlungen, die gegebenenfalls unikalen Charakter (Stichwort: Alleinstellungsmerkmal) haben und auf den jeweiligen institutionellen Repositorien vorgehalten werden, ihren ganz spezifischen Beitrag zum sich formierenden, geographisch und institutionell verteilten „digitalen Weltgedächtnis“ leisten.

Eine Neuausrichtung der Sammlungspolitik könnte last but not least im Zusammenhang mit der Errichtung sog. Virtueller Forschungsumgebungen (VRE) insbesondere bei sehr datenintensiven Forschungsvorhaben Platz greifen. Hier käme es einerseits zu einer Erweiterung oder gar zu einer Neudefinition des Sammlungsobjektsbegriffs. Im Fokus stünden nicht mehr wie bisher, wie auch immer geartete Dokumente, im besten Fall eine Publikation, sondern an ihre Stelle treten vermehrt Forschungsprimärdaten in bisher nicht gekannter Größenordnung und Komplexität. Andererseits kann hier das Thema Bestandsaufbau oder Sammlungspflege nur noch als Teilleistung einer sehr individuell, jeweils am konkreten Einzelfall zu definierenden bibliothekarischen Gesamtdienstleistung gesehen werden. Für Bibliotheken, die sich als integraler Teil der Infrastruktur eines modernen Wissenschaftsbetriebs oder vielleicht noch besser, sich als funktionaler Partner der Wissenschaftler sehen, sicherlich eine durchaus lohnende, vor allem stark entwicklungsfähige, wenn auch sehr anspruchsvolle neue Aufgabenstellung. Aber auch diese grundlegende, fast revolutionär zu nennende Neuorientierung ist sicherlich kein Patentrezept für jede Bibliothek und schon gar keine Garantie dafür, auch als Institution überleben zu können.

Damit schließt sich (vorerst) der Kreis. Der Blick auf die Frühe Neuzeit bis in die Informationswelt von morgen zeigt, wie sich das Verständnis der in einer Bibliothek gesammelten Objekte und damit das Verständnis dessen, was eine Bibliothek ist, wandeln kann, ohne das damit gewisse Grundprinzipien oder Sinnstellungen gänzlich aufgegeben werden. Bezogen auf die bibliothekarische Sammlungsaktivität heißt dies, dass unabhängig vom Sammlungsobjekt – gestern das gedruckte Buch, heute der digitale Content – mit dem Sammeln auch immer die Aspekte Ordnung und Visualisierung bzw. Präsentation im Sinne von „Zugang schaffen“ verbunden waren und diese die Konstanten ihres Arbeitens waren, was sie im Übrigen mit der Kunst- und Wunderkammer gemeinsam hatten. Dank dem Internet bzw. genauer gesagt, dem WWW als der weltverbindenden Informations- und Kommunikationsplattform, erleben diese Aspekte, die für Jahrhunderte im wahrsten Sinn des Wortes aus dem Blick, d. h. in den Bibliotheksmagazinen verschwunden waren, eine Renaissance. Die neuen, digitalen Sammlungsobjekte müssen möglichst direkt – wie bei den Büchern mit einem Blick in den barocken Bibliothekssaal – vor Augen geführt bzw. möglichst unmittelbar erreicht werden. Hier kommt wieder, wie schon in den Anfängen des modernen Bibliothekswesens – also zur Zeit der Kunst- und Wunderkammer eine spezifische Form der Erschließung – eine Art „räumliche Ordnung“ der Sammlungsobjekte ins Spiel. Dieses Mal ist es aber nicht der architektonisch geschlossene Raum, der die in ihm nach einer bestimmten, vorgegebenen Ordnung systematisch präsentierten Bücher möglichst optimal sichtbar und damit zugänglich machen soll, sondern es ist der unendliche Raum des Internet mit seinen scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten, Information so zu „inszenieren“, dass der Nutzer möglichst komfortabel und vor allem direkt zur gesuchten bzw. angebotenen Information „durchsteigen“ kann. Google hat auch hier Maßstäbe gesetzt. Der Suchmaschinengigant hat nach Meinung mancher Kunst- und Medienexperten zum einen mit seiner – werbungsfreien – nur durch den Firmennamen und den Suchschlitz bestimmten Frontpage eine Ikone des 21. Jahrhunderts geschaffen und zum anderen für eine Wiederauferstehung der Kunst- und Wunderkammer im neuen Gewande gesorgt: „Brilliant software programmers like the Google founders are the creators of todays digital wunderkammer. They create an endless number of possibilities for the global storage, networking and representation of knowledge.“164 Unabhängig davon, ob man nun Google die maßgebliche Urheberschaft an dem Entwurf der neuen, der virtuellen Welt zugesteht oder nicht, bleibt mit Bredekamp festzuhalten, dass durch den Rückgriff auf die Idee der Kunst- und Wunderkammer, d. h. die mit ihr in die Welt gekommenen Überlegungen zu Ordnung und Präsentation von Wissen sowie deren Anwendung auf die durch die elektronischen Medien hervorgerufene Informations- und Bilderflut, „(bei den Nutzern bzw. Betrachtern, Anm. des Verf.) eine Schulung visueller Assoziations- und Denkvorgänge (mit sich bringt, Anm. des Verf.), die den Sprachsystemen vorauslaufen, [...]“165 und andererseits – so Anke Te Heesen – „zweifellos [...] der Nachvollzug der Kunstkammerprinzipien auch das Chaos der Objekte, die unser heutiges disziplinäres Denken getrennt sieht, zu einer ästhetisch reizvollen und beruhigenden Ordnung der Dinge (zähmt, Anm. des Verf.).“166 Die Bibliotheken sind mit ihren Beständen integraler Bestandteil dieser sich im Sinne einer kopernikanischen Wende von der Dominanz der Sprache zur Hegemonie des Bildes hin formierenden neuen virtuellen Welt.167 Ihre Sammlungen – nunmehr in digitaler Form – leben in den größeren Sammlungen dort weiter. Insoweit sind und bleiben Bibliotheken immer auch Sammlungen, egal welches institutionelle Schicksal ihnen beschieden sein wird.

Footnotes

  • 1

    Die großen nachgeordneten Funktionsbereiche Erschließung, Benutzungsdienste und Archivierung setzen alle auf dem Funktionsbereich Bestandsaufbau auf. 

  • 2

    Das Zitat „A library, if anything, is a collection. If there is no collection, there is no library.“ ist dem Beitrag von Miksa, Francis: The Future of the Reference II: A paradigm of academic library organization. In: Collection & Research Library News (October 1989) S. 780–790, S. 781 entnommen. 

  • 3

    Vgl. Anderson, Rick: Collections 2021: The Future of the Library Ccollection is not a Collection. In: Serials 24 (3) (2011) S. 211–215, S. 211. 

  • 4

    Vgl. dazu ausführlich mit weiteren Hinweisen zu Einzelaspekten Enderle, Wilfried: Bibliotheken und die Genese der Sammlungskultur in der frühen Neuzeit. In: Brinzinger, Klaus-Rainer u. a. (Hrsg.): Bibliotheken: Tore zur Welt des Wissens. 101. Deutscher Bibliothekartag in Hamburg 2012, Hildesheim (u. a.) 2013, S. 303–315. 

  • 5

    Die Begriffe „Bibliothek“ und „Sammlung“ waren über lange Zeit synonym gebraucht worden. Vgl. Navitel, Colette: Bibliotheca selon Morhof. In: Fumaroli, Marc (Hrsg): Les premiers siècles de la République européenne des Lettres. Paris 2005, S. 430 ff. 

  • 6

    Vgl. Damien, Robert: Bibliothèque et état. Naissance d’une raison politique dans la France du XVIIe siècle. Paris 1995. 

  • 7

    Hartbecke, Karin (Hrsg.): Zwischen Fürstenwillkür und Menschheitswohl – Gottfried Wilhelm Leibniz als Bibliothekar. In: Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie (Sonderband 95) (2008) S. 13 f. und S. 18. 

  • 8

    Es ist hier notwendig, zu unterscheiden zwischen einem recht bescheidenen, aber regelmäßig und verlässlich bereit gestellten Grundetat sowie immer wieder erfolgten, recht üppigen, etwaige Ausgabenüberziehungen abdeckende Sonderzuweisungen, wie es in Göttingen öfter der Fall war. Insgesamt war die Finanzausstattung so gut, dass die Universitätsbibliothek Göttingen in vergleichsweise kurzer Zeit zur führenden wissenschaftlichen Bibliothek der Epoche aufsteigen konnte. Vgl. ausführlich: Kind-Doerne, Christiane: Die Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen: ihre Bestände und Einrichtungen in Geschichte und Gegenwart. Wiesbaden 1986. 

  • 9

    Vgl. Buzas, Ladislaus: Deutsche Bibliotheksgeschichte der Neuzeit (1500–1800). Elemente des Buch-und Bibliothekswesens. Bd. 2. Wiesbaden 1976, S. 129–134. 

  • 10

    Vgl. hierzu umfassend mit der gesamten Diskussion um die Aufgabenstellung des Fachreferats von seinen Anfängen (1909) bis in die Gegenwart Enderle, Wilfried: Selbstverantwortliche Pflege bibliothekarischer Bestände und Sammlungen. Zu Genese und Funktion wissenschaftlicher Fachreferate in Deutschland 1909–2011. In: BIBLIOTHEK – Forschung und Praxis (nachfolgend zitiert BFP) 36 (1) (2012) S. 24–31. 

  • 11

    Dies ist sicherlich mit ein Grund, warum die Themen Erwerbungspolitik und Methodik des Bestandsaufbaus sowie die Frage der schriftlichen Abfassung und Offenlegung eines ausgearbeiteten und aktuell gehaltenen Erwerbungsprofils über Jahrzehnte eigentlich bis heute ein Schattendasein führen und führt. Vgl. dazu u. a. die Ausführungen von Griebel, Rolf: Bestandsaufbau und Erwerbungspolitik in universitären Bibliothekssystemen: Versuch einer Standortbestimmung. Berlin 1994, S. 22 ff. 

  • 12

    Kooperativen Bestandsaufbau gab es in Deutschland schon seit den Reformen Althoffs in Preußen, die durch die Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft nach dem Ersten Weltkrieg und mit besonderem Erfolg durch das Sondersammelgebietsprogramm der Deutschen Forschungsgemeinschaft nach dem Zweiten Weltkrieg fortgesetzt wurden. Auch die im Bibliotheksplan 1973 enthaltenen Aufgabenteilungen zwischen den einzelnen Bibliothekstypen stellt letztlich auf kooperative Sammlungsüberlegungen ab und bezog sogar die öffentlichen Bibliotheken in ein umfassendes Netz der Literaturversorgung ein. Außerdem ermöglichte die Gründung und das rasche Aufblühen der regionalen Bibliotheksverbünde in den 60er- und 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts, die aus ganz anderen Motiven erfolgte, im Bestandsaufbau – dank einer verbesserten bibliographischen Auskunft und darauf aufbauend einer erheblich beschleunigten sowie umfangreicheren Fernleihe – zumindest indirekt eine gewisse Erwerbungskoordination mit sich. Vgl. ganz allgemein zu diesem Zeitraum Mittler, Elmar: Bibliotheken im historischen Prozess. In: Umlauf, Konrad; Gradmann, Stefan (Hrsg.): Handbuch Bibliothek. Geschichte, Aufgaben, Perspektiven. Stuttgart 2012, S. 345–348. Was die Beispiele aus dem Ausland betrifft vgl. näher Dorfmüller, Kurt: Bestandsaufbau an wissenschaftlichen Bibliotheken. Frankfurt a. M. 1989, S. 81–84; frühere Studien zum gleichen Themen finden sich im Liber Bulletin 30: General Assembly. Zürich 1987. Acquisition: Principles, Coordination, Cooperation. Graz 1988 und bei Collins, Judith; Finer, Ruth: National Acquisition Policies and Systems: A comparative study of existing systems and possible models. Wetherby, England 1981 (Im Auftrag der IFLA bearbeitet) zit. nach Dorfmüller (Anm. 12) S. 238. Die Ausnahme bildete das System der überregionalen Literaturversorgung, der sog. Sondersammelgebietsplan der DFG. Vgl. dazu ausführlich weiter unten S. 380 ff. 

  • 13

    Auch die Ende der 1970er-Jahre im Rahmen der sog. Pittsburgh Library-Fallstudie von Allen Kent erhobenen (und bekannt gemachten) teilweise extrem geringen Benutzungsquoten einzelner Sammlungen führten zu keinem Umdenken. Dazu und zum Sammlungsverhalten bzw. Selbstverständnis bedeutender amerikanischen Universitätsbibliotheken ganz allgemein vgl. ausführlich die Untersuchung von Jones, David E.: Collection Growth in Postwar America: A Critique of Policy and Practice. In: Library Trends. Research Into Practice 61 (3) (2013) S. 587–612. In Deutschland brachte erstmals die Stellungnahme des Wissenschaftsrats zum weiteren Ausbau der Magazinkapazitäten und damit verknüpft die explizite Aufforderung an die Bibliotheken, entbehrliches Schrifttum ab sofort und konsequent auszusondern, eine gewisse Trendwende. Vgl. Wissenschaftsrat: Empfehlungen zum Magazinbedarf wissenschaftlicher Bibliotheken. Köln 1986. 

  • 14

    Generell zum Thema Bestandsaufbau in der „Hybridbibliothek“ vgl. Kempf, Klaus: Erwerben und Beschaffen in der „Hybridbibliothek“. Lösungsansätze der Bayerischen Staatsbibliothek. In: Entwicklungen und Bestände. Bayerische Bibliotheken im Übergang zum 21. Jahrhundert. Hermann Holzbauer zum 65. Geburtstag. Wiesbaden 2003, S. 35–68. 

  • 15

    Burda, Hubert: The Digital Wunderkammer. 10 Chapters on the Iconic Turn. München 2011, S. 20. 

  • 16

    Allein der OPAC der Bayerischen Staatsbibliothek weist bei einer Schlagwortsuche (durchgeführt am 28. Januar 2013) 24 912 einschlägige Werke nach. 

  • 17

    Wie bereits eine im November 2000 veröffentlichte Studie der University of California in Berkeley feststellte. Vgl. Sasse, Dörte: Nur noch 0,003 Prozent aller Informationen werden gedruckt. US-amerikanische Forscher analysieren weltweite Datenströme. In: Die Welt (1.11.2000) S. 39. Die Untersuchung ist einzusehen über http://www.attitudeweb.be/doc/resources/studies/how_much_information_produced_world_year_en.pdf. 

  • 18

    Der Begriff Information ist hier in einem sehr weiten Sinne gebraucht. Damit wird keine Aussage zur inhaltlichen Relevanz bzw. zur Qualität der in diese Untersuchung einbezogenen Informationen im weitesten Sinne getroffen. 

  • 19

    http://germany.emc.com/leadership/programs/digital-universe.htm. 

  • 20

    Vgl. de Solla Price, Derek: Little Science, Big Science. Frankfurt a. M. 1974. De Solla Price hat sich bei seinen Aussagen auf die Auswertung von Originalveröffentlichungen in Fachzeitschriften gestützt. 

  • 21

    http://de.wikipedia.org/wiki/Informationsexplosion. Zimmer hingegen geht davon aus, dass sich die Menge wissenschaftlich relevanter Information alle 12 Jahre verdoppelt. Vgl. Zimmer, Dieter E.: Die Bibliothek der Zukunft: Text und Schrift in den Zeiten des Internet. Hamburg 2000, S. 66. Allein in den letzten zwei bis drei Jahren (also in den Jahren 1997–1999) – so zitiert er den namhafte Chemiker Eli M. Noam – wurde z. B. im Bereich der Chemie dank der digitalen Möglichkeiten mehr wissenschaftlich publiziert als im gesamten Zeitraum vor dem 20. Jahrhundert. Vgl. ebd. S. 47. 

  • 22

    Hier ist nicht die Qualität der Informationsinhalte gemeint. 

  • 23

    56 % der digitalen Information liegt auf privaten PCs bzw. nach einer neueren Studie wurden im Jahr 2011 75 % aller Informationen durch Individuen erzeugt. Vgl. Sasse (Anm. 17). 

  • 24

    Vgl. Simon, Theresia: Die Positionierung einer Universitäts- und Hochschulbibliothek in der Wissensgesellschaft. Eine bibliothekspolitische und strategische Betrachtung. Frankfurt a. M. 2006, S. 58 mit Abb. 1. 

  • 25

    Zu den unterschiedlichen Formen mit weiteren Nachweisen vgl.: http://de.wikipedia.org/wiki/Selbstverlag. 

  • 26

    Vgl. Interview mit Gary Hammel: „World Tonight“, BBC Radio 4 (1. November 1999), zitiert bei: Pinfield, Stephen; Hampson, Andrew: Partnership and Customer Service in the Hybrid Library. In: The New Review of Information and Library Research (1999) S. 115. 

  • 27

    Dies ist der eigentliche Grund, weswegen sich seit geraumer Zeit mehr und mehr Branchenfremde im Verlags- und Medienwesen tummeln und Mischkonzerne entstehen, die nur noch sehr entfernt, u. U. auch gar nichts mit dem Selbstverständnis und den Aktivitäten eines „klassischen“ Verlags zu tun haben. Vgl. näher zu diesem Phänomen Schiffrin, André: Verlage ohne Verleger: Über die Zukunft der Bücher. Berlin 2000. 

  • 28

    Amazon hatte im Oktober 2012 bekannt gegeben, dass ab sofort Kunden auch in Deutschland, wie schon seit geraumer Zeit in den USA kostenlos E‑Books entleihen können. Damit tritt der weltgrößte elektronische Buchhändler (und mittlerweile auch von vielen anderen Waren und Produkten) in direkte Konkurrenz vor allem zu den öffentlichen Bibliotheken und deren gerade entwickeltem „Onleihe-Service“ für E‑Books. Vgl.: http://www.androidnext.de/news/amazon-kindle-ebook-verleih-ab-ende-oktober-auch-in-deutschland. Zur sog. Onleihe, dem Ausleihservice für Online-Medien der öffentlichen Bibliotheken im deutschen Sprachraum, vgl. näher: http://de.wikipedia.org/wiki/Onleihe. 

  • 29

    Vgl. zu diesem Aspekt ausführlich Dugall, Berndt: Bibliotheken zwischen strukturellen Veränderungen, Kosten, Benchmarking und Wettbewerb. In: ABI Technik 33 (2) (2013) S. 86–95, S. 94. 

  • 30

    Die nichtbibliothekarischen Informationsalternativen haben im „Kerngeschäft“ der US-amerikanischen wissenschaftlichen Bibliotheken, wie z. B. bei der Buchausleihe oder auch den Auskunftsdiensten, deutliche Spuren hinterlassen. Die „klassischen“ Auskunftsdienste sind mit teilweise über 75 %, die Ausleihzahlen mit im Durchschnitt 50 % Rückgang in nur wenigen Jahren dramatisch eingebrochen. Im Detail vgl. Anderson, Rick: The Crisis in Research Librarianship. In: The Journal of Academic Librarianship 37 (4) (2011) S. 289–290; Anderson, Rick: Print on the Margins: Overall circulation as an indicator of library use is less important than the behavior of the individual library user at your college or university. In: Library Journal 136 (11) (2011) S. 38–39; Regazzi, John J.: Constrained? An Analysis of U.S. Academic Library Shifts in Spending, Staffing and Utilization, 1998–2008. In: College & Research Libraries (September 2012) S. 449–468, S. 466 f. 

  • 31

    Vgl. Brockhaus – Die Enzyklopädie: http://www.brockhaus-enzyklopaedie.de/be21_article.php. 

  • 32

    Der Begriff „hybrid library“ entspringt einer Umbruchsituation. Er wurde in Großbritannien im Zusammenhang mit der Debatte um eine weitgehende Hochschul- bzw. Bildungsreform und damit einhergehend eine Neuausrichtung der Bibliothekskonzepte bzw. der Neupositionierung der Bibliotheken in einem durch stetig wachsenden Wettbewerb bestimmtes Bildungs- bzw. Wissenschaftsumfeld geboren. Umfassend zur Geschichte des Begriffs und dem dahinter stehenden Bibliothekskonzept vgl. Oppenheim, Charles; Smithson, Daniel: What is the Hybrid Library? In: Journal of Information Science 25 (2) (1999) S. 97–112; für den deutschen Sprachraum vgl. Wissenschaftsrat: Empfehlungen zur digitalen Informationsversorgung durch Hochschulbibliotheken vom 13. Juli 2001, S. 29, unter http://www.wissenschaftsrat.de/texte/4935-01.pdf. 

  • 33

    Vgl. Sutton, Stuart A.: Future Service Models and the Convergence of Functions: the reference librarian as technician, author and consultant. In: Low, Kathleen (ed.): The Roles of Reference Librarians, Today and Tomorrow. New York 1996, S. 125–143. 

  • 34

    Vgl. ebd. S. 126. 

  • 35

    Murray, R.: The Millennium Challenge – Towards the Hybrid Library (unveröffentlichter Vortrag). Zitiert nach: Oppenheim; Smithson (Anm. 32) S. 100. Mit einer ähnlichen Akzentuierung s. a. Rusbridge, Chris: Towards the Hybrid Library. In: D-Lib Magazine (July/August 1998) unter http://www.dlib.org/dlib/july98/rusbridge/07rusbridge.html. 

  • 36

    Eine wesentliche Aufgabenstellung der Hybrid-Bibliothek ist natürlich, dass sie dem sog. Medienbruch aktiv begegnet, d. h., dass sie die in ihrer Hand befindlichen konventionellen und digitalen Informationsressourcen zu einem schlüssigen Serviceangebot bündelt und dabei der Nutzerperspektive den Vorrang vor allem anderen gibt. Vgl. dazu näher Horstkemper, Gregor: Informationsbündelung, Literaturversorgung, Publikationsunterstützung – Bibliothekarische Dienstleistungen für die Geschichtswissenschaften im Umbruch. In: Griebel, Rolf; Ceynowa, Klaus (Hrsg.): Information, Innovation, Inspiration. 450 Jahre Bayerische Staatsbibliothek. München 2008, S. 437–455, S. 437 ff. 

  • 37

    Zu den sich dramatisch ändernden Nutzerbedürfnissen im digitalen Umfeld vgl. Gashaw, Kebede: The Changing Information Needs of Users in Electronic Information Environments. In: The Electronic Library 20 (1) (2002) S. 14–21. 

  • 38

    Schmolling, Regine: Paradigmenwechsel in wissenschaftlichen Bibliotheken? Versuche einer Standortbestimmung. In: Bibliotheksdienst 35 (9) (2001) S. 1038–1039. 

  • 39

    Vgl. näher Kempf, Klaus: Zugang zum Wissen. Die Bibliothek als Ort der Verfügbarkeit und Vermittlung von Information. In: Die Teßmann. Friedrich-Teßmann-Sammlung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (1957–2012). Landesbibliothek Dr. Friedrich Teßmann (1982–2012), Wien-Bozen 2012, S. 129–141. 

  • 40

    Alle Untersuchungen zum Nutzerverhalten, vor allem unter den führenden US-amerikanischen Forschungs- und Universitätsbibliotheken zeigen, dass heute fast kein einziger (!) Benutzer, weder Forscher noch Student, seine Informations- bzw. Literaturrecherche mehr auf der Bibliotheks-Website startet. Hier dominieren eindeutig die bekannten Suchmaschinen bzw. deren Einstiegsseiten. Vgl. von der zahlreich dazu erschienen Literatur u. a. Connaway, Lynn; Dickey, Timothy: The Digital Information Seeker. Report of the Findings from Selected OCLC-RIN, and JISC Committee (JISC). Bristol 2010, online unter: http://www.jisc.ac.uk/media/documents/publications/repors/2010/digitalinformationseekerreport.pdf und ganz neu die Studie des University Leadership Council „Redefining the academic library: Managing the migration to Digital Information Services“, online unter: http://www.uab.edu/library/images/documents/redefining-the-academic-library.pdf, vor allem die Abb. auf S. 17. 

  • 41

    Die deutschen wissenschaftlichen Bibliotheken gaben 2011/12 im Durchschnitt rund 40 % ihres gesamten Medienbudgets für den Erwerb, d. h. die Lizenzierung von e-Ressourcen aus, wobei die Schwankungsbreite zwischen den einzelnen Einrichtungen erheblich sind: http://www.bibliotheksstatistik.de/eingabe/dynrep/index.php. Bei den US-amerikanischen wissenschaftlichen Bibliotheken waren es nach Angaben der ARL nach einer Umfrage von 2010 bei vielen Mitgliedsbibliotheken schon über 50 % der für den Medienerwerb zur Verfügung stehenden Finanzmittel. Vgl. Potter, William Gray et al.: ARL Profiles: Research Libraries 2010, S. 31, online: http://www.arl.org/stats/index/profiles/; zur Entwicklung bis 2004 mit statistischen Nachweisen und Kommentierung vgl. ausführlich Lewis, David W.: A strategy for Academic Libraries in the First Quarter of the 21st Century. In: College & Research Libraries (September 2007) S. 418–444, S. 440 und Tab. 8. 

  • 42

    Leggate, Peter: Acquiring Electronic Products in the Hybrid Library: Prices, Licences, Platforms and Users. In: Serials 11 (2) (1998) S. 103–108. 

  • 43

    So Bilo, Albert: Anpassung oder Strukturwandel. Elektronische Publikationen und digitale Bibliotheken aus der Sicht bibliothekarischer Praxis. In: Tröger, Beate (Hrsg.): Wissenschaft Online. Elektronisches Publizieren in Bibliothek und Hochschule (ZfBB-Sonderheft, 80). Frankfurt a. M. 2000, S. 128. 

  • 44

    Dies gilt im Prinzip auch dann, wenn die Bibliothek diesen Arbeitsschritt mittels eines sog. „approval plan“ im Wege des Outsourcing von einer Buchhandlung vornehmen lässt. Zum Thema Outsourcing und Approval Plan vgl. ausführlich Kempf, Klaus: Progetti di outsourcing e approval plans. 10 anni di esperienza in una grande biblioteca di ricerca. Il caso della Bayerische Staatsbibliothek. In: Current Issues in Collection Development: Italian and Global Perspectives. Atti del Convegno internazionale sullo Sviluppo delle Raccolte. Bologna 2006, S. 137–148. 

  • 45

    Hier hat sich mit COUNTER eine Instanz entwickelt, die für Verlage/Produzenten und Bibliotheken/Nutzer beidseitig akzeptable Statistiken sorgt. Vgl. dazu näher: http://www.projectcounter.org/about.html. 

  • 46

    Vgl. hierzu die Aussagen von Bernd Dugall wiedergegeben von Berghaus-Sprengel, Anke: „Die Situation erfordert radikal neue Kooperationsformen unter den Bibliotheken in Deutschland“. Bibliotheken zwischen Kooperation und Konkurrenz in Zeiten der Hochschulautonomie. Veranstaltung der gemeinsamen Managementkommission von dbv und VDB am 5. und 6. Juni in Dortmund. In: B.I.T.online 16 (4) (2013) S. 336–339. 

  • 47

    Zur PDA-Erwerbung und den damit verbundenen Problemen im Detail vgl. Walters, William H.: Patron-Driven Acquisition and the Educational Mission of the Academic Library. In: Library Resources & Technical Services (nachfolgend zitiert: LRTS) 56 (3) (2012) S. 199–213; Fischer, Karen S.; Wright, Michael; Clatanoff, Kathleen et. al.: Give ’Em What They Want: A One-Year Study of Unmediated Patron-Driven Acquisition of e-Books. In: College & Research Libraries (September 2012) S. 469–492. 

  • 48

    Womit de facto eine Aufgabe der Preisbindung, wie sie in Ländern, wie in Deutschland für die gedruckte Literatur bzw. deren Einzelerwerb üblich, ja vom Gesetzgeber verbindlich vorgegeben ist, einhergeht. Vgl. http://www.preisbindungsgesetz.de/content/faq/1082-e-book-preisbindung.htm. 

  • 49

    Zu dem gesamten Thema E-Book-Erwerbung vgl. ausführlich Hammerl, Michaela; Kempf, Klaus; Schäffler, Hildegard: E-Books in wissenschaftlichen Bibliotheken. Versuch einer Bestandsaufnahme. In: ZfBB 55 (2008) S. 68–78; zur E-Book-Marktsituation in der EU vgl. Musinelli, Christina: Editech 2011: e-Books and Much More in Europa. In: Publishing Research Quarterly 27 (2011), S. 288–295. Zur Situation bei den amerikanischen wissenschaftlichen Bibliotheken: Blummer, Barbara; Kenton, Jeffrey: Best Practices for Integrating E-books in Academic Libraries: A Literature Review from 2005 to Present. In: Collection Management 37 (2012) S. 65–97. 

  • 50

    In den USA kennt man Konsortien bei Bibliotheken für alle möglichen Fragestellungen bereits sehr viel länger. Im Bereich Medienerwerb hat sich dieses Phänomen dann seit den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts quasi rund um den Globus etabliert. Vgl. Turner, Christine N.: E-Resource Acquisitions in Academic Library Consortia In: LRTS 58 (1) (2014) S. 33–48. 

  • 51

    Zum Konsortialerwerb von e-Ressourcen durch Bibliotheken gibt es mittlerweile hunderte von Veröffentlichungen. Für alle und bezogen auf die deutsche Situation vgl. Kellersohn, Antje; Meyer, Thorsten; Mittermaier, Bernhard; Schäffler, Hildegard: Zwischen Pay-per-View und »Big Deal« – Lizenzierung elektronischer Fachinformation in Deutschland. In: ZfBB 58 (3–4) (2011) S. 120–130. 

  • 52

    Auf diesen Effekt weist in einer weitreichenden Untersuchung für US-amerikanische Bibliothekskonsortien Turner (Anm. 50) S. 36. Darüber hinaus gilt es zu bedenken: Das kooperative Element ist hier nicht nur unter dem Sammlungsaspekt (z. B. gemeinsam unterhaltene Zeitschriftenbestände oder besser gesagt, Zugriffsrechte), sondern auch unter Aufwandsgesichtspunkten zu sehen. Bei der konsortialführenden Bibliothek bilden sich mit zunehmender Erfahrung spezifische Kompetenzen für den gesamten e-Medienbereich aus, die allen Konsortiumsmitgliedern in unterschiedlichen Fragestellungen zugute kommen (Stichwort: Kosten- und Ressourcenersparnis). Zu diesem vor allem langfristig wichtigen Aspekt der Bibliothekskonsortien vgl. näher Schäffler, Hildegard: Lizenzierung elektronischer Medien für Nutzer und Bibliotheken – Digitaler Bestandsaufbau auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene. In: Information, Innovation, Inspiration (Anm. 36) S. 305–334. 

  • 53

    D. h. im Umkehrschluss, dass sich die Sammlungen der einzelnen Konsortialteilnehmerbibliotheken inhaltlich immer mehr angleichen. Wir erleben unter diesem Aspekt eine zunehmende Homogenisierung der Bestände. Dies wird noch dadurch verstärkt, dass durch den zentral geförderten Erwerb von sog. National- und/oder Allianzlizenzen für ausgewählte Netzressourcen nunmehr alle zugriffsberechtigen Bibliotheken hier einen entsprechenden „Bestandsnachweis“ führen. Ergebnis: Der Bestand büßt sein herausragendes Charakteristikum, als Alleinstellungsmerkmal der einzelnen Bibliothek zu dienen, immer mehr ein. 

  • 54

    Einen recht ansprechenden Definitionsversuch für die „hybride Sammlung“ liefert Corrall, Sheila: The Concept of Collection Development in the Digital World. In: Feldhouse, Maggi; Marshall, Audrey (eds.): Collection Development in the Digital Age. London 2012, S. 3–25, S. 16, die mit dem Hinweis auf eine ARL-Studie von 2002 als Sammlungen Informationsressourcen bezeichnet, „that the library manages, services and preserves on behalf of library users regardless of their location (or content).“ Wenig überzeugend sind dagegen die Begriffsfindungen und vorgenommenen Abgrenzungen von Gorman, Michael: Collection Development in Interesting Times: A summary. In: Library Collections, Acquisitions & Technical Services 27 (4) S. 459–462, S. 459. Den konkreten Ansatz, den profunden Bestandsaufbau und das ausgefeilte Erwerbungsprogramm der Bayerischen Staatsbibliothek im gedruckten Bereich systematisch um digitale Informationsressourcen zu erweitern, beschreiben in ihrem Beitrag Hammerl, Michaela; Moravetz-Kuhlmann, Monika; Schäffler, Hildegard: E-Medien im Profil. Digitaler Bestandsaufbau im Spannungsfeld von bestandsorientierter Erwerbungspolitik und bedarfsorientierter Informationsvermittlung. Ein Praxisbericht aus der Bayerischen Staatsbibliothek. In: BFP 33 (3) (2009) S. 303–314. 

  • 55

    Zum Begriff und der Bedeutung der „grauen Literatur“ für die Forschung und die Bibliotheken vgl. Bortz, Jürgen; Döring, Nicola: Forschungsmethoden und Evaluation. Heidelberg 2006. 

  • 56

    Brown, David: Open Access. In: Collection Development in the Digital Age (Anm. 54) S. 137–147, S. 137. 

  • 57

    http://www.earlham.edu/~peters/fos/overview.htm. 

  • 58

    Den ersten Online-Zugriff auf (Fulltext-)Preprints lieferte der bis heute weltweit für zahlreiche naturwissenschaftliche Disziplinen als Fachrepositorium dienende (Open Access) Preprint Server arXiv.org (www.arxiv.org). Der Zugriff ist immer noch gratis, aber das Geschäftsmodell für den Serverbetrieb wurde auf eine neue Basis gestellt. Vgl. Walker, Kizer: Collections and Content Provision in U. S. Academic Research Libraries: Crisis and Transition 2010. BFP 35 (1) (2011) S. 95–99, S. 99. 

  • 59

    Bei der mittlerweile nicht mehr überschaubaren Zahl von Digitalisierungsinitiativen weltweit kann man grob zwischen solchen unterscheiden, die von zentraler staatlicher Stelle, z. B. der Nationalbibliothek eines Landes, betrieben werden, wie das Projekt Gallica in Frankreich http://gallica.bnf.fr/?lang=DE, dazu kommen kooperativ angelegte Projekte verschiedener öffentlicher Stellen und Einrichtungen, teilweise mit privatem Sponsoring, wie in den USA das Projekt American Memory: http://memory.loc.gov/ammem/about/index.html, bis hin zu Projekten, die als „public-private partnerships“ konzipiert sind, also als eine Zusammenarbeit von Bibliotheken mit kommerziellen Dienstleistern beinhalten, wie das Google-Book-Search-Projekt, das 2004 in den USA startete und mittlerweile zu einem globalen Unternehmen geworden ist. Alleine die Bayerische Staatsbibliothek bietet dank dieser Zusammenarbeit, aber auch aus eigenem Tun Ende 2013 über eine Million solcher „E‑Books“, also die digitale Kopie von urheberrechtsfreien Monographien und Periodika, aus eigenen Beständen frei zugänglich im Internet an. Zum Vorgehen der BSB in diesem Projekt vgl. Baumgartner, Martin; Hilpert, Wilhelm: Halbzeit – ohne Pause. Stand und Erkenntnisse der industriellen Massendigitalisierung an der Bayerischen Staatsbibliothek. In: B.I.T.online 14 (2011) S. 133–138. 

  • 60

    Beispiel: Projekt Knowledge Unlatched – 28 Neuerscheinungen von 13 anerkannten wissenschaftlichen Verlagen werden durch die weltweite Subskription von über 300 Bibliotheken aus 24 Ländern für durchschnittlich 43 US-Dollar frei ins Netz gestellt. Vgl. IFLA-Press Release v. 11.3.2014 bzw. http://www.knowledgeunlatched.org/2014/05/knowledge-unlatched-pilot-summary-report/. 

  • 61

    Grundsätzlich gilt diese Unterscheidung auch für Monographien und jede andere denkbare Veröffentlichungsform. 

  • 62

    Das Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft (ZBW), die frühere Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften, bietet auf ihrem Fachrepository Econstor mittlerweile frei zugänglich über 40 000 fachlich einschlägige Aufsätze und Preprints an. Nach eigener Aussage ist dies „die am schnellsten wachsende Sammlung von O.A.-Dokumenten im Internet.“ Siegfried, Doreen: Erste Bibliothek mit eigener internationaler Informatikforschungsgruppe. In: BFP 36 (2) (2012) S. 276–277, S. 277. 

  • 63

    Vgl. mit Beispielen für die Geistes- und Kulturwissenschaften im Einzelnen Schäffler, Hildegard: Open Access-Ansätze und Perspektiven in den Geistes- und Kulturwissenschaften. In: BFP 36 (3) (2012) S. 305–311. Sie geht in ihrem Beitrag auch noch auf die im Rahmen des „grünen Wegs“ propagierte sog. Sekundäraggregation von Veröffentlichungen ein, wie sie z. B. bei den Projekten recenzio.net oder auch dem Portal „Leibniz Publik“ von der BSB zusammen mit kooperierenden Partnerinstitutionen erfolgreich praktiziert werden. 

  • 64

    Vgl. Lewis, David W.: The Inevitability of Open Access. In: College & Research Libraries (September 2012) S. 493–506, S. 495 und Tab. 1 auf S. 502. 

  • 65

    Eine schwer einzuschätzende Größe in diesem Zusammenhang sind die wissenschaftlichen Fachgesellschaften. Gerade die sehr renommierten US-amerikanischen unter ihnen, wie ACS, AMS oder IEEE sind selbst Teil des überkommenen, von den kommerziellen Verlagen praktizierten subskriptionsbasierten Publikationsmodells und im Moment nicht oder nur selten bereit, ihre zahlreichen, größtenteils sehr prestigeträchtigen und (sic!) sehr teuren Zeitschriftentitel unter O.A.-Bedingungen zu publizieren bzw. verlegen zu lassen. 

  • 66

    Vertreter der Max-Planck-Gesellschaft äußern hier unzweideutig: „[...] sich mit Open Access keine zweitklassige Publikationsschiene herausbildet, sondern dass dieser Weg mindestens als qualitativ gleichrangig mit hergebrachten System anzusehen ist.“ Vgl. Schimmer, Ralf; Geschuhn, Kai; Palzenberger, Margit: Open Access in Zahlen: Der Umbruch in der Wissenschaftskommunikation als Herausforderung für Bibliotheken. In: ZfBB 60 (5) (2013) S. 244–250, S. 246. 

  • 67

    Bei den diversen Wissenschaftsorganisationen weltweit – in Deutschland durch die DFG – sind in der letzten Jahren sog. Publikationsfonds, die für die Finanzierung der O.A-Periodika vorgesehen sind, eingerichtet worden bzw. die Einrichtung solcher Fonds wird gezielt gefördert. Vgl. für die Situation in Deutschland Fournier, Johannes; Weihberg, Roland: Das Förderprogramm „Open Access Publizieren“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Zum Aufbau von Publikationsfonds an wissenschaftlichen Hochschulen in Deutschland. In: ZfBB 60 (5) (2013) S. 236–243. Zum Vorgehen in Großbritannien, das weltweit im O.A.-Kontext nach wie vor eine Vorreiterrolle einnimmt: Horstmann, Wolfram: Finch und die Folgen – Open Access in Großbritannien. In: ZfBB 60 (5) (2013) S. 251–254. Aus der Max-Planck-Gesellschaft liegt sogar der Vorschlag auf dem Tisch, dass die Bibliotheken einen Teil ihres Erwerbungsetats, der bisher der Subskription der Verlagszeitschriftenabonnements dient, zu Gunsten dieser „Publikationsfonds“ umschichten sollten. Vgl. Schimmer, Ralf: Open Access und die Re-Kontextualisierung des Bibliothekserwerbungsetats. In: BFP 36 (3) (2012) S. 293–299. Vgl. für die besondere Situation bei den Geistes- und Kulturwissenschaften ganz grundsätzlich nochmals den Beitrag von Schäffler (Anm. 63) S. 309–311. 

  • 68

    Die wissenschaftlichen Großverlage, wie Springer oder Oxford University Press waren auch hier die Vorreiter. Vgl. Brown (Anm. 56), S. 143. Mittlerweile haben sich aber auch mittlere Verlagshäuser in diese Richtung bewegt. Vgl. UB Regensburg und De Gruyter schließen Kooperationsverträge. In: B.I.T.online 15 (5) (2012) S. 512. Die Möglichkeiten der Verlage, über „hybride“ O.A.-Modelle ordentlich (zusätzliches) Geld zu verdienen, wird von Horstmann (Anm. 67) S. 253 thematisiert. 

  • 69

    Schmidt, Birgit; Bargheer, Margot: Open Access. In: Handbuch Bibliothek (Anm. 12) S. 153–161, S. 156. Die Bayerische Staatsbibliothek hat 2009 mit „digi20“ ein Projekt zur Digitalisierung noch urheberrechtsgeschützter Monographien im Bereich Geisteswissenschaften gestartet. Mit Zustimmung der Verlage werden die Werke (mit einer Embargofrist von 5 Jahren) digitalisiert und nach O.A.-Kriterien im Internet frei zugänglich angeboten. Überraschende Erkenntnis: Die Nachfrage nach den nach wie vor verfügbaren gedruckten Exemplaren wurde dadurch erfolgreich angeregt. Zu den Einzelheiten des Projekts vgl. Schäffler, Hildegard; Seiderer, Birgit: Digitalisierung im urheberrechtsgeschützten Raum – das Projekt Digi20. In: ZfBB 58 (6) (2011) S. 311–315. 

  • 70

    Vgl. hierzu die Kontroverse: Open Access Publikationskosten aus dem Erwerbungsetat? In: B.I.T.online 16 (4) (2013) S. 307–309. 

  • 71

    Vgl. hierzu ausführlich Thiessen, Peter: Sichtbarkeit von Open-Access-Monographien als Herausforderung – Zur Rolle und Aufgabe von Bibliotheken. In: Perspektive Bibliothek 2 (2) (2013) S. 4–35. 

  • 72

    Vgl. ausführlich Enderle, Wilfried: Frei zugängliche Netzpublikationen und Bestandsentwicklung. Vortrag auf dem 97. Deutschen Bibliothekartag 2008 in Mannheim. online: http://www.opus-bayern.de/bib-info/volltexte/2008/591/pdf/Enderle_NuB_2008.pdf. 

  • 73

    Vgl. hierzu näher unten S. 390 ff. 

  • 74

    In den sog. Virtuellen Fachbibliotheken (vgl. dazu weiter auf den nachfolgenden Seiten) werden die fachlich oder thematisch einschlägigen Webressourcen systematisch im Internet gesucht, fachlich bewertet, katalogisiert, d. h. mit standardisierten Metadaten, manchmal sogar mit umfangreichen Beschreibungen (abstracts) versehen und mit dem Link der Webressource in die sog. Fachinformationsführer, das ist das dafür vorgesehene Modul der ViFa, eingestellt. Die Links sollten im Prinzip regelmäßig auf ihre Beständigkeit und fachliche Relevanz überprüft werden. Außerdem ist bei qualitativ herausragenden Angeboten eine digitale Langzeitarchivierung erwünscht. Hier ist jedoch nach dem geltenden Urheberrecht selbst bei O.A.-Angeboten die explizite Zustimmung des Urheberrechtsinhabers notwendig. Die BSB startet seit geraumer Zeit solche Anfragen weltweit. Die Zustimmungsquote liegt zwischen 15–20 % der Anfragen. Überschlägig sind derzeit in den 47 ViFa über 300 000 fachlich relevante Websites erfasst, darunter rund 30 000 TWS (Auskunft von Herrn Franz G. Götz, verantwortlicher Mitarbeiter der BSB für die ViFa b2i, am 1. Juli 2014). 

  • 75

    Vgl. Brazier, Caroline: What Did the Internet Ever Do for Us? Changes in Collection Development and Management at the British Library, 2000–2012. In: Alexandria 23 (3) (2012) S. 95–102, S. 99. Das Gegenbeispiel zu dieser Vorwärtsstrategie bildet unter diesem Aspekt die Staatsbibliothek zu Berlin. Sie veränderte ihr Erwerbungsprofil im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts ebenfalls einschneidend, in dem sie aus Budgetgründen ihre Zeitschriftenerwerbung in den STM-Fächern auf Null fuhr. Überlegungen zur Einbeziehung (ausgabenneutraler) digitaler Informationsressourcen in den Bestandsaufbau wurden zu dieser Zeit offenbar aber noch gar nicht angestellt. Vgl. Schneider-Kempf, Barbara; Hollender, Martin: Die Staatsbibliothek zu Berlin verändert ihr Erwerbungsprofil. In: Wissenschaft und Kultur in Bibliotheken, Museen und Archiven. Klaus Dieter Lehmann zum 65. Geburtstag. Hrsg. von Schneider-Kempf, Barbara u. a. München 2005, S. 223–238. Anmerkung: Die British Library ist hier lt. Caroline Brazier im Übrigen gerade den umgekehrten Weg gegangen; sie hat ihr Engagement im Bereich Life Science noch deutlich verstärkt. Vgl. Diess. in dieser Anm. S. 97. 

  • 76

    Vgl. hierzu näher Enderle (Anm. 4) S. 312 mit weiteren Nachweisen. 

  • 77

    Allgemein zum Thema Sichtbarkeit und Zugänglichkeit beim Bestandsaufbau vgl. Kempf, Klaus: Vascoda and the Subject-based Gateways – the German Answer to Visibility and Accessibility in Collection Development. In: LIBER Quarterly 16 (3/4) (2006) unter: http://liber.library.uu.nl/index.php/lq/article/view/7865/8060.Ein Beispiel für den Versuch, das Thema Sammlung und Sichtbarkeit mit den Mitteln des Internet wieder stärker in den Blickpunkt der Fachöffentlichkeit zu rücken, lieferte in jüngster Zeit die Staatsbibliothek Berlin mit ihrer neuen „Sammlungs-Website“. Vgl. dazu Rothkirch, Eva: Sammlungen – das Herz der Bibliothek. Ein Sammlungsportal für die Staatsbibliothek zu Berlin. In: ABI-Technik 32 (4) (2012) S. 211–218, S. 211. 

  • 78

    So Wolff, Christian: Veränderte Arbeits- und Publikationsformen in der Wissenschaft und die Rolle der Bibliotheken. In: Bibliotheken gestalten Zukunft. Kooperative Wege zur digitalen Bibliothek. Dr. Friedrich Geißelmann zum 65. Geburtstag. Hrsg. v. Hutzler, Evelinde u. a. Göttingen 2008, S. 157–172, S. 162. 

  • 79

    Ein willkommener Nebeneffekt ist, dass die bessere Sichtbarkeit auch einer verbesserten Information und Kommunikation mit den Sammlungskooperationspartnern dient. 

  • 80

    Die typologische Differenzierung, die Rösch; Weisbrod noch 2004 zwischen (Fach-)Portalen und Virtuellen Fachbibliotheken gemacht hat, ist mittlerweile weitgehend obsolet geworden, da so gut wie alle ViFa die für die sog. Subject Portals charakteristischen Komponenten, wie z. B. personalisierte Dienste, ebenfalls aufweisen. Der synonyme Gebrauch der beiden Begriffe erscheint daher gerechtfertigt, vgl. Rösch, Hermann; Weisbrod, Dirk: Linklisten, Subjekt Gateways, Virtuelle Fachbibliotheken, Bibliotheks- und Wissenschaftsportale. Typologischer Überblick und Definitionsvorschlag. In: B.I.T.online 7 (3) (2004) S. 177–188, online: http://emedia1.bsb-muenchen.de/han/2384/www.b-i-t-online.de/archiv/2004-03-idx.html. 

  • 81

    Einen aktuellen Überblick findet man unter folgender Adresse: http://webis.sub.uni-hamburg.de/webis/index.php/Webis_-_Sammelschwerpunkte_an_deutschen_Bibliotheken. 

  • 82

    http://webis.sub.uni-hamburg.de/webis/index.php/Verteilte_nationale_Forschungsbibliothek. 

  • 83

    http://de.wikipedia.org/wiki/Zentrale_Fachbibliotheken#Literatur. 

  • 84

    Vgl. im Einzelnen Griebel, Rolf: Die Förderung der wissenschaftlichen Informationsinfrastruktur durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft – Zwischenbilanz zum DFG-Positionspapier „Wissenschaftliche Literaturversorgungs- und Informationssysteme: Schwerpunkte der Förderung bis 2015“. In: ZfBB 57 (2) (2010) S. 71–86. In allen westlichen Ländern mit einer vergleichbaren bibliothekarischen Versorgung wie in der Bundesrepublik Deutschland sind kooperative Bestandsaufbauüberlegungen entweder nie über theoretische Ansätze hinaus gekommen (vgl. beispielsweise die Niederlande oder auch Skandinavien mit Nachweisen im Bulletin/Ligue des Bibliotheques Européennes de Recherche. LIBER 30. Graz 1988) oder es kam allenfalls zu einer institutionalisierten Zusammenarbeit auf lokaler oder regionaler Ebene. Vgl. hierzu Turner (Anm. 50) S. 34 mit dem Hinweis auf das Konsortium der sog. Five College Libraries (FCL) in den USA. 

  • 85

    Das Erfolgsgeheimnis dürfte in der zentralen Koordination durch eine der Wissenschaft unmittelbar verpflichtete Einrichtung wie der DFG verknüpft mit einer direkt am Bestandsaufbau, dem einzelnen Medienerwerb ansetzenden finanziellen Förderung (für gedruckte Medien werden 75 % der Gestehungskosten für ausländische bzw. fremdsprachige Literatur von der DFG übernommen) bestehen. Ähnlich erfolgreich wie der SSG-Plan agierte bzw. agiert mit gewissen Abstrichen seitdem die zentrale Förderung (durch die VW-Stiftung), nur noch die auf eine arbeitsteilige Antiquariaerwerbung und retrospektiven Bestandsaufbau abzielende Sammlung Deutscher Drucke (SDD). Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Sammlung_Deutscher_Drucke und umfassend der von Dugall, Berndt hrsg. Sammelband: Nationale Verantwortung für kulturelle Überlieferung. Symposium aus Anlass des zwanzigjährigen Bestehens der Sammlung Deutscher Drucke. Frankfurt a. M. 2010. 

  • 86

    Vgl. im Detail dazu Lipp, Anne: SSG auf dem Prüfstand: Das DFG geförderte System der Sondersammelgebiete wird evaluiert. In: ZfBB 57 (5) (2010) S. 235–244. 

  • 87

    So Effinger, Maria: Die Virtuellen Fachbibliotheken: Bausteine im DFG-System der überregionalen Sammelschwerpunkte. In: Jefcoate, Graham u. a. (Hrsg.): Sondersammlungen im 21. Jahrhundert. Organisation, Dienstleistungen, Ressourcen – Special Collections in the 21st Century. Organisation, Services, Resources. Wiesbaden 2008, S. 94–106, S. 95. 

  • 88

    Zum Aufbau und Funktionieren der ViFa vgl. ausführlich Hohlfeld, Michael u. a.: Die Bibliothek als Wissensraum. Bibliotheksverbünde, virtuelle Fachbibliotheken. In: Handbuch Bibliothek (Anm. 12) S. 129–138. Aus Praktikersicht mit Bezug auf eine konkrete Konfiguration und stellvertretend für zahlreiche andere Publikationen zum sehr vielschichtigen Thema ViFa vgl. Nägele, Reiner: Vom Nutzen der ViFa Musik für die Musikwissenschaft. Eine Positionsbestimmung. In: ZfBB 59 (3–4) (2012) S. 137–145 und ganz aktuell die unter dem Themenschwerpunkt „Schwerpunkt Fachportale. Von Art-Historicum bis TIB-Portal“. In BFP 38 (1) (2014) S. 9–114 veröffentlichten Aufsätze. 

  • 89

    Kritisch zum Ansatz der ViFa bzw. dessen Umsetzung vgl. die Studie Heinold, Spiller & Partner: Virtuelle Fachbibliotheken im System der überregionalen Literatur- und Informationsversorgung – Studie zu Angebot und Nutzung der Virtuellen Fachbibliotheken. Hamburg 2007. 

  • 90

    Vgl. Lipp, Anne u. a.: „Die digitale Transformation weiter gestalten“ – Das Positionspapier der Deutschen Forschungsgemeinschaft zu einer innovativen Informationsinfrastruktur. In: ZfBB 59 (6) (2012) S. 291–300; Kümmel, Christoph: Nach den Sondersammelgebieten: Fachinformationen als forschungsnaher Service. In: ZfBB 60 (1) (2013) S. 5–15; kritisch dazu Griebel, Rolf: Ein „folgenreicher“ Paradigmenwechsel. Die Ablösung der Sondersammelgebiete durch die Fachinformationsdienste für die Wissenschaft. In: ZfBB 61 (3) (2014) S. 138–157. 

  • 91

    Zum Begriff „long tail“ vgl.: http://de.wikipedia.org/wiki/The_Long_Tail. 

  • 92

    Peter Phillips, CEO von Cambridge UP, sieht gerade bei den renommierten Geisteswissenschaftlern weder eine verstärkte Hinwendung zur „goldenen“ Open-Access-Variante noch ein Rückzug vom gedruckten Buch. Das Gegenteil scheint im Moment der Fall zu sein. Die gedruckte Monographie hat wieder Konjunktur. Vgl. The Charleston Report. Business insights into the library market. 18 (5) (2014) S. 1. Ähnlich argumentiert Alt, Peter-André: Artikelflut und Forschungsmüll. Ein Plädoyer für die Monographie. In: Süddeutsche Zeitung, v. 23.6.2014, Nr. 141, S. 12. 

  • 93

    Die Bibliotheken in Leipzig und Dresden wollen dem FID-Konzept folgen, weitgehend oder gar ausschließlich nur noch eine PDA-Erwerbung zu betreiben, also den systematischen Bestandsaufbau zur Gänze aufgeben. Der nachfolgend zitierten Veröffentlichung war leider nicht zu entnehmen, wie dieses Vorgehen in einem überregionalen Kontext mit Blick auf die bestehende Rechtslage konkret funktionieren soll. Vgl. Lazarus, Jens; Seige, Leander: FID für Medien- und Kommunikationswissenschaft. Universitätsbibliothek Leipzig entwickelt neuen Fachinformationsdienst: Leiskau, Katja; Walzel, Annika-Valeska: FID Kunst. SLUB Dresden und UB Heidelberg entwickeln arthistoricum.net weiter. Beides in: BIS – Das Magazin der Bibliotheken in Sachsen 1 (2014) S. 5–6 bzw. S. 7–8. 

  • 94

    Vgl. Kümmel, Christoph; Strohschneider, Peter: Ende der Sammlung? Die Umstrukturierung der Sondersammelgebiete der Deutschen Forschungsgemeinschaft. In: ZfBB 61 (3) (2014) S. 120–129, insbes. S. 127. 

  • 95

    Vgl. Gormann, Michael: The Enduring Library: technology, tradition and the quest for balance, Washington D.C. 2003, S. 8. 

  • 96

    Brian T.Sullivan geht in seinem Beitrag „Academic Library Autopsy Report, 2050“. In: The chronicle of higher education, Jan. 2/2011 definitiv vom Verschwinden der wissenschaftlichen Bibliotheken aus. Nicht weniger pessimistisch ist David Nicholas, der die Rolle von (Informations-)Vermittlern, wie sie die Bibliotheken sind, in der digitalen Welt für gänzlich überflüssig erklärt. Vgl. Ders.: Disintermediated, Decoupled and Down. In: CILIPUPDATE (April 2012) S. 29–31. James G. Neal sieht eine Überlebenschance alleine für Einrichtungen (Bibliotheken), die über ausreichend Alleinstellungsmerkmale verfügen. Vgl. Ders.: Advancing from Kum baya to Radical Collaboration. Redefining the Future Research Library. In: Journal of Library Administration 51 (1) (2011) S. 66–76. 

  • 97

    Den (analogen) Sondersammlungen bzw. ihrem retrodigitalisierten Pendant wird eine große Zukunft prophezeit. Sie werden zurecht als wesentliches Alleinstellungsmerkmal angesehen, worauf es künftig in einer von vermehrtem Wettbewerb geprägten Bibliothekswelt noch mehr als heute ankommen dürfte. Es wird unter diesem Vorzeichen ebenfalls davon ausgegangen, dass der Aufwand, der auch künftig in die Pflege und den Ausbau der Sondersammlungen fließen wird, ungefähr dem von heute – im Schnitt ca. 10 % der Medienaufwendungen – entsprechen dürfte. Vgl. hierzu die Überlegungen von Lewis (Anm. 41) insbes. S. 426 und die Grafik auf S. 427. 

  • 98

    Zum Verhältnis von Original und Duplikat bzw. Kopie in der digitalen Welt ganz grundsätzlich vgl. Bredekamp, Horst: „Fundamentally, there is no difference between original and reproduction“. In: Burda (Anm. 15) S. 140–143. 

  • 99

    Vgl. Jones, Edgar: Google Books as a General Research Collection. In: LRTS 52 (2) (2010) S. 77–89; überaus kritisch zum Google-Projekt Darnton, Robert: Digitalisierung und Demokratisierung. In: Nationale Verantwortung für kulturelle Überlieferung (Anm. 85) S. 133–144. 

  • 100

    Hier wird Bezug genommen auf die Aussage des renommierten US-amerikanischen Bibliothekars J. H. Burton: „A great library cannot be constructed – it is the growth of ages.“, zit. nach von Lucius, Wulf D.: Bücherlust. Vom Sammeln. 2. Aufl. Köln 2000, S. 183. 

  • 101

    Die O.A.-Megazeitschriften, wie PloS Biology, die offiziell monatlich erscheint, stellen fortlaufend Artikel ins Netz. Es handelt sich folglich mehr um eine Datenbank von unabhängigen Zeitschriftenartikeln als um eine herkömmliche Zeitschrift. Ein weiteres Beispiel für diesen Trend, dieses Mal aus dem kommerziellen Verlagswesen kommend, ist die neu lancierte O.A.-Megazeitschrift für Ingenieurwissenschaften von SAGE. Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/PLoS_Biology bzw. http://www.sagepub.com/journalsProdDesc.nav?prodId=Journal202145&utm_source=eNewsletter&utm_medium=email&utm_term=Jan-13&utm_content=online&utm_campaign=3H01&priorityCode=3H01. 

  • 102

    Hazen, Dan: Rethinking Research Library Collections. A Policy Framework for Straitened Times, and Beyond. In: LRTS 54 (2) (2009) S. 115–121, S. 119. Ian Mulvany spricht in diesem Zusammenhang nur noch von „data“. Vgl. „If you ask for the libraries future, the answer is data“. In: B.I.T.online 17 (2) (2014), S. 160–164. Zur Auflösung des traditionellen Dokumentbegriffs im digitalen Zeitalter vgl. ausführlich Dudek, Sarah: Die Zukunft der Buchstaben in der alphanumerischen Gesellschaft. Text und Dokument unter digitalen Bedingungen. In: BFP 36 (2) (2012) S. 189–199. 

  • 103

    Vgl. näher OECD – Organisation for Economic Co-operation and Development (Hrsg.): Giving Knowledge for Free – The Emergence of Open Educational Resources. Paris 2007; Hartmann, Bernd; Jansen, Felix: Open Content – Open Access – Freie Inhalte als Herausforderung für Wirtschaft, Wissenschaft und Politik, MFG Stiftung Baden-Württemberg. Stuttgart 2008 (FAZIT-Schriftenreihe Band 16) online: http://www.fazit-forschung.de/index.php?eID=tx_nawsecuredl&u=0&file=uploads/secure/mit_download/FAZIT-Schriftenreihe_Band_21.pdf&t=1405262519&hash=582528c59a00caa730c7d529cde517b2. 

  • 104

    Während im Jahr 2003 erst 7 % der publizierten Zeitschriftenartikel derartige Anreicherungen aufwiesen, traf dies im Jahr 2009 schon auf 25 % der Artikel zu. Vgl. Van der Graf, Maurits; Waaijers, Leo: A Surfboard for Riding the Wave. Towards a four Country Action Programme on Research Data. November 2011, S. 15, online unter: http://www.knowledge-exchange.info/Default.aspx?ID=469. Der Abschied vom Text als domierender Informationsform im digitalen Zeitalter ist für Klaus Ceynowa beschlossene – und eine nicht weiter zu bedauernde – Sache. Vgl. Ders.: Der Text ist tot – Es lebe das Wissen. In: Hohe Luft 1 (2014) S. 52–57. 

  • 105

    Vgl. Seadle, Michael: Digitale Bibliotheken. In: Handbuch Bibliothek (Anm. 12) S. 139–146, S. 145. 

  • 106

    Stäcker, Thomas: Die Digitale Bibliothek – auf der Suche nach einem Phantom. In: Die Digitale Bibliothek. Kodex. Jahrbuch der Internationalen Buchwissenschaftlichen Gesellschaft. 1 (2011) S. 1–7, S. 6; zur neuen Textkultur, Massenautorenschaft u. a. vgl. Schneider, Ulrich Johannes: Was bedeutet die Virtualisierung der Textwelten, besonders für Bibliotheken. In: Nationale Verantwortung für kulturelle Überlieferung (Anm. 85) S. 145–154. 

  • 107

    David W. Lewis sieht in der anhaltenden Fokussierung zumindest der US-amerikanischen wissenschaftlichen Bibliotheken auf die lokale Bestandsbildung die wesentliche Ursache (Stichwort: Geld kann nur einmal ausgegeben werden) dafür, dass man es versäumt hat, beizeiten neue, zeit- und technikgemäße, vor allem aber von den (durchschnittlichen) Nutzern stark nachgefragte neue Dienstleistungen zu entwickeln und anzubieten. Vgl. Ders.: From Stacks to the Web: The transformation of Academic Library Collection. In: College & Research Libraries 74 (2) (2013) S. 159–176, S. 168. 

  • 108

    Anderson (Anm. 3) S. 214. 

  • 109

    Zum Thema Webharvesting bzw. Webarchiving vgl. grundlegend: Pennock, Maureen: Web-Archiving. Technology Watch Report 13 (01) (2013) unter http://dx.doi.org/10.7207/twr13-01; DOI: http://dx.doi.org/10.7207/twr13-01; Bragg, Molly; Hanna, Kristine: The Web Archiving Life Cycle Model. Internet Archive (March 2013), https://archive-it.org/static/files/archiveit_life_cycle_model.pdf. Anwendungsszenarien in Deutschland: Naumann, Kai: Gemeinsam Stark. Web-Archivierung in Baden-Württemberg, Deutschland und der Welt. In: Archivar 65 (1) (2012) S. 33–41; Kugler, Anna; Beinert, Tobias; Schoger, Astrid: Web Archiving as a Service for the Sciences. In: iPres 2013. Proceedings of the 10th International Conference on Preservation of Digital Objects. 3.-5. September 2013. Lisbon 2013, S. 280–283 unter: http://purl.pt/24107/1/iPres2013_PDF/iPres2013-Proceedings.pdf. 

  • 110

    Hazen (Anm. 102) S. 119–120. 

  • 111

    Hier handelt es sich im Moment vor allem um Retrodigitalisate urheberrechtsfreier Literatur. Vgl. http://biodivlib.wikispaces.com/About bzw. http://www.medicalheritage.org/tag/center-for-the-history-of-medicine/. 

  • 112

    Recht klare, ja sehr umfassende Vorstellungen, was die künftigen Sammlungsaktivitäten von Nationalbibliotheken angeht, hat Erland Kolding Nielsen für die eigene, die dänische Nationalbibliothek. Er sieht – die großen US-amerikanischen Universitätsbibliotheken ausgenommen – eigentlich nur noch Nationalbibliotheken weltweit arbeitsteilig bzw. vernetzt in der Pflicht, die künftigen großen digitalen Sammlungen, unabhängig vom Sammlungsobjekt aufzubauen und zu pflegen. Andere Bibliotheken spielen unter diesem Aspekt keine Rolle mehr. Vgl. Ders.: The National Library at a Crossroads: the Digital Content Revolution and its Consequences. In: Alexandria 23 (3) (2012) S. 131–141. Ähnliches gilt für die österreichische Nationalbibliothek. Vgl. Rachinger, Johanna: Die Österreichische Nationalbibliothek und ihre Vision 2025. In: BFP 37 (3) (2013) S. 288–292. 

  • 113

    Vgl. Panzera, Don: International Cooperation in Collection building. The IEX Pilot Project at the Library of Congress. In: Bibliotheken gestalten Zukunft (Anm. 78) S. 115–125. 

  • 114

    Man muss sich immer wieder die Dimension des Umfangs der Neuerwerbungen der LoC vor Augen führen: Sie erwirbt auf allen möglichen Wegen (vom Pflichtstückerecht bis zum Kauf im Ausland) pro Jahr im Durchschnitt um die 2 Millionen (!) Titel unterschiedlichsten Materials. Ihr Bestand beläuft sich derzeit auf rund 152 Millionen Bestandseinheiten (Titel). Vgl. Fischer, Audrey: Growing a Library. In: LCM – Library of Congress Magazine (September/October 2012) S. 16–17. 

  • 115

    Die Bayerische Staatsbibliothek betreibt seit 2010 im Auftrag des Freistaates Bayern die sog. Verkündungsplattform, auf der die digitale Ausgaben der Ministerialblätter und das Bayer. Gesetz- und Verordnungsblatt online open access zur Verfügung gestellt werden. Vgl. Kugler, Anna; Brantl, Markus; Schoger, Astrid: Die Verkündungsplattform Bayern – Services und vertrauenswürdige digitale Langzeitarchivierung. In: B.I.T.online 4 (2012) S. 357–365. 

  • 116

    Die sehr komplexe Thematik ist durch „good will“ und erheblichen Ressourceneinsatz alleine nicht zu lösen. Dazu bedarf es sicherlich auch geeigneter organisatorischer, sprich: arbeitsteiliger Modelle und der Schaffung entsprechender Infrastruktur. Lewis (Anm. 107) S. 172 zitiert in diesem Zusammenhang Beispiele aus anderen Bereichen bibliothekarischen Arbeitens, wie den HathiTrust mit Bezug auf die (digitale) Langzeitarchivierung. 

  • 117

    Das Netz der Institutionellen Repositorien (IR) hat sich mittlerweile weltweit organisiert, in der COAR (= Confederation of Open Access Repositories). Vgl. näher Schmidt, Birgit; Bargheer, Margot: Open Access. In: Handbuch Bibliothek (Anm. 12) S. 157–158. 

  • 118

    Mit einer Vielzahl von Beispielen von neuen (digitalen) Sondersammlungen vgl. ARL Working Group on Special Collections: Special collections in ARL Libraries. A Discussion Report. Washington D.C. 2009, www.arl.org/bm-doc/scwg-report.pdf; Prochaska, Alice: Digital Special Collections: The Big Picture. In: RBM. A Journal of Rare Books, Manuscripts & Cultural Heritage 10 (1) (2009) S. 13–24. 

  • 119

    Siehe unter http://www.researchgate.net/. Zu den Interdependenzen zwischen Informations- und Kommunikationsverhalten und dem Gebrauch der „social media“ in der Forschung vgl. z. B. Gu, Feng; Widen-Wulff, Gunilla: Scholarly Communication and Possible Changes in the Context of Social Media. A Finnish case study. In: The Electronic Library 29 (6) (2011) S. 762–776. 

  • 120

    Ausführlich zum Thema Sammlung und institutionelle Repositorien vgl. Brown, Josh: Collection Development and Institutional Repositories. In: Collection Development in the Digital Age (Anm. 54) S. 149–161. Die Zukunft der institutionellen, von Bibliotheken betriebenen Repositorien wird auch mit Blick auf die Verwaltung und öffentliche Zugänglichmachung der sog. Forschungsprimärdaten gesehen, die z. B. gesondert von der jeweiligen Publikation für die betreffende Science Community frei zugänglich in einem IR archiviert werden. Vgl. Fournier, Johannes: Zugang, Nachnutzung und Reproduzierbarkeit. Anmerkung zur künftigen Ausrichtung einer wissenschaftsadäquaten Informationsinfrastruktur. In: BFP 36 (2) (2012) S. 180–188, S. 187. 

  • 121

    So Lewis (Anm. 41) S. 426 und siehe auch die Grafik auf S. 427. Lewis, David W.: 2010 Top Ten Trends in Academic Libraries. A review of current literature. In: College & Research Libraries News 71 (6) (2010) S. 286–292, S. 288. Irmgard Siebert sieht vor diesem Hintergrund auch die für den deutschsprachigen Raum so typischen Regional- und Landesbibliotheken mit ihren teilweise unglaublich reichhaltigen Sondersammlungen wieder im Aufwind. Vgl. Dies.: Die Zukunft liegt in der Vergangenheit. Historische Bibliotheken auf dem Weg zu Forschungsbibliotheken. In: BFP 37 (1) (2013), S. 78–90, S. 89. 

  • 122

    Tony Horava weist zurecht daraufhin, dass das „Warenhauskonzept“ des traditionellen Bestandsaufbaus, also an vielen Stellen möglichst viel (der gleichen Information) für eine eventuelle Nutzung vorzuhalten, im digitalen Zeitalter an seinem Ende angekommen ist. Er erinnert in diesem Zusammenhang daran, dass bereits 1979 in der von Allen Kent erstellten UB Pittsburgh-Fallstudie festgestellt wurde (Anm. 13), dass auf nur 26 % des Monographienbestands über 82 % der Nutzung entfielen, also große Teile des Bestandes nie genutzt wurden. Vgl. Ders.: Challenges and Possibilities for Collection Management in a Digital Age. In: LRTS 54 (3) (2010) S. 142–152, S. 149 und Kent, Allen: Use of Library Materials: The University of Pittsburgh Study. N.Y. 1979. 

  • 123

    In diesem Kontext ist auf zwei Phänomene hinzuweisen: Zum einen steht auch die universitäre Lehre vor einem tiefgreifenden Umbruch. Immer häufiger werden Unterrichtseinheiten auch digital, über das Internet angeboten. Vgl. Heiß, Hans Ulrich: Digitale Kulturrevolution. In: duz Magazin 2 (2013) S. 12–13. Zum anderen sind schon heute zahlreiche, sehr qualitätsvolle Lehr- und Lernmaterialien nach den O.A.-Kriterien frei zugänglich im Internet erhältlich, die sog. Open Educational Resources (OER), die natürlich Teil der eigenen Sammlung werden können. Vgl. zum Begriff OER den Link: de.wikipedia.org/wiki/Open_Educational_Resources. Mit konkreten Beispielen wartet Jürgen Plieninger auf. Vgl. Ders.: Blickpunkt Internet: Es gibt viel mehr als Google und Wikipedia. In: Buch und Bibliothek 64 (10) (2012) S. 720–721. 

  • 124

    Partnerschaften in der Nachbarschaft gehen gleichwohl vor. Verwiesen wird in diesem Zusammenhang auf die jüngst vereinbarte Kooperation zwischen den Bibliotheken der Columbia University und der Cornell University („2 CUL“), die eine radikale Neuausrichtung u. a. beim Bestandsaufbau vorsieht. Beide Universitäten werden für bestimmte Fächer/Fakultäten nur noch einen (gemeinsamen) Bestand vorhalten. Vgl. Thomas, Marcia L.: Disruption and Disintermediation. A Review of the Collection Development and Management Literature, 2009–10. In: LRTS 56 (3) (2012) S. 183–198, S. 187; Neal (Anm. 96) S. 66–76. 

  • 125

    Dugall, Berndt: Informationsinfrastrukturen gestern, heute, morgen. Anmerkungen zu Empfehlungen des Wissenschaftsrates. In: ABI Technik 31 (2) (2011) S. 92–107, S. 107. 

  • 126

    Vgl. Spiro, Lisa; Henry, Geneva: Can a New Research Library Be ALL-Digital? In: The Idea of Order: Transforming Research Collections for 21st Century Scholarship, Washington 2010 (CLIR publications 147) S. 5–80, S. 9. So auch das US-amerikanische „University Leadership Council“ in seiner Studie aus dem Jahre 2011 „Redefining the academic library: Managing the migration to Digital Information Services“. Online: http://www.educationadvisoryboard.com/pdf/23634-EAB-Redefining-the-Academic-Library.pdf. 

  • 127

    Anderson (Anm. 3) S. 215. 

  • 128

    Vgl. Anderson (Anm. 3) S. 214. 

  • 129

    Anderson spricht hier expressis verbis die bestehenden Sammlungen der „Open-Access-Großverleger“, also die Google book search collection und den Hathitrust Corpus, an. Zum Thema Hathitrust vgl. ausführlich: Christenson, Heather: Hathitrust. A Research Library at Web Scale. In: LRTS 55 (2) (2011) S. 93–102. 

  • 130

    Die herausragende Bedeutung einer spartenübergreifenden Kooperation zwischen den drei Institutionengruppen bezogen auf das Sammeln digitaler Materialien wird auch von Dan Hazen eigens hervorgehoben. Vgl. Hazen (Anm. 102) S. 119; mit ersten Beispielen aus der ganzen Welt: Manzuch, Zinaida: Collaborative Networks of Memory Institutions in Digitisation Initiatives. In: The Electronic Library 29 (3) (2011) S. 320–343. 

  • 131

    Zum Sammlungsgut und Sammlungsgedanken sowie die aus jüngerer Zeit stammenden, maßgeblich auf den digitalen Umbruch zurückgehenden Kooperationsideen und -konzepte in den Archiven. Vgl. Füßl, Wilhelm: Sammlungsgut in Archiven – Strategien zu einer verteilten Sammlungspolitik. In: Archive in Bayern. Aufsätze – Vorträge – Berichte – Mitteilungen, Band 5. (2009) S. 307–320; Brenner-Wilczek, Sabine; Stahl, Enno: Sammeln und Bewahren im elektronischen Zeitalter – Die Neudefinition der Literatur- und Kulturarchive. In: Archive und Öffentlichkeit 76. Deutscher Archivtag 2006 in Essen. Tagungsdokumentation zum Deutschen Archivtag. Hrsg. V. VdA-Verband dt. Archivarinnen und Archivare e.V. Bd. 11 (2007) S. 93–101. 

  • 132

    Andreas Bienert zählt sie zu den Pionieren der „Web-content-provider“. Vgl. näher Bienert, Andreas: Die digitalisierte Sammlung. In: Museen als Medien. Medien als Museen. Perspektiven der Museologie. Hrsg. v. Hubert Locher u. a., München 2004, S. 44–57, S. 47 mit weiteren Hinweisen. 

  • 133

    Vgl. hierzu die virtuelle Rekonstruktion der Bibliothek des Klosters Lorsch: http://www.bibliotheca-laureshamensis-digital.de/ (Link überprüft am 12.7.14). Grundlegend zu dem Thema: Punzalan, Ricardo L.: Understanding Virtual Reunification. In: Library Quarterly: Information, Community, Policy 84 (3) (2014) S. 294–323. 

  • 134

    Vgl. Mittler, Elmar: Die Bibliothek als Gedächtnisinstitution. In: Handbuch Bibliothek (Anm. 12) S. 33–38, S. 38. 

  • 135

    In Europeana werden derzeit (Stand Juni 2014) rund 33,8 Millionen Objekte von Bibliotheken, Archiven, Museen, sowie Radio- und TV-Anstalten aus 36 Ländern angezeigt. http://www.europeana.eu/portal/ (Link geprüft am 1.7.2014). 

  • 136

    Die Deutsche Digitale Bibliothek weist zurzeit (Stand Juni 2014) über 7,8 Millionen Objekte aus Bibliotheken, Archiven, Museen, Denkmalämtern und wissenschaftlichen Einrichtungen nach. http://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/ (Link geprüft am 1.7.2014). 

  • 137

    Beide, Europeana und DDB, sind eigentlich nur „Metadaten-Pools“. Bei einer erfolgreichen Recherche bzw. dem sich daraus ergebenden Treffer/Metadatensatz wird auf das digitale Objekte in der heimischen Datenbank verlinkt. 

  • 138

    Vgl. zu diesem Phänomen ausführlich das Sonderheft von „Science“ (2011), www.sciencemag.org/special/data. 

  • 139

    Vgl. Lauer, Gerhard: Bibliothek aus Daten. In: Die Digitale Bibliothek. Kodex Jahrbuch der internationalen Buchwissenschaftlichen Gesellschaft 1 (2011) S. 79–85, S. 82. 

  • 140

    Haber, Peter: Die Rückkehr der Zahlen und Daten. Neue – digitale – Wege für die Geschichtswissenschaft? In: NZZOnline 26.01.2011 (aus: Meyer, Thomas: Virtuelle Forschungsumgebungen in der Geschichtswissenschaft – Lösungsansätze und Perspektiven. In: LIBREAS ideas S. 43) online: http://libreas.eu/ausgabe18/texte/05meyer.htm; Adams, Jennifer L.; Gunn, Kevin B.: Digital Humanities. Where to start? In: College & Research Libraries News (October 2012) S. 536–569. 

  • 141

    Liebermann, Erez et al.: Quantifying the Evolutionary Dynamics of Language. In: Nature 449 (2007) S. 713–716. 

  • 142

    Lauer, Gerhard: Kommentar aus Sicht eines Literaturwissenschaftlers. In: ZfBB 58 (3–4) (2011) S. 163–164. 

  • 143

    Hey, Tom et al.: The Fourth Paradigm. Data-Intensive Scientific Discovery. (2010) unter http://research.microsoft.com/en-us/collaboration/fourthparadigm/. 

  • 144

    Anderson, Chris: The End of Theory: The Data Deluge Makes the Scientific Method Obsolete. In: Wired Magazine (2008) unter www.wired.com/science/discoveries/magazine/16-07/pb_theory. 

  • 145

    Der Aufbau und die Verbreitung der VRE werden in Europa vor allem in Großbritannien und in Deutschland nachhaltig gefördert. In Großbritannien ist auf die grundlegende Studie hinzuweisen „Virtual Research Environment: Collaborative Landscape Study.“ A JISC funded project. Erarb. durch Carusi, Annamaria; Reimer, Torsten, Jan. 2010 (http://www.jisc.ac.uk/publications/reports/2010/vrelandscapestudy.aspx). In Deutschland läuft die Förderung über die DFG mit der speziellen Förderlinie / Aktionslinie 13 „Virtuelle Forschungs umgebungen“ (http://www.dfg.de/foerderung/programme/infrastruktur/lis/lis_foerderangebote/virtuelle_forschungsumgebungen/index.html). Im Moment sind bundesweit 33 Projekte teilweise unter Beteiligung von Bibliotheken auf den Weg gebracht worden. Bis 2020 sollen in Deutschland für alle Wissenschaftsgebiete und Forschungsfelder VRE – das wären nach derzeitigen Plänen 240 – verfügbar sein. Vgl. Fournier (Anm. 120) S. 188; Förderer ist auch die EU, vgl. die Projekte des European Strategy Forum Research Infrastructures (ESFRI) unter http://ec.europa.eu/research/infrastructures/index_en.cfm?pg=esfri. 

  • 146

    Vgl. nachfolgend Lossau, Norbert: Virtuelle Forschungsumgebungen und die Rolle der Bibliotheken. In: ZfBB 58 (3–4) (2011) S. 154–163; Horstmann, Wolfram; Kronenberg, Hermann; Neubauer, Karl Wilhelm: Vernetze Wissenschaft. Effektivere Forschung mit neuen Werkzeugen. In: B.I.T.online 14 (4) (2011) S. 354–362. 

  • 147

    http://de.wikipedia.org/wiki/Virtuelle_Forschungsumgebung (überprüft am 12.7.14). 

  • 148

    Vgl. Kindling, Maxi: e-Search und Bibliotheken. In: Handbuch Bibliothek (Anm. 12) S. 146–152, insbes. Fig. 1 auf S. 149. 

  • 149

    Vgl. Top Trends in Academic Libraries. A review of the trends and issues affecting academic libraries in higher education. In: College & Research Libraries News 75 (6) (2014) S. 294–302. 

  • 150

    Vgl. hierzu die grundlegende Arbeit von Mittler, Elmar: Wissenschaftliche Forschung und Publikation im Netz. Neue Herausforderungen für Forscher, Bibliotheken und Verlage. In: Füssel, Stephan (Hrsg.): Medienkonvergenz – Transdisziplinär. Media Convergence – across the Disciplines (Media Convergence – Medienkonvergenz 1) Berlin 2012, S. 31–80. 

  • 151

    Vgl. Hahn, Karla L.: Research Library Publishing Services: new options for university publishing. Washington D.C. 2008. Die Bayerische Staatsbibliothek verfügt seit April 2008 über ein „Zentrum für Elektronisches Publizieren (ZEP)“. Dieses bietet für einzelne Wissenschaftler, aber auch Forschungsgruppen und Wissenschaftsinstitutionen sog. digitale Veröffentlichungsplattformen mit allen notwendige Tools für eine e‑Publikation an. Außerdem übernimmt es die Archivierung der Veröffentlichungen. Vgl. Horstkemper, Gregor; Kempf, Klaus: Online-Publikationen für Wissenschaft und Verwaltung. Eröffnung des Zentrums für elektronisches Publizieren (ZEP) der Bayerischen Staatsbibliothek. In: Bibliotheks-Magazin 3 (2008) S. 68–71 und Horstkemper (Anm. 36). 

  • 152

    Ein klares Plädoyer für die Übernahme dieser neuen Aufgabe durch die Bibliotheken hält Lauer (Anm. 139) S. 81. 

  • 153

    Vgl. zu dem Thema Mitarbeit von Bibliotheken in VRE Neuroth, Heike: Die Bibliothek als Wissensraum. Aktuelle und künftige Forschungsaufgaben. In: Handbuch Bibliothek (Anm. 12) S. 218–227, S. 224. 

  • 154

    Grundlage der Datenzusammenführung und ‑bearbeitung in den VRE sind die formale Beschreibung und inhaltlich-semantische Erschließung. Diese basieren auf Metadatenschemata. Neue Metadatenschemata müssen entwickelt werden, die sukzessive das gesamte Spektrum der Wissensobjekte und ihre Verknüpfung beschreiben. Vgl. Lossau (Anm. 146) S. 157. 

  • 155

    Die Formen der Forschungskommunikation werden mittlerweile ganz wesentlich durch Verhaltensweisen geprägt, die aus dem Umgang insbesondere der jüngeren Forscher mit den sozialen Netzwerken herrühren. Vgl. Fournier (Anm. 120) S. 188. 

  • 156

    Nach einer grundlegenden Studie der ARL wird die Integration der IR bzw. die auf ihnen basierenden Dienste in den sich neu formierenden wissenschaftlichen Arbeitsablauf, also in die entstehenden VRE, essentiell für die weitere Entwicklung der IR und der sie betreibenden Bibliotheken sein. Vgl. The Research Library’s Role in Digital Repository Services. Final Report of the ARL Digital Repository Issues Task Force. 2009 unter: http://www.arl.org/storage/documents/publications/repository-services-report-jan09.pdf (überprüft am 12.7.14), S. 18 ff. Die einzelnen potentiellen Aufgaben für Bibliotheken werden in den Arbeiten von Apel, Jochen: Ein neues Aufgabenfeld für Bibliotheken? Virtuelle Forschungsumgebungen in den Naturwissenschaften am Beispiel des Fachs Physik. In: Perspektive Bibliothek 1 (2) (2012) S. 77–105 und für die Geisteswissenschaften u. a. von Klein, Julia Elisabeth: Virtuelle Forschungsumgebungen als Entwicklungsfeld für Bibliotheken am Beispiel des „Deutschen Textarchivs“. Abschlussarbeit am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft, Humboldt-Universität Berlin. (18.05.2012) sowie von Meyer (Anm. 140) und Borel, Franck; Steller, Heike: Tambora – die Entstehung einer virtuellen Forschungsumgebung. In: B.I.T.online 15 (5) (2012) S. 423–430 fachspezifisch vorgestellt und analysiert. 

  • 157

    Lossau (Anm. 146) S. 161. 

  • 158

    Virtual Research Environment (Anm. 145) S. 44. 

  • 159

    Lossau (Anm. 146) S. 160. 

  • 160

    Vgl. Bonte, Achim; Ceynowa, Klaus: Bibliothek und Internet: die Identitätskrise einer Institution im digitalen Informationszeitalter. In: Lettre International 100 (Frühjahr 2013) S. 115–117. 

  • 161

    Die EU fördert die Neuorientierung der wissenschaftlichen Veröffentlichungen unter Web 2.0-Bedingungen (unter Einschluss der Bibliotheken) im Wege von Projektvorhaben. Vgl. Koch, Roland: In Zukunft ist die Bibliothek digital, und sie kommt zum Forscher. Publizieren in sozialen Netzwerken. In: duz 1 (2013) S. 7. 

  • 162

    Neuland ist diese Form der Zusammenarbeit auch für bedeutende US-amerikanische Forschungsbibliotheken wie eine ARL-Studie von 2010 zeigt. Vgl. im Detail – mit 6 Fallstudien – Soehner, Cathrine; Steeves, Cathrine; Ward, Jennifer: E-Science and Data Support Services: a study of ARL member institutions. Washington D.C. 2010 unter: http://www.arl.org/storage/documents/publications/escience-report-2010.pdf. Wie weit die Zusammenarbeit teilweise aber auch schon gediehen ist, zeigt das Beispiel der National Geospatial Digital Archives, eine Einrichtung, die sich mit Messdaten und Satellitenaufnahmen von der Erde, die bei der Weltraumforschung angefallen sind bzw. noch anfallen, beschäftigen. Die Bibliotheken der Stanford-University und der University of California in Santo Barbara nehmen sich gemeinsam der Datenverwaltung i. w. S. an. Vgl. ausführlich: Erwin, Tracey; Sweetkind-Singer, Julie; Larsgaard, Mary Lynette: The National Geospatial Digital Archives Collection Development: Lessons Learned. In: Library Trends 57 (3) (2009) S. 490–515. 

  • 163

    Die Entwicklungschancen der Bibliotheken mit Bezug auf die VRE werden im deutschen Bibliothekswesen zwiespältig beurteilt. Während sich E. Mittler ausgesprochen optimistisch äußert: „Die flüchtigen digitalen Medien brauchen die institutionelle Dauerhaftigkeit der Bibliotheken“ (siehe Handbuch Bibliothek (Anm. 12) S. 392), sieht Berndt Dugall die Erfolgsaussichten in diesem Bereich mit Hinweis auf zwei einschlägige Studien aus jüngster Zeit in Großbritannien und den USA (MacColl, John; Bubb, Michael: Supporting Research: Environments, Administration and Libraries. OCLC Research 2011, online unter: http://www.oclc.org/research/publications/library/2011/2011-10.pdf), mit großer Skepsis. Vgl. Dugall, Berndt: Lässt sich die Zukunft von Bibliotheken prognostizieren? In: ABI-Technik 32 (3) (2012) S. 141–162, S. 159. 

  • 164

    Burda (Anm. 15) S. 182. 

  • 165

    Bredekamp, Horst: Antikensehnsucht und Maschinenglauben. Die Geschichte der Kunstkammer und die Zukunft der Kunstgeschichte. Berlin 1993, S. 102. 

  • 166

    Te Heesen, Anke; Spary, E. C.: Sammeln als Wissen. In: Diess.: Sammeln als Wissen. Göttingen 2001, S. 7–21, S. 9. 

  • 167

    So Bredekamp (Anm. 165). 

About the article

Published Online: 2014-11-26

Published in Print: 2014-12-19


Citation Information: Bibliothek Forschung und Praxis, Volume 38, Issue 3, Pages 365–397, ISSN (Online) 1865-7648, ISSN (Print) 0341-4183, DOI: https://doi.org/10.1515/bfp-2014-0057.

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